„Craquelures“ im Text: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Daniël Rovers

 

Von Blanka Stolz

 

Kennengelernt habe ich Daniël in Berlin vor ein paar Jahren als Stipendiat des Goethe-Instituts. Heute treffen wir uns in Amsterdam, die Stadt, in der er momentan lebt und als Schriftsteller arbeitet. Wir drehen eine kleine Runde zu Lieblingsorten. Wir treffen uns an der Fähre am Hauptbahnhof und fahren über den IJ zum EYE Filmmuseum, gehen in der Nähe des Hauptbahnhofs in das Café Dwaze Zaken und essen später in der Brasserie Schiller das niederländische Nationalgericht Stamppot, ein Eintopf in diesem Fall aus gestampftem Boerenkool (Grünkohl) und Kartoffeln mit einer Rauchwurst. Wir unterhalten uns auf Deutsch.

Daniël Rovers (Foto: Koos Hageraats)
Daniël Rovers (Foto: Koos Hageraats)

Du sprichst sehr gut Deutsch. Warum lernst Du ausgerechnet Deutsch und was verbindet Dich mit der deutschen Sprache?

Ich habe in der Schule Deutsch gelernt. Aber halt so, wie man eine Sprache in der Schule lernt. Richtig befasst mit der deutschen Sprache und Kultur habe ich mich erst jetzt – und es hat mir großen Spaß gemacht. Endlich mal wieder eine Sprache lernen! Das ist wie wenn man Tanzen lernt: man ist froh über das, was man kann und dann sieht man, was man noch lernen muss. Das ist das utopische Moment des Fremdsprachenerwerbs. Ich habe einen tollen Sprachkurs in Berlin, in Neukölln, gemacht. Da saß ich zusammen mit Leuten aus Korea, der Schweiz, der Ukraine … und ich habe nicht nur deutsche Grammatik gelernt, sondern auch viel über das Leben der anderen Teilnehmer erfahren. Und man wird in seiner eigenen Sprache genauer und einfallsreicher. Ich liebe es Deutsch mit Deutschen zu reden – nur dann, wenn man in der Muttersprache mit ihnen redet, lernt man die Einwohner eines Landes kennen. Vielleicht liegt es an der protestantischen Herkunft des Deutschen, in Gesprächen scheinen mir die Leute immer bereit, sehr in die Tiefe zu gehen. Und es wird auch sehr viel gelesen, meiner Meinung nach. Wenn man in den Niederlanden im Zug sitzt, schauen alle auf ihre Handys; in Berlin liest man ein Buch oder E-Book in der U-Bahn. Oder sehe ich das alles jetzt zu „rosig“?

 

Leider kann ich nur die wenigen Texte von Dir lesen, die von Dir ins Deutsche übersetzt wurden, weil ich kein Niederländisch spreche. Dazu gehört die Reportage Eine Reise nach Someren-Eind. Die Reportage zoomt sich förmlich in den Ort, in den Garten, in das Leben der Hauptfigur Tiny hinein. Wie findest Du Deine Themen und literarischen Techniken?

Ich habe mich intensiv mit Tiny beschäftigt und habe eine Woche lang bei ihr gewohnt, weil ich wissen wollte, wer sie ist und um sie wirklich kennenzulernen. Und so wie Tiny sich auf Google in den Ort hineinzoomt, habe ich immer tiefer in ihr Leben geschaut und das aufgeschrieben. Auf Niederländisch ist der Text in der Literaturzeitschrift De Gids veröffentlicht. Vorbildlich in Sachen Reiseliteratur sind für mich David Foster Wallace (sein Supposedly Fun Thing I Never Do Again) und George Orwell – The Road to Wigan Pier war für mich halt die Straße nach Someren-Eind.

 

Einen anderen Text, den ich aus Deinen Erzählungen kenne, ist der über das Bild De Singelbrug bij de Paleisstraat in Amsterdam (Singelbrücke bei der Paleisstraat in Amsterdam) von George Hendrik Breitner, dem niederländischen Impressionisten und Maler Amsterdamer Stadtansichten. Das Bild zeigt eine Frau in einem Pelz auf einer Amsterdamer Brücke. Warum hast Du ausgerechnet über dieses Bild einen Text geschrieben?

Als ich 2008 von Brüssel nach Amsterdam zog, habe ich das Bild im Internet entdeckt und hatte es als Bildschirmschoner auf meinem Computer. Da ich vorher in Belgien lebte, suchte ich ein dezidiert niederländisches Bild. Dieses impressionistische Ölbild auf meinem Bildschirm hatte etwas sehr analoges, „zeithaftes“. Die „Craquelures“, die Furchen und Risse in der Oberfläche des Bildes, waren auf dem Bildschirm deutlicher zu sehen als auf dem Original, das im Rijksmuseum hängt. Ich wohnte damals im Witsenhuis, eine temporäre Wohnmöglichkeit für Schriftsteller. Dort lebte viele Jahre zuvor Breitner selbst. Irgendwann habe ich festgestellt, dass im Hausflur des Hauses ein Fotoporträt der Frau von der Singelbrücke hing. Dieser Frau – Lise Jordan, Breitners Schwägerin – bin ich also jeden Tag begegnet. In meinem Text gehe ich auf die Entstehung des Bildes ein. Breitner hatte die Frau auf dem Bild erst als Dienstmagd, als einfache Frau porträtiert. Das Bild ließ sich so jedoch nicht verkaufen und sein Galerist riet ihm, das Bild zu ändern. Breitner übermalte sein Bild, in dem er der Frau einen Pelzmantel malte. Er machte mit der weiteren Farbschicht eine Dame aus ihr. Es gibt ein Foto, das das Bild in der ersten Version zeigt. Für mich war die Auseinandersetzung mit dem Bild, mit seiner Entstehung und mit Lise Jordan ein Weg, in Amsterdam anzukommen und die Stadt kennenzulernen. Irgendwann will ich noch einen Amsterdam-Roman schreiben. Das habe ich mir fest vorgenommen!

 

 

Apropos Romane, Deine beiden Romane Walter und Elf kann ich leider nicht lesen. Erzähl doch kurz, um was es in den Büchern geht.

Walter ist ein Roman über einen Mann, der Pfarrer werden wollte, es aber nicht schaffte – weil er am Ende doch heiraten möchte. Der Roman fängt am Anfang der fünfziger Jahre an, und endet 1971. Eine Periode der Modernisierung und einer in den Niederländen sehr raschen Säkularisierung. Walter wird in eine Welt geboren, in der die katholische Kirche seine Heimat bildet. Am Ende steht er allerdings ganz alleine da. Mein Vater heißt Walter: er hat sich, zum meinem Glück, am Ende der Sechziger Jahre gegen das Pfarrersein entschieden. Aber Walter ist auch Walter Benjamin, der mal geschrieben hat das Erwachen eine exemplarische Form des Erinnerns ist – „der Fall, in welchem es uns glückt des Nächsten, Banalsten, und Naheliegendsten uns zu erinnern“. Elf hingegen ist ein zeitgenössischer Roman. Elf Personen, Freunden, alle wohnhaft in Brüssel, wird jeweils eine sehr kurze, persönliche Biografie gewidmet.

 

Nachdem Du den Roman Walter abgeschlossen hast, bist Du nach Sizilien und nach Lampedusa gefahren und hast Dich mit der Frage der Geflüchteten aus Kriegsgebieten auseinandergesetzt. Über Deine Erfahrungen hast Du eine lange Reportage geschrieben. Wie kam es dazu?

Nachdem ich den Roman Walter abgeschlossen hatte, fiel ich irgendwie in ein Loch. Das war im Jahr 2011. Der Krieg in Libyen und die Massenunruhen in Tunesien führten dazu, dass viele Menschen über das Mittelmeer flüchteten und in Lampedusa strandeten. Die rechte Rhetorik, die sich damals breitmachte, deprimierte mich. Sie zu widerlegen, erschien mir sinnlos. Das einzige was hilft, dachte ich, ist dorthin zu fahren. Den Geflüchteten quasi entgegenzufahren. Von den vielen Erlebnissen, die ich in meinem Text festgehalten habe, erinnere ich mich noch an eine Situation, die mich sehr getroffen hat, die Begegnung mit einem Sonnenbrillenverkäufer in Porto Empedocle, einer südsizilianischen Hafenstadt, der sagte: „Im Norden ist es noch härter.“ Er meinte damit die Situation derjenigen, die es in den Norden, in Städte wie Mailand, schafften. Die Geflüchteten kamen als junge, hoffungsvolle Menschen und lebten dann als Obdachlose.

 

Wie geht es Dir, wenn Du die Bilder der Menschen siehst, die heute u.a. aus Afghanistan, Iran und Syrien flüchten?

Das Thema der Geflüchteten dominiert die Politik und die mediale Berichterstattung in den Niederlanden genauso wie in Deutschland. Und wieder verschiebt sich die Politik und die Rhetorik in Richtung rechts. Ich würde mir eine Politik wünschen, die nicht so schnell in Panik gerät. Gerade wenn man sieht, wie schwierig es ist, die Ursachen der Flucht, den Krieg in Syrien, zu verhandeln.

 

Letzte Frage: wirst Du zur Buchmesse nach Frankfurt dieses Jahr fahren und wird Dein Verlag dort präsent sein?

Vielleicht. Das letzte Mal dass ich eine Messe besucht habe, war 2003 in Brüssel. Es war eine Landwirtschaftsmesse. Da waren richtige Kühe und Schweine und große Zugwagen. Ich arbeite damals für ein Landwirtschaftsmagazin. Es hat mir Kopfschmerzen bereit, sowohl die Arbeit als auch die Messe. Es gab nie genügend Sauerstoff, anscheinend wegen der vielen Kühe. Aber mein Verlag, Wereldbibliotheek, wird bestimmt auf der Buchmesse vertreten sein.

 

Von Daniël Rovers sind im Verlag Wereldbibliotheek die Romane Elf (2010) und Walter (2011), der Essayband De figuur in het tapijt (2012) sowie der Reisebericht De zon is het probleem niet (2014) erschienen. Im Moment arbeitet Daniël an seinem neuen Buch.

 

 

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