"Wir arbeiten an der Bibliodiversität" - Die International Alliance of Independent Publishers

Von Daniel Beskos

 

 

Von der Existenz einer International Alliance of Independent Publishers habe ich erst vor kurzem erfahren, als mir der liebe Kollege Jörg Sundermeier (oben im Bild dritter von links) im Rahmen des diesjährigen Indiebookdays eine Mail von Laurence Hugues weiterleitete, die die Alliance vertritt und der die Idee des Indiebookdays gefiel. Sie half uns dann dabei, ihn auch unter unabhängigen Verlagen in Frankreich, Lateinamerika und Kanada etwas zu verbreiten. Aber natürlich waren wir neugierig geworden: So eine Vereinigung gibt es? Und was macht die überhaupt?

 

Gegründet wurde die Alliance 2002, sie ist in 6 Sprachräumen organisiert (English, Französisch, Arabisch, Spanisch, Portugiesisch und Farsi) und vertritt über 400 Verlage in aller Welt, die Zentrale ist in Paris. Deutsche Verlage sind derzeit noch nicht dabei, aber es gibt Überlegungen, mit der Kurt-Wolff-Stiftung (D) und SWIPS (CH) zusammenzuarbeiten. Gefördert wird die Vereinigung durch verschiedene Institute und Stiftungen u.a. in Frankreich und der Schweiz. Organisiert werden u.a. der internationale Austausch zwischen den Verlagen über Konferenzen und sogenannte Co-Editions, also Buchprojekte, bei denen viele Verlage zugleich das gleiche Buch in ihrem jeweiligen Land veröffentlichen – ein Phänomen, das man bei uns am ehesten aus dem Bereich der Kinderbücher kennt, das aber für eine Sprache wie etwa Französisch, das in diversen Ländern der Welt (u.a. auch in Afrika) gesprochen wird und somit sehr vielfältige Buchmärkte abdeckt, aber natürlich nochmal eine ganz andere Relevanz hat. Grundgedanke dabei ist, dass Literatur vom Süden in den Norden gebracht werden soll – also etwa aus den französischsprachigen Ländern Afrikas in die Industrienationen, oder auch aus Lateinamerika nach Europa.

 

Das wollten wir uns gerne etwas genauer anhören - zum Glück für uns ist der Sitz der Alliance in Paris, also haben wir sie natürlich gleich besucht. Unsere Gesprächspartner sind Clémence Hedde und Matthieu Joulin vom Pariser Büro der Alliance.

 

Clémence, Matthieu, danke, dass ihr Zeit für uns habt – kann denn jeder mitmachen bei der Alliance?
Matthieu: Wir vertreten ja schon recht viele Verlage und Zusammenschlüsse in aller Welt, daher müssen wir etwas aufpassen, dass das Ganze nicht zu unüberschaubar wird.

Euer Ziel ist es also nicht, irgendwann alle unabhängigen Verlage der Welt zu vertreten?
Clémence: Nein, das geht auch nicht – wir versuchen eher, eine Dynamik innerhalb der Gruppe zu kreieren, die interessante Projekte ermöglicht. Wenn die Gruppe aber zu groß würde und wir sowas wie die United Nations of Independent Publishing wären, würde das irgendwann nicht mehr so gut funktionieren. Daher wachsen wir lieber langsam und sorgfältig.

Könnt ihr mal von konkreten Projekten eurer Arbeit erzählen?
Matthieu: Ja, los ging es alles mit sogenannten Co-Publishing-Projekten, wir nennen sie fair co-publishing projects. Die Idee dabei ist es, gleichwertige Beziehungen zwischen Nord und Süd herzustellen. Zum Beispiel werden viele afrikanische Autoren meist direkt von französischen Verlagen veröffentlicht, die die Bücher zwar auch nach Afrika exportieren (also in die Heimatländer der Autoren wie etwa Senegal oder Elfenbeinküste), sich dabei aber kein Stück um die dortigen Verhältnisse kümmern, etwa den Ladenpreis, den sie nach französischen Maßstäben ansetzen, der aber für dortige Kunden natürlich viel zu teuer ist, nicht zuletzt auch durch den aufwändigen Transport, und sie kennen in der Regel auch die Läden nicht, in denen im Land Bücher verkauft werden. Zudem haben sie oft keine Möglichkeit, vor Ort Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Ein Autor aus dem Senegal hat es also schwer, in seiner Heimat wahrgenommen zu werden. Daher ist der Export der Bücher nach Afrika für die französischen Verlage auch nicht sehr lukrativ. Also haben wir die Reihe terres solidaires gegründet, mit der wir versuchen, Autoren und Bücher quasi zu repatriieren. Was wir bei bisher 10 Büchern gemacht haben ist, die Auslandsrechte für diese Länder von den französischen Verlagen zu erwerben und dann in vielen Ländern in Afrika Verlage zu finden, die diese Rechte gemeinsam erwerben.

Clémence: Das hier ist etwa die französische Ausgabe, sie kostet 9 Euro, und das hier ist die panafrikanische Ausgabe, die in Algerien, Elfenbeinküste, Marokko, Mali und vielen anderen Ländern von unterschiedlichen Verlagen veröffentlicht wird und um die 3 Euro kostet. Die Gesamtauflage ist dennoch recht klein, alle zusammen vielleicht 2000 Exemplare. Entsprechend sind die Rechte dafür auch nicht so teuer.

 

Matthieu: Es gibt für diese Reihe ein Komitee aus afrikanischen Verlagen und Buchhändlern, das gemeinsam entscheidet, welche Bücher veröffentlicht werden.

Und die Alliance ist in diesem Fall sowas wie eine Agentur?
Clémence: Ja, genau. Und wir empfehlen den afrikanischen Autoren auch, ihre Rechte für die afrikanischen Länder zu behalten. Und ohne uns gäbe es das ganze Modell so auch nicht, zumal wir auch Fördergelder etwa für diese Reihe einholen können. Nach jetzt 10 Büchern können wir sehen, wie gut die gemeinsame Zusammenarbeit funktioniert.
Fürs Cover machen dann alle oder einige Vorschläge und geben sie in die Runde, und dann wird abgestimmt. Es geschieht also alles gemeinsam – manchmal auch ein bisschen zu gemeinsam, dann ist es etwas mühselig, so viele verschiedene Meinungen unter einen Hut zu kriegen.

Aber das afrikanische Cover ist eigentlich noch schöner geworden als das französische, oder?
Clémence: Ja, finden wir auch!

Könnte man das gleiche auch in anderen Sprachräumen machen?
Clémence: Ja, zum Beispiel im Englischen gibt es ähnliche Modelle für die unterschiedlichen Märkte in den USA, Großbritannien, Australien, Kanada, Südafrika, Indien, Neuseeland usw. Hier haben wir etwa ein Buch aus dem Französischen, aber da funktioniert es etwas anders, die Verlage arbeiten viel eigenständiger, aber sie haben sich die Kosten für die Übersetzung, das Lektorat und das Korrektorat geteilt. Und in diesem Fall auch die Rechtsberatung, die hier sehr kostspielig war – denn es ist ein Buch gegen Monsanto.

Matthieu: Inzwischen machen einige Verlage, die sich über uns kennengelernt haben, manchmal auch Co-Publishing-Projekte ohne uns.

Clémence: Es gibt auch einen sehr bekannten Fall, wo es umgekehrt gelaufen ist: Barzakh, ein algerischer Verlag, war bei einem dieser Projekte dabei und erwarb dabei Rechte von Actes Sud. Dann irgendwann hat er im Gegenzug einen seiner eigenen Autoren, Kamel Daoud, an Actes Sud verkauft. Das Buch wurde dann ein riesiger Erfolg, es ist in 15 Sprachen übersetzt und hat diverse Preise bekommen. Man sieht also, dass auch die französischen Verlage ein Interesse an dieser Art von Partnerschaften haben sollten.

Matthieu: Und in Lateinamerika ist es alles etwas anders, weil viele spanische oder portugiesische Verlage eigene Büros in Lateinamerika betreiben und ein viel besser ausgebautes Netzwerk haben; der Markt dort ist ja auch viel größer als in Afrika. Sie geben dann eher eigene Ausgaben für diese Länder heraus.
Ein anderes Projekt, an dem wir gerade arbeiten, ist der Versuch, die Regeln der verschiedenen Buchmärkte, etwa in Lateinamerika oder in den arabischen Ländern, zusammenzustellen und so auch transparent und vergleichbar zu machen.

Clémence: Da kommt dann unser Thema Bibliodiversität wieder ins Spiel. Zu dem Thema gibt es auch ein Buch, das auch ins Deutsche übersetzt wurde, es ist in Deutschland im Verbrecher Verlag erschienen.

Matthieu: Außerdem gibt es Workshops zu verschiedenen Themen wie digital publishing, wo es bei vielen Verlagen Beratungsbedarf gibt. Da achten wir darauf, dass es möglichst Vorträge und Austausch unter Kollegen sind, nicht so sehr externe Experten, die eine Präsentation machen.

Vor kurzem haben wir im Netz zwei junge schottische Verlegerinnen entdeckt, die gerade per Crowdfunding versuchen, eine Webseite zu bauen, die alle unabhängigen Verlage der Welt auflistet.
Clémence: Oh, ambitioniertes Projekt!

Ja, hört sich nach viel Arbeit an. Und ich bin nicht sicher, ob sie eure Institution kennen – das sollten sie aber natürlich, wir schicken ihnen mal euren Link.
Matthieu: Ja, unbedingt. Wir beauftragen ja auch wissenschaftliche Studien zum unabhängigen Publizieren, mit Schwerpunkten etwa auf der frankophonen Welt, im digitalen Bereich oder wie in unserer neuesten Studie auf der Frage, ob es überhaupt freies Publizieren gibt, und haben daher einen ganz guten Überblick.

Clémence: Und dabei geht es uns auch darum, zu definieren, was independent überhaupt bedeutet oder ausmacht. Dabei gibt es natürlich immer Diskussionen – geht es darum, nicht Teil einer Gruppe zu sein? Oder nicht zu groß zu sein und machen zu können, was man möchte? Die Antworten darauf sind in den verschiedenen Ländern zum Teil sehr unterschiedlich. Aber wir versuchen, dabei auf keinen Fall dogmatisch zu werden.

 

1 Kommentare

"Ein Gastlandauftritt in Frankfurt kann die Geburt eines Buchmarktes sein" - Pierre Astier, Literaturagent

Von Daniel Beskos

 

Es ist ein ausgesprochen sonniger Morgen, der Himmel ist strahlend blau und wir warten vor einem Café direkt gegenüber des Louvre, der von hier aus wirklich beeindruckend riesig ist. Das Gespräch mit Pierre Astier hatten wir schon länger vereinbart - und sind sehr gespannt, denn er wurde uns von vielen Seiten empfohlen als der Agent in Frankreich, einem Land, in dem das Agenturswesen im Literaturbereich noch recht neu ist und erst noch einige Lanzen für diesen Beruf gebrochen werden müssen. Und auch wenn es inzwischen verbreitet ist, dass Verlage im In- und Ausland ihre Bücher über Agenturen lizensieren, so haben noch immer nur ganz wenige französische Autor*innen einen Agenten, eigentlich nur die sehr bekannten - und die erwähnen das in der Öffentlichkeit wohl kaum. Und auch der literarische Austausch zwischen Deutschland und Frankreich ist so ein Thema: In Deutschland, heißt es, gibt es eine große Aufmerksamkeit für französische Bücher, Französisch ist nach Englisch die zweitmeistübersetzte Sprache. In Frankreich ist das ganz anders: Deutsche Bücher haben es sehr schwer, hier veröffentlicht zu werden, Bücher aus anderen Sprachen (neben Englisch etwa Spanisch oder Japanisch) sind hier viel gefragter. Ein Zitat in diesem Zusammenhang ist bei uns zum running gag geworden, über den wir uns dauernd amüsieren: "Der einzige deutsche Autor, der in Frankreich etwas gilt, ist Stefan Zweig". Es gibt also auch hier viel zu tun für Agenturen und wir freuen uns auf das Gespräch mit Pierre Astier. Aber zuerst: Croissants, Chocolat und Espresso. Dann kanns losgehen.

 

Pierre Astier war 15 Jahre Verleger und hat vor 11 Jahren mit Laure Pécher die Agentur Astier-Pécher gegründet.
Pierre Astier war 15 Jahre Verleger und hat vor 11 Jahren mit Laure Pécher die Agentur Astier-Pécher gegründet.

Monsieur Astier, wie ist das, in Frankreich eine Agentur zu betreiben. Das ist nicht eigentlich nicht so verbreitet wie in England, den USA oder Deutschland, oder?

Nein, es ist nicht so einfach hier. Nicht zuletzt liegt das daran, dass es eine ziemlich festgefahrene Vorstellung einer chaîne du livre gibt, einer traditionellen Entstehungs- und Verwertungskette des Buches, die vom Autor und den Übersetzer über den Verlag, den Vertrieb, den Buchhändler oder Bibliothekar über den Veranstalter bis zum Leser reicht – und Agenturen kommen darin nicht vor. Da alle Elemente dieser Kette stark von der Regierung unterstützt werden, nur eben die Agenturen nicht, ist es für diese nicht einfach, in diesem System zu bestehen. Auch die verschiedenen Institutionen, die u.a. den Verkauf von Auslandsrechten unterstützen (wie etwa das BIEF, das CNL oder das Institut français), werden vom Staat gefördert. Es gibt also traditionelle Wege, auf denen Bücher veröffentlicht und auch ins Ausland lizenziert werden – doch sobald Agenturen involviert sind, wird es sehr kompliziert, Förderungen zu beantragen. Seit Jahren kämpfen wir also dafür, dass Agenturen hier involviert werden. Dass wir überhaupt so hart kämpfen müssen, liegt daran, dass die großen französischen Verlage (wie Gallimard, Grasset, Flammarion und Fayard) sich teilweise gegen die Arbeit mit Agenturen gestellt haben. Sie wollen natürlich auch weiterhin die Weltrechte an Manuskripten erwerben, während die Agenturen ihnen nur eingeschränkte Rechte verkaufen würden. Und natürlich haben diese Verlage auch bereits beste Kontakte zum CNL oder Institut français, um die Lizenzen nicht nur zu verkaufen, sondern auch die entsprechenden Förderungen für die Lizenzpartner zu generieren. Aber das bedeutet eben auch, dass die kleineren, unabhängigen Verlage es noch immer sehr schwer haben, ihre Bücher ins Ausland zu verkaufen. Doch wir leben ja nicht mehr in den 1980er Jahren. Zum Glück ist der neue Präsident Macron auch der Meinung, dass sich in Frankreich einiges ändern muss – auch in der Kultur.

 

In Deutschland ist die Arbeit mit Agenturen im In- und Ausland schon ziemlich normal geworden und viele Verlage schätzen sie als Filter und Empfehlungsinstitution.

Ich glaube auch, dass es in der Kultur Platz für alle gibt – auch wenn manche Verlage hier das anders sehen.

 

Wie kamen Sie denn überhaupt darauf, hier eine Agentur zu gründen?

Auf fünf Kontinenten wird in französischer Sprache geschrieben und auch veröffentlicht. Seit Jahrhunderten ist Paris das Zentrum dieser frankophonen Welt. Doch diese Zeiten sind meiner Meinung nach vorbei – es kann nicht sein, dass zwanzig oder dreißig Verleger in Paris alle Entscheidungen für diese weltweite Szene treffen. Ein Debütautor etwa, der in Antananarivo auf Madagaskar lebt und auf Französisch schreibt, kennt in Paris niemanden in den Verlagen, er wird keine Chance haben, hier einen guten Verlag zu finden. Er braucht jemand, der ihn vermittelt. Und warum sollte sein Buch auch unbedingt in Paris erscheinen – es gibt auch tolle Verlage in Bordeaux, in Marseille, in der Schweiz oder in Quebec in Kanada. Das war also damals mein Grundgedanke – den Autoren diese Möglichkeiten aufzuzeigen und sie zu vermitteln.

Inzwischen haben wir auch Subagenten, etwa einen in Asien (China, Malaysia, Thailand, Indonesien), der unsere Rechte dort verkauft, und im Gegenzug vertreten wir Autoren aus diesen Ländern in Europa. Das gleiche mit den arabischsprachigen Ländern. Als nächstes suchen wir jemanden für Lateinamerika. Und natürlich arbeiten wir mit französischsprachigen Autoren und Verlagen in verschiedenen Ländern (Frankreich, Schweiz, Belgien und in Afrika). Und aktuell haben wir im vergangenen Jahr auf mein Betreiben hin eine Vereinigung aller französischen Agenturen gegründet, in der jetzt über 20 Agenturen Mitglied sind, und in der man sich austauschen kann.

 

Aber herrscht da keine Konkurrenz zwischen den Agenturen?

Ja, aber nicht nur. Wir haben kürzlich damit begonnen, eine Art Vereinbarung aufzusetzen, die alle Agenturen unterzeichnen sollen und in der festgehalten ist, wie sich Agenturen verhalten sollen, gerade im Hinblick auf Autoren, die etwa den Verlag oder die Agentur wechseln wollen. Darin sollen ein paar klare Grundsätze aufgestellt werden, damit wir uns fair und eindeutig verhalten und nicht wie Gangster. Im Juni wollen wir das öffentlich bekanntgeben, und ich hoffe, es wird einiges an positiver Resonanz für uns geben. Etwas Vergleichbares gibt es unter Verlegern leider nicht – und daher kommt es leider allzu oft vor, dass die großen Verlage den kleinen Verlagen die Autoren wegnehmen. Die Indie-Verlage, etwa in Marseille oder Bordeaux, stecken so viel Arbeit in die Suche nach guten Autoren und dann kommen die großen und kaufen sie ihnen weg. Ich finde das furchtbar.

 

Woher weiß man eigentlich, welches Buch man in welches Land verkaufen kann?

Das ist auch nicht immer ganz einfach. Aber wir reisen viel, auch zu den verschiedenen Buchmessen, so langsam kriegt man ein Gespür. Zum Beispiel funktionieren historische Romane in Spanien, Portugal und Südamerika sehr gut, jedenfalls besser als etwa in den Niederlanden. Einen Erotikroman verkaufen wir auf keinen Fall nach China, aber vielleicht nach Deutschland. Auch für politische und religiöse Themen ist China sehr schwierig.

 

Hat der diesjährige Gastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse eine Bedeutung für Ihre Arbeit?

(Lacht) Ach ja, der Gastauftritt. Das ist ja so eine ganz besondere Geschichte. Er bedeutet sehr viel. Und zwar von Anfang an, seit dem Sommer 2014, als der Skandal so richtig abhob. Seitdem verfolge ich das sehr intensiv.

 

Der Skandal war, dass einige Verleger den Gastauftritt nicht wollten, weil sie sagten, man habe schon ausreichende Beziehungen nach Deutschland und der Auftritt koste zu viel Geld?

Ja, so in der Art. Hat Ihnen mal jemand die ganze Geschichte erzählt?

 

Nein.

Das wundert mich nicht. Es war ja auch eine echte Schande. Es gibt einen Buchhändler in Paris, Monsieur Poirier, der in Montparnasse einen ganz ausgezeichneten Buchladen hat (Tschann), der, warum auch immer, wusste, dass Frankreich seit Jahren von der Buchmesse als Gastland eingeladen war, aber nie geantwortet hat. Also ein Buchhändler wohlgemerkt, kein Verleger oder Agent! Er hat sich furchtbar darüber aufgeregt. Er schrieb also einen öffentlichen Brief an Livre Hebdo, in dem er sagte, falls Frankreich sich Deutschland gegenüber weiterhin so unhöflich und desinteressiert zeigen sollte, würde die Buchmesse sicher irgendwann ein anderes Land einladen, und das sei ein Skandal. Man verpasse dadurch eine großartige Gelegenheit, den französischen Buchmarkt der Welt zu zeigen. Das erzeugte großen öffentlichen Widerhall. Verschiedene Ministerien und Institute, darunter der Kultusminister, der Premierminister und sogar der Präsident, hatten eine Einladung vorliegen – und keiner hatte je geantwortet. Als ich das gelesen habe, bin ich fast durchgedreht, und ich war nicht der Einzige, die Verleger von Gallimard und Actes Sud etwa waren alle ebenfalls sehr verärgert. Wir telefonierten herum und besprachen uns – wie konnte man nur so dumm und unhöflich sein! Andere Länder warten Jahre auf eine solche Gelegenheit, und wir sagen nichts, noch nichtmal Nein, danke, einfach gar nichts. In verschiedenen Gesprächen und Interviews habe ich immer wieder gesagt, dass wir das so nicht akzeptieren können. Und ich habe damals dann verstanden, dass dafür eine ganz bestimmte Person verantwortlich war, (und Sie können mich hier gerne zitieren), nämlich der Leiter des BIEF. Er sagte: Wir brauchen den Gastauftritt nicht. Das zeigte einen solch unglaublichen Mangel an Vision, an Vorstellungskraft, ich kann das wirklich nicht verstehen. Es hat mich sehr aufgeregt. Im Französischen sagt man la moutarde monte au nez (quasi: Mir stieg der Senf hoch).

 

Dann endlich reiste der Premierminister nach Berlin und sagte: Natürlich nehmen wir die Einladung an, wir freuen uns sehr usw. Und man benannte Paul de Sinety zum Leiter des Organisationskomitee, ein Freund von mir, den ich immer sehr unterstützt habe. Ich finde, er ist sehr tüchtig und hat die Vorstellungskraft, die man für einen solchen Job braucht. Aber auch ihm war nicht ausreichend klar, dass das Wichtigste an einem solchen Gastauftritt der Rechtehandel ist. Ich habe ihm gesagt: Das muss man zuerst organisieren, wer wann wohin eingeladen wird fürs Kaufen und Verkaufen von Rechten, damit das Angebot möglichst breit gefächert ist. Natürlich sind das die großen Verlage in Paris, aber auch die kleinen, unabhängigen Verlage überall im Land, die eben auch viele Autoren entdecken und daher auch in Frankfurt sein sollten. Leider waren die letztendlich total unterrepräsentiert.

 

Und die andere Idee, die wir hatten, war, dass es nicht nur Frankreich wäre, sondern die französische Sprache insgesamt, die in Frankfurt repräsentiert werden sollte. Ich war eine Zeitlang auch Mitglied im Auswahlkomitee, wir sollten entscheiden, wer alles nach Deutschland eingeladen wird. Aber ich bin dann irgendwann ausgestiegen, ich konnte nicht weiter unterstützen, wie die Dinge dort gehandhabt wurden. Mein Hauptproblem war, das ausgerechnet jener Leiter des BIEF, der der Hauptgegner des Gastauftritts war, nun der Leiter der Organisation des Rechtehandels geworden ist. Das war glaube ich nicht richtig, ihn dafür auszuwählen. Man hat hier einfach nicht verstanden, worum es beim Gastauftritt im Wesentlichen geht. Das Institut francais und Paul de Sinety legen ihr Hauptaugenmerk auf eine Art französisches Festival, auf Veranstaltungen und Rahmenprogramm – und sie vergessen dabei, dass der Rechtehandel viel wichtiger ist. Daher liegt diese Aufgabe weiterhin beim Leiter des BIEF, was ich so einfach nicht richtig finde. Nun gut, ich will mich nicht zu viel beschweren. Mit deutschen Verlagen arbeiten wir traditionell sehr gut zusammen. Ich finde nur die Bürokratie hier nicht gut.

 

Und in Frankfurt präsentiert man sich ja nicht nur den deutschen Verlagen.

Ganz richtig, die Frankfurter Buchmesse ist ein Fenster zur ganzen Welt, nicht nur nach Deutschland. Aber das verstehen die Bürokraten hier eben nicht in vollem Maße. Ich reise seit fast 25 Jahren jedes Jahr nach Frankfurt, und ich weiß, dass ein Gastlandauftritt dort für ein Land Großes bewirken kann. Etwa für Indonesien vor zwei Jahren – ich würde sagen, dass der indonesische Buchmarkt vor diesem Auftritt praktisch nicht existiert hat, zumindest war er nicht strukturiert, jetzt ist er es. Das gleiche in Georgien, die 2018 Gastland sein werden. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass ein Gastlandauftritt quasi die Geburt eines Buchmarktes sein kann.

 

 

0 Kommentare

Zeit für besondere Bücher - Caroline Ast von Belfond

Von Peter Reichenbach

 

Das Büro der Éditions Belfond, in dem Caroline Ast arbeitet, liegt am Place d’Italie, an dem gerade die Blauglockenbäume blühen und den riesigen Kreisverkehr in ein seltsames, lilafarbiges Licht zu tauchen scheinen. Ebenso unwirklich ist der Ausblick, den wir im gläsernen Aufzug über Paris bekommen, wir können geradewegs Montmartre sehen, das auf der anderen Seite der Stadt liegt. Carolines vergleichsweise kleines Büro ist, so, wie man es sich vorstellt: Überall Bücher und Manuskriptstapel. An der Wand ein beeindruckender Plan d’Action (sowas wollen wir auch!). Wir haben keine Zweifel, Caroline, Lektorin für fremdsprachige Literatur bei Éditions Belfond, verbindet eine große Leidenschaft mit ihrem Beruf als Lektorin.

 

Édition Belfond ist Teil der Gruppe Place des éditeurs mit einem Katalog von rund 500 Titeln und etwa 100 Neuerscheinungen im Jahr.

 

Caroline, ihr habt auch einige deutsche Titel im Programm, oder?
Genau, zuletzt sind bei uns erschienen: Juli Zeh, Helmut Krausser und ja, “Er ist wieder da“ ist auch bei uns erscheinen, was ein großer Erfolg war. Als nächstes wird hier das neue Buch von Chris Kraus erscheinen, „Das kalte Blut“. Tatsächlich hatten wir früher nicht allzu viele deutsche Autoren im Programm. Lange Zeit hatten deutsche Bücher keinen guten Ruf in Frankreich. Aber ich glaube, nicht zuletzt die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland hat vieles geändert. Ich meine, Juli Zeh, Helmut Krausser, das sind anspruchsvolle Bücher; wenn man so will, sie sind fast ein bisschen französisch. Und „Er ist wieder da“ war auf jeden Fall ein Buch, das es in Frankreich vor der Weltmeisterschaft so nicht hätte geben können.

Ganz allgemein, wie schätzt du insgesamt die Lage der Literatur in Frankreich ein?
Ich kann natürlich nur für die fremdsprachige Literatur sprechen. Aber aktuell würde ich schon sagen, dass es nicht allzu viele interessante Bücher zu geben scheint. Zum Beispiel: Zur Buchmesse in London wurde ein Buch von einem jungen, gerade einmal 25 Jahre alten, unbekannten Debütanten angeboten, für das es acht Angebote gab. Unglaublich! Gleich acht interessierte Verlage. Ich denke, es ist eine Kombination aus Es passiert nicht viel und Es gibt nicht genügend neue, junge Autoren - vor allem nicht aus den USA und England. Daraus ergibt sich aber natürlich die Chance für Autoren aus anderen Ländern, wie etwa im letzten Jahr Lize Spit aus Flandern.

 

Und wie ist das mit der Vermittlung junger fremdsprachiger Autoren in Frankreich?
Das ist die größte Schwierigkeit, Aufmerksamkeit für neue und unbekannte Autoren zu erreichen. Das fängt schon bei den eigenen Vertretern an, die auch die anderen Bücher der Verlagsgruppe in ihrer Tasche haben. Klar, wir haben Harlan Coben, den kennen die Vertreter bereits, da müssen sie nicht viel lesen, aber bei einem neuen Autoren … Das ist wirklich schwer, sie davon zu überzeugen, dass sie sich die Zeit nehmen, um sich mit ihm zu beschäftigen. Und das gleiche gilt auch für die Journalisten. Auch wir beobachten, dass es immer weniger Besprechungsplätze für Bücher innerhalb der Zeitungen gibt. Wenn Toni Morrison ein neues Buch schreibt, werden natürlich alle darüber berichten, ganz egal, ob es sehr gut oder nicht so gut ist. Das schluckt schon gleich eine ganze Seite, in jeder Zeitung. Und danach kommen auch noch die Buchhändler, die wiederum sagen, dass sie Murakami sehr leicht und sehr gut verkaufen können, aber bei allem anderen wird es schon schwieriger. Und weil wir der französische Murakami-Verlag sind, sind wir in gewisser Weise selbst unsere stärkste Konkurrenz.

Was bedeutet die Einladung Frankreichs zur Frankfurter Buchmesse für dich?
Nun, ich mochte den Niederlande-Flandern-Auftritt sehr. Das war lustig, sie nehmen sich selbst nicht so ernst, sind aber gleichzeitig sehr gewissenhaft in dem, was sie tun. Es ist toll, dass sie es schaffen, als so ein kleines Land eine so große literarische Reichweite zu erzielen. Der französische Gastlandauftritt wird im Vergleich dazu sicherlich institutionalisierter und intellektueller ausfallen. Aber klar, für meine Kollegen, die die französischen Autoren betreuen, ist der Auftritt sicherlich wichtig. Ich weiß, dass deutsche Verleger die französischen Autoren ganz gut kennen, oft besser als ich, was auf den Buchmessen manchmal etwas peinlich sein kann, wenn ich gefragt werde, welche französischen Autoren gerade aktuell sind und ich dann keine Ahnung habe.

Wo kaufen die Leute in Frankreich ihre Bücher?
In den Buchhandlungen. Amazon ist nicht so groß, das liegt vor allem an der Buchpreisbindung. Und neu ist, dass auch die kleinen Kioske oder Läden, in denen man sein Brot und seinen Tabak kauft, relevante Stückzahlen an Büchern verkaufen. Sie haben immer schon Bücher verkauft, aber in bestimmten Gegenden sind sie die einzigen Läden, in denen man überhaupt etwas kaufen kann, und so verkaufen sie zum Teil relativ viele Bücher. So viele, dass sie jetzt auch von unseren Vertretern besucht werden. Und um noch mal auf Amazon zurückzukommen: Es gibt hier ein Gesetz, das Amazon verbietet, Büchersendungen portofrei zu verschicken, wodurch man die unabhängigen Buchhandlungen schützen wollte. Was Amazon dann gemacht hat: Sie verlangen jetzt 1 Cent pro Bestellung mehr. Nun ja, immerhin gab es den Versuch, Chancengleichheit zu schaffen.

Und ist das Format Hardcover hier ein Thema? Man sieht das in Frankreich ja eher selten.
Normalerweise haben wir zunächst eine Hardcover-Ausgabe, ein Jahr später erscheint dann die Taschenbuchausgabe, die sich oft zwei bis drei mal so viel verkauft. Das ist auch der Vorteil, Teil einer Verlagsgruppe zu sein. Hier im Gebäude sind gleich zwei Taschenbuchverlage, mit denen wir natürlich eng verbunden sind und wo viele unserer Bücher dann im Taschenbuch erscheinen.
Was die E-Books angeht, so denke ich, dass sie in bestimmten Genres beliebt sind, bei Liebesromanen, Thrillern, Fantasy usw. Aber was literarische Titel angeht, so würde ich sagen, machen sie nur etwa 3% des Umsatzes aus.


Haben die aktuellen Geschehnisse in Frankreich (Attentate, Präsidentschaftswahl) einen Einfluss auf eure Arbeit?

Ich meine zu beobachten, dass die Buchhändler seit den ersten Anschlägen auf Charlie Hebdo politischer geworden sind und Bücher französischer Autoren vermehrt in den Vordergrund stellen. Das mag vielleicht keine bewusste Entscheidung sein, doch es entspricht meiner Wahrnehmung. Das macht es für mich natürlich nochmal schwieriger, fremdsprachige Literatur zu vermitteln.

 
Die aktuellen Geschehnisse in Frankreich haben also direkte Auswirkungen auf den Buchmarkt?
Ja, auf der einen Seite suchen die Leute nach Antworten. Andererseits sind aber auch die sehr leichten, lustigen Bücher erfolgreich, vielleicht, weil die Leute beim Lesen auch vor etwas fliehen wollen. Aber ich sehe, dass die Leser sich vermehrt im Netz austauschen und gar nicht mehr explizit ein Buch zu einem Thema bei ihrem Buchhändler erfragen. Es sind seltsame Zeiten, aber zugleich in gewisser Weise aufregende Zeiten, denn auch wenn man vorher schon kaum gültige Voraussagen darüber treffen konnte, wie ein Buch angenommen, besprochen und verkauft wird – so scheint es heutzutage geradezu unmöglich. Aber auch daraus ergibt sich wiederum eine Chance, nämlich für abseitigere, verrücktere, besondere Bücher. Bücher, die ich mir vielleicht vor fünf Jahren noch nicht einmal angesehen hätte, interessieren mich jetzt, sie könnten ja Antworten bereithalten für die diese bewegten Zeiten.

 

0 Kommentare

"Das wichtigste sind die Buchhändler" - Frédéric Martin vom Verlag "Le Tripode"

Von Peter Reichenbach

 

Der Verlag Le Tripode hat seine Räume ebenerdig in einem Hinterhof. Es sieht so aus, als sei hier früher einmal eine Werkstatt gewesen. Durch die antike Glasfront kann man sofort alle Bücher und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter sehen. Verleger Frédéric Martin winkt mich herein, als er mich vor der Tür stehen sieht. Dieser erste Eindruck von Offenheit und Transparenz bestätigt sich auch in der nächsten Stunde, in der er mir von seinem Verlag erzählt.

 

Le-Tripode-Autor Nicolas Zeisler (l) mit Verleger Frédéric Martin (r)
Le-Tripode-Autor Nicolas Zeisler (l) mit Verleger Frédéric Martin (r)

Frédéric, wie viele Leute seid ihr, und wie viele Bücher veröffentlicht Le Tripode?

Wir sind vier Leute, die heute auch alle hier sind. Und was die Veröffentlichungen angeht, so unterscheide ich streng zwischen Romanen und den anderen Büchern, die ich veröffentliche, denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, weder was die Arbeit angeht noch das Risiko, das ich damit eingehe. Ich veröffentliche 15 Romane im Jahr und dann noch 15 weird books. Auf meiner Website nenne ich sie OVNI, also Ufos, weil sie in keine der üblichen Kategorien einsortiert werden können. Es kann sich dabei um Lyrik handeln, aber auch Kunstbücher sind darunter, wie etwa ein viereinhalb Kilo schweres Buch über einen Künstler oder auch ein Lyriksammelband. Doch man darf nicht vergessen, dass die Arbeit eigentlich erst beginnt, wenn die Bücher fertig gedruckt sind. Und so sind die 15 Romane natürlich der Schwerpunkt, die anderen sind "for fun". Das heißt nicht, dass sich die weird books nicht auch gut verkaufen können, doch das ist seltener der Fall.

 

 

Aber ein Beispiel ist das Buch Où faire pipi à Paris?, das alle öffentlichen WC-Anlagen von Paris verzeichnet. Das haben wir nur aus Spaß veröffentlicht, es ist aber zu einem echten Bestseller geworden. Oder auch Le tout va bien, bei dem wir die besten Zeitungsüberschriften aus dem letzten Jahr gesammelt haben, da finden sich wirklich alberne Beispiele wie etwa dieses hier, dass sich vielleicht so übersetzen lässt: "Gesucht: Der in Rente gegangene Mann, der in London für seine frittierten Camemberts berühmt war." Ganz zuversichtlich bin ich auch, was dieses Buch hier - Le Livre von Nicolás Arispe – betrifft. Es hat schon fünf Rezensionen erhalten, obwohl es offiziell noch gar nicht erschienen ist.

 

Wie wichtig ist es für Le Tripode, Rezensionen zu bekommen? Wir beobachten ja leider, dass es immer weniger Rezensionsplätze in den Zeitungen gibt und Rezensionen auch immer weniger Einfluss auf den Verkauf von Büchern haben.

Ja, ich mache die gleiche Erfahrung, selbst wenn es ein riesengroßer Artikel ist, so hat er meistens kaum eine Auswirkung auf den Verkauf. Immerhin haben wir bislang wirklich viele Besprechungen für unsere Bücher bekommen. Aber das wichtigste sind die Buchhändler. Es gibt in Frankreich ein großes Netz unabhängiger Buchhandlungen, die wirklich entscheidend dazu beitragen können, einen Titel erfolgreich zu machen. Deswegen verschicke ich auch bis zu 300 Leseexemplare pro Buch. Ich würde sagen, dass 90% der Verkäufe über Buchhandlungen gehen. Die Vermittlung der Bücher ist also der wichtigste Teil meines Jobs und meiner Strategie ist es, die Buchhändlern zu erreichen.

 

Ich bin jetzt schon seit zwanzig Jahren im Verlagswesen. Ich habe schon vor Gründung von Le Tripode  bei einem Verlag gearbeitet, der auch die Bücher von Fred Vargas veröffentlicht. Das war ein großes Glück für mich, weil ich so zum einen die Möglichkeit hatte, zu lernen, wie man Buchhändler erreichen kann und Kritiker und Institutionen kennenlernn konnte. Zum anderen habe ich den besten Vertrieb erlebt und bin auch jetzt bei einer der besten Auslieferungen Frankreichs, das hilft mir sehr.

 

Erzähl mir mehr über deine Bücher, dein Programm und wie du deine Autoren findest?

Was wir hier sehr gerne machen, ist, das vollständige Werk eines Autors zu veröffentlichen. Wie etwa das von Goliarda Sapienza, von der wir jetzt schon sieben Bücher veröffentlicht haben. Unser Bestseller-Autor ist Andrus Kivirähk, ein estnischer Schriftsteller. Und wie ich meine Autoren finde: Das hat immer etwas mit Glück zu tun. Ich erhalte sehr viele Manuskripte von unterschiedlichen Autoren, aber auch von Übersetzern. Und ja, Edgar Hilsenrath, dessen gesamtes Werk wir veröffentlichen, wurde mir von einem Deutschen, der hier in Paris Buchhändler ist, empfohlen.

 

Das Cover-Design der Bücher Le Tripode gefällt mir sehr gut. Würdest du sagen, dass es auch Teil eures Erfolgs ist?
Ja, das denke ich. Vor allem auch deswegen, weil es in Frankreich wirklich außergewöhnlich ist, dass ein Verlag das Design für jedes Buch neu entwirft. Du kennst die Bücher von Gallimard, wo sich nur der Titel ändert. Wir verfolgen die gegenteilige Strategie: Wir wollen jedem Buch das Design geben, das am besten zu ihm passt, so bekommt jedes Buch seinen eigenen Charakter. Nicht umsonst hat man uns für einen Artikel gefragt, doch einmal alle Entwürfe eines Covers abzubilden (das letzte ist es dann geworden):

 

 

Ich habe auf eurer Website gesehen, dass ihr einen Blog habt?
Ja, das stimmt, aber wir kommen nicht dazu, ihn zu pflegen. Le Tripode wächst gerade sehr schnell, vor allem in den letzten fünf Jahren haben wir uns ganz gut etabliert, aber das führt auch dazu, dass ich nicht genügend schlafe. Deshalb muss der Blog gerade ruhen, wir arbeiten jetzt schon viel zu viel. Gerade werde ich auch sehr häufig von Buchhändlern eingeladen, um im Rahmen einer Veranstaltung in der Buchhandlung den Verlag vorzustellen. Ich bringe dann eine Flasche Wein mit, die wir ganz am Anfang des Abends öffnen. Der Buchhändler hat für den Abend fünf Le-Tripode-Bücher ausgewählt und ich erzähle dann eine Geschichte, die alle fünf Bücher miteinander verbindet. Und so sprechen wir über Bücher, während wir trinken. Das ist immer eine gute Art und Weise über Bücher zu sprechen, viel lustiger, viel informativer. Und ich habe solche Veranstaltungen bestimmt einmal in der Woche. Zu diesen Veranstaltungen kommen manchmal bis zu 50 Leute, ich mag das sehr. Bedeutet aber auch wieder weniger Schlaf.

 

Was bedeutet der Buchmessen-Schwerpunkt in Frankfurt für dich?
Nun, wir haben ein paar Lizenzen verkaufen können, aber ich bin mit solchen Phänomenen immer sehr vorsichtig. Denn wir veröffentlichen Autoren, die mehrere gute Bücher veröffentlicht haben. Ich habe früher die Auslandslizenzen betreut und ich weiß sehr gut, wie die Abläufe sind. Wenn man Rechte an Verlage verkauft, die nur auf den Erfolg eines Titels aus sind, der dann vielleicht nicht kommt, dann wird man es schwer haben, einen weiteren Titel des entsprechenden Autors in diesem Land zu verkaufen. Und so versuche ich die Rechte immer an einen Verlag zu verkaufen, der eine langfristige Zusammenarbeit anstrebt. Und wir haben Zeit. Überhaupt ist das Verlegen von Büchern ein Spiel mit der Zeit. Was ich damit meine ist, dass wenn du es schaffst, das schnelllebige Verlagsgeschäft zu verlangsamen und die Leute dazu kriegst, deine Bücher zu lesen, dann hast du gewonnen. Ein gutes Buch wird nicht innerhalb einer Woche entdeckt. Wenn es ein gutes Buch ist, dann braucht es Zeit, damit es gelesen und wahrgenommen wird. Ich versuche es also nicht so zu machen wie die anderen, alles andere wäre auch Nonsens.

 

0 Kommentare

„Theatertexte sollte man lesen wie Literatur“ - Claire Stavaux, Verlegerin von L'Arche Editeur

Von Daniel Beskos

 

Claire Stavaux, geboren 1984 in Marseille, hat gerade frisch den renommierten Theaterverlag L'Arche Editeur übernommen. Wir haben sie in ihrem schönen Ladenbüro im Pariser Stadtteil Saint Germain besucht und mit ihr darüber gesprochen, wie sie dazu kommt, als junge Frau Anfang Dreißig nun Verlegerin zu sein.

 

Claire, Du bist ja in Avignon aufgewachsen – international bekannt ist ja das dortige Theaterfestival. Kannst Du uns das mal genauer erklären? Uns war irgendwie nie klar, wie das dort eigentlich funktioniert – werden da nur Komödien gespielt, oder gibt es da auch ernste Stücke?

Das ist auch total unklar. Es gibt dort viele Boulevard-Stücke, klassische Autoren haben es dort oft schwer, aber in den letzten Jahren kommt auch dort der ernste Text zurück. Avignon ist toll, aber es ist auch eine richtige Industrie dort. Das Festival ist ein wichtiges Schaufenster, man will sich zeigen und neue Stücke austesten, für viele Theatergruppen ist das aber auch finanziell eine große Belastung, da man die Bühnen dort selbst mieten muss. Es gibt zahlreiche Orte, die während des Festivals zu Theatern werden, Museen, Schulen, Garagen, Höfe, Läden, alles mögliche. Man sitzt auf dem Boden oder auf unbequemen Holzbänken und kriegt Rückenschmerzen, es ist sehr eigen. Aber für mich ist es auch der Ort, wo ich zum ersten Mal Theater erlebt habe. Ich habe mir damals vielleicht vier bis fünf Stücke pro Tag angeschaut, zwanzig Tage lang, und mir so den Theatervirus eingefangen. Es war echt ein Marathon, aber auch sehr bereichernd. Es war wirklich ein Erlebnis.

 

So kamst Du also zum Theater – und wie kamst Du dazu, jetzt auf einmal einen Verlag zu leiten?

Ich habe Deutsch studiert, habe auch ein Jahr in Berlin gelebt und Theaterwissenschaften studiert und auch selbst als Schauspielerin auf der Bühne gestanden. Wir haben damals von Camus „Das Missverständnis“ gespielt, im „kleinsten Theater der Welt“ (typisch Berlin). Leider erlaubte mein Studium an der ENS (Ecole Normale Supérieure) es mir nur ein Jahr in Berlin zu bleiben, dann musste ich zurück, habe aber weiter Germanistik studiert.

Da ich weiter was mit Theater machen wollte, hab ich einige Stücke von Roland Schimmelpfennig übersetzt, und parallel dazu ein Praktikum hier bei L'Arche gemacht. Und schon beim Schleppen der Bücherkisten wurde mir klar: Das hier ist ein Ort für mich. Ich hatte gleich das Gefühl, dass ich hier bleiben muss. Dann hab ich zwar meine Doktorarbeit fertig geschrieben, aber in meinem Hinterkopf war ständig der Ruf des Verlags präsent: Komm zurück! Und das hab ich dann gemacht und bin zurück zu L'Arche, zunächst als Lektorin. Mit dem bisherigen Verleger Rudolf Rach (der den Verlag seit 1986 geleitet hat und in den 1970ern Jahren Leiter des Suhrkamp Theaterverlags war) hab ich gleich auf Augenhöhe zusammengearbeitet und viel von ihm übernehmen können. Nach und nach habe ich immer mehr Verantwortung bekommen, und Rudolf Rach suchte einen Nachfolger, der die Tradition der Unabhängigkeit weiterführt und mit dem er eine geistige Verwandtschaft fühlt. Das teilen wir miteinander. Daher wurde irgendwann festgelegt, dass ich allmählich den Verlag übernehmen sollte. Vor eineinhalb Jahren haben wir das Ganze dann auch vertraglich fix gemacht.

 

Ah, du hast den Verlag also quasi jetzt gekauft?

Ja, genau. Ursprünglich sollte ich nur Co-Inhaberin werden, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nur dann frei und selbstbestimmt arbeiten kann, wenn ich den Verlag kaufe. Das war auch für mich ein Abenteuer, aber ich wollte es gerne versuchen. Wir haben so ein wunderbares Programm und es ist ein großes Glück, das fortführen zu können. Es war auch ein bisschen wie bei Monopoly, ich kaufe das jetzt, aber letztlich war es auch vertraglich einfacher, eine Firma ganz zu kaufen, statt nur Teile auf mich zu überschreiben. Ganz abgeschlossen haben wir die Übergabe gerade erst vor zwei Wochen, ihr seid also die ersten, die das mitbekommen.

 

Ihr vertretet nicht nur französische Theaterstücke, richtig?

Nein, international, auch viele deutsche Stücke sind bei uns im Programm, natürlich in französischer Übersetzung. Wir sind z.B der einzige Verlag von Brecht in französischer Sprache. Außerdem hatten wir bis vor kurzem Pina Bausch, und wir haben zahlreiche deutsche Autoren wie Max Frisch, Herbert Achternbusch, Thomas Brasch, Heiner Müller, Rainald Goetz, Büchner, Handke, Grünbein, Jelinek, Fassbinder, außerdem Marius von Mayenburg und Falk Richter, vor kurzem habe ich auch die Rechte des jungen Schweizer Autors Wolfram Höll (Preisträger Mülheimer Dramatik) erworben. Aus dem Italienischen haben wir Stefano Massini, der dokumentarisches Theater macht, ein sehr guter junger Autor, der, glaube ich, eine große Zukunft vor sich hat. Aus dem Englischen vertreten wir einige erfolgreiche Autoren, wie etwa Sarah Kane und Martin Crimp, und veröffentlichen und repräsentieren neben weiteren skandinavischen Autoren unter anderem auch Lars Noren (Schweden) oder Jon Fosse (Norwegen). Diese Vielfalt an Sprachen und Weltbildern macht unsere Stärke aus.

Thematisch hatten wir in den letzten Jahren hier natürlich zahlreiche Stücke zu den Themen Exil, Emigration und Flucht, wie z.B. von Elfriede Jelinek „Die Schutzbefohlenen“, das war auch als Buch für uns einer unserer größten Erfolge.

 

Ist Brecht in Frankreich noch relevant?

Ja, sehr, er wird sehr viel gespielt. Viele Theatergruppen, Laien wie Profis, spielen ihn. Das läuft sehr gut.

 

Und Eure Hauptarbeit besteht nun in der Lizenzierung der Rechte an Theater? Oder in der Herausgabe der Texte als Bücher?

Beides. Das ist in Frankreich auch eher ungewöhnlich, wir haben eine Agentur und einen Verlag unter einem Dach. Die Agentur vergibt die Aufführungsrechte, der Verlag verlegt auch einige der Texte aus der Agentur in Buchform, aber nicht alle. Da haben wir quasi ein Modell übernommen, das in Deutschland verbreiteter ist als hier. Und ich leite beides, Agentur und Verlag. Zum Glück habe ich hier Mitarbeiter, die die Autoren seit langem gut kennen und hier einen tollen Job machen.

Und wir vertreten einige deutsche Verlage und Autoren exklusiv in Frankreich (also etwa Suhrkamp, Verlag der Autoren, Henschel, Fischer, Rowohlt und andere) – wenn von denen also ein neues Stück herauskommt, prüfen wir es, übersetzen es gegebenenfalls und nehmen es in unser Programm auf. Die Arbeit mit den Übersetzern ist für uns ebenso wichtig – sie sind für uns wie Autoren, wir versuchen, sie konsequent zu fördern, sei es finanziell wie auch in der öffentlichen Wahrnehmung.

 

Und woher weißt du, wie das alles funktioniert? Du warst ja zuvor nicht so lange im Verlag?

Ich hab das so nach und nach gelernt, sozusagen im Feld. Ansonsten würde man ja auch nichts machen, wenn man immer sagt: Ich weiß nicht, wie es geht, also mache ich es nicht.

 

Wieviele Bücher macht ihr im Jahr?

20 bis 25. Die meisten davon sind Stücke, der Rest Essays. Wir haben auch mal Brecht-Comics gemacht, aber so richtig hat das nicht funktioniert. Man braucht da ein breiteres Programm, um sich als Comic-Verleger einen Namen zu machen.

 

Richtet ihr euch mit euren Stücke-Büchern auch an normale Leser oder eher ausschließlich an Theaterleute?

Ja, die meisten sind Theaterleute. Aber das ist meine Mission hier: Ich will alles dafür tun, dass die Menschen hier Theaterstücke lesen und das als Literatur ansehen. Und nicht nur als Script oder als Drehbuch für die Bühne oder als schöne Erinnerung an einen Abend, den man im Theater verbracht hat, sondern eben als eigenständige Literaturform. Theaterstücke haben ja auch immer diesen langweiligen Stempel Schule oder Uni, das würde ich gerne ändern und das Lesen von Stücken attraktiver machen.

 

Vielleicht hilft da eine Tendenz im Gegenwartstheater zum Dialog, wie etwa bei René Pollesch, wo es weniger um die Inszenierung geht, sondern die Figuren quasi nur auf der Bühne sitzen und reden?

Ja genau, es ist eine Tendenz bei vielen zeitgenössischen Theaterautoren, die entweder Denkflüsse oder herkömmliche Gespräche präsentieren, den Austausch zwischen normalen Menschen, die eben ein Thema besprechen, es ist wie der Dialog-Teil aus einem Roman, nur mit einer anderen Art von Prosa außenrum. Interessant ist wie die "Prosa" bei diesen Autoren dramatisiert wird, in Bühnenanweisungen oder in neuen Formen des Diskurses.

Aber manche Leute fürchten sich eben vor dem reinen Dialog, sie haben vielleicht Angst, dass sie sich den Teil, den eine Inszenierung auf die Bühne bringt, gar nicht selbst vorstellen können, dass ihnen da vielleicht die Fantasie fehlt. Und dass man daher, wie im Roman, eine Beschreibung braucht, die den Dialog einbettet. Für mich ist die beste Inszenierung daher: Talentierte Schauspieler vor einfachem Bühnenbild, die einen den Text einfach ganz direkt erleben lassen und ihm auch vertrauen.

 

Ist das auch eine aktuelle Tendenz im französischen Theater?

Ja, der Text und die Autoren stehen wieder stärker im Vordergrund. Lange Zeit waren es es ja Regisseure, die wichtiger als der Text waren, das hat in den 1980er und 90er Jahren in Deutschland angefangen. Der Text wurde nur als Material betrachtet, auf einer Ebene mit der Musik oder den Requisiten. Das war zwar hilfreich, um dem Text erstmal das Sakrale zu nehmen, was Theatertexte in Frankreich traditionell lange hatten. Aber jetzt spielen die Autoren wieder eine größere Rolle und werden auch zunehmend in den Produktionsprozess eingebunden. Genau deswegen glaube ich auch, dass jetzt eine gute Zeit für Theatertexte gekommen ist.

 

 

0 Kommentare

"Ich glaube, es wird knapp" - Katja Petrovic, Literaturvermittlerin am BIEF

Von Daniel Beskos

 

Eines unserer ersten Interviews führen wir mit Katja Petrovic, die am Bureau international de l'édition française (BIEF) arbeitet. Mit ihr haben wir uns über die Frankfurter Buchmesse, die Lage der französischen Buchbranche und die heute anstehende Präsidentenwahl in Frankreich unterhalten.

 

Katja Petrovic stammt aus Hamburg. Sie arbeitet neben dem BIEF auch als freiberufliche Journalistin, Moderatorin und Literaturveranstalterin / www.katjapetrovic.net
Katja Petrovic stammt aus Hamburg. Sie arbeitet neben dem BIEF auch als freiberufliche Journalistin, Moderatorin und Literaturveranstalterin / www.katjapetrovic.net

Katja, erste Frage: Was genau macht das BIEF?
Die Hauptaufgabe des BIEF ist es, die Bücher der französischen Verlage im Ausland zu präsentieren und zu promoten. Wir kümmern uns z.B. um Messeauftritte überall in der Welt. Wir sind ein Verein, wir werden vom Kulturministerium finanziert, etwa 380 große und kleine Verlage sind bei uns Mitglied. Die können bei uns Pakete bestellen („Wir möchten gerne auf folgende und jenen Messen folgende und jene Bücher präsentieren"), dann sind wir vor Ort, bauen die Stände auf, sind für die Kommunikation zuständig. Und wir geben einen zweisprachigen Katalog heraus mit den präsentierten Titeln. Daneben gibt es das Aus- und Fortbildungsprogramm, in dem ich arbeite, da kümmern wir uns um Verlegertreffen, um Fortbildungsseminare für Übersetzer (Goldschmidt-Programm), da arbeiten je ein Übersetzer aus jeder Nation zusammen im Tandem, und wir haben eine Kooperation mit der Pro Helvetia in der Schweiz. Außerdem kümmere ich mich um das Fellowship-Programm, das richtet sich an junge Verlagsmitarbeiter aus aller Welt, die während der Pariser Buchmesse (Salon de Livre) eine Woche in Paris sind, um ihre Kontakte zu französischen Verlagen zu vertiefen.


Die französische Verlagslandschaft ist extrem zentralisiert – dass quasi alles in Paris stattfindet, weiß man ja, aber es ist eigentlich noch krasser: Genaugenommen ist nämlich nicht einfach alles in Paris, sondern alles hier im Stadtteil Saint Germain. Ich werde nie vergessen, wie mir eine Verlegerin, die gleich auf der anderen Seine-Seite im Marais ein wahnsinnig schönes Büro hatte, mal erzählt hat: „Wir müssen umziehen nach Saint Germain, wir sind hier einfach zu weit weg, die Autoren kommen hier nicht her.“

Wir haben von einigen Verlagen gehört, dass es dieses Jahr – auch angesichts der Präsidentschaftswahl – ausgesprochen schwierig ist, Bücher zu verkaufen.
Ja, für Literatur. Sachbücher laufen in solchen Zeiten natürlich gut. In Frankreich hieß es bisher immer, Literatur sei une valeur refuge, also ein Rückzugswert. Das hat auch immer gut funktioniert, auch trotz der Krise hat sich der Buchmarkt gut gehalten, aber derzeit ist es für Literaturverleger wirklich schwer. Ich weiß aber nicht, ob das dem speziellen Wahlkontext zuzuschreiben ist. Die Leute lesen ja durchaus, nur derzeit eben weniger Literatur.

Spielt die Digitalisierung eigentlich im französischen Buchmarkt eine große Rolle?
Nee, nicht so richtig. Das war ja so ein Riesenthema, aber es hat sich nie so richtig durchgesetzt. Derzeit machen E-Books glaube ich 3% der Buchverkäufe aus.

Die Förderung der Buchbranche ist in Frankreich aber auch sehr stark – zum Beispiel durch Übersetzungsförderung in beide Richtungen, aber auch die Buchhändler werden staatlich subventioniert. Dadurch und wegen der Buchpreisbindung gibt es sehr viele Buchhandlungen im Land, auch in den kleinsten Dörfern. Eine weitere Besonderheit in Frankreich ist, dass die Buchhändler sehr eng mit den Verlagen zusammenarbeiten, gerade mit den unabhängigen Verlagen. Klar, je besser das Verhältnis eines Verlages zu den Buchhandlungen ist, umso besser verkaufen sich seine Bücher, wie in Deutschland ja auch.

Buchhändler sind also wichtig für den Verkauf – welchen Einfluss auf den Erfolg eines Buches hat denn die Literaturkritik in Frankreich?
Der Buchhandel ist wichtiger. Viele Buchhändler stellen zu jeder Buchsaison auch bei Veranstaltungen ausführlich ihre Favoriten vor, viele führen auch einen Blog mit Empfehlungen. Und es gibt das Page des libraires, ein Heft mit Buchbesprechungen, herausgegeben von Buchhändlern. Die Literaturkritik in Frankreich ist dagegen gar nicht mit der in Deutschland zu vergleichen, wo es ja wirklich auch kritische Berichterstattung gibt.

 

Ach wirklich? Ich dachte, gerade im intellektuellen Frankreich gibt es einen kritischen Diskurs auf hohem Niveau?
In der Presse nicht so richtig, schon eher im Radio. Aber im Printbereich sind es eher kleine Empfehlungen, aber kaum richtige Kritiken, höchstens in Magazinen. Daher gibt es auch kein Pendant zum deutschen Perlentaucher, denn es ist einfach nicht sehr spannend, diese Kritiken zusammenzufassen.

Gibt es innerhalb der Buchszene merkliche Veränderungen durch die politischer gewordene Situation?
Ja, es gab zwei Sachen, die vor allem nach den Attentaten gut funktioniert haben: Traité sur la tolérance von Voltaire sowie Bücher zum Islam. Die Leute wollten diese Religion einfach verstehen.

Deswegen hat auch Houellebecq so viel Aufmerksamkeit bekommen, oder?
Ja, er hat ja mit seiner Geschichte total provoziert. Aber es war auch Wahnsinn, dass sein Buch ausgerechnet am Tag des Attentats auf Charlie Hebdo erschien. Ich wollte damals ein Interview mit ihm machen, was unglaublich schwer zu kriegen war, aber dann kamen die Ereignisse dazwischen und danach ging natürlich nichts mehr, er hat dann alles abgeblockt, verständlicherweise, zumal er auch einen Freund in der Redaktion von Charlie Hebdo verloren hat.
Die Leute sind schon sehr politisiert, auch wenn nicht immer alle genau wissen, worüber sie sprechen, aber es ist in jedem Fall allgegenwärtig. Und der aktuelle Wahlkampf ist auch wirklich hart geführt worden.

Wie sind denn eigentlich die aktuellen Umfragen für die Wahl am Sonntag?
Es wird damit gerechnet, dass Le Pen über 40 Prozent bekommt, wobei auch immer mehr der Fillon-Wähler Le Pen wählen werden.

Das heißt, es wird knapp?
Ja, das sage ich ja schon länger, ich glaube, dass es knapp wird. Aber das Problem Front National ist in Frankreich ja überhaupt nicht neu. Seit 20 Jahren gehört die Partei zur politischen Landschaft und Marine Le Pen hat es anders als ihr Vater komplett geschafft, diese Partei massentauglich zu machen. Und selbst, wenn sie jetzt nicht Präsidentin wird, dann wird das Problem nur verschoben auf 2022. Der Nachwuchs ist da und für ihn fängt die Partei auch mit Marine Le Pen an, nicht mit ihrem Vater.

Nochmal zurück zur Literatur: Das mit der Einladung als Gastland der Buchmesse war auch etwas holprig, oder?
Ja, ich glaube, die Frankfurter Buchmesse hat zwei oder drei Mal nachfassen müssen, bis es überhaupt eine Antwort von der Französischen Regierung gab. Das hing damit zusammen, dass manche französischen Verleger gesagt haben: „Wir brauchen das nicht, Deutschland und Frankreich sind bereits so gut vernetzt. Es kostet uns einfach nur sehr viel Geld.“ Das stimmt ja auch, es heißt zwar „Einladung“, aber das Gastland muss ja seinen Auftritt selbst bezahlen und organisieren. Daraufhin gab es aber einige interne Aufregung hier, und einige, z.B. Gallimard, haben gesagt: „Selbstverständlich wollen wir Gastland der Frankfurter Buchmesse sein.“
Was jetzt interessant ist und auch anders als bei den bisherigen Gastauftritten Frankreichs ist die Tatsache, dass diesmal eben nicht nur Frankreich eingeladen ist, sondern die französische Sprache, die Frankophonie, also die französischsprachigen Länder insgesamt. Das war für die Franzosen nun natürlich auch deswegen interessant, weil sie zum Beispiel die Belgier und die Schweizer fragen konnten, sich an den Kosten zu beteiligen. Aber darüber hinaus ist es eine sehr gute Sache, weil dadurch auch viele afrikanische Länder dabei sein können, das sind ja Literaturszenen, die in Europa oft noch sehr unbekannt sind. Jetzt können die afrikanischen Verleger (vor allem aus den Ländern südlich der Sahara) nicht nur mit französischen Verlagen Geschäfte machen, sondern haben auch mal die Gelegenheit, Lizenzen in andere europäische Länder zu verkaufen. Das ist für diese Länder schon sehr besonders, denn deren Zusammenarbeit mit Frankreich läuft oft eher so, dass ihnen die französischen Verlage einfach Bücher verkaufen, fertige Bücher (keine Lizenzen!), die schon gedruckt sind und dann in Afrika verkauft werden sollen – allerdings ohne die Preise den dortigen Gegebenheiten wirklich anzupassen – auch ein Ladenpreis von vielleicht 10 Euro ist dort natürlich noch immer viel zu hoch. Ich bin also gespannt auf die kommende Messe.

0 Kommentare

Un jour en France

"I'm throwing my arms around Paris", singt Morrissey gerade, während wir hier sitzen und überlegen, was uns die letzten drei Tage hier alles so passiert ist. Schöne, volle, anstrengende drei Tage waren das, in denen wir erste Einblicke in die französische Literaturwelt bekommen haben, sich viele Klischees widerlegt (und manche auch bestätigt) haben und wir uns variantenreich von immer wieder Brot mit Käse ernährt haben.

 

Ganz zufällig (nein, wirklich!) haben wir uns eine AirBnb-Wohnung im Viertel Saint Germain rausgesucht, dem "Stadtteil der Verlage", und zwar schön stilecht: Eine kleine, schöne Wohnung im Dachgeschoss mit Blick auf die Dächer von Paris mit ihren Millionen roter Schornsteine, in der wir wie zu Studentenzeiten auf dem Boden sitzen, Rotwein trinken und schreiben. Eine ganze Reihe Interviewmitschnitte hat sich schon aufgetürmt, die wir nach und nach transkribieren und übersetzen wollen in den nächsten Tagen - und die dann hier im Blog zu lesen sein werden.

Etwa 30 Kilometer sind wir in den letzten Tagen zu Fuß durch die Stadt gestratzt, haben jede Menge Fahnen fotografiert (wait for it), uns tapfer in die französische Sprache gestürzt, uns dann aber doch eher mit "Bonjour" und "Oui, merci" durchgehangelt, bislang weder den Eiffelturm noch den Arc de Triomphe gesehen, dafür aber festgestellt, dass es immer über dem französischen Senatsgebäude regnet, wenn wir dran vorbeilaufen (vermutlich als Symbolbild zur Lage des Landes). Gestern lief die heißerwartete Präsidentschaftsdiskussion im Fernsehen, heute sind sich fast alle sicher, dass Macron gewinnen wird. Wir sind gespannt auf Sonntag und machen erstmal andere Musik an.

1 Kommentare

mairisch goes Paris!

Nach Amsterdam 2016 besuchen wir auch dieses Jahr wieder das Buchmessengastland - und das ist diesmal Frankreich! Die ersten 10 Tage im Mai werden wir also von Paris aus arbeiten - und berichten darüber hier im Blog.

 


Frankreich: Gutes Essen, Eiffelturm, Liebe? Oder doch eher: Brennpunkt, Zukunft Europas? Und was macht in dieser durchgerüttelten Zeit eigentlich die französische Literaturwelt? Welche spannenden Autoren gibt es, welche Verlage und Magazine arbeiten am Puls der Zeit, welche Themen sind vielleicht auch für deutsche Leser interessant?


2017 wird Frankreich Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Wir haben uns gedacht: Wenn schon kennenlernen, dann richtig. Also machen wir uns auf zur Klassenfahrt verbringen im Mai 10 Tage in Paris, der Stadt, in der die meisten französischen Verlage ansässig sind.

 

In unserem Blog werden wir während dieser Zeit täglich in ausführlichen Interviews und Artikeln Protagonisten der französischen Literaturszene vorstellen — vor allem Verleger, aber auch Autoren, Buchhändler, Lektoren, Veranstalter, Agenten, Magazinmacher und andere. Außerdem wollen wir berichten, was sich kulturell sonst dort tut - und wir wollen natürlich schauen, wie die Präsidentenwahl am 7. Mai ausgeht, und was das mit Frankreich und Europa macht.

 

Kurzum: Wir wollen uns ein umfassendes Bild machen von dem, was in Paris los ist und laden Euch ein, uns dabei zu begleiten! — Ab 2. Mai 2017 hier im Blog!

 

Viele Grüße,

mairisch

 

 Daniel Beskos

Peter Reichenbach

Blanka Stolz

Stefanie Ericke-Keidtel

Hannah Zirkler


3 Kommentare

Frauen. Männer. Fußball. Interview mit Dagrun Hintze zu "Ballbesitz"

 

Dagrun Hintze erzählt in der mairisch-Neuerscheinung BALLBESITZ von ihrer eigenen Liebe zum Fußball, von Männern, die in Borussia-Dortmund-Bettwäsche schlafen, und von intensiven Begegnungen, wie sie nur zwischen Anpfiff und Abpfiff möglich sind. Sie untersucht dabei männliche und weibliche role models im Fußball und zieht immer wieder Parallelen zum Theater, zur Literatur und zur bildenden Kunst. Wir haben ihr zum Erscheinen ein paar Fragen gestellt.

 

mairisch: Die meisten Männer kommen schon relativ früh mit Fußball in Berührung. Entweder durch ihre Väter, die irgendwann mit ihren Söhnen Fußball spielen oder gucken oder eben durch Klassenkameraden und Freunde. Bei Frauen ist das nicht so, oder? Und wie bist du eigentlich zum Fußball gekommen?

Dagrun: Nein, bei Frauen ist das bedauerlicherweise nicht so – wobei sich da vielleicht auch gerade etwas ändert, weil viele Mädchen inzwischen sehr selbstverständlich Fußball spielen. In meiner Kindheit und Jugend gehörte es in den meisten Familien immerhin dazu, Länderspiele zu verfolgen oder Sportschau zu gucken, ich kannte damals also Spielernamen (Manfred Kaltz und Horst Hrubesch, zum Beispiel) und habe auch immer mal wieder Hanuta- und Duplo-Bilder gesammelt. Irgendwann verschwand Fußball allerdings völlig von meinem Radar, weil ich erstens ein echtes Pferdemädchen wurde, zweitens anfing, mich für Literatur zu interessieren und drittens für Jungs. Wiedergefunden hat mich der Fußball erst im Jahr 2000, und zwar ganz konkret beim Halbfinale Holland gegen Italien, bei dem Holland insgesamt fünf Elfmeter verschoss. Ich hatte das Spiel eigentlich nur meinem damaligen Freund zuliebe mit angesehen, aber dieses Strafstoßdesaster änderte tatsächlich alles, weil ich einfach nicht fassen konnte, was da passierte: Lauter Leute, die tagtäglich nichts anderes machten, als ihre Schusstechnik zu trainieren, trafen nicht vom Elfmeterpunkt – als wäre das ansteckend. Oder ein Fluch. Klingt bescheuert, aber seitdem beschäftige ich mich voller Begeisterung mit dem Fußball – auch weil mir damals zum ersten Mal die Parallelen zu meinem Beruf, zum Theater aufgefallen sind. Auch da gibt es manchmal Vorstellungen, bei denen der Wurm drin ist (oder, um es fußballerisch zu sagen: bei denen die Schauspieler Scheiße am Schuh haben), ohne dass man das genauer in Worte fassen könnte. Genauso können Vorstellungen aber auch magisch abheben, wenn alle im "Flow" sind und es auf der Bühne nichts mehr gibt, was man falsch machen kann – auch das ist dann mit Worten nicht mehr zu beschreiben. Was ja wiederum auch für ein Spiel wie das 7:1 gegen Brasilien gilt.

Du zeigst im Buch sehr gut, dass Fußball mehr sein kann, als das Spiel, bei dem 22 Typen einem Ball hinterherrennen. Was braucht es also, um das zu erfahren?

Zunächst mal: Darauf einlassen. Nicht denken, das ist "nur" Fußball, und es gibt tausend wichtigere Dinge auf der Welt, mit denen man sich beschäftigen sollte. Die gibt es immer, aber manchmal tut es eben auch einfach gut, für 90 Minuten von ihnen entlastet zu sein. Und wie bei allen Kulturtechniken gehört zum richtigen Genuss dann eben auch ein tiefergehendes Verständnis – und das lernt man nur dadurch, dass man viel Fußball guckt. Nur dann hat man Vergleiche und lernt, Qualitäten zu beurteilen, sowohl die von Spielern als auch von Spielsystemen.


Mit Fußballfachwissen, betritt man immer noch eine Welt, die fest in der Hand von Männern ist. Ich kann mir vorstellen, dass viele Männer nicht so gerne mit Frauen Fußball gucken, die sich damit auskennen. Wie ist da deine Erfahrung?

Ich erlebe das meistens positiv, muss ich sagen. Mein Mann liebt es sowieso, mit mir zusammen Fußball zu gucken, weil sich dadurch zwischen uns immer wieder extrem gute Gespräche ergeben. Andere Typen, die mich nicht so gut kennen, reagieren erst mal oft überrascht, wenn sie mitbekommen, dass ich mich wirklich für Fußball interessiere, finden das dann aber meist eher cool. Die einzigen, die sich von einer fußballsachverständigen Frau gestresst fühlen, sind nach meiner Erfahrung Männer, die sich selbst nicht gut damit auskennen, das aber schwer zugeben können – da wird's dann schnell unerfreulich. Im Moment frage ich mich allerdings gerade, wie fest der Fußball wirklich noch in der Hand von Männern ist – in meinem eigenen Freundeskreis gibt es tatsächlich nur eine Frau, mit der ich ernsthaft über Fußball sprechen kann, durch "Ballbesitz" treffe ich jetzt aber auf immer mehr Frauen mit Fußballsachverstand, das finde ich großartig.

Und könnte man sagen, dass Fußballfachwissen bei Frauen eine subversive Form des Feminismus ist?

Diese Formulierung gefällt mir ausgesprochen gut und entspricht genau meiner These, dass weiblicher Fußballsachverstand ein Beitrag zur Emanzipation ist. Auf den ersten Blick würde man vermutlich eher nicht darauf kommen, dass das ein Feld für feministische Eroberungen sein könnte, aber genau das ist ja das blöde Stereotyp: Es gibt Felder, die Männern vorbehalten sind und in denen Frauen nichts zu suchen haben, weil sie sich qua Biologie oder Sozialisation gar nicht ernsthaft dafür interessieren können – das kann man dann auch schnell benutzen, um Frauen bei Diskussionen über Wirtschaft oder Politik nicht ernst zu nehmen. Und mir gefällt der Überraschungseffekt, den es – Stand heute – immer noch gibt, wenn eine Frau erkennen lässt, dass sie sich mit Fußball auskennt. Ich bin sicher, dass Männer ihr dann auch bei anderen Themen besser zuhören.

Lieblingsverein?
Borussia Dortmund, große Liebe. Zunächst nur zu einem Mann, der leidenschaftlicher BVB-Fan war (und immer noch ist). Der war dann irgendwann weg, aber die Liebe zum Verein ist geblieben – vermutlich eine Art magische Übertragung, die dafür sorgt, dass wir uns auch heute noch mögen. Man sucht sich das ja nicht selbst aus …

 

 

Dagrun Hintze

Ballbesitz

Frauen, Männer und Fußball

Broschur | 104 Seiten | 11,- Euro

-> Mehr Infos, reinlesen und bestellen

 

 

 

 

0 Kommentare

Bin im Garten - »Die Philosophie des Gärtnerns«

Von Blanka Stolz

 

Am 1. März 2017 erscheint »Die Philosophie des Gärtnerns« in unserer Philosophie-Reihe. Als Vorgeschmack veröffentlichen wir hier eine gekürzte Fassung des Vorworts der Herausgeberin, Blanka Stolz, ergänzt mit Fotos aus dem Garten.

 

 

Ich stehe im Garten des Bergbauernhofs Munt la Reita im Tessin. Es ist Mai, aber noch sehr kalt und winterlich. Der Garten ist mit Heu abgedeckt, die Zweige der Johannisbeerbüsche sind zusammengebunden, damit sie den Schnee überstehen, ohne zu brechen. Es gibt kaum Grünes, nur der Rhabarber hält sich wacker, ansonsten ist alles braun in braun. Ich denke: Niemals wird dieser Garten grün, bunt blühend und dicht bewachsen sein. Ich frage mich, woraus andere dieses Vertrauen in den Kreislauf der Natur ziehen. Was treibt einen philosophierenden Gärtner oder einen gärtnernden Philosophen an, jedes Jahr aufs Neue Spaten und Hacke in die Hand zu nehmen und mit der Gartenarbeit loszulegen?

 

Steht man in einem Nutzgarten, ist die erste, offensichtliche Antwort auf die Frage, warum all die Mühe und Arbeit: Selbstversorgung, die satt und glücklich macht. Die nächste Frage schließt sich direkt an: Was pflanzt man an und wie viel davon? Welches Saatgut und welche Sorten wählt man? Was gedeiht in einem Garten in den Bergen auf 1.400 Meter Höhe, und was braucht man vielleicht gar nicht erst anzupflanzen? Verena Senn, die gemeinsam mit ihrem Mann Markus seit dreißig Jahren den Garten auf Munt la Reita ökologisch bewirtschaftet, weiß, was sich lohnt und was nicht.

 

Mir dagegen fehlt noch das Vertrauen, dass Sonne, Wärme und Wasser die Pflanzen werden sprießen lassen. Gemeinsam stehen wir im Nebel und versuchen, den Garten, die zukünftigen Beete und Wege auf Papier zu zeichnen und einen Plan zu machen. Wir tun also das, was Gärtner schon immer getan haben, wir legen fest, was wir wohin pflanzen, und bestimmen die Grenze zwischen wilder Natur und angelegtem Garten durch Beete, die Wege dazwischen, Hecken und Büsche. Der menschliche Gestaltungswille ist es, der einen Garten ausmacht. Und doch macht der Garten letztendlich, was er will. Er verändert sich fortwährend, die Natur wächst aus sich heraus, ist unberechenbar, treibt Blüten – und der Gärtner muss seine Position dazu laufend neu bestimmen.

 

Ein weiterer Faktor, den der Gärtner nicht beeinflussen kann, ist das Wetter. Und es spielt nicht erst bei der Ernte eine Rolle, sondern bereits bei der Aussaat. Auf dem Hof bestimmen im Mai die Wettervorhersage und die Aussaattage, wie sie Maria Thun in ihrem Kalender festlegt, die Arbeiten im Garten. Es fühlt sich so an, als würde es immer dann stark regnen, wenn gerade Aussaattag für Kartoffeln, Sellerie und Radieschen ist – nämlich Wurzeltag. Ich verbringe Stunden im trockenen Gewächshaus auf den Knien und jäte.

 

 

Eine Woche später, der Regen macht eine Pause und es ist Wurzeltag: die ersten hundert Saatkartoffeln sind in der Erde versenkt, die ersten Zwiebeln gesteckt und zwei Reihen Rüben gesät. Die Kartoffeln bedecken wir mit Kompost und einer dicken Mulchschicht aus Ziegenmist und Heu. Die Erde ist durch die Heuschicht vor Wind und Sonne geschützt und trocknet nicht so stark aus, Unkraut und Schnecken werden ein Stück weit zurückgehalten. Bei jeder Schicht, die wir über die Pflanzen decken, hoffe ich, das Richtige zu tun.

 

Das Richtige tun. Die alte Sehnsucht, ein gutes Leben zu leben, die sich seit Aristoteles durch die Philosophiegeschichte zieht, schwingt bei der Frage, was einen zur Gartenarbeit motiviert, immer mit. Wird man ein besserer, tugendhafterer Mensch, wenn man Land kultiviert, Pflanzen sät und pflegt, wenn man gärtnert? Im Garten auf Munt la Reita wird die gärtnerische Tugendhaftigkeit in diesem Mai auf eine harte Probe gestellt: Es fällt noch einmal Schnee. Die Sommerperiode – mit Temperaturen und einer Sonneneinstrahlung, die die Pflanzen in dieser Höhe wachsen lassen – ist kurz, kürzer als im Flachland, langes Zögern kann man sich nicht erlauben. Wir haben das Gefühl, dass uns die Zeit davonläuft, weil wir mit dem Anpflanzen nicht weitermachen können. Zum Glück bleibt es ein kurzes Intermezzo, der Schnee ist schnell wieder weg, wir bereiten die Reihen- und Hügelbeete vor und fangen an, die im Gewächshaus vorgezogenen Kohl-, Kohlrabi und Krautstielsetzlinge rauszupflanzen.

 

Ruhe und meditatives Handeln scheint die Arbeit im Garten zu vermitteln, eine Geisteshaltung, die Philosophen von Epikur bis Hume als Lebensziel beschreiben. Im Vergleich zur digitalen Welt, in der man sein Leben im Gehen online zusammenklickt, erfordert ein Garten körperliche Tätigkeit. Warum die Büromenschen einmal mehr ins Grüne flüchten und die Gärten in die Städte zurückkehren, liegt aber in mehr als in der mangelnden Bewegung begründet, die die heutigen Gärtner gar zu Sportlern macht. Obst und Gemüse gibt es in Bioqualität auf dem Markt oder in Supermärkten, der Eigenanbau ist unter Umständen nicht kostengünstiger. Das Gärtnern ist keine Notwendigkeit mehr. Und dennoch scheint das gemeinschaftliche Selbermachen, die Suche nach individuellen Formen und Flächen für die Arbeit mit der Natur – ob in der Stadt, im Umland oder auf dem Land – die Antriebskraft der nächsten Gärtnergeneration zu sein. Deren Gärten sehen nicht mehr aus wie aus dem Baumarktprospekt. Die Rasenflächen und Koniferen weichen Obstbäumen, selbst gezimmerten Hochbeeten und Wildhecken. In diesen Generationengärten, interkulturellen Gärten, Nachbarschafts- und Gemeinschaftsgärten, aber auch in den im urbanen Raum bewirtschafteten Brachflächen scheint durch das Gärtnern neben den Pflanzen noch etwas anderes zu wachsen: verloren geglaubte Gemeinschaft, Sinnhaftigkeit und Achtsamkeit. Auch wenn der urbane Garten vielleicht an manchen Orten zum zeitgeistkonformen Projekt, zum Lifestyle-Objekt oder Geschäftsmodell wird oder schon geworden ist, so ist er in erster Linie doch auch ein Versuch der heutigen jungen Generation, das Verhältnis von Stadt und Natur oder von Gesellschaft und Natur neu zu denken und zu formen. Der Garten bleibt einmal mehr ein Sehnsuchtsort, ein Paradies.

 

 

Anfang Juni freue ich mich über jedes grüne Pflänzchen im Garten. Langsam wird sichtbar, was mal Mohn, Malven, Calendula und Hornveilchen werden. Ich hoffe, dass das, was ich beim Jäten stehen lasse, später mal Echte Kamille sein wird. Nach ein paar Wochen stellt sich heraus, dass sich die Echte Kamille von ganz alleine am Rande des Kartoffelackers breitgemacht hat, ich aber Geruchlose Kamille großgezogen habe. Unkraut – oder Wild- und Beikräuter, wie sie auch gerne genannt werden – kann der Gärtner entweder tolerieren, sie mit auf den Speiseplan nehmen oder er kann sie konventionell bekämpfen. Es gibt keinen Garten ohne jene Pflanzen, die einfach so von selbst immer wiederkommen. Und kann es nicht vielleicht auch sein, dass wir auch im Leben jenseits des Gartens zu offeneren und verständnisvolleren Menschen werden, wenn wir im Kleinen das Fremde akzeptieren? Im Garten auf Munt la Reita wählen wir, was das Unkraut angeht, einen Mittelweg: Wir versuchen, den Pflanzen, die wir gesetzt haben, Luft zum Wachsen zu verschaffen, indem wir das Unkraut entfernen und größtenteils als Gründünger auf die Mulchschicht legen. Wir halten die Wege halbwegs frei und freuen uns über sich selbst verbreitende Akelei, Frauenmantel, Margeriten und Johanniskraut.

 

Für das viele Jäten und die Vorbereitung der Beete sind in einem Garten dieser Größe helfende Hände gerne gesehen. Es sind viele, die im Garten mitarbeiten, die teilweise schon seit Jahren immer wieder auf den Hof kommen und den Garten gut kennen. Jeder bringt sein eigenes Gartenwissen mit und pflanzt es ein. Zum Jäten und Wurzelentfernen gehört schließlich auch das Wissen darum, was man entfernt und was man stehen lässt. Auf Munt la Reita erklärt Verena gerade einer Gruppe junger Männer, wie gründlich man den Bärenklau, der im Garten wuchert, entfernen muss. Die Frauen schippen derweil Kompost. Ist Gärtnern etwas typisch Weibliches oder Männliches? Gärtnern die Geschlechter unterschiedlich? Wirkt sich das soziale Geschlecht auf das Gärtnern aus? Alle werden von der Gartenarbeit schmutzig, die Nagelränder werden tiefschwarz und man schwitzt. Es ist nicht nur körperliche Ausdauer, die man im Garten braucht, sondern auch mentale. Nicht jeder hält es lange aus, alleine mit sich und seinen Gedanken in gebückter Haltung in der Erde zu wühlen. Bei den meisten stellt sich schnell Langeweile ein. Wir fangen an, das Unkraut als Gegner mit verschiedenen Schwierigkeitsleveln zu sortieren, und erfinden als Challenge für das Endlevel: die Unkrautpflanze im Ganzen bis zur kleinsten Wurzel rausziehen. »Und wie macht man das?« – »Mit viel Gefühl oder roher Gewalt«, ist meine Antwort.

 

 

Der Garten auf Munt la Reita ist nach Prinzipien der Permakultur angelegt. Die ethischen Grundgedanken der Permakultur zur naturnahen Bewirtschaftung von Flächen lassen sich auf städtische Permakulturprojekte genauso zu wie auf solche auf dem Land anwenden: achtsamer Umgang mit Ressourcen, Menschen und Tieren, langfristige Regenerationszyklen, Selbstbegrenzung und Rückverteilung, nicht Monokultur, sondern Vielfalt, die eine essbare Landschaft hervorbringt. Die Unterschiede zwischen Permakultur in der Stadt und auf dem Land lassen sich dabei an praktischen Gegebenheiten ablesen: zum Beispiel an der Frage, ob fruchtbarer, nicht kontaminierter Boden vorhanden ist, was auf dem Land meist von Natur aus der Fall ist, aber auch an freien Flächen zum Anbauen und großen Kompostvorräten. Das sind die Voraussetzungen, die Stadtgärtner oft erst einmal schaffen müssen. Was es dem Permakulturgarten dagegen in der Höhe der Berge schwer macht, sind die fehlende Wachstumszeit, die niedrigen Durchschnittstemperaturen und die kurze Erntesaison. Trotzdem wächst auf 1.400 Metern mehr, als man erwarten würde.

 

Der Sommer kommt Ende Juni, die Heuernte beginnt. Der Garten wird zusehends grüner und die Pflanzen wachsen. Die ersten Beete müssen nachgejätet werden. Eines Morgens kann ich durch einen Johannisbeerbusch durchschauen. Das konnte ich tags zuvor noch nicht. Die Raupen des Kohlweißlings fressen gnadenlos alle Blätter der Roten Johannisbeere auf. Sie stoppen erst an den Schwarzen Johannisbeeren, die mögen sie nicht. So unaufhaltsam, wie sich die Raupen durch die Büsche fressen, so stoisch sammeln wir jeden Tag die Raupen von den Blättern ab und besprühen die verbleibenden Pflanzen mit einem stark duftenden Aufguss aus Wermut und Anis. Ich lerne, dass Stoizismus eine der größten gärtnerischen Tugenden ist: nicht aufgeben, weiter sammeln.

 

 

Es wird wärmer und trockener. Wir gießen mehr und mehr. Meist per Hand am frühen Morgen mit Wasser, das in alten Badewannen gesammelt wird. Mitunter sind vier Personen eine Stunde lang mit Gießen beschäftigt. Ich wiederhole tagtäglich die Leitsätze, die ich Gelegenheits- und Nachwuchsgießern mitgebe: »Immer die Erde wässern, nicht die Pflanze. Die Goldmelisse mag den festen Strahl am Boden. Die Kartoffeln brauchen nichts.« Die Ecken im Garten, die mit Sprenger und Rieselschläuchen automatisiert bewässert werden, gedeihen besser, die Pflanzen wachsen schneller und sind größer. Obwohl das nicht die Kategorien sind, in denen dieser Garten angelegt ist, werden im Sommer große Teile des Gartens auf automatisierte Bewässerung in den frühen Morgenstunden umgestellt. Einmal mehr kommt der Faktor Zeit zum Tragen. Wenn vier Personen nicht gießen müssen, können sie etwas anderes tun. Wie viele Menschen benötigt man, um solch einen großen Garten zu bewirtschaften? Kann ein Garten effizient gepflegt werden, ohne ein professioneller Gemüseanbaubetrieb zu sein? Was bedeutet Effizienz in einem ökologischen Garten?

 

Der Garten wächst und gedeiht unter der Sommersonne. Am 4. Juli öffnet sich die erste Calendulablüte, wir ernten Pflücksalat Misticanza und wunderschön rot gesprenkelten Forellensalat. Zwei Schalen Erdbeeren sind uns im Juli gegönnt. Mehr nicht, es ist kein Erdbeerjahr. Mohn in der Steinmauer, Margeriten, Malven und Sonnenblumen machen den Garten bunt. Ich stehe mittendrin und diskutiere die Frage, wie viel Garten man braucht, um sich selbst, eine Familie, ein ganzes Team zu versorgen und auch noch etwas im Hofladen zu verkaufen? Wann reicht es nicht, was ist genug und wann ist es zu viel?

 

 

Mitte August, es ist heiß. Man kommt im Garten auf den Wegen kaum noch durch, weil sich die Pflanzen ausbreiten. Jetzt ist der Garten so, wie ich ihn mir im Mai nicht habe vorstellen können. Wir sammeln Calendula-, Kornblumen-, Hornveilchen-, Goldmelisse- und Malvenblüten für Tee und Kräuter für die Küche und trocknen diese im Trockenhaus, der Schatzkammer des Gartens. Die Zeit der Johannisbeere beginnt, trotz des Kahlfraßes im Juni. Fast jeden Tag verarbeitet eine gute Seele einen großen Topf Johannisbeeren zu Konfitüre, Gelee und Sirup. Schnittlauchknospen legen wir in Essig ein, Krautstiel, Kohlrabi, Bohnen und Zucchini frieren wir zum Teil ein – auch wenn es direkt aus dem Garten in die Pfanne immer am besten schmeckt. Die Rüben und der Fenchel sind schneller aufgegessen als gedacht, die Zwiebeln lagern wir trocken im Heizungsraum. Die Kohlköpfe und der Wirsing sind so groß und schön wie der Mond. Wir hängen sie an Schnüren im Keller auf und hoffen, dass sie sich gut halten. Der Freude, in diesen reichen Garten zu gehen und sich zu nehmen, was man braucht, steht das Gefühl gegenüber, dass der Garten uns zu diesem Zeitpunkt auffrisst und nicht wir ihn. Der Garten fordert einen täglich heraus. Schaut man heute nicht hin, weiß man, dass man morgen das Doppelte zu tun haben wird. Das sind sie wieder, die Freuden und Mühen des Gärtnerns.

 

 

Es ist noch einmal warm genug, um im Garten zu sitzen. Mittendrin, auf frisch gejäteten und gemulchten Wegen. Der Garten ist hier kein Ort zum Verweilen mit Bänken oder einer Laube, wie man es aus Landschafts- oder Schrebergärten kennt. Der Garten, in dem ich stehe, ist dagegen ein Ort, der Arbeit schafft: pflanzen, jäten, gießen, der eben aber auch mit der Lebendigkeit, den Farben und dem Duft des Sommers und einer reichen Ernte für diese Arbeit belohnt.

 

In seiner Beziehung zum Garten drückt der Gärtner auch sein Verhältnis zur Welt aus. Der Gärtners könnte im besten Fall mit der Welt im Ganzen so wohlwollend und vorausplanend umgeht wie mit seinem Garten. Das wäre eine Philosophie des Gärtnerns, in der der Gärtner seine kleinen Erkenntnisse aus dem Garten auch auf andere Lebensbereiche überträgt und in die Welt mitnimmt. So wird – frei nach dem französischen Landschaftsarchitekt Gilles Clément – jeder verantwortlich lebende Mensch zum Gärtner und alle Menschen werden so »Bewohner eines einzigen Gartens. Ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt, es handelt sich immer um ein und denselben Garten: den Erdball.« Dieser wohlwollende Gärtner, der im Kleinen auch das Große richtig macht, mag ein nicht erreichbares Idealbild sein. Gerade deshalb haben jeder Garten und jeder Gärtner seine Berechtigung.

 

Im ersten Schnee im Oktober schneiden wir die Johannisbeersträucher und binden sie zusammen. Der Winter kann kommen. Die Hühner ziehen von ihrer Sommerwiese in den Garten. Sie picken und scharren und bescheren uns hoffentlich für das nächste Jahr wieder möglichst schneckenfreie Kopfsalate. Die Tomaten sind nicht rot geworden. Die Zeit und die Sonne haben nicht gereicht. Immerhin: Aus grünen Tomaten lässt sich ein gutes Chutney machen.

 

 

Die Texte der »Philosophie des Gärtnerns« greifen die in dem Text gestellten Fragen auf und vertiefen die einzelnen Aspekte des Gärtnerns. Die Autorinnen und Autoren zeigen aus verschiedenen Blickwinkeln eine Vielzahl von Gärten und Gedanken zum Gärtnern. Im Sinne einer praktischen Philosophie des Gärtnerns geht man aber am besten einfach los, nämlich in den Garten, und tut etwas.

 

Fotos: Blanka Stolz

Blanka Stolz (Hg.)
»Die Philosophie des Gärtnerns«

Mit Beiträgen von Brunhilde Bross-Burkhardt, Severin Halder, Judith Henning, Annette Holländer, Miriam Paulsen, Dagmar Pelger, Maximilian Probst, Roberta Schneider, Sarah, Thelen, Kristina Vagt, Nicole von Horst, Elke von Radziewsky, Dieter Wandschneider.


Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung
200 Seiten | 18,90 Euro
 ISBN 978-3-938539-43-9

Auch als E-Book erhältlich.


Erscheint am 1. März 2017

 

-> Mehr Infos und Bestellung

0 Kommentare

"Schreiben Sie noch, Herr Maack?" - Benjamin Maacks Dankesrede zum Hermann-Hesse-Literaturförderpreis

Schreiben Sie eigentlich noch? Vor Kurzem hat Benjamin Maack in Karlsruhe den Hermann-Hesse-Literaturförderpreis bekommen und eine Dankesrede gehalten. Der Vorsitzende der literarischen Gesellschaft, Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann, hatte ihn einige Wochen zuvor am Telefon gefragt, ob er eigentlich noch als Autor aktiv sei. Dies ist seine Antwort.

Daniel war dabei und hat die Rede per Mobiltelefon mitgeschnitten. Eigentlich nur für Benjamins Frau. Seine Erlebnisse der letzten Jahre sind dramatisch und sehr persönlich. Seine Rede fanden wir weit mehr als das. Denn manchmal werden die übelsten Erlebnisse zu lehrreichen Geschichten. Deshalb haben wir Benjamin gefragt, ob wir sie auf unserer Seite zeigen dürfen. Hier ist sie:

 

0 Kommentare

Tirana

Von Dorian Steinhoff

Dorian Steinhoff (Foto: Artan Begolli)
Dorian Steinhoff (Foto: Artan Begolli)

 

Dorian Steinhoff ist zur Zeit auf Einladung der Deutschen Botschaft als writer in residence in Tirana (Albanien). Letzte Woche schickte er von dort eine Mail, eigentlich nur an Familie und Freunde. Wir fanden sie aber so schön, dass wir ihn um Erlaubnis baten, sie hier zu veröffentlichen.

 

 

Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde,

vor meinem Haus stehen fünf Olivenbäume. Die Erntezeit rückt näher und jeden Tag liegen mehr Oliven auf dem Boden. Die Straßenhunde, von denen es ein paar gibt, scheinen sie nicht zu mögen. Vielleicht nagen sie lieber an den Ummantelungen der Stromkabel, die sich wie ein Aderastwerk an Holzmasten nach oben ranken und sich von dort über die Straße und gefühlt zu jeder Wohnung einzeln spannen. Das würde jedenfalls erklären, warum der Strom manchmal auch ausfällt, wenn es nicht gewittert. Heute zum Beispiel schon zwei Mal, immer nur kurz. Zack, alles aus. Meine Waschmaschine scheint es nicht zu stören, sie setzt ihr Programm einfach fort, sobald der Strom wieder da ist, und ich habe eine Kerze.

Meine Wohnung hat zwei Zimmer, einen sehr großen Balkon mit Blick auf die Berge und liegt in einem sechsstöckigen Haus auf einer ruhigen Einbahnstraße. Zu Fuß brauche ich ca. fünfzehn Minuten ins Stadtzentrum. Tirana ist laut und chaotisch. Lebendig und jung. Ein großes Durcheinander, das italienische, sozialistische und moderne Architektur, Minarette und byzantinische Kirchtürme seltsam ineinander keilt. Ich nehme an, was ich seltsam nenne, ist für einen Albaner einfacher Pragmatismus, der sich hier eben nicht an irgendwelche städtebaulichen Vorschriften zu halten hat.

Es fällt mir schwer, einen signifikanten Geruch oder ein bestimmtes optisches Merkmal herauszuheben, um deutlicher zu machen, wie es sich anfühlt, hier zu sein. Es ist alles auf einmal da. Der Geruch von Schmieröl aus einer offenen Motorradwerkstatt und der Duft von gegrillten Maiskolben, die ein Roma direkt vor dem Eingang verkauft. Marktstände, an denen zwei Tüten voll frischem Obst und Gemüse zwei Euro kosten, neben einem Vodafone-Store, neben einem Schuster. Dutzende protzige Autos, meistens von Mercedes oder BMW, mit viel zu jungen Typen am Steuer. Dazwischen alte deutsche Busse, von denen die Reklame nicht abgekratzt wurde. Sie kämpfen sich ständig hupend durch die meistens verstopften Straßen, die immer wieder Grünstreifen umspannen, in denen alte Männer auf Bänken vor uralten Popcorn-Maschinen sitzen und aussehen, als würden sie nur das leise Rauschen der Blätter über sich hören und nicht das Tosen der ganzen Stadt. Wer im Straßenverkehr zögert, hat verloren. Es fährt und geht immer der Stärkere, egal wo und egal wann. Und für den Stärkeren wird gebremst. Darauf ist Verlass.

Die Frauen sind sehr bedacht auf ihr Äußeres, gut gekleidet, ungefähr auf der gleichen Range wie bei uns, von Megahipster bis Plastik-Wimpern-Tussi ist alles dabei, aber immer erkennbar davon bestimmt, was Männern angeblich gefällt. Die Männer dagegen: unsichtbar. Ich glaube, mit schief auf dem Kopf sitzender Schiebermütze und bunten Socken bin ich für die Typen hier mindestens stockschwul, bzw. ein stockschwuler Clown. Im Fitnessstudio trainieren mehr Frauen als bei Holms Place in Köln. Aber sie machen nur Übungen für ihre Beine und ihre Pos. Die Männer trainieren nur ihre Oberkörper. Ich mache Ausfallschritte und mein Handtuch ist purpurpink: schwul!

Die Cafés sind immer voll. Ein Kaffee kostet 100 Lek (ca. 60 Cent), und die Albaner trinken sehr viel und sehr gerne Kaffee. Was bei uns das E-Mail-Schreiben ist, ist hier das Kaffeetrinken. Eine Absprache, ein Kaffee. "Let's have Coffee" ist vielleicht die treffendste Metapher für das Lebensgefühl in Tirana.

Eine andere Metapher dafür, wie die Dinge hier funktionieren, ist der Wasserhahn an meinem Küchenwaschbecken. Es ist eine herkömmliche Mischbatterie, die mit einem Hebel betätigt wird. Allerdings wurde der ganze Wasserhahn falschrum montiert. Der Hebel liegt hinter, nicht vor dem Hahn, und zeigt zur Wand, nicht zum Waschbecken. Daraus folgt, dass man den Hebel nur bewegen kann, wenn das Wasser voll aufgedreht ist. Drückt man den Hebel nämlich nicht bis zum Anschlag nach oben, bekommt man ihn nicht an der Wand vorbei. Und auch wenn das Wasser läuft, lässt er sich nur so bewegen, dass man an den Fliesen entlangschrammt. Aber hey, funktioniert, warmes Wasser, kaltes Wasser, alles da, ganz nach Bedarf. Und wer interessiert sich bitte für halbkreisrunde Kratzer auf Fliesen?

Und genauso laufen Dinge hier öfters. Mir gefällt das, es hält mich flexibel, spontan und confident, man hat gar keine andere Wahl, und in dieser Fluidität löst sich mein Deutschsein, meine Dinge-müssen-funktionieren-Perspektive ganz wunderbar auf. Keine besonders neue Reflexion über die Wirkungen des Reisens, ich weiß, aber come on, so geht es dem kleinen Pedanten in mir nun mal.

Ich werde oft gefragt, was mein Eindruck von Albanien ist, eigentlich fragt mich das jeder. Ich antworte dann, dass Albanien auf mich wirkt wie ein Teenager. Ein junges Land auf der Suche nach seiner Identität, bestätigungsbedürftig, darauf bedacht, nichts falsch zu machen, aber auch sehr stolz auf das bisher Erreichte, dabei unfähig nach außen, einem Fremden gegenüber, Schwäche oder Unwissen einzugestehen. Egal, wen man fragt, alle kennen den Weg. Als wir einmal den Abfahrtsort eines Busses suchten, standen drei Männer vor uns, die in drei unterschiedliche Richtungen zeigten.

 


Ich bin jetzt schon drei Wochen in der Stadt. Ich habe an einem Dada-Festival teilgenommen, auf dem ich Prosa las, und schlief in einem Hotel außerhalb der Stadt mit Blick auf ein Umspannwerk. Es gab eine Regendusche, und der Klodeckel war nicht festgeschraubt. Ich ernähre mich größtenteils von Salat, Schafskäse, Köfte, Börek, Joghurt, Mandarinen und Granatäpfeln. Ich trinke Amstel und Raki (einen klaren Tresterschnaps, nicht das türkische Aniszeug). Ich diskutierte mit einem griechischem Kulturwissenschaftler und einem kroatischen Dichter das Erstarken des Populismus in Europa. Ich besuchte meinen ersten Botschaftsempfang, sagte zu einem Kellner versehentlich zwei Mal Tschüß (mirupafshim) statt Danke (faleminderit), als er mir brachte, was ich bestellt hatte, und wurde vom Direktor der Nationalgalerie durch eine einzigartige Sammlung sozialistischer Kunst geführt. Ich fuhr ans Meer, spazierte am Strand entlang, vorbei an Dutzenden Hotels, die aussahen, als wären sie gebaut und dann nie in Betrieb genommen worden, nur um jetzt zu verfallen. Suchte ich nach einem Drehort für einen Horrorfilm, ich wüsste nun, wo ich ihn finden würde.

Ich gab einen Slam-Workshop an einem bilingualen Gymnasium und traf auf intelligente, ehrgeizige Kinder, die noch nie Musik- oder Kunstunterricht hatten und auf dem Niveau eines Deutsch-LKs literarische Texte in einer Fremdsprache schrieben, sich kritisierten, verbesserten und performten wie Hölle. Angetrieben von einem Aufstiegswillen und einer Zielstrebigkeit, die man an Gymnasien in Hamburger Elbvororten lange suchen kann. Zum Abschluss durfte ich den ersten Poetry Slam in der Deutschen Botschaft in Tirana moderieren. Es gab Standing Ovations und Häppchen. Die albanischen Lehrer tragen weiße Kittel.

Ich bekam den ersten Probedruck der Übersetzung meines Erzählbandes in die eine Hand gedrückt und in die andere einen Flachmann. Wenig später war ich mitten am Tag betrunken und überschwänglich stolz darauf, wie weit und wohin mich diese sieben Erzählungen bisher getragen haben. Ich schrieb Nächte durch, stand im sauberen Morgenlicht auf dem Balkon, rauchte, hörte der Stadt zufrieden beim Aufwachen zu, schlief zu wenig und hatte nach dem Aufwachen Bauschaum im Kopf. Ich wurde eingeladen und eingeladen und eingeladen und egal wie sehr ich es auch versuchte, ich durfte nicht einmal selbst bezahlen. Ich traf meinen Übersetzer und wurde nicht richtig schlau aus ihm. Ich wurde Zeuge davon, wie Pressearbeit auf Albanisch funktioniert. Zwei Telefonate beim Kaffeetrinken am Donnerstag ergeben ein zweiseitiges Interview in einer Tageszeitung am Samstag und einen Fernsehauftritt im Morgenmagazin am Montag. Ich wurde live als einer der „wichtigsten Schriftseller in Deutschland“ angekündigt, sollte dann die Nobelpreisvergabe an Bob Dylan kommentieren, und während ich redete, übertönte mich die Simultanübersetzerin im Studio über Lautsprecher und ich musste so tun, als hörte ich sie gar nicht.

Eine großartige Kollegin ist gerade zu Besuch und steckt mich mit ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihrer Ehrlichkeit, mit ihrem Enthusiasmus und ihrem energetischen Blick an. Ich durfte vor 60 Leuten Buchpremiere feiern und wurde gefragt, was ich mir wünschen würde, hätte ich einen Wunsch frei, und auf dem Tisch, vor dem ich saß, war ein Hakenkreuz eingeritzt. Ich hatte lange und viel zu signieren und musste mir dabei fast jeden Namen buchstabieren lassen. Ich bekam ungefähr 20 Facebook-Freundschaftsanfragen von Menschen, die ich noch nie gesehen habe, und frage mich, ob es als unhöflich gilt, sie nicht anzunehmen.

Morgen fahre ich für eine weitere Lesung nach Schkodra. Danach sind meine offiziellen Tätigkeiten vorbei. Am Wochenende will ich unbedingt ein  Fußballspiel im Stadion anschauen. Dann die ganze Woche schreiben und danach geht es auch schon wieder nach Hause. Am meisten freue ich mich auf Leitungswassertrinken und Roggenbrot.

Alle Liebe
euer Dorian

 

 

P.S.: Wer Dorian im albanischen Fernsehen sehen will - hier entlang.

 

0 Kommentare

Heute erscheint: SPACE - Eine Entdeckungsgeschichte des Weltalls

Heute ist es soweit: Unser SPACE-Buch erscheint.

Es gibt ja schon ein paar Bücher über den Weltraum: Kinderbücher, Bildbände, Bücher für Physiknerds. Aber so ein Buch wie dieses gibt es bislang auf Deutsch noch nicht: Spannend erzählt und mit zahlreichen Anekdoten aus den doch zum Teil sehr abenteuerlichen Ereignissen, aus denen sich die Entdeckungsgeschichte des Weltalls zusammenfügt.
Eine große Lese-Empfehlung für alle, die Sterne, Raketen und Geschichten mögen!

Heather Couper und Nigel Henbest, Weltraumexperten der BBC, nehmen uns mit auf eine spannende Reise durchs All. Sie schildern, wie die Sterne den Menschen seit jeher begleiten und beeinflussen, wie der Kalender entstand, wer das Teleskop erfand und es zum ersten Mal gen Himmel richtete – aber vor allem: Was er dort sah. Erstaunlicherweise waren es sehr oft Hobby-Forscher und Freizeitastronomen, die von ihren Hinterhöfen aus viele großartige Entdeckungen machten und damit die Wissenschaft entscheidend voranbrachten – so wie etwa jener deutsche Apotheker, der in seiner Freizeit mehr Sonnenflecken entdeckte als jeder andere vor ihm, oder der Priester, der den Urknall »erfand«.

In klugen, verständlichen Texten spannen die beiden Autoren einen Bogen von den ersten Sonnenkalendern bis hin zu den modernsten Weltraumteleskopen und reisen dabei von Stonehenge und dem antiken Griechenland bis in die tiefsten Regionen des Weltalls. Wir erfahren, wie Sterne geboren werden, was Supernovae, Pulsare und Schwarze Löcher sind und woher Kometen und Meteoriten kommen. Zuletzt widmen sich die Autoren auch der vielleicht wichtigsten Frage: Sind wir allein im Universum?

Eine Entdeckungsgeschichte des Weltalls, unterhaltsam und spannend erzählt – für Neueinsteiger und Weltraumfans.

Aus dem Englischen von Daniel Beskos.
296 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung, 18,90 Euro.

Mehr Infos, reinlesen und bestellen:
-> http://www.mairisch.de/programm/heather-couper-nigel-henbest-space/

 

0 Kommentare

"Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman" - Stevan Paul im Interview

Heute erscheint - nach den beiden Erzählbänden "Schlaraffenland" und "Monsieur, der Hummer und ich" - Stevans Pauls erster Roman: "Der große Glander". Darin wird der junge Künstler Gustav Glander im New York der 1990er-Jahre zum Star der Eat-Art-Bewegung. Seine kulinarisch geprägten Arbeiten und Aktionen sind spektakuläre Inszenierungen und treffen den Nerv der Zeit, Kritiker und Sammler stürzen sich auf die Werke des schweigsamen Deutschen. Doch der Erfolg bereitet Glander Unbehagen. Von einem Tag auf den anderen verschwindet er. Spurlos. Zwölf Jahre später: Ein Restaurant in Hamburg. Es herrscht Hochbetrieb in Küche und Service. Im Speiseraum sitzt auch der bekannte Kunstkritiker Gerd Möninghaus. Dem kommt einer der anderen Gäste seltsam bekannt vor. Zu spät fällt Möninghaus ein: War das etwa Glander? Als kurze Zeit später bislang unbekannte Skizzen des verschollenen Künstlers in der Redaktion auftauchen, beginnt der engagierte Journalist zu recherchieren. Seine Suche führt ihn von Hamburg nach New York, nach St. Moritz, an den Bodensee und ins Allgäu – und er macht dabei eine überraschende Entdeckung.

 

Wir haben Stevan ein paar Fragen zur Entstehung des Buches gestellt ... und ihn natürlich auch nach einem Rezept gefragt.

Stevan, Du bist Autor von vielen tollen Kochbüchern und zwei kulinarischen Erzählbänden. Warum hast Du nun einen Roman geschrieben?

 

Weil ich Lust dazu hatte! (lacht). Der Roman entstand tatsächlich parallel zu vielen anderen Projekten. Ich habe mir Zeit für die Entwicklung des Stoffes und der Figuren genommen und längere Auszeiten nur zum Schreiben.

 

Wie lange hast Du am Roman geschrieben und wie verlief der Schreibprozess?

 

Insgesamt waren es zweieinhalb Jahre in denen ich mir, jeweils im Winter, einige Wochen und Monate reine Schreibzeit erarbeitet habe. Begonnen hat es mit einem Stipendium der Kulturbehörde Hamburg, ich durfte damals im Januar 2014 vier Wochen im Laudinella Hotel in St. Moritz schreiben. Da habe ich auch gemerkt, dass ich ohne Ablenkung vom Alltagsrauschen am besten schreiben kann.

 

Erzählst Du uns ein bisschen, wie der Roman entstanden ist? Er spielt ja an verschiedenen Orten, hast Du die alle bereist? Woher kam die Idee für die Geschichte?

 

Die Geschichte hatte ich schon vor Jahren grob entwickelt, das Stipendium half, den Stoff anzugehen. Und tatsächlich habe ich alle Orte bereist, oder habe wahlweise eben auch dort gelebt. Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman, denn ich bin am Bodensee aufgewachsen, habe in Ravensburg den Beruf des Kochs erlernt. Seit zwanzig Jahren schon ist mir Hamburg neue Heimat geworden und auch da spielt der Roman, in den Restaurants und Magazin-Redaktionen der Gegenwart. Das Buch ist darüber hinaus allerdings wenig biographisch. Mich hat vielmehr die alte Frage beschäftigt, wie viel Kunst eigentlich im Kochen steckt – darüber wollte ich schreiben und dafür habe ich die Kunst gleich mit ins Boot geholt.

 

Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz
Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz

In dem Roman geht es ja auch um Kunst bzw. Eat-Art. Wie ist dazu Deine Beziehung? Und wie hast Du zum Thema Kunst recherchiert?

 

Essen und Genuss haben viel mit Kunst gemeinsam. Ein Tellergericht kann uns inspirieren, berühren, Gefühle auslösen – wie eine Gemälde, eine Fotografie, ein Musikstück. Der große Unterschied besteht darin, dass das Tellergericht nicht nur wesentlich vergänglicher ist, sondern dass wir uns das Tellergericht auch einverleiben können, es wird ein Teil von uns. Die Eat-Art erhebt das so lebensnotwendige, wie alltägliche Thema der Ernährung in allen Facetten zum Gegenstand der Kunst. Ich schätze die Eat-Art sehr, weil oft auch ein guter Humor mitschwingt, von Daniel Spoerris „Fallenbildern“ in den 60er-Jahren, über Dieter Roths „Literaturwürste“ bis hin zur wunderbaren, niederländischen Künstlerin Marije Vogelzang, die heute Food, Design und Philosophie in ihren künstlerischen Arbeiten und Aktionen vereint. Zur Eat-Art habe ich recherchiert, vor allem aber auch ein paar spannende Bücher über Kunstfälscher und Kunsthandel gelesen, und bei der Hamburger Polizei viel über die Fahndung nach Vermissten und Langzeitverschwundenen gelernt.

 

Gab es das Promi-Zählen-Spiel in New York wie es im Roman vorkommt eigentlich wirklich?

 

Das alberne „Star-Watch-Bingo“ habe ich erfunden (lacht) und es ist eng verwoben mit einem anderen Running Gag im Buch: Vor Jahren las ich mal irgendwo, dass es in New York unmöglich wäre, eine Straße zu überqueren, ohne nicht wenigstens Robert de Niro zu begegnen. Mit diesen „Star-Geschichten“ in den New-York-Teilen des Romans, versuche ich auch an die Zeiten der glamourösen Superstars aus Film, Kunst und Mode zu erinnern, die gab es damals noch, in den späten 80ern und beginnenden 90er-Jahren. Das war eine Zeit, in der eben auch ein deutscher Künstler wie Gustav Glander in New York zum gefeierten und hochgejazzten Liebling und Superstar werden konnte.

 

Gib's zu, da ist auch einiges aus Deinem Leben im Roman versteckt?

 

Die Realität ist ja gerne mal Stichwortgeber für den Autor und mein erstes Buch „Monsieur, der Hummer und ich“ war stark biographisch geprägt. Schon bei „Schlaraffenland“ war das anders und im Roman sind es jetzt eher Erfahrungen und Erkenntnisse gastrosophischer Art, weniger konkrete Begebenheiten, die den Text prägen. Mit Vergnügen habe ich aber ein paar meiner Lieblingsongs und Bands im Buch „versteckt“.

 

Was möchtest Du den Lesern von „Der große Glander“ vermitteln?

 

Im besten Fall die Freude am Genuss und ein Verständnis dafür, was Genuss bedingt: Handwerk, Hingabe und Leidenschaft.

 

Verrätst Du uns ein Rezept von einem Gericht, das im Roman vorkommt?

 

Das wäre dann ja wohl die berühmte Zunge mit polnischer Sauce die im Buch einen großen Auftritt hat:

 

Dazu für 4 Personen 1 gepökelte Kalbszunge (ca. 900 g, beim Metzger vorbestellen) kalt abspülen und in einem Topf mit Wasser einmal aufkochen. Derweil 1 Bund Suppengrün und 3 Gemüsezwiebeln waschen, grob würfeln und in einem zweiten Topf mit reichlich Wasser, 3 Lorbeerblättern, 1 EL weißen Pfefferkörnern und 1 TL Salz aufkochen. Die Zunge aus dem ersten Kochwasser jetzt in den Topf mit den Gemüsen und Gewürzen geben und bei mittlerer Hitze zweieinhalb Stunden leise köcheln lassen.

Inzwischen für die polnische Sauce 4 Eier hart kochen und kalt abschrecken. Eine Mayonnaise herstellen: für die Zubereitung der klassischen Mayonnaise sollten alle Zutaten die gleiche Temperatur haben (Kühlschrank oder Zimmertemperatur), das verhindert ein mögliches Gerinnen. Die Eier sollten wirklich frisch sein. Die Mayonnaise im Kühlschrank aufbewahren und am Tag der Herstellung verbrauchen. 1 Eigelb mit 1 TL scharfem Senf, 1 TL Weißweinessig und 1 Prise Salz mit dem Schneidstab im Mixbecher pürieren. 150-200 ml Pflanzenöl erst tröpfchenweise, dann in dünnem Strahl untermixen. Mit Salz würzen und kalt stellen. 2-3 Salzgurken (oder Gewürzgurken) fein würfeln. Die gekochten Eier pellen und grob hacken. 1 Bund krause Petersilie hacken, 1 Bund Dill fein schneiden. 1-2 TL Kapern mit 1 EL Kapernflüssigkeit und allen vorbereiteten Zutaten unter die Mayonnaise rühren. Mit Salz, einer Prise Zucker, etwas scharfem Paprikapulver und einem Spritzer Kräuteressig fein abschmecken.

Zunge aus dem Kochwasser nehmen, kurz unter kaltem Wasser leicht abkühlen und dann, noch heiß, die Haut abziehen. Zunge in Scheiben schneiden und mit der Sauce servieren. Dazu passen Pellkartoffeln mit Kümmel.

 

Lieber Stevan, vielen Dank für das Interview!

 

Stevan Paul

1969 geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in seiner Heimatstadt Ravensburg, am Bodensee und im Allgäu, seit über zwanzig Jahren lebt er nun schon in Hamburg. Der gelernte Koch ist Autor zahlreicher Kochbuchbestseller, schreibt als freier Journalist kulinarische Texte und Reisereportagen für Zeitschriften und Magazine, ist Radiokolumnist.

Stevan Paul betreibt eines der meistgelesenen Genuß-Blogs im deutschsprachigen Raum.

www.nutriculinary.com www.stevanpaul.de

 

0 Kommentare

"Inspirierend und schön, wie verschieden jede arbeitet" - Ludmilla Bartscht im Interview

Acht deutsche SPRING-Zeichnerinnen haben in einer Schriftstellerresidenz nahe Bangalore acht ihrer indischen Kolleginnen getroffen und mit ihnen gemeinsam die aktuelle Ausgabe des SPRING-Magazins erarbeitet. In den Comics und Zeichnungen erzählen sie vom Leben als Frau in unterschiedlichen Kulturen, von Vorbildern, offenen Fragen, Sexualität, Stolz, Gewalt und Konflikten. Die Geschichten sind unterhaltsam und dramatisch, persönlich und allgemeingültig. Viele von ihnen drehen sich um einen oft ignorierten Zustand, den kaum einer anzusprechen wagt – "The elephant in the room", wie es im Englischen so schön heißt.

Ludmilla Bartscht erzählt uns im Interview von ihren Eindrücken und Erfahrungen während des Aufenthalts und von der Entstehung des neues SPRING-Magazins.

Wie sah euer Arbeitsalltag in Indien aus?

Zu Beginn haben wir einen Zeitplan für alle 10 Tage gemacht und jede hatte die Möglichkeit, einen kleinen Workshop anzubieten. Die ersten Tage gab es nach dem Frühstück eine Art Zeichen-Warm-Up. Von reinen Zeichenübungen bis zu Kreativ- oder Textübungen gab es alles.

Nach diesem gemeinsamen Start in den Tag hat sich jede einen Arbeitsplatz gesucht und für sich überlegt, skizziert, gezeichnet. Da es nicht wirklich viele Zeichentische gab, hatten manche ihren Arbeitsplatz auf dem Bett, auf einer Decke auf der Wiese oder auf einer Steinbank. Abends haben wir uns gegenseitig vorgestellt, was wir machen.

Nach zwei Tagen hatten wir die erste große Besprechungsrunde, in der wir uns gegenseitig die ersten Ideen und Ansätze gezeigt und erzählt haben. Da wir 16 Zeichnerinnen waren, ging das sehr lang und wir mussten das aufteilen. Dann hat sich wieder jede an ihren Arbeitsplatz zurückgezogen. Wer wollte hat das Gespräch zu zweit oder in Kleingruppen gesucht. Wir waren ja auf kleinem Raum zusammen, so dass man immer irgendwo jemanden fand und im Vorbeigehen sehen konnte, was sie gerade macht.

Welche Erfahrungen habt ihr gesammelt?

Ich denke, jede hat für sich andere Erfahrungen gemacht. Für mich war es sehr inspirierend und schön zu sehen, wie unterschiedlich jede arbeitet. Gleichzeitig fand ich es manchmal schwer, mich auf das eigene Projekt zu konzentrieren, weil ich am liebsten allen über die Schulter geschaut hätte, um mitzubekommen, wie sich deren Projekte entwickeln. Ich hatte meinen Arbeitsplatz unter einem kleinen Baum, der mir Schatten spendete. Wenn ich sehr konzentriert arbeiten wollte, hörte ich Musik über meine Kopfhörer, wenn ich offen für Gespräche war, hatte ich sie nicht auf. Wenn jemand Lust hatte, war sie willkommen, sich zu mir auf meine Decke zu setzen. Entweder sprachen wir dann über ihr Projekt oder über meines oder über ganz anderes.

 

Gegen Ende haben wir die Warm-Ups durch Gruppen-Besprechungen ersetzt. Uns war es sehr wichtig, immer wieder einen Austausch herzustellen und die Geschichten gegenseitig zu begleiten und zu fördern. Ich fand es außerordentlich spannend, wie sich die Geschichten von der ersten Idee bis hin zum fertigen Beitrag entwickelt haben. Ich bin zum Beispiel ganz woanders gelandet, als ich erwartet habe. Ursprünglich wollte ich einen „klassischen" Comic machen, habe aber aus Ratlosigkeit zwischendurch Ananas-Strips gezeichnet … tja, und am Ende wurde das dann mein Beitrag. Ohne den Zuspruch der Gruppe hätte ich das nicht gewagt.

Habt ihr in der Zeit dort etwas gelernt?

Ich habe für mich gelernt, dass die Bedürfnisse nach Anerkennung, Unabhängigkeit oder Zuneigung überall gleich sind und eigentlich nur die Rahmenbedingungen anders und dementsprechend Einfluss auf jede Einzelne haben.

 

Was war das Highlight eures Aufenthalts?

Natürlich war das Essen ein Highlight. Vegetarisch, immer frisch und sehr vielseitig. Einfach köstlich!

Wovon habt ihr euch für eure eigene Geschichte inspirieren lassen?

Auch hier war der Zugang zu einer Geschichte sehr unterschiedlich. Viele haben ihre Inspiration in der eigenen Biografie oder Familiengeschichte gefunden, aber es gab auch Themen, bei denen wir gemerkt haben, da hat jede eine Story zu erzählen. So sind die kurzen Geschichten/Comic-Strips wie die Bra-Stories im neuen SPRING entstanden. Wir hatten viel Spaß dabei, uns gegenseitig die absurdesten Geschichten zu erzählen, aber auch tragische und erschreckende Erfahrungen haben wir ausgetauscht. Natürlich hat nicht alles den Weg in das neue Spring gefunden. Teilweise weil wir das nicht wollten und weil wir auch fanden, wie wichtig es ist, Mut zu machen. Gleichzeitig nichts zu verschweigen, ein Mittelmaß zu finden, das ist die Kunst. Ich hoffe, das ist uns mit dem neuen SPRING gelungen!

Fotos: Larissa Bertonasco

 

0 Kommentare

Archiv: