Neu bei mairisch: Dorian Steinhoff im Interview

Von Peter Reichenbach

Wir haben einen neuen Autor mit an Bord: Dorian Steinhoff. Sein Erzählband "Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern" erscheint im Oktober 2013.

Dorian Steinhoff (Foto: Marco Piecuch)
Dorian Steinhoff (Foto: Marco Piecuch)

Die Idee, hier auf unserem Blog ein Interview mit Dorian zu führen, gefiel uns allen im Verlag sofort. Allerdings wollte er, weil er
so ein ehrlicher Typ ist, sofort Details ausplaudern, aus dem Lektorat und darüber, wie es hier allgemein im Verlag so läuft.

Ich hab mich also bequatschen lassen:

Peter Reichenbach: Die erste Ladung Bücher ist jetzt bei dir angekommen. Wie hat sich das angefühlt, bist du zufrieden damit, wie alles bis hierhin gelaufen ist?

Dorian Steinhoff:Wie eine ganz große und wunderbare Belohnung hat sich das angefühlt! Ich habe tatsächlich ein bisschen in meinem Zimmer getanzt und geklatscht und das Buch wie einen Pokal hochgehalten, es ins Bücherregal neben Homo Faber gestellt und mich selber dafür ausgelacht. Ich habe mich gefreut wie so ein kleiner Junge. Die Leute um mich herum hatten an dem Tag ganz schön was auszuhalten. Also, ja, ich bin sehr zufrieden bis jetzt.

Peter: Warum ausgerechnet neben Homo Faber?
Dorian: Wenn du so fragst muss ich das natürlich präzisieren. Es stand zwischen Gold von Blaise Cendrars und Homo Faber. Da war grad eine Lücke durch ein Buch, das ich verliehen habe. Alles rein pragmatisch also.

 

Peter: Worum geht‘s in deinem Buch, in deinen Geschichten, worum geht es dir in deinem Schreiben?
Dorian: Ich glaube ja, Autoren sollten nicht versuchen, ihre eigenen Texte zu interpretieren. Aber ich kann sagen, was so vorkommt im Buch: Wildschweine, Sex, Drogen, Gewalt, Tod, Liebe und Freundschaft. Also alles, was gute Geschichten brauchen. Darum geht es mir beim Schreiben auch vornehmlich erstmal, ich möchte gute Geschichten erzählen, auf einer inhaltlichen und formalen Ebene.


Peter: Wie fühlte sich das für dich an, deine Texte aus der Hand zu geben  
und andere Leute, also uns, mitreden zu lassen. Was war für dich am  
schwierigsten?
Dorian: Ich bin immer sehr dankbar, wenn ich gutes Feedback zu meinen Texten bekomme. Ich hatte während dem Lektorat immer das Gefühl, dass wir einander sehr gut zuhören, und verstehen wollen – und auch immer konnten – was an dem Manuskript gestrichen oder ergänzt werden oder welchen Drall es noch bekommen muss, um den bestmöglichen Text für das Buch zu erhalten. Ich habe während diesem Prozess noch mal sehr viel über mein eigenes Schreiben gelernt.

Aber wir wollten doch Details ausplaudern: Es gab in einem Text eine Satzkonstruktion mit einem Neologismus, den ich eigentlich sehr mochte, an die du drangeschrieben hast: "kann ich mir nichts drunter vorstellen." Daraus wurde so ein running gag zwischen Freunden von mir. Oft, wenn jemand etwas einigermaßen oder vermeidlich Unverständliches gesagt hat, kam der Satz: "Kann ich mir nichts drunter vorstellen". Und alle mussten lachen.  

Peter: Es spricht für dich, dass du blöde Kommentare mit Humor genommen hast. Vielleicht zu meiner Verteidigung: An dieser Stelle habe ich bestimmt 20 Minuten überlegt, was du meinen könntest und hatte wirklich keine Ahnung. Meine vermeintlich flapsige Anmerkung spiegelt das natürlich nicht wider.
Dorian: Ich fand die Anmerkung gar nicht blöd, du hattest ja Recht. Ich glaube, ich habe damals drunter geschrieben: "Kill your Darlings, wa!"


Peter: Bevor wir Texte von dir kannten, haben wir dich als Veranstalter von Lesungen kennengelernt. Früher hast du auch auf Slams gelesen. Welche Rolle spielt der Vortrag für dein Schreiben?
Dorian: Ich lese sogar jetzt noch ab und zu auf Slams, wenn mich ein Veranstalter einlädt, den ich mag zum Beispiel.
Gut vorzulesen ist mir wichtig, also gute Lesungen zu machen. Ich mag, dabei zu sein und zu merken, wie ein Publikum auf meine Texte reagiert. Durch das häufige Auftreten habe ich viel gelernt, nicht nur das Vorlesen selbst – das ist ein richtiges Livelektorat.
Inwiefern der Anspruch, gute Lesungen zu machen, Eingang in meine Sprache erhält, weiß ich gar nicht so genau. Wie hast du denn die Texte in Hinblick darauf gelesen? Ist da zum Beispiel irgendeine Tendenz zur Mündlichkeit für dich erkennbar?

Peter: Nicht so sehr eine Tendenz zur Mündlichkeit (obwohl ich z.B. deine Dialoge immer sehr mag, weil sie so sind, wie man spricht und dadurch sehr natürlich wirken), sondern eher in die Richtung, dass man beim Vortragen von Texten auf der Bühne so etwas wie Textökonomie lernen kann und muss. Also wenn man nicht genau auf den Punkt und sehr direkt schreibt, dann kriegt man das - vor allem von einem Slam-Publikum - sehr schnell zu spüren. Und ohne Texte aus deiner Slam-Zeit zu kennen, so war mein Verdacht, dass du eben jene Stringenz auf der Bühne gelernt und jetzt auch in deine Erzählungen übertragen hast. Gleiches gilt auch für deinen Witz und Humor, der trotz der ernsten Themen immer wieder durchscheint.
Dorian: Das klingt schön! Ich freue mich, wenn das, was ich schreibe, so wahrgenommen wird.


Peter: Wenn ich unser weiteres Kennenlernen verfolge: Zum ersten Mal  
gesehen haben wir beide uns auf der Leipziger Buchmesse, dort hat Nora  
Gomringer auf der Bühne einen Text gelesen, der dir gewidmet ist.  
Welche Rolle spielen andere Autoren, Bücher, Filme, Zeitungsartikel  
für dich?
Dorian: Mit der Frage spielst du natürlich darauf an, dass zwei Texte aus dem Buch auf Zeitungsartikeln basieren und es auch andere intertextuelle Elemente gibt. Bücher, Filme, vor allem auch Amerikanische Dramaseries und Zeitungsartikel sind Dinge, mit denen ich sehr viel Zeit verbringe, und wie jede Umgebung wirken sie auf mich, lösen Assoziationen in mir aus, inspirieren mich also und stiften mich auch zu meinen Texten an und erhalten Eingang in sie.  

Peter: Wie oft wird man mit "Wer wohnt schon in Düsseldorf?"  
konfrontiert? Braucht man da eine vorher zurechtgelegte  
Standardantwort? Welche Rolle spielen Orte in deinem Buch?
Dorian: Mir ist das bis jetzt gar nicht so oft passiert. Es sind eher die Düsseldorfer selbst, die mich immer fragen, warum ich in ihre Stadt gezogen bin. Wenn ich jemanden treffe, der mir so kommt, mit „wer wohnt schon in Düsseldorf“, und ich merke, dass da einer nur mit unreflektierten Klischees hantiert, ist meine Standartantwort auch schon mal, „mit dir will ich nicht darüber reden“.
Ansonsten spielen Orte in den meisten Texten keine so große Rolle. Die Geschichten spielen größtenteils in urbanen Milieus, wie es sie in jeder Deutschen Großstadt mit Universität gibt. Außer Wasser, der Text spielt in Kambodscha, und es ist auch der einzige Text, in dem der Ort an sich wichtig ist, als fast perfektes Urlaubsparadies, als Wirkungskraft auf den Menschen.


Peter: Jetzt hast du aber immer noch nicht gesagt, was du an Düsseldorf gut findest.
Dorian: Stimmt! Das Stadtbild Düsseldorfs ist auf eine Weise hässlich und dann auch wieder schön, die meiner Gesamtwahrnehmung der Realität sehr gut entspricht, das mag ich. Außerdem mag ich das Rheinland und NRW, in bin gebürtiger Bonner, viele gute Freunde von mir wohnen hier in der Nähe. Außerdem gibt es in Düsseldorf und im ganzen Bundesland eine gute kulturelle Infrastruktur, die für meine Projektarbeit als Literaturvermittler sehr wichtig ist.

Peter: Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern ist ein Erzählband.  Warum hast du keinen Roman geschrieben, was gefällt dir an der Form  der Erzählung?
Dorian: Ich interessiere mich für Form, also die Art, wie man einen Stoff, ein Thema, eine Geschichte erzählen kann, und die Erzählung ist die Form, an der ich mich abarbeiten wollte. Wahrscheinlich, weil ich selber gerne Erzählungen lese und, ganz ehrlich, mir überhaupt nicht zugetraut habe, einen guten Roman zu schreiben, als ich angefangen habe an diesem Buch zu arbeiten. Außerdem kann ein Erzählband, haben alle Geschichten ein durchgängiges Thema, einen roten Faden, ein bestimmtes Sujet mindestens genauso gut, wenn nicht sogar vielfältiger beleuchten, als das ein Roman vermag. Und ich finde, jedenfalls habe ich mich darum bemüht, Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern hat einen solchen roten Faden.


Peter: Meine persönliche Lieblingsgeschichte im Buch ist ja Wasser, aus
der auch der Titel des Buches stammt. Hast du auch eine  Lieblingsgeschichte im Buch?
Dorian: Ansgar Boos, aus purer Eitelkeit. In dem Text stecken die Sätze, an denen ich am längsten gefeilt habe. Und ich kann mich überhaupt nicht davon frei sprechen, in besonders schön geratene Sätze, die ich geschrieben habe, ein bisschen verliebt zu sein. Aber auch so, ich glaube, das ist eine ganz gute Geschichte geworden.

Peter: Wir hätten dieses Interview ja faken können. Welche Frage hättest du dir am liebsten selbst gestellt?
Dorian: Was glaubst du, wie endet Breaking Bad?  

Peter: Also was glaubst du, wie endet Breaking Bad?
Dorian: Puh, zum jetzigen Zeitpunkt sind ja von dem zweiten Teil der finalen Staffel erst drei Folgen gelaufen, es ist also noch sehr schwer abzusehen. Aber sicher ist, dass die ganze Sache nicht gut zu Ende gehen kann, denke ich. Ich sag mal so, wer mich auf Lesereise trifft und gerne anquatschen will, der soll doch dann noch mal fragen, wie mir das Ende gefallen hat. Darüber rede ich dann bestimmt gerne und gerne lang.

Mehr von Dorian: www.doriansteinhoff.de

 

Dorian Steinhoff - "Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern"

Moritz wäre gerne Jäger und glaubt, wenn er erst seine neuen Zähne hat, wird alles gut. Die Macheten-Bande entkommt dem Knast, während ein junger Fußballprofi büßen muss. Und ein Urlaubsparadies in Kambodscha wird durch zu hohe Wellen zur Hölle.

 

Dorian Steinhoff erzählt, wie der Zufall über viele Lebenssituationen entscheidet. Wie Menschen ungewollt in Zwangslagen geraten und ohne eigene Schuld in Schlamassel schlittern. Und wie es immer auch diesen einen Moment gibt, in dem sie hätten Einfluss nehmen, in dem alles hätte gut werden können.
In sieben Erzählungen geht Dorian Steinhoff der Frage nach, wie wir eigentlich unser Leben bestimmen. Er verleiht seinen Figuren einen rauen, direkten Ton und schafft es zugleich, sie in all ihren Niederlagen und Unzulänglichkeiten zärtlich und verletzlich wirken zu lassen. Und es gelingt ihm, sie auf eine ganz besondere Weise anzuleuchten.


Dorian Steinhoff
Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern
Erzählungen | Hardcover | 168 Seiten | 16,90 €
ISBN 978-3-938539-29-3
Auch als E-Book erhältlich

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