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25 Jahre mairisch - Teil 2: Du super Hamburg (2003-2008)

Von Daniel Beskos und Peter Reichenbach

 

Freundinnen, Freunde!

Wir sind selbst etwas ungläubig - 25 Jahre gibt es den mairisch Verlag jetzt schon! Am 31. August 1999 sind wir (Blanka Stolz, Peter Reichenbach & Daniel Beskos) zum Gewerbeamt im südhessischen Rodgau gelaufen, schick angezogen, mit seltsamen Frisuren und einer Flasche Sekt und haben mairisch angemeldet. Wie es dazu überhaupt kam und was in den 25 Jahren alles passiert ist, wollen wir hier in unserer Blogserie erzählen. Wir haben tief in unseren Archiven gewühlt und jede Menge lustige Fotos, Flyer, Plakate und Videos ausgegraben. Viel Spaß - hier die Jahre 2003-2008!

 

<- zu Teil 1: The early years (1996-2002)

Literarisches Clubbing

 

Hamburg im Jahr 2002 war ein guter Ort, um einen kleinen Indie-Verlag wachsen zu lassen: Es gab noch relativ günstige Mieten, einige runtergerockte, aber charmante Veranstaltungsorte und eine wahnsinnig lebendige und aktive Lesungsszene. Und während Berlin damals voller Lesebühnen war, bei denen wöchentlich tagesaktuelle, lustige Texte gelesen wurden, hatte das Publikum in Hamburg Lust auf ernste Prosa - das wussten wir bei unserer Ankunft noch nicht, es war aber ein großer Glücksfall.

Die Hamburger Lesungsszene Anfang der Nullerjahre war im Nachhinein betrachtet, wirklich bemerkenswert: Zwei komplett unterschiedliche Formate zogen Monat für Monat ein großes Publikum - am Dienstag Abend zur Clubbinglesung von MACHT in den Mojo-Club (bzw. später ins Schauspielhaus), Sonntag Nachmittag zu Kaffee, Kuchen und Texten nach Hammerbrook zum KAFFEE.SATZ.LESEN. Dazu gab es natürlich jede Menge andere Lesungen, vom Literaturhaus über Kneipenlesungen und den Poets on the Beach bis hin zum Poetry Slam im Molotow. Wir waren begeistert und besuchten so viele Veranstaltungen wie möglich. Zum Teil traten wir dort auch mit eigenen Texten auf.

 

TRANSIT (Lesereihe 2003-2008)

 

Minimal Trash Art 2003: Konstanze Erhardt, Stefan Boskamp, Jan Deichner, Jan Billhardt, Marc Frese, Melanie Reiling.
Minimal Trash Art 2003: Konstanze Erhardt, Stefan Boskamp, Jan Deichner, Jan Billhardt, Marc Frese, Melanie Reiling.

Natürlich waren wir heiß drauf, auch eine eigene Reihe auf die Beine zu stellen. Da traf es sich besonders gut, dass wir gerade die lieben Leute von Minimal Trash Art kennengelernt hatten - wir waren uns gleich sehr sympathisch und schmiedeten gemeinsame Pläne. Ein Ort war schnell gefunden (die legendäre Schilleroper), ein Konzept auch: Monatlich vier Autor*innen, dazu Musiker*innen, Kurzfilme, DJs. Unsere Reihe bekam den Namen TRANSIT und entwickelte sich zu einer äußerst erfolgreichen Lesereihe mit ingesamt 40 Veranstaltungen, die uns allen bis 2008 viele wunderbare Momente schenkten.

 

2006 zog unsere Reihe dann um in den großen Saal des Haus 73. Denkwürdig war dort die allererste Veranstaltung im Oktober 2006: Wir hatten mit Sasa Stanisic, Thomas Pletzinger und Stevan Paul u.a. hochkarätiges Programm eingeladen, Sasa war am Vorabend gerade für den Deutschen Buchpreis nominiert, das NDR-Fernsehen hatte sich bei uns angekündigt, alle waren wahnsinnig aufgeregt. Mittags kamen wir ins Haus 73 - und standen vor einem riesigen Haufen Bauschutt. Irgendwer hatte am Vorabend die Betonplatten von der Decke abgerissen und vergessen, dass der Saal heute genutzt werden sollte. Wir waren schockiert und dachten kurz ans Absagen. Dann rafften wir uns auf: Kurzerhand riefen wir Verstärkung zusammen, holten Schubkarren und Mundschutz und fingen an, klar Schiff zu machen. Keiner hätte gedacht, dass wir es rechtzeitig schaffen würden - aber als um 20 Uhr das Licht aus und die Scheinwerfer an gingen und die ersten Gäste kamen, merkte niemand was. Der Abend war gerettet und wurde mehr als legendär. Zum Schluss deklamierte Sasa noch ein Lobgedicht auf Tito, das er in der Schule geschrieben hatte. Ergriffen schwankten wir in die Nacht.

 

 

Alle Transit-Flyer:

 

Mit der Transit-Reihe bekam auch die Hamburger Presse mehr und mehr Wind von unserer Arbeit. Rund um die Veranstaltungen gab es jede Menge Ankündigen, Interviews und Berichte in Zeitungen, Magazinen und im Radio.

Eine besonders große Freude war dann die Auszeichnung für uns und Minimal Trash Art mit dem Hamburger Verlagspreis 2006 (der damals alle zwei Jahre verliehen wurde). Wir zogen uns schick an und nahmen ihn im Hamburger Literaturhaus stolz von Kultursenatorin Karin von Welck entgegen.


Literatur und Hörspiele bei mairisch

 

In der Zeit um 2004 hatten wir auch ein paar Manuskripte vorliegen, die wirklich besonders waren und die wir gerne in etwas größerem Umfang veröffentlichen wollten, so richtig mit Auflage in einer Druckerei und so. Darunter war das wunderbare "Ja! Panisch" von Roberta Schneider, die erste "Kaffee.Satz.Lesen"-Anthologie, aber auch der starke erste Erzählband von Finn-Ole Heinrich, "die taschen voll wasser".

Da wir ja noch nie so richtig gedruckt hatten, stellten sich jede Menge Fragen: Wie findet man die passende Druckerei? Wie kriegt man eine ISBN? Wie kommt man in die Buchhandlungen und den Online-Handel rein? Wie erstellt man Druckdateien? Typisch DIY-Anhänger, die wir sind, mussten wir alles von Grund auf selbst rausfinden. Im Frühjahr 2005 kam dann das erste reguläre mairisch-Programm raus.

Finns Erzählband lief dann erstaunlich erfolgreich an, es gab die ersten Rezensionen (u.a. in der taz und der NEON, wir waren furchtbar aufgeregt), schnell merkten wir, dass die erste 400er-Auflage doch sehr knapp kalkuliert war (der Ladenpreis damals übrigens auch, wir hatten vergessen, dass es Buchhandelsrabatte gibt, mit den ersten Büchern machten wir mit jedem verkauften Exemplar Minus) und wir druckten nach, eine zweite, eine dritte, eine vierte Auflage. Die Bücherkisten stapelten sich in Daniels Studenten-WG, die offiziell als Lager auserkoren worden war. So langsam wurde es eng im Flur, die Mitbewohner rollten mit den Augen.

 

 

Zur selben Zeit waren wir dabei, unser Studium abzuschließen - und natürlich stellte sich für uns die Frage, wie es danach weitergehen sollte. Sollten wir, wie viele unserer Freunde, Volontariate anfangen oder Jobs annehmen? Wir hatten doch eigentlich gerade ein Netzwerk aus Autor*innen, Grafiker*innen und anderen Kreativen aufgebaut und dachten: Am liebsten wollten wir doch in unserem Verlag arbeiten! Wir entschieden uns also, uns Nebenjobs zu suchen und unser Hauptaugenmerk auf den Verlag zu richten. Und nach den ersten Erfolgen schwante uns, dass das Ganze vielleicht wirklich funktionieren könnte, wenn man es professionell anging, sorgfältig an den Texten arbeitete, schöne Bücher produzierte und sich dann richtig in Pressearbeit und Veranstaltungsorganisation reinhängte. Geld zahlten wir uns damals allerdings noch keines aus, na klar.

Ein großer Glücksfall war es, dass wir 2003 Steffi Ericke kennenlernten (Daniel war Praktikant in einem Hamburger Pressebüro, in dem sie arbeitete): Sie war von unserer Arbeit und unseren Büchern so angetan, dass sie mit ins Team einstieg und uns in Sachen Presse und Veranstaltungen massiv unter die Arme griff. Und das tut sie bis heute - Steffi, wie hätte das ohne dich nur alles werden sollen?! Danke. Sehr.

 

2005 bezogen wir unser erstes Büro in der Königstraße in Hamburg-Altona, und ab 2007 wurden unsere Bücher dann von der Auslieferung GVA in Göttingen ausgeliefert. Immer noch im DIY-Modus liehen wir uns einen beinah schrottreifen Bulli (der rechte Vorderreifen verlor so schnell Luft, dass wir jeder Tankstelle entgegenfieberten, schließlich mussten wir bestimmt sechs oder sieben Mal anhalten, damit wir den Hin- und Rückweg schafften) und fuhren unsere Bücher direkt ins Göttinger Lager. Die Zeit der Bücherkisten im WG-Flur war endlich vorbei.

In den folgenden Jahren veröffentlichten wir eine Reihe von tollen Büchern (etwa Michael Weins' Erzählband "Krill", Andreas Stichmanns "Jackie in Silber" und den zweiten Band der Kaffee.Satz.Lesen-Anthologie), das DVD-/Buchprojekt "13terShop" von Florian Thalhofer und Kolja Mensing (die beiden hatten 31 Tage in einem Einkaufszentrum verbracht und von das Ganze als Film/Buch dokumentiert) und ein literarisches Hörspiel der Bremer Künstlerin Softwareherz. Außerdem wagten wir uns dank unserer Hörspielkontakte (siehe Teil 1) daran, zusammen mit Herausgeber Claes Neuefeind die erste Hörspielanthologie Deutschlands überhaupt auf MP3-CD zu veröffentlichen - PRESSPLAY. 20 Hörspiele aus der freien Hörspielszene, kurze und lange, stellten wir darauf zusammen - das machte uns so viel Spaß, dass noch zwei weitere Ausgaben folgten.

 

 

Eine besondere Bedeutung hat für uns alle bis heute der Roman Räuberhände von Finn-Ole Heinrich - es war sein erster Roman und auch unsere erste Roman-Veröffentlichung überhaupt. Finn hatte uns eine Kurzgeschichte gleichen Namens geschickt, und wir waren alle überzeugt, dass die noch nicht zu Ende erzählt war, dass da noch mehr war in diesen Figuren. Wir trafen uns also alle 6 Wochen zur Besprechung, Finn hatte inzwischen ordentlich geplottet und geschrieben, und sprachen über den Text, legten Zeitleisten an, diskutierten Figurenbiographien und Dialoge und aßen frittierte Pizza Calzone (yes, that's a thing in Hannover).

Finn-Ole Heinrich in Istanbul, 2007
Finn-Ole Heinrich in Istanbul, 2007

Ein Teil des Romans spielt in Istanbul, dazu gab es dann folgendes Gespräch:

Peter: "Finn, warst du eigentlich schon mal in Istanbul?"

Finn: "Nö."

Daniel: "Das gibts ja nicht. Komm, wir kucken mal nach billigen Flügen".

So kam es, dass wir im Februar 2007 eine Woche auf den Spuren der beiden Hauptcharaktere Samuel und Janik in Istanbul verbrachten, wo Finn dem Text den finalen Schliff verpasste. Wir gaben uns also wirklich große Mühe, wir wussten alle, dass dies ein besonderer Text war. Aber was mit dem Buch dann noch alles geschehen sollte, konnte damals natürlich niemand ahnen. Finn sagte viele Jahre später dazu: "Wenn ich damals gewusst hätte, dass das Buch mal Schullektüre werden würde, hätte ich mir jeden Satz nochmal viel genauer angesehen. Oder das Buch vielleicht auch gar nicht erst schreiben können." Inzwischen gibt es auch Theaterfassungen vom Roman, wir haben ein Hörbuch veröffentlicht und aktuell (2019) wird der Stoff gerade fürs Kino verfilmt.

 

Hier sind die alten Buchtrailer von 2007, die Finn selbst gemacht hatte:

 


Buchmessen

 

Als richtiger Verlag muss man natürlich auch einen Stand auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig haben. Allerdings waren gerade unsere ersten Jahre dort eher von Quatsch und Spaß geprägt als von serious business. Man kann eben auch auf einer Leseinsel Hockey spielen! Man kann auch in einer Sparkasse so tun, als wäre man Kraftwerk! Und vor allem kann man jede Menge tolle Leute kennenlernen. An dieser Stelle besondere Grüße an Leif, Sebastian und Karina von Voland & Quist, Jörg und Kristina vom Verbrecher Verlag, Sebastian vom Guggolz Verlag, Selma und Inci von Binooki, das ganze Nautilus-Team, Axel und Viola von Lilienfeld und so viele andere, die uns zum Teil schon viele Jahre begleiten.

 

On the road

 

Lesungen, Lesungen, Lesungen - Jahr für Jahr hatten unsere Künstler*innen und wir um die 200 Auftritte an allen mögliche Orten (inkl. einer virtuellen Lesung in Second Life - kennt ihr das noch?). Hier noch ein paar schöne Erinnerungen:

 


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