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SLAA: Wir machen unser eigenes Ding

Interview und Übersetzung: Hannah Zirkler

 

An diesem regnerischen Mittwoch bringt uns die Fähre hinter dem Amsterdamer Hauptbahnhof auf die andere Seite des IJs, nach Noord. Noch vor einigen Jahren war dieser Teil der Stadt eher trostloses Niemandsland, nun aber wird er besonders für junge Familien auf der Suche nach bezahlbarem, stadtnahen Wohnraum oder für kreative Köpfe immer attraktiver. Zu diesen Kreativen zählt auch das Literaturinstitut SLAA (Stiching Literaire Activiteiten Amsterdam). Bis vor 3 Jahren befand sich ihr Büro noch im Stadtzentrum, nun arbeitet das Team in einem schönen hellen Raum in einer der Häuser des Tolhuistuin in Noord.

 

Da wir vor dem Termin noch etwas Zeit haben, streunen wir ein bisschen durch die Gegend. Dieser Teil der Stadt erinnert uns stark an Hamburg-Wilhelmsburg, allerdings mit einigen hafencity-liken Neubauten am Ufer. Alles wirkt aber urban sympathisch und ist eine gute Abwechslung zur doch sehr verspielten Innenstadt.

 

Im Büro von SLAA treffen wir Daphne de Heer und Maya Shamir, die uns auf eine Kaffee ins gegenüberliegende Café einladen, das laut der beiden „very Berlin like“ ist. Kaffee in Omas Blumentässchen, selbstgebackener Kuchen und auch sonst herrscht eine sehr heimelige Atmosphäre. Ein perfekter Ort, um SLAA ein bisschen besser kennenzulernen:

 

Daphne, Maya, was ist SLAA?

Maya: SLAA ist ein Literaturinstitut, das literarische Programme in Amsterdam organisiert. Wir werden von der Stadt Amsterdam subventioniert und wollen die Literatur in der Stadt fördern. Besonders wollen wir Literatur für diejenigen zugänglich machen, die sich außerhalb der häufig doch recht elitären literarischen Kreise Amsterdams bewegen. Wir wollen ganz normale Menschen mit unseren Veranstaltungen erreichen, die sich normalerweise nicht für klassische Lesungen interessieren.

Daphne: Unser Hauptziel ist es, Literatur für jeden in Amsterdam zugänglich zu machen. Dies ist auch der Grund für unseren Umzug aus der Innenstadt vor zwei Jahren. Wir wollten weiter raus aus der Stadt, weil wir nicht nur für die Bewohner des Zentrums Veranstaltungen machen wollen. Die Elite, die sowieso schon viel liest und für die Literatur ein Bestandteil des Alltags ist. Viel interessanter ist es doch zu sehen, in welchen Vierteln der Stadt Literatur sonst noch Bedeutung haben kann. In Noord leben viele Alteingesessene und auch junge Leute, deren Bildungsniveau nicht dem der Elite Amsterdams entspricht, und genau denen wollen wir Literatur näherbringen. Deshalb laden wir Autoren, Musiker und auch Comedians hierher ein, um auch für sie Literatur greifbar zu machen.

 

Wie ist SLAA entstanden?

Maya: Das Institut existiert schon seit 35 Jahren und wurde im De Balie, einem ehemaligen Gefängnis in der Innenstadt, gegründet. 1982 suchte die Stadt nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für das Gebäude, und Politiker der Stadt wollten dort ein politisches und literarisches Zentrum gründen. Das politische Zentrum duften sie gründen, aber für das literarische Pendant wurde eine Organisation mit etwas mehr Expertise auf diesem Gebiet gesucht - und so entstand SLAA.

Daphne: SLAA war die erste Literaturorganisation dieser Zeit, die ein professionelles literarisches Programm in Amsterdam organisierte. Dieses Format inspirierte auch andere Städte, es ihnen nachzutun.

 

Und wer ist SLAA?

Maya: Wir sind zu viert und haben immer noch einen Praktikanten. Daphne ist seit 7 Jahren hier der Boss (lacht) und ich kümmere mich seit 3 Jahren um das Programm. Die anderen beiden kümmern sich um die Produktion und die Pressearbeit. Aber bei Veranstaltungen helfen wir alle zusammen.

 

Wie viele Veranstaltungen organisiert SLAA im Jahr?

Daphne: 40-45 Veranstaltungen machen wir in etwa pro Jahr. Wir bekommen von der Stadt ein für vier Jahre festgesetztes Budget von 180.000 Euro im Jahr und können damit unsere Veranstaltungen finanzieren. Alle vier Jahre müssen wir also einen Plan bei der Stadt einreichen, aber es ist nicht immer leicht, soweit im Voraus zu planen. Die Kulturförderung ist in den letzten Jahren etwas zurückgegangen, aber mittlerweile können wir wieder mit einem stabilen Budget rechnen.

Maya: Unsere Programme sind auch immer eine Koproduktion mit einem Veranstalter, so können wir uns die Kosten teilen. Da wir keine eigenen Veranstaltungsort haben, müssten wir ansonsten die Räume extra anmieten. Und auch für die Veranstalter ist das interessant, denn so haben sie einen weiteren Programmpunkt in ihrem Kalender, ohne sich darum kümmern zu müssen. Wir helfen uns also gegenseitig.

 

Und wie sieht euer Programm so aus?

Maya: Wir versuchen immer etwas Neues, natürlich haben wir auch einige Programmreihen, aber wir wollen weg von den klassischen Lesungen. So verbinden wir zum Beispiel Literatur mit Musik oder Theater oder veranstalten Lesungen mit einem ungewöhnliche Aufhänger. Vor kurzem war Karl Ove Knausgård bei uns und wir haben ihn einen Abend lang zur Musik in seinen Büchern befragt. Das Ganze wurde von einem DJ moderiert und am Ende der Veranstaltung meinte sein Agent zu uns, dass er Knausgård noch nie so viel hat lachen sehen bei einer Lesung. Wir bringen also immer einen spannenden Aspekt in eine Veranstaltung, wollen kein Standardformat und wissen so selbst oft im Voraus nicht genau, was passieren wird. Da kommt es natürlich immer auf das Publikum an und darauf, wie es reagiert.

Daphne: Für unsere Serien haben wir natürlich schon ein gewisses Format, aber sonst versuchen wir immer wieder Neues. Anders als in Deutschland funktionieren hier lange Lesungen nicht. Die Niederländer finden das langweilig. So wollen wir ihnen nicht mehr als 10-15 Minuten Lesezeit zumuten. Wir versuchen also, verschiedene abwechslungsreiche Elemente in eine Veranstaltung einzubauen, sie dynamisch und interaktiv zu gestalten. Sonst werden die Zuhörer einfach zu schnell abgelenkt und spielen mit ihren Smartphones herum. Früher war das auch hier noch etwas anders, aber das hat sich im Laufe der Generationen geändert und die Aufmerksamkeitsspanne ist nun deutlich kleiner als noch vor 10 Jahren. Das klassische Lesungsformat ist eher für ein älteres Publikum geeignet. Da wir aber alle Generationen ansprechen wollen, denken wir uns immer wieder etwas Neues aus.

 

Gibt es für SLAA eine besonders wichtige, große Veranstaltung im Jahr?

Maya: Eines der wichtigsten Events des Jahres ist für uns das internationale Literaturfestival Read my world. Drei Tage im Oktober stehen problematische Länder oder Regionen im Fokus. Im letzten Jahr waren es beispielsweise die Ukraine, Russland und Polen. Wir fragen gezielt literarische Organisationen in den Ländern an, diese schlagen geeignete Autoren vor und wir laden sie dann zu uns ein.

Daphne: Genau, die Ländern kuratieren so das Festival quasi selbst, denn sie kennen die interessanten Autoren, Sprecher und Personen ihres Landes einfach am besten. Oft gibt es auch ein bestimmtes Thema, das die Länder selbst mitbringen. So soll ein internationaler Dialog für das Publikum und zwischen den Ländern geschaffen werden.

 

Welche Veranstaltungsformen organisiert SLAA sonst noch?

Maya: Für noch unveröffentlichte Autoren gibt es jährlich den Debutantenbal. Dieser bietet Möglichkeit zum Austausch und soll wichtige Fragen beantworten. Außerdem wird ein Preis an das beste Debüt verliehen. Ganz allgemein wollen wir besonders frisch veröffentlichten Autoren immer Platz in unseren Veranstaltungen geben.

Daphne: Ja genau, das ist uns sehr wichtig. Ein besonders Format dafür ist die  Reihe vijf quarts (der Name bezieht sich auf die Dauer der Veranstaltung, also 75 Minuten). Junge Autoren können das Programm selbst gestalten, über sich selbst nachdenken und auch darüber, welche Fragen ihnen gestellt werden sollen. Wir wollen ihnen damit ein Gesicht und einen Name geben, umgeben von all den bekannten Autoren. So stellen wir sie auf das gleiche Level, wir machen keinen Unterschied zwischen jungen und alten Autoren. Wenn man junge Autoren immer anders behandelt als alte zieht man auch nur eine bestimmte Gruppe an Interessenten an, in diesem Fall wäre das ein eher junges Publikum. Gerade ist es besonders hip, neue, junge und frische Autoren zu präsentieren, was toll ist, aber ich finde es so viel spannender, ein bunt gemischtes Publikum zu haben. Und junge Autoren sind keine eigene Spezies im Zoo, sie sind nur Autoren, die zufällig noch jung sind.

 

Hat sich etwas verändert in der Zeit in der ihr für SLAA arbeitet?

Daphne: Seit Maya hier ist, essen wir viel mehr (lacht). Ich bin seit 7 Jahren bei SLAA und zu Beginn war das Lesungsformat noch sehr klassisch. Als ich für die Leitung angefragt wurde, wollte SLAA neue Programmformen einführen, was eine harte Aufgabe für mich war. Es dauerte eine Weile, so etwas kann man nicht über Nacht ändern, so etwas muss wachsen. Aber mit ein bisschen Geduld und Zeit und den richtigen Leuten im Team kann ich nun das Programm mache, dass ich immer wollte.

 

Was habt ihr vor SLAA gemacht?

Daphe: Ich war schon immer in der Buchbranche. Nach meinem Studium in niederländischer Literatur habe ich in Buchhandlungen und Verlagen gearbeitet und auch eine Weile als Freie. Das mag ich persönlich am liebsten, weil man so viele Freiheiten hat. Aber hier bei SLAA ist auch alles sehr frei. Seit meinem Studium hieß es also schon immer: Bücher, Bücher, Bücher. Und ich glaube, so sterbe ich auch mal (lacht).

Maya: Ich fing auch mit Büchern an. Daher kennen Daphne und ich uns auch. Eine Weile arbeitete ich auch für De Balie. Danach schlug ich eine ganz andere Richtung ein im Projektmanagement für das niederländische Institut für Design und Mode. Dann hieß es wieder: zurück zu den Büchern, und das wollte ich auch immer.

 

Hat der Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse irgendeinen Einfluss auf eure Arbeit?

Maya: Nein, nicht wirklich. Wir wurden für eine Projektzusammenarbeit angefragt aber da ging es eher um die Mitfinanzierung und so etwas machen wir nicht. Ganz allgemein versuchen wir uns, nicht zu sehr darauf zu konzentrieren, welche Themen-Woche gerade ist. In den Niederlanden gibt es fast jeden Monat ein bestimmtes Thema, wie zum Beispiel Philosophie, Kurzgeschichten, Kinderbücher, Thriller usw. Diese Themen sollen den Buchverkauf stimulieren. Verlage und Buchhändler konzentrieren sich immer sehr stark darauf und es gibt viele Veranstaltungen. Manchmal erwähnen wir natürlich das Thema auch, oder wir platzieren einen passenden Autor in unserem Programm, aber wir konzentrieren uns nicht wirklich darauf. Wir machen unser eigenes Ding.

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Auf unserem kleinen Streifzug durch die Umgebung haben wir dieses nette „Leeshuis“ entdeckt. In diesem gemütlichen Häuschen kann jeder kostenlos in den Büchern schmökern, sich dazu einen Tee kochen und entspannen.

 

Da würden wir auch gerne mal ein paar gemütliche Lesestunden verbringen.

 

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