Bin im Garten - »Die Philosophie des Gärtnerns«

Von Blanka Stolz

 

Am 1. März 2017 erscheint »Die Philosophie des Gärtnerns« in unserer Philosophie-Reihe. Als Vorgeschmack veröffentlichen wir hier eine gekürzte Fassung des Vorworts der Herausgeberin, Blanka Stolz, ergänzt mit Fotos aus dem Garten.

 

 

Ich stehe im Garten des Bergbauernhofs Munt la Reita im Tessin. Es ist Mai, aber noch sehr kalt und winterlich. Der Garten ist mit Heu abgedeckt, die Zweige der Johannisbeerbüsche sind zusammengebunden, damit sie den Schnee überstehen, ohne zu brechen. Es gibt kaum Grünes, nur der Rhabarber hält sich wacker, ansonsten ist alles braun in braun. Ich denke: Niemals wird dieser Garten grün, bunt blühend und dicht bewachsen sein. Ich frage mich, woraus andere dieses Vertrauen in den Kreislauf der Natur ziehen. Was treibt einen philosophierenden Gärtner oder einen gärtnernden Philosophen an, jedes Jahr aufs Neue Spaten und Hacke in die Hand zu nehmen und mit der Gartenarbeit loszulegen?

 

Steht man in einem Nutzgarten, ist die erste, offensichtliche Antwort auf die Frage, warum all die Mühe und Arbeit: Selbstversorgung, die satt und glücklich macht. Die nächste Frage schließt sich direkt an: Was pflanzt man an und wie viel davon? Welches Saatgut und welche Sorten wählt man? Was gedeiht in einem Garten in den Bergen auf 1.400 Meter Höhe, und was braucht man vielleicht gar nicht erst anzupflanzen? Verena Senn, die gemeinsam mit ihrem Mann Markus seit dreißig Jahren den Garten auf Munt la Reita ökologisch bewirtschaftet, weiß, was sich lohnt und was nicht.

 

Mir dagegen fehlt noch das Vertrauen, dass Sonne, Wärme und Wasser die Pflanzen werden sprießen lassen. Gemeinsam stehen wir im Nebel und versuchen, den Garten, die zukünftigen Beete und Wege auf Papier zu zeichnen und einen Plan zu machen. Wir tun also das, was Gärtner schon immer getan haben, wir legen fest, was wir wohin pflanzen, und bestimmen die Grenze zwischen wilder Natur und angelegtem Garten durch Beete, die Wege dazwischen, Hecken und Büsche. Der menschliche Gestaltungswille ist es, der einen Garten ausmacht. Und doch macht der Garten letztendlich, was er will. Er verändert sich fortwährend, die Natur wächst aus sich heraus, ist unberechenbar, treibt Blüten – und der Gärtner muss seine Position dazu laufend neu bestimmen.

 

Ein weiterer Faktor, den der Gärtner nicht beeinflussen kann, ist das Wetter. Und es spielt nicht erst bei der Ernte eine Rolle, sondern bereits bei der Aussaat. Auf dem Hof bestimmen im Mai die Wettervorhersage und die Aussaattage, wie sie Maria Thun in ihrem Kalender festlegt, die Arbeiten im Garten. Es fühlt sich so an, als würde es immer dann stark regnen, wenn gerade Aussaattag für Kartoffeln, Sellerie und Radieschen ist – nämlich Wurzeltag. Ich verbringe Stunden im trockenen Gewächshaus auf den Knien und jäte.

 

 

Eine Woche später, der Regen macht eine Pause und es ist Wurzeltag: die ersten hundert Saatkartoffeln sind in der Erde versenkt, die ersten Zwiebeln gesteckt und zwei Reihen Rüben gesät. Die Kartoffeln bedecken wir mit Kompost und einer dicken Mulchschicht aus Ziegenmist und Heu. Die Erde ist durch die Heuschicht vor Wind und Sonne geschützt und trocknet nicht so stark aus, Unkraut und Schnecken werden ein Stück weit zurückgehalten. Bei jeder Schicht, die wir über die Pflanzen decken, hoffe ich, das Richtige zu tun.

 

Das Richtige tun. Die alte Sehnsucht, ein gutes Leben zu leben, die sich seit Aristoteles durch die Philosophiegeschichte zieht, schwingt bei der Frage, was einen zur Gartenarbeit motiviert, immer mit. Wird man ein besserer, tugendhafterer Mensch, wenn man Land kultiviert, Pflanzen sät und pflegt, wenn man gärtnert? Im Garten auf Munt la Reita wird die gärtnerische Tugendhaftigkeit in diesem Mai auf eine harte Probe gestellt: Es fällt noch einmal Schnee. Die Sommerperiode – mit Temperaturen und einer Sonneneinstrahlung, die die Pflanzen in dieser Höhe wachsen lassen – ist kurz, kürzer als im Flachland, langes Zögern kann man sich nicht erlauben. Wir haben das Gefühl, dass uns die Zeit davonläuft, weil wir mit dem Anpflanzen nicht weitermachen können. Zum Glück bleibt es ein kurzes Intermezzo, der Schnee ist schnell wieder weg, wir bereiten die Reihen- und Hügelbeete vor und fangen an, die im Gewächshaus vorgezogenen Kohl-, Kohlrabi und Krautstielsetzlinge rauszupflanzen.

 

Ruhe und meditatives Handeln scheint die Arbeit im Garten zu vermitteln, eine Geisteshaltung, die Philosophen von Epikur bis Hume als Lebensziel beschreiben. Im Vergleich zur digitalen Welt, in der man sein Leben im Gehen online zusammenklickt, erfordert ein Garten körperliche Tätigkeit. Warum die Büromenschen einmal mehr ins Grüne flüchten und die Gärten in die Städte zurückkehren, liegt aber in mehr als in der mangelnden Bewegung begründet, die die heutigen Gärtner gar zu Sportlern macht. Obst und Gemüse gibt es in Bioqualität auf dem Markt oder in Supermärkten, der Eigenanbau ist unter Umständen nicht kostengünstiger. Das Gärtnern ist keine Notwendigkeit mehr. Und dennoch scheint das gemeinschaftliche Selbermachen, die Suche nach individuellen Formen und Flächen für die Arbeit mit der Natur – ob in der Stadt, im Umland oder auf dem Land – die Antriebskraft der nächsten Gärtnergeneration zu sein. Deren Gärten sehen nicht mehr aus wie aus dem Baumarktprospekt. Die Rasenflächen und Koniferen weichen Obstbäumen, selbst gezimmerten Hochbeeten und Wildhecken. In diesen Generationengärten, interkulturellen Gärten, Nachbarschafts- und Gemeinschaftsgärten, aber auch in den im urbanen Raum bewirtschafteten Brachflächen scheint durch das Gärtnern neben den Pflanzen noch etwas anderes zu wachsen: verloren geglaubte Gemeinschaft, Sinnhaftigkeit und Achtsamkeit. Auch wenn der urbane Garten vielleicht an manchen Orten zum zeitgeistkonformen Projekt, zum Lifestyle-Objekt oder Geschäftsmodell wird oder schon geworden ist, so ist er in erster Linie doch auch ein Versuch der heutigen jungen Generation, das Verhältnis von Stadt und Natur oder von Gesellschaft und Natur neu zu denken und zu formen. Der Garten bleibt einmal mehr ein Sehnsuchtsort, ein Paradies.

 

 

Anfang Juni freue ich mich über jedes grüne Pflänzchen im Garten. Langsam wird sichtbar, was mal Mohn, Malven, Calendula und Hornveilchen werden. Ich hoffe, dass das, was ich beim Jäten stehen lasse, später mal Echte Kamille sein wird. Nach ein paar Wochen stellt sich heraus, dass sich die Echte Kamille von ganz alleine am Rande des Kartoffelackers breitgemacht hat, ich aber Geruchlose Kamille großgezogen habe. Unkraut – oder Wild- und Beikräuter, wie sie auch gerne genannt werden – kann der Gärtner entweder tolerieren, sie mit auf den Speiseplan nehmen oder er kann sie konventionell bekämpfen. Es gibt keinen Garten ohne jene Pflanzen, die einfach so von selbst immer wiederkommen. Und kann es nicht vielleicht auch sein, dass wir auch im Leben jenseits des Gartens zu offeneren und verständnisvolleren Menschen werden, wenn wir im Kleinen das Fremde akzeptieren? Im Garten auf Munt la Reita wählen wir, was das Unkraut angeht, einen Mittelweg: Wir versuchen, den Pflanzen, die wir gesetzt haben, Luft zum Wachsen zu verschaffen, indem wir das Unkraut entfernen und größtenteils als Gründünger auf die Mulchschicht legen. Wir halten die Wege halbwegs frei und freuen uns über sich selbst verbreitende Akelei, Frauenmantel, Margeriten und Johanniskraut.

 

Für das viele Jäten und die Vorbereitung der Beete sind in einem Garten dieser Größe helfende Hände gerne gesehen. Es sind viele, die im Garten mitarbeiten, die teilweise schon seit Jahren immer wieder auf den Hof kommen und den Garten gut kennen. Jeder bringt sein eigenes Gartenwissen mit und pflanzt es ein. Zum Jäten und Wurzelentfernen gehört schließlich auch das Wissen darum, was man entfernt und was man stehen lässt. Auf Munt la Reita erklärt Verena gerade einer Gruppe junger Männer, wie gründlich man den Bärenklau, der im Garten wuchert, entfernen muss. Die Frauen schippen derweil Kompost. Ist Gärtnern etwas typisch Weibliches oder Männliches? Gärtnern die Geschlechter unterschiedlich? Wirkt sich das soziale Geschlecht auf das Gärtnern aus? Alle werden von der Gartenarbeit schmutzig, die Nagelränder werden tiefschwarz und man schwitzt. Es ist nicht nur körperliche Ausdauer, die man im Garten braucht, sondern auch mentale. Nicht jeder hält es lange aus, alleine mit sich und seinen Gedanken in gebückter Haltung in der Erde zu wühlen. Bei den meisten stellt sich schnell Langeweile ein. Wir fangen an, das Unkraut als Gegner mit verschiedenen Schwierigkeitsleveln zu sortieren, und erfinden als Challenge für das Endlevel: die Unkrautpflanze im Ganzen bis zur kleinsten Wurzel rausziehen. »Und wie macht man das?« – »Mit viel Gefühl oder roher Gewalt«, ist meine Antwort.

 

 

Der Garten auf Munt la Reita ist nach Prinzipien der Permakultur angelegt. Die ethischen Grundgedanken der Permakultur zur naturnahen Bewirtschaftung von Flächen lassen sich auf städtische Permakulturprojekte genauso zu wie auf solche auf dem Land anwenden: achtsamer Umgang mit Ressourcen, Menschen und Tieren, langfristige Regenerationszyklen, Selbstbegrenzung und Rückverteilung, nicht Monokultur, sondern Vielfalt, die eine essbare Landschaft hervorbringt. Die Unterschiede zwischen Permakultur in der Stadt und auf dem Land lassen sich dabei an praktischen Gegebenheiten ablesen: zum Beispiel an der Frage, ob fruchtbarer, nicht kontaminierter Boden vorhanden ist, was auf dem Land meist von Natur aus der Fall ist, aber auch an freien Flächen zum Anbauen und großen Kompostvorräten. Das sind die Voraussetzungen, die Stadtgärtner oft erst einmal schaffen müssen. Was es dem Permakulturgarten dagegen in der Höhe der Berge schwer macht, sind die fehlende Wachstumszeit, die niedrigen Durchschnittstemperaturen und die kurze Erntesaison. Trotzdem wächst auf 1.400 Metern mehr, als man erwarten würde.

 

Der Sommer kommt Ende Juni, die Heuernte beginnt. Der Garten wird zusehends grüner und die Pflanzen wachsen. Die ersten Beete müssen nachgejätet werden. Eines Morgens kann ich durch einen Johannisbeerbusch durchschauen. Das konnte ich tags zuvor noch nicht. Die Raupen des Kohlweißlings fressen gnadenlos alle Blätter der Roten Johannisbeere auf. Sie stoppen erst an den Schwarzen Johannisbeeren, die mögen sie nicht. So unaufhaltsam, wie sich die Raupen durch die Büsche fressen, so stoisch sammeln wir jeden Tag die Raupen von den Blättern ab und besprühen die verbleibenden Pflanzen mit einem stark duftenden Aufguss aus Wermut und Anis. Ich lerne, dass Stoizismus eine der größten gärtnerischen Tugenden ist: nicht aufgeben, weiter sammeln.

 

 

Es wird wärmer und trockener. Wir gießen mehr und mehr. Meist per Hand am frühen Morgen mit Wasser, das in alten Badewannen gesammelt wird. Mitunter sind vier Personen eine Stunde lang mit Gießen beschäftigt. Ich wiederhole tagtäglich die Leitsätze, die ich Gelegenheits- und Nachwuchsgießern mitgebe: »Immer die Erde wässern, nicht die Pflanze. Die Goldmelisse mag den festen Strahl am Boden. Die Kartoffeln brauchen nichts.« Die Ecken im Garten, die mit Sprenger und Rieselschläuchen automatisiert bewässert werden, gedeihen besser, die Pflanzen wachsen schneller und sind größer. Obwohl das nicht die Kategorien sind, in denen dieser Garten angelegt ist, werden im Sommer große Teile des Gartens auf automatisierte Bewässerung in den frühen Morgenstunden umgestellt. Einmal mehr kommt der Faktor Zeit zum Tragen. Wenn vier Personen nicht gießen müssen, können sie etwas anderes tun. Wie viele Menschen benötigt man, um solch einen großen Garten zu bewirtschaften? Kann ein Garten effizient gepflegt werden, ohne ein professioneller Gemüseanbaubetrieb zu sein? Was bedeutet Effizienz in einem ökologischen Garten?

 

Der Garten wächst und gedeiht unter der Sommersonne. Am 4. Juli öffnet sich die erste Calendulablüte, wir ernten Pflücksalat Misticanza und wunderschön rot gesprenkelten Forellensalat. Zwei Schalen Erdbeeren sind uns im Juli gegönnt. Mehr nicht, es ist kein Erdbeerjahr. Mohn in der Steinmauer, Margeriten, Malven und Sonnenblumen machen den Garten bunt. Ich stehe mittendrin und diskutiere die Frage, wie viel Garten man braucht, um sich selbst, eine Familie, ein ganzes Team zu versorgen und auch noch etwas im Hofladen zu verkaufen? Wann reicht es nicht, was ist genug und wann ist es zu viel?

 

 

Mitte August, es ist heiß. Man kommt im Garten auf den Wegen kaum noch durch, weil sich die Pflanzen ausbreiten. Jetzt ist der Garten so, wie ich ihn mir im Mai nicht habe vorstellen können. Wir sammeln Calendula-, Kornblumen-, Hornveilchen-, Goldmelisse- und Malvenblüten für Tee und Kräuter für die Küche und trocknen diese im Trockenhaus, der Schatzkammer des Gartens. Die Zeit der Johannisbeere beginnt, trotz des Kahlfraßes im Juni. Fast jeden Tag verarbeitet eine gute Seele einen großen Topf Johannisbeeren zu Konfitüre, Gelee und Sirup. Schnittlauchknospen legen wir in Essig ein, Krautstiel, Kohlrabi, Bohnen und Zucchini frieren wir zum Teil ein – auch wenn es direkt aus dem Garten in die Pfanne immer am besten schmeckt. Die Rüben und der Fenchel sind schneller aufgegessen als gedacht, die Zwiebeln lagern wir trocken im Heizungsraum. Die Kohlköpfe und der Wirsing sind so groß und schön wie der Mond. Wir hängen sie an Schnüren im Keller auf und hoffen, dass sie sich gut halten. Der Freude, in diesen reichen Garten zu gehen und sich zu nehmen, was man braucht, steht das Gefühl gegenüber, dass der Garten uns zu diesem Zeitpunkt auffrisst und nicht wir ihn. Der Garten fordert einen täglich heraus. Schaut man heute nicht hin, weiß man, dass man morgen das Doppelte zu tun haben wird. Das sind sie wieder, die Freuden und Mühen des Gärtnerns.

 

 

Es ist noch einmal warm genug, um im Garten zu sitzen. Mittendrin, auf frisch gejäteten und gemulchten Wegen. Der Garten ist hier kein Ort zum Verweilen mit Bänken oder einer Laube, wie man es aus Landschafts- oder Schrebergärten kennt. Der Garten, in dem ich stehe, ist dagegen ein Ort, der Arbeit schafft: pflanzen, jäten, gießen, der eben aber auch mit der Lebendigkeit, den Farben und dem Duft des Sommers und einer reichen Ernte für diese Arbeit belohnt.

 

In seiner Beziehung zum Garten drückt der Gärtner auch sein Verhältnis zur Welt aus. Der Gärtners könnte im besten Fall mit der Welt im Ganzen so wohlwollend und vorausplanend umgeht wie mit seinem Garten. Das wäre eine Philosophie des Gärtnerns, in der der Gärtner seine kleinen Erkenntnisse aus dem Garten auch auf andere Lebensbereiche überträgt und in die Welt mitnimmt. So wird – frei nach dem französischen Landschaftsarchitekt Gilles Clément – jeder verantwortlich lebende Mensch zum Gärtner und alle Menschen werden so »Bewohner eines einzigen Gartens. Ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt, es handelt sich immer um ein und denselben Garten: den Erdball.« Dieser wohlwollende Gärtner, der im Kleinen auch das Große richtig macht, mag ein nicht erreichbares Idealbild sein. Gerade deshalb haben jeder Garten und jeder Gärtner seine Berechtigung.

 

Im ersten Schnee im Oktober schneiden wir die Johannisbeersträucher und binden sie zusammen. Der Winter kann kommen. Die Hühner ziehen von ihrer Sommerwiese in den Garten. Sie picken und scharren und bescheren uns hoffentlich für das nächste Jahr wieder möglichst schneckenfreie Kopfsalate. Die Tomaten sind nicht rot geworden. Die Zeit und die Sonne haben nicht gereicht. Immerhin: Aus grünen Tomaten lässt sich ein gutes Chutney machen.

 

 

Die Texte der »Philosophie des Gärtnerns« greifen die in dem Text gestellten Fragen auf und vertiefen die einzelnen Aspekte des Gärtnerns. Die Autorinnen und Autoren zeigen aus verschiedenen Blickwinkeln eine Vielzahl von Gärten und Gedanken zum Gärtnern. Im Sinne einer praktischen Philosophie des Gärtnerns geht man aber am besten einfach los, nämlich in den Garten, und tut etwas.

 

Fotos: Blanka Stolz

Blanka Stolz (Hg.)
»Die Philosophie des Gärtnerns«

Mit Beiträgen von Brunhilde Bross-Burkhardt, Severin Halder, Judith Henning, Annette Holländer, Miriam Paulsen, Dagmar Pelger, Maximilian Probst, Roberta Schneider, Sarah, Thelen, Kristina Vagt, Nicole von Horst, Elke von Radziewsky, Dieter Wandschneider.


Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung
200 Seiten | 18,90 Euro
 ISBN 978-3-938539-43-9

Auch als E-Book erhältlich.


Erscheint am 1. März 2017

 

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"Schreiben Sie noch, Herr Maack?" - Benjamin Maacks Dankesrede zum Hermann-Hesse-Literaturförderpreis

Schreiben Sie eigentlich noch? Vor Kurzem hat Benjamin Maack in Karlsruhe den Hermann-Hesse-Literaturförderpreis bekommen und eine Dankesrede gehalten. Der Vorsitzende der literarischen Gesellschaft, Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann, hatte ihn einige Wochen zuvor am Telefon gefragt, ob er eigentlich noch als Autor aktiv sei. Dies ist seine Antwort.

Daniel war dabei und hat die Rede per Mobiltelefon mitgeschnitten. Eigentlich nur für Benjamins Frau. Seine Erlebnisse der letzten Jahre sind dramatisch und sehr persönlich. Seine Rede fanden wir weit mehr als das. Denn manchmal werden die übelsten Erlebnisse zu lehrreichen Geschichten. Deshalb haben wir Benjamin gefragt, ob wir sie auf unserer Seite zeigen dürfen. Hier ist sie:

 

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Tirana

Von Dorian Steinhoff

Dorian Steinhoff (Foto: Artan Begolli)
Dorian Steinhoff (Foto: Artan Begolli)

 

Dorian Steinhoff ist zur Zeit auf Einladung der Deutschen Botschaft als writer in residence in Tirana (Albanien). Letzte Woche schickte er von dort eine Mail, eigentlich nur an Familie und Freunde. Wir fanden sie aber so schön, dass wir ihn um Erlaubnis baten, sie hier zu veröffentlichen.

 

 

Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde,

vor meinem Haus stehen fünf Olivenbäume. Die Erntezeit rückt näher und jeden Tag liegen mehr Oliven auf dem Boden. Die Straßenhunde, von denen es ein paar gibt, scheinen sie nicht zu mögen. Vielleicht nagen sie lieber an den Ummantelungen der Stromkabel, die sich wie ein Aderastwerk an Holzmasten nach oben ranken und sich von dort über die Straße und gefühlt zu jeder Wohnung einzeln spannen. Das würde jedenfalls erklären, warum der Strom manchmal auch ausfällt, wenn es nicht gewittert. Heute zum Beispiel schon zwei Mal, immer nur kurz. Zack, alles aus. Meine Waschmaschine scheint es nicht zu stören, sie setzt ihr Programm einfach fort, sobald der Strom wieder da ist, und ich habe eine Kerze.

Meine Wohnung hat zwei Zimmer, einen sehr großen Balkon mit Blick auf die Berge und liegt in einem sechsstöckigen Haus auf einer ruhigen Einbahnstraße. Zu Fuß brauche ich ca. fünfzehn Minuten ins Stadtzentrum. Tirana ist laut und chaotisch. Lebendig und jung. Ein großes Durcheinander, das italienische, sozialistische und moderne Architektur, Minarette und byzantinische Kirchtürme seltsam ineinander keilt. Ich nehme an, was ich seltsam nenne, ist für einen Albaner einfacher Pragmatismus, der sich hier eben nicht an irgendwelche städtebaulichen Vorschriften zu halten hat.

Es fällt mir schwer, einen signifikanten Geruch oder ein bestimmtes optisches Merkmal herauszuheben, um deutlicher zu machen, wie es sich anfühlt, hier zu sein. Es ist alles auf einmal da. Der Geruch von Schmieröl aus einer offenen Motorradwerkstatt und der Duft von gegrillten Maiskolben, die ein Roma direkt vor dem Eingang verkauft. Marktstände, an denen zwei Tüten voll frischem Obst und Gemüse zwei Euro kosten, neben einem Vodafone-Store, neben einem Schuster. Dutzende protzige Autos, meistens von Mercedes oder BMW, mit viel zu jungen Typen am Steuer. Dazwischen alte deutsche Busse, von denen die Reklame nicht abgekratzt wurde. Sie kämpfen sich ständig hupend durch die meistens verstopften Straßen, die immer wieder Grünstreifen umspannen, in denen alte Männer auf Bänken vor uralten Popcorn-Maschinen sitzen und aussehen, als würden sie nur das leise Rauschen der Blätter über sich hören und nicht das Tosen der ganzen Stadt. Wer im Straßenverkehr zögert, hat verloren. Es fährt und geht immer der Stärkere, egal wo und egal wann. Und für den Stärkeren wird gebremst. Darauf ist Verlass.

Die Frauen sind sehr bedacht auf ihr Äußeres, gut gekleidet, ungefähr auf der gleichen Range wie bei uns, von Megahipster bis Plastik-Wimpern-Tussi ist alles dabei, aber immer erkennbar davon bestimmt, was Männern angeblich gefällt. Die Männer dagegen: unsichtbar. Ich glaube, mit schief auf dem Kopf sitzender Schiebermütze und bunten Socken bin ich für die Typen hier mindestens stockschwul, bzw. ein stockschwuler Clown. Im Fitnessstudio trainieren mehr Frauen als bei Holms Place in Köln. Aber sie machen nur Übungen für ihre Beine und ihre Pos. Die Männer trainieren nur ihre Oberkörper. Ich mache Ausfallschritte und mein Handtuch ist purpurpink: schwul!

Die Cafés sind immer voll. Ein Kaffee kostet 100 Lek (ca. 60 Cent), und die Albaner trinken sehr viel und sehr gerne Kaffee. Was bei uns das E-Mail-Schreiben ist, ist hier das Kaffeetrinken. Eine Absprache, ein Kaffee. "Let's have Coffee" ist vielleicht die treffendste Metapher für das Lebensgefühl in Tirana.

Eine andere Metapher dafür, wie die Dinge hier funktionieren, ist der Wasserhahn an meinem Küchenwaschbecken. Es ist eine herkömmliche Mischbatterie, die mit einem Hebel betätigt wird. Allerdings wurde der ganze Wasserhahn falschrum montiert. Der Hebel liegt hinter, nicht vor dem Hahn, und zeigt zur Wand, nicht zum Waschbecken. Daraus folgt, dass man den Hebel nur bewegen kann, wenn das Wasser voll aufgedreht ist. Drückt man den Hebel nämlich nicht bis zum Anschlag nach oben, bekommt man ihn nicht an der Wand vorbei. Und auch wenn das Wasser läuft, lässt er sich nur so bewegen, dass man an den Fliesen entlangschrammt. Aber hey, funktioniert, warmes Wasser, kaltes Wasser, alles da, ganz nach Bedarf. Und wer interessiert sich bitte für halbkreisrunde Kratzer auf Fliesen?

Und genauso laufen Dinge hier öfters. Mir gefällt das, es hält mich flexibel, spontan und confident, man hat gar keine andere Wahl, und in dieser Fluidität löst sich mein Deutschsein, meine Dinge-müssen-funktionieren-Perspektive ganz wunderbar auf. Keine besonders neue Reflexion über die Wirkungen des Reisens, ich weiß, aber come on, so geht es dem kleinen Pedanten in mir nun mal.

Ich werde oft gefragt, was mein Eindruck von Albanien ist, eigentlich fragt mich das jeder. Ich antworte dann, dass Albanien auf mich wirkt wie ein Teenager. Ein junges Land auf der Suche nach seiner Identität, bestätigungsbedürftig, darauf bedacht, nichts falsch zu machen, aber auch sehr stolz auf das bisher Erreichte, dabei unfähig nach außen, einem Fremden gegenüber, Schwäche oder Unwissen einzugestehen. Egal, wen man fragt, alle kennen den Weg. Als wir einmal den Abfahrtsort eines Busses suchten, standen drei Männer vor uns, die in drei unterschiedliche Richtungen zeigten.

 


Ich bin jetzt schon drei Wochen in der Stadt. Ich habe an einem Dada-Festival teilgenommen, auf dem ich Prosa las, und schlief in einem Hotel außerhalb der Stadt mit Blick auf ein Umspannwerk. Es gab eine Regendusche, und der Klodeckel war nicht festgeschraubt. Ich ernähre mich größtenteils von Salat, Schafskäse, Köfte, Börek, Joghurt, Mandarinen und Granatäpfeln. Ich trinke Amstel und Raki (einen klaren Tresterschnaps, nicht das türkische Aniszeug). Ich diskutierte mit einem griechischem Kulturwissenschaftler und einem kroatischen Dichter das Erstarken des Populismus in Europa. Ich besuchte meinen ersten Botschaftsempfang, sagte zu einem Kellner versehentlich zwei Mal Tschüß (mirupafshim) statt Danke (faleminderit), als er mir brachte, was ich bestellt hatte, und wurde vom Direktor der Nationalgalerie durch eine einzigartige Sammlung sozialistischer Kunst geführt. Ich fuhr ans Meer, spazierte am Strand entlang, vorbei an Dutzenden Hotels, die aussahen, als wären sie gebaut und dann nie in Betrieb genommen worden, nur um jetzt zu verfallen. Suchte ich nach einem Drehort für einen Horrorfilm, ich wüsste nun, wo ich ihn finden würde.

Ich gab einen Slam-Workshop an einem bilingualen Gymnasium und traf auf intelligente, ehrgeizige Kinder, die noch nie Musik- oder Kunstunterricht hatten und auf dem Niveau eines Deutsch-LKs literarische Texte in einer Fremdsprache schrieben, sich kritisierten, verbesserten und performten wie Hölle. Angetrieben von einem Aufstiegswillen und einer Zielstrebigkeit, die man an Gymnasien in Hamburger Elbvororten lange suchen kann. Zum Abschluss durfte ich den ersten Poetry Slam in der Deutschen Botschaft in Tirana moderieren. Es gab Standing Ovations und Häppchen. Die albanischen Lehrer tragen weiße Kittel.

Ich bekam den ersten Probedruck der Übersetzung meines Erzählbandes in die eine Hand gedrückt und in die andere einen Flachmann. Wenig später war ich mitten am Tag betrunken und überschwänglich stolz darauf, wie weit und wohin mich diese sieben Erzählungen bisher getragen haben. Ich schrieb Nächte durch, stand im sauberen Morgenlicht auf dem Balkon, rauchte, hörte der Stadt zufrieden beim Aufwachen zu, schlief zu wenig und hatte nach dem Aufwachen Bauschaum im Kopf. Ich wurde eingeladen und eingeladen und eingeladen und egal wie sehr ich es auch versuchte, ich durfte nicht einmal selbst bezahlen. Ich traf meinen Übersetzer und wurde nicht richtig schlau aus ihm. Ich wurde Zeuge davon, wie Pressearbeit auf Albanisch funktioniert. Zwei Telefonate beim Kaffeetrinken am Donnerstag ergeben ein zweiseitiges Interview in einer Tageszeitung am Samstag und einen Fernsehauftritt im Morgenmagazin am Montag. Ich wurde live als einer der „wichtigsten Schriftseller in Deutschland“ angekündigt, sollte dann die Nobelpreisvergabe an Bob Dylan kommentieren, und während ich redete, übertönte mich die Simultanübersetzerin im Studio über Lautsprecher und ich musste so tun, als hörte ich sie gar nicht.

Eine großartige Kollegin ist gerade zu Besuch und steckt mich mit ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihrer Ehrlichkeit, mit ihrem Enthusiasmus und ihrem energetischen Blick an. Ich durfte vor 60 Leuten Buchpremiere feiern und wurde gefragt, was ich mir wünschen würde, hätte ich einen Wunsch frei, und auf dem Tisch, vor dem ich saß, war ein Hakenkreuz eingeritzt. Ich hatte lange und viel zu signieren und musste mir dabei fast jeden Namen buchstabieren lassen. Ich bekam ungefähr 20 Facebook-Freundschaftsanfragen von Menschen, die ich noch nie gesehen habe, und frage mich, ob es als unhöflich gilt, sie nicht anzunehmen.

Morgen fahre ich für eine weitere Lesung nach Schkodra. Danach sind meine offiziellen Tätigkeiten vorbei. Am Wochenende will ich unbedingt ein  Fußballspiel im Stadion anschauen. Dann die ganze Woche schreiben und danach geht es auch schon wieder nach Hause. Am meisten freue ich mich auf Leitungswassertrinken und Roggenbrot.

Alle Liebe
euer Dorian

 

 

P.S.: Wer Dorian im albanischen Fernsehen sehen will - hier entlang.

 

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Heute erscheint: SPACE - Eine Entdeckungsgeschichte des Weltalls

Heute ist es soweit: Unser SPACE-Buch erscheint.

Es gibt ja schon ein paar Bücher über den Weltraum: Kinderbücher, Bildbände, Bücher für Physiknerds. Aber so ein Buch wie dieses gibt es bislang auf Deutsch noch nicht: Spannend erzählt und mit zahlreichen Anekdoten aus den doch zum Teil sehr abenteuerlichen Ereignissen, aus denen sich die Entdeckungsgeschichte des Weltalls zusammenfügt.
Eine große Lese-Empfehlung für alle, die Sterne, Raketen und Geschichten mögen!

Heather Couper und Nigel Henbest, Weltraumexperten der BBC, nehmen uns mit auf eine spannende Reise durchs All. Sie schildern, wie die Sterne den Menschen seit jeher begleiten und beeinflussen, wie der Kalender entstand, wer das Teleskop erfand und es zum ersten Mal gen Himmel richtete – aber vor allem: Was er dort sah. Erstaunlicherweise waren es sehr oft Hobby-Forscher und Freizeitastronomen, die von ihren Hinterhöfen aus viele großartige Entdeckungen machten und damit die Wissenschaft entscheidend voranbrachten – so wie etwa jener deutsche Apotheker, der in seiner Freizeit mehr Sonnenflecken entdeckte als jeder andere vor ihm, oder der Priester, der den Urknall »erfand«.

In klugen, verständlichen Texten spannen die beiden Autoren einen Bogen von den ersten Sonnenkalendern bis hin zu den modernsten Weltraumteleskopen und reisen dabei von Stonehenge und dem antiken Griechenland bis in die tiefsten Regionen des Weltalls. Wir erfahren, wie Sterne geboren werden, was Supernovae, Pulsare und Schwarze Löcher sind und woher Kometen und Meteoriten kommen. Zuletzt widmen sich die Autoren auch der vielleicht wichtigsten Frage: Sind wir allein im Universum?

Eine Entdeckungsgeschichte des Weltalls, unterhaltsam und spannend erzählt – für Neueinsteiger und Weltraumfans.

Aus dem Englischen von Daniel Beskos.
296 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung, 18,90 Euro.

Mehr Infos, reinlesen und bestellen:
-> http://www.mairisch.de/programm/heather-couper-nigel-henbest-space/

 

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"Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman" - Stevan Paul im Interview

Heute erscheint - nach den beiden Erzählbänden "Schlaraffenland" und "Monsieur, der Hummer und ich" - Stevans Pauls erster Roman: "Der große Glander". Darin wird der junge Künstler Gustav Glander im New York der 1990er-Jahre zum Star der Eat-Art-Bewegung. Seine kulinarisch geprägten Arbeiten und Aktionen sind spektakuläre Inszenierungen und treffen den Nerv der Zeit, Kritiker und Sammler stürzen sich auf die Werke des schweigsamen Deutschen. Doch der Erfolg bereitet Glander Unbehagen. Von einem Tag auf den anderen verschwindet er. Spurlos. Zwölf Jahre später: Ein Restaurant in Hamburg. Es herrscht Hochbetrieb in Küche und Service. Im Speiseraum sitzt auch der bekannte Kunstkritiker Gerd Möninghaus. Dem kommt einer der anderen Gäste seltsam bekannt vor. Zu spät fällt Möninghaus ein: War das etwa Glander? Als kurze Zeit später bislang unbekannte Skizzen des verschollenen Künstlers in der Redaktion auftauchen, beginnt der engagierte Journalist zu recherchieren. Seine Suche führt ihn von Hamburg nach New York, nach St. Moritz, an den Bodensee und ins Allgäu – und er macht dabei eine überraschende Entdeckung.

 

Wir haben Stevan ein paar Fragen zur Entstehung des Buches gestellt ... und ihn natürlich auch nach einem Rezept gefragt.

Stevan, Du bist Autor von vielen tollen Kochbüchern und zwei kulinarischen Erzählbänden. Warum hast Du nun einen Roman geschrieben?

 

Weil ich Lust dazu hatte! (lacht). Der Roman entstand tatsächlich parallel zu vielen anderen Projekten. Ich habe mir Zeit für die Entwicklung des Stoffes und der Figuren genommen und längere Auszeiten nur zum Schreiben.

 

Wie lange hast Du am Roman geschrieben und wie verlief der Schreibprozess?

 

Insgesamt waren es zweieinhalb Jahre in denen ich mir, jeweils im Winter, einige Wochen und Monate reine Schreibzeit erarbeitet habe. Begonnen hat es mit einem Stipendium der Kulturbehörde Hamburg, ich durfte damals im Januar 2014 vier Wochen im Laudinella Hotel in St. Moritz schreiben. Da habe ich auch gemerkt, dass ich ohne Ablenkung vom Alltagsrauschen am besten schreiben kann.

 

Erzählst Du uns ein bisschen, wie der Roman entstanden ist? Er spielt ja an verschiedenen Orten, hast Du die alle bereist? Woher kam die Idee für die Geschichte?

 

Die Geschichte hatte ich schon vor Jahren grob entwickelt, das Stipendium half, den Stoff anzugehen. Und tatsächlich habe ich alle Orte bereist, oder habe wahlweise eben auch dort gelebt. Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman, denn ich bin am Bodensee aufgewachsen, habe in Ravensburg den Beruf des Kochs erlernt. Seit zwanzig Jahren schon ist mir Hamburg neue Heimat geworden und auch da spielt der Roman, in den Restaurants und Magazin-Redaktionen der Gegenwart. Das Buch ist darüber hinaus allerdings wenig biographisch. Mich hat vielmehr die alte Frage beschäftigt, wie viel Kunst eigentlich im Kochen steckt – darüber wollte ich schreiben und dafür habe ich die Kunst gleich mit ins Boot geholt.

 

Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz
Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz

In dem Roman geht es ja auch um Kunst bzw. Eat-Art. Wie ist dazu Deine Beziehung? Und wie hast Du zum Thema Kunst recherchiert?

 

Essen und Genuss haben viel mit Kunst gemeinsam. Ein Tellergericht kann uns inspirieren, berühren, Gefühle auslösen – wie eine Gemälde, eine Fotografie, ein Musikstück. Der große Unterschied besteht darin, dass das Tellergericht nicht nur wesentlich vergänglicher ist, sondern dass wir uns das Tellergericht auch einverleiben können, es wird ein Teil von uns. Die Eat-Art erhebt das so lebensnotwendige, wie alltägliche Thema der Ernährung in allen Facetten zum Gegenstand der Kunst. Ich schätze die Eat-Art sehr, weil oft auch ein guter Humor mitschwingt, von Daniel Spoerris „Fallenbildern“ in den 60er-Jahren, über Dieter Roths „Literaturwürste“ bis hin zur wunderbaren, niederländischen Künstlerin Marije Vogelzang, die heute Food, Design und Philosophie in ihren künstlerischen Arbeiten und Aktionen vereint. Zur Eat-Art habe ich recherchiert, vor allem aber auch ein paar spannende Bücher über Kunstfälscher und Kunsthandel gelesen, und bei der Hamburger Polizei viel über die Fahndung nach Vermissten und Langzeitverschwundenen gelernt.

 

Gab es das Promi-Zählen-Spiel in New York wie es im Roman vorkommt eigentlich wirklich?

 

Das alberne „Star-Watch-Bingo“ habe ich erfunden (lacht) und es ist eng verwoben mit einem anderen Running Gag im Buch: Vor Jahren las ich mal irgendwo, dass es in New York unmöglich wäre, eine Straße zu überqueren, ohne nicht wenigstens Robert de Niro zu begegnen. Mit diesen „Star-Geschichten“ in den New-York-Teilen des Romans, versuche ich auch an die Zeiten der glamourösen Superstars aus Film, Kunst und Mode zu erinnern, die gab es damals noch, in den späten 80ern und beginnenden 90er-Jahren. Das war eine Zeit, in der eben auch ein deutscher Künstler wie Gustav Glander in New York zum gefeierten und hochgejazzten Liebling und Superstar werden konnte.

 

Gib's zu, da ist auch einiges aus Deinem Leben im Roman versteckt?

 

Die Realität ist ja gerne mal Stichwortgeber für den Autor und mein erstes Buch „Monsieur, der Hummer und ich“ war stark biographisch geprägt. Schon bei „Schlaraffenland“ war das anders und im Roman sind es jetzt eher Erfahrungen und Erkenntnisse gastrosophischer Art, weniger konkrete Begebenheiten, die den Text prägen. Mit Vergnügen habe ich aber ein paar meiner Lieblingsongs und Bands im Buch „versteckt“.

 

Was möchtest Du den Lesern von „Der große Glander“ vermitteln?

 

Im besten Fall die Freude am Genuss und ein Verständnis dafür, was Genuss bedingt: Handwerk, Hingabe und Leidenschaft.

 

Verrätst Du uns ein Rezept von einem Gericht, das im Roman vorkommt?

 

Das wäre dann ja wohl die berühmte Zunge mit polnischer Sauce die im Buch einen großen Auftritt hat:

 

Dazu für 4 Personen 1 gepökelte Kalbszunge (ca. 900 g, beim Metzger vorbestellen) kalt abspülen und in einem Topf mit Wasser einmal aufkochen. Derweil 1 Bund Suppengrün und 3 Gemüsezwiebeln waschen, grob würfeln und in einem zweiten Topf mit reichlich Wasser, 3 Lorbeerblättern, 1 EL weißen Pfefferkörnern und 1 TL Salz aufkochen. Die Zunge aus dem ersten Kochwasser jetzt in den Topf mit den Gemüsen und Gewürzen geben und bei mittlerer Hitze zweieinhalb Stunden leise köcheln lassen.

Inzwischen für die polnische Sauce 4 Eier hart kochen und kalt abschrecken. Eine Mayonnaise herstellen: für die Zubereitung der klassischen Mayonnaise sollten alle Zutaten die gleiche Temperatur haben (Kühlschrank oder Zimmertemperatur), das verhindert ein mögliches Gerinnen. Die Eier sollten wirklich frisch sein. Die Mayonnaise im Kühlschrank aufbewahren und am Tag der Herstellung verbrauchen. 1 Eigelb mit 1 TL scharfem Senf, 1 TL Weißweinessig und 1 Prise Salz mit dem Schneidstab im Mixbecher pürieren. 150-200 ml Pflanzenöl erst tröpfchenweise, dann in dünnem Strahl untermixen. Mit Salz würzen und kalt stellen. 2-3 Salzgurken (oder Gewürzgurken) fein würfeln. Die gekochten Eier pellen und grob hacken. 1 Bund krause Petersilie hacken, 1 Bund Dill fein schneiden. 1-2 TL Kapern mit 1 EL Kapernflüssigkeit und allen vorbereiteten Zutaten unter die Mayonnaise rühren. Mit Salz, einer Prise Zucker, etwas scharfem Paprikapulver und einem Spritzer Kräuteressig fein abschmecken.

Zunge aus dem Kochwasser nehmen, kurz unter kaltem Wasser leicht abkühlen und dann, noch heiß, die Haut abziehen. Zunge in Scheiben schneiden und mit der Sauce servieren. Dazu passen Pellkartoffeln mit Kümmel.

 

Lieber Stevan, vielen Dank für das Interview!

 

Stevan Paul

1969 geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in seiner Heimatstadt Ravensburg, am Bodensee und im Allgäu, seit über zwanzig Jahren lebt er nun schon in Hamburg. Der gelernte Koch ist Autor zahlreicher Kochbuchbestseller, schreibt als freier Journalist kulinarische Texte und Reisereportagen für Zeitschriften und Magazine, ist Radiokolumnist.

Stevan Paul betreibt eines der meistgelesenen Genuß-Blogs im deutschsprachigen Raum.

www.nutriculinary.com www.stevanpaul.de

 

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mairisch goes Amsterdam!

Wir haben unseren Verlagssitz für einen Monat in die Niederlande verlegt - und berichten darüber hier im Blog.

 












Amsterdam-Blog:

Bildergalerie: mairisch in Amsterdam

So, das wars! Für uns war der Monat in Amsterdam eine großartige, spannende, lehrreiche, anstrengende und lustige Aktion.
Und wir hoffen, Ihr hattet beim Lesen der vielen Blog-Texte und Interviews Spaß.

Zum Abschluss noch eine kleine Bildergalerie von uns - Danke fürs Mitlesen und bis bald.

 

Fotos von: Blanka Stolz, Peter Reichenbach, Hannah Zirkler, Daniel Beskos, Dorian Steinhoff.

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Indieverlage in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

 

Natürlich haben wir uns während unserer Zeit in Amsterdam auch auf die Suche nach tollen Indie-Verlagen begeben - und sind fündig geworden. Allerdings ist die Szene deutlich kleiner als in Deutschland. Neben den hier bereits vorgestellten Verlagen Podium, Bananafish und Das Mag haben uns diese Indies hier auch sehr begeistert:

 

Loopvis

Marije Sietsma gründete 2012 ihren eigenen kleinen Verlag Loopvis und managed ihn seitdem alleine, ab und an mit ehrenamtlicher Unterstützung oder unter Mithilfe von Flüchtlingen, und das neben einer Stelle als Journalistin für ein Gartenmagazin. Respekt!

 

Ihr Programm konzentriert sich auf besonders schöne und einzigartige Koch- und Kinderbücher, wie beispielsweise über das typisch niederländische Gericht Stamppot, aber auch ein Bildband über die Toilettenkultur der Niederländer ist in Planung. Die Gestaltung ist ihr dabei ganz besonders wichtig und ihre Bücher gewannen schon einige Designpreise.

 

Im letzten Jahr gründete Marije zusätzlich den Visclub. Jeder Mitglied bekommt sieben Mal im Jahr ein kleines Paket mit schönen Dingen und Büchern mit Fischthematik.

www.loopvis.nl

Neben den regulären Büchern erscheinen bei Loopvis seit einiger Zeit Okapi's – kleine, schön gestaltete Heftchen, die als Briefe verschickt werden können. Darunter gibt es ein Museumsbingo für Kinder, Gute-Besserungs-Geschichten oder Mobile zum Ausschneiden.

Einer unser Kinderbuch-Favoriten von Loopvis ist die modern abgewandelte Version von „Die sieben Geislein“: Großartige Illustrationen, ein wunderschönes Layout und vor allem echt knallige Farben.

Wintertuin

Wintertuin legt ebenfalls sehr viel Wert auf schöne Gestaltung und verlegt "eigensinnige" Bücher mit außergewöhnlichen Themen. Der Verlag bietet außerdem Schreibworkshops und Bootcamps für Autoren an, organisiert Lesefestivals und Podiumsdiskussionen und betreibt eine Bookingagentur für junge Autoren.

www.wintertuin.nl

 

Maven Publishing

Maven Publishing konzentriert sich auf das wissenschaftliche Zugänglichmachen von menschlichem Verhalten. Jedes Jahr veröffentlicht der Verlag die neuesten Erkenntnisse und Themen in diesem Bereich - und das sehr ansprechend gestaltet. Zudem organisiert das Verlagsteam regelmäßig Veranstaltungen.

www.mavenpublishing.nl

 

Uitgeverij Snor

Snor wurde 2006 gegründet und hat es sich zum Ziel gemacht, Alltägliches wie Hausarbeit, Handwerkliches und Kindererziehung etwas bunter und fröhlicher zu gestalten. Seitdem veröffentlicht der Verlag schön gestaltete Bücher, die Lust machen aufs Selbermachen. Ihren Blog füttert das Team regelmäßig mit tollen Interviews und Tipps zu diesen Themen. Im Webshop gibt es neben den Büchern schön verpackte Schokolade, Poster und Kalender. Einmal im Jahr veranstaltet der Verlag zudem ein Festival mit Workshops, Musik und leckerem Essen.

www.dewereldvansnor.nl

 

Uitgeverij Vrijdag

Der belgische Verlag Vrijdag veröffentlicht eigensinnige und besondere Belletristik, Sach- und Kinderbücher und das sehr erfolgreich. Viele der Bücher waren schon für große Preise nominiert und erhielten Auszeichnungen. Vrijdag kann also definitiv mit den großen Verlagen mithalten. Und das stilvoll, innovativ und überraschend, so ihr Motto. Nebenbei pflegt der Verlag seinen literarischen Blog und veranstaltet Lesungen.

www.uitgeverijvrijdag.be

 

Uitgeverij Karaat

Karaat wurde 2009 gegründet, seit 2010 erscheinen zwischen vier und sechs Bücher jährlich. Der Verlag legt großen Wert auf hohe Qualität der literarischen Titel und veröffentlicht längst vergessene Klassiker der Weltliteratur neben junger niederländischer Literatur. Besonderer Fokus liegt dabei auf Kurzgeschichten und Essays.
www.uitgeverijkaraat.nl

 

Uitgeverij Passage

Anton Scheepstra betreibt seinen Verlag Passage seit vielen Jahren in Groningen. Pro Jahr erscheinen etwa 20 Titel, darunter viele junge niederländische Autoren, aber auch Sachbücher, wissenschaftliche Texte und Bücher zur Region Groningen. Aktuell erschienen ist eine schön gestaltete Box mit 10 Lyrikbänden in einem Schuber. Außerdem ist Anton Scheepstra der Hauptmotor des niederländischen Indiebookday!
www.uitgeverijpassage.nl

 

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Unsere Begleiter: Reiseführer Amsterdam

Von Hannah Zirkler

 

Um nichts Wichtiges in Amsterdam zu verpassen, haben wir uns mit ein paar Reiseführern ausgerüstet und mit ihnen die Stadt erkundet. Hier unsere Begleiter:

 

Gestalterisch hat es uns besonders der CITIx60 Amsterdam von Viction:ary angetan.

 

Inhaltlich unterteilt ist dieser englischsprachige Reiseführer in die Kategorien Landmarks & Architecture, Cultural & Art Spaces, Markets & Shops, Restaurants & Cafés und Nightlife. Für jedes Interesse also etwas dabei.

Außerdem gibt es im hinteren Teil übersichtliche Karten und Platz für eigene Notizen. Dank handlicher Größe passt dieses Büchlein perfekt in jede Tasche.

 

Lieblingstipp: Mana Mana, ein israelisches vegetarisches Restaurant.

 

 

99 x Amsterdam wie Sie es noch nicht kennen aus dem Bruckmann Verlag ist ein etwas anderer Reiseführer, der 99 besondere Orte, Cafés und andere Sehenswürdigkeiten präsentiert, abseits der normalen Touristenattraktionen.

 

Lieblingstipp: Cafè Trust in De Pijp. Ein sehr schönes Café, in dem die Gäste selbst entscheiden können, wieviel sie für ihre Speisen und Getränke bezahlen.

 

 

 

 

 

 

Einen ähnlichen Ansatz hat auch 111 Orte in Amsterdam, die man gesehen haben muss aus dem Emos Verlag. Tolle Tipps für besondere Orte, die nicht in jedem Reiseführer stehen.

 

Lieblingstipp: Café Brecht, deutsches Bier und Wein, Bilder von Brecht und Marlene Dietrich an der Wand. In diesem schönen Café, das abends zur Bar wird, lässt sich ganz gemütlich das ein oder andere Bier trinken.

 

 

 

 

 

 

 

100% Amsterdam cityguide führt anhand verschiedener Spaziergänge durch die Stadt, sodass man nichts verpassen kann. Zudem gibt es Stadtpläne der jeweiligen Viertel, eine kleine ausführliche Karte zum Herausnehmen und sogar eine App mit GPS-Funktion.

 

Lieblingstipp: Roopram Roti, leckere Roti aus Surinam. Auch wenn die Einrichtung nicht die gemütlichste ist: Hier gibt es mit die leckersten Roti, die uns in der Stadt begegnet sind.

 

 

 

 

 

 

Der Styleguide Amsterdam von National Geographic ist prall gefüllt mit den besten und stylischsten Adressen der Stadt. Hübsche Cafés, tolle Restaurants, kleine Lädchen und schöne Orte zum Entspannen bietet dieser Guide, sortiert nach den einzelnen Stadtvierteln und reich bebildert.

 

Alle Reiseführer wurden uns netterweise von den Verlagen zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

 

 

 

 

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Hagelslag, Stamppot, Bitterballen und Co. - Futtern in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

Interviews führen, mit den Rädern durch die Stadt flitzen, Artikel schreiben und die ganz normale alltägliche Verlagsarbeit bewältigen: Alles macht hungrig. Neben den niederländischen und belgischen Bieren haben wir uns auch durch die landestypischen Leckereien gefuttert und möchten hier unsere Lieblinge präsentieren:

 

 

Frühstückszeit in Amsterdam, natürlich darf da ein Brot mit Hagelslag nicht fehlen. Diese Streusel, die wir Deutsche gerne zu Weihnachten auf unsere Plätzchen streuen, wandern hier in den verschiedensten Variationen zusammen mit Butter auf Brotscheiben, Croissants oder Brötchen. Zuckerschock am Morgen vorprogrammiert, aber wir lieben es!

 

 

Vor süßen Leckereien zu einer guten kopje koffee oder koffie verkeerd kann man sich hier kaum retten. Einer unserer persönlichen Favoriten ist der pink-glasierte Blätterteigkuchen gefüllt mit Vanillepudding, tom poes genannt. Die Glasur wird zu Festtagen auch gerne einmal in Oranje geändert. Nicht ganz einfach zu essen, aber hat definivit Suchtpotential.

 

Auch sehr lecker: Bossche Bollen aus dem Süden des Landes, ein mit Sahne gefüllter Teigball mit Schockoladenüberzug, oder Kersen Rastervlaai (Kirschkuchen). Natürlich haben wir auch diverse appeltaart met slagroom probiert. Wer keinen Kaffee mag, der trinkt hier gerne Chocomel, oben auf dem Bild in überdimensionierter Form am Strand von Zandvoort.

 

Weiterer Süßkram:

Am frühen Abend geht es hier gerne in eine Bar auf ein Bier und ein Gläschen Jenever (der Gin der Holländer).

 

 

Dazu gibt es meist eine Ladung Bitterballen mit Senf, das sind frittierte Fleischbällchen mit Ragout gefüllt, Kroket oder Frikandel. Oder auch Pommes mit diversen Soßen. Unser Favorit: Joppiesaus! (Besteht aus Öl, Zwiebeln und Curry).

 

 

Zum Abendessen gibt es hier auch richtig Deftiges, gerne auch mit Einschlag aus Indonesien oder Surinam (Roti!) - oder eben Stamppot, das niederländische Nationalgericht.

 

 

Und natürlich haben wir auch die berühmten FEBO-Automaten getestet. Favorit hier: Kaassoufflé!

 

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