Digital First – Der Hörbuchmarkt in den Niederlanden. Ein Interview mit Robbert Hak von Storytel

Von Peter Reichenbach

 

Seit unseren Anfängen veröffentlichen wir bei mairisch Hörbücher und Hörspiele. Als feststand, dass wir nach Amsterdam gehen würden, habe ich sofort versucht, Hörbuchverlage ausfindig zu machen. Leider habe ich keinen einzigen finden können. Liegt es daran, dass ich kein Niederländisch kann und die Webseiten einfach nicht richtig lesen kann, oder gibt es vielleicht wirklich keine? Ich fragte rum, man sagte mir: Sprich mit Robbert Hak. Er arbeitet allerdings bei Storytel, einer Download-Plattform aus Schweden …?

 

Der überaus freundliche Robbert Hak entpuppt sich aber sofort als der richtige Ansprechpartner:

 

Ich verstehe das einfach nicht, wie ist das denn jetzt mit den Hörbüchern in den Niederlanden?

Der Hörbuchmarkt war noch nie sehr groß in den Niederlanden. Rubinstein, der Verlag, bei dem ich vorher gearbeitet habe, war der erste Verlag, der den kommerziellen Hörbuchmarkt überhaupt erst erschlossen hat. Das war 1985.

Der Verlagsgründer Maurits Rubinstein war ein Neffe von Renate Rubinstein, einer sehr bekannten niederländischen Autorin. Sie war jedenfalls in Autorenkreisen sehr gut vernetzt, und Maurits besuchte seine Tante sehr häufig. Später erkrankte Renate Rubinstein an MS, Maurits war da gerade mal 16 Jahre alt. Diese Erkrankung verschlechterte ihr Sehvermögen. Und so hatten sie gemeinsam die Idee, ihre Bücher vorzulesen, damit Leute mit gleichem Handicap oder auch Blinde sie zumindest hören konnten. So fing das also an. Und weil sie all die anderen berühmten Autoren kannte, kamen diese auch bald vorbei und Maurits Rubinstein nahm die Lesungen mit seinem Kassettenrekorder auf. Irgendwann hatte er, ich weiß es nicht genau, vielleicht 15 oder 20 Bücher aufgenommen, in relativ kurzer Zeit.

 

Und dann begann er, diese Aufnahmen in einer Buchhandlung hier in Amsterdam zu verkaufen, was ein großer Erfolg war. Und wenn man so will, war das der Startschuss für Rubinstein, für die nächsten 30 Jahre Hörbücher zu verlegen. Später kamen dann auch vor allem Hörbücher für Kinder dazu, die etwa 50% des Programms ausmachten. Insgesamt war es aber schwierig, die Hörbücher auch in die Buchhandlungen zu bringen, und so blieb der gesamte Hörbuchmarkt eher ein Nebenprojekt für Rubinstein.

 

In 2012 trat dann Storytel – die Firma für die ich jetzt arbeite – auf den Plan. Storytel ist ein schwedisches Unternehmen, was kein Wunder ist, da der Hörbuchmarkt in Schweden traditionell sehr stark ist, auch was die Erwachsenenhörbücher angeht. Storytel ist eine Streamingplattform, auf der man für 9,99 Euro im Monat so viele Hörbücher streamen kann wie man möchte. Im Prinzip sehr ähnlich zu Spotify.

 

Rubinstein verkaufte dann seine Hörbuchsparte an Storytel, auch weil der CD-Markt eingebrochen war. Und jetzt versuchen wir, vor allem Erwachsenenhörbücher zu produzieren. Unsere Devise ist digital first, also alle Hörbücher werden vorrangig für den digitalen Markt produziert. Letztes Jahr haben wir gerademal 18 Hörbücher zusätzlich als CD veröffentlicht, von insgesamt 120 produzierten. Das waren natürlich die populärsten Titel, die dann auch über die Buchhandlungen verkauft werden.

 

Aber die Hörbücher werden jetzt nicht mehr von den Autoren selbst gelesen, oder?
Früher war der Name, die Berühmtheit des Schauspielers/Autors, auch ein Argument für den Kauf eines Hörbuches. Es musste also entweder der Autor sein Buch selbst lesen, sofern er das konnte, oder es mussten berühmte Schauspieler sein. Für die große Anzahl von Hörbüchern, die wir produzieren, haben wir das Sprecher-Konzept ein wenig verändert und uns entschlossen, den Fokus auf den Inhalt des Buches zu legen, darum geht es schließlich, es geht um die Geschichte! Wir suchen also die Schauspieler nach ihrem Können aus und danach, ob ihre Fähigkeiten zum Inhalt passen, es muss einfach gut gelesen sein. Und in nur ganz seltenen Fällen liest der Autor noch selbst.

 

Das bedeutet, dass Storytel in einer guten Position ist, da es keine anderen Hörbuchverlage gibt, die sich auch um die Hörbuchrechte bemühen.
Ja, das stimmt, wir sind die einzigen, die an Hörbruchrechten interessiert sind. Aber weil wir die einzigen sind, ist auch das Angebot leider nicht besonders groß. Wir hoffen aber, dass der Markt wächst, wenn mehr Hörbücher verfügbar sind. Aktuell sind es allerdings lediglich wir, die die Anzahl von verfügbaren Hörbüchern erhöhen, was natürlich teuer ist. Wenn es mehr Hörbuchverlage gäbe, würde der Markt schneller wachsen. Wir versuchen also tatsächlich, die Buchverlage davon zu überzeugen, ihre eigenen Titel auch als Hörbücher zu produzieren und sie Storytel zur Verfügung zu stellen. Sie sollen einfach ihre Bestseller auch als Hörbücher produzieren, während wir uns um die Backlist kümmern.

 

Die Hoffnung ist also, dass mehr Leute ein Abonnement bei Storytel abschließen, wenn das Angebot an Hörbüchern größer ist?
Genau, wir sind ein Unternehmen, das das Beste für seine Kunden will. Und umso mehr Hörbücher es gibt, umso besser ist es für uns und den Kunden.

 

Gibt es für Kunden in den Niederlanden denn nur Storytel als Plattform, oder kann man Hörbücher auch woanders kaufen?
Die Hörbücher von Rubinstein Audio kann man auch noch auf anderen Plattformen kaufen. Es gibt ein paar lokale Plattformen, auch die Buchhandelskette libris bietet die Hörbücher auf ihrer Website als mp3-Download an. Das gleiche gilt für Bol.com, dort werden für jeden Titel alle Formate angezeigt, Paperback, Hardcover, Hörbuch-Download, das ist aber eine neue Entwicklung.


Wie siehst du die weitere Entwicklung, auf welchem Gerät wird man in Zukunft Hörbücher hören?
Handys, da sind wir uns sehr sicher. Es ist die beste Art und Weise, Hörbücher zu hören. Für Bücher, glaube ich, ist Papier, das Taschenbuch, eigentlich immer noch ein sehr gutes Format. Der E-Reader ist irgendwie eine Kutsche ohne Pferde, sagt man das so? Er versucht, ein Buch zu sein, ohne wirklich eines sein zu können. Anders ist das bei den Hörbüchern. Hier ist das digitale Format eigentlich das ideale Format. Du konsumierst es mit deinen Ohren, während du mit deinen Augen anderes betrachten kannst, es ist also perfekt für unterwegs, man kann Hörbücher hören, während man alltägliche Dinge erledigt. Da will man nicht mit 10 oder 20 CDs herumhantieren müssen, das nervt doch. Es ist also viel besser, wenn das Hörbuch einfach ein File in deinem Handy ist.


Eine Ausnahme sind vielleicht Kinderhörbücher? Wollen Kinder nicht vielleicht z.B. doch noch das Booklet sehen?
Ja, das mag sein. Für uns sind Kinder allerdings nicht die Hauptzielgruppe. Wir konzentrieren uns auf Frauen zwischen 30 und 40. Klar, viele dieser Frauen haben Kinder und lassen über ihren Account ihre Kinder Kinderhörbücher hören. Das wissen wir aber nicht genau. Aktuell ist es noch nicht möglich, einen Familienaccount anzulegen, wie es das z.B. bei Netflix gibt, aber da arbeiten wir dran. Dann wird es möglich sein, unterschiedliche Profile anzulegen, ein Profil für jedes Familienmitglied. Dann können wir z.B. die Kinderhörbücher auch für Kinder ansprechender präsentieren.

 

Verrätst du mir dein Lieblingshörbuch, vielleicht aus diesem oder dem letzten Jahr?
Uhhh, okay, lass mich nachdenken. Harem, von Ronald Giphart, das hier im Podium-Verlag erschienen ist. Der Autor hat das Hörbuch selbst gesprochen und er hat das wirklich sehr gut gemacht. Was mir besonders gut daran gefällt: Es gibt Passagen im Buch, die sehr literarisch sind, mit sehr langen Sätzen; Ronald Giphart liest diese aber mit etwas Selbstironie, als ob er sich selbst darüber lustig machen würde, wie übertrieben literarisch er an dieser Stelle formuliert hat. Und sowas kann sich natürlich nur der Autor selbst erlauben.

 

 

 

 

 

 

 

Robbert Hak studierte an der Universität Amsterdam (UvA) Sprach- und Kommunikationswissenschaften und hat einen Master in Literarischem Lektorat. Er ist Programmleiter bei Rubinstein Audio, ein Unternehmen von Storytel. Sein Hauptziel ist es, das Hörbuch in den Niederlanden bekannter zu machen, indem er so viele qualitativ hochwertige Hörbücher veröffentlicht wie möglich.

 

 

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