"Medium is beautiful": Der niederländische Buchhandel - Interview mit Maarten Asscher

Von Daniel Beskos

 

Schlendert man durch Amsterdam, kann man schon staunen: In praktisch jeder Straße der Innenstadt findet sich eine Buchhandlung, meist gutsortiert und literarisch ausgerichtet. Aber geht es dem Buchhandel in den Niederlanden wirklich so gut? Ich habe mich mit Maarten Asscher getroffen, Geschäftsführer der sehr renommierten Buchhandlung Athenaeum.

 

Maarten Asscher, geboren 1957, arbeitet als Geschäftsführer von Athenaeum in Amsterdam. Früher war er selbst auch Verleger, außerdem ist er Autor, fünf seiner Bücher sind auch auf Deutsch erschienen.

 

Maarten, wie geht es dem Buchhandel in den Niederlanden?

Das Leben als literarisch anspruchsvoller Buchhändler ist hier in der Tat nicht übel, zumindest im kosmopolitischen Umfeld einer Großstadt wie Amsterdam. Wir haben hier zwei Universitäten und ein reiches Kulturleben. In der Provinz ist es aber eher schwierig, dort hat der Onlinehandel einen großen Teil des Marktes übernommen. In den kleinen Städten, in denen es an einem Publikum mangelt, das dem eigenen Leben durch Literatur einen Sinn gibt, ist es dagegen eigentlich zu teuer, einen stationären Buchladen zu betreiben.

 

Und wie sieht das Programm von Athenaeum aus?
Athenaeum ist ein Buchgeschäft mit Anspruch, wir haben etwa 40% internationale Titel und 60% niederländische Bücher. Unten hier am Spui-Platz betreiben wir das News-Center, in dem wir über 3.000 Magazine und Zeitungen anbieten, von denen wir viele extra importieren. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes haben wir ein akademisches Veranstaltungszentrum, dort machen wir etwa 250 Events pro Jahr, die viele Leute anziehen. Dann gibt es noch Filialen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, eine hier in der Stadt, eine in Haarlem und den Kunstbuchladen im Rijksmuseum. Das funktioniert alles ganz gut, aber natürlich ist eine Buchhandlung nicht unbedingt der einfachste Weg, Geld zu verdienen. Unser Geschäft bewegt sich immer näher am Idealismus als am Realismus. Geld von der Bank kriegt man dafür jedenfalls nicht. Deshalb ist es wichtig, unabhängig zu bleiben und nie die Kontrolle abzugeben. Nur so kann man sein Sortiment selbst aussuchen, seine Schwerpunkte selbst setzen und dabei auch noch Spaß haben.

 

Hat sich das Buchgeschäft in den letzten Jahren denn verändert?

Sehr. Die Tage der großen Buchhandelsketten und Medienkonglomerate wie etwa Selexyz und Polare sind definitiv vorbei. Die sind insolvent gegangen und die Buchhandlungen sind nun an neue, unabhängige Eigentümer übergegangen.

 

Woran lag das - kaufen die Leute weniger Bücher?
Diese Läden waren schlicht zu groß. Man braucht keine 3.000 oder 4.000 Quadratmeter Ladenfläche für einen Buchladen. Früher, bevor es das Internet gab, war das mal ein Vorteil, sehr viel Platz zu haben. Aber jetzt kauft man die abseitigeren Titel eh im Internet. Wir haben bei uns im Laden 35.000 Titel: Für einen normalen Leser, der auf der Suche nach einem guten Buch ist, reicht das locker aus. Und über unsere Webseite hat man eine Auswahl aus 12 Millionen Büchern, aber das geht eben nur in einem Webshop. 80.000 davon verschickt das niederländische Zentrallager Centraal boekhuis, aber alle anderen verschicken wir selbst.

Die ganz großen Läden sind also verschwunden und wir sind jetzt in einer Phase, die ich Medium is beautiful nennen würde. Zu klein funktioniert nicht so gut, man kann nicht investieren; zu groß ist auch problematisch, denn dann hat man viel zu viel Verwaltung mit Chief Executive Officers und Chief Financial Officers und Chief Operation Officers und so weiter, das ist auch völlig unnötig - mittelgroß ist also am besten und für uns funktioniert das sehr gut. Wir haben unter der Krise 2008  am wenigsten gelitten, eher noch von ihr profitiert, weil die Konkurrenz geschwächt wurde. Seitdem expandieren wir, aber nicht um größer zu werden, sondern stärker. Wir intensivieren unsere Position, aber wir dehnen uns nicht aus.

 

Der wunderschöne Laden von Athenaeum am Spui-Platz in der Amsterdamer Altstadt. (Foto von Google Street View)
Der wunderschöne Laden von Athenaeum am Spui-Platz in der Amsterdamer Altstadt. (Foto von Google Street View)

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