Was macht eigentlich ein Verlag? Teil 7: Finanzen

Von Daniel Beskos

In den bisherigen Teilen dieser Reihe haben wir viel davon gesprochen, was Verlage für ihre Bücher und Autoren tun können, welche Arbeiten sie im Lektorat und Korrektorat, bei der Gestaltung, Herstellung, Pressearbeit und den Veranstaltungen leisten und für die Autoren übernehmen.

Ein Thema kam bislang aber nur am Rande zur Sprache: Geld.

 

Im Zuge der Selfpublishing-Debatten taucht ja oft der Vorwurf auf, Autoren würden an ihren Büchern zu wenig verdienen und die „Verwerter“ (also z.B. die Verlage) zu viel. Das ist, offen gesagt, Quatsch. Denn natürlich gibt es einige wenige Autoren, die mit ihren Büchern, die sie z.B. über das Selfpublishing-Programm von Amazon veröffentlicht haben, sehr erfolgreich sind und eine Menge Geld verdienen (aber eben nur die wenigen an der Spitze). Die meisten Autoren verdienen daran aber nicht sehr viel, UND sie müssen auch noch die ganze Arbeit selbst erledigen.

 

Und auch im klassischen Print-Bereich verblüffen uns immer wieder Aussagen darüber, wie viel Verlage denn angeblich verdienen. Wenn wir etwa erzählen, dass „Räuberhände“ Schullektüre an allen Hamburger Schulen ist, bekommen wir immer wieder zu hören, dass wir uns ja jetzt um nichts mehr Sorgen machen müssten. Abgesehen davon, dass es in diesem Fall um eine Lizenzausgabe geht, an der wir nur sehr wenig verdienen, zeigen uns solche Aussagen, dass denjenigen offensichtlich nicht bekannt ist, wie sich ein Buch errechnet, wer wie viel daran verdient und was am Ende für Autor und Verlag tatsächlich übrig bleibt.

Update dazu: Sebastian Wolter hat im Verlagsblog von Voland & Quist letztes Jahr schon mal eine ganz ähnliche Rechnung aufgemacht: www.voland-quist.de/verlagsblog/buchkalkulation-was-verdienen-autor-und-verlag-an-buchern/

 

Kalkulieren wir's mal ...

Deswegen zu allererst einmal eine beispielhafte Buchkalkulation für einen Titel im mairisch Verlag, Hardcover, 224 Seiten, Startauflage 2.000 Stück, mit Lesebändchen, bedrucktem/farbigem Vorsatzpapier, Titelprägung, gutem Papier für innen und außen usw.:

 

18,90 Euro Bruttoladenpreis

abzgl. 7% Mwst.

= 17,66 Euro Nettoladenpreis

- 8,83 Euro Buchhandelsrabatt (Barsortiment, 50%)

- 0,80 Euro Kosten Auslieferung

- 0,35 Euro Honorar Gestaltung & Satz

- 0,12 Euro Korrektorat

- 3,00 Euro Herstellung/Druck

- 1,77 Euro Autorenhonorar

- 0,25 Euro Werbung

- 0,25 Euro Portokosten/Presseversand

----------------------

= 2,79 Euro Einnahmen Verlag

 

Dazu noch ein paar Anmerkungen:

  1. Buchhandelsrabatt: Die Buchhandelsrabatte liegen üblicherweise zwischen 30-50%. Die Barsortimente (also der Großhandel) bekommen 50%, zum Teil auch mehr. Nun haben wir einen Barsortimentsanteil von ca. 85%, das heißt, ca. 85% aller mairisch-Bücher, die über den Buchhandel verkauft werden (dazu gehört auch Amazon) gehen übers Barsortiment. Wir nähern uns also im Durchschnitt fast den 50% Rabatt an. Das ist für langjährige Verleger, die es aus den 70er und 80er Jahren noch anders kennen, vielleicht ein Schock, damals waren 20-35 Prozent im Handel keine Seltenheit. Für uns sind die 50% im Zwischenhandel und unser hoher Barsortimentsanteil allerdings einfach ein Fakt, wir kennen es kaum anders. Die Leute bestellen nun mal zunehmend über Amazon und gehen weniger in die Buchhandlungen.
  2. Herstellung/Druck: Wir könnten die Kosten hier sicher etwas senken, z.B. indem wir weniger aufwendig herstellen und im Ausland drucken würden. Aber wie ich im Teil 3 über Herstellung beschrieben habe, gibt es einige Gründe, warum wir das nicht tun möchten. Daher müssen wir hier eben so hohe Kosten einplanen (die wohlgemerkt von unserem Gewinn abgehen, nicht von dem des Autors). Und natürlich könnte man die Kosten ebenfalls senken, wenn man höhere Auflagen drucken würde, aber mehr dazu weiter unten.
  3. Autorenhonorar: Hier sind 10% gerechnet. Das ist für eine deutschsprachige Originalausgabe Belletristik im Hardcover üblich, wird aber nicht von allen Verlagen immer gleich so gezahlt, sondern oft erst ab einer bestimmten Verkaufszahl. Staffeln a la 8% ab 1. verkauftes Exemplar / 9% ab 20.000. / 10% ab 40.000. habe ich zumindest schon gesehen. Bei Taschenbüchern ist es übrigens fast nur die Hälfte, da erhält der Autor (vom eh schon niedrigeren Ladenpreis) oft nur ca. 6-7%.
  4. Eine reine E-Book-Kalkulation wäre übrigens gar nicht so anders, die Kosten sind im Grunde fast identisch. Das liegt vor allem daran, dass man ehrlicherweise fast alle Projektkosten (also z.B. Covergestaltung, Lektorat, Übersetzung, Korrektorat, Presse, Werbung, Auslieferung usw.) in die Rechnung einbeziehen muss, genau wie beim Print-Buch. Nur die Herstellungs-Kosten sind beim E-Book niedriger, und auch die Rabatte liegen etwas niedriger, eher bei 40% inkl. Auslieferung. Allerdings ist das ein viel kleinerer Markt, man verkauft derzeit nur etwa 10% der Stückzahlen, die man im gedruckten Buch verkauft, außerdem ist der Ladenpreis niedriger und die Tendenz geht zu weiter sinkenden E-Bookpreisen – und nicht zuletzt darf man auch nicht vergessen, dass die Mehrwertsteuer bei E-Books 19% beträgt, die gehen also auch noch ab. Eine reine E-Book-Kalkulation wäre daher derzeit fast immer noch ein dickes Minus.

Nun das Entscheidende: Von den 2,79 Euro, die in unserer Rechnung oben für den Verlag übrig bleiben, müssen alle weiteren Kosten bezahlt werden – also unsere Löhne und Gehälter, die Buchmessen, unsere Buchhandelsvertreter, die Büromiete, alle Fahrtkosten, Porto, Büromaterialien, Computer, Telefon- und Internetkosten, Webseite und so weiter.

 

Wenn man nun die gesamte Auflage aus der obigen Kalkulation verkaufen würde (2000 Stück abzüglich der ca. 200 Frei- und Presseexemplare, also 1800 Stück), dann hätte man einen Projekt-Gewinn von 5022 Euro, vor Steuern wohlgemerkt.

 

Jetzt kommt das große Verleger-Aber: Man verkauft ja nur in den seltensten Fälle alle gedruckten Bücher. Das Risiko, was man als Verlag eingeht, ist hier also noch gar nicht mit eingerechnet. Und wenn doch mal die ganze Auflage verkauft wird, muss man eine zweite Auflage nachdrucken, damit das Buch weiterhin lieferbar bleibt, und das ist mit erneuten Kosten verbunden. Trotzdem ist es natürlich das Ziel, mehr Auflagen zu verkaufen als nur die erste, denn erst dann rechnet sich der Buchverkauf für uns als Verlag. Glücklicherweise klappt das hin und wieder.

 

Tja, verkaufen wir halt mehr davon!


Ein Schluss könnte nun natürlich sein: Wir müssen einfach mehr Bücher verkaufen. Klingt logisch. Verfolgt man aber nun die Aussagen von Autoren und Verlegern in den letzten Jahren, oder auch das, was auf Podiumsdiskussionen und Messen so zu hören ist, dann kommt man zu dem Schluß, dass die Auflagenhöhen derzeit allgemein zurückgehen. Es mag daran liegen, dass es viel mehr Neuerscheinungen gibt als früher, dass andere Medien wichtiger werden oder dass die Leute weniger lesen – aber es scheint jedenfalls so zu sein, dass sich die meisten Bücher in der Sparte „Junge Belletristik“ inzwischen nur noch wenige Tausend Mal verkaufen, viele noch nicht mal das.

 

Dann machen wir die Bücher halt teurer?


Eine Maßnahme, mehr Geld für uns und die Autoren zu erwirtschaften, wäre auch, den Ladenpreis hochzusetzen. Und in der Tat kosten inzwischen fast alle neuen Belletristik-Hardcover über 20,- Euro. Wir haben da noch etwas Hemmungen, unser Publikum ist eher jung und nicht so zahlungskräftig, da sind 19,90 Euro schon das Äußerste und die 20 immer noch eine Art Schallgrenze.

 

Andere Einnahme-Quellen


Daneben gibt es noch einige weitere Einnahmequellen, und das muss es auch, sonst könnten wir als Verlag gar nicht überleben. Hin und wieder verkauft man mal eine Taschenbuch- oder Hörbuch-Lizenz, lizensiert eine Kurzgeschichte an den Hörfunk, bekommt Einnahmen von der VG Wort, Theater-Tantiemen, gewinnt einen Preis oder bekommt Förderungen (z.B. fördert die Film und Medien Stiftung NRW unsere Hörspielreihe „pressplay“; die Hamburgische Kulturstiftung und die Kulturbehörde Hamburg fördern unsere Lesereihe PILOTEN; Förderung für Bücher bekommt man normalerweise aber keine, schließlich werden Verlage, im Gegensatz etwa zu Theatern, als reine Wirtschaftsunternehmen gesehen).
Dazu kommen kleine Nebeneinnahmen, z.B. aus Online-Hörbuch-Portalen oder durch die E-Book-Verkäufe. Insgesamt soviel, dass es reicht, zumindest für uns Sparfüchse mit unseren bescheidenen Ansprüchen.

 

Warum wir trotzdem Bücher machen

Die entspannten Seiten des Verlegerlebens: Zu Gast beim LCB am Wannsee. (Foto: Blanka Stolz)
Die entspannten Seiten des Verlegerlebens: Zu Gast beim LCB am Wannsee. (Foto: Blanka Stolz)

Trotz dieser geringen Einkünfte für uns als Verlag sind wir sehr überzeugt davon, dass es nicht die Aufgabe von Autoren sein sollte, Dinge wie Gestaltung, Lektorat, Herstellung, Pressearbeit und Vertrieb zu übernehmen (und zu bezahlen!), sondern die der Verlage. Autoren sollten die Zeit und den Freiraum haben, sich um die Inhalte zu kümmern, alles andere sollte vom Verlag gemacht werden, und idealweise ergibt sich daraus eine gewinnbringende Teamarbeit.

Wir lieben die Bücher, die wir machen. Wir lieben es, mit so großartigen Autorinnen und Autoren, Musikern, Gestaltern, Fotografen zusammenarbeiten zu können. Wir denken nie über Arbeitszeiten und Überstunden nach. Wir arbeiten viel und immer und trotzdem fühlt es sich nur selten nach Arbeit an. Wir geben lieber für ein Buch alles als für drei Bücher ein bisschen. Manchmal haben wir Pech, dann läuft ein Buch nicht gut, bringt kaum seine Kosten rein. Manchmal haben wir Glück, kriegen eine Förderung, einen kleinen Preis, ein Buch verkauft sich gut, erlebt mehrere Auflagen, der Autor hat sehr viele Lesungen, kriegt viel Presse, überraschende Dinge passieren. Das sind die Momente, die unserer Arbeit ihre Qualität verleihen, die sie unbezahlbar machen, die sie auch unersetzbar machen. Von Jahr zu Jahr läuft es besser, man profitiert von der Backlist, von dem Namen, den man sich macht, von der Entwicklung der Autoren. Inzwischen können einige aus unserem Team schon komplett vom Verlag leben, das war lange Jahre nicht so, wir hatten alle Nebenjobs, aus denen wir uns hauptsächlich finanziert haben. Aber wenn es weiter so läuft wie in den vergangenen Jahren, geht es weiter aufwärts. Dann gibt es sowieso niemals einen Grund, sich zu beschweren. Wir können unserem Motto folgen und mit Menschen, die wir mögen, Dinge tun, die wir gut finden. Aber reich, liebe Freunde, reich werden wir nicht. Doch dafür können wir einen Job machen, den wir lieben.

 

 

Daniel Beskos ist Mitgründer des mairisch Verlags und bei mairisch vor allem fürs Programm und die Kommunikation verantwortlich.

 

Weiterlesen:
Teil 1 - Manuskripte und Lektorat
Teil 2 - Grafik-Design und Buchgestaltung

Teil 3 - Herstellung

Teil 4 - Korrektorat

Teil 5 - Pressearbeit

Teil 6 - Lesungen

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Stefan Hiene (Montag, 23 Januar 2017 16:32)

    Lieber Daniel, danke für deine Offenheit und die Transparenz. Dein Artikel hat mir sehr geholfen.