"Ohne den Autor sind wir nichts, wir schulden ihm alles" - Heidi Warneke, Lizenzen bei Grasset

Von Daniel Beskos

 

Heute haben wir einen besonderen Termin – nämlich beim Traditionsverlag Grasset. Bernard Grasset gründete ihn 1907, und schon 1911 und 1912 machte der Verlag landesweit von sich reden, als er in zwei aufeinander folgenden Jahren den Prix Goncourt gewann. 1912 bezog man das Büro in der Rue des Saints Pères, in der der Verlag auch heute noch sitzt.

 

Mit Autoren wie Proust oder Cocteau und vielen weiteren großen französischen Schriftstellern machte der Verlag sich einen Namen, aber auch große ausländische Autoren wie Gabriel García Marquez, Umberto Eco oder T.C. Boyle veröffentlichten hier. Bernard Grasset war es auch, der gewissermaßen das moderne Buchmarketing und die Eventisierung der Literatur miterfunden hat, als er den ersten Roman Le Diable au corps des noch sehr jungen Romanciers Raymond Radiguet vor allem mit dem Hinweis bewarb, dass der Autor erst 17 Jahre alt sei – was damals für einen Verkaufserfolg, aber auch für einen kleinen Skandal und jede Menge Spott sorgte.

 

1983 erfand der damalige Grasset-Verleger Jean-Claude Fasquelle die Reihe Les Cahiers Rouges, eine Taschenbuchreihe, erkennbar an den roten Einbänden, in der seither vor allem moderne französische und internationale Klassiker erscheinen, aus der Backlist des Verlags (Jean Giono, Irène Némirovsky, François Mauriac, Thomas Mann, Vladimir Nabokov, F.S. Fitzgerald, Truman Capote u.a.), aber auch Briefwechsel von Künstlern (wie Cézanne, Degas, Van Gogh, Klee, Dali u.a.) und Gedichte (z.B. von Walt Whitman), rare Texte von Stefan Zweig und Tagebücher von Franz Kafka. Bis heute ist diese Reihe eins der Aushängeschilder des Verlags.

 

 

Für das Gespräch haben wir uns mit Heidi Warneke getroffen, die aus Deutschland stammt und seit 12 Jahren bei Grasset die Lizenzabteilung leitet.

 

Liebe Heidi Warneke, Grasset ist ein großes Traditionshaus, wie würden Sie den Verlag heute charakterisieren?

Vor allen Dingen ist es ein Verlag, der Autoren- und lektoratsbestimmt ist, es gibt also eine eindeutige inhaltsgebundene Prädominanz des Lektorats. Das ist anders als in den meisten grossen deutschen Verlagen, und das Lektorat hat es nicht so gerne, wenn von außen, etwa aus dem Marketing, reingeredet wird. Es passiert eher selten, dass Lektoren zu uns in die Lizenzabteilung kommen und fragen: “Meinst Du, das könnte was für eine Verfilmung oder fürs Ausland sein?” Das Lektorat pflegt ganz enge Verbindungen zu den Autoren und trifft alle Entscheidungen hinsichtlich des Programms. Die anderen Abteilungen (Presse, Lizenz usw.) führen diese Arbeit dann nur fort. “Ohne den Autor sind wir nichts, wir schulden ihm alles”, das ist die Philosophie des Hauses, und das ist auch das Besondere, würde ich sagen. Wir haben ein großes Gehör für die jeweiligen Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen, was natürlich nicht immer ganz einfach ist, wie man sich denken kann.

Derzeit veröffentlicht der Verlag pro Jahr ca. 180 Titel, ein Großteil davon v.a. französische Belletristik, aber auch Sachbuch (Geschichte, Philosophie, Essays, aktuelle Dokumente), wir veröffentlichen viele „Intellektuelle“, das ist typisch für Frankreich, davon gibt es hier einige, die sich auch gerne öffentlich zu all dem äußern, was in der Gesellschaft passiert, wie etwa Bernard-Henri Lévy oder Pascal Bruckner. Ein großer Unterschied zu Deutschland sind auch die autobiografischen Texte, die aber hier eher als Literatur erscheinen, etwa in unserer gelben Reihe, die bekannt ist für große Literatur. Da erscheinen dann aber auch Bücher wie etwa die Jahreschroniken von Patrick Rambaud, der in sehr literarischem Stil die Regierungsjahre Sarkozys begleitet hat – das ist toll geschrieben, aber keine eigentliche Fiktion.

 

Haben Sie das Gefühl, dass deren Bücher und Meinungen in einer hochpolitischen Zeit wie jetzt wieder stärker gefragt sind?

Generell sind Wahljahre für Buchverlage hier eine Katastrophe, und dieses ist wirklich besonders schlimm. Die allgemeinen Einbrüche auf dem Buchmarkt sind massiv und alle Verlage spüren das.

 

Warum lesen die Menschen in diesem Jahr weniger?

Der letzte Wahlkampf war absolut einzigartig, diese ganzen Skandale, die Polarisierung, die Leute verfolgen glaube ich eher das, in der Presse oder im Fernsehen. Und die Wirtschaft hierzulande ist derzeit auch nicht sehr stark, da wird natürlich auf allen Seiten an der Kultur gespart.

Aber auffällig ist in Frankreich auch: Jeder Politiker, der halbwegs etwas auf sich hält, muss irgendwann mal ein Buch veröffentlicht haben. Vieles davon setzt sich dann jedoch nicht durch. Aber die Themen, die im Wahlkampf eine große Rolle spielen, für die gibt es auch eine Nachfrage im Buchmarkt. So etwa Pascal Bruckner, der letztes Jahr ein Buch über Geld, dieses Jahr eines über Islamophobie geschrieben hat, der ist in den Medien wahnsinnig präsent, die Verkaufszahlen sind jedoch leider nicht mehr so wie früher (wir haben davon noch etwa 30.000 Stück verkauft, immerhin, aber das wären früher mehr gewesen). Und natürlich ist durch die französischsprachigen Autoren aus Nordafrika das Thema Islam allgemein sehr groß. Auch in der Literatur, eine Leïla Slimani etwa, die letztes Jahr den Goncourt gewonnen hat, die jetzt gerade ein Buch zum Thema weibliche Sexualität im Islam veröffentlicht hat. Auch wenn man das Gefühl hat, es wird vieles radikaler, gibt es auch parallel dazu Stimmen, die anders sind, eine andere Tendenz haben.

 

Was hat sich im Buchwesen verändert, seit Sie bei Grasset sind?

Der Markt hat sich sehr verändert, auch wenn man sagen muss, dass der französische Markt im Vergleich zu anderen noch immer sehr frei ist, besonders hier bei Grasset. Aber auch hier müssen die Verlage zunehmend überlegen, was sie veröffentlichen. Die Midlist ist eingebrochen, alle Verlage brauchen Bestseller im Programm, die den Rest tragen. Den Luxus, viel einfach aus Spaß und Interesse herauszubringen, das kann man sich immer weniger leisten. Dennoch ist das Verhältnis Verlag-Autor bei uns im Haus noch immer vielfach wie eine klassische Ehe – Treue, solange es geht. Patrick Rambaud etwa veröffentlicht seit Jahrzehnten bei uns. Aber auch die aus der eher jüngeren Generation mit damals wirklich radikal neuen Stimmen wie Frédéric Beigbeder oder Virginie Despentes sind schon sehr lange bei uns. Aber der Druck und die Erwartungen der Autoren sind gestiegen, wozu auch beigetragen hat, dass inzwischen immer mehr Autoren von Agenten repräsentiert werden, aber natürlich auch der generell schwierige Markt. Und so können Autoren versucht sein, dem Sirenengesang anderer Verlage zu folgen.

 

 

Welche aktuellen Titel aus Ihrem Programm finden Sie persönlich besonders spannend?

Eine wundervolle Entdeckung war der Erstlingsroman „Petit pays”, ein hinreissender und sehr bewegender Roman mit charismatischem Autor, der auch schon vor Erscheinen international auf großes Interesse und Begeisterung gestoßen ist und der dann auch hier in Frankreich ein Riesenerfolg wurde: Gaël Faye, geboren in Burundi als Sohn eines französischen Vaters und einer Mutter aus Ruanda. Er kommt aus der Musik, aus dem HipHop. Er erzählt in dem Roman (das titelgebende “kleine Land” ist natürlich Burundi) vom Ende der Kindheit: Wie schafft es die Geschichte manchmal durch ihren Horror, der Kindheit ein brutales Ende zu setzen und diese Zeit der Unschuld zu beenden. Es beginnt damit, dass ihm seine Eltern ankündigen, dass sie sich trennen wollen. Dann kommt der erste Staatsstreich, und dann beginnt langsam der Genozid, also zwischen Tutsi und Hutus. Er ist Tutsi (eigentlich weiß er das am Anfang aber noch gar nicht und es interessiert ihn auch nicht), er wohnt in einer Sackgasse voller Gärten, in denen er mit seinen Freunden spielt, und nach und nach werden durch den Horror, der außenherum passiert, alle gezwungen, Position zu beziehen, obwohl sie das eigentlich überhaupt nicht wollen. Und das erzählt er wirklich großartig, in einem ganz besonderen Ton. Wir haben davon in Frankreich über 400.000 Exemplare verkauft, dazu 30 Auslandslizenzen. Das ist absolut außergewöhnlich. In Deutschland erscheint das Buch übrigens bei Piper.

Eine weitere wunderschöne Entdeckung war der Erstlingsroman „La Tresse“ („Der Zopf) der Regisseurin und Drehbuchautorin Laetitia Colombani, die umwerfende Geschichte von drei Frauen in drei verschiedenen Kontinenten, die eigentlich nichts verbindet als grosser Mut, und deren aus ganz unterschiedlichen Gründen schwere Schicksale sich verflechten… Auch in diesem Fall ist es uns gelungen, international große Begeisterung für den Roman zu schaffen und vor Erscheinen in Frankreich 20 internationale Verlage für das Buch zu finden.

Das beflügelt natürlich…

 

Gibt es eine Sprache, in die sie am liebsten Lizenzen verkaufen, etwa ins Englische?

Der englische Markt ist oft schwierig, in den USA und in England wird weniger übersetzt als bei uns, das erschwert unsere Arbeit. Das sieht dann eher so aus, dass man den englischen Verlagen sagen muss: Schaut mal, wir haben es schon in 15 Sprachen verkauft, damit sie es sich ansehen.

Ich verkaufe natürlich schon gerne nach Deutschland. Ich bin da aufgewachsen, es ist meine Muttersprache, ich habe eine Idee von den Verlagen, ich komme auch oft hin und schaue mir in den Buchhandlungen an, was so passiert – diesen Zugang habe ich in dem Maße in den anderen Sprachen natürlich nicht. Und man kann es auch ganz offen sagen: Die deutschen Verlage sind unglaublich dynamisch. Wenn es da mal ein breites Interesse an einem Titel gibt, dann kann es in einer Auktion auch schon mal richtig interessant werden.

Aber auch China ist inzwischen ein Markt geworden, der sich wahnsinnig geöffnet hat. Das läuft allerdings über eine chinesische Agentin vor Ort. In meinem ersten Jahr bei Grasset war Frankreich damals Ehrengast auf der Buchmesse in Peking. Wir hatten einen Katalog auf Chinesisch vorbereitet, was witzig war, weil ich nur die Namen der Autoren lesen konnte und sonst keine Ahnung hatte, was da genau drin stand. Und da konnten wir vor Ort schon gleich acht Lizenzen verkaufen. Es gibt einfach sehr viel Nachholbedarf – aber natürlich geht nicht alles, vor allem nichts, was Schwierigkeiten mit der Zensur bekommen könnte, was politisch ist oder sonstwie vom Thema her brisant.

 

Und werden in China vor allem die Klassiker nachgefragt, zum Nachholen?

Ja, Klassiker, Gegenwart, Sachbuch, viel social science – und in den Unis dort gibt es ja auch den Anspruch, den Studenten eine top Ausbildung zu verschaffen, damit die hinterher in die großen Unis in USA und Europa kommen können. Das ist schon eine erstaunliche Entwicklung.

 

Und abgesehen von den großen Auktionen – was sind die schönsten Momente Ihrer Arbeit?

Das Treffen mit den anderen Literaturmenschen, das Sprechen über die Literatur, der Versuch der Vermittlung – das ist alles großartig. Am besten gefällt mir aber wahrscheinlich der Moment, wenn man ein Buch sehr liebt und es dann nach langen Bestrebungen endlich schafft, es an der richtigen Stelle unterzubringen. Wenn die eigene Leidenschaft auf Reisen geht – das ist schon etwas sehr sehr Schönes.

 

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