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Literaturagenturen in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

 

In Deutschland kann man inzwischen schon mal das Gefühl kriegen: Ohne Literatur-Agenturen läuft gar nichts mehr. Sehr viele Autoren haben inzwischen einen der fast schon zahllosen Agenten, und die Verlage schätzen meistens auch die Vorsortierungsfunktion der Agenturen. Doch in den Niederlanden sieht das ganz anders aus. Das Agenturmodel steht hier noch eher am Anfang und ist bei weitem nicht so verbreitet wie bei uns in Deutschland, wird aber auch zunehmend normaler.

Wir haben uns mit Willem Bisseling von Sebes&Bisseling Literary Agency, Marianne Schönbach von Schönbach Literary Agency und Christel Meijer von Shared Stories Author Agency getroffen, um uns das genauer erklären zu lassen und um auch ganz allgemein über Literaturvermittlung in den Niederlanden zu sprechen.

 

Team Sebes&Bisseling Literary Agency
Team Sebes&Bisseling Literary Agency

Die Agentur Sebes&Bisseling existiert bereits seit 1988. Der Gründer Paul Sebes (hinten, 2. v. rechts) begann zuerst mit einem PR-Büro für Autoren und konnte 1994 den ersten niederländischen Autor an einen Verlag vermitteln. Sebes&Bisseling ist die älteste Agentur in den Niederlanden und ebnete hier den Weg für nachfolgende Agenturen. Obwohl viele zu Paul damals sagten, dass dieses Modell hier nicht funktioniere und der niederländische Buchmarkt keine Agenten brauche, existiert die Agentur bis heute und ist sehr erfolgreich. Mittlerweile konnte sie 250 Autoren an Verlage vermitteln. Neben der Vermittlung niederländischer Autoren sind sie als Subagentur für amerikanische Verlage tätig.

Sie werben Autoren nicht selbst an, sondern die Autoren bewerben sich, dann wird entschieden, wen man vertritt. Zuweilen hilft die Agentur auch Autoren, den Verlag zu wechseln, wenn sie mit ihrem aktuellen nicht glücklich sind. Dabei machen sie sich natürlich nicht nur Freunde.

Willem Bisseling (hinten, 2. v. links) sagt: „Die Verlage sind nicht auf den Autor wütend, sondern auf uns Agenten.“ Oft entstehen also Spannungen, der Verlag hat Angst, dass sich nun jemand zwischen sie und den Autor stellt. Allerdings ist er auch der Meinung, dass Autoren ihren Verlagen gegenüber weit loyaler sind als umgekehrt: „Wenn ein Buch nicht läuft, dann bekommt der Autor keine Möglichkeit auf ein zweites im Verlag. So ist das leider.“ Meist schließt man Verträge über ein Buch ab, manchmal aber auch über zwei oder mehr. So können sich Autor und Verlag gegenseitig ihr Vertrauen zeigen. Vertrauen, so Bisseling, sei besonders wichtig in der Buchbranche und vor allem auch für die Verleger. Als er 2006 bei Sebes Agency einstieg und Agent werden wollte, musste ihn Paul Sebes erst einmal zur Geduld ermahnen: „All das braucht Zeit, du kennst noch niemanden persönlich und auch das wäre noch nicht genug. Du musst nicht nur alle kennen, du musst auch alle mögen, ihren Geschmack kennen und sie deinen. Das braucht Jahre.“

 

Team Schönbach Literary Agency
Team Schönbach Literary Agency

Marianne Schönbach (Mitte) kam vor 16 Jahren von Deutschland in die Niederlande und gründete ein Jahr später ihre Agentur. „Ich bin eigentlich dazu gekommen, wie die Jungfrau zum Kind. Ich wollte nie Agentin werden.“ Der Piper Verlag fragte die damalige Lektorin an, ob sie deren Programm in den Niederlanden vertreten wollte, sie sagte zu. Eine befreundete Verlegerin konnte ihr mit den nötigen Kontakten helfen und die Agentur war geboren.

Mittlerweile ruht ihr Arbeit auf drei Säulen. Die wichtigste ist die Funktion als Subagentur für ausländische Verlage aus beispielsweise Deutschland, USA, Kanada, China, Russland, Italien, Frankreich und vielen weiteren, deren Programm die Agentur im niederländischen Sprachgebiet vertritt. „Ich glaube, wir sind die internationalste Agentur in den Niederlanden", sagt Schönbach. Die zweite Säule besteht aus der Vertretung niederländischer Autoren als Primäragentur. Damit begannen sie vor drei Jahren und haben mittlerweile eine exklusiv dafür zuständige Mitarbeiterin. „Wir wollen die Autoren erst einmal inhaltlich begleiten, bevor wir die Bücher oder Manuskripte rausschicken.“ Die dritte Säule ist die Vertretung niederländischer Verlage im Ausland. Oft wird die Agentur von Verlagen, die keine eigene Auslandsrechteabteilung haben, gezielt für einzelne Titel angefragt, aber sie vertritt auch ganze Verlagsprogramme weltweit. Dabei decken sie viele Bereiche ab, von Kinderbuch, Young Adult, Thriller, Romane bis hin zum Sachbuch. „Die Agentur ist sehr breit gefächert und ich glaube, das müssen Agenturen auch sein.“ Etwa 200 Manuskripte schickt die Agentur monatlich raus, ca. 10-20 Prozent davon werden verkauft.

 

Christel Meijer
Christel Meijer

Christel Meijer ist Foreign Rights Managerin für Ambo/Anthos, einer der größten Verlage in den Niederlanden. Der Verlag gehört zur Verlagsgruppe VBK und hat eine eigene Agentur mit dem Namen Shared Stories. In dieser Agentur ist jeder Agent für einem bestimmten Verlag zuständig. Ambo/Anthos veröffentlicht ca. 100 Titel pro Jahr und verkauft Lizenzen weltweit. Christel hat nach ihrem Studium in niederländischer Literatur verschiedene Praktika absolviert und ist nach einiger Zeit im Lektorat des Verlags ins Rights Department gewechselt. Auch wenn sie nicht mehr am direkten Entstehungsprozess der Bücher beteiligt ist, genießt sie dennoch den sehr nahen Bezug zu den Büchern und setzt sich gerne mit jedem einzelnen auseinander. Der erfolgreichste Autor des Verlags ist Herman Koch. Seine Bücher wurden in 40 Ländern verkauft und in 38 Sprachen übersetzt. Der 2009 erschienene Romane Het diner wird zur Zeit verfilmt.

 

 

Wir wollten von den Agenten wissen, ob es denn zwischen deutscher und niederländischer Literatur Unterschiede gibt?

Marianne Schönbach ist der Meinung, dass diese früher stärker waren. Die deutsche Literatur galt hier in den Niederlanden lange als sehr schwer zugänglich, als zu metaphorisch und gedankenbeladen. Die Niederländer mögen es gerne erzählerisch und konzentrieren sich deshalb sehr auf den amerikanischen und britischen Buchmarkt. „Gestimmt hat das nie für die volle Breite der deutschen Literatur, aber das war das Image des deutschen Buches in Holland.“ Das hat sich in den letzten Jahren geändert und die Niederländer wissen nun auch, dass es in Deutschland tolle Erzähler gibt. Gerade ist hier in den Niederlanden eine Bewegung in der Literatur zu spüren. Viele junge Autoren, besonders aus Flandern, erobern den Buchmarkt und besetzen die Bestsellerplätze. Vieles davon ist autobiographisch angehaucht, aber meist nur bei den Debüts, danach widmen sich auch junge niederländische Autoren gerne fiktiven Themen. Christel Meijer bemerkt auch, dass die Leser wieder mehr Wert auf schöne Bücher legen, auf gute Qualität in Herstellung und Inhalt, und bezahlen dafür auch gerne wieder etwas mehr. „Das ist eine schöne Entwicklung", sagt sie.

 

Die Unterschiede zwischen den Niederlanden und Flandern interessieren uns auch. Willem Bisseling erzählt uns, dass ein Buch ein großer Erfolg in den Niederlanden sein kann, aber in Flandern überhaupt nicht funktioniert, oder auch umgekehrt. Das liegt besonders daran, dass die Flandern stärker an der französischen Kultur orientiert sind als an der niederländischen, so haben auch die Leser sehr unterschiedliche Interessen. „Die Sprache der Flamen ist poetischer, sehr lyrisch. Bei den Niederländern ist es eher so: What you read is what you get. Ihre Art zu schreiben ist sehr viel realistischer“, so Bessling. Auch die Sprachbilder und die Kultur sind sehr verschieden, weshalb Bücher nicht immer überall gleich funktionieren.

 

Und spiegelt sich der Buchmesseschwerpunkt in den Verkäufen nach Deutschland wider?
Bei Ambo/Anthos wurden definitiv mehr Titel als sonst nach Deutschland verkauft und die niederländische Literatur bekommt allgemein viel mehr Aufmerksamkeit, findet Christel Meijer.

„Wir merken das seltsamerweise umgekehrt“, sagt dagegen Marianne Schönbach. Sie verkauft mehr deutsche Literatur in die Niederlande. Das liegt allerdings besonders daran, dass die Buchmesse in Frankfurt einen eher literarischen Schwerpunkt hat, die Agentur aber viele Sachbücher anbietet und diese in den Niederlanden gerade sehr beliebt sind.

Sebes&Bisseling haben fast 70% ihrer niederländischen Titel nach Deutschland verkauft. Das allerdings schon im letzten Jahr im Rahmen einer Deutschlandtour. Generell sieht Willem Bisseling auch, dass die Deutschen stärker an niederländischer Literatur interessiert sind als umgekehrt: „Die Deutschen sind viel offener gegenüber dem europäischen Buchmarkt als die Niederländer.“ Die Agentur begleitet in diesem Jahr viele ihrer Autoren auf die Buchmesse, dennoch ist es für sie nicht leicht, diesmal auch noch Schwerpunktland zu sein, findet Bisseling. „Wir sind vor allem auf der Messe, um unsere amerikanischen Kunden zu treffen, da ist auch sonst schon die Zeit sehr knapp.“ Auf der Messe wollen sie die neuen Programme der amerikanischen Verlage genau kennenlernen, um herauszufinden, was in den Niederlanden funktionieren kann.

Auch für Marianne Schönbach sind die Messen vor allem ein Ort, um Verlage zu treffen und ihre Programme durchzusprechen: „Als Agent muss man kommunikativ sein, Feedback geben und viel Leidenschaft zeigen.“

 

 

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