Fotos "DAS MAG Leseclub Festival Berlin"

Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden

Am 24. Juni fand das Das Mag Leseclub Festival in Berlin statt. Trotz hochsommerlichen Temperaturen ein voller Erfolg: Die 12 Leseclubs waren komplett ausverkauft! Hier gibt es nun ein paar Eindrücke von der Veranstaltung in den schönen Locations, mit tollen Autoren und noch tolleren Lesern. Danke an alle, die dabei waren!

Alle Fotos: Jonna Rutanen/Lana Duiverman

 

Am 1. August 2016 erscheint DAS MAG in einer einmaligen deutschen Sonderausgabe hier bei uns im mairisch Verlag– und zwar als ein Best-of der spannendsten jungen Autorinnen und Autoren. 

Mit Erzählungen, Gedichten und Essays von u.a. Lize Spit, Joost de Vries, Maartje Wortel, Daan Heerma van Voss, Bregje Hofstede, Wytske Versteeg, Jan Postma, Peter Terrin und Maud Vanhauwaert. Im Heft finden sich aber auch exklusive kürzere Texte von etablierten Autoren wie Herman Koch, Saskia de Coster, Dimitri Verhulst, Gerbrand Bakker, Charlotte Mutsaers und Tom Lanoye.

Wer sich passend zum Buchmesse-Schwerpunkt einen repräsentativen Überblick über aktuelle Literatur aus Flandern und den Niederlanden verschaffen will, liegt mit DAS MAG genau richtig.

 

 

Infos und Bestellung:
Das Mag - The Best-of

 

 

 

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DAS MAG-Festival in Berlin: 12 Autoren, 12 Leseclubs, 1 Party!

Nachdem wir unseren Verlagssitz im Februar in die Niederlande verlegt hatten, um das Buchmessen-Gastland 2016 aus nächster Nähe kennenzulernen, freuen wir uns nun umso mehr auf den Sommer: Denn am 24. Juni 2016 veranstalten unsere niederländischen Kollegen von „DAS MAG“, wohl der junge Verlag der Stunde, ihr legendäres DAS MAG-Festival nach Stationen in Amsterdam, Antwerpen, Gent und London erstmals auch in Berlin!

 

 

Die Idee hinter dem „Leseclub"-Festival ist so simpel wie überzeugend: Klassische Lesungen sind zwar schön und gut, aber viel öfter möchte man doch mit einem Autor oder mit anderen Lesern sprechen, nachdem man das Buch bereits gelesen hat. Und genauso funktioniert dieses Festival: Die Festivalbesucher suchen sich aus 12 Büchern ihren Liebling aus, bekommen das Buch zugeschickt und haben einen Monat Zeit, es zu lesen. Am Freitagabend, den 24.6., treffen sich dann alle Leseclubs mit ihren Autoren und sprechen über das Buch - in intimer Runde von max. 25 Gästen, coolen Locations und lockerer Atmosphäre. Professionelle Moderatoren führen durch die Lesungen (und verteilen Schnäpse, wenn nötig). Nach den Leseclubs treffen sich alle Gäste, Autoren und Moderatoren in der Bar Babette, um den Abend bei Drinks, Gesprächen und Tanz ausklingen zu lassen!

Tickets (inkl. Veranstaltung und Party) kosten 15,00 € und sind ab sofort hier erhältlich.
Die Leseexemplare werden mit freundlicher Unterstützung der Verlage kostenlos zur Verfügung gestellt. Einen Monat vor dem Festival bekommst du dein Leseexemplare zugeschickt.

 

Die Plätze zu jeder Veranstaltung sind auf maximal 25 limitiert - am besten also schnell ein Ticket sichern!

 

 

Die teilnehmenden Autoren sind natürlich mit „veel liefs“ ausgewählt: Aus den Niederlanden und Flandern sind die allesamt hochgelobten Gäste Saskia de Coster („Wir & ich“, Tropen), PB Gronda („Straus Park“, Luchterhand), Bregje Hofstede („Der Himmel über Paris“, C.H. Beck), Arjen Lubach („Der fünfte Brief“, btb), Yves Petry („In Paradisum“, Luftschacht) und Niña Weijers („Die Konsequenzen“, Suhrkamp) dabei. Aus Deutschland mit dabei sind Jenny Erpenbeck, Verena Güntner, Vea Kaiser, Karen Köhler, Nis-Momme Stockmann und Nell Zink.

 

 

Pünktlich zum Festival erscheint zudem im mairisch Verlag das Magazin DAS MAG in einer einmaligen Sonderausgabe: U.a. mit Beiträgen von Lize Spit, Joost de Vries, Maartje Wortel, Jan Postma, Maud Vanhauwaert u.v.a, sowie mit unveröffentlichten Texten von etablierten Autoren wie Herman Koch, Dimitri Verhulst, Connie Palmen, Gerbrand Bakker, Charlotte Mutsaers und Tom Lanoye.

 

Unterstützt wird das Festival von:

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mairisch goes Amsterdam!

Wir haben unseren Verlagssitz für einen Monat in die Niederlande verlegt - und berichten darüber hier im Blog.

 












Amsterdam-Blog:

Bildergalerie: mairisch in Amsterdam

So, das wars! Für uns war der Monat in Amsterdam eine großartige, spannende, lehrreiche, anstrengende und lustige Aktion.
Und wir hoffen, Ihr hattet beim Lesen der vielen Blog-Texte und Interviews Spaß.

Zum Abschluss noch eine kleine Bildergalerie von uns - Danke fürs Mitlesen und bis bald.

 

Fotos von: Blanka Stolz, Peter Reichenbach, Hannah Zirkler, Daniel Beskos, Dorian Steinhoff.

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Indieverlage in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

 

Natürlich haben wir uns während unserer Zeit in Amsterdam auch auf die Suche nach tollen Indie-Verlagen begeben - und sind fündig geworden. Allerdings ist die Szene deutlich kleiner als in Deutschland. Neben den hier bereits vorgestellten Verlagen Podium, Bananafish und Das Mag haben uns diese Indies hier auch sehr begeistert:

 

Loopvis

Marije Sietsma gründete 2012 ihren eigenen kleinen Verlag Loopvis und managed ihn seitdem alleine, ab und an mit ehrenamtlicher Unterstützung oder unter Mithilfe von Flüchtlingen, und das neben einer Stelle als Journalistin für ein Gartenmagazin. Respekt!

 

Ihr Programm konzentriert sich auf besonders schöne und einzigartige Koch- und Kinderbücher, wie beispielsweise über das typisch niederländische Gericht Stamppot, aber auch ein Bildband über die Toilettenkultur der Niederländer ist in Planung. Die Gestaltung ist ihr dabei ganz besonders wichtig und ihre Bücher gewannen schon einige Designpreise.

 

Im letzten Jahr gründete Marije zusätzlich den Visclub. Jeder Mitglied bekommt sieben Mal im Jahr ein kleines Paket mit schönen Dingen und Büchern mit Fischthematik.

www.loopvis.nl

Neben den regulären Büchern erscheinen bei Loopvis seit einiger Zeit Okapi's – kleine, schön gestaltete Heftchen, die als Briefe verschickt werden können. Darunter gibt es ein Museumsbingo für Kinder, Gute-Besserungs-Geschichten oder Mobile zum Ausschneiden.

Einer unser Kinderbuch-Favoriten von Loopvis ist die modern abgewandelte Version von „Die sieben Geislein“: Großartige Illustrationen, ein wunderschönes Layout und vor allem echt knallige Farben.

Wintertuin

Wintertuin legt ebenfalls sehr viel Wert auf schöne Gestaltung und verlegt "eigensinnige" Bücher mit außergewöhnlichen Themen. Der Verlag bietet außerdem Schreibworkshops und Bootcamps für Autoren an, organisiert Lesefestivals und Podiumsdiskussionen und betreibt eine Bookingagentur für junge Autoren.

www.wintertuin.nl

 

Maven Publishing

Maven Publishing konzentriert sich auf das wissenschaftliche Zugänglichmachen von menschlichem Verhalten. Jedes Jahr veröffentlicht der Verlag die neuesten Erkenntnisse und Themen in diesem Bereich - und das sehr ansprechend gestaltet. Zudem organisiert das Verlagsteam regelmäßig Veranstaltungen.

www.mavenpublishing.nl

 

Uitgeverij Snor

Snor wurde 2006 gegründet und hat es sich zum Ziel gemacht, Alltägliches wie Hausarbeit, Handwerkliches und Kindererziehung etwas bunter und fröhlicher zu gestalten. Seitdem veröffentlicht der Verlag schön gestaltete Bücher, die Lust machen aufs Selbermachen. Ihren Blog füttert das Team regelmäßig mit tollen Interviews und Tipps zu diesen Themen. Im Webshop gibt es neben den Büchern schön verpackte Schokolade, Poster und Kalender. Einmal im Jahr veranstaltet der Verlag zudem ein Festival mit Workshops, Musik und leckerem Essen.

www.dewereldvansnor.nl

 

Uitgeverij Vrijdag

Der belgische Verlag Vrijdag veröffentlicht eigensinnige und besondere Belletristik, Sach- und Kinderbücher und das sehr erfolgreich. Viele der Bücher waren schon für große Preise nominiert und erhielten Auszeichnungen. Vrijdag kann also definitiv mit den großen Verlagen mithalten. Und das stilvoll, innovativ und überraschend, so ihr Motto. Nebenbei pflegt der Verlag seinen literarischen Blog und veranstaltet Lesungen.

www.uitgeverijvrijdag.be

 

Uitgeverij Karaat

Karaat wurde 2009 gegründet, seit 2010 erscheinen zwischen vier und sechs Bücher jährlich. Der Verlag legt großen Wert auf hohe Qualität der literarischen Titel und veröffentlicht längst vergessene Klassiker der Weltliteratur neben junger niederländischer Literatur. Besonderer Fokus liegt dabei auf Kurzgeschichten und Essays.
www.uitgeverijkaraat.nl

 

Uitgeverij Passage

Anton Scheepstra betreibt seinen Verlag Passage seit vielen Jahren in Groningen. Pro Jahr erscheinen etwa 20 Titel, darunter viele junge niederländische Autoren, aber auch Sachbücher, wissenschaftliche Texte und Bücher zur Region Groningen. Aktuell erschienen ist eine schön gestaltete Box mit 10 Lyrikbänden in einem Schuber. Außerdem ist Anton Scheepstra der Hauptmotor des niederländischen Indiebookday!
www.uitgeverijpassage.nl

 

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Unsere Begleiter: Reiseführer Amsterdam

Von Hannah Zirkler

 

Um nichts Wichtiges in Amsterdam zu verpassen, haben wir uns mit ein paar Reiseführern ausgerüstet und mit ihnen die Stadt erkundet. Hier unsere Begleiter:

 

Gestalterisch hat es uns besonders der CITIx60 Amsterdam von Viction:ary angetan.

 

Inhaltlich unterteilt ist dieser englischsprachige Reiseführer in die Kategorien Landmarks & Architecture, Cultural & Art Spaces, Markets & Shops, Restaurants & Cafés und Nightlife. Für jedes Interesse also etwas dabei.

Außerdem gibt es im hinteren Teil übersichtliche Karten und Platz für eigene Notizen. Dank handlicher Größe passt dieses Büchlein perfekt in jede Tasche.

 

Lieblingstipp: Mana Mana, ein israelisches vegetarisches Restaurant.

 

 

99 x Amsterdam wie Sie es noch nicht kennen aus dem Bruckmann Verlag ist ein etwas anderer Reiseführer, der 99 besondere Orte, Cafés und andere Sehenswürdigkeiten präsentiert, abseits der normalen Touristenattraktionen.

 

Lieblingstipp: Cafè Trust in De Pijp. Ein sehr schönes Café, in dem die Gäste selbst entscheiden können, wieviel sie für ihre Speisen und Getränke bezahlen.

 

 

 

 

 

 

Einen ähnlichen Ansatz hat auch 111 Orte in Amsterdam, die man gesehen haben muss aus dem Emos Verlag. Tolle Tipps für besondere Orte, die nicht in jedem Reiseführer stehen.

 

Lieblingstipp: Café Brecht, deutsches Bier und Wein, Bilder von Brecht und Marlene Dietrich an der Wand. In diesem schönen Café, das abends zur Bar wird, lässt sich ganz gemütlich das ein oder andere Bier trinken.

 

 

 

 

 

 

 

100% Amsterdam cityguide führt anhand verschiedener Spaziergänge durch die Stadt, sodass man nichts verpassen kann. Zudem gibt es Stadtpläne der jeweiligen Viertel, eine kleine ausführliche Karte zum Herausnehmen und sogar eine App mit GPS-Funktion.

 

Lieblingstipp: Roopram Roti, leckere Roti aus Surinam. Auch wenn die Einrichtung nicht die gemütlichste ist: Hier gibt es mit die leckersten Roti, die uns in der Stadt begegnet sind.

 

 

 

 

 

 

Der Styleguide Amsterdam von National Geographic ist prall gefüllt mit den besten und stylischsten Adressen der Stadt. Hübsche Cafés, tolle Restaurants, kleine Lädchen und schöne Orte zum Entspannen bietet dieser Guide, sortiert nach den einzelnen Stadtvierteln und reich bebildert.

 

Alle Reiseführer wurden uns netterweise von den Verlagen zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

 

 

 

 

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Hagelslag, Stamppot, Bitterballen und Co. - Futtern in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

Interviews führen, mit den Rädern durch die Stadt flitzen, Artikel schreiben und die ganz normale alltägliche Verlagsarbeit bewältigen: Alles macht hungrig. Neben den niederländischen und belgischen Bieren haben wir uns auch durch die landestypischen Leckereien gefuttert und möchten hier unsere Lieblinge präsentieren:

 

 

Frühstückszeit in Amsterdam, natürlich darf da ein Brot mit Hagelslag nicht fehlen. Diese Streusel, die wir Deutsche gerne zu Weihnachten auf unsere Plätzchen streuen, wandern hier in den verschiedensten Variationen zusammen mit Butter auf Brotscheiben, Croissants oder Brötchen. Zuckerschock am Morgen vorprogrammiert, aber wir lieben es!

 

 

Vor süßen Leckereien zu einer guten kopje koffee oder koffie verkeerd kann man sich hier kaum retten. Einer unserer persönlichen Favoriten ist der pink-glasierte Blätterteigkuchen gefüllt mit Vanillepudding, tom poes genannt. Die Glasur wird zu Festtagen auch gerne einmal in Oranje geändert. Nicht ganz einfach zu essen, aber hat definivit Suchtpotential.

 

Auch sehr lecker: Bossche Bollen aus dem Süden des Landes, ein mit Sahne gefüllter Teigball mit Schockoladenüberzug, oder Kersen Rastervlaai (Kirschkuchen). Natürlich haben wir auch diverse appeltaart met slagroom probiert. Wer keinen Kaffee mag, der trinkt hier gerne Chocomel, oben auf dem Bild in überdimensionierter Form am Strand von Zandvoort.

 

Weiterer Süßkram:

Am frühen Abend geht es hier gerne in eine Bar auf ein Bier und ein Gläschen Jenever (der Gin der Holländer).

 

 

Dazu gibt es meist eine Ladung Bitterballen mit Senf, das sind frittierte Fleischbällchen mit Ragout gefüllt, Kroket oder Frikandel. Oder auch Pommes mit diversen Soßen. Unser Favorit: Joppiesaus! (Besteht aus Öl, Zwiebeln und Curry).

 

 

Zum Abendessen gibt es hier auch richtig Deftiges, gerne auch mit Einschlag aus Indonesien oder Surinam (Roti!) - oder eben Stamppot, das niederländische Nationalgericht.

 

 

Und natürlich haben wir auch die berühmten FEBO-Automaten getestet. Favorit hier: Kaassoufflé!

 

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„Craquelures“ im Text: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Daniël Rovers

 

Von Blanka Stolz

 

Kennengelernt habe ich Daniël in Berlin vor ein paar Jahren als Stipendiat des Goethe-Instituts. Heute treffen wir uns in Amsterdam, die Stadt, in der er momentan lebt und als Schriftsteller arbeitet. Wir drehen eine kleine Runde zu Lieblingsorten. Wir treffen uns an der Fähre am Hauptbahnhof und fahren über den IJ zum EYE Filmmuseum, gehen in der Nähe des Hauptbahnhofs in das Café Dwaze Zaken und essen später in der Brasserie Schiller das niederländische Nationalgericht Stamppot, ein Eintopf in diesem Fall aus gestampftem Boerenkool (Grünkohl) und Kartoffeln mit einer Rauchwurst. Wir unterhalten uns auf Deutsch.

Daniël Rovers (Foto: Koos Hageraats)
Daniël Rovers (Foto: Koos Hageraats)

Du sprichst sehr gut Deutsch. Warum lernst Du ausgerechnet Deutsch und was verbindet Dich mit der deutschen Sprache?

Ich habe in der Schule Deutsch gelernt. Aber halt so, wie man eine Sprache in der Schule lernt. Richtig befasst mit der deutschen Sprache und Kultur habe ich mich erst jetzt – und es hat mir großen Spaß gemacht. Endlich mal wieder eine Sprache lernen! Das ist wie wenn man Tanzen lernt: man ist froh über das, was man kann und dann sieht man, was man noch lernen muss. Das ist das utopische Moment des Fremdsprachenerwerbs. Ich habe einen tollen Sprachkurs in Berlin, in Neukölln, gemacht. Da saß ich zusammen mit Leuten aus Korea, der Schweiz, der Ukraine … und ich habe nicht nur deutsche Grammatik gelernt, sondern auch viel über das Leben der anderen Teilnehmer erfahren. Und man wird in seiner eigenen Sprache genauer und einfallsreicher. Ich liebe es Deutsch mit Deutschen zu reden – nur dann, wenn man in der Muttersprache mit ihnen redet, lernt man die Einwohner eines Landes kennen. Vielleicht liegt es an der protestantischen Herkunft des Deutschen, in Gesprächen scheinen mir die Leute immer bereit, sehr in die Tiefe zu gehen. Und es wird auch sehr viel gelesen, meiner Meinung nach. Wenn man in den Niederlanden im Zug sitzt, schauen alle auf ihre Handys; in Berlin liest man ein Buch oder E-Book in der U-Bahn. Oder sehe ich das alles jetzt zu „rosig“?

 

Leider kann ich nur die wenigen Texte von Dir lesen, die von Dir ins Deutsche übersetzt wurden, weil ich kein Niederländisch spreche. Dazu gehört die Reportage Eine Reise nach Someren-Eind. Die Reportage zoomt sich förmlich in den Ort, in den Garten, in das Leben der Hauptfigur Tiny hinein. Wie findest Du Deine Themen und literarischen Techniken?

Ich habe mich intensiv mit Tiny beschäftigt und habe eine Woche lang bei ihr gewohnt, weil ich wissen wollte, wer sie ist und um sie wirklich kennenzulernen. Und so wie Tiny sich auf Google in den Ort hineinzoomt, habe ich immer tiefer in ihr Leben geschaut und das aufgeschrieben. Auf Niederländisch ist der Text in der Literaturzeitschrift De Gids veröffentlicht. Vorbildlich in Sachen Reiseliteratur sind für mich David Foster Wallace (sein Supposedly Fun Thing I Never Do Again) und George Orwell – The Road to Wigan Pier war für mich halt die Straße nach Someren-Eind.

 

Einen anderen Text, den ich aus Deinen Erzählungen kenne, ist der über das Bild De Singelbrug bij de Paleisstraat in Amsterdam (Singelbrücke bei der Paleisstraat in Amsterdam) von George Hendrik Breitner, dem niederländischen Impressionisten und Maler Amsterdamer Stadtansichten. Das Bild zeigt eine Frau in einem Pelz auf einer Amsterdamer Brücke. Warum hast Du ausgerechnet über dieses Bild einen Text geschrieben?

Als ich 2008 von Brüssel nach Amsterdam zog, habe ich das Bild im Internet entdeckt und hatte es als Bildschirmschoner auf meinem Computer. Da ich vorher in Belgien lebte, suchte ich ein dezidiert niederländisches Bild. Dieses impressionistische Ölbild auf meinem Bildschirm hatte etwas sehr analoges, „zeithaftes“. Die „Craquelures“, die Furchen und Risse in der Oberfläche des Bildes, waren auf dem Bildschirm deutlicher zu sehen als auf dem Original, das im Rijksmuseum hängt. Ich wohnte damals im Witsenhuis, eine temporäre Wohnmöglichkeit für Schriftsteller. Dort lebte viele Jahre zuvor Breitner selbst. Irgendwann habe ich festgestellt, dass im Hausflur des Hauses ein Fotoporträt der Frau von der Singelbrücke hing. Dieser Frau – Lise Jordan, Breitners Schwägerin – bin ich also jeden Tag begegnet. In meinem Text gehe ich auf die Entstehung des Bildes ein. Breitner hatte die Frau auf dem Bild erst als Dienstmagd, als einfache Frau porträtiert. Das Bild ließ sich so jedoch nicht verkaufen und sein Galerist riet ihm, das Bild zu ändern. Breitner übermalte sein Bild, in dem er der Frau einen Pelzmantel malte. Er machte mit der weiteren Farbschicht eine Dame aus ihr. Es gibt ein Foto, das das Bild in der ersten Version zeigt. Für mich war die Auseinandersetzung mit dem Bild, mit seiner Entstehung und mit Lise Jordan ein Weg, in Amsterdam anzukommen und die Stadt kennenzulernen. Irgendwann will ich noch einen Amsterdam-Roman schreiben. Das habe ich mir fest vorgenommen!

 

 

Apropos Romane, Deine beiden Romane Walter und Elf kann ich leider nicht lesen. Erzähl doch kurz, um was es in den Büchern geht.

Walter ist ein Roman über einen Mann, der Pfarrer werden wollte, es aber nicht schaffte – weil er am Ende doch heiraten möchte. Der Roman fängt am Anfang der fünfziger Jahre an, und endet 1971. Eine Periode der Modernisierung und einer in den Niederländen sehr raschen Säkularisierung. Walter wird in eine Welt geboren, in der die katholische Kirche seine Heimat bildet. Am Ende steht er allerdings ganz alleine da. Mein Vater heißt Walter: er hat sich, zum meinem Glück, am Ende der Sechziger Jahre gegen das Pfarrersein entschieden. Aber Walter ist auch Walter Benjamin, der mal geschrieben hat das Erwachen eine exemplarische Form des Erinnerns ist – „der Fall, in welchem es uns glückt des Nächsten, Banalsten, und Naheliegendsten uns zu erinnern“. Elf hingegen ist ein zeitgenössischer Roman. Elf Personen, Freunden, alle wohnhaft in Brüssel, wird jeweils eine sehr kurze, persönliche Biografie gewidmet.

 

Nachdem Du den Roman Walter abgeschlossen hast, bist Du nach Sizilien und nach Lampedusa gefahren und hast Dich mit der Frage der Geflüchteten aus Kriegsgebieten auseinandergesetzt. Über Deine Erfahrungen hast Du eine lange Reportage geschrieben. Wie kam es dazu?

Nachdem ich den Roman Walter abgeschlossen hatte, fiel ich irgendwie in ein Loch. Das war im Jahr 2011. Der Krieg in Libyen und die Massenunruhen in Tunesien führten dazu, dass viele Menschen über das Mittelmeer flüchteten und in Lampedusa strandeten. Die rechte Rhetorik, die sich damals breitmachte, deprimierte mich. Sie zu widerlegen, erschien mir sinnlos. Das einzige was hilft, dachte ich, ist dorthin zu fahren. Den Geflüchteten quasi entgegenzufahren. Von den vielen Erlebnissen, die ich in meinem Text festgehalten habe, erinnere ich mich noch an eine Situation, die mich sehr getroffen hat, die Begegnung mit einem Sonnenbrillenverkäufer in Porto Empedocle, einer südsizilianischen Hafenstadt, der sagte: „Im Norden ist es noch härter.“ Er meinte damit die Situation derjenigen, die es in den Norden, in Städte wie Mailand, schafften. Die Geflüchteten kamen als junge, hoffungsvolle Menschen und lebten dann als Obdachlose.

 

Wie geht es Dir, wenn Du die Bilder der Menschen siehst, die heute u.a. aus Afghanistan, Iran und Syrien flüchten?

Das Thema der Geflüchteten dominiert die Politik und die mediale Berichterstattung in den Niederlanden genauso wie in Deutschland. Und wieder verschiebt sich die Politik und die Rhetorik in Richtung rechts. Ich würde mir eine Politik wünschen, die nicht so schnell in Panik gerät. Gerade wenn man sieht, wie schwierig es ist, die Ursachen der Flucht, den Krieg in Syrien, zu verhandeln.

 

Letzte Frage: wirst Du zur Buchmesse nach Frankfurt dieses Jahr fahren und wird Dein Verlag dort präsent sein?

Vielleicht. Das letzte Mal dass ich eine Messe besucht habe, war 2003 in Brüssel. Es war eine Landwirtschaftsmesse. Da waren richtige Kühe und Schweine und große Zugwagen. Ich arbeite damals für ein Landwirtschaftsmagazin. Es hat mir Kopfschmerzen bereit, sowohl die Arbeit als auch die Messe. Es gab nie genügend Sauerstoff, anscheinend wegen der vielen Kühe. Aber mein Verlag, Wereldbibliotheek, wird bestimmt auf der Buchmesse vertreten sein.

 

Von Daniël Rovers sind im Verlag Wereldbibliotheek die Romane Elf (2010) und Walter (2011), der Essayband De figuur in het tapijt (2012) sowie der Reisebericht De zon is het probleem niet (2014) erschienen. Im Moment arbeitet Daniël an seinem neuen Buch.

 

 

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"Manchmal muss man einfach Vertrauen haben" - Mara Joustra, Verlegerin von Bananafish

Von Daniel Beskos

 

Es ist ein sonniger Donnerstagvormittag. Hannah und ich treffen uns in der Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofs, in einer etwas abseits liegenden Ecke der Stadt, voller kleiner alter Industriegebäude, die an einer wunderschönen Gracht liegen. Hier ist das Büro von Bananafish, einem neugegründeten jungen Literaturverlag - einem der wenigen in den Niederlanden, übrigens, denn das Phänomen Junge Verlage ist hier eher ungewöhnlich. Wir sind hier, um mit Mara Joustra, einer der Gründerinnen, über ihren Verlag zu sprechen, den sie zusammen mit Matthijs Ponte und Wiebe Mokken gestartet hat.
Drinnen bekommen wir erstmal eine Führung durch die doch eher speziellen Räume - der Eigentümer hatte hier früher einen Fecht-Übungsraum, und noch heute stehen hier überall die Florette und Degen an den Wänden, und dazwischen überall Bücherkisten voller Graphic Novels (die zum ebenfalls hier ansässigen Verlag Scratch Books gehören) und eben eine Reihe Romane und Erzählbände, alle mit ziemlich bunten Covern.

 

Mara Joustra und Matthijs Ponte
Mara Joustra und Matthijs Ponte

Mara, du hast viele Jahre lang für den Graphic-Novel-Verlag Oog & Blik gearbeitet - wie kam es jetzt zur Gründung eines Literaturverlags?

Ich habe den Graphic-Novel-Verlag ja zusammen mit meinem Vater betrieben. Jetzt wollte ich einfach mal etwas anderes machen. Und wenn ich mich mit Leuten aus dem Literaturbetrieb unterhalten habe, lief das außerdem oft so ab:

"Hi, und was machst du"?

Und ich so: "Ich bin Lektorin und Programmmacherin."

"Oh, cool, und was für Bücher macht ihr so?"

"Graphic Novels"

"Ah, äh, ich glaub ich muss mal zur Toilette."

Man wurde nicht so richtig ernst genommen, es war immer ein Kampf. Jetzt wollte ich mal was anderes machen. Mit der Literatur ist es jetzt schon ein Unterschied: Wir übersetzen Bücher von Autoren, die einige Leute vielleicht sogar schon mal gehört haben.
Ursprünglich hatte ich eigentlich vor, einen Kinderbuchverlag zu gründen, das war schon immer eine große Passion von mir. Aber das ist derzeit hier etwas schwierig, es gibt sehr viel Konkurrenz. Und unser Investor von Scratch Books, der das alles hier gestartet hat, schlug mir vor, doch übersetzte Literatur zu verlegen. Ich dachte kurz nach, weil ich wusste, dass ich da jemand mit Erfahrung brauchte. Ich fand einen guten Partner in Matthijs Ponte, der früher das Lyrikhaus Perdu geleitet hat und dessen Traum es schon immer war, einen Verlag zu gründen. Und so widmen wir uns jetzt den Stimmen, die vielleicht in der niederländischen Literatur sonst nicht so oft zu hören sind.

 

Und übersetzt ihr zumeist aus dem Englischen?

Nein, wir haben wirklich alle möglichen, teils auch etwas abseitigen Quellen. Wir haben einen Autor aus Uruguay, einen aus Kroatien, einen aus Frankreich, einen aus Irland (aber das ist Gälisch, nicht Englisch), und ja, einen aus den USA.

 

 

Aber wie entscheidet ihr dann, was euch gefällt, ihr sprecht ja nicht diese ganzen Sprachen?

Wir machen das so: Wenn wir zum Beispiel zur Frankfurter Buchmesse gehen und deutsche Agenten oder Verlage treffen, dann schauen wir uns zunächst ganz interessiert deren aktuelle Kataloge an. Dann legen wir den irgendwann zur Seite und stellen diese eine Frage: "Von allen deutschsprachigen Büchern: Welches sollten wir unbedingt mal lesen? Welches ist das absolute Lieblingsbuch?" Dann gibt es meistens eine kurze Pause - und dann geht das Gespräch über Literatur richtig los! Und da ist man dann wirklich bei den Inhalten, da geht es nicht um Aktualität, sondern um Qualität. Und manchmal macht es dann bei mir Klick und ich weiß: Dieser oder jener Titel interessiert mich brennend. Und hin und wieder sieht man den Leuten dann eine Art Glücksgefühl an, wenn sie sagen: "Ja, ich weiß auch nicht, warum dieses tolle Buch noch nicht übersetzt wurde, aber es ist wirklich ganz wunderbar."

 

Aber ob es dir dann auch gefällt, weisst du dann ja immer noch nicht.

Stimmt. Aber manchmal gibt es zumindest eine englische Übersetzung oder wenigstens eine Leseprobe. Man muss auch einfach sehr viel recherchieren. Und man muss sich halt jemanden suchen, der die Sprache spricht. Manchmal muss man einfach Vertrauen haben, in die Leute, die einen umgeben, und sich auf deren Urteil verlassen.

 

Eure Buchcover sind ziemlich ungewöhnlich für den niederländischen Markt, oder?

Ja, die meisten Bücher in den Läden haben eher Fotos vorne drauf - gerne schwer erkennbare Körperteile einer jungen Frau, am liebsten mit roten Locken. Es ist überall das gleiche. Man weiß immer nicht, was für ein Buch einen da erwartet - ist es ein Erotikroman? Oder auch gerne verwendet: Blumen. Wir versuchen, da etwas entgegen zu arbeiten.

 

Wie kommuniziert ihr das?

Das hier links ist unser Katalog - er ist aufgemacht wie ein Buch, weil wir die Liebe zum Lesen einfach wieder stärker zum Ausdruck bringen wollen. Wir haben ein ganzes Jahresprogramm reingepackt, also Texte zu allen acht Büchern aus 2016, mit Leseproben, dazu Interviews und Meta-Texte. Und diesen Katalog verteilen wir jetzt an Buchhändler und andere Interessierte.

 

Und ihr verwendet keine Autorenfotos, sondern Illustrationen?
Ja, genau, die sind toll. Erik Kriek hat sie gemacht.

 

 

Ernest J. Gaines

Alfred Jarry

Michael Muhammad Knight

Mario Levrero


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"Medium is beautiful": Der niederländische Buchhandel - Interview mit Maarten Asscher

Von Daniel Beskos

 

Schlendert man durch Amsterdam, kann man schon staunen: In praktisch jeder Straße der Innenstadt findet sich eine Buchhandlung, meist gutsortiert und literarisch ausgerichtet. Aber geht es dem Buchhandel in den Niederlanden wirklich so gut? Ich habe mich mit Maarten Asscher getroffen, Geschäftsführer der sehr renommierten Buchhandlung Athenaeum.

 

Maarten Asscher, geboren 1957, arbeitet als Geschäftsführer von Athenaeum in Amsterdam. Früher war er selbst auch Verleger, außerdem ist er Autor, fünf seiner Bücher sind auch auf Deutsch erschienen.

 

Maarten, wie geht es dem Buchhandel in den Niederlanden?

Das Leben als literarisch anspruchsvoller Buchhändler ist hier in der Tat nicht übel, zumindest im kosmopolitischen Umfeld einer Großstadt wie Amsterdam. Wir haben hier zwei Universitäten und ein reiches Kulturleben. In der Provinz ist es aber eher schwierig, dort hat der Onlinehandel einen großen Teil des Marktes übernommen. In den kleinen Städten, in denen es an einem Publikum mangelt, das dem eigenen Leben durch Literatur einen Sinn gibt, ist es dagegen eigentlich zu teuer, einen stationären Buchladen zu betreiben.

 

Und wie sieht das Programm von Athenaeum aus?
Athenaeum ist ein Buchgeschäft mit Anspruch, wir haben etwa 40% internationale Titel und 60% niederländische Bücher. Unten hier am Spui-Platz betreiben wir das News-Center, in dem wir über 3.000 Magazine und Zeitungen anbieten, von denen wir viele extra importieren. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes haben wir ein akademisches Veranstaltungszentrum, dort machen wir etwa 250 Events pro Jahr, die viele Leute anziehen. Dann gibt es noch Filialen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, eine hier in der Stadt, eine in Haarlem und den Kunstbuchladen im Rijksmuseum. Das funktioniert alles ganz gut, aber natürlich ist eine Buchhandlung nicht unbedingt der einfachste Weg, Geld zu verdienen. Unser Geschäft bewegt sich immer näher am Idealismus als am Realismus. Geld von der Bank kriegt man dafür jedenfalls nicht. Deshalb ist es wichtig, unabhängig zu bleiben und nie die Kontrolle abzugeben. Nur so kann man sein Sortiment selbst aussuchen, seine Schwerpunkte selbst setzen und dabei auch noch Spaß haben.

 

Hat sich das Buchgeschäft in den letzten Jahren denn verändert?

Sehr. Die Tage der großen Buchhandelsketten und Medienkonglomerate wie etwa Selexyz und Polare sind definitiv vorbei. Die sind insolvent gegangen und die Buchhandlungen sind nun an neue, unabhängige Eigentümer übergegangen.

 

Woran lag das - kaufen die Leute weniger Bücher?
Diese Läden waren schlicht zu groß. Man braucht keine 3.000 oder 4.000 Quadratmeter Ladenfläche für einen Buchladen. Früher, bevor es das Internet gab, war das mal ein Vorteil, sehr viel Platz zu haben. Aber jetzt kauft man die abseitigeren Titel eh im Internet. Wir haben bei uns im Laden 35.000 Titel: Für einen normalen Leser, der auf der Suche nach einem guten Buch ist, reicht das locker aus. Und über unsere Webseite hat man eine Auswahl aus 12 Millionen Büchern, aber das geht eben nur in einem Webshop. 80.000 davon verschickt das niederländische Zentrallager Centraal boekhuis, aber alle anderen verschicken wir selbst.

Die ganz großen Läden sind also verschwunden und wir sind jetzt in einer Phase, die ich Medium is beautiful nennen würde. Zu klein funktioniert nicht so gut, man kann nicht investieren; zu groß ist auch problematisch, denn dann hat man viel zu viel Verwaltung mit Chief Executive Officers und Chief Financial Officers und Chief Operation Officers und so weiter, das ist auch völlig unnötig - mittelgroß ist also am besten und für uns funktioniert das sehr gut. Wir haben unter der Krise 2008  am wenigsten gelitten, eher noch von ihr profitiert, weil die Konkurrenz geschwächt wurde. Seitdem expandieren wir, aber nicht um größer zu werden, sondern stärker. Wir intensivieren unsere Position, aber wir dehnen uns nicht aus.

 

Der wunderschöne Laden von Athenaeum am Spui-Platz in der Amsterdamer Altstadt. (Foto von Google Street View)
Der wunderschöne Laden von Athenaeum am Spui-Platz in der Amsterdamer Altstadt. (Foto von Google Street View)
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Im Gespräch mit Aimée de Jongh über Graphic Novels in den Niederlanden

Von Daniel Beskos

 

Sind Graphic Novels in den Niederlanden verbreitet? Lesen Erwachsene Comics? Gibt es gar eine Comic-Scene?
Um das rauszufinden habe ich Aimée de Jongh in Rotterdam für ein Gespräch getroffen. Aimée wurde 1988 geboren, ist Comic-Zeichnerin und Illustratorin, außerdem hat sie Animation studiert. Schon mit 17 erschien ihr erster Comicband, inzwischen sind zahlreiche Bücher von ihr erschienen. Ihre jüngste Graphic Novel De terugkeer van de wespendief (Die Rückkehr des Wespenbussards) hat in den Niederlanden gute Resonanz erhalten und wurde auch in andere Sprachen übersetzt. Für eine Studentenzeitung zeichnet sie einen täglichen (!) Comicstrip (was nebenbei auch einen Großteil ihres Einkommens darstellt). Wir treffen uns am Rotterdamer Bahnhof in einem schicken Café und wandern dann zusammen durch die Stadt. Mehr über Aimée auf ihrer Webseite www.iamshotaro.com

 

Aimée, es gibt hier seit langem Comics, aber Erwachsene interessieren sich nicht so sehr dafür, oder? Hat sich das geändert, seit es für "seriösere" Comics die Bezeichnung Graphic Novels gibt?

Ja, ein bisschen, aber auch nur für einen kleinen Kreis von Lesern. Die Vorstellung, dass Comics etwas für Kinder sind, ist einfach noch sehr verbreitet und jeder denkt gleich an Mickey Maus und Donald Duck. Holland ist das einzige Land, in dem es ein eigenes regelmäßiges Magazin über Donald Duck gibt, herausgegeben von Disney. Das ist angeblich für Kinder, aber alle lesen das. Meine Tante ist über 50, und sie hat das im Abo. Wenn ich jemandem erzähle, ich mache Comics, sagen viele: Ah, arbeitest du für das Donald Duck-Magazin? Dabei gibt es so viel mehr, man kann es sogar in den Buchläden kaufen. Aber viele Leute sind dafür einfach nicht offen.

 

Gibt es denn sowas wie Szene von Graphic-Novel-ZeichnerInnen in den Niederlanden?

Ja. Aber das sind nicht so viele, vielleicht 200 Leute, die sich damit in irgendeiner Form professionell beschäftigen. Und die kaufen auch alle gegenseitig ihre Bücher.

 

Und wie bist du zu Graphic Novels gekommen?

Es hat mich schon immer interessiert. Meine Eltern hatten einen Haufen französische und belgische Comics wie Tintin (Tim und Struppi), Spirou und Lucky Luke. Und auch das Zeichnen und Malen hat mich schon immer interessiert, also hab ich angefangen, diese Magazine gelesen. Eigentlich hab ich davon viel mehr gelesen als von "normalen" Büchern. Diese Comics sind immer noch so etwas wie meine erste große Liebe. Als ich dann so 16, 17 war, kam Manga dazu - klar, in dem Alter. Darin ging ich eine ganze Weile sehr auf. Als ich dann etwas älter war, hab ich angefangen, mich für ernsthaftere japanische Underground-Comics wie die von Yoshihiro Tatsumi und Katsuhiro Otomo zu interessieren. Die waren realistisch, düster, handelten vom Krieg und persönlichen Geschichten. Dann hab ich amerikanische und deutsche Graphic Novels entdeckt, die in die gleiche Richtung gehen. Eine der bestverkauften Graphic Novels aus Deutschland ist hier übrigens Vandaag is de laatste dag van de rest van je leven von Ulli Lust.

 

Ach, echt!?
Ja, das ist aber auch großartig.

Wie bist du denn auf die Geschichte vom Wespenbussard gekommen?

Ursprünglich wollte ich eine Graphic Novel machen, die auf William Goldings Lord of the Flies basierte. Es ist eines meiner Lieblingsbücher und ich war immer überrascht, wie wenig Menschen das hier kennen. Alle verwechseln es immer mit Lord of the Rings. Letztlich haben wir aber dann die Rechte für die Adaption von Goldings Buch nicht bekommen. Meine Verlegerin Mara Joustra (vom Verlag Oog & Blik) sagte dann: Denk dir doch eine eigene Geschichte aus, die mit ähnlichen Themen verhandelt. Ich hab mich dann rangesetzt und alles mögliche reingepackt, bis Mara irgendwann sagte: Versuch doch lieber, es schlicht und einfach zu handeln, du musst nicht so viele Themen in einem Buch abarbeiten. Das war sehr hilfreich.

 

Und wie waren die Reaktionen, als das Buch rauskam?

Die waren super. Es kriegte einen ganzen Haufen toller Besprechungen. Aber es ist auch einfach nicht alltäglich, dass hier ein Comic für Erwachsene erscheint. Die Kritiken aus Frankreich dagegen waren gemischter - dort haben sie einfach ein sehr hohes Niveau und es ist keine Neuigkeit mehr, dass man einen Comic für Erwachsene publiziert. Die kritischen Stimmen waren aber sehr hilfreich - als Autor will man ja hören, was noch nicht stimmt, damit man das beim nächsten Mal besser machen kann.

 

Aus: Aimée de Jongh - "Land's End"
Aus: Aimée de Jongh - "Land's End"

 

Bei diesem Buch bist du sowohl für den Text wie auch für die Zeichnungen verantwortlich. Wie fühlt sich diese Doppelaufgabe für dich an?

Ich sehe mich eher als Zeichnerin. Schreiben hab ich ja nie professionell gelernt. Das ist also nicht mein Hauptaugenmerk. Aber natürlich geht es um die Kombination der beiden Aspekte. Man arbeitet ja mit Seiten, und die müssen auf beiden Ebenen funktionieren, textlich und visuell.
Ich habe auch schon mit Autoren gearbeitet, aber das fand ich immer recht schwierig, weil ich deren Texte in Bilder übersetzen musste, das passte nicht immer. Ich selbst fange auch normalerweise erst mit der Zeichnung an, der Text kommt dann hinterher dazu. Das ist für mich der beste Weg, um einen Flow reinzubekommen. Man muss ja auch immer so ein bisschen Regie betreiben: Was passiert, wenn der Leser die Seite umblättert - was sieht er als erstes, wie ist es aufgeteilt?

 

Und woran arbeitest du jetzt gerade?

Lustigerweise arbeite ich momentan doch wieder mit einem Autor zusammen - diesmal allerdings mit Zidrou, einem ziemlich bekannten Comicautor aus Belgien. Er schreibt nur den Text. Und er ist so gut, einige seiner Serien, wie z.B. Tamara, sind Bestseller, aber er macht auch ernsthaftere Sachen.

 

Und er schreibt immer nur die Texte?
Genau, und dann sucht er sich Zeichner, die das für ihn umsetzen. Er hat für mich jetzt ein Szenario von einem rührenden Paar geschrieben, das ich jetzt zeichne.

 

Ist das schwierig, weil es nicht deine eigene Geschichte ist?

Ja, ein bisschen. Aber er schreibt ins Skript genaue Regieanweisungen rein, so von wegen hier ändert sich die Kameraperspektive, die Kamera kommt von unten, man kann den Wind in den Gardinen sehen usw. Ich kann natürlich auch eigene Vorschläge machen, aber ich muss zumindest nicht die ganze Zeit darüber nachdenken, wie es inszeniert wird. Ich verlasse mich einfach auf ihn und konzentriere mich drauf, dass die Bilder gut werden. Nächstes Jahr im Sommer soll es rauskommen, aber ich fange gerade erst an.

Das Lustige ist: Ich kenne seine Sachen schon, seit ich sehr klein war, er ist echt bekannt da. Und trotzdem lief es ganz easy, ich hab den Verleger einfach gefragt: Meinst du, Zidrou hätte ein Szenario für mich? Und er so: Ja, klar, wir rufen ihn einfach mal an. Das wars. Es hat sich rausgestellt: Manchmal muss man einfach nur fragen.

 

 

Einige Tage später war ich dann auch bei Scratch Books zu Gast, einem kleinen neuen Graphic-Novel-Verlag in Amsterdam, die gerade ihre ersten Titel veröffentlicht haben und dafür sehr gute Resonanz bekommen. Vor allem der Band von Erik Kriek - In the Pines (5 Murder Ballads) hat es mir sehr angetan: Alte amerikanische Gruselgeschichten im Folksong-Format, die man zum Teil auch von Nick Cave (Where the wild roses grow) kennt, als Comic umgesetzt, mit einer CD mit den passenden Songs dazu.

 

 

Neben Scratch gibt es in den Niederlanden noch einige weitere Verlage, die sich zumindest teilweise dem Genre Graphic Novel widmen: Die schon erwähnten Oog & Blik, bei denen viele Klassiker von Art Spiegelman bis Guy Delisle erschienen sind, gehören inzwischen zum Publikumsverlag De Bezige Bij; bei Podium sind einige sehr erfolgreiche Graphic Novels von Peter Pontiac erschienen, u.a. Kraut; außerdem haben wir noch die Verlage Oogachtend, Parvenu und Xtra entdeckt.

 

Mara Joustra, die lange für Oog & Blik gearbeitet hat, erzählt uns übrigens eine ganz eigene Theorie, warum Graphic Novels und Comics für Erwachsene in Belgien so ein großes Thema sind, in den Niederlanden dagegen nicht: Belgien ist katholisch und habe eine reiche Bild-Kultur. Dort sei es etwas gutes, Bilder zu haben und zu benutzen. Die Niederlande dagegen sind protestantisch, hier seien Bilder entweder etwas für kleine Kinder oder es seien Symbole, für Menschen, die nicht lesen können oder die Sprache nicht verstehen. Daher täten sich die Niederländer schwer mit Bildergeschichten. Vielleicht was dran. But then again ...

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Spider in the web: Victor Schiferli über den Niederländischen Literaturfonds

Von Peter Reichenbach und Daniel Beskos

 

Victor Schiferli, (Foto: Keke Keukelaar)
Victor Schiferli, (Foto: Keke Keukelaar)

Bevor wir uns mit Victor zum Mittagessen treffen, zeigt er uns das Herzstück seiner Arbeit, wenn man so will, nämlich die Bibliothek im Gebäude des Niederländischen Literaturfonds: Ein Raum mit hohen Wänden, bis unter die Decke voller Bücherregale – alle niederländischen Bücher, die je übersetzt wurden. Rundum verläuft eine Empore, damit auch die obersten Bücher erreichbar sind. Die Strenge der modernen Regale und die Bedeutung der Bibliothek haben ein wenig etwas von einer evangelischen Kirche. Die Regale sind jedenfalls fast voll und wir können uns  vorstellen, dass sich Victor und seine Kollegen, wenn sie so weiterarbeiten, bald etwas einfallen lassen müssen.

 

Victor spricht hervorragend Deutsch, was dazu führt, dass wir alle beim Bestellen unseres Essens total durcheinanderkommen, Victor bestellt erst auf Deutsch, dann auf Niederländisch, und wir bestellen erst auch auf Deutsch und dann nochmal auf Englisch. Der Kellner lacht, er hat sowieso alle Sprachen verstanden.

 

Victor Schiferli wurde 1967 geboren, ist Schriftsteller und Dichter und bei der Niederländischen Stiftung für Literatur (Nederlands Letterenfonds) tätig, die sich für die Vermittlung niederländischer Literatur ins Ausland einsetzt. Er hat mehrere Gedichtsammlungen publiziert, bevor 2012 sein erster Roman erschien. Im kommenden Mai erscheint bei dtv die Anthologie Amsterdam, für die Victor Schiferli die Auswahl getroffen hat.

 

 

 

 

Victor, die Frankfurter Buchmesse rückt immer näher und du bist auch Teil des Organisationsteams?

Ich glaube, ich bin der einzige, der schon beim ersten Gastlandauftritt 1993 dabei war. An 1993 erinnere ich mich noch gut, ich war damals 25, der jüngste Mitarbeiter, ich hätte eigentlich meinen Armeedienst leisten müssen und hatte schon einen Einzugsbescheid. Ich habe dann verweigert und konnte stattdessen durch Zufall bei einer Stiftung mitarbeiten und dort bei der Herausgabe eines Literaturalmanachs helfen. Und ja, das war natürlich sehr beeindruckend für mich, das erste Mal auf der Buchmesse zu sein, mit Harry Mulisch, Cees Nooteboom, Hugo Claus, all diese großen Namen … Und jetzt gibt es eine neue Generation zu entdecken, und da bin ich sehr glücklich, dass wir viele junge Autoren haben, die einen Verlag in Deutschland gefunden haben, mit Thomas Heerma van Voss, Joost de Vries, Wytske Versteeg … und vielen anderen.

 

Der Letterenfonds organisiert ja nicht nur den Messeschwerpunkt, sondern fördert auch ansonsten Übersetzungen. Wie läuft so etwas ab, werden alle Übersetzungen gefördert?

Nein, es gibt unterschiedliche Prozentsätze. Mit bis zu 70% der Übersetzungskosten werden Belletristik, Sachbuch, Lyrik, Kinderbuch usw. gefördert. Und mit 50% fördern wir Bücher die wir gerne fördern wollen, die aber weniger literarisch sind, vielleicht eher kommerziell ausgerichtet sind. Das sind auch die Fälle, die wir am meisten diskutieren, also Bücher, die eher Unterhaltung sind. Da gab es vor kurzem etwa den Fall, dass ein großer Verlag aus den USA ein Buch fördern lassen wollte, für das sie eine sehr gute Übersetzerin engagiert hatten, das aber doch eindeutig eher Unterhaltung als Literatur war. Da konnten wir uns dann aber auch auf eine 50%-Förderung einigen.

Natürlich gibt es auch Bücher die wir gar nicht fördern, aber das sind meistens auch die Bücher, die eigentlich auch gar keine Förderung brauchen. Zweimal im Jahr geben wir auch die Broschüre Books from Holland heraus, einmal zur Londoner Messer und einmal für Frankfurt, aber wir würden natürlich nicht nur diese Bücher im Falle einer Übersetzung fördern, sondern eigentlich fast alles, auch in alle Sprachen. Was uns aber wichtig ist, ist dass die Übersetzung gelungen ist. Deshalb überprüfen wir auch Übersetzungen, ich denke das ist relativ einzigartig.

 

Interessant, wie genau können wir uns eine solche Prüfung vorstellen?

Also für Deutschland z.B. haben wir eine Liste mit Übersetzern, da sind etwa 20 oder 30 Namen drauf, von denen wir wissen, dass sie sehr gute Arbeit machen. Und diese Übersetzer werden in der Regel auch von den Verlagen beauftragt. Ab und zu gibt es einen Verleger, der sich einen bestimmten Übersetzer wünscht, der nicht auf unserer Liste steht. Bevor wir ein solches Buch fördern, prüfen wir die Übersetzung. Das machen wir natürlich nicht selber, sondern lassen das Buch dann von ein oder zwei sehr erfahrenen Übersetzern begutachten. Dann gibt es zwei Szenarien, das eine Szenario ist, dass die Übersetzung okay ist, dann fördern wir das Buch. Oder aber es gibt Mängel. Was z.B. oft passiert, ist, dass die Sprache zu nah am Original ist. Insofern ist unsere Prüfung nicht schlecht, weil man dann nachbessern kann. Es gibt aber auch den Fall, dass eine Übersetzung wirklich so schlecht ist, dass der Text komplett neu übersetzt werden muss, dann sagen wir dann auch. Aber ein Verlag will ja auch keine schlechten Bücher im Programm haben.

Aber die Übersetzung und die literarische Qualität des Buches sind nicht alleine entscheidend, wir gucken uns auch den Verlag an, in dem das Buch erscheinen wird. Es gibt ansonsten aber kein Komitee, wir kennen einfach die Verlage hier, die Verlage im Ausland und die Übersetzer sehr gut, um das beurteilen zu können. Wir sind ein wenig die Spider in the web. Aber das wir etwas ganz und gar ablehnen, das kommt nicht oft vor.

 

Und genau das ist jetzt auch dein Arbeitsbereich, richtig?

Ja, meine Haupttätigkeit ist es, niederländische Belletristik im Ausland zu empfehlen, zu fördern und die Übersetzungen zu betreuen. Das bedeutet, die Kontakte mit den Verlegern und den Übersetzern hier in den Niederlanden und im Ausland zu pflegen. Ich bin dabei verantwortlich für den deutschen, den englischen und den skandinavischen Sprachraum. Neben mir gibt es noch meine Kollegin Barbara den Ouden, die vor allem Graphic Novels macht, und auch die anderen Länder im Bereich Belletristik verantwortet, und wir haben noch einen Kollegen für Sachbücher, einen für Kinderbücher und noch eine für Lyrik.

 

Wie würdest du sagen hat sich die Literaturlandschaft, sagen wir seit 1993, in den Niederlanden verändert?

Mmh, also die 90er Jahre waren auch bei uns die Jahre der Überproduktion. Es gab einfach viel zu viele Bücher. Danach gab es dann eine Krise, die eigentlich bis heute andauert, obwohl es aktuell wieder ein bisschen besser zu werden beginnt. Und, nun, es gab kein Internet! Ich glaube ich hatte 1993/94 aber schon ein Modem, obwohl das natürlich noch so langsam war, damit konnte man eigentlich nichts machen. Die Zeiten waren auf jeden Fall andere. Jetzt geht alles sehr viel schneller, auch wegen des Internets, und es ist auch einfacher ein Buch zu schreiben, glaube ich.

 

Und wie schätzt du das ein, lesen die Leute mehr oder weniger?

Mmh, das weiß ich nicht. Was man immer wieder hört, ist, dass eigentlich nur noch Frauen ab 40 oder 50 Jahren lesen. Und dann gibt es nur noch ein paar intellektuelle Typen (lacht). Ohje, jetzt klinge ich wie ein grumpy old man, aber als ich in die Schule gegangen bin, da haben wir 25 Bücher der niederländischen Literaturgeschichte gelesen und ein Examen darüber ablegen müssen. Dazu noch deutsche, französische und englische Bücher, eine wirklich große Menge an Büchern. Jetzt ist das alles anders, jetzt werden höchstens ein paar Bücher aus den Niederlanden gelesen. Das ist schon schade.

Ich habe auch an der Universität einen Creative-Writing-Kurs gegeben. Und die Texte waren zum Teil wirklich voller Fehler. Und da habe ich mich schon gefragt: Diese Leute wollen Schriftsteller werden? Wenn jemand Maurer werden will, dann kann ich das verstehen, aber warum schreibt man so fehlerhaft, wenn man Schriftsteller werden will? Also das hat auch etwas mit dem Unterricht in der Schule zu tun.

 

Wir stellen uns das überhaupt recht schwierig vor, Literatur in andere Länder zu vermitteln. Wie machst du das, was sagst du den Verlegern wenn sie fragen, warum sie ausgerechnet Literatur aus den Niederlanden verlegen sollen?

Nun, es ist wie bei Musik, man kann vorher nicht sagen, was ein Hit werden wird und was nicht. Das können wir auch bei Büchern nicht, es lässt sich nicht sagen, dass das eine Buch besser ist als das andere. Man steckt einfach nicht drin. Joost de Vries etwa, habe ich wirklich mit viel Herzblut angepriesen, ein sehr gutes Buch. Aber es ist mir einfach nicht gelungen, einen Verlag im Ausland davon zu überzeugen. Später hat es eine Agentur versucht und plötzlich, ich glaube innerhalb von zwei Monaten, war das Buch in 12 oder 13 Länder verkauft. Ja, so kann es manchmal gehen, richtig erklären kann man das nicht. Aber natürlich bin ich sehr glücklich, dass das Buch übersetzt werden wird.

Was ich überhaupt spannend finde an meinem Beruf, ist, dass ich immer einen Überblick auch über die Literaturlandschaft der anderen Länder haben muss, wie ein Helikopter, also gibt es in einem bestimmten Land etwa schon vergleichbare Autoren wie denjenigen, den ich gerade vermitteln möchte? Und das gleiche gilt für die verschiedenen Genres, etwa bei einem Coming-Of-Age-Roman, von denen es sehr viele gibt. Da muss man sich fragen, ob die vorliegende den ganzen anderen schon existierenden  noch etwas hinzufügen kann. Man fängt an, sehr abstrakt über Bücher nachzudenken, wenn man ein Botschafter der Literatur ist. Und das mag ich.

 

 

 

 

 

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Digital First – Der Hörbuchmarkt in den Niederlanden. Ein Interview mit Robbert Hak von Storytel

Von Peter Reichenbach

 

Seit unseren Anfängen veröffentlichen wir bei mairisch Hörbücher und Hörspiele. Als feststand, dass wir nach Amsterdam gehen würden, habe ich sofort versucht, Hörbuchverlage ausfindig zu machen. Leider habe ich keinen einzigen finden können. Liegt es daran, dass ich kein Niederländisch kann und die Webseiten einfach nicht richtig lesen kann, oder gibt es vielleicht wirklich keine? Ich fragte rum, man sagte mir: Sprich mit Robbert Hak. Er arbeitet allerdings bei Storytel, einer Download-Plattform aus Schweden …?

 

Der überaus freundliche Robbert Hak entpuppt sich aber sofort als der richtige Ansprechpartner:

 

Ich verstehe das einfach nicht, wie ist das denn jetzt mit den Hörbüchern in den Niederlanden?

Der Hörbuchmarkt war noch nie sehr groß in den Niederlanden. Rubinstein, der Verlag, bei dem ich vorher gearbeitet habe, war der erste Verlag, der den kommerziellen Hörbuchmarkt überhaupt erst erschlossen hat. Das war 1985.

Der Verlagsgründer Maurits Rubinstein war ein Neffe von Renate Rubinstein, einer sehr bekannten niederländischen Autorin. Sie war jedenfalls in Autorenkreisen sehr gut vernetzt, und Maurits besuchte seine Tante sehr häufig. Später erkrankte Renate Rubinstein an MS, Maurits war da gerade mal 16 Jahre alt. Diese Erkrankung verschlechterte ihr Sehvermögen. Und so hatten sie gemeinsam die Idee, ihre Bücher vorzulesen, damit Leute mit gleichem Handicap oder auch Blinde sie zumindest hören konnten. So fing das also an. Und weil sie all die anderen berühmten Autoren kannte, kamen diese auch bald vorbei und Maurits Rubinstein nahm die Lesungen mit seinem Kassettenrekorder auf. Irgendwann hatte er, ich weiß es nicht genau, vielleicht 15 oder 20 Bücher aufgenommen, in relativ kurzer Zeit.

 

Und dann begann er, diese Aufnahmen in einer Buchhandlung hier in Amsterdam zu verkaufen, was ein großer Erfolg war. Und wenn man so will, war das der Startschuss für Rubinstein, für die nächsten 30 Jahre Hörbücher zu verlegen. Später kamen dann auch vor allem Hörbücher für Kinder dazu, die etwa 50% des Programms ausmachten. Insgesamt war es aber schwierig, die Hörbücher auch in die Buchhandlungen zu bringen, und so blieb der gesamte Hörbuchmarkt eher ein Nebenprojekt für Rubinstein.

 

In 2012 trat dann Storytel – die Firma für die ich jetzt arbeite – auf den Plan. Storytel ist ein schwedisches Unternehmen, was kein Wunder ist, da der Hörbuchmarkt in Schweden traditionell sehr stark ist, auch was die Erwachsenenhörbücher angeht. Storytel ist eine Streamingplattform, auf der man für 9,99 Euro im Monat so viele Hörbücher streamen kann wie man möchte. Im Prinzip sehr ähnlich zu Spotify.

 

Rubinstein verkaufte dann seine Hörbuchsparte an Storytel, auch weil der CD-Markt eingebrochen war. Und jetzt versuchen wir, vor allem Erwachsenenhörbücher zu produzieren. Unsere Devise ist digital first, also alle Hörbücher werden vorrangig für den digitalen Markt produziert. Letztes Jahr haben wir gerademal 18 Hörbücher zusätzlich als CD veröffentlicht, von insgesamt 120 produzierten. Das waren natürlich die populärsten Titel, die dann auch über die Buchhandlungen verkauft werden.

 

Aber die Hörbücher werden jetzt nicht mehr von den Autoren selbst gelesen, oder?
Früher war der Name, die Berühmtheit des Schauspielers/Autors, auch ein Argument für den Kauf eines Hörbuches. Es musste also entweder der Autor sein Buch selbst lesen, sofern er das konnte, oder es mussten berühmte Schauspieler sein. Für die große Anzahl von Hörbüchern, die wir produzieren, haben wir das Sprecher-Konzept ein wenig verändert und uns entschlossen, den Fokus auf den Inhalt des Buches zu legen, darum geht es schließlich, es geht um die Geschichte! Wir suchen also die Schauspieler nach ihrem Können aus und danach, ob ihre Fähigkeiten zum Inhalt passen, es muss einfach gut gelesen sein. Und in nur ganz seltenen Fällen liest der Autor noch selbst.

 

Das bedeutet, dass Storytel in einer guten Position ist, da es keine anderen Hörbuchverlage gibt, die sich auch um die Hörbuchrechte bemühen.
Ja, das stimmt, wir sind die einzigen, die an Hörbruchrechten interessiert sind. Aber weil wir die einzigen sind, ist auch das Angebot leider nicht besonders groß. Wir hoffen aber, dass der Markt wächst, wenn mehr Hörbücher verfügbar sind. Aktuell sind es allerdings lediglich wir, die die Anzahl von verfügbaren Hörbüchern erhöhen, was natürlich teuer ist. Wenn es mehr Hörbuchverlage gäbe, würde der Markt schneller wachsen. Wir versuchen also tatsächlich, die Buchverlage davon zu überzeugen, ihre eigenen Titel auch als Hörbücher zu produzieren und sie Storytel zur Verfügung zu stellen. Sie sollen einfach ihre Bestseller auch als Hörbücher produzieren, während wir uns um die Backlist kümmern.

 

Die Hoffnung ist also, dass mehr Leute ein Abonnement bei Storytel abschließen, wenn das Angebot an Hörbüchern größer ist?
Genau, wir sind ein Unternehmen, das das Beste für seine Kunden will. Und umso mehr Hörbücher es gibt, umso besser ist es für uns und den Kunden.

 

Gibt es für Kunden in den Niederlanden denn nur Storytel als Plattform, oder kann man Hörbücher auch woanders kaufen?
Die Hörbücher von Rubinstein Audio kann man auch noch auf anderen Plattformen kaufen. Es gibt ein paar lokale Plattformen, auch die Buchhandelskette libris bietet die Hörbücher auf ihrer Website als mp3-Download an. Das gleiche gilt für Bol.com, dort werden für jeden Titel alle Formate angezeigt, Paperback, Hardcover, Hörbuch-Download, das ist aber eine neue Entwicklung.


Wie siehst du die weitere Entwicklung, auf welchem Gerät wird man in Zukunft Hörbücher hören?
Handys, da sind wir uns sehr sicher. Es ist die beste Art und Weise, Hörbücher zu hören. Für Bücher, glaube ich, ist Papier, das Taschenbuch, eigentlich immer noch ein sehr gutes Format. Der E-Reader ist irgendwie eine Kutsche ohne Pferde, sagt man das so? Er versucht, ein Buch zu sein, ohne wirklich eines sein zu können. Anders ist das bei den Hörbüchern. Hier ist das digitale Format eigentlich das ideale Format. Du konsumierst es mit deinen Ohren, während du mit deinen Augen anderes betrachten kannst, es ist also perfekt für unterwegs, man kann Hörbücher hören, während man alltägliche Dinge erledigt. Da will man nicht mit 10 oder 20 CDs herumhantieren müssen, das nervt doch. Es ist also viel besser, wenn das Hörbuch einfach ein File in deinem Handy ist.


Eine Ausnahme sind vielleicht Kinderhörbücher? Wollen Kinder nicht vielleicht z.B. doch noch das Booklet sehen?
Ja, das mag sein. Für uns sind Kinder allerdings nicht die Hauptzielgruppe. Wir konzentrieren uns auf Frauen zwischen 30 und 40. Klar, viele dieser Frauen haben Kinder und lassen über ihren Account ihre Kinder Kinderhörbücher hören. Das wissen wir aber nicht genau. Aktuell ist es noch nicht möglich, einen Familienaccount anzulegen, wie es das z.B. bei Netflix gibt, aber da arbeiten wir dran. Dann wird es möglich sein, unterschiedliche Profile anzulegen, ein Profil für jedes Familienmitglied. Dann können wir z.B. die Kinderhörbücher auch für Kinder ansprechender präsentieren.

 

Verrätst du mir dein Lieblingshörbuch, vielleicht aus diesem oder dem letzten Jahr?
Uhhh, okay, lass mich nachdenken. Harem, von Ronald Giphart, das hier im Podium-Verlag erschienen ist. Der Autor hat das Hörbuch selbst gesprochen und er hat das wirklich sehr gut gemacht. Was mir besonders gut daran gefällt: Es gibt Passagen im Buch, die sehr literarisch sind, mit sehr langen Sätzen; Ronald Giphart liest diese aber mit etwas Selbstironie, als ob er sich selbst darüber lustig machen würde, wie übertrieben literarisch er an dieser Stelle formuliert hat. Und sowas kann sich natürlich nur der Autor selbst erlauben.

 

 

 

 

 

 

 

Robbert Hak studierte an der Universität Amsterdam (UvA) Sprach- und Kommunikationswissenschaften und hat einen Master in Literarischem Lektorat. Er ist Programmleiter bei Rubinstein Audio, ein Unternehmen von Storytel. Sein Hauptziel ist es, das Hörbuch in den Niederlanden bekannter zu machen, indem er so viele qualitativ hochwertige Hörbücher veröffentlicht wie möglich.

 

 

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