"Ich glaube, es wird knapp" - Katja Petrovic, Literaturvermittlerin am BIEF

Von Daniel Beskos

 

Eines unserer ersten Interviews führen wir mit Katja Petrovic, die am Bureau international de l'édition française (BIEF) arbeitet. Mit ihr haben wir uns über die Frankfurter Buchmesse, die Lage der französischen Buchbranche und die heute anstehende Präsidentenwahl in Frankreich unterhalten.

 

Katja Petrovic stammt aus Hamburg. Sie arbeitet neben dem BIEF auch als freiberufliche Journalistin, Moderatorin und Literaturveranstalterin / www.katjapetrovic.net
Katja Petrovic stammt aus Hamburg. Sie arbeitet neben dem BIEF auch als freiberufliche Journalistin, Moderatorin und Literaturveranstalterin / www.katjapetrovic.net

Katja, erste Frage: Was genau macht das BIEF?
Die Hauptaufgabe des BIEF ist es, die Bücher der französischen Verlage im Ausland zu präsentieren und zu promoten. Wir kümmern uns z.B. um Messeauftritte überall in der Welt. Wir sind ein Verein, wir werden vom Kulturministerium finanziert, etwa 380 große und kleine Verlage sind bei uns Mitglied. Die können bei uns Pakete bestellen („Wir möchten gerne auf folgende und jenen Messen folgende und jene Bücher präsentieren"), dann sind wir vor Ort, bauen die Stände auf, sind für die Kommunikation zuständig. Und wir geben einen zweisprachigen Katalog heraus mit den präsentierten Titeln. Daneben gibt es das Aus- und Fortbildungsprogramm, in dem ich arbeite, da kümmern wir uns um Verlegertreffen, um Fortbildungsseminare für Übersetzer (Goldschmidt-Programm), da arbeiten je ein Übersetzer aus jeder Nation zusammen im Tandem, und wir haben eine Kooperation mit der Pro Helvetia in der Schweiz. Außerdem kümmere ich mich um das Fellowship-Programm, das richtet sich an junge Verlagsmitarbeiter aus aller Welt, die während der Pariser Buchmesse (Salon de Livre) eine Woche in Paris sind, um ihre Kontakte zu französischen Verlagen zu vertiefen.


Die französische Verlagslandschaft ist extrem zentralisiert – dass quasi alles in Paris stattfindet, weiß man ja, aber es ist eigentlich noch krasser: Genaugenommen ist nämlich nicht einfach alles in Paris, sondern alles hier im Stadtteil Saint Germain. Ich werde nie vergessen, wie mir eine Verlegerin, die gleich auf der anderen Seine-Seite im Marais ein wahnsinnig schönes Büro hatte, mal erzählt hat: „Wir müssen umziehen nach Saint Germain, wir sind hier einfach zu weit weg, die Autoren kommen hier nicht her.“

Wir haben von einigen Verlagen gehört, dass es dieses Jahr – auch angesichts der Präsidentschaftswahl – ausgesprochen schwierig ist, Bücher zu verkaufen.
Ja, für Literatur. Sachbücher laufen in solchen Zeiten natürlich gut. In Frankreich hieß es bisher immer, Literatur sei une valeur refuge, also ein Rückzugswert. Das hat auch immer gut funktioniert, auch trotz der Krise hat sich der Buchmarkt gut gehalten, aber derzeit ist es für Literaturverleger wirklich schwer. Ich weiß aber nicht, ob das dem speziellen Wahlkontext zuzuschreiben ist. Die Leute lesen ja durchaus, nur derzeit eben weniger Literatur.

Spielt die Digitalisierung eigentlich im französischen Buchmarkt eine große Rolle?
Nee, nicht so richtig. Das war ja so ein Riesenthema, aber es hat sich nie so richtig durchgesetzt. Derzeit machen E-Books glaube ich 3% der Buchverkäufe aus.

Die Förderung der Buchbranche ist in Frankreich aber auch sehr stark – zum Beispiel durch Übersetzungsförderung in beide Richtungen, aber auch die Buchhändler werden staatlich subventioniert. Dadurch und wegen der Buchpreisbindung gibt es sehr viele Buchhandlungen im Land, auch in den kleinsten Dörfern. Eine weitere Besonderheit in Frankreich ist, dass die Buchhändler sehr eng mit den Verlagen zusammenarbeiten, gerade mit den unabhängigen Verlagen. Klar, je besser das Verhältnis eines Verlages zu den Buchhandlungen ist, umso besser verkaufen sich seine Bücher, wie in Deutschland ja auch.

Buchhändler sind also wichtig für den Verkauf – welchen Einfluss auf den Erfolg eines Buches hat denn die Literaturkritik in Frankreich?
Der Buchhandel ist wichtiger. Viele Buchhändler stellen zu jeder Buchsaison auch bei Veranstaltungen ausführlich ihre Favoriten vor, viele führen auch einen Blog mit Empfehlungen. Und es gibt das Page des libraires, ein Heft mit Buchbesprechungen, herausgegeben von Buchhändlern. Die Literaturkritik in Frankreich ist dagegen gar nicht mit der in Deutschland zu vergleichen, wo es ja wirklich auch kritische Berichterstattung gibt.

 

Ach wirklich? Ich dachte, gerade im intellektuellen Frankreich gibt es einen kritischen Diskurs auf hohem Niveau?
In der Presse nicht so richtig, schon eher im Radio. Aber im Printbereich sind es eher kleine Empfehlungen, aber kaum richtige Kritiken, höchstens in Magazinen. Daher gibt es auch kein Pendant zum deutschen Perlentaucher, denn es ist einfach nicht sehr spannend, diese Kritiken zusammenzufassen.

Gibt es innerhalb der Buchszene merkliche Veränderungen durch die politischer gewordene Situation?
Ja, es gab zwei Sachen, die vor allem nach den Attentaten gut funktioniert haben: Traité sur la tolérance von Voltaire sowie Bücher zum Islam. Die Leute wollten diese Religion einfach verstehen.

Deswegen hat auch Houellebecq so viel Aufmerksamkeit bekommen, oder?
Ja, er hat ja mit seiner Geschichte total provoziert. Aber es war auch Wahnsinn, dass sein Buch ausgerechnet am Tag des Attentats auf Charlie Hebdo erschien. Ich wollte damals ein Interview mit ihm machen, was unglaublich schwer zu kriegen war, aber dann kamen die Ereignisse dazwischen und danach ging natürlich nichts mehr, er hat dann alles abgeblockt, verständlicherweise, zumal er auch einen Freund in der Redaktion von Charlie Hebdo verloren hat.
Die Leute sind schon sehr politisiert, auch wenn nicht immer alle genau wissen, worüber sie sprechen, aber es ist in jedem Fall allgegenwärtig. Und der aktuelle Wahlkampf ist auch wirklich hart geführt worden.

Wie sind denn eigentlich die aktuellen Umfragen für die Wahl am Sonntag?
Es wird damit gerechnet, dass Le Pen über 40 Prozent bekommt, wobei auch immer mehr der Fillon-Wähler Le Pen wählen werden.

Das heißt, es wird knapp?
Ja, das sage ich ja schon länger, ich glaube, dass es knapp wird. Aber das Problem Front National ist in Frankreich ja überhaupt nicht neu. Seit 20 Jahren gehört die Partei zur politischen Landschaft und Marine Le Pen hat es anders als ihr Vater komplett geschafft, diese Partei massentauglich zu machen. Und selbst, wenn sie jetzt nicht Präsidentin wird, dann wird das Problem nur verschoben auf 2022. Der Nachwuchs ist da und für ihn fängt die Partei auch mit Marine Le Pen an, nicht mit ihrem Vater.

Nochmal zurück zur Literatur: Das mit der Einladung als Gastland der Buchmesse war auch etwas holprig, oder?
Ja, ich glaube, die Frankfurter Buchmesse hat zwei oder drei Mal nachfassen müssen, bis es überhaupt eine Antwort von der Französischen Regierung gab. Das hing damit zusammen, dass manche französischen Verleger gesagt haben: „Wir brauchen das nicht, Deutschland und Frankreich sind bereits so gut vernetzt. Es kostet uns einfach nur sehr viel Geld.“ Das stimmt ja auch, es heißt zwar „Einladung“, aber das Gastland muss ja seinen Auftritt selbst bezahlen und organisieren. Daraufhin gab es aber einige interne Aufregung hier, und einige, z.B. Gallimard, haben gesagt: „Selbstverständlich wollen wir Gastland der Frankfurter Buchmesse sein.“
Was jetzt interessant ist und auch anders als bei den bisherigen Gastauftritten Frankreichs ist die Tatsache, dass diesmal eben nicht nur Frankreich eingeladen ist, sondern die französische Sprache, die Frankophonie, also die französischsprachigen Länder insgesamt. Das war für die Franzosen nun natürlich auch deswegen interessant, weil sie zum Beispiel die Belgier und die Schweizer fragen konnten, sich an den Kosten zu beteiligen. Aber darüber hinaus ist es eine sehr gute Sache, weil dadurch auch viele afrikanische Länder dabei sein können, das sind ja Literaturszenen, die in Europa oft noch sehr unbekannt sind. Jetzt können die afrikanischen Verleger (vor allem aus den Ländern südlich der Sahara) nicht nur mit französischen Verlagen Geschäfte machen, sondern haben auch mal die Gelegenheit, Lizenzen in andere europäische Länder zu verkaufen. Das ist für diese Länder schon sehr besonders, denn deren Zusammenarbeit mit Frankreich läuft oft eher so, dass ihnen die französischen Verlage einfach Bücher verkaufen, fertige Bücher (keine Lizenzen!), die schon gedruckt sind und dann in Afrika verkauft werden sollen – allerdings ohne die Preise den dortigen Gegebenheiten wirklich anzupassen – auch ein Ladenpreis von vielleicht 10 Euro ist dort natürlich noch immer viel zu hoch. Ich bin also gespannt auf die kommende Messe.

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