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„Kinder und Jugendliche nicht für dumm halten!“ – Gespräch mit Soazig Le Bail über Kinderbücher

Von Peter Reichenbach

 

Wir brauchen eine Weile, bis wir verstanden haben, wie französische Häuser funktionieren: Man drückt einen kleinen silbernen, kleinen Knopf an der Hauswand, wodurch sich ein großes, hölzernes Tor öffnen lässt. Danach steht man meistens in einem richtig schönen Innenhof. Und weil es den Beruf des Concierge anscheinend nicht mehr gibt, muss man sich anhand von nicht immer einfach zu verstehenden Schildern weiter navigieren. Daher brauchen wir auch bei Editions Thierry Magnier eine Weile, bis wir unseren Weg gefunden haben - gut, dass man in Frankreich auf gar keinen Fall pünktlich sein darf. Wir wollen mit Soazig Le Bail über Kinderbücher in Frankreich sprechen, nicht zuletzt deswegen, weil sie auch für die französische Übersetzung von Finn-Ole Heinrichs „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“ (im Französischen „La vie de Lara Schmitt“) verantwortlich ist.

 

Soazig, im Wikipediaeintrag über Editions Thierry Magnier hat sich jemand die Mühe gemacht, immerhin für zwei Jahre einmal all die erhaltenen Preise und Auszeichnungen zu dokumentieren; eine wahrlich beeindruckende Liste. Wie schafft man es, so viele Auszeichnungen zu bekommen?

 

Also, ich muss euch zuallererst sagen, dass ich in zwei Monaten in Rente gehen werde. Es ist wahr, eine große Entscheidung, aber ich war jetzt Verlegerin für, ich muss nachdenken, bestimmt 30 Jahre!? Und ja, es war ein Glück, Verlegerin für Kinder- und Jugendbücher zu sein. Aber warum dabei so viele Preise herausgekommen sind, das weiß ich wirklich nicht. Und das ist auch nicht meine Motivation, ich will einfach gute Bücher machen. Und dabei ist mir das Wichtigste, Kinder und Jugendliche nicht für dumm zu halten. Ich suche deshalb auch immer nach Autoren, die eine Geschichten zu erzählen haben. Und nicht nach „Geschichten für Kinder“. So einfach ist das. Ich weiß nie genau, was ich veröffentlichen will, aber ich weiß sehr genau, was ich NICHT veröffentlichen will.

 

Wir kennen natürlich die bei Editions Thierry Magnier übersetzte und veröffentlichte Trilogie „Maulina Schmitt“ von Finn-Ole Heinrich (deutsche Ausgabe bei Hanser, Hörbuch bei Hörcompany, gelesen von Sandra Hüller) und das sind zweifelsohne anspruchsvolle Bücher, die ohne weiteres auch von Erwachsenen gelesen werden können. Das passt also zu dem, was Du sagst. Könnte man sagen, dass das Dein Erfolgsrezept ist?

Nun, leider verkaufen wir sie nicht ganz so gut, wie wir das erwartet hatten. Aber ihr wisst ja, im Buch stirbt die Mutter von Maulina und es sind die Mütter, die ihren Kindern Bücher kaufen … Aber man darf nicht zu viel nachdenken, denn sonst veröffentlicht man nur noch leicht lesbare Bücher.

 

 

Wie kommst Du auf die Bücher aus anderen Ländern?
Da gibt es viele Wege: Übersetzer, Agenten, die ich in Frankfurt oder Bologna treffe und über Testleser. Es ist sehr wichtig, gute Testleser zu haben, die genau wissen, wonach ich suche.

 

Auf Eurer Website haben wir gesehen, dass man die Titel anhand von Themen suchen bzw. sortieren lassen kann. Das finden wir spannend, das haben wir in Deutschland so noch nicht so oft gesehen.
Nein? Das machen hier alle, nicht nur wir. Wir müssen das auch machen, weil die Schulen, die Lehrer, auf diese Weise nach Büchern auf unseren Seiten suchen, gar nicht mal so sehr die Leser. Natürlich tauchen dann bestimmte Bücher auf mehreren Listen auf.

 

Erzählst Du uns mehr über den Verlag, wie viele Leute arbeiten hier?
Nun, bei Editions Thierry Magnier sind wir zu fünft. Meine Kollegin ist für die Bildbücher verantwortlich, ich selbst für die Romane, eine Assistentin für uns beide, zwei Leute für Werbung und Presse. Vertrieblich sind wir schon seit zehn Jahren bei Actes Sud eingebunden, was gut ist, weil Actes Sud ein Verlag ist, der gute Literatur schätzt. Aber natürlich müssen wir auch auf die Zahlen achten. Pro Jahr veröffentlichen wir zwischen 60 und 70 Bücher.

 

So viele?
Ja, aber wir haben auch sehr viele Reihen. Hier, ich zeige euch eine Reihe, Petite Poche, die meine gesamte Arbeit ganz gut repräsentiert: Es ist eine Reihe, in der pro Buch ein kleiner Roman in großer Schrift veröffentlicht wird. Diese Romane können von jedem, egal welchen Alters, gelesen werden. Es sind Romane für Erstleser, die ruhig auch schon fünfzig Jahre alt sein können, der Roman funktioniert also auch für Erwachsene, etwa für Leute, deren Muttersprache nicht Französisch ist. Deshalb ist uns auch die Aufteilung der Wörter auf der Seite sehr wichtig, da geben wir uns sehr viel Mühe. Wir achten zum Beispiel darauf, dass keine Wörter getrennt werden. Einige Bücher sind sehr leicht zu lesen, andere sind aber auch komplizierter. Und ich glaube, diese Bücher sind leicht zu kaufen, weil das Format sehr klein ist, und sie mit knapp vier Euro auch vergleichsweise günstig sind.

 

 

Ich hatte eine Schule mit technischem Schwerpunkt besucht, für Kinder und Jugendliche von 7 bis 17 Jahren, es werden vor allem Jungs dort unterrichtet, und die hatten bis dahin noch nie einen vollständigen Roman gelesen. Sie kommen dann zu mir und sagen: „Madame, sehen Sie, das habe ich gelesen, ein ganzes Buch.“ Das ist sehr bewegend und befriedigend zu hören. Von diesen Büchern erscheinen sechs oder acht pro Jahr. Ich hatte die Idee zu diesen Büchern, weil ich als Kind keine Bilderbücher mochte, und heute gibt es immer mehr Bilderbücher mit immer weniger Text, aber was machen wir mit denjenigen, die gerne lesen möchten? Deshalb habe ich an meinem ersten Tag bei Editions Thierry Magnier angefangen, diese Reihe zu entwickeln.

 

In Deutschland kann man immer wieder hören, dass die besten Kinderbücher aus Frankreich kommen. Siehst Du das auch so und wenn ja, ist die Konkurrenz nicht auch besonders hoch?
Die hohe Anzahl an Kinderbüchern liegt sicherlich daran, dass es in Frankreich gute Zeichenschulen gibt. Und was die Konkurrenz betrifft, Editions Thierry Magnier hat einen guten Ruf, weshalb die Zeichner durchaus auf uns zukommen.

 

Hast Du ein Buch, das Du deutschen Lesern empfehlen möchtest?

Tout un monde (In Deutschland bei Gerstenberg erschienen unter dem Titel Die ganze Welt), ein Klassiker und tatsächlich ein Buch ohne Text, das aber dennoch anhand der vielen, sehr unterschiedlichen Motivarten, Fotos und Illustrationen, eine Geschichte erzählt. Und seit ich Großmutter bin weiß ich, dass es sogar mit ganz kleinen Babys funktioniert, sie lieben es, die Seiten umzublättern und sich die Bilder anzusehen.

 

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