"Das wichtigste sind die Buchhändler" - Frédéric Martin vom Verlag "Le Tripode"

Von Peter Reichenbach

 

Der Verlag Le Tripode hat seine Räume ebenerdig in einem Hinterhof. Es sieht so aus, als sei hier früher einmal eine Werkstatt gewesen. Durch die antike Glasfront kann man sofort alle Bücher und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter sehen. Verleger Frédéric Martin winkt mich herein, als er mich vor der Tür stehen sieht. Dieser erste Eindruck von Offenheit und Transparenz bestätigt sich auch in der nächsten Stunde, in der er mir von seinem Verlag erzählt.

 

Le-Tripode-Autor Nicolas Zeisler (l) mit Verleger Frédéric Martin (r)
Le-Tripode-Autor Nicolas Zeisler (l) mit Verleger Frédéric Martin (r)

Frédéric, wie viele Leute seid ihr, und wie viele Bücher veröffentlicht Le Tripode?

Wir sind vier Leute, die heute auch alle hier sind. Und was die Veröffentlichungen angeht, so unterscheide ich streng zwischen Romanen und den anderen Büchern, die ich veröffentliche, denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, weder was die Arbeit angeht noch das Risiko, das ich damit eingehe. Ich veröffentliche 15 Romane im Jahr und dann noch 15 weird books. Auf meiner Website nenne ich sie OVNI, also Ufos, weil sie in keine der üblichen Kategorien einsortiert werden können. Es kann sich dabei um Lyrik handeln, aber auch Kunstbücher sind darunter, wie etwa ein viereinhalb Kilo schweres Buch über einen Künstler oder auch ein Lyriksammelband. Doch man darf nicht vergessen, dass die Arbeit eigentlich erst beginnt, wenn die Bücher fertig gedruckt sind. Und so sind die 15 Romane natürlich der Schwerpunkt, die anderen sind "for fun". Das heißt nicht, dass sich die weird books nicht auch gut verkaufen können, doch das ist seltener der Fall.

 

 

Aber ein Beispiel ist das Buch Où faire pipi à Paris?, das alle öffentlichen WC-Anlagen von Paris verzeichnet. Das haben wir nur aus Spaß veröffentlicht, es ist aber zu einem echten Bestseller geworden. Oder auch Le tout va bien, bei dem wir die besten Zeitungsüberschriften aus dem letzten Jahr gesammelt haben, da finden sich wirklich alberne Beispiele wie etwa dieses hier, dass sich vielleicht so übersetzen lässt: "Gesucht: Der in Rente gegangene Mann, der in London für seine frittierten Camemberts berühmt war." Ganz zuversichtlich bin ich auch, was dieses Buch hier - Le Livre von Nicolás Arispe – betrifft. Es hat schon fünf Rezensionen erhalten, obwohl es offiziell noch gar nicht erschienen ist.

 

Wie wichtig ist es für Le Tripode, Rezensionen zu bekommen? Wir beobachten ja leider, dass es immer weniger Rezensionsplätze in den Zeitungen gibt und Rezensionen auch immer weniger Einfluss auf den Verkauf von Büchern haben.

Ja, ich mache die gleiche Erfahrung, selbst wenn es ein riesengroßer Artikel ist, so hat er meistens kaum eine Auswirkung auf den Verkauf. Immerhin haben wir bislang wirklich viele Besprechungen für unsere Bücher bekommen. Aber das wichtigste sind die Buchhändler. Es gibt in Frankreich ein großes Netz unabhängiger Buchhandlungen, die wirklich entscheidend dazu beitragen können, einen Titel erfolgreich zu machen. Deswegen verschicke ich auch bis zu 300 Leseexemplare pro Buch. Ich würde sagen, dass 90% der Verkäufe über Buchhandlungen gehen. Die Vermittlung der Bücher ist also der wichtigste Teil meines Jobs und meiner Strategie ist es, die Buchhändlern zu erreichen.

 

Ich bin jetzt schon seit zwanzig Jahren im Verlagswesen. Ich habe schon vor Gründung von Le Tripode  bei einem Verlag gearbeitet, der auch die Bücher von Fred Vargas veröffentlicht. Das war ein großes Glück für mich, weil ich so zum einen die Möglichkeit hatte, zu lernen, wie man Buchhändler erreichen kann und Kritiker und Institutionen kennenlernn konnte. Zum anderen habe ich den besten Vertrieb erlebt und bin auch jetzt bei einer der besten Auslieferungen Frankreichs, das hilft mir sehr.

 

Erzähl mir mehr über deine Bücher, dein Programm und wie du deine Autoren findest?

Was wir hier sehr gerne machen, ist, das vollständige Werk eines Autors zu veröffentlichen. Wie etwa das von Goliarda Sapienza, von der wir jetzt schon sieben Bücher veröffentlicht haben. Unser Bestseller-Autor ist Andrus Kivirähk, ein estnischer Schriftsteller. Und wie ich meine Autoren finde: Das hat immer etwas mit Glück zu tun. Ich erhalte sehr viele Manuskripte von unterschiedlichen Autoren, aber auch von Übersetzern. Und ja, Edgar Hilsenrath, dessen gesamtes Werk wir veröffentlichen, wurde mir von einem Deutschen, der hier in Paris Buchhändler ist, empfohlen.

 

Das Cover-Design der Bücher Le Tripode gefällt mir sehr gut. Würdest du sagen, dass es auch Teil eures Erfolgs ist?
Ja, das denke ich. Vor allem auch deswegen, weil es in Frankreich wirklich außergewöhnlich ist, dass ein Verlag das Design für jedes Buch neu entwirft. Du kennst die Bücher von Gallimard, wo sich nur der Titel ändert. Wir verfolgen die gegenteilige Strategie: Wir wollen jedem Buch das Design geben, das am besten zu ihm passt, so bekommt jedes Buch seinen eigenen Charakter. Nicht umsonst hat man uns für einen Artikel gefragt, doch einmal alle Entwürfe eines Covers abzubilden (das letzte ist es dann geworden):

 

 

Ich habe auf eurer Website gesehen, dass ihr einen Blog habt?
Ja, das stimmt, aber wir kommen nicht dazu, ihn zu pflegen. Le Tripode wächst gerade sehr schnell, vor allem in den letzten fünf Jahren haben wir uns ganz gut etabliert, aber das führt auch dazu, dass ich nicht genügend schlafe. Deshalb muss der Blog gerade ruhen, wir arbeiten jetzt schon viel zu viel. Gerade werde ich auch sehr häufig von Buchhändlern eingeladen, um im Rahmen einer Veranstaltung in der Buchhandlung den Verlag vorzustellen. Ich bringe dann eine Flasche Wein mit, die wir ganz am Anfang des Abends öffnen. Der Buchhändler hat für den Abend fünf Le-Tripode-Bücher ausgewählt und ich erzähle dann eine Geschichte, die alle fünf Bücher miteinander verbindet. Und so sprechen wir über Bücher, während wir trinken. Das ist immer eine gute Art und Weise über Bücher zu sprechen, viel lustiger, viel informativer. Und ich habe solche Veranstaltungen bestimmt einmal in der Woche. Zu diesen Veranstaltungen kommen manchmal bis zu 50 Leute, ich mag das sehr. Bedeutet aber auch wieder weniger Schlaf.

 

Was bedeutet der Buchmessen-Schwerpunkt in Frankfurt für dich?
Nun, wir haben ein paar Lizenzen verkaufen können, aber ich bin mit solchen Phänomenen immer sehr vorsichtig. Denn wir veröffentlichen Autoren, die mehrere gute Bücher veröffentlicht haben. Ich habe früher die Auslandslizenzen betreut und ich weiß sehr gut, wie die Abläufe sind. Wenn man Rechte an Verlage verkauft, die nur auf den Erfolg eines Titels aus sind, der dann vielleicht nicht kommt, dann wird man es schwer haben, einen weiteren Titel des entsprechenden Autors in diesem Land zu verkaufen. Und so versuche ich die Rechte immer an einen Verlag zu verkaufen, der eine langfristige Zusammenarbeit anstrebt. Und wir haben Zeit. Überhaupt ist das Verlegen von Büchern ein Spiel mit der Zeit. Was ich damit meine ist, dass wenn du es schaffst, das schnelllebige Verlagsgeschäft zu verlangsamen und die Leute dazu kriegst, deine Bücher zu lesen, dann hast du gewonnen. Ein gutes Buch wird nicht innerhalb einer Woche entdeckt. Wenn es ein gutes Buch ist, dann braucht es Zeit, damit es gelesen und wahrgenommen wird. Ich versuche es also nicht so zu machen wie die anderen, alles andere wäre auch Nonsens.

 

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