»Wie weich Heldinnen sein können«- Aisha Franz, Katharina Geschwendtner & Jul Gordon im Gespräch

Wie illustriert man etwas, das für uns alle äußerst privat, intim und einzigartig ist? Sex ist dem Menschen von Natur aus eingeschrieben – und doch kulturell eines der am stärksten bearbeiteten Themen des Lebens. Er verbindet und trennt uns, ruft die heftigsten Emotionen hervor, kann Identitäten schaffen und Schicksale entscheiden. Im Sex verschmelzen alle Aspekte des Daseins auf vielfältige und immer individuelle Weise. Sex ist als Thema allgegenwärtig, aber für ein Illustrationsmagazin dennoch eine große Herausforderung.

In der aktuellen Ausgabe SPRING #16 stellen sich 14 Zeichnerinnen dieser Herausforderung. Die Zeichnerinnen Aisha FranzJul Gordon und Katharina Geschwendtner erzählen uns im Gespräch unter anderem, was sie zum Thema der aktuellen Ausgabe bewegte und was für einen Umgang sie sich mit Sexualität in der Zukunft wünschen.

Laut Statistik denkt der Mensch im Durchschnitt 10-20 Mal am Tag an Sex. Das ist jetzt eure 16. Ausgabe, warum ausgerechnet jetzt? 

 

Jul: Mit Sex hat jeder irgendetwas am Hut, eine Geschichte dazu, oder ein Problem. Das Verhalten zum Thema Sex spiegelt viele Aspekte unserer Persönlichkeit und der Welt, in der wir leben. Auch wenn man keinen Sex hat, wird man mit dem Thema häufig konfrontiert und muss einen Umgang damit finden. Sex ist immer aktuell, warum also nicht auch ausgerechnet jetzt? 

Aisha: Genau, Sex hat schon immer einfach zum Leben dazugehört, egal ob man ihn hat oder nicht. Was die Auseinandersetzung mit Sex gerade jetzt spannend macht, liegt daran, dass wir (Frauen, aber auch nicht-binäre Menschen) einen Moment erleben, in dem wir sehr angestrengt und fokussiert um Selbstbestimmung und Loslösung von patriarchalischen Strukturen kämpfen. Während es in der Vergangenheit vor allem um Gleichberechtigung und grundsätzlich um Rechte ging, erstreckt sich der Diskurs heute besonders auch auf Intimität und Sexualität. 

Katharina: Wir sind eine Gruppe von starken, eigenwilligen und selbstbewussten Frauen. Dieser Befreiung gingen Kämpfe voraus. Wir wollen stark sein und wir müssen für unser Überleben auch stark sein. Beim Sex geht es vielleicht auch um die Frage, wie weich eine Heldin sein kann, wer sie verführen, wen sie lieben kann. Das Thema Sex kam immer wieder als Möglichkeit ins Spiel. Seit 2019 gibt es in Deutschland das sogenannte dritte Geschlecht. In Gesprächen über unser Rollenverständnis stellten wir völlig überrascht fest, dass nahezu jede von uns in der Kindheit ein Junge sein wollte. Wie konnte das sein? Das ist und bleibt ein spannendes Thema. 

 

Bei manchen Zeichnungen geht es um den Umgang mit Scham, um Geschlechterrollen, um das Wohlfühlen im eigenen Körper. Was erhofft ihr euch, wie in Zukunft mit Sexualität umgegangen wird? 

 

Katharina: Gruselig ist das von der Werbung und auch Musikvideos vorgeführte Verkonsumieren des Körpers, vor allem des weiblichen, natürlich. Ich wünschte, dass Sexualität weniger als ein Handel, ein Konsum mit Ergebniserwartung betrachtet wird. 

 

Jul: Als erstes fallen mir die Stichworte Offenheit und Freiheit dazu ein. Eine positive, möglichst nicht bewertende Haltung zum eigenen Körper und zu anderen Körpern, die Möglichkeit, über Sex zu sprechen. Keine Gewalt, außer sie ist im Interesse aller Beteiligten. 

 

Aisha: Ich stimme mit Jul überein und es schließt daran an, was ich schon über das Loslösen von vorherrschenden Strukturen gesagt habe. Sollte das erreicht werden können, würde auch der Umgang mit Sex freier sein.

 

Es erfordert Mut, über so etwas Intimes zu zeichnen, zu schreiben wie über Sex. Wie habt ihr diese Offenheit erlernt? 

Jul: Ich hatte zurerst die Idee, mehrere Sexeschichten von verschiedenen Leuten zu sammeln und daraus Comics für diese SPRING-Ausgabe zu zeichnen. Ich hatte einen Fragebogen erstellt und ihn an Bekannte und Freunde verschickt, die mir anonym per Post darauf geantwortet haben. Mit einigen habe ich mich auch unterhalten. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Dinge, um die es geht - die Gefühle, die eine Rolle spielen, nicht bei der anonymen Beantwortung eines Fragebogens auf den Tisch kommen.

Nur in persönlichen Gesprächen habe ich etwas erfahren, was die Person, die es mir erzählt hat, berührt hat und was ich nachvollziehen konnte oder vielleicht in ähnlicher Form selbst kannte.

 

Aisha: Sex ist für mich etwas ganz Normales. In meiner Arbeit habe ich ihn schon immer behandelt als etwas, was genauso dazu gehört wie Essen und Pinkeln. Er wird nicht beschönigt oder dramatisiert, sondern mit all seinen Eigenarten oder auch Unbeholfenheiten gezeigt. Für mich ist so eine Normalisierung auch eine Freisprechung von Darstellungen, die man eher aus pornografischen oder auch Mainstream-Kontexten kennt. Ich finde nicht unbedingt, dass diese SPRING-Ausgabe "mutig" genannt werden sollte, es ist doch etwas Selbstverständliches, Vulven sind etwas Selbstverständliches und Frauen, die laut darüber schreiben und zeichnen, sollten es auch sein. Mut wird vor allem erfordert, wenn über negative und auch schwer traumatisierende Erlebnisse berichtet wird. Betroffene Menschen müssen dabei unterstützt, werden diesen Mut zu finden und laut zu werden.

 

Katharina: Auch in meiner Arbeit spielt Erotik, Spaß am Körperlichen und Sex immer schon eine große Rolle. In diesem Fall war die Herangehensweise aber explizit eine Betrachtung der eigenen Sexualität. Ich habe mich sozusagen analysiert und festgestellt, dass die verschiedenen Identitäten nicht leicht unter einen Sex-Hut zu bekommen sind. Sie ziehen nicht alle am gleichen Strang, was tragisch und auch komisch sein kann. Da gibt es viel Raum für Peinlichkeit. Es ist ungemein befreiend, beklemmende Themen zu äußern, ein Tabu zu brechen und wie Aisha sagt, dient dies manchem Leser im besten Fall als Unterstützung. Nicht zu vergessen ist die Frage jedoch, warum jemand zeichnet. Auf dem Blatt Papier, in der Stille deines Zimmers, mit dieser einen Linie zur Verfügung, hast du als Zeichner doch den Ort der intimsten und größtmöglichen Konzentration auf das Wesentliche. Hier ist der Ort der Reflektion und der intuitiven Beantwortung von Fragen, die erst garnicht formuliert werden mussten. Das Zeichnen ist zuersteinmal nichts für die Öffentlichkeit Bestimmtes. Wenn Du findest, dass die Zeichnung, die Geschichte, das Gemälde stimmt, zeigst Du es.

 


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