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„Wir Niederländer sind Kaufleute, wir mögen keine Eliten“ - Persis Bekkering, Literaturkritikerin für De Volkskrant

Interview und Übersetzung: Daniel Beskos

 

Persis, wir führen in Deutschland eine Debatte über die zurückgehende Bedeutung und Qualität der Literaturkritik. Wie würdest Du die Situation in den Niederlanden einschätzen?

Hier ist es ähnlich. Seit vielen Jahren wird die Literaturkritik weniger elitär. Ich weiß noch, wie ich schon als Teenager Rezensionen geliebt habe und immer den Freitag herbeisehnte, wenn die neue Ausgabe der Zeitschrift mit den Buchbesprechungen vor der Haustüre lag – aus diesem Grund wollte ich selbst auch Literaturkritikerin werden. Ich mochte die Rezensionen oft lieber als die Bücher selbst. Auch damals schon war es weniger elitär als noch einige Jahre oder Jahrzehnte zuvor. Ich habe auch festgestellt, dass die Anzahl der Buchbesprechungen seitdem zurückgegangen ist und damit auch ihre Bedeutung schwindet. Andererseits haben wir eine andere Einstellung zu so etwas wie „Hochkultur“ als in Deutschland. Deutschland hat sowas schon immer geschätzt, wir Niederländer sind eher Kaufleute und mögen keine Eliten. Unsere Einstellung zu Kunst allgemein ist also ganz anders.

Aber auch hier verändert sich einiges – die Besprechungen werden immer kürzer, die meisten sind vielleicht noch 600 Wörter lang, und die Redakteure möchten sie möglichst leicht zugänglich und für jedermann lesbar haben. Vor einigen Jahren wurde ja das Sternesystem zur Bewertung eingeführt (alle Zeitungen bewerten Bücher mit 1 bis 5 Sternen, so sind die Bewertungen für die Leser vergleichbarer). Die Kritiker hassen es, aber die Leser lieben es. Ich persönlich finde, man kann ein Buch nicht auf eine Zahl von Sternen reduzieren.

Persis Bekkering, *1987, fing als freie Literatur-kritikerin an und kam später zur Tageszeitung De Volkskrant. Neben Literaturkritiken schreibt sie auch über klassische Musik, spielt Violine und arbeitet derzeit an ihrem ersten Roman.

https://twitter.com/persisbekkering

 

 


Wie wählst Du aus, was du besprichst?

Normalerweise schickt mir mein Redakteur jede Woche einige Bücher. Manche suche ich dann selbst aus, andere müssen unbedingt besprochen werden. Bei unbekannten Autoren ist natürlich klar, wenn das Buch nicht gut ist, muss man auch nicht drüber schreiben. Nur wenn der Autor berühmt ist und das Buch schlecht – dann schreibt man das natürlich. Aber es gibt auch jede Menge Literaturblogs in den Niederlanden, die schreiben sehr viel und gerne.

 

Was macht für Dich ein gutes Buch aus?

Ich glaube, ich mag vor allem Bücher, die sich etwas vornehmen, was so noch nicht gemacht wurde. Am Anfang denkt man dann: Das funktioniert niemals. Und dann tut es das manchmal eben doch, dann sage ich: Hurra. Zum Beispiel Knausgård: Eigentlich denkt man, das wäre superlangweilig. Er schreibt auf, was er im Supermarkt kauft und so weiter. Aber es funktioniert trotzdem, man ist fasziniert. Oder Ben Lerner, einer meiner Favoriten. Sein zweiter Roman hat praktisch keine Handlung, aber man liest immer weiter. Oder auch Valeria Luiselli aus Mexiko. Es funktioniert, vielleicht gerade weil es so verrückt ist.

Und natürlich geht es in der Literatur auch darum, Fragen zu stellen. Auch für mich als Autorin ist das so: Ich schreibe nicht, weil ich so gerne schreibe, sondern weil es meine Art ist, Fragen an die Welt zu stellen, Fragen, die gestellt werden müssen, die die Realität nicht nur bestätigen, sondern auch anzweifeln. Das finde ich in guten Büchern immer wieder.

 

Spielt die Literaturkritik für die Leser in den Niederlanden eine große Rolle?

Der Einfluss der Kritik ist eher indirekt. Die Leser interessieren sich nicht mehr so brennend für Besprechungen. Aber andere Literaturmacher eben schon: Buchhändler, andere Kritiker, TV-Redakteure. Die greifen unsere Tipps dann auf. Manchmal ist es auch andersherum: Wir sagen, ein Buch ist furchtbar, und die Leute kaufen es trotzdem alle. Aber für junge, unbekannte Talente kann das Feuilleton wirklich eine Startrampe auf die literarische Bühne sein – so wie jetzt etwa bei Lize Spit, von deren Buch Het Smelt (Die Schmelze) alle schreiben: Das ist das beste Debüt des Jahres, und innerhalb weniger Wochen sind 20.000 Exemplare verkauft. Aber sowas kann man nie vorhersagen.

 

Sind Autoren in den Niederlanden politisch engagiert, können sie so etwas wie Meinungsmacher sein?

Für manche trifft das zu, vor allem solche mit einem Migrationshintergrund; sie sind zur Zeit sehr gefragt als Gesprächspartner. Aber das Bild des klassischen Intellektuellen hat sich natürlich gewandelt, sie sind nicht mehr das moralische Gewissen à la Susan Sonntag. Autoren werden eher für gute Unterhaltung herangezogen, für ein nettes Gespräch.

 

Gibt es bestimmte Themen oder Stil-Tendenzen in der jungen Gegenwartsliteratur?

Viele der jungen Autoren kennen sich natürlich, sie gehen zu den selben Partys, es ist also kein Wunder, wenn sie sich gegenseitig beeinflussen. Was sie ansonsten eint, ist vielleicht das Paradox, Aufmerksamkeit haben zu wollen, aber zugleich auch nicht. Das führt oft zu einem riesigen Selbstbewusstsein, das einen von der echten Welt abschirmt. Das ist aber nicht nur hier so, die New-Sincerity-Bewegung geht ja in eine ähnliche Richtung, sie hatte auch einen großen Einfluss auf die jungen Autoren hier. Die meisten hier halten sich sehr nah an der Realität.
Es ist zwar ein bisschen pauschalisierend, aber man kann schon folgendes feststellen: Die niederländischen Autoren bevorzugen kurze Sätze, klare Aussagen, eine reduzierte Sprache, ganz nach dem Prinzip Show, don't tell. Die flämischen Autoren dagegen sind poetischer, blumiger, wilder. Vielleicht erklärt das auch den aktuellen Erfolg von Lize Spit, sie ist sehr experimentell, erfindet eigene Worte.

 

Welche aktuellen Titel würdest du deutschen Lesern empfehlen?

Auf jeden Fall Niña Weijers, De consequenties (erscheint im Herbst 2016 auf Deutsch bei Suhrkamp), das ist sehr interessant. Gut finde ich auch Marieke Rijneveld, eine noch sehr junge Lyrikerin, sie ist erst 21 oder so, ihre Gedichte sind sehr heftig und sehr gut. Und ich mag Kira Wuck, sie ist Halb-Finnin, schreibt aber auf Niederländisch, sie ist originell und hat ein Gespür fürs Absurde, ein bisschen in der Art des schwedischen Filmregisseurs Roy Andersson. Das gefällt mir.

 

 


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