Auf ein Bier! (oder zwei) - unterwegs in Belgien und den Niederlanden

Gastbeitrag von Stevan Paul

 

Ungerne nur störe ich meine Verleger bei der Arbeit, weil ein Betriebsausflug aber ja auch Spaß machen soll und jede Fröhlichkeit ohne Alkohol ohnehin gekünstelt ist, möchte ich den Amsterdam-Reisenden und den mairisch-Bloglesern dringlichst einen kurzen Blick auf die Bierkultur der Niederlande und im Nachbarland Belgien empfehlen. Hier wie dort gab es immer schon Craftbeer, also handwerklich gebrautes Bier aus freien Mikro- und Minibrauereien.

 

Im Unterschied zu traditionellen deutschen Bier-Regionen wie Franken und Bayern ist der Wagemut und die Kreativität unserer Nachbarn beim Brauen von Bier schon immer bemerkenswert. Das liegt auch daran, dass kein störendes Reinheitsgebot die Geschmackskreationen bremste (warum sich das Deutsche Reinheitsgebot zum diesjährigen 500sten Geburtstag eigentlich überdauert hat und abgeschafft gehört, erklärt Kollege Jörn Kabisch in seinem lesenswerten Artikel „Kritik der reinen Lehre“ für die TAZ.)

 

Die Bar "Moeder Lambic" in Brüssel
Die Bar "Moeder Lambic" in Brüssel

 In Belgien und den Niederlanden durfte es immer schon ein bisschen mehr sein als nur Wasser, Hopfen und Malz und auch bei der Herstellung nahm man gerne nicht unbedingt den gängigsten Weg. Ein guter Einstieg in die Bierkultur Belgiens, die auch die niederländische Bierkultur stark beeinflusst hat, sind die mit wilden Hefen aus der Luft spontan vergorenen und kräftig gehopften Lambic-Biere, die nur in den Wintermonaten hergestellt werden, Brauzeit ist von November bis März. Ein bis drei Jahre gären die Biere anschließend in gebrauchten Holzfässern von 200-500 Litern. Eine „trockene“ Angelegenheit, kohlensäurearm, herrlich säuerlich und sehr erfrischend.

 

Manche Lambic Sauerbiere machen dabei ihrem Namen alle Ehre und schmecken auf den ersten Schluck wie die staubtrockenen Schoppenpetzer aus der hessischen Heimat der Mairischs. Nicht erschrecken, weiter trinken, Schluck für Schluck wird das Bier mit der Zeit breiter und komplexer, aus eindimensionaler Säure wird ein köstlich frisches Bier. Ein bisschen Party-Wissen noch dazu: Coca Cola bringt es leicht auf die hundertfache Säuredichte eines Lambic Sauerbiers
- freilich unter dem Deckmäntelchen von 3,5 Zuckerwürfeln
in 100 ml Cola.

Grandios auch die feinsäuerlichen Gueuze-Biere, Basis ist ein Lambic-Verschnitt, der anschließend wie Champagner in der Flasche reift und feinperlig frisch ins Glas kommt. Beim Kauf ist auf die EU geschützte Bezeichnung Oude Gueuze zu achten, Zeichen für traditionelle Handarbeit. Gueuze aus industrieller Herstellung ist gesüßt und wird im Tank mit Kohlensäure versetzt. Auch beim Oude Gueuze dominieren jene zwei Grundgeschmäcker, die immer wieder in belgischem und niederländischem Bier zu finden sind: starke Säure- und Bitternoten. Für Freunde schwerer, süßer und malziger Biere aus dem Süden Deutschlands oder Fans der herben norddeutschen Biere stellen diese Biere anfangs eventuell eine Herausforderung dar – und führen bestenfalls zur Entdeckung ganz neuer Geschmackswelten.

Kirschbiere
Kirschbiere

Dazu darf auch das Kriek-Bier zählen, ein Sauerkirsch-Bier, das ich während der Arbeit an unserem Buch „Craft Beer Kochbuch“ (Christian Brandstätter Verlag 2015) in unterschiedlichen Qualitäten genießen durfte und lieben lernte. Ich hab im vergangenen Sommer kaum etwas anderes getrunken, an heißen Tagen auf dem Balkon – einmal als herb-säuerliches Lambic-basiertes Bier mit frischen Kirschnoten, ein anderes Mal als etwas süßere Angelegenheit, die schon an Berliner Weiße mit Schuss erinnerte. 200-300g frische Kirschen pro Liter Lambic wandern dafür gemeinsam und für 3-18 Monate ins Fass. Die Auswahl an Frucht-Lambic ist riesig und insbesondere die wirklich trockenen, frisch-spritzigen Kirschbiere wie das belgische Kriek Boon oder das perlende Liefmans Kirek Brut aus den Niederlanden sind genial erfrischend.

 

Keine 50 Autominuten vom mairisch-PopUp in Amsterdam entfernt, findet sich die Brouwerij De Molen, eine der erfolgreichsten niederländischen Craft-Beer-Brauereien, die mit einem breiten Angebot zu begeistern wissen, vom IPA Vur & Vlam (Feuer und Flamme) über ein leichtes Pale Ale bis hin zum Stout Hel & Verdoemenis (Hölle und Verdamnis), Sour und Porter. Alle sechs Wochen wird ein experimenteller Sud gebraut und in Kleinstmenge ausgeschenkt. Ein Ausflug lohnt sich, denn die Windmühle in Sichtweite der Brauerei beherbergt ein Restaurant, in dem es immer zehn verschiedene de Molen-Biere vom Fass und etliche weitere aus der Flasche zu probieren gibt.

Die ganze belgisch-niederländische Biervielfalt entdeckt man gehäuft in Amsterdam und Brüssel, für beide Städte habe ich am Ende des Beitrages ein paar spannende Bier-Orte und Listen verlinkt. Für die Daheimgebliebenen in der Mairisch-Stadt Hamburg findet sich eine gute Auswahl an belgischen und niederländischen Bieren bei Beyond Beer und im Craft Beer Store mit Onlineversand. Aber egal ob in Amsterdam oder Brüssel, ob in Hamburg, Berlin oder Nürnberg - die Craftbeer-Bewegung bereichert überall das Angebot des guten Geschmacks - es lohnt offen und neugierig zu bleiben!

 

In diesem Sinne: Gezondheit, Prost, Santé und Cheers!

 

Brouwerij De Molen in Bodegraven (NL)
Brouwerij De Molen in Bodegraven (NL)
Brauerei A La Becasse in Brüssel
Brauerei A La Becasse in Brüssel

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Kommentare: 2
  • #1

    budjonny (Freitag, 12 Februar 2016 20:43)

    ...ein Fehler, der gerne begangen wird: Belgisches Bier so zu trinken, wie Deutsches Bier, also mit Durst... Viel eher sollte man kalkulieren, nur höchstens halb so viel zu trinken, wie sonst, weil das Belgische Bier doppelt so stark ist...

  • #2

    mairisch (Freitag, 12 Februar 2016 21:15)

    ... oder man ist halt dann einfach doppelt so besoffen... ;-)