"Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman" - Stevan Paul im Interview

Heute erscheint - nach den beiden Erzählbänden "Schlaraffenland" und "Monsieur, der Hummer und ich" - Stevans Pauls erster Roman: "Der große Glander". Darin wird der junge Künstler Gustav Glander im New York der 1990er-Jahre zum Star der Eat-Art-Bewegung. Seine kulinarisch geprägten Arbeiten und Aktionen sind spektakuläre Inszenierungen und treffen den Nerv der Zeit, Kritiker und Sammler stürzen sich auf die Werke des schweigsamen Deutschen. Doch der Erfolg bereitet Glander Unbehagen. Von einem Tag auf den anderen verschwindet er. Spurlos. Zwölf Jahre später: Ein Restaurant in Hamburg. Es herrscht Hochbetrieb in Küche und Service. Im Speiseraum sitzt auch der bekannte Kunstkritiker Gerd Möninghaus. Dem kommt einer der anderen Gäste seltsam bekannt vor. Zu spät fällt Möninghaus ein: War das etwa Glander? Als kurze Zeit später bislang unbekannte Skizzen des verschollenen Künstlers in der Redaktion auftauchen, beginnt der engagierte Journalist zu recherchieren. Seine Suche führt ihn von Hamburg nach New York, nach St. Moritz, an den Bodensee und ins Allgäu – und er macht dabei eine überraschende Entdeckung.

 

Wir haben Stevan ein paar Fragen zur Entstehung des Buches gestellt ... und ihn natürlich auch nach einem Rezept gefragt.

Stevan, Du bist Autor von vielen tollen Kochbüchern und zwei kulinarischen Erzählbänden. Warum hast Du nun einen Roman geschrieben?

 

Weil ich Lust dazu hatte! (lacht). Der Roman entstand tatsächlich parallel zu vielen anderen Projekten. Ich habe mir Zeit für die Entwicklung des Stoffes und der Figuren genommen und längere Auszeiten nur zum Schreiben.

 

Wie lange hast Du am Roman geschrieben und wie verlief der Schreibprozess?

 

Insgesamt waren es zweieinhalb Jahre in denen ich mir, jeweils im Winter, einige Wochen und Monate reine Schreibzeit erarbeitet habe. Begonnen hat es mit einem Stipendium der Kulturbehörde Hamburg, ich durfte damals im Januar 2014 vier Wochen im Laudinella Hotel in St. Moritz schreiben. Da habe ich auch gemerkt, dass ich ohne Ablenkung vom Alltagsrauschen am besten schreiben kann.

 

Erzählst Du uns ein bisschen, wie der Roman entstanden ist? Er spielt ja an verschiedenen Orten, hast Du die alle bereist? Woher kam die Idee für die Geschichte?

 

Die Geschichte hatte ich schon vor Jahren grob entwickelt, das Stipendium half, den Stoff anzugehen. Und tatsächlich habe ich alle Orte bereist, oder habe wahlweise eben auch dort gelebt. Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman, denn ich bin am Bodensee aufgewachsen, habe in Ravensburg den Beruf des Kochs erlernt. Seit zwanzig Jahren schon ist mir Hamburg neue Heimat geworden und auch da spielt der Roman, in den Restaurants und Magazin-Redaktionen der Gegenwart. Das Buch ist darüber hinaus allerdings wenig biographisch. Mich hat vielmehr die alte Frage beschäftigt, wie viel Kunst eigentlich im Kochen steckt – darüber wollte ich schreiben und dafür habe ich die Kunst gleich mit ins Boot geholt.

 

Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz
Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz

In dem Roman geht es ja auch um Kunst bzw. Eat-Art. Wie ist dazu Deine Beziehung? Und wie hast Du zum Thema Kunst recherchiert?

 

Essen und Genuss haben viel mit Kunst gemeinsam. Ein Tellergericht kann uns inspirieren, berühren, Gefühle auslösen – wie eine Gemälde, eine Fotografie, ein Musikstück. Der große Unterschied besteht darin, dass das Tellergericht nicht nur wesentlich vergänglicher ist, sondern dass wir uns das Tellergericht auch einverleiben können, es wird ein Teil von uns. Die Eat-Art erhebt das so lebensnotwendige, wie alltägliche Thema der Ernährung in allen Facetten zum Gegenstand der Kunst. Ich schätze die Eat-Art sehr, weil oft auch ein guter Humor mitschwingt, von Daniel Spoerris „Fallenbildern“ in den 60er-Jahren, über Dieter Roths „Literaturwürste“ bis hin zur wunderbaren, niederländischen Künstlerin Marije Vogelzang, die heute Food, Design und Philosophie in ihren künstlerischen Arbeiten und Aktionen vereint. Zur Eat-Art habe ich recherchiert, vor allem aber auch ein paar spannende Bücher über Kunstfälscher und Kunsthandel gelesen, und bei der Hamburger Polizei viel über die Fahndung nach Vermissten und Langzeitverschwundenen gelernt.

 

Gab es das Promi-Zählen-Spiel in New York wie es im Roman vorkommt eigentlich wirklich?

 

Das alberne „Star-Watch-Bingo“ habe ich erfunden (lacht) und es ist eng verwoben mit einem anderen Running Gag im Buch: Vor Jahren las ich mal irgendwo, dass es in New York unmöglich wäre, eine Straße zu überqueren, ohne nicht wenigstens Robert de Niro zu begegnen. Mit diesen „Star-Geschichten“ in den New-York-Teilen des Romans, versuche ich auch an die Zeiten der glamourösen Superstars aus Film, Kunst und Mode zu erinnern, die gab es damals noch, in den späten 80ern und beginnenden 90er-Jahren. Das war eine Zeit, in der eben auch ein deutscher Künstler wie Gustav Glander in New York zum gefeierten und hochgejazzten Liebling und Superstar werden konnte.

 

Gib's zu, da ist auch einiges aus Deinem Leben im Roman versteckt?

 

Die Realität ist ja gerne mal Stichwortgeber für den Autor und mein erstes Buch „Monsieur, der Hummer und ich“ war stark biographisch geprägt. Schon bei „Schlaraffenland“ war das anders und im Roman sind es jetzt eher Erfahrungen und Erkenntnisse gastrosophischer Art, weniger konkrete Begebenheiten, die den Text prägen. Mit Vergnügen habe ich aber ein paar meiner Lieblingsongs und Bands im Buch „versteckt“.

 

Was möchtest Du den Lesern von „Der große Glander“ vermitteln?

 

Im besten Fall die Freude am Genuss und ein Verständnis dafür, was Genuss bedingt: Handwerk, Hingabe und Leidenschaft.

 

Verrätst Du uns ein Rezept von einem Gericht, das im Roman vorkommt?

 

Das wäre dann ja wohl die berühmte Zunge mit polnischer Sauce die im Buch einen großen Auftritt hat:

 

Dazu für 4 Personen 1 gepökelte Kalbszunge (ca. 900 g, beim Metzger vorbestellen) kalt abspülen und in einem Topf mit Wasser einmal aufkochen. Derweil 1 Bund Suppengrün und 3 Gemüsezwiebeln waschen, grob würfeln und in einem zweiten Topf mit reichlich Wasser, 3 Lorbeerblättern, 1 EL weißen Pfefferkörnern und 1 TL Salz aufkochen. Die Zunge aus dem ersten Kochwasser jetzt in den Topf mit den Gemüsen und Gewürzen geben und bei mittlerer Hitze zweieinhalb Stunden leise köcheln lassen.

Inzwischen für die polnische Sauce 4 Eier hart kochen und kalt abschrecken. Eine Mayonnaise herstellen: für die Zubereitung der klassischen Mayonnaise sollten alle Zutaten die gleiche Temperatur haben (Kühlschrank oder Zimmertemperatur), das verhindert ein mögliches Gerinnen. Die Eier sollten wirklich frisch sein. Die Mayonnaise im Kühlschrank aufbewahren und am Tag der Herstellung verbrauchen. 1 Eigelb mit 1 TL scharfem Senf, 1 TL Weißweinessig und 1 Prise Salz mit dem Schneidstab im Mixbecher pürieren. 150-200 ml Pflanzenöl erst tröpfchenweise, dann in dünnem Strahl untermixen. Mit Salz würzen und kalt stellen. 2-3 Salzgurken (oder Gewürzgurken) fein würfeln. Die gekochten Eier pellen und grob hacken. 1 Bund krause Petersilie hacken, 1 Bund Dill fein schneiden. 1-2 TL Kapern mit 1 EL Kapernflüssigkeit und allen vorbereiteten Zutaten unter die Mayonnaise rühren. Mit Salz, einer Prise Zucker, etwas scharfem Paprikapulver und einem Spritzer Kräuteressig fein abschmecken.

Zunge aus dem Kochwasser nehmen, kurz unter kaltem Wasser leicht abkühlen und dann, noch heiß, die Haut abziehen. Zunge in Scheiben schneiden und mit der Sauce servieren. Dazu passen Pellkartoffeln mit Kümmel.

 

Lieber Stevan, vielen Dank für das Interview!

 

Stevan Paul

1969 geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in seiner Heimatstadt Ravensburg, am Bodensee und im Allgäu, seit über zwanzig Jahren lebt er nun schon in Hamburg. Der gelernte Koch ist Autor zahlreicher Kochbuchbestseller, schreibt als freier Journalist kulinarische Texte und Reisereportagen für Zeitschriften und Magazine, ist Radiokolumnist.

Stevan Paul betreibt eines der meistgelesenen Genuß-Blogs im deutschsprachigen Raum.

www.nutriculinary.com www.stevanpaul.de

 

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