»Zu lieben bedeutet, uns in der Welt als richtig zu begreifen« – Im Gespräch mit Miriam Metze

Gibt es ein schlimmeres Gefühl, als jemanden zu lieben und nicht zurückgeliebt zu werden? Ist das dann überhaupt Liebe oder nur ein Traum, ein Wunsch, eine Flucht vor der Wirklichkeit? Und was hilft gegen Liebeskummer — Schokolade, Alkohol, Seriengucken … oder gar Philosophie?

 

Die Philosophin Miriam Metze zeigt in ihrem klugen und unterhaltsamen Buch, dass die Erfahrung, nicht zurückgeliebt zu werden, viel mehr sein kann als bloß eine lästige Nebenwirkung unseres amourösen Daseins — nämlich der Ausgangspunkt eines produktiven Denkens, mit dem sie die Frage nach dem Wesen der Liebe neu stellt.

 

Zum Erscheinen von »Unerwidert lieben – eine philosophische Tröstung« haben wir uns mit der Autorin Miriam Metze getroffen und über den fragenden Blick auf die Liebe, über Selbstironie und Philosophie und darüber, warum Stephen Colbert tröstlich ist, gesprochen.

 

»unerwidert lieben – eine philosophische tröstung«: Im Gespräch mit miriam metze

Miriam, wie gelingt es dir, abstrakte philosophische Konzepte für Menschen verständlich zu machen, die sich beim Thema Philosophie nicht so gut auskennen?


Miriam Metze: Es wäre schön, wenn mir das gelingt, es wäre auf jeden Fall mein Anspruch! Ich möchte Menschen Ideen und Fragen mit auf den Weg geben, von denen ich das Gefühl habe, dass sie für mich gewinnbringend waren. Manchmal ist das ganz schön schwierig – besonders, wenn es um philosophische Konzepte geht, bei denen man erst einmal deren Sprache sprechen lernen muss… manche Denker*innen sprechen ja fast schon eine Art Geheimsprache. Und es ist auch sonst gar nicht so einfach, Philosophie zu betreiben – sie »führt« ja zu nix, sie ist nicht effizient und bietet keine einfachen Lösungen an. Aber Ideen, Gedanken und auch Fragen können uns als Handelnde und Fühlende durchaus stark verändern – und als Liebende sowieso. Darum finde ich es sehr schade, dass es so viele Berührungsängste gegenüber der Philosophie gibt. Niemand ist gefeit davor, einen guten Gedanken zu haben, warum sollte das bloß der akademischen Szene vorbehalten sein?

 

  

Du beziehst große Denkerinnen und Denker von der Antike bis zur Gegenwart ein. Gab es für dich eine besonders überraschende Perspektive auf unerwiderte Liebe?

 

 Ein Gedanke von Hannah Arendt hat mich sehr bewegt: Sie hat sich über viele Jahre hinweg mit Rilkes Vorstellungen von der Liebe beschäftigt und ihn scharf kritisiert. Denn Rilke meinte, als unerwidert Liebender die beste Liebe von allen zu lieben; die Idee, dass man in der Liebe Zweisamkeit und Geborgenheit finden kann, war für ihn bloß eine Illusion. Hannah Arendts Notizen in ihrem Denktagebuch legen nahe, dass sie eine Ansicht wie die von Rilke für extrem gefährlich hielt – auch und vor allem auf politischer und sozialer Ebene, wo wir ohne das Gefühl, aufeinander angewiesen zu sein, nur selten Gutes erreichen.

Das war für mich wichtig, denn zu der Zeit, als ich zu schreiben begann, schienen mir andere Themen zentraler, nicht zuletzt die US-Wahlen, Trumps Angelobung… Wenn ich dachte, es sei die viele Mühe des Recherchierens und Schreibens gar nicht wert, weil es doch »nur« um die Liebe ging, holte ich mir Hannah Arendt her. Denn sie erinnert daran, dass die Liebe kein Luxusthema ist, nichts, mit dem wir uns das Leben nach Feierabend schwer oder schön machen können. Wie wir über die Liebe denken und wie wir sie leben, ist alles andere als irrelevant. 

 

Der Untertitel deines Buches lautet »Eine philosophische Tröstung«. Wie würdest du den Begriff »Trost« philosophisch definieren?

In der Antike und später vor allem im Hellenismus hat man die Philosophie als etwas Tröstliches angesehen. Ich glaube, Erkenntnisse können uns glücklich machen, bzw. wenn sie traurige Erkenntnisse sind, können sie zumindest den Boden bereiten, damit wir später glücklicher zu werden. Aber noch vor alledem ist allein schon das Fragen und Sich-Wundern über Dinge tröstlich. Es zwingt uns, dort stehenzubleiben, wo wir sind und uns einmal alles genau anzusehen, ohne schon eine großartige Ahnung von den Dingen haben zu müssen. Ich glaube, dass darin eigentlich ziemlich viel Kraft steckt … Natürlich weiß ich, dass die Mehrzahl der unerwidert Liebenden nicht nur nicht dort sein wollen, wo sie sind, sondern es sich sogar vorhalten. Ich glaube, das ist für viele ziemlich belastend und vielleicht könnten wir es uns sogar ersparen.

Mir hat der Gedanke von Milan Kundera gefallen, der meinte, dass man besonders im europäischen Denken immer versucht hat, die Scheiße, die da ist, wegzuerklären. Es kann aber nicht immer alles glatt gehen, und es ist auch nicht immer unsere Schuld, wenn es nicht klappt. Ich würde meinen, dass uns das in einer schwierigen Situation am meisten hilft: zu hören, dass es okay ist, dieses Problem zu haben. Gerade in Liebesdingen wäre es doch heillos naiv zu glauben, dass man da ohne Probleme durchsteigen kann. Ich denke, diese Ebene des Trostes ist – zusätzlich zu konstruktiven Lösungsansätzen versteht sich – wahnsinnig wichtig; sie bewahrt uns davor, uns vor lauter Optimierungszwang selbst zu zerfleischen. Oder angesichts der globalen Großwetterlage den Kopf in den Sand zu stecken. 

Wir haben es dieser Tage ja wirklich mit riesengroßen Problemen zu tun – in der Politik, in der Wirtschaft, im Sozialen und dann vielleicht auch noch in der Liebe -, aber wir sind »optimistisch« und nennen sie »Herausforderungen«. Oder aber wir sind »pessimistisch« und haben schon aufgegeben. Besser wäre es doch, würden wir Abstand nehmen von diesem Denken des Entweder-Oder, denn gerade die Liebe zeigt uns doch, dass man das Gute und das Schlechte, das Schöne und das Hässliche nicht getrennt voneinander denken kann.

Was ist für dich im Alltag tröstlich?

Wer mich gerade sehr tröstet, ist Stephen Colbert. Wenn ich die Videos aus Minnesota sehe, werde ich ganz klamm. Ein Witz von Colbert macht das nun nicht gut, geschweige denn weniger grausam – aber er bringt mich wieder näher ans Fühlen. Der Witz holt das Grausame, das uns passiert, aus seiner Unbesprechbarkeit heraus und durch das Sprechen miteinander sind wir mit dem Ganzen nicht mehr so allein. Das ist wahnsinnig tröstlich.

 

Welche Rolle spielt hierbei die Perspektive, also die Art und Weise, wie wir über Liebe und Verlust denken? Glaubst du, dass ein Perspektivwechsel bei Herzschmerz Abhilfe schaffen kann?

Perspektivwechsel, Abhilfe verschaffen – das klingt so, als müsste man sich zu etwas zwingen… und als könnte man das. Eigentlich war mein Anspruch, ein Buch zu schreiben, um dem Schmerz, den es in der Liebe geben kann, einen Raum zu geben. Es ist ja oft so, dass man Liebe, die unerwidert bleibt, nur zögerlich und mit einigen Vorbehalten als Liebe gelten lassen will. Und man wirft unerwidert Liebenden auch oft vor, dass sie etwas falsch gemacht haben – entweder sie haben sich nicht den/die Richtige/n gesucht oder sie waren als Liebende nicht gut genug. Der Schmerz darüber, dass der Mensch, nach dem man sich sehnt, nicht da ist, scheint vielen Menschen dann auch nicht so recht notwendig, glaube ich. Spätestens dann, wenn ein paar Jahre ins Land gezogen sind, werden wir über eine/n Freund/in, der/die noch an diese eine Person denkt, zu wundern beginnen.

Aber natürlich tut ein Perspektivwechsel gut, das nicht, weil man ohne Schmerz lieben kann – sondern weil es auch genügend Schönes gibt an der Liebe.

 

Kann die Erfahrung unerwiderter Liebe auch produktiv oder sogar bereichernd sein?

Es gibt ein Gedicht von Wendy Cope namens »The Orange«, es beschreibt einen schönen Tag, an dem alles stimmig ist. Es endet mit dem Satz: Ich liebe dich, Ich bin so glücklich, dass ich existiere (oder Englisch: I love you. I’m glad I exist). Das Gedicht zeigt etwas auf, das uns begegnet, wenn wir in der Liebe sind: Zu lieben bedeutet, uns in der Welt als richtig zu begreifen, wir sind am richtigen Platz und fühlen, dass wir sein dürfen, wer wir sind.

Und zugleich, glaube ich, wollen Menschen, die lieben, zu besseren Menschen werden. Sie wollen zu jenen werden, die es verdient haben, von dem anderen zurückgeliebt zu werden. Das gelingt freilich nicht immer. Aber es ist schön, dass wir das Bestreben haben – die Liebe trägt uns über uns selbst hinaus. Das ist eine beileibe nicht unwichtige Erfahrung. 

Gestaltung: Andrea Pieper / Fotos: Carolin Rauen

Dein Buch ist sowohl philosophisch als auch anekdotenreich und humorvoll. Wie findest du die Balance zwischen Tiefgang und Unterhaltung?

Bei vielen Büchern, die ich über die Liebe gelesen habe, standen mir die Tränen in den Augen – manchmal, weil ich gerührt war, viel öfter aber, weil ich es so unglaublich witzig fand, was sich Menschen zur Liebe ausgedacht haben. Tiefe Gedanken sind nicht notgedrungen spaßbefreit – im Gegenteil. Und ich glaube sogar, dass man nur ganz schlecht Philosophie machen kann, ohne dabei Spaß zu haben oder da und dort selbstironisch werden zu müssen. Denn wenn es eines gibt, was Philosophierende drauf haben sollten, ist es, dass sie wissen, dass sie auch falsch liegen können. Man sollte als Philosophin nicht den Anspruch haben, die letzte Wahrheit zu sprechen – und schon gar nicht über ein Thema wie das der Liebe. Wenn man gescheit ist, macht man Angebote, Vorschläge – aber ich wäre dumm, würde ich mich hinstellen und mit geschwellter Brust verkündigen würde, dass ich nun »die« Wahrheit über »die« Liebe herausgefunden habe. Das kann man nur mit einem Augenzwinkern tun.

 

Gibt es eine bestimmte Geschichte oder ein Beispiel im Buch, das für dich besonders stellvertretend für den Umgang mit unerwiderter Liebe steht?

Ja, klar – ganz viele! Es fällt mir schwer, eine herauspicken, weil das Schreiben ein Prozess war, ein Weg, von dem jeder einzelne Moment, jedes gelesene Buch und auch jede einzelne gelöschte Seite wichtig war. Eine Geschichte hat es mir aber dann doch besonders angetan: Die von Yakov aus der Genesis, den ich nicht anders als einen traurigen Mann sehen kann – er liebt eine gewisse Rachel, die sich für ihn reichlich wenig interessiert, aber er bleibt hartnäckig, schuftet für Rachels Vater, um sie am Ende zu heiraten. Für mich steht diese Geschichte stellvertretend dafür, dass man Liebe auch mit Grausamkeit verwechseln kann … und mit Schmerz: Yakov weint tatsächlich schon, als er Rachel das erste Mal sieht. Ich glaube, für viele bedeutet eine unerwiderte Liebe Traurigkeit – und für ein paar wohl auch: grausam sein zu dürfen gegenüber denjenigen, die sie zu lieben glauben. 

Wie hat sich dein Blick auf Liebe beim Schreiben dieses Buches verändert?

 

Am schönsten war für mich, dass ich auf die Liebe als Fragende blicken durfte – die Arbeit an dem Buch hat mich einen gewissen Abstand einzunehmen gelernt, was die Liebe angeht. Das ist, glaube ich, die wertvollste Haltung, die man auf die Liebe haben kann: Dass wir uns Gedanken machen, was wir unter Liebe verstehen, vielleicht auch, ohne dass wir momentan selbst in der Liebe sind, oder nur in einer solchen, die vom Anderen nicht erwidert wird. Ich bin definitiv kritischer geworden.

Ich denke, es ist oft so, dass wir nur glauben, mit der Liebe ein Problem zu haben und in Wirklichkeit steht dahinter zum Beispiel eine persönliche Disposition, zum Beispiel mit einer vagen Zukunft nicht recht umgehen zu können. Oder man steht allgemein gerade etwas wackelig im Leben und könnte auch mit anderen Problemen, die nicht amouröser Natur sind, nicht umgehen. Aber man schiebt es der Liebe in die Schuhe, weil das leichter lesbar ist – für sich selbst und für andere.

 

Was würdest du Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben, die sich gerade in einer Phase unerwiderter Liebe befinden?

Also da müsste ich dann doch Genaueres wissen… 😉Unerwiderte Liebe hat ja extrem viele Gesichter… Man denkt natürlich immer an den klassischen Fall: Man liebt jemanden und dieser Mensch liebt einen dann nicht zurück. Aber es gibt auch die Möglichkeit, dass man sich nach dem Ende einer Partnerschaft beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass man von dem/der Anderen wirklich geliebt worden ist. Es macht auch einen Unterschied, ob man von dem Geliebten freundlich abgewiesen wurde – oder ob er einen geghostet hat. Und abgesehen davon, dass es sehr unterschiedliche Situationen unerwiderter Liebe gibt (im Buch habe ich mich bemüht, einige davon zu besprechen), glaube ich auch nicht, dass es einen Rat geben kann, der nicht abgestimmt ist auf die jeweilige Person und ihre immer je eigene, ganz besondere Liebe.

Aber vielleicht hätte ich aber dann doch etwas anzubieten: Ich glaube, dass Menschen einen Drang haben, Dinge zu erschaffen; etwas von dem, was sie fühlen und denken, in die Welt hinauszutragen und anderen mitzuteilen. In der Liebe quält uns das. Wenn man liebt, wünscht man sich vielleicht (nicht immer) eine gemeinsame Welt, auf jeden Fall aber eine wie auch immer geartete Zukunft. Ich glaube nämlich, dass die Liebe ohne die Hoffnung auf eine Zukunft gar nicht denkbar ist. Aber es kann durchaus auch etwas Schönes darin liegen, sich zu denken, dass man von der Liebe, die man in sich spürt, gezeichnet sein wird, dass, egal, was mit dem Anderen sein oder nicht sein können wird, der eigene Weg durch den Eintritt des Geliebten in das eigene Leben eine andere Wendung genommen hat. Und so wenig es auch den Anderen ersetzt, ich glaube, dass es helfen könnte, wenn man eine Weise findet, die Liebe zum Ausdruck zu bringen – am Ende geht es darum, dass man Zeugnis davon ablegt, ihr begegnet zu sein.

"Unerwidert lieben – eine philosophische Tröstung" von Miriam Metze

 

256 Seiten

24 Euro

ISBN 978-3-948722-54-8 

 

Weitere Informationen sind hier zu finden.

 

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