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20 Jahre mairisch - Teil 4: Indie-Piloten (2013-2015)

Von Daniel Beskos und Peter Reichenbach

 

Freundinnen, Freunde!

Wir sind selbst etwas ungläubig - 20 Jahre gibt es den mairisch Verlag jetzt schon! Am 31. August 1999 sind wir (Blanka Stolz, Peter Reichenbach & Daniel Beskos) zum Gewerbeamt im südhessischen Rodgau gelaufen, schick angezogen, mit seltsamen Frisuren und einer Flasche Sekt und haben mairisch angemeldet. Wie es dazu überhaupt kam und was in den 20 Jahren alles passiert ist, wollen wir hier in unserer Blogserie erzählen. Wir haben tief in unseren Archiven gewühlt und jede Menge lustige Fotos, Flyer, Plakate und Videos ausgegraben. Viel Spaß!

Indiebookday

 

Das Jahr 2013 begannen wir mit einer ziemlich spontanen Idee, die bis heute einiges an Rummel mit sich bringt: Dem Indiebookday.

Die Veröffentlichungen aus den vielen kleinen "Indie"-Verlagen finden ja nur selten die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Im Musikbereich gibt es ja den Record Store Day,  an dem man eventmäßig in einen Plattenladen geht und sich da bestimmte Veröffentlichungen, bestimmte Läden und Labels anguckt, was man sonst vielleicht nicht machen würde. Wie wäre es, dachten wir, wenn man das auf die Buchwelt übertragen würde? Die schönsten Bücher aus unabhängigen Verlagen sollten für einen Tag im Vordergrund stehen. Und das sollte erstmal nicht durch die Medien oder den Handel kommuniziert werden, sondern durch die Leser*innen, und zwar einfach, indem sie Bücher kauften und ihre Käufe dann mit Bildern in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #indiebookday teilten. Im Februar 2013 bauten wir also eine kleine Webseite, legten ein Facebookevent an, luden 200 Leute dazu ein. Die Facebookeinladung wurde erstaunlich schnell geteilt, die Idee stieß vielfach auf Begeisterung, mehrere Tausend Menschen wollten teilnehmen. Dann meldeten sich einige Medien und Buchhändler*innen, fragten erstaunt nach, was das denn werden solle. Das erste Posting eines Teilnehmers ging dann um 6:21 Uhr morgens bei Facebook online. Um 13:30 Uhr brach unsere Webseite kurz zusammen, aber das hatte andere Gründe, die mit der Bürgermeisterwahl in einer kleinen Stadt in Russland zusammenhingen. Jedenfalls machten hunderte Teilnehmer bei Facebook und Twitter mit, auch in den Buchläden schien einiges los zu sein. Und wir selbst waren überrascht zu sehen, dass es doch tatsächlich noch Bücher und Verlage gab, die wir bislang nicht mitbekommen hatten. In den Postings erschienen so viele tolle Bücher aus unabhängigen Verlagen, dass sich unsere persönliche Leseliste schnell ausweitete und zu noch größeren Stapeln neben dem Bett führten..

Dass die Aktion auch von den Buchhandlungen angenommen werden würde, hatten wir gehofft, waren jetzt von den Reaktionen aber doch überrascht. Bis heute wiederholen wir den Indiebookday jährlich im März und sind wirklich begeistert, was alles von sich aus und ohne Budget passiert. Viele Buchhandlungen und Verlage (z.T. auch in anderen Ländern wie den Niederlanden, Polen, Österreich und sogar Brasilien!) machen mit, hängen Plakate auf, dekorieren Schaufenster und Tische und organisieren Lesungen und Podiumsdiskussionen. Der Indiebookday ist wirklich geworden, was er werden sollte: Ein Feiertag des unabhängigen Verlegens. Ein Tag, an dem Verlage, Buchhändler*innen und Leser*innen gemeinsam darüber sprechen, was für sie ein gutes Buch ist und unter welchen Bedingungen Bücher entstehen, verkauft und gelesen werden.

 

Die Chronik des ersten Indiebookdays kann man hier nachlesen. Fotos vom Indiebookday findet man heute vor allem unter dem Hashtag #indiebookday auf Instagram. Hier eine kleine Auswahl:

 

Räuberhände in der Schule und auf der Bühne

 

Über den Roman Räuberhände von Finn-Ole Heinrich hatten wir ja schon in Teil 2 des Rückblicks geschrieben. 2012 passierte dann etwas, womit wir alle nicht gerechnet hatten: Das Buch wurde Abitur-Pflichtlektüre in Hamburg, für zwei Jahre. Alle Abiturient*innen im Fach Deutsch würden es lesen! Und wir hatten keine Ahnung, was das alles mit sich bringen würde. Am ersten Schultag im August 2012 stand das Telefon bei uns nicht mehr still, Dutzende Schulen wollten Finn zu Lesungen einladen. Wir hängten einen Stadtplan von Hamburg an die Wand und versuchten, zu koordinieren. Finn, der eigentlich gerade mit anderen Büchern auf Lesereise war, machte so viele Veranstaltungen, wie er konnte, z.T. 3 bis 4 an einem Tag. Hin und wieder fuhren wir Finn im Auto, damit er seine Termine einhalten konnte.. Über 60 Räuberhände-Lesungen gab er in diesem Winter, wir legten mehrere Schulen zusammen, luden ins zweimal ausverkaufte Uebel&Gefährlich ein, und hatten irgendwann noch immer eine Warteschlange von mehr als Tausend Interessierten Schülern, so dass wir selbstbewusst den großen Saal des Thalia-Theaters anfragten - auch diese Veranstaltung war in wenigen Tagen ausverkauft.

 

A propos Thalia-Theater: In der Bearbeitung von Michael Müller hatte Räuberhände im August 2013 dort unter der Regie von Anne Lenk Premiere - und wird bis heute immer noch gespielt! Auch andere Theater (u.a. in Hagen und Oberhausen) führten das Stück auf.

 

Inzwischen sind zahlreiche Ausgaben des Romans erschienen, auch Sekundärliteratur und Unterrichtsmaterialien:

 

Jetzt auch bei mairisch: Sachbücher!

 

Team mairisch war immer schon radfahr- und radsportbegeistert, fast alle Wege wurden und werden mit dem Rad zurückgelegt, im Sommer lagen und liegen wir mit kalten Getränken vor dem Fernseher und verfolgen die Tour de France, später fuhren (okay, krochen) wir selbst Mont Ventoux und L'Alpe d'Huez hinauf. Bücher zur Fahrradkultur gab es aber irgendwie nicht. Schneller-Höher-Weiter-Trainingsbücher gab es, aber keine, die unsere Liebe zum Radfahren so beschrieb, wie wir sie wahrnahmen. Im Ausland wurden wir fündig - Cycling and Philosophy beschrieb in vielen klugen Essays unser Fahrradgefühl: Warum macht Fahrradfahren glücklich – trotz Regens, Gegenwinds und steiler Berge? Warum geht alles schief, wenn man sich zum ersten Mal auf eine lange Fahrradtour wagt? Wir strichen einige der englischen Texte und ergänzten die Anthologie mit deutschen Autor*innen, die über Themen schrieben, die aktuell waren. Unsere Sachbuchreihe war geboren. Nach Die Philosophie des Radfahrens folgten seitdem Bücher zu den Themen Klettern, Laufen, Kochen, Gärtnern und Singen. Hier die ersten drei:

 

PILOTEN

 

Im Herbst 2013 eröffnete mit dem Nochtspeicher ein neuer Veranstaltungsort in Hamburg-St. Pauli. Dort sollten auch regelmäßig Lesungen stattfinden, und wir waren eingeladen, dabei zu sein. Wir entwickelten also das PILOTEN-Konzept: Ein aktuelles Buch, dazu ein(e) noch unveröffentlichte(r) Autor*in. Viel Zeit für Gespräch & Getränke.

 

2013 und 2014 fanden insgesamt 8 schöne Lesungs-Abende statt, mit tollen Gästen, u.a. waren dabei:  Jochen Schmidt, Saša Stanišić, Katharina Adler, Dorian Steinhoff, Lisa Kreißler, Michael Weins, Stefan Beuse, Simon Urban, Spaceman Spiff und einige andere. Superseltsam ist allerdings die Tatsache, dass wir keinerlei Fotos davon haben - wenn jemand also welche hat, schickt sie uns gerne!

Preise!

 

Neben den vielen Preisen und Stipendien für unsere Autor*innen durften wir uns auch mehrfach selbst freuen: Zuerst erhielten wir auf der Leipziger Buchmesse 2014 den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung (der Hauptpreis ging an die lieben Kolleg*innen vom Verbrecher Verlag).

 

Auf der gleichen Messe gab es dann noch den Buchmarkt-Award in der Kategorie "Event" sowie den Sales Award des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in der Kategorie "Innovationspreis", beide für unsere Idee des Indiebookday.

 

2015 wurde uns dann erneut große Ehre zu Teil: Wir erhielten den K.-H. Zillmer-Verlegerpreis 2015 für "herausragenden verlegerischen Idealimus".

 

Debütant*innen

 

In unserem Verlagsprogramm erschienen in diesen Jahren eine ganze Reihe weiterer großartiger Titel, und wir konnten viele neue Autor*innen mit ihren Debüts bei uns begrüßen: Lisa Kreißler mit ihrem Roman Blitzbirke, dazu zwei starke Erzählbände von Dorian Steinhoff (Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern) und Florian Wacker (Albuquerque).

Auch im Grapic Novel-Segment gab es neue Titel in Kooperation mit dem AFKAT-Förderpreis: Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen von Sohyun Jung (eine Graphic Novel über die Erfahrungen einer Koreanerin mit der deutschen Küche und ihre Suche nach dem echten Kimchi - dazu boten sich natürlich kulinarische Buchpräsentationen an ...) und die biographische Erzählung Die Wurzeln der Lena Siebert der Berliner Zeichnerin Raphaela Buder.

 


 

Und schließlich wagten wir uns noch an die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches: Als wir 2002 nach Hamburg gekommen waren, war eins der ersten Bücher, das uns über den Weg lief, der Roman Goldener Reiter von Michael Weins, damals erschienen als Taschenbuch bei Rowohlt. Schnell wurde es zu einem unserer absoluten Lieblingsbücher - das jedoch inzwischen schon lange komplett vergriffen war. Gemeinsam mit Michael fassten wir den Plan, diese wunderbare Geschichte über einen kleinen Jungen, seine Mutter und ihr gemeinsames, aufreibendes Jahr neu zu veröffentlichen, im Hardcover und mit goldenem Umschlag. Und Michael legte dann gleich noch einen Erzählband, illustriert von Katharina Gschwendtner nach: Sie träumt von Pferden.

 

Spaceman Spiff - Neues Album und Tour mit Enno Bunger

 

 

Im Januar 2014 erschien das neue Spaceman-Spiff-Album namens Endlich Nichts - und es ging zunächst auf große Bandtour, dann im Herbst auf noch größere Tour gemeinsam mit Enno Bunger. Statt vieler Fotos hier drei Videos:

 



About Songs & Books

 

Unser Bürozimmer in der Königsstraße war uns schon seit einer Weile zu klein geworden, wir suchten etwas Größeres - einen Ort, den wir selbst gestalten konnten, an dem wir kleine Veranstaltungen organisieren und Autor*innen, Journalist*innen und Freund*innen regelmäßig vorbeikommen konnten. Zufällig hatten wir gerade Jörg Tresp von DevilDuck Records kennengelernt, dem Ähnliches vorschwebte.

Judith von Ahn entdeckte dann ein leeres Ladenbüro in der Schwenckestraße in Eimsbüttel, mit Schaufenster, kleinen Büroräumen und einem schönen Garten, wir waren uns alle schnell einig. Im November 2014 zogen wir also ein - den Laden nannten wir About Songs & Books, in Anlehnung an die bestehende About Songs-Reihe von DevilDuck.

 

Zur Eröffnung gab es ein Konzert, außerdem feiern wir hier hin und wieder den Record Store Day, den Indiebookday, es gibt Konzerte von durchreisenden Bands sowie Buchpräsentationen und Leseclubs. Zusammen mit DevilDuck Records veröffentlichten wir als mairisch #50 die 10"-LP "About Songs & Books" - auf der einen Seite 5 tolle Coversongs von DevilDuck-Bands, auf der

anderen Seite ein Hörbuch von Benjamin Maack.

 

Im Laden kann man unser ganzes Sortiment und die LPs ausgewählter Labels kaufen. Und gut mit uns abhängen!

 

Das SPRING-Magazin

 

Schon lange hegen wir eine große Begeisterung für Illustrationen, wie man auch an unserer Covergestaltung der vergangenen Jahre bemerkt. In Hamburg gibt es - u.a. wegen der Hochschulen hier - eine vielfältige und spannende Szene an Illustrator*innen, und einer der besten Wege, diese zu entdecken, ist schon seit vielen Jahren das jährliche Illustrationsmagazin SPRING mit Zeichnerinnen wie Larissa Bertonasco, Stephanie Wunderlich, Ulli Lust, Moki, Carolin Löbbert, Katharina Gschwendtner, Line Hoven und anderen. Wir als Fanboys und -girls schlichen schon lange um diese Gruppe und ihr wunderbares Magazin herum - die ersten elf Ausgaben wurden noch vom SPRING-Team selbst veröffentlicht und vertrieben. Irgendwann trauten wir uns, auf Vermittlung von Line Hoven, mal anzuklopfen: "Braucht ihr nicht vielleicht einen Verlag zur Seite, der Vertrieb und Pressearbeit für euch übernimmt?" Alle waren von der Idee einer Kooperation begeistert, und so erscheint SPRING seit 2015 im mairisch Verlag. Wie es sich für ein Illustrationsmagazin gehört, gibt es zu diesem Projekt so viele wunderbare Bilder, dass wir hier nur ein paar von der Releaseparty 2015 zeigen - den Rest kann man in den Magazinen entdecken!

Und außerdem

 

Ein letztes Highlight möchten wir gerne noch erwähnen: Im Juli 2013 nahm Benjamin Maack am Wettlesen um den Bachmannpreis in Klagenfurt teil - und gewann den 3Sat-Preis! Ein paar sehr besondere Tage in Kärnten waren es zudem.

Natürlich waren wir auch wieder auf diversen Messen und Veranstaltungen - hier noch ein paar schöne Fotos, die zeigen, was sonst noch los war:

 

20 Jahre mairisch - Der große Rückblick:

 

Teil 1 - The early years (1996-2002)

Teil 2 - Du super Hamburg (2003-2008)

Teil 3 - Neue Ufer und alte Lieben (2009-2012)

Teil 4 - Indie-Piloten (2013-2015)

Teil 5 - Wild bleiben (2016-2019)


mairisch Verlag

Schwenckestr. 68

D-20255 Hamburg

Tel: +49 (0)40-6889 6755

kontakt@mairisch.de

www.mairisch.de

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