Frauen. Männer. Fußball. Interview mit Dagrun Hintze zu "Ballbesitz"

 

Dagrun Hintze erzählt in der mairisch-Neuerscheinung BALLBESITZ von ihrer eigenen Liebe zum Fußball, von Männern, die in Borussia-Dortmund-Bettwäsche schlafen, und von intensiven Begegnungen, wie sie nur zwischen Anpfiff und Abpfiff möglich sind. Sie untersucht dabei männliche und weibliche role models im Fußball und zieht immer wieder Parallelen zum Theater, zur Literatur und zur bildenden Kunst. Wir haben ihr zum Erscheinen ein paar Fragen gestellt.

 

mairisch: Die meisten Männer kommen schon relativ früh mit Fußball in Berührung. Entweder durch ihre Väter, die irgendwann mit ihren Söhnen Fußball spielen oder gucken oder eben durch Klassenkameraden und Freunde. Bei Frauen ist das nicht so, oder? Und wie bist du eigentlich zum Fußball gekommen?

Dagrun: Nein, bei Frauen ist das bedauerlicherweise nicht so – wobei sich da vielleicht auch gerade etwas ändert, weil viele Mädchen inzwischen sehr selbstverständlich Fußball spielen. In meiner Kindheit und Jugend gehörte es in den meisten Familien immerhin dazu, Länderspiele zu verfolgen oder Sportschau zu gucken, ich kannte damals also Spielernamen (Manfred Kaltz und Horst Hrubesch, zum Beispiel) und habe auch immer mal wieder Hanuta- und Duplo-Bilder gesammelt. Irgendwann verschwand Fußball allerdings völlig von meinem Radar, weil ich erstens ein echtes Pferdemädchen wurde, zweitens anfing, mich für Literatur zu interessieren und drittens für Jungs. Wiedergefunden hat mich der Fußball erst im Jahr 2000, und zwar ganz konkret beim Halbfinale Holland gegen Italien, bei dem Holland insgesamt fünf Elfmeter verschoss. Ich hatte das Spiel eigentlich nur meinem damaligen Freund zuliebe mit angesehen, aber dieses Strafstoßdesaster änderte tatsächlich alles, weil ich einfach nicht fassen konnte, was da passierte: Lauter Leute, die tagtäglich nichts anderes machten, als ihre Schusstechnik zu trainieren, trafen nicht vom Elfmeterpunkt – als wäre das ansteckend. Oder ein Fluch. Klingt bescheuert, aber seitdem beschäftige ich mich voller Begeisterung mit dem Fußball – auch weil mir damals zum ersten Mal die Parallelen zu meinem Beruf, zum Theater aufgefallen sind. Auch da gibt es manchmal Vorstellungen, bei denen der Wurm drin ist (oder, um es fußballerisch zu sagen: bei denen die Schauspieler Scheiße am Schuh haben), ohne dass man das genauer in Worte fassen könnte. Genauso können Vorstellungen aber auch magisch abheben, wenn alle im "Flow" sind und es auf der Bühne nichts mehr gibt, was man falsch machen kann – auch das ist dann mit Worten nicht mehr zu beschreiben. Was ja wiederum auch für ein Spiel wie das 7:1 gegen Brasilien gilt.

Du zeigst im Buch sehr gut, dass Fußball mehr sein kann, als das Spiel, bei dem 22 Typen einem Ball hinterherrennen. Was braucht es also, um das zu erfahren?

Zunächst mal: Darauf einlassen. Nicht denken, das ist "nur" Fußball, und es gibt tausend wichtigere Dinge auf der Welt, mit denen man sich beschäftigen sollte. Die gibt es immer, aber manchmal tut es eben auch einfach gut, für 90 Minuten von ihnen entlastet zu sein. Und wie bei allen Kulturtechniken gehört zum richtigen Genuss dann eben auch ein tiefergehendes Verständnis – und das lernt man nur dadurch, dass man viel Fußball guckt. Nur dann hat man Vergleiche und lernt, Qualitäten zu beurteilen, sowohl die von Spielern als auch von Spielsystemen.


Mit Fußballfachwissen, betritt man immer noch eine Welt, die fest in der Hand von Männern ist. Ich kann mir vorstellen, dass viele Männer nicht so gerne mit Frauen Fußball gucken, die sich damit auskennen. Wie ist da deine Erfahrung?

Ich erlebe das meistens positiv, muss ich sagen. Mein Mann liebt es sowieso, mit mir zusammen Fußball zu gucken, weil sich dadurch zwischen uns immer wieder extrem gute Gespräche ergeben. Andere Typen, die mich nicht so gut kennen, reagieren erst mal oft überrascht, wenn sie mitbekommen, dass ich mich wirklich für Fußball interessiere, finden das dann aber meist eher cool. Die einzigen, die sich von einer fußballsachverständigen Frau gestresst fühlen, sind nach meiner Erfahrung Männer, die sich selbst nicht gut damit auskennen, das aber schwer zugeben können – da wird's dann schnell unerfreulich. Im Moment frage ich mich allerdings gerade, wie fest der Fußball wirklich noch in der Hand von Männern ist – in meinem eigenen Freundeskreis gibt es tatsächlich nur eine Frau, mit der ich ernsthaft über Fußball sprechen kann, durch "Ballbesitz" treffe ich jetzt aber auf immer mehr Frauen mit Fußballsachverstand, das finde ich großartig.

Und könnte man sagen, dass Fußballfachwissen bei Frauen eine subversive Form des Feminismus ist?

Diese Formulierung gefällt mir ausgesprochen gut und entspricht genau meiner These, dass weiblicher Fußballsachverstand ein Beitrag zur Emanzipation ist. Auf den ersten Blick würde man vermutlich eher nicht darauf kommen, dass das ein Feld für feministische Eroberungen sein könnte, aber genau das ist ja das blöde Stereotyp: Es gibt Felder, die Männern vorbehalten sind und in denen Frauen nichts zu suchen haben, weil sie sich qua Biologie oder Sozialisation gar nicht ernsthaft dafür interessieren können – das kann man dann auch schnell benutzen, um Frauen bei Diskussionen über Wirtschaft oder Politik nicht ernst zu nehmen. Und mir gefällt der Überraschungseffekt, den es – Stand heute – immer noch gibt, wenn eine Frau erkennen lässt, dass sie sich mit Fußball auskennt. Ich bin sicher, dass Männer ihr dann auch bei anderen Themen besser zuhören.

Lieblingsverein?
Borussia Dortmund, große Liebe. Zunächst nur zu einem Mann, der leidenschaftlicher BVB-Fan war (und immer noch ist). Der war dann irgendwann weg, aber die Liebe zum Verein ist geblieben – vermutlich eine Art magische Übertragung, die dafür sorgt, dass wir uns auch heute noch mögen. Man sucht sich das ja nicht selbst aus …

 

 

Dagrun Hintze

Ballbesitz

Frauen, Männer und Fußball

Broschur | 104 Seiten | 11,- Euro

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