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Alles bunt? - Niederländische Buchgestaltung

Von Carolin Rauen

 

Ich bin in der Nähe der niederländischen Grenze aufgewachsen, also hieß es an zahlreichen Samstagen für mich: Familienausflug ins benachbarte Enschede. Das bedeutete zum einen dank des großen Wochenmarkts einen Kofferraum voller Pflanzen, Lakritz und Käsespezialitäten sowie ein prall gefüllter Magen voller Backfisch und Calamari. Zum anderen war es ein großer Spaß, wenn sich nach dem Überfahren der Grenze innerhalb von Sekunden deutliche Unterschiede offenbarten: Große Fenster boten Einblicke bis in die Gärten hinter den Häusern, Regenjacken leuchteten in Neon-Farben jeglicher Art von den breiten Radwegen, Ampeln schmückten sich in schwarz-weißem Zebra-Muster und Haargel wurde in 500 ml-Plastikeimerchen wahlweise in Pink, Grün oder Gelb angeboten. Kurzum: Es war bunter, eigensinniger, irgendwie mutiger – und ich gefühlt der Zukunft um Jahre näher als in der westfälischen Provinz.

 

Dieser Eindruck entspricht bis heute meiner Wahrnehmung der niederländischen Grafik: Große, verspielte Typografie, wilde Muster in leuchtenden Farben, ein Übereinander statt einem Nebeneinander, der Fokus eher auf einer allumfassenden Idee als auf feinsinnigen Details. Auch in den Buchhandlungen strahlen Farben und Schrift selbstbewusst von den Umschlägen und vor allem innerhalb eines Buches lassen mich die Stringenz und Totalität der Gestaltungskonzepte in Bewunderung verfallen. Sind die mutigen, lauteren Niederländer im Vergleich zu uns konservativen, ängstlichen Deutschen einfach die besseren Gestalter? Woher kommt dieser Mut? Oder wird die Gestaltung zum Selbstzweck, zum Mittel der Selbstdarstellung und drängt den Inhalt in den Hintergrund?

 

 


Piet Zwart, Willem Sandberg und Wim Crouwel stachen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Buchgestalter in den Niederlanden heraus und wurden zu Vorbildern.

 

Heute ist Irma Boom (*1960) weltweit tonangebend. Ihre Bücher wurden sogar in die Sammlung des MoMA in New York aufgenommen.

 

Eine ihrer Arbeiten, eine Hommage an den legendären Duft Chanel No. 5, verzichtet vollständig auf Tinte, alle Motive und Texte sind blindgeprägt, ein Meisterwerk ganz in Weiß, anmutig wie ein Brautkleid: 

 

 


 

Als Retrospektive der Werke der Textil-Künstlerin Sheila Hicks lässt Irma Boom die textilen Arbeiten als Struktur auf dem Titel spürbar werden, und – als vielleicht größtes Geheimnis der Produktion – zudem als unebenen Buchschnitt. Irma Boom kreiert Gesamtkunstwerke, in denen der Inhalt durch seine Form zum Leben erwacht.

 

 

Um diese Verwandlung möglich zu machen, ist sie von Beginn an in den Entstehungsprozess eines Buches eingebunden und versteht sich nicht nur als Buchgestalterin, sondern immer auch als Herausgeberin bzw. Autorin. Dabei ist ihre Arbeitsweise eher mit der einer Architektin vergleichbar: Durch die Anfertigung zahlloser handgefertigter kleiner Modelle begibt sie sich auf die Suche nach der perfekten Form, der Materialität, den Proportionen, der Abfolge der Abbildungen, ihrer Größe. Die grafische Gestaltung erfolgt erst danach.

 

 

Schon in den 1980er Jahren löste sie mit einem ihrer ersten Projekte einen Skandal aus: In einem Briefmarken-Jahrbuch stellte sie Skizzen und Beispiele ihrer Inspiration neben die Briefmarken, setzte Texte ohne Trennstriche in Blöcken und versah das ganze Buch mit einer japanischen Bindung. Hass und negative Kritik schlugen ihr entgegen – gleichzeitig wurden ihr Mut und Eigensinn mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen belohnt.


Irma Boom hat keine Angst, etwas Neues oder Andersartiges zu schaffen, und so gelingt es ihr seitdem immer wieder, das Buch quasi neu zu erfinden. Ihre Handschrift ist in den letzten Jahren leiser geworden, anstelle von Skandalen erzeugt sie heute vielmehr sinnliche Erlebnisse. In jedem Projekt entwickelt sie jedoch eine eigene Vision und verteidigt diese mit allen Mitteln. 
Sie versteht sich nicht als Künstlerin, möchte sich nicht in ihren Büchern verwirklichen, sondern arbeitet stets im Dienste des Inhalts, indem sie all ihre Leidenschaft und Zeit in ein ganzheitliches Konzept steckt, das alle Aspekte des Inhalts in eine angemessene visuelle Form übersetzt. – So habe ich das Optimum der niederländischen Buchgestaltung zu Beginn des Jahrtausends kennengelernt, verstanden und bewundert. Doch ist diese Haltung und Herangehensweise noch aktuell?

Wigger Bierma (*1958), Buchgestalter, Gründer des Werkplaats Typografie in Arnhem und Professor für Typografie an der HFBK Hamburg, sieht in der Welt der Bücher inzwischen ein Ungleichgewicht zwischen Form und Inhalt

"Als Antwort auf die Frage, ob für das Dutch Design bezeichnend sei, dass es stark auf Konzepten basiere und sich damit ggfs. rücksichtslos zum Inhalt verhalte, würde ich zustimmen und sagen, dass dieser Werdegang in den 80er Jahren mit einem Rückgang der Qualität in der Arbeit der Auftraggeber begonnen hat. Das bezieht sich vor allem auf Ausgaben öffentlicher Gelder durch Mitglieder unterschiedlicher Kommissionen, die verantwortlich waren für die Jahresberichte und die öffentliche Berichterstattung. Sie haben damals Gestaltungsaufträge auf Kosten der Behörde vergeben – gegen besonders gute Honorare – wobei den GestalterInnen in vielerlei Hinsicht freie Hand gelassen wurde. Dies geschah zum einen als Erweiterung der von ihnen genehmigten Subventionen, aber zum anderen auch aus Langeweile und Faulheit. So wurde die Verantwortung für das redaktionelle Konzept von den Auftraggebern auf die Gestalter übertragen. Dieses Manöver war sehr erfolgreich.

Die Taktik der Ablenkung von der eigenen redaktionellen Inkompetenz und Faulheit mittels eines gestalterischen Feuerwerks hat sich in den letzten dreißig Jahren stark verbreitet, aber vor allem haben gewiefte Geister erkannt, dass die 'freie' und konzeptgetriebene Gestaltung eingesetzt werden kann, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, ohne dass man etwas Bemerkenswertes zu sagen hat. Gestalter werden nicht mehr gebeten, einen ausformulierten Inhalt zu übersetzen und durch ihr Können aufzuwerten, sondern mit ihrer Gestaltung einen Inhalt zu ersetzen. Somit ist die Gestaltung ein Wert an sich geworden, wie die Kunst.

 

Der Sieg von Form über Inhalt (Werbung über Gestaltung) ist nicht spezifisch niederländisch und hat mehr mit der generell zugenommenen Macht der Aktionäre zu tun, die eben nicht an Produkten und Inhalten interessiert sind, sondern an Gewinn. Was man als typisch niederländisch bezeichnen könnte, ist die Lässigkeit, mit der dieser Wandel von der Buchkultur zur Werbung aufgenommen wurde; als wäre es eine Chance, sich von der Angewandtheit ihrer Kunst zu lösen.

 

Der Gestalter wird also eingeladen, den Inhalt zu liefern (wir nennen es jetzt redaktionelle Gestaltung), ohne dass er dabei inhaltlich Verantwortung trägt (er agiert ja noch immer im Auftrag). Es ist eine Art kaufmännischer deal, von dem sowohl die Auftraggeber als auch die Gestalter profitieren: Beiden dient die eigene Sichtbarkeit als Hauptmotiv, um den Status einer Marke (brand) zu erlangen. So kann man alles aufwerten und verkaufen, analog am künstlerischen Paradigma, dass alles Kunst sein kann.

 

Dutch Design hat leidenschaftlich zur 'Entbuchung' des Buches, der Transformation von Büchern als Teil eines intellektuellen Diskurses zu Büchern als müßige und eitle Skulpturen, die nicht zum Lesen, sondern nur noch zum Durchblättern einladen, beigetragen. Anderseits kann dieser Vorgang als Avantgarde einer Verschiebung im Kommunikationsbereich von intellektuell zu emotional, von linguistischer zu visueller Intelligenz gesehen werden. Fortschrittlichkeit kann Dutch Design jedenfalls nicht entsagt werden, man kann sich nur fragen, ob der Fortschritt auch eine Verbesserung gewesen ist."

 

Wie gehen andere Gestalter mit den aktuellen Anforderungen um? Welche Rolle spielt der Inhalt für sie?

75B, ein Zusammenschluss der Grafik-Designer und Künstler Rens Muis und Pieter Vos, agiert vor allem mit Leichtigkeit, Ironie und freien Projekten.

 

“We don’t think designing is a very serious or important profession. Design is overrated.”

 

Diese Aussage mag auf den ersten Blick respektlos gegenüber Inhalten und Auftraggebern erscheinen, oder eine Bestätigung von Wigger Biermas These. Doch die Gestaltung von 75B ist professionell, sie beherrschen ihr Handwerk, doch sie geben sich mit Auftragsarbeiten allein nicht zufrieden, sie suchen nach Möglichkeiten, ihre Haltung, ihre Persönlichkeit zu zeigen, Fragen zu stellen, ihre Rolle als Gestalter immer wieder neu zu interpretieren. Dafür verlassen sie wenn nötig auch mal die heimischen vier Wände und errichten auf der Frankfurter Buchmesse 2015 die „Book Cover Clinic“, ein temporäres Designstudio, in dem innerhalb kürzester Zeit neue Buchcover zu bestehenden Büchern gestalten, auf Wunsch des Publikums. Auf diese Weise betonen sie die Rolle des Gestalters als Autor und stellen sie gleichzeitig zur Diskussion.


 

In welcher Form auch immer: Niederländische Buchgestalter verstehen sich offenbar nicht als reine Dienstleister, sondern auch als Autoren oder Mitherausgeber. Sie mischen sich ein, denken mit, fordern und fragen. Nicht aus Arroganz, sondern um zu verhindern, dass sich die Form eines Buches standardisierten Marketingstrategien beugt und stattdessen jedes Buch gemäß seinem Inhalt das Potenzial entfaltet, anders, neu und etwas ganz Besonderes zu werden. Bunt und laut muss es nicht zwingend sein, darf es aber. Die Resultate bringen Spaß und sinnliche Erlebnisse. Ob sich die Inhalte in der Krise befinden, steht auf einem anderen Blatt. Was in Holland schon selbstverständlich ist, erfordert in Deutschland vielleicht noch eine Schippe mehr Durchsetzungskraft, aber mein Gefühl aus der Kindheit zeigt sich erneut: Sie sind uns ein paar Jahre voraus.

 


Links:
www.irmaboom.nl
www.wiggerbierma.net
www.werkplaatstypografie.org
www.75b.nl
www.bookcoverclinic.com
www.bestverzorgdeboeken.nl

 

 

Carolin Rauen arbeitet als Grafik-Designerin und Art-Directorin in Hamburg. Ihre Schwerpunkte sind Typographie, Corporate Design und vor allem Editorial Design.

Sie gestaltet auch viele der Buchcover im mairisch Verlag.

www.carolinrauen.com

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Kommentare: 2
  • #1

    budjonny (Samstag, 27 Februar 2016 23:41)

    Danke, toller Beitrag....!

  • #2

    Charlotte Lacroix (Mittwoch, 29 Juni 2016 14:14)

    Könnte informativer, unterhaltsamer und anschaulicher nicht sein. Danke für diesen spitzen Artikel!