„Es geht um was!“ – Kinder- und Jugendliteratur aus den Niederlanden und Flandern. Ein Gespräch mit dem Übersetzer Rolf Erdorf

Von Stefanie Ericke-Keidtel

 

Seit mehr als sechzig Jahren findet in den Niederlanden jedes Jahr im Oktober die Kinderboekenweek statt, die Kinderbuchwoche, an der sich Buchhandlungen, Schulen und zahlreiche Institutionen beteiligen. Und nicht nur das: Wer in diesem Zeitraum für eine gewisse Summe Bücher kauft, bekommt obendrein das „Bücherwochengeschenk“ dazu – das Auflagen von bis zu 500.000 erreichen kann. In diesem Jahr ist das begehrte Geschenk ein Kinderbuch des bekannten Autors Dolf Verroen, das in Deutschland zeitgleich unter dem Titel Krieg und Freundschaft im Verlag Freies Geistesleben erscheinen wird. Übersetzt hat dieses Buch, wie so viele bekannte niederländische Kinder- und Jugendbücher, der Übersetzer Rolf Erdorf, den ich in Amsterdam zum Gespräch bei Frikandel und Koffie verkeerd getroffen habe.

 

Als Sohn eines Zöllners 1956 in der Eifel, also nah an Belgien und Luxemburg, geboren, scheint Rolf Erdorf das Thema der Grenzen, der Grenzüberwindungen und des kulturellen Austauschs quasi in die Wiege gelegt worden zu sein. Doch wieso ausgerechnet Niederländisch?

„Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen“, erzählt er, „dort war nicht viel los, aber im Sommer kamen immer sehr viele Touristen, vor allem aus Holland und Belgien, und mit 17, 18 Jahren hatte ich im Sommer einen Ferienjob in einer Frittenbude. Und was mir dort damals auffiel, war, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern so ganz anders war als zu der Zeit bei uns in Deutschland: freundschaftlicher, weniger hierarchisch irgendwie, und das hat mich beeindruckt. Studiert habe ich dann zwar offiziell Germanistik und Romanistik, aber nebenbei habe ich bei einer bezaubernden älteren Dame, dem Fräulein (so sagte man damals noch) Gerda van der Burgt, Niederländisch gelernt, und zwar in Riesenschritten.“

 

Ob denn die gefühlte Nähe zum Deutschen eine große Hilfe sei, oder eher das Gegenteil...?

„Durch die scheinbar vielen Gemeinsamkeiten mit dem Deutschen lernt man die Grundlagen recht schnell. Aber die Feinheiten der Sprache, die viel ausdifferenzierteren Klänge, die Diphthonge, die Intonation, die kleinen Füllwörter, die einem Satz eine ganz andere Anmutung geben können – das ist dann doch schwer. Für die Aussprache muss man das, was man aus dem Deutschen kennt, quasi erst einmal verlernen, und das ist immer schwierig.“

 

Die Tatsache, dass in den siebziger und frühen achtziger Jahren noch recht wenig Literatur nach Deutschland übersetzt war, war für ihn eine zusätzliche Motivation, weiterzumachen:

„Man konnte beim Lesen so vieles entdecken! Und es war auch eine Zeit des Aufbruchs, auch eines neuen Selbstbewusstseins in der niederländischen Literatur. Der Durchbruch war dann die Buchmesse 1993, auf der die Niederlande und Flandern zum ersten Mal Buchmessegastland waren. Auf einmal wurde man stolzer auf die eigene Sprache und Kultur.“

 

Und heute?

„Heute sogar noch mehr. Jeder Niederländer und Flame hat heute ein anderes, selbstbewussteres Verhältnis zu seiner Sprache als noch vor zwanzig Jahren.“

Rolf Erdorf lebte zu der Zeit Anfang der Neunziger, nach längeren Aufenthalten in Berlin und immer wieder auch Amsterdam, als freier Übersetzer in Hamburg und übersetzte neben Kunstbüchern immer mehr Kinder- und Jugendbücher für deutsche Verlage. Als Übersetzer so wichtiger Autoren wie Edvard van de Vendel, Dolf Verroen (für dessen von Rolf Erdorf übersetztes Buch Wie schön weiß ich bin beide 2006 den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Gustav-Heinemann-Friedenspreis erhielten), Gideon Samson, Floortje Zwigtman, Martha Heesen und vieler mehr erlebt er auch seit vielen Jahren die kulturpolitischen Entwicklungen in den Niederlanden und Flandern hautnah mit.Obwohl es in den letzten Jahren große Kürzungen im niederländischen Kulturetat gab, blieb die Übersetzungsförderung weitgehend davon ausgenommen, berichtet er: „Die Erfolge waren einfach so deutlich, und das eben nicht nur durch Autoren wie Cees Nooteboom oder Harry Mulisch, dass klar war: Hier darf nicht gespart werden, hier lohnt es sich einfach.“

Tatsächlich werden deutsche Verlage nicht nur professionell und gut über die Literatur des Nachbarlandes informiert, sondern erhalten zumeist auch eine Übersetzungsförderung für die ersten zwei Bücher eines Autors: „Danach sollte es dann von allein funktionieren“, lacht Rolf Erdorf, „und natürlich soll es auch nicht so sein, dass Bücher eingekauft werden, nur weil man die Übersetzung bezahlt bekommt. Aber dieses System, das übrigens auch die Übersetzungen im Vorfeld auf ihre Qualität prüft, funktioniert ganz gut.“

 

„Ich hatte Angst, ich verliere meine Muttersprache.“

Doch lässt sich so einfach auch der so große Erfolg der niederländischen Kinder- und Jugendbuchautoren in Deutschland erklären? Immerhin gab es allein beim Deutschen Jugendliteraturpreis, dem einzigen staatlichen Literaturpreis Deutschlands, mit Dolf Verroen, Bart Moeyaert, Ted van Lieshout, Els Pelgrom, Joke van Leeuwen, Guus Kuijer, Do va Ranst und Maritgen Matter bereits zahlreiche Niederländer und Flamen unter den Gewinnern, und seit 1993 wurden fast in jedem Jahr niederländischsprachige Bücher nominiert, im letzten Jahr allein zwei in einer Übersetzung von Rolf Erdorf. Auch die vielfach ausgezeichnete Mirjam Pressler, Andrea Kluitmann, Meike Blatnik oder Sylke Hachmeister sind neben Rolf Erdorf als wichtige Übersetzer zu nennen, Verlage wie der in dieser Hinsicht besonders engagierte Gerstenberg Verlag veröffentlichen regelmäßig Literatur aus dem Nachbarland.

Was zeichnet also die niederländischsprachige Literatur für Kinder aus, Herr Erdorf?

„Der Erfolg hat viele Väter, heißt es so schön. Sicher waren die Niederlande im Bereich Kinder und Jugend früher viel progressiver als Deutschland. Das hatte auch seinen Niederschlag in der Literatur. Ich denke, was die Fortschrittlichkeit angeht, haben wir Deutschen aufgeholt. Was aber weiter zählt, ist die nach wie vor hohe Qualität und Vielfalt niederländischsprachiger Kinder- und Jugendliteratur.

Generell lässt sich wohl sagen, dass sich in den Niederlanden bereits Ende der Fünfziger Jahre ein ganz neuer Ton durchsetzte, der nicht nur fröhlicher und ungezwungener, sondern auch subversiver war, als alles, was es vorher gab. Viele Geschichten wurden aus Sicht der Kinder und Jugendlichen selbst erzählt, und auch Tabus und gesellschaftskritische Themen wurden bereits früh aufgegriffen und auf literarische, oft auch sehr poetische Weise beschrieben. Auch die Grenze zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur scheint hier in der Literatur eher zu verschwimmen.

Stimmt dieser Eindruck?

„Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern scheint mir mittlerweile in Deutschland und Holland ziemlich gleich zu sein“, so Rolf Erdorf, „aber trotzdem, ja: Kinder werden hier ernster genommen. In Deutschland wird zwar immer viel darüber geredet, was man alles tun müsste, aber ... Man darf nicht vergessen: Es geht um was. Kinder lassen sich von dem, was sie lesen, noch viel stärker beeinflussen, und es ärgert mich, wenn die Bücher für sie nicht so ernst genommen werden.“

 

Gilt das auch für die Arbeit der Übersetzer selbst, gerade wegen der vermeintlichen Sprachnähe, und dann „auch noch“ im Kinderbuchsektor? Der Übersetzer schmunzelt, aber man merkt deutlich, wie sehr ihm das Thema am Herzen liegt:

„Naja, wenn man etwa ein Bilderbuch mit sehr wenig Text übersetzt, denken schon viele: Na, das kann meine Tochter auch ... Aber was sich auf einer vollbedruckten Romanseite auch eher mal verliest, das geht im Bilderbuch eben nicht: Da steht jedes Wort quasi mitten auf dem Platz, gut sichtbar von allen Seiten! Und wird vielleicht auch noch zwanzig Mal hintereinander laut vorgelesen. Das ist schon ein Belastungstest.“ (lacht) „Das Spannende ist aber auch, was Verlage dann für einen Text tun, die Herstellung, das Cover, die Kommunikation – ich bin heute an dem Beruf mehr interessiert als vor zwanzig Jahren, und damit haben auch die Aufenthalte hier zu tun, die es mir erlaubt haben, ein Teil auch der hiesigen Kinder- und Jugendbuchszene zu sein. Amsterdam ist eine Konstante in meinem Leben, und auch wenn mir die Stadt inzwischen etwas zu touristisch ist, so fühle ich mich hier doch auch auf eine Weise sehr wohl und zuhause.“

Kam es denn jemals in Frage, hier, wie andere Übersetzerkollegen, dauerhaft zu leben?

„Ich war mehrere Jahre unentschlossen, aber dann war mir klar: Ich brauche auch die Distanz – ich hatte Angst, ich verliere sonst meine Muttersprache.“  

Und bekommen wir zum Abschluss noch Tipps, welche Kinder- und Jugendbücher aus dem Niederländischen wir unbedingt lesen sollten?
„Natürlich alle von mir übersetzten! 2016 erscheint eine Menge von mir, oder sonst meinen meinen Namen googeln. Gern nenne ich einige weitere Autorinnen und Autoren: Sjoerd Kuyper, Joke van Leeuwen, Benny Lindelauf, Toon Tellegen, Anna Woltz. Und im Bilderbuch besonders die flämischen Illustratorinnen und Illustratoren: Klassiker wie Carll Cneut und Ingrid Godon, aber auch jüngere Künstlerinnen und Künstler wie Anton van Hertbruggen und Kaatje Vermeire.“

Vielen Dank für das Gespräch!
„Graag gedaan.“


Von Rolf Erdorf übersetzte Bücher, die 2016 erschienen sind und erscheinen:
Annemarie van Haeringen: „Schneewittchen strickt ein Monster“. (Arbeitstitel). Verlag Freies Geistesleben
Jan de Leeuw, „Eisvogelsommer“. Gerstenberg Verlag
Marco Kunst, „Kroonsz“ (Arbeitstitel). Gerstenberg Verlag
Ted van Lieshout, „Papageifisch“ (Arbeitstitel). Rieder Verlag (Gedichte)
Gideon Samson: „Flutwelle“ (Arbeitstitel). Gerstenberg Verlag
Erna Sassen: „Komm mir nicht zu nah“ (Arbeitstitel). Verlag Freies Geistesleben
Simon Spruyt, „Junker. Ein preußischer Blues“. Carlsen (Comic)
Edward van de Vendel: „Krebsmeisterschaft für Anfänger“. Carlsen
Dolf Verroen, „Krieg und Freundschaft“. Verlag Freies Geistesleben
Emiel de Wild, „Brudergeheimnis“. Verlag Freies Geistesleben

Einige Empfehlungen aus 2015:
Annemarie van Haeringen, „Monsieur Matisse und seine fliegende Schere“, Verlag Freies Geistesleben
Marco Kunst: „Flieg!“. Gerstenberg Verlag
Jean-Paul Mulders/ Jacques & Lise, „Das Müffelmonster Brüllala“. Bohem Press
Gideon Samson, „Doppeltot“. Gerstenberg Verlag
Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch. Verlag Freies Geistesleben

 

 

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