»Der ZIEGEL als großes Gemeinschaftsprojekt der Hamburger Literaturszene« - Jürgen Abel und Antje Flemming im Gespräch

Die neue ZIEGEL-Ausgabe, die erstmals bei uns im mairisch Verlag erscheint und sich in komplett neuer Gestaltung präsentiert, versammelt aktuelle Texte der Preisträger*innen der Hamburger Literaturförderpreise sowie bereits bekannte, aber auch viele noch zu entdeckende literarische Stimmen der Stadt.

Die Herausgeber Jürgen Abel und Antje Flemming erzählen uns im Interview von der Entwicklung des ZIEGELs in den letzten 27 Jahren, von der Verbindung zwischen bildender Kunst und Literatur und davon, was sie dem zukünftigen ZIEGEL noch wünschen würden. 

 

Den ZIEGEL gibt es jetzt schon seit 27 Jahren, welche Idee stand dahinter? Und ist die Idee heute noch die gleiche?

Ganz am Anfang standen viele gute und lesenswerte Texte, eine spannende und vielseitige Literaturszene in Hamburg, von der tolle Impulse in den überregionalen Literaturbetrieb ausgingen, und der noch junge Wettbewerb um die Hamburger Literaturpreise. Wie kann all das sichtbarer werden? Wo wird gezeigt, was auf den neuen Lesebühnen in der Stadt los ist und wie viele großartige Texte hier entstehen? Das waren die Ausgangsfragen, und dann stand schnell die naheliegende Idee einer Art Leistungsschau im Raum, in der sich einige Texte um die Preisträger des Jahres ranken sollten. Es gab sogar schon ein ziemlich gutes Manuskript.

 

Und das war dann die Grundlage für die erste Ausgabe?

Es hat lediglich zu einer wichtigen Einsicht geführt. Die war, dass ein gutes Manuskript in diesem Fall nicht reichen würde. Allein das Versprechen auf tolle, wichtige und ungewöhnliche Texte aus Hamburg, Berlin oder sonst einer Region, und darum ging es ja, fand auch schon vor dreißig Jahren niemand besonders aufregend. Damit provoziert man eher nur ein Schulterzucken, schließlich wollen wir alle etwas von der Welt da draußen erfahren und mit der Literatur auch über unseren eigenen Horizont hinausblicken. Der ZIEGEL hat sich dann vorgenommen, genau das zu ermöglichen: Wir versuchen mit jeder Ausgabe anhand der vielfältigen Spielformen der Literatur, ob im Roman, der Erzählung, Gedichten, Dramen, experimenteller Literatur, einen tiefen Einblick in das zu geben, was uns alle gegenwärtig beschäftigt und umtreibt, ganz gleich, ob man in Paderborn, Quedlinburg oder am Chiemsee lebt. Inhaltlich ist beim ZIEGEL also das Gegenteil davon Programm geworden, was man von einer Literatur-Anthologie, die ihre Texte in einer vorgegebenen Region findet, erwarten würde. Dieses Prinzip des bewussten Bruchs mit den üblichen Erwartungen und Vorstellungen und der Versuch, möglichst hohe Standards zu setzen, um ein ganz eigenes und besonderes Buch zu machen, begleitet den ZIEGEL von der ersten bis zur aktuellen Ausgabe. 

 

Das zeigt sich vor allem auch in der ganz besonderen Gestaltung: Der ZIEGEL hat seinen Namen nicht grundlos von einem Baustein, sondern war von Anfang an als Objekt konzipiert, das als Logo für all das fungieren kann, was sich sonst noch um das Projekt schart. Es gibt allein in diesem Jahr noch acht ZIEGEL-Lesungen und zum Auftakt und Erscheinen der 16. Ausgabe eine Releasefeier am 23. April im „Nachtasyl“. Möglich wird dieses Konzept übrigens nicht nur wegen der Förderung durch die Behörde für Kultur und Medien, sondern auch, weil der ZIEGEL ein großes Gemeinschaftsprojekt der Hamburger Literaturszene ist. Zur neuen Ausgabe haben fast 60 Personen beigetragen, und ein Team aus fast 10 Personen hat an der Realisierung gearbeitet.

 

Das ist jetzt die 16. Ausgabe. Wie hat sich der ZIEGEL über die Jahre verändert und was sind eure Versprechungen an den neuen ZIEGEL?

Schon die erste Ausgabe des ZIEGELS war ein prächtiges Buch, in Leinen gebunden und fadengeheftet. Die 16. Ausgabe sieht nach all den Jahren natürlich anders aus, es ist aber auch wieder ein besonders schönes, hochwertig ausgestattetes und tatsächlich glanzvolles Buch geworden. Trotz seiner fast 500 Seiten liegt es leicht in der Hand und lässt sich gut lesen. Es gab auch schon Ausgaben, bei denen das „Ziegel“-Format, der Umfang und die Lesbarkeit nicht so toll miteinander harmonierten. Wir haben das immer in Kauf genommen, weil auch der Umfang des „Ziegels“ zum Konzept gehört. Ein „Ziegel“ ist eben ein „Ziegel“. Der erste ZIEGEL hatte, wie die aktuelle Ausgabe, knapp 500 Seiten, dazwischen gab es Ausgaben mit fast 800 Seiten. So richtig planbar ist das nie gewesen, bisher war noch jeder ZIEGEL ein Buch und eine Baustelle für sich. Die Reihe ist mit dem neuen ZIEGEL jetzt zum fünften Mal neu gestaltet worden, und wir finden, das ist Carolin Rauen ganz großartig gelungen. 

 

Dieses Mal finden sich ja die schönen Illustrationen von Line Hoven zwischen den einzelnen Kapiteln. Wie funktioniert für euch die Verbindung zwischen bildender Kunst und Literatur?

Es gibt einerseits viele inhaltliche Berührungspunkte zwischen den Künsten und andererseits sehr viel weniger produktiven Austausch, als man vermuten könnte. Das betrifft nicht nur die bildende Kunst und die Literatur, sondern auch andere Sparten. Der ZIEGEL hat immer wieder versucht, diese Mauern zu durchbrechen und vor allem konkret zu zeigen, wo Berührungspunkte zwischen den Künsten bestehen. Im Rückblick haben eine lange Reihe von Fotograf*innen, bildenden Künstler*innen, Musikerinnen, Illustrator*innen und Grafiker*innen das Buch mit Projekten begleitet. In der aktuellen Ausgabe gibt es mehrere Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern, die mit ihren Arbeiten Brücken in die Literatur schlagen. Und natürlich die wunderbaren Illustrationen von Line Hoven, die diesen Anspruch in Szene gesetzt hat.

 

Wie findet eigentlich die Auswahl der Texte statt?

Die Texte sind in einem monatelangen Screening aus insgesamt über 400 Manuskripten ausgewählt worden, von denen die meisten für den Wettbewerb der Hamburger Literaturpreise eingereicht wurden. Gesetzt für den ZIEGEL sind die prämierten Texte des Wettbewerbs. Dazu kommen freie Einreichungen und Beiträge von Autorinnen und Autoren, die wir danach fragen. Eine formale Vorgabe gibt es bei der Auswahl nicht, außer der, dass wir, das Herausgeberteam und die Redaktion, sie gut finden und gerne gelesen haben. So kommt es übrigens auch zu den großen Schwankungen beim Umfang des ZIEGELS, es gibt gute, sehr gute und manchmal auch schlechtere Jahrgänge, entsprechend umfangreich wird das Buch.

 

 

Und was hat es mit den ausgefallenen Kapitelüberschriften auf sich?

So ausgefallen sind sie eigentlich gar nicht. „Heimaten oder Mona zählt die Sterne“, eines der zentralen Kapitel in der aktuellen Ausgabe, greift ein Phänomen auf, das in allen Medien landauf und landab im Gespräch war und ist. Daran kommt man gar nicht vorbei, wenn man einen Stapel neuer Literatur durcharbeitet. Es geht darum, dass im grenzenlosen globalen Marktplatz, dem wir in Deutschland alle ausgesetzt sind, ob in einer Großstadt wie Hamburg oder auf dem Land, die Sehnsucht nach einem Ort, dem wir seelisch und physisch verbunden sein können, immer größer geworden ist. Das zeigt sich einerseits darin, wie populär der Trachtenverein in der bayerischen Provinz und der Schützenverein in der Lüneburger Heide auf einmal geworden sind, aber eben auch in der Literatur, wo der Dorfroman seit Jahren ein bevorzugtes Genre der jungen Literatur ist. Wir haben Auszüge aus zwei Dorfromanen in diesem Kapitel, aber auch andere Texte, die um das Thema kreisen. Gleichzeitig deutet der Titel „Heimaten oder Mona zählt die Sterne“ aber auch eine ironische Brechung an, die direkt im ersten Text aufgegriffen wird. Der erste Satz des Kapitels ist: „Brücken geben mir das Gefühl, verstanden zu werden, denn Brücken stellen immer die richtigen Fragen. Wo kommst du her, wo gehst du hin, kannst du noch, schaffst du es auf die andere Seite, und wenn ja, was erhoffst du dir davon?“ Brücken können niemals Heimat sein, sie führen immer von einem Ort zu einem anderen, in diesem Text werden sie zum Sinnbild, wenn nicht dafür, was Heimat ist, dann doch für ein tiefes Einverständnis mit einem Ort, der ein zu Hause sein kann. Ergänzt werden diese Erzählungen von – im weitesten Sinn – Sehnsuchtsorten durch das Kapitel „Wo wir uns finden“, das dem Bedürfnis nach Verortung, also dem Wunsch einer geordneten Identität, Erzählungen über den Ist-Zustand gegenüberstellt. Da begegnen wir zum Auftakt einer jungen Geschäftsfrau bei einem Flug mit Emirates von Shanghai nach Lissabon, kurz darauf einem jungen Familienvater, der verzweifelt nach einem Parkplatz sucht, aber auch einer Frau, die nach dem Beziehungsaus ihr Leben inspiziert.

 

Ein Themenkapitel wie „Präsentierplatz für ranghohe Tiere“ bezieht sich dagegen ganz konkret auf eine inhaltliche Gemeinsamkeit der Texte, in denen tatsächlich immer ranghohe Tiere eine wesentliche Rolle spielen, zum Beispiel ein Hirsch, aber auch ein Minister, ein Diktator oder all die ranghohen Tiere, die zum G20-Gipfel nach Hamburg gekommen sind. Und schließlich muss man sagen, dass die Themenkapitel und der Textablauf des ZIEGELS nur ein Vorschlag sind, eine Anthologie ist immer auch eine Einladung zu einem flanierenden Lesen, das eigene Wege durch die Texte sucht.

 

Mal ein Blick nach vorn: Ihr haltet den ZIEGEL #20 in den Händen. Was wünscht ihr euch für den zukünftigen ZIEGEL?

Die ersten beiden Auflagen sind nach einem Monat verkauft, und wir ärgern uns ein bisschen, dass wir nicht doch 10.000 Stück gedruckt haben. Aber wir haben eigentlich keine Zeit zum Ärgern, weil wir nach New York eingeladen wurden, um bei einer internationalen Konferenz über 35 ZIEGEL-Jahre zu berichten.

 

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