"There is a place for tastemakers" - City Lights Booksellers & Publishers

"The air was soft, the stars so fine, the promise of every cobbled alley so great I thought I was in a dream" hat Jack Kerouac geschrieben, als er nach San Francisco kam. Dieser Satz ist jetzt eingraviert in der Mitte der winzigen Jack Kerouac Alley, die ChinaTown mit NorthBeach verbindet. Ein guter Start für meinen Besuch bei City Lights Books:

San Francisco ist seit Jahrzehnten einer der literarischsten Orte der Welt, und dass das so ist, ist nicht zuletzt City Lights Books zu verdanken. Gegründet 1953 von Lawrence Ferlinghetti und Peter Martin, wurde City Lights zu einem der wichtigsten Verlage & Buchläden der USA - viele große Werke der American poetry erschienen hier, so etwa Lunch Poems von Frank O'Hara oder Howl von Allen Ginsberg.

 

Berühmt wurden City Lights dann auch sogleich durch den gewonnenen Prozess, als 1957 Howl wegen Obszönität verboten werden sollte - das Ergebnis dieses Prozesses hat nicht zuletzt zu einer Neuformung der literarischen Freiheit in den USA geführt. Seitdem versuchen City Lights, diese Position des progressiven und aktivistischen Verlags weiterzuführen. Im Buchladen werden daher vor allem Bücher aus  unabhängigen Verlagen verkauft. Und der Verlag veröffentlicht neben Prosa und Lyrik auch viele Bücher zu sozialen und politischen Themen.

 

Drei Stockwerke hat der Laden, ich schlängele mich um viele Regale und Ecken herum und gehe dann hoch. Zwischen dem Poetry Room und dem Little Press Alcove geht's ins Büro des Verlags.

Meine Gesprächspartnerin ist Stacey Lewis, die Presse und Marketing leitet. Das Team des Verlags ist überraschend klein, nur etwa 6 Leute arbeiten hier, es werden auch nur 12-15 Bücher pro Jahr veröffentlicht, ein Teil davon übrigens Lyrik. Das Team übernimmt auch die Pressearbeit und organisiert viele Veranstaltungen im Haus, aber nicht so viele Lesereisen außerhalb der Bay Area, weil Veranstalter in den USA keine öffentlichen Fördermittel bekommen und also nicht gut Reisekosten und Honorare zahlen können.

 

Veröffentlicht werden meist Taschenbücher, aber es wird auch hier Wert auf gute Gestaltung gelegt, um die Bücher wertiger zu machen. Hier einige der Neuerscheinungen:

Stacey erzählt von den Schwierigkeiten, mit denen kleine Verlage hier zu kämpfen haben, und das sind, wie in Deutschland, vor allem die großen Buchketten: Allen voran haben Barnes & Noble, die seit den frühen 90er Jahren groß sind, viele kleine Buchläden verdrängt und setzen immer mehr auf Mainstream-Titel. Und wie in Deutschland sind auch hier die Positionen auf den Verkaufstischen teuer und daher nur für Großverlage überhaupt erreichbar. Die Buchladenkette Borders, die eigentlich sogar zunächst einen Schwerpunkt auf Programme von Kleinverlagen gesetzt hatte, ist nachgezogen.

 

City Lights-Bücher erscheinen in Startauflagen von 2.000 bis 10.000 Exemplaren, wobei viele Titel (Chomsky, Wise) auch teilweise mehrmals nachgedruckt werden. Allerdings kaufen die Leser Bücher wohl eher nach dem Autorennamen - "City Lights kennen die meisten eigentlich eher als Buchladen", sagt Stacey, "nur bei den Beat-Lesern ist das natürlich anders, die kaufen City Lights".


Und wie ists mit dem Internet, wie geht es da für den Verlag in den nächsten Jahren weiter?

"Für uns ist es eher ein Problem, dass viele kleine Buchläden verschwinden, nicht so sehr das Internet. Internet is not a threat, it's a reality", sagt Stacey. Auch in Zukunft sei es einfach nötig, dass jemand Inhalte findet, filtert, aufbereitet und vermittelt. "Theoretisch kann man ja im Internet alles kriegen, aber woher weiß man, was man überhaupt suchen soll, wie kommt man drauf? Es braucht auch weiterhin die Verlage, um die Leser auf die Inhalte aufmerksam zu machen."

Genauso ist es ihrer Ansicht nach auch mit den Feuilletons, und seien es auch nur Blogs: "There is a place for tastemakers", sagt sie, "wenn man etwas nicht gerade persönlich empfohlen bekommt, möchte man Rezensionen doch zumindest am liebsten von Experten lesen, von Journalisten, die das Buch wirklich vermitteln und beurteilen können."

 

Und wie nutzen sie selbst das Internet?
"Über unseren Webshop verkaufen wir alle Bücher mit 30% Rabatt (es gibt ja keine Buchpreisbindung), daneben verschicken wir natürlich Newsletter, bieten einen Podcast an und nutzen Facebook und Twitter."


Nur beim Thema Ebooks sind City Lights eher noch zurückhaltend, meint Stacey, das werde dann irgendwann schon noch rechtzeitig kommen, wenn klar ist, wie das ganze Modell im Handel überhaupt aussieht - "das sollen die großen Verlage erstmal austesten", lacht sie.
"Weißt Du, das ist wie bei der Panik, die damals alle bei Einführung der CD-ROM gemacht haben. Und jetzt kommen wieder alle diese Leute wegen der Ebooks - aber das sind meistens einfach keine Buchleute. Natürlich muss man auch als Verleger aufs Wirtschaftliche schauen, aber man kommt doch aus einem anderen Hintergrund und geht mit einer anderen Einstellung und anderen Erwartungen an die Sache ran. Wenn die Leute gerne Ebooks lesen wollen, ist das kein Problem, aber wie machen auch einfach sehr gerne weiter Bücher."

 

Für den Abend lädt mich Stacey dann noch einer Lesung von Michael McClure ein, einem der letzten "Beats". Der Mann schreibt und performt seit 55 Jahren Poetry. Und der Laden ist total voll.

Zuhause fällt mir dann auf, dass City Lights 2010 von Publishers Weekly zum "Bookseller of the Year 2010" gewählt wurden.

Und wer mal da ist: Um die Ecke gibt's das Caffe Trieste, auch ein so Hotspot der Beat Generation - und einen guten Espresso bekommt man da auch. North Beach Italian Style eben.




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