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Wir da draußen. Im Gespräch mit dem Autor Fikry El Azzouzi

Von Peter Reichenbach

 

Fikry El Azzouzi
Fikry El Azzouzi

 

Auf meiner Fahrt nach Amsterdam lese ich im Zug das Manuskript Wir da draußen (Drarrie in de nacht) von Fikry El Azzouzi, das als Roman im Herbst bei DuMont erscheinen wird. Fikry El Azzouzi ist Flame und sein Buch bereits vor zwei Jahren in Belgien erschienen. Im Mittelpunkt stehen Ayoub und Fouad, beide in Belgien geboren, aber mit marokkanischen Eltern, der Halbafrikaner Maurice sowie Kevin alias Karim, ein überdrehter junger Konvertit.  Alle vier wurden von zu Hause rausgeschmissen und verbringen jetzt ihre Zeit mit Rumhängen, dabei immer auf der Suche nach etwas zu Essen, nach Mädchen, Drogen. Schrittweise radikalisieren sich die vier, bis eines Tages die Frage konkret wird, ob sie als Kämpfer nach Syrien gehen sollen.

 

Der Zufall will es, dass ich auf der gleichen Zugfahrt den Artikel von Dirk Knipphals Ungemütliche Selbstbeschreibungen – Erzählen „nach Köln“: ein Überblick über die kommenden Romane dieses Frühjahrs in der taz lese. Seine Beobachtung ist, dass sich im letzten Jahr offensichtlich die Art und Weise, wie wir auf die Welt blicken, verändert hat, und dass einige Bücher nun fahl und unrealistisch erscheinen. Bei Wir da draußen, geht es mir genau andersherum; obwohl das Buch schon vor zwei Jahren erschienen ist, scheint es seine tatsächliche Aktualität erst jetzt - vor allem nach den Anschlägen in Paris, deren Attentäter ja aus Belgien kamen - zu entfalten. Wir da draußen ist ein aufschlussreiches, politisches und, das ist das überraschende, auch ungemein lustiges Buch.

 

Cover der Originalausgae
Cover der Originalausgae

Fikry, noch kennt dich niemand in Deutschland, magst du kurz etwas über dich selbst erzählen? Ich weiß nur, dass du 1978 geboren wurdest, für alles andere ist mein Niederländisch leider zu schlecht.
Aktuell lebe ich in Antwerpen. Geboren wurde ich in Temse, einer kleinen, strukturschwachen Stadt mit einer hohen Population von Marokkanern und Türken. Auch meine Eltern kommen aus Marokko. Früher wurden in Temse große Schiffe gebaut. Doch seit das nicht mehr so ist, sind Tausende arbeitslos.  Mich interessierte als Kind vor allem das Fußballspielen, mein Traum war es, Profifußballer zu werden. In der Schule erzielte ich allerdings sehr gute Noten. In Belgien muss man sich in der sechsten Klasse für einen Fächerschwerpunkt entscheiden. Meinen Eltern sagte man, dass ich mich besser für den technischen Zweig entscheiden solle, da ich dort leichter Freunde und später auch einen Job finden würde. Für mich war das aber eine schwere Entscheidung, ich habe nämlich zwei linke Hände, das Technische liegt mir eigentlich gar nicht. Nachdem ich mehrfach von der Schule geflogen bin und ein Jahr wiederholen musste, hatte ich schließlich meinen Abschluss. Ich habe dann angefangen, Politikwissenschaften zu studieren. Dass ich gerne schreiben wollte, hatte ich da schon im Hinterkopf. Bei einem der Jobs, mit denen ich mein Studium finanziert habe,  sah ich einen Wachmann, der immer an seinem Platz saß und las. Den gesamten Tag über las er Bücher, Zeitungen … Ich wollte auch lesen. Und schreiben! Ich war schließlich so eifersüchtig, dass ich ihn fragte: „Hey, ich will das gleiche wie du arbeiten. Wie geht das?“ Ich wurde dann innerhalb kürzester Zeit Wachmann und fing dort an, meinen ersten Roman zu schreiben.

 

Wie viele Bücher hast du denn inzwischen veröffentlicht?
Mehrere Theaterstücke, das erfolgreichste davon ist sicherlich Rumble in the Jungle:

 

 

Und vor Wir da draußen noch die beiden Romane Het Schapenfeest (2010) und De handen van Fatma (2013). Was vielleicht interessant ist: In allen drei Romanen steht der Protagonist Ayoub im Mittelpunkt, der jetzt auch der Erzähler des aktuellen Buches ist. Es ist aber nicht so, dass man eines der anderen Bücher kennen muss, um sie zu verstehen.

 

Und war es dann einfach, einen Verlag zu finden?
Nachdem ich die ersten dreißig Seiten geschrieben hatte, habe ich sie an einen Verlag geschickt und eine Absage bekommen. Jetzt erst recht, habe ich mir gedacht, habe weitergeschrieben und die nächsten hundert Seiten wieder verschickt. Das war an einem Sonntag. Am folgenden Montag hatte ich schon eine Zusage. Weil ich so unerfahren war, habe ich am gleichen Tag unterschrieben, ohne groß nachzudenken. Ein paar Wochen später habe ich dann noch weitere Zusagen bekommen. Das war für den Roman Het Schapenfeest.


Dein Buch ist in Belgien ja schon vor zwei Jahren erschienen. Mein Eindruck ist, dass dein Buch – im Gegensatz zu vielen anderen – eigentlich immer aktueller wird.
Das hoffe ich. In Belgien und auch in den Niederlanden haben die Kritiker gesagt, wenn du die Jugend verstehen willst, und warum so viele junge Leute nach Syrien gehen, um dort zu kämpfen, dann lies Wir da draußen. Man darf nicht vergessen, dass auch die Attentäter von Paris aus Belgien kamen. Ich habe mit vielen gesprochen, die in Syrien waren, auch mit den Müttern, die ihre Söhne verloren haben. Und als ich jung war, 16 oder 17 Jahre alt, habe ich das selbst erlebt, dass man mich angesprochen hat; das funktioniert wie eine Sekte. Das war auch meine ursprüngliche Inspiration für Wir da draußen.

 

Ja, so habe ich dein Buch auch gelesen. Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, mitzubekommen, wie und vor allem warum diese Rekrutierung funktioniert. Du zeigst in deinem Buch sehr gut, dass wirklich niemand diese vier Jungs aufnimmt oder versteht, stattdessen werden sie immer nur abgewiesen. Alle Protagonisten wurden von ihren Eltern rausgeworfen, im Teehaus sitzen nur alte Leute … und auf einmal ist da jemand, der sagt: Ich verstehe dich, ich habe eine Antwort.
Genau, sie sprechen ihre Sprache, sie sagen: Ich bin dein Freund, du wirst ein starker und berühmter Mann werden. Und plötzlich erkennen sie, dass sie jemand sein können. Und das geht sehr schnell.  Sogar mit den Mädchen. Ich erinnere mich an ein attraktives Mädchen, das sich innerhalb weniger Monate veränderte. Sie trug plötzlich einen Nikab, isolierte sich und ging wenig später nach Syrien.


Jetzt erscheint dein Buch auf Deutsch, was hoffst du, was passieren wird?
Nun, ich hoffe, dass auch in Deutschland eine Debatte darüber geführt werden wird, wie und warum junge Menschen nach Syrien gehen. Ich bin mir nicht sicher, wie das in Deutschland ist, ob es noch mehr Schriftsteller gibt, die diese Welt so hautnah erlebt haben wie ich. 


Wirst du auch auf der Buchmesse sein, wird man dich dort lesen hören können?
Ja, ich werde da sein, aber ich weiß noch nicht, wie das laufen wird. Hier in Belgien versuche ich meine Lesungen immer mit einem Slam zu verbinden, oder auch mit Musik. Aber ich habe gehört, dass man in Deutschland auch bis zu eine Stunde lang vorlesen kann und die Leute tatsächlich zuhören! Hier in Belgien kann man höchstens fünf bis zehn Minuten lang vorlesen, danach hört dir wirklich keiner mehr zu. Nach fünf Minuten musst du dir also irgendwas einfallen lassen. Klar, wenn ich die Stelle über die Drogen oder die Prostituierten lese, dann hören sie zu, aber sonst … Ich bin also sehr gespannt auf Deutschland.


Und zum Abschluss, weil wir das fast alle bisher gefragt haben, welche Autoren aus Belgien oder den Niederlanden magst du, kannst du empfehlen?
Aus Belgien kann ich auf jeden Fall Tom Lanoye empfehlen. Und aus den Niederlanden Arnon Grünberg. Und kennst du den deutschen Schriftsteller Edgar Hilsenrath? Der Nazi & der Friseur, das mag ich sehr gerne, vor allem die Art des Humors! Wirklich verrückt.

 

 

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