"Schreiben Sie noch, Herr Maack?" - Benjamin Maacks Dankesrede zum Hermann-Hesse-Literaturförderpreis

Schreiben Sie eigentlich noch? Vor Kurzem hat Benjamin Maack in Karlsruhe den Hermann-Hesse-Literaturförderpreis bekommen und eine Dankesrede gehalten. Der Vorsitzende der literarischen Gesellschaft, Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann, hatte ihn einige Wochen zuvor am Telefon gefragt, ob er eigentlich noch als Autor aktiv sei. Dies ist seine Antwort.

Daniel war dabei und hat die Rede per Mobiltelefon mitgeschnitten. Eigentlich nur für Benjamins Frau. Seine Erlebnisse der letzten Jahre sind dramatisch und sehr persönlich. Seine Rede fanden wir weit mehr als das. Denn manchmal werden die übelsten Erlebnisse zu lehrreichen Geschichten. Deshalb haben wir Benjamin gefragt, ob wir sie auf unserer Seite zeigen dürfen. Hier ist sie:

 

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Tirana

Von Dorian Steinhoff

Dorian Steinhoff (Foto: Artan Begolli)
Dorian Steinhoff (Foto: Artan Begolli)

 

Dorian Steinhoff ist zur Zeit auf Einladung der Deutschen Botschaft als writer in residence in Tirana (Albanien). Letzte Woche schickte er von dort eine Mail, eigentlich nur an Familie und Freunde. Wir fanden sie aber so schön, dass wir ihn um Erlaubnis baten, sie hier zu veröffentlichen.

 

 

Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde,

vor meinem Haus stehen fünf Olivenbäume. Die Erntezeit rückt näher und jeden Tag liegen mehr Oliven auf dem Boden. Die Straßenhunde, von denen es ein paar gibt, scheinen sie nicht zu mögen. Vielleicht nagen sie lieber an den Ummantelungen der Stromkabel, die sich wie ein Aderastwerk an Holzmasten nach oben ranken und sich von dort über die Straße und gefühlt zu jeder Wohnung einzeln spannen. Das würde jedenfalls erklären, warum der Strom manchmal auch ausfällt, wenn es nicht gewittert. Heute zum Beispiel schon zwei Mal, immer nur kurz. Zack, alles aus. Meine Waschmaschine scheint es nicht zu stören, sie setzt ihr Programm einfach fort, sobald der Strom wieder da ist, und ich habe eine Kerze.

Meine Wohnung hat zwei Zimmer, einen sehr großen Balkon mit Blick auf die Berge und liegt in einem sechsstöckigen Haus auf einer ruhigen Einbahnstraße. Zu Fuß brauche ich ca. fünfzehn Minuten ins Stadtzentrum. Tirana ist laut und chaotisch. Lebendig und jung. Ein großes Durcheinander, das italienische, sozialistische und moderne Architektur, Minarette und byzantinische Kirchtürme seltsam ineinander keilt. Ich nehme an, was ich seltsam nenne, ist für einen Albaner einfacher Pragmatismus, der sich hier eben nicht an irgendwelche städtebaulichen Vorschriften zu halten hat.

Es fällt mir schwer, einen signifikanten Geruch oder ein bestimmtes optisches Merkmal herauszuheben, um deutlicher zu machen, wie es sich anfühlt, hier zu sein. Es ist alles auf einmal da. Der Geruch von Schmieröl aus einer offenen Motorradwerkstatt und der Duft von gegrillten Maiskolben, die ein Roma direkt vor dem Eingang verkauft. Marktstände, an denen zwei Tüten voll frischem Obst und Gemüse zwei Euro kosten, neben einem Vodafone-Store, neben einem Schuster. Dutzende protzige Autos, meistens von Mercedes oder BMW, mit viel zu jungen Typen am Steuer. Dazwischen alte deutsche Busse, von denen die Reklame nicht abgekratzt wurde. Sie kämpfen sich ständig hupend durch die meistens verstopften Straßen, die immer wieder Grünstreifen umspannen, in denen alte Männer auf Bänken vor uralten Popcorn-Maschinen sitzen und aussehen, als würden sie nur das leise Rauschen der Blätter über sich hören und nicht das Tosen der ganzen Stadt. Wer im Straßenverkehr zögert, hat verloren. Es fährt und geht immer der Stärkere, egal wo und egal wann. Und für den Stärkeren wird gebremst. Darauf ist Verlass.

Die Frauen sind sehr bedacht auf ihr Äußeres, gut gekleidet, ungefähr auf der gleichen Range wie bei uns, von Megahipster bis Plastik-Wimpern-Tussi ist alles dabei, aber immer erkennbar davon bestimmt, was Männern angeblich gefällt. Die Männer dagegen: unsichtbar. Ich glaube, mit schief auf dem Kopf sitzender Schiebermütze und bunten Socken bin ich für die Typen hier mindestens stockschwul, bzw. ein stockschwuler Clown. Im Fitnessstudio trainieren mehr Frauen als bei Holms Place in Köln. Aber sie machen nur Übungen für ihre Beine und ihre Pos. Die Männer trainieren nur ihre Oberkörper. Ich mache Ausfallschritte und mein Handtuch ist purpurpink: schwul!

Die Cafés sind immer voll. Ein Kaffee kostet 100 Lek (ca. 60 Cent), und die Albaner trinken sehr viel und sehr gerne Kaffee. Was bei uns das E-Mail-Schreiben ist, ist hier das Kaffeetrinken. Eine Absprache, ein Kaffee. "Let's have Coffee" ist vielleicht die treffendste Metapher für das Lebensgefühl in Tirana.

Eine andere Metapher dafür, wie die Dinge hier funktionieren, ist der Wasserhahn an meinem Küchenwaschbecken. Es ist eine herkömmliche Mischbatterie, die mit einem Hebel betätigt wird. Allerdings wurde der ganze Wasserhahn falschrum montiert. Der Hebel liegt hinter, nicht vor dem Hahn, und zeigt zur Wand, nicht zum Waschbecken. Daraus folgt, dass man den Hebel nur bewegen kann, wenn das Wasser voll aufgedreht ist. Drückt man den Hebel nämlich nicht bis zum Anschlag nach oben, bekommt man ihn nicht an der Wand vorbei. Und auch wenn das Wasser läuft, lässt er sich nur so bewegen, dass man an den Fliesen entlangschrammt. Aber hey, funktioniert, warmes Wasser, kaltes Wasser, alles da, ganz nach Bedarf. Und wer interessiert sich bitte für halbkreisrunde Kratzer auf Fliesen?

Und genauso laufen Dinge hier öfters. Mir gefällt das, es hält mich flexibel, spontan und confident, man hat gar keine andere Wahl, und in dieser Fluidität löst sich mein Deutschsein, meine Dinge-müssen-funktionieren-Perspektive ganz wunderbar auf. Keine besonders neue Reflexion über die Wirkungen des Reisens, ich weiß, aber come on, so geht es dem kleinen Pedanten in mir nun mal.

Ich werde oft gefragt, was mein Eindruck von Albanien ist, eigentlich fragt mich das jeder. Ich antworte dann, dass Albanien auf mich wirkt wie ein Teenager. Ein junges Land auf der Suche nach seiner Identität, bestätigungsbedürftig, darauf bedacht, nichts falsch zu machen, aber auch sehr stolz auf das bisher Erreichte, dabei unfähig nach außen, einem Fremden gegenüber, Schwäche oder Unwissen einzugestehen. Egal, wen man fragt, alle kennen den Weg. Als wir einmal den Abfahrtsort eines Busses suchten, standen drei Männer vor uns, die in drei unterschiedliche Richtungen zeigten.

 


Ich bin jetzt schon drei Wochen in der Stadt. Ich habe an einem Dada-Festival teilgenommen, auf dem ich Prosa las, und schlief in einem Hotel außerhalb der Stadt mit Blick auf ein Umspannwerk. Es gab eine Regendusche, und der Klodeckel war nicht festgeschraubt. Ich ernähre mich größtenteils von Salat, Schafskäse, Köfte, Börek, Joghurt, Mandarinen und Granatäpfeln. Ich trinke Amstel und Raki (einen klaren Tresterschnaps, nicht das türkische Aniszeug). Ich diskutierte mit einem griechischem Kulturwissenschaftler und einem kroatischen Dichter das Erstarken des Populismus in Europa. Ich besuchte meinen ersten Botschaftsempfang, sagte zu einem Kellner versehentlich zwei Mal Tschüß (mirupafshim) statt Danke (faleminderit), als er mir brachte, was ich bestellt hatte, und wurde vom Direktor der Nationalgalerie durch eine einzigartige Sammlung sozialistischer Kunst geführt. Ich fuhr ans Meer, spazierte am Strand entlang, vorbei an Dutzenden Hotels, die aussahen, als wären sie gebaut und dann nie in Betrieb genommen worden, nur um jetzt zu verfallen. Suchte ich nach einem Drehort für einen Horrorfilm, ich wüsste nun, wo ich ihn finden würde.

Ich gab einen Slam-Workshop an einem bilingualen Gymnasium und traf auf intelligente, ehrgeizige Kinder, die noch nie Musik- oder Kunstunterricht hatten und auf dem Niveau eines Deutsch-LKs literarische Texte in einer Fremdsprache schrieben, sich kritisierten, verbesserten und performten wie Hölle. Angetrieben von einem Aufstiegswillen und einer Zielstrebigkeit, die man an Gymnasien in Hamburger Elbvororten lange suchen kann. Zum Abschluss durfte ich den ersten Poetry Slam in der Deutschen Botschaft in Tirana moderieren. Es gab Standing Ovations und Häppchen. Die albanischen Lehrer tragen weiße Kittel.

Ich bekam den ersten Probedruck der Übersetzung meines Erzählbandes in die eine Hand gedrückt und in die andere einen Flachmann. Wenig später war ich mitten am Tag betrunken und überschwänglich stolz darauf, wie weit und wohin mich diese sieben Erzählungen bisher getragen haben. Ich schrieb Nächte durch, stand im sauberen Morgenlicht auf dem Balkon, rauchte, hörte der Stadt zufrieden beim Aufwachen zu, schlief zu wenig und hatte nach dem Aufwachen Bauschaum im Kopf. Ich wurde eingeladen und eingeladen und eingeladen und egal wie sehr ich es auch versuchte, ich durfte nicht einmal selbst bezahlen. Ich traf meinen Übersetzer und wurde nicht richtig schlau aus ihm. Ich wurde Zeuge davon, wie Pressearbeit auf Albanisch funktioniert. Zwei Telefonate beim Kaffeetrinken am Donnerstag ergeben ein zweiseitiges Interview in einer Tageszeitung am Samstag und einen Fernsehauftritt im Morgenmagazin am Montag. Ich wurde live als einer der „wichtigsten Schriftseller in Deutschland“ angekündigt, sollte dann die Nobelpreisvergabe an Bob Dylan kommentieren, und während ich redete, übertönte mich die Simultanübersetzerin im Studio über Lautsprecher und ich musste so tun, als hörte ich sie gar nicht.

Eine großartige Kollegin ist gerade zu Besuch und steckt mich mit ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihrer Ehrlichkeit, mit ihrem Enthusiasmus und ihrem energetischen Blick an. Ich durfte vor 60 Leuten Buchpremiere feiern und wurde gefragt, was ich mir wünschen würde, hätte ich einen Wunsch frei, und auf dem Tisch, vor dem ich saß, war ein Hakenkreuz eingeritzt. Ich hatte lange und viel zu signieren und musste mir dabei fast jeden Namen buchstabieren lassen. Ich bekam ungefähr 20 Facebook-Freundschaftsanfragen von Menschen, die ich noch nie gesehen habe, und frage mich, ob es als unhöflich gilt, sie nicht anzunehmen.

Morgen fahre ich für eine weitere Lesung nach Schkodra. Danach sind meine offiziellen Tätigkeiten vorbei. Am Wochenende will ich unbedingt ein  Fußballspiel im Stadion anschauen. Dann die ganze Woche schreiben und danach geht es auch schon wieder nach Hause. Am meisten freue ich mich auf Leitungswassertrinken und Roggenbrot.

Alle Liebe
euer Dorian

 

 

P.S.: Wer Dorian im albanischen Fernsehen sehen will - hier entlang.

 

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Heute erscheint: SPACE - Eine Entdeckungsgeschichte des Weltalls

Heute ist es soweit: Unser SPACE-Buch erscheint.

Es gibt ja schon ein paar Bücher über den Weltraum: Kinderbücher, Bildbände, Bücher für Physiknerds. Aber so ein Buch wie dieses gibt es bislang auf Deutsch noch nicht: Spannend erzählt und mit zahlreichen Anekdoten aus den doch zum Teil sehr abenteuerlichen Ereignissen, aus denen sich die Entdeckungsgeschichte des Weltalls zusammenfügt.
Eine große Lese-Empfehlung für alle, die Sterne, Raketen und Geschichten mögen!

Heather Couper und Nigel Henbest, Weltraumexperten der BBC, nehmen uns mit auf eine spannende Reise durchs All. Sie schildern, wie die Sterne den Menschen seit jeher begleiten und beeinflussen, wie der Kalender entstand, wer das Teleskop erfand und es zum ersten Mal gen Himmel richtete – aber vor allem: Was er dort sah. Erstaunlicherweise waren es sehr oft Hobby-Forscher und Freizeitastronomen, die von ihren Hinterhöfen aus viele großartige Entdeckungen machten und damit die Wissenschaft entscheidend voranbrachten – so wie etwa jener deutsche Apotheker, der in seiner Freizeit mehr Sonnenflecken entdeckte als jeder andere vor ihm, oder der Priester, der den Urknall »erfand«.

In klugen, verständlichen Texten spannen die beiden Autoren einen Bogen von den ersten Sonnenkalendern bis hin zu den modernsten Weltraumteleskopen und reisen dabei von Stonehenge und dem antiken Griechenland bis in die tiefsten Regionen des Weltalls. Wir erfahren, wie Sterne geboren werden, was Supernovae, Pulsare und Schwarze Löcher sind und woher Kometen und Meteoriten kommen. Zuletzt widmen sich die Autoren auch der vielleicht wichtigsten Frage: Sind wir allein im Universum?

Eine Entdeckungsgeschichte des Weltalls, unterhaltsam und spannend erzählt – für Neueinsteiger und Weltraumfans.

Aus dem Englischen von Daniel Beskos.
296 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung, 18,90 Euro.

Mehr Infos, reinlesen und bestellen:
-> http://www.mairisch.de/programm/heather-couper-nigel-henbest-space/

 

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"Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman" - Stevan Paul im Interview

Heute erscheint - nach den beiden Erzählbänden "Schlaraffenland" und "Monsieur, der Hummer und ich" - Stevans Pauls erster Roman: "Der große Glander". Darin wird der junge Künstler Gustav Glander im New York der 1990er-Jahre zum Star der Eat-Art-Bewegung. Seine kulinarisch geprägten Arbeiten und Aktionen sind spektakuläre Inszenierungen und treffen den Nerv der Zeit, Kritiker und Sammler stürzen sich auf die Werke des schweigsamen Deutschen. Doch der Erfolg bereitet Glander Unbehagen. Von einem Tag auf den anderen verschwindet er. Spurlos. Zwölf Jahre später: Ein Restaurant in Hamburg. Es herrscht Hochbetrieb in Küche und Service. Im Speiseraum sitzt auch der bekannte Kunstkritiker Gerd Möninghaus. Dem kommt einer der anderen Gäste seltsam bekannt vor. Zu spät fällt Möninghaus ein: War das etwa Glander? Als kurze Zeit später bislang unbekannte Skizzen des verschollenen Künstlers in der Redaktion auftauchen, beginnt der engagierte Journalist zu recherchieren. Seine Suche führt ihn von Hamburg nach New York, nach St. Moritz, an den Bodensee und ins Allgäu – und er macht dabei eine überraschende Entdeckung.

 

Wir haben Stevan ein paar Fragen zur Entstehung des Buches gestellt ... und ihn natürlich auch nach einem Rezept gefragt.

Stevan, Du bist Autor von vielen tollen Kochbüchern und zwei kulinarischen Erzählbänden. Warum hast Du nun einen Roman geschrieben?

 

Weil ich Lust dazu hatte! (lacht). Der Roman entstand tatsächlich parallel zu vielen anderen Projekten. Ich habe mir Zeit für die Entwicklung des Stoffes und der Figuren genommen und längere Auszeiten nur zum Schreiben.

 

Wie lange hast Du am Roman geschrieben und wie verlief der Schreibprozess?

 

Insgesamt waren es zweieinhalb Jahre in denen ich mir, jeweils im Winter, einige Wochen und Monate reine Schreibzeit erarbeitet habe. Begonnen hat es mit einem Stipendium der Kulturbehörde Hamburg, ich durfte damals im Januar 2014 vier Wochen im Laudinella Hotel in St. Moritz schreiben. Da habe ich auch gemerkt, dass ich ohne Ablenkung vom Alltagsrauschen am besten schreiben kann.

 

Erzählst Du uns ein bisschen, wie der Roman entstanden ist? Er spielt ja an verschiedenen Orten, hast Du die alle bereist? Woher kam die Idee für die Geschichte?

 

Die Geschichte hatte ich schon vor Jahren grob entwickelt, das Stipendium half, den Stoff anzugehen. Und tatsächlich habe ich alle Orte bereist, oder habe wahlweise eben auch dort gelebt. Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman, denn ich bin am Bodensee aufgewachsen, habe in Ravensburg den Beruf des Kochs erlernt. Seit zwanzig Jahren schon ist mir Hamburg neue Heimat geworden und auch da spielt der Roman, in den Restaurants und Magazin-Redaktionen der Gegenwart. Das Buch ist darüber hinaus allerdings wenig biographisch. Mich hat vielmehr die alte Frage beschäftigt, wie viel Kunst eigentlich im Kochen steckt – darüber wollte ich schreiben und dafür habe ich die Kunst gleich mit ins Boot geholt.

 

Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz
Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz

In dem Roman geht es ja auch um Kunst bzw. Eat-Art. Wie ist dazu Deine Beziehung? Und wie hast Du zum Thema Kunst recherchiert?

 

Essen und Genuss haben viel mit Kunst gemeinsam. Ein Tellergericht kann uns inspirieren, berühren, Gefühle auslösen – wie eine Gemälde, eine Fotografie, ein Musikstück. Der große Unterschied besteht darin, dass das Tellergericht nicht nur wesentlich vergänglicher ist, sondern dass wir uns das Tellergericht auch einverleiben können, es wird ein Teil von uns. Die Eat-Art erhebt das so lebensnotwendige, wie alltägliche Thema der Ernährung in allen Facetten zum Gegenstand der Kunst. Ich schätze die Eat-Art sehr, weil oft auch ein guter Humor mitschwingt, von Daniel Spoerris „Fallenbildern“ in den 60er-Jahren, über Dieter Roths „Literaturwürste“ bis hin zur wunderbaren, niederländischen Künstlerin Marije Vogelzang, die heute Food, Design und Philosophie in ihren künstlerischen Arbeiten und Aktionen vereint. Zur Eat-Art habe ich recherchiert, vor allem aber auch ein paar spannende Bücher über Kunstfälscher und Kunsthandel gelesen, und bei der Hamburger Polizei viel über die Fahndung nach Vermissten und Langzeitverschwundenen gelernt.

 

Gab es das Promi-Zählen-Spiel in New York wie es im Roman vorkommt eigentlich wirklich?

 

Das alberne „Star-Watch-Bingo“ habe ich erfunden (lacht) und es ist eng verwoben mit einem anderen Running Gag im Buch: Vor Jahren las ich mal irgendwo, dass es in New York unmöglich wäre, eine Straße zu überqueren, ohne nicht wenigstens Robert de Niro zu begegnen. Mit diesen „Star-Geschichten“ in den New-York-Teilen des Romans, versuche ich auch an die Zeiten der glamourösen Superstars aus Film, Kunst und Mode zu erinnern, die gab es damals noch, in den späten 80ern und beginnenden 90er-Jahren. Das war eine Zeit, in der eben auch ein deutscher Künstler wie Gustav Glander in New York zum gefeierten und hochgejazzten Liebling und Superstar werden konnte.

 

Gib's zu, da ist auch einiges aus Deinem Leben im Roman versteckt?

 

Die Realität ist ja gerne mal Stichwortgeber für den Autor und mein erstes Buch „Monsieur, der Hummer und ich“ war stark biographisch geprägt. Schon bei „Schlaraffenland“ war das anders und im Roman sind es jetzt eher Erfahrungen und Erkenntnisse gastrosophischer Art, weniger konkrete Begebenheiten, die den Text prägen. Mit Vergnügen habe ich aber ein paar meiner Lieblingsongs und Bands im Buch „versteckt“.

 

Was möchtest Du den Lesern von „Der große Glander“ vermitteln?

 

Im besten Fall die Freude am Genuss und ein Verständnis dafür, was Genuss bedingt: Handwerk, Hingabe und Leidenschaft.

 

Verrätst Du uns ein Rezept von einem Gericht, das im Roman vorkommt?

 

Das wäre dann ja wohl die berühmte Zunge mit polnischer Sauce die im Buch einen großen Auftritt hat:

 

Dazu für 4 Personen 1 gepökelte Kalbszunge (ca. 900 g, beim Metzger vorbestellen) kalt abspülen und in einem Topf mit Wasser einmal aufkochen. Derweil 1 Bund Suppengrün und 3 Gemüsezwiebeln waschen, grob würfeln und in einem zweiten Topf mit reichlich Wasser, 3 Lorbeerblättern, 1 EL weißen Pfefferkörnern und 1 TL Salz aufkochen. Die Zunge aus dem ersten Kochwasser jetzt in den Topf mit den Gemüsen und Gewürzen geben und bei mittlerer Hitze zweieinhalb Stunden leise köcheln lassen.

Inzwischen für die polnische Sauce 4 Eier hart kochen und kalt abschrecken. Eine Mayonnaise herstellen: für die Zubereitung der klassischen Mayonnaise sollten alle Zutaten die gleiche Temperatur haben (Kühlschrank oder Zimmertemperatur), das verhindert ein mögliches Gerinnen. Die Eier sollten wirklich frisch sein. Die Mayonnaise im Kühlschrank aufbewahren und am Tag der Herstellung verbrauchen. 1 Eigelb mit 1 TL scharfem Senf, 1 TL Weißweinessig und 1 Prise Salz mit dem Schneidstab im Mixbecher pürieren. 150-200 ml Pflanzenöl erst tröpfchenweise, dann in dünnem Strahl untermixen. Mit Salz würzen und kalt stellen. 2-3 Salzgurken (oder Gewürzgurken) fein würfeln. Die gekochten Eier pellen und grob hacken. 1 Bund krause Petersilie hacken, 1 Bund Dill fein schneiden. 1-2 TL Kapern mit 1 EL Kapernflüssigkeit und allen vorbereiteten Zutaten unter die Mayonnaise rühren. Mit Salz, einer Prise Zucker, etwas scharfem Paprikapulver und einem Spritzer Kräuteressig fein abschmecken.

Zunge aus dem Kochwasser nehmen, kurz unter kaltem Wasser leicht abkühlen und dann, noch heiß, die Haut abziehen. Zunge in Scheiben schneiden und mit der Sauce servieren. Dazu passen Pellkartoffeln mit Kümmel.

 

Lieber Stevan, vielen Dank für das Interview!

 

Stevan Paul

1969 geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in seiner Heimatstadt Ravensburg, am Bodensee und im Allgäu, seit über zwanzig Jahren lebt er nun schon in Hamburg. Der gelernte Koch ist Autor zahlreicher Kochbuchbestseller, schreibt als freier Journalist kulinarische Texte und Reisereportagen für Zeitschriften und Magazine, ist Radiokolumnist.

Stevan Paul betreibt eines der meistgelesenen Genuß-Blogs im deutschsprachigen Raum.

www.nutriculinary.com www.stevanpaul.de

 

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"Inspirierend und schön, wie verschieden jede arbeitet" - Ludmilla Bartscht im Interview

Acht deutsche SPRING-Zeichnerinnen haben in einer Schriftstellerresidenz nahe Bangalore acht ihrer indischen Kolleginnen getroffen und mit ihnen gemeinsam die aktuelle Ausgabe des SPRING-Magazins erarbeitet. In den Comics und Zeichnungen erzählen sie vom Leben als Frau in unterschiedlichen Kulturen, von Vorbildern, offenen Fragen, Sexualität, Stolz, Gewalt und Konflikten. Die Geschichten sind unterhaltsam und dramatisch, persönlich und allgemeingültig. Viele von ihnen drehen sich um einen oft ignorierten Zustand, den kaum einer anzusprechen wagt – "The elephant in the room", wie es im Englischen so schön heißt.

Ludmilla Bartscht erzählt uns im Interview von ihren Eindrücken und Erfahrungen während des Aufenthalts und von der Entstehung des neues SPRING-Magazins.

Wie sah euer Arbeitsalltag in Indien aus?

Zu Beginn haben wir einen Zeitplan für alle 10 Tage gemacht und jede hatte die Möglichkeit, einen kleinen Workshop anzubieten. Die ersten Tage gab es nach dem Frühstück eine Art Zeichen-Warm-Up. Von reinen Zeichenübungen bis zu Kreativ- oder Textübungen gab es alles.

Nach diesem gemeinsamen Start in den Tag hat sich jede einen Arbeitsplatz gesucht und für sich überlegt, skizziert, gezeichnet. Da es nicht wirklich viele Zeichentische gab, hatten manche ihren Arbeitsplatz auf dem Bett, auf einer Decke auf der Wiese oder auf einer Steinbank. Abends haben wir uns gegenseitig vorgestellt, was wir machen.

Nach zwei Tagen hatten wir die erste große Besprechungsrunde, in der wir uns gegenseitig die ersten Ideen und Ansätze gezeigt und erzählt haben. Da wir 16 Zeichnerinnen waren, ging das sehr lang und wir mussten das aufteilen. Dann hat sich wieder jede an ihren Arbeitsplatz zurückgezogen. Wer wollte hat das Gespräch zu zweit oder in Kleingruppen gesucht. Wir waren ja auf kleinem Raum zusammen, so dass man immer irgendwo jemanden fand und im Vorbeigehen sehen konnte, was sie gerade macht.

Welche Erfahrungen habt ihr gesammelt?

Ich denke, jede hat für sich andere Erfahrungen gemacht. Für mich war es sehr inspirierend und schön zu sehen, wie unterschiedlich jede arbeitet. Gleichzeitig fand ich es manchmal schwer, mich auf das eigene Projekt zu konzentrieren, weil ich am liebsten allen über die Schulter geschaut hätte, um mitzubekommen, wie sich deren Projekte entwickeln. Ich hatte meinen Arbeitsplatz unter einem kleinen Baum, der mir Schatten spendete. Wenn ich sehr konzentriert arbeiten wollte, hörte ich Musik über meine Kopfhörer, wenn ich offen für Gespräche war, hatte ich sie nicht auf. Wenn jemand Lust hatte, war sie willkommen, sich zu mir auf meine Decke zu setzen. Entweder sprachen wir dann über ihr Projekt oder über meines oder über ganz anderes.

 

Gegen Ende haben wir die Warm-Ups durch Gruppen-Besprechungen ersetzt. Uns war es sehr wichtig, immer wieder einen Austausch herzustellen und die Geschichten gegenseitig zu begleiten und zu fördern. Ich fand es außerordentlich spannend, wie sich die Geschichten von der ersten Idee bis hin zum fertigen Beitrag entwickelt haben. Ich bin zum Beispiel ganz woanders gelandet, als ich erwartet habe. Ursprünglich wollte ich einen „klassischen" Comic machen, habe aber aus Ratlosigkeit zwischendurch Ananas-Strips gezeichnet … tja, und am Ende wurde das dann mein Beitrag. Ohne den Zuspruch der Gruppe hätte ich das nicht gewagt.

Habt ihr in der Zeit dort etwas gelernt?

Ich habe für mich gelernt, dass die Bedürfnisse nach Anerkennung, Unabhängigkeit oder Zuneigung überall gleich sind und eigentlich nur die Rahmenbedingungen anders und dementsprechend Einfluss auf jede Einzelne haben.

 

Was war das Highlight eures Aufenthalts?

Natürlich war das Essen ein Highlight. Vegetarisch, immer frisch und sehr vielseitig. Einfach köstlich!

Wovon habt ihr euch für eure eigene Geschichte inspirieren lassen?

Auch hier war der Zugang zu einer Geschichte sehr unterschiedlich. Viele haben ihre Inspiration in der eigenen Biografie oder Familiengeschichte gefunden, aber es gab auch Themen, bei denen wir gemerkt haben, da hat jede eine Story zu erzählen. So sind die kurzen Geschichten/Comic-Strips wie die Bra-Stories im neuen SPRING entstanden. Wir hatten viel Spaß dabei, uns gegenseitig die absurdesten Geschichten zu erzählen, aber auch tragische und erschreckende Erfahrungen haben wir ausgetauscht. Natürlich hat nicht alles den Weg in das neue Spring gefunden. Teilweise weil wir das nicht wollten und weil wir auch fanden, wie wichtig es ist, Mut zu machen. Gleichzeitig nichts zu verschweigen, ein Mittelmaß zu finden, das ist die Kunst. Ich hoffe, das ist uns mit dem neuen SPRING gelungen!

Fotos: Larissa Bertonasco

 

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Neuerscheinung: SPRING #13 - The elephant in the room

Am 15. August erscheint offiziell die 13. Ausgabe des SPRING Magazins. Die diesjährige Ausgabe ist etwas ganz besonderes: Sie ist nämlich in Indien entstanden. Acht SPRING-Zeichnerinnen haben mit acht indischen Kolleginnen in einer Schriftstellerresidenz nahe Bangalore gemeinsam an der Ausgabe gearbeitet. In den dort entstandenen Comics und Zeichnungen erzählen sie vom Leben als Frau in unterschiedlichen Kulturen, von Vorbildern, offenen Fragen, Sexualität, Stolz, Gewalt und Konflikten. Die Geschichten sind unterhaltsam und dramatisch, persönlich und allgemeingültig. Viele von ihnen drehen sich um einen oft ignorierten Zustand, den kaum einer anzusprechen wagt – "The elephant in the room", wie es im Englischen so schön heißt.

 

Im Juli feierten wir den Release der neuen Ausgabe im Enfants Artspace in Hamburg. Hier eine schöne Bildergalerie von Fotograf Manfred Bogner:

 

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"DAS MAG - The Best-Of"

Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden

Heute erscheint DAS MAG in einer einmaligen deutschen Sonderausgabe hier bei uns im mairisch Verlag– und zwar als ein Best-of der spannendsten jungen Autorinnen und Autoren. 

Mit Erzählungen, Gedichten und Essays von u.a. Lize Spit, Joost de Vries, Maartje Wortel, Daan Heerma van Voss, Bregje Hofstede, Wytske Versteeg, Jan Postma, Peter Terrin und Maud Vanhauwaert. Im Heft finden sich aber auch exklusive kürzere Texte von etablierten Autoren wie Herman Koch, Saskia de Coster, Dimitri Verhulst, Gerbrand Bakker, Charlotte Mutsaers und Tom Lanoye.

Wer sich passend zum Buchmesse-Schwerpunkt einen repräsentativen Überblick über aktuelle Literatur aus Flandern und den Niederlanden verschaffen will, liegt mit DAS MAG genau richtig.

 

Mehr Infos und Bestellung:
Das Mag - The Best-Of

 

Diese Ausgabe ist unter anderem während unseres Aufenthalts in Amsterdam im Februar entstanden. Im Zuge unserer Interviewreihe haben wir mit den Verlagsgründern Toine Donk und Daniël van der Meer über das Festival, ihren Verlag und natürlich schöne Bücher gesprochen. Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Interview:

 

Toine: Wir hatten schon immer hundert Ideen, wir konnten nur nicht immer alle auch umsetzen. Aber eine Idee, die wir schon immer machen wollten, waren die Buchclub-Festivals, die wir seit 2013 veranstalten. Das Magazin war eine Plattform, mit der man die eigene Marke (um ein schlimmes Wort zu benutzen) oder die eigene Community (um ein etwas besseres Wort zu benutzen) aufbauen konnte, von dort aus konnte man dann noch andere Sachen machen. Natürlich ging es auch darum, uns eine Einnahmequelle aufzubauen.


Daniël: Die Idee des Buchclubs entstand daraus, dass wir viele Leseexemplare von Verlagen erhielten, meist mehr als wir brauchten. Die Verlage wollten keine Anzeigen im Magazin schalten, aber sie schickten uns tonnenweise Leseexemplare ihrer Bücher, oft, bevor sie im Laden zu kaufen waren. Unsere Freunde fanden das sehr cool. Wir hörten also aus den USA von der Idee, Buchclubs zu veranstalten, und auch die Verlage und ihre Autoren fanden das sehr reizvoll. Sie konnten Bücher einem kleinen Kreis von Lesern vorstellen und sie mit ihnen besprechen, bevor sie veröffentlicht waren.

 

Toine: Es funktioniert also so: Alle Zuschauer kriegen vorher von uns die Leseexemplare, lesen sie zur Veranstaltung, treffen dann auf den Autor und sprechen mit ihm darüber, in einem ganz normalen Gespräch. Die erste Veranstaltung war großartig. Es war eine ganz neue Erfahrung. Und für den Autor waren es die allerersten Rückmeldungen seiner Leser. Wir waren alle sehr enthusiastisch. Ich bin dann direkt danach in den Urlaub nach Griechenland gefahren. Ich dachte: Wir sollten so eine Veranstaltung jede Woche machen! Ich konnte nicht schlafen, es war total heiß - und dann kam ich auf die Idee, das Ganze als Festival zu machen, mit 30 Events in einer Nacht an unterschiedlichen Orten! Und genauso haben wir es dann gemacht. 

 

Viele Autoren aus den Niederlanden und Flandern lernten über die Festivals die Arbeit von Das Mag kennen. Mit ihren Workshopwochenenden, ihrem Magazin, ihrer Aufmerksamkeit auch für kleinste Details und ihrer unkonventionellen Art schafften sie es in relativ kurzer Zeit, eine große Community aufzubauen, die ihnen und ihrer Arbeit vertraute. Das sollte auch bei ihrem nächsten Schritt entscheidend sein: Der Gründung eines Verlags.

 

Daniël: Wir hatten ja schon lange mit Verlagen gearbeitet, bei Buchpräsentationen, in der Pressearbeit, auch im Lektorat. Im Grunde haben wir oft Arbeiten gemacht, die zum Kerngeschäft eines Verlags gehören, und zwar für andere. Wir dachten also irgendwann: Wir könnten das auch vereinen und für unseren eigenen Verlag machen. Natürlich ist es ein langer Weg, das dann auch wirklich zu tun, aber viele Autoren waren sofort da und sagten: Wenn ihr einen Verlag startet, will ich mein nächstes Buch mit euch machen!


Toine: Wir haben dann etwa zwei Jahre an den Vorbereitungen gearbeitet. Wir haben mit vielen Autoren gesprochen, einige davon waren deutlich über unserer Liga, aber wir wollten einfach mal hören, wie die Ansichten und Bedürfnisse von Autoren in Bezug auf einen Verlag sind.

 

Das Mag starteten dann eine einmalige Crowdfunding-Aktion: Sie riefen dazu auf, einer von 3.000 Mitgründern des neuen Verlags zu werden. Für 50, 100 oder 200 Euro bekam man verschiedene Buchpakete, exlusive Vorabversionen, signierte Bücher und Einladungen zu Events. Zu Anfang schien die Zahl von 3.000 Menschen unerreichbar hoch, doch letztlich kamen innerhalb eines Monats wirklich fast 3.200 Interessierte zusammen, die ihr Geld investierten. Der Verlag Das Mag war geboren und das erste Programm mit den Autoren Maartje Wortel, Lize Spit und Walter van den Berg konnte produziert werden - und hatte auf diese Art natürlich auch sofort über 3.000 Leser.

 

Daniël: Unser Claim war von Anfang an: Less Books. Also mehr Aufmerksamkeit auf weniger Titel. Wir schauen auch gar nicht so sehr danach, was andere Verlage machen, wir orientieren uns eher an ganz anderen Branchen, wie etwa der Musikbranche.

 

Toine: Die Literaturbranche scheint uns in vielen Bereichen nicht auf der Höhe der Zeit. Und ohne große Erfahrung an etwas heranzugehen, erscheint uns sehr oft als Vorteil. Wir lassen uns gerne alle Konventionen erklären, aber wenn wir sie beim zweiten Mal noch immer nicht verstanden haben, machen wir es einfach anders.

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Fotos "DAS MAG Leseclub Festival Berlin"

Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden

Am 24. Juni fand das Das Mag Leseclub Festival in Berlin statt. Trotz hochsommerlichen Temperaturen ein voller Erfolg: Die 12 Leseclubs waren komplett ausverkauft! Hier gibt es nun ein paar Eindrücke von der Veranstaltung in den schönen Locations, mit tollen Autoren und noch tolleren Lesern. Danke an alle, die dabei waren!

Alle Fotos: Jonna Rutanen/Lana Duiverman

 

Am 1. August 2016 erscheint DAS MAG in einer einmaligen deutschen Sonderausgabe hier bei uns im mairisch Verlag– und zwar als ein Best-of der spannendsten jungen Autorinnen und Autoren. 

Mit Erzählungen, Gedichten und Essays von u.a. Lize Spit, Joost de Vries, Maartje Wortel, Daan Heerma van Voss, Bregje Hofstede, Wytske Versteeg, Jan Postma, Peter Terrin und Maud Vanhauwaert. Im Heft finden sich aber auch exklusive kürzere Texte von etablierten Autoren wie Herman Koch, Saskia de Coster, Dimitri Verhulst, Gerbrand Bakker, Charlotte Mutsaers und Tom Lanoye.

Wer sich passend zum Buchmesse-Schwerpunkt einen repräsentativen Überblick über aktuelle Literatur aus Flandern und den Niederlanden verschaffen will, liegt mit DAS MAG genau richtig.

 

 

Infos und Bestellung:
Das Mag - The Best-of

 

 

 

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mairisch goes Amsterdam!

Wir haben unseren Verlagssitz für einen Monat in die Niederlande verlegt - und berichten darüber hier im Blog.

 












Amsterdam-Blog:

Bildergalerie: mairisch in Amsterdam

So, das wars! Für uns war der Monat in Amsterdam eine großartige, spannende, lehrreiche, anstrengende und lustige Aktion.
Und wir hoffen, Ihr hattet beim Lesen der vielen Blog-Texte und Interviews Spaß.

Zum Abschluss noch eine kleine Bildergalerie von uns - Danke fürs Mitlesen und bis bald.

 

Fotos von: Blanka Stolz, Peter Reichenbach, Hannah Zirkler, Daniel Beskos, Dorian Steinhoff.

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Indieverlage in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

 

Natürlich haben wir uns während unserer Zeit in Amsterdam auch auf die Suche nach tollen Indie-Verlagen begeben - und sind fündig geworden. Allerdings ist die Szene deutlich kleiner als in Deutschland. Neben den hier bereits vorgestellten Verlagen Podium, Bananafish und Das Mag haben uns diese Indies hier auch sehr begeistert:

 

Loopvis

Marije Sietsma gründete 2012 ihren eigenen kleinen Verlag Loopvis und managed ihn seitdem alleine, ab und an mit ehrenamtlicher Unterstützung oder unter Mithilfe von Flüchtlingen, und das neben einer Stelle als Journalistin für ein Gartenmagazin. Respekt!

 

Ihr Programm konzentriert sich auf besonders schöne und einzigartige Koch- und Kinderbücher, wie beispielsweise über das typisch niederländische Gericht Stamppot, aber auch ein Bildband über die Toilettenkultur der Niederländer ist in Planung. Die Gestaltung ist ihr dabei ganz besonders wichtig und ihre Bücher gewannen schon einige Designpreise.

 

Im letzten Jahr gründete Marije zusätzlich den Visclub. Jeder Mitglied bekommt sieben Mal im Jahr ein kleines Paket mit schönen Dingen und Büchern mit Fischthematik.

www.loopvis.nl

Neben den regulären Büchern erscheinen bei Loopvis seit einiger Zeit Okapi's – kleine, schön gestaltete Heftchen, die als Briefe verschickt werden können. Darunter gibt es ein Museumsbingo für Kinder, Gute-Besserungs-Geschichten oder Mobile zum Ausschneiden.

Einer unser Kinderbuch-Favoriten von Loopvis ist die modern abgewandelte Version von „Die sieben Geislein“: Großartige Illustrationen, ein wunderschönes Layout und vor allem echt knallige Farben.

Wintertuin

Wintertuin legt ebenfalls sehr viel Wert auf schöne Gestaltung und verlegt "eigensinnige" Bücher mit außergewöhnlichen Themen. Der Verlag bietet außerdem Schreibworkshops und Bootcamps für Autoren an, organisiert Lesefestivals und Podiumsdiskussionen und betreibt eine Bookingagentur für junge Autoren.

www.wintertuin.nl

 

Maven Publishing

Maven Publishing konzentriert sich auf das wissenschaftliche Zugänglichmachen von menschlichem Verhalten. Jedes Jahr veröffentlicht der Verlag die neuesten Erkenntnisse und Themen in diesem Bereich - und das sehr ansprechend gestaltet. Zudem organisiert das Verlagsteam regelmäßig Veranstaltungen.

www.mavenpublishing.nl

 

Uitgeverij Snor

Snor wurde 2006 gegründet und hat es sich zum Ziel gemacht, Alltägliches wie Hausarbeit, Handwerkliches und Kindererziehung etwas bunter und fröhlicher zu gestalten. Seitdem veröffentlicht der Verlag schön gestaltete Bücher, die Lust machen aufs Selbermachen. Ihren Blog füttert das Team regelmäßig mit tollen Interviews und Tipps zu diesen Themen. Im Webshop gibt es neben den Büchern schön verpackte Schokolade, Poster und Kalender. Einmal im Jahr veranstaltet der Verlag zudem ein Festival mit Workshops, Musik und leckerem Essen.

www.dewereldvansnor.nl

 

Uitgeverij Vrijdag

Der belgische Verlag Vrijdag veröffentlicht eigensinnige und besondere Belletristik, Sach- und Kinderbücher und das sehr erfolgreich. Viele der Bücher waren schon für große Preise nominiert und erhielten Auszeichnungen. Vrijdag kann also definitiv mit den großen Verlagen mithalten. Und das stilvoll, innovativ und überraschend, so ihr Motto. Nebenbei pflegt der Verlag seinen literarischen Blog und veranstaltet Lesungen.

www.uitgeverijvrijdag.be

 

Uitgeverij Karaat

Karaat wurde 2009 gegründet, seit 2010 erscheinen zwischen vier und sechs Bücher jährlich. Der Verlag legt großen Wert auf hohe Qualität der literarischen Titel und veröffentlicht längst vergessene Klassiker der Weltliteratur neben junger niederländischer Literatur. Besonderer Fokus liegt dabei auf Kurzgeschichten und Essays.
www.uitgeverijkaraat.nl

 

Uitgeverij Passage

Anton Scheepstra betreibt seinen Verlag Passage seit vielen Jahren in Groningen. Pro Jahr erscheinen etwa 20 Titel, darunter viele junge niederländische Autoren, aber auch Sachbücher, wissenschaftliche Texte und Bücher zur Region Groningen. Aktuell erschienen ist eine schön gestaltete Box mit 10 Lyrikbänden in einem Schuber. Außerdem ist Anton Scheepstra der Hauptmotor des niederländischen Indiebookday!
www.uitgeverijpassage.nl

 

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Unsere Begleiter: Reiseführer Amsterdam

Von Hannah Zirkler

 

Um nichts Wichtiges in Amsterdam zu verpassen, haben wir uns mit ein paar Reiseführern ausgerüstet und mit ihnen die Stadt erkundet. Hier unsere Begleiter:

 

Gestalterisch hat es uns besonders der CITIx60 Amsterdam von Viction:ary angetan.

 

Inhaltlich unterteilt ist dieser englischsprachige Reiseführer in die Kategorien Landmarks & Architecture, Cultural & Art Spaces, Markets & Shops, Restaurants & Cafés und Nightlife. Für jedes Interesse also etwas dabei.

Außerdem gibt es im hinteren Teil übersichtliche Karten und Platz für eigene Notizen. Dank handlicher Größe passt dieses Büchlein perfekt in jede Tasche.

 

Lieblingstipp: Mana Mana, ein israelisches vegetarisches Restaurant.

 

 

99 x Amsterdam wie Sie es noch nicht kennen aus dem Bruckmann Verlag ist ein etwas anderer Reiseführer, der 99 besondere Orte, Cafés und andere Sehenswürdigkeiten präsentiert, abseits der normalen Touristenattraktionen.

 

Lieblingstipp: Cafè Trust in De Pijp. Ein sehr schönes Café, in dem die Gäste selbst entscheiden können, wieviel sie für ihre Speisen und Getränke bezahlen.

 

 

 

 

 

 

Einen ähnlichen Ansatz hat auch 111 Orte in Amsterdam, die man gesehen haben muss aus dem Emos Verlag. Tolle Tipps für besondere Orte, die nicht in jedem Reiseführer stehen.

 

Lieblingstipp: Café Brecht, deutsches Bier und Wein, Bilder von Brecht und Marlene Dietrich an der Wand. In diesem schönen Café, das abends zur Bar wird, lässt sich ganz gemütlich das ein oder andere Bier trinken.

 

 

 

 

 

 

 

100% Amsterdam cityguide führt anhand verschiedener Spaziergänge durch die Stadt, sodass man nichts verpassen kann. Zudem gibt es Stadtpläne der jeweiligen Viertel, eine kleine ausführliche Karte zum Herausnehmen und sogar eine App mit GPS-Funktion.

 

Lieblingstipp: Roopram Roti, leckere Roti aus Surinam. Auch wenn die Einrichtung nicht die gemütlichste ist: Hier gibt es mit die leckersten Roti, die uns in der Stadt begegnet sind.

 

 

 

 

 

 

Der Styleguide Amsterdam von National Geographic ist prall gefüllt mit den besten und stylischsten Adressen der Stadt. Hübsche Cafés, tolle Restaurants, kleine Lädchen und schöne Orte zum Entspannen bietet dieser Guide, sortiert nach den einzelnen Stadtvierteln und reich bebildert.

 

Alle Reiseführer wurden uns netterweise von den Verlagen zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

 

 

 

 

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Hagelslag, Stamppot, Bitterballen und Co. - Futtern in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

Interviews führen, mit den Rädern durch die Stadt flitzen, Artikel schreiben und die ganz normale alltägliche Verlagsarbeit bewältigen: Alles macht hungrig. Neben den niederländischen und belgischen Bieren haben wir uns auch durch die landestypischen Leckereien gefuttert und möchten hier unsere Lieblinge präsentieren:

 

 

Frühstückszeit in Amsterdam, natürlich darf da ein Brot mit Hagelslag nicht fehlen. Diese Streusel, die wir Deutsche gerne zu Weihnachten auf unsere Plätzchen streuen, wandern hier in den verschiedensten Variationen zusammen mit Butter auf Brotscheiben, Croissants oder Brötchen. Zuckerschock am Morgen vorprogrammiert, aber wir lieben es!

 

 

Vor süßen Leckereien zu einer guten kopje koffee oder koffie verkeerd kann man sich hier kaum retten. Einer unserer persönlichen Favoriten ist der pink-glasierte Blätterteigkuchen gefüllt mit Vanillepudding, tom poes genannt. Die Glasur wird zu Festtagen auch gerne einmal in Oranje geändert. Nicht ganz einfach zu essen, aber hat definivit Suchtpotential.

 

Auch sehr lecker: Bossche Bollen aus dem Süden des Landes, ein mit Sahne gefüllter Teigball mit Schockoladenüberzug, oder Kersen Rastervlaai (Kirschkuchen). Natürlich haben wir auch diverse appeltaart met slagroom probiert. Wer keinen Kaffee mag, der trinkt hier gerne Chocomel, oben auf dem Bild in überdimensionierter Form am Strand von Zandvoort.

 

Weiterer Süßkram:

Am frühen Abend geht es hier gerne in eine Bar auf ein Bier und ein Gläschen Jenever (der Gin der Holländer).

 

 

Dazu gibt es meist eine Ladung Bitterballen mit Senf, das sind frittierte Fleischbällchen mit Ragout gefüllt, Kroket oder Frikandel. Oder auch Pommes mit diversen Soßen. Unser Favorit: Joppiesaus! (Besteht aus Öl, Zwiebeln und Curry).

 

 

Zum Abendessen gibt es hier auch richtig Deftiges, gerne auch mit Einschlag aus Indonesien oder Surinam (Roti!) - oder eben Stamppot, das niederländische Nationalgericht.

 

 

Und natürlich haben wir auch die berühmten FEBO-Automaten getestet. Favorit hier: Kaassoufflé!

 

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„Craquelures“ im Text: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Daniël Rovers

 

Von Blanka Stolz

 

Kennengelernt habe ich Daniël in Berlin vor ein paar Jahren als Stipendiat des Goethe-Instituts. Heute treffen wir uns in Amsterdam, die Stadt, in der er momentan lebt und als Schriftsteller arbeitet. Wir drehen eine kleine Runde zu Lieblingsorten. Wir treffen uns an der Fähre am Hauptbahnhof und fahren über den IJ zum EYE Filmmuseum, gehen in der Nähe des Hauptbahnhofs in das Café Dwaze Zaken und essen später in der Brasserie Schiller das niederländische Nationalgericht Stamppot, ein Eintopf in diesem Fall aus gestampftem Boerenkool (Grünkohl) und Kartoffeln mit einer Rauchwurst. Wir unterhalten uns auf Deutsch.

Daniël Rovers (Foto: Koos Hageraats)
Daniël Rovers (Foto: Koos Hageraats)

Du sprichst sehr gut Deutsch. Warum lernst Du ausgerechnet Deutsch und was verbindet Dich mit der deutschen Sprache?

Ich habe in der Schule Deutsch gelernt. Aber halt so, wie man eine Sprache in der Schule lernt. Richtig befasst mit der deutschen Sprache und Kultur habe ich mich erst jetzt – und es hat mir großen Spaß gemacht. Endlich mal wieder eine Sprache lernen! Das ist wie wenn man Tanzen lernt: man ist froh über das, was man kann und dann sieht man, was man noch lernen muss. Das ist das utopische Moment des Fremdsprachenerwerbs. Ich habe einen tollen Sprachkurs in Berlin, in Neukölln, gemacht. Da saß ich zusammen mit Leuten aus Korea, der Schweiz, der Ukraine … und ich habe nicht nur deutsche Grammatik gelernt, sondern auch viel über das Leben der anderen Teilnehmer erfahren. Und man wird in seiner eigenen Sprache genauer und einfallsreicher. Ich liebe es Deutsch mit Deutschen zu reden – nur dann, wenn man in der Muttersprache mit ihnen redet, lernt man die Einwohner eines Landes kennen. Vielleicht liegt es an der protestantischen Herkunft des Deutschen, in Gesprächen scheinen mir die Leute immer bereit, sehr in die Tiefe zu gehen. Und es wird auch sehr viel gelesen, meiner Meinung nach. Wenn man in den Niederlanden im Zug sitzt, schauen alle auf ihre Handys; in Berlin liest man ein Buch oder E-Book in der U-Bahn. Oder sehe ich das alles jetzt zu „rosig“?

 

Leider kann ich nur die wenigen Texte von Dir lesen, die von Dir ins Deutsche übersetzt wurden, weil ich kein Niederländisch spreche. Dazu gehört die Reportage Eine Reise nach Someren-Eind. Die Reportage zoomt sich förmlich in den Ort, in den Garten, in das Leben der Hauptfigur Tiny hinein. Wie findest Du Deine Themen und literarischen Techniken?

Ich habe mich intensiv mit Tiny beschäftigt und habe eine Woche lang bei ihr gewohnt, weil ich wissen wollte, wer sie ist und um sie wirklich kennenzulernen. Und so wie Tiny sich auf Google in den Ort hineinzoomt, habe ich immer tiefer in ihr Leben geschaut und das aufgeschrieben. Auf Niederländisch ist der Text in der Literaturzeitschrift De Gids veröffentlicht. Vorbildlich in Sachen Reiseliteratur sind für mich David Foster Wallace (sein Supposedly Fun Thing I Never Do Again) und George Orwell – The Road to Wigan Pier war für mich halt die Straße nach Someren-Eind.

 

Einen anderen Text, den ich aus Deinen Erzählungen kenne, ist der über das Bild De Singelbrug bij de Paleisstraat in Amsterdam (Singelbrücke bei der Paleisstraat in Amsterdam) von George Hendrik Breitner, dem niederländischen Impressionisten und Maler Amsterdamer Stadtansichten. Das Bild zeigt eine Frau in einem Pelz auf einer Amsterdamer Brücke. Warum hast Du ausgerechnet über dieses Bild einen Text geschrieben?

Als ich 2008 von Brüssel nach Amsterdam zog, habe ich das Bild im Internet entdeckt und hatte es als Bildschirmschoner auf meinem Computer. Da ich vorher in Belgien lebte, suchte ich ein dezidiert niederländisches Bild. Dieses impressionistische Ölbild auf meinem Bildschirm hatte etwas sehr analoges, „zeithaftes“. Die „Craquelures“, die Furchen und Risse in der Oberfläche des Bildes, waren auf dem Bildschirm deutlicher zu sehen als auf dem Original, das im Rijksmuseum hängt. Ich wohnte damals im Witsenhuis, eine temporäre Wohnmöglichkeit für Schriftsteller. Dort lebte viele Jahre zuvor Breitner selbst. Irgendwann habe ich festgestellt, dass im Hausflur des Hauses ein Fotoporträt der Frau von der Singelbrücke hing. Dieser Frau – Lise Jordan, Breitners Schwägerin – bin ich also jeden Tag begegnet. In meinem Text gehe ich auf die Entstehung des Bildes ein. Breitner hatte die Frau auf dem Bild erst als Dienstmagd, als einfache Frau porträtiert. Das Bild ließ sich so jedoch nicht verkaufen und sein Galerist riet ihm, das Bild zu ändern. Breitner übermalte sein Bild, in dem er der Frau einen Pelzmantel malte. Er machte mit der weiteren Farbschicht eine Dame aus ihr. Es gibt ein Foto, das das Bild in der ersten Version zeigt. Für mich war die Auseinandersetzung mit dem Bild, mit seiner Entstehung und mit Lise Jordan ein Weg, in Amsterdam anzukommen und die Stadt kennenzulernen. Irgendwann will ich noch einen Amsterdam-Roman schreiben. Das habe ich mir fest vorgenommen!

 

 

Apropos Romane, Deine beiden Romane Walter und Elf kann ich leider nicht lesen. Erzähl doch kurz, um was es in den Büchern geht.

Walter ist ein Roman über einen Mann, der Pfarrer werden wollte, es aber nicht schaffte – weil er am Ende doch heiraten möchte. Der Roman fängt am Anfang der fünfziger Jahre an, und endet 1971. Eine Periode der Modernisierung und einer in den Niederländen sehr raschen Säkularisierung. Walter wird in eine Welt geboren, in der die katholische Kirche seine Heimat bildet. Am Ende steht er allerdings ganz alleine da. Mein Vater heißt Walter: er hat sich, zum meinem Glück, am Ende der Sechziger Jahre gegen das Pfarrersein entschieden. Aber Walter ist auch Walter Benjamin, der mal geschrieben hat das Erwachen eine exemplarische Form des Erinnerns ist – „der Fall, in welchem es uns glückt des Nächsten, Banalsten, und Naheliegendsten uns zu erinnern“. Elf hingegen ist ein zeitgenössischer Roman. Elf Personen, Freunden, alle wohnhaft in Brüssel, wird jeweils eine sehr kurze, persönliche Biografie gewidmet.

 

Nachdem Du den Roman Walter abgeschlossen hast, bist Du nach Sizilien und nach Lampedusa gefahren und hast Dich mit der Frage der Geflüchteten aus Kriegsgebieten auseinandergesetzt. Über Deine Erfahrungen hast Du eine lange Reportage geschrieben. Wie kam es dazu?

Nachdem ich den Roman Walter abgeschlossen hatte, fiel ich irgendwie in ein Loch. Das war im Jahr 2011. Der Krieg in Libyen und die Massenunruhen in Tunesien führten dazu, dass viele Menschen über das Mittelmeer flüchteten und in Lampedusa strandeten. Die rechte Rhetorik, die sich damals breitmachte, deprimierte mich. Sie zu widerlegen, erschien mir sinnlos. Das einzige was hilft, dachte ich, ist dorthin zu fahren. Den Geflüchteten quasi entgegenzufahren. Von den vielen Erlebnissen, die ich in meinem Text festgehalten habe, erinnere ich mich noch an eine Situation, die mich sehr getroffen hat, die Begegnung mit einem Sonnenbrillenverkäufer in Porto Empedocle, einer südsizilianischen Hafenstadt, der sagte: „Im Norden ist es noch härter.“ Er meinte damit die Situation derjenigen, die es in den Norden, in Städte wie Mailand, schafften. Die Geflüchteten kamen als junge, hoffungsvolle Menschen und lebten dann als Obdachlose.

 

Wie geht es Dir, wenn Du die Bilder der Menschen siehst, die heute u.a. aus Afghanistan, Iran und Syrien flüchten?

Das Thema der Geflüchteten dominiert die Politik und die mediale Berichterstattung in den Niederlanden genauso wie in Deutschland. Und wieder verschiebt sich die Politik und die Rhetorik in Richtung rechts. Ich würde mir eine Politik wünschen, die nicht so schnell in Panik gerät. Gerade wenn man sieht, wie schwierig es ist, die Ursachen der Flucht, den Krieg in Syrien, zu verhandeln.

 

Letzte Frage: wirst Du zur Buchmesse nach Frankfurt dieses Jahr fahren und wird Dein Verlag dort präsent sein?

Vielleicht. Das letzte Mal dass ich eine Messe besucht habe, war 2003 in Brüssel. Es war eine Landwirtschaftsmesse. Da waren richtige Kühe und Schweine und große Zugwagen. Ich arbeite damals für ein Landwirtschaftsmagazin. Es hat mir Kopfschmerzen bereit, sowohl die Arbeit als auch die Messe. Es gab nie genügend Sauerstoff, anscheinend wegen der vielen Kühe. Aber mein Verlag, Wereldbibliotheek, wird bestimmt auf der Buchmesse vertreten sein.

 

Von Daniël Rovers sind im Verlag Wereldbibliotheek die Romane Elf (2010) und Walter (2011), der Essayband De figuur in het tapijt (2012) sowie der Reisebericht De zon is het probleem niet (2014) erschienen. Im Moment arbeitet Daniël an seinem neuen Buch.

 

 

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"Manchmal muss man einfach Vertrauen haben" - Mara Joustra, Verlegerin von Bananafish

Von Daniel Beskos

 

Es ist ein sonniger Donnerstagvormittag. Hannah und ich treffen uns in der Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofs, in einer etwas abseits liegenden Ecke der Stadt, voller kleiner alter Industriegebäude, die an einer wunderschönen Gracht liegen. Hier ist das Büro von Bananafish, einem neugegründeten jungen Literaturverlag - einem der wenigen in den Niederlanden, übrigens, denn das Phänomen Junge Verlage ist hier eher ungewöhnlich. Wir sind hier, um mit Mara Joustra, einer der Gründerinnen, über ihren Verlag zu sprechen, den sie zusammen mit Matthijs Ponte und Wiebe Mokken gestartet hat.
Drinnen bekommen wir erstmal eine Führung durch die doch eher speziellen Räume - der Eigentümer hatte hier früher einen Fecht-Übungsraum, und noch heute stehen hier überall die Florette und Degen an den Wänden, und dazwischen überall Bücherkisten voller Graphic Novels (die zum ebenfalls hier ansässigen Verlag Scratch Books gehören) und eben eine Reihe Romane und Erzählbände, alle mit ziemlich bunten Covern.

 

Mara Joustra und Matthijs Ponte
Mara Joustra und Matthijs Ponte

Mara, du hast viele Jahre lang für den Graphic-Novel-Verlag Oog & Blik gearbeitet - wie kam es jetzt zur Gründung eines Literaturverlags?

Ich habe den Graphic-Novel-Verlag ja zusammen mit meinem Vater betrieben. Jetzt wollte ich einfach mal etwas anderes machen. Und wenn ich mich mit Leuten aus dem Literaturbetrieb unterhalten habe, lief das außerdem oft so ab:

"Hi, und was machst du"?

Und ich so: "Ich bin Lektorin und Programmmacherin."

"Oh, cool, und was für Bücher macht ihr so?"

"Graphic Novels"

"Ah, äh, ich glaub ich muss mal zur Toilette."

Man wurde nicht so richtig ernst genommen, es war immer ein Kampf. Jetzt wollte ich mal was anderes machen. Mit der Literatur ist es jetzt schon ein Unterschied: Wir übersetzen Bücher von Autoren, die einige Leute vielleicht sogar schon mal gehört haben.
Ursprünglich hatte ich eigentlich vor, einen Kinderbuchverlag zu gründen, das war schon immer eine große Passion von mir. Aber das ist derzeit hier etwas schwierig, es gibt sehr viel Konkurrenz. Und unser Investor von Scratch Books, der das alles hier gestartet hat, schlug mir vor, doch übersetzte Literatur zu verlegen. Ich dachte kurz nach, weil ich wusste, dass ich da jemand mit Erfahrung brauchte. Ich fand einen guten Partner in Matthijs Ponte, der früher das Lyrikhaus Perdu geleitet hat und dessen Traum es schon immer war, einen Verlag zu gründen. Und so widmen wir uns jetzt den Stimmen, die vielleicht in der niederländischen Literatur sonst nicht so oft zu hören sind.

 

Und übersetzt ihr zumeist aus dem Englischen?

Nein, wir haben wirklich alle möglichen, teils auch etwas abseitigen Quellen. Wir haben einen Autor aus Uruguay, einen aus Kroatien, einen aus Frankreich, einen aus Irland (aber das ist Gälisch, nicht Englisch), und ja, einen aus den USA.

 

 

Aber wie entscheidet ihr dann, was euch gefällt, ihr sprecht ja nicht diese ganzen Sprachen?

Wir machen das so: Wenn wir zum Beispiel zur Frankfurter Buchmesse gehen und deutsche Agenten oder Verlage treffen, dann schauen wir uns zunächst ganz interessiert deren aktuelle Kataloge an. Dann legen wir den irgendwann zur Seite und stellen diese eine Frage: "Von allen deutschsprachigen Büchern: Welches sollten wir unbedingt mal lesen? Welches ist das absolute Lieblingsbuch?" Dann gibt es meistens eine kurze Pause - und dann geht das Gespräch über Literatur richtig los! Und da ist man dann wirklich bei den Inhalten, da geht es nicht um Aktualität, sondern um Qualität. Und manchmal macht es dann bei mir Klick und ich weiß: Dieser oder jener Titel interessiert mich brennend. Und hin und wieder sieht man den Leuten dann eine Art Glücksgefühl an, wenn sie sagen: "Ja, ich weiß auch nicht, warum dieses tolle Buch noch nicht übersetzt wurde, aber es ist wirklich ganz wunderbar."

 

Aber ob es dir dann auch gefällt, weisst du dann ja immer noch nicht.

Stimmt. Aber manchmal gibt es zumindest eine englische Übersetzung oder wenigstens eine Leseprobe. Man muss auch einfach sehr viel recherchieren. Und man muss sich halt jemanden suchen, der die Sprache spricht. Manchmal muss man einfach Vertrauen haben, in die Leute, die einen umgeben, und sich auf deren Urteil verlassen.

 

Eure Buchcover sind ziemlich ungewöhnlich für den niederländischen Markt, oder?

Ja, die meisten Bücher in den Läden haben eher Fotos vorne drauf - gerne schwer erkennbare Körperteile einer jungen Frau, am liebsten mit roten Locken. Es ist überall das gleiche. Man weiß immer nicht, was für ein Buch einen da erwartet - ist es ein Erotikroman? Oder auch gerne verwendet: Blumen. Wir versuchen, da etwas entgegen zu arbeiten.

 

Wie kommuniziert ihr das?

Das hier links ist unser Katalog - er ist aufgemacht wie ein Buch, weil wir die Liebe zum Lesen einfach wieder stärker zum Ausdruck bringen wollen. Wir haben ein ganzes Jahresprogramm reingepackt, also Texte zu allen acht Büchern aus 2016, mit Leseproben, dazu Interviews und Meta-Texte. Und diesen Katalog verteilen wir jetzt an Buchhändler und andere Interessierte.

 

Und ihr verwendet keine Autorenfotos, sondern Illustrationen?
Ja, genau, die sind toll. Erik Kriek hat sie gemacht.

 

 

Ernest J. Gaines

Alfred Jarry

Michael Muhammad Knight

Mario Levrero


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"Medium is beautiful": Der niederländische Buchhandel - Interview mit Maarten Asscher

Von Daniel Beskos

 

Schlendert man durch Amsterdam, kann man schon staunen: In praktisch jeder Straße der Innenstadt findet sich eine Buchhandlung, meist gutsortiert und literarisch ausgerichtet. Aber geht es dem Buchhandel in den Niederlanden wirklich so gut? Ich habe mich mit Maarten Asscher getroffen, Geschäftsführer der sehr renommierten Buchhandlung Athenaeum.

 

Maarten Asscher, geboren 1957, arbeitet als Geschäftsführer von Athenaeum in Amsterdam. Früher war er selbst auch Verleger, außerdem ist er Autor, fünf seiner Bücher sind auch auf Deutsch erschienen.

 

Maarten, wie geht es dem Buchhandel in den Niederlanden?

Das Leben als literarisch anspruchsvoller Buchhändler ist hier in der Tat nicht übel, zumindest im kosmopolitischen Umfeld einer Großstadt wie Amsterdam. Wir haben hier zwei Universitäten und ein reiches Kulturleben. In der Provinz ist es aber eher schwierig, dort hat der Onlinehandel einen großen Teil des Marktes übernommen. In den kleinen Städten, in denen es an einem Publikum mangelt, das dem eigenen Leben durch Literatur einen Sinn gibt, ist es dagegen eigentlich zu teuer, einen stationären Buchladen zu betreiben.

 

Und wie sieht das Programm von Athenaeum aus?
Athenaeum ist ein Buchgeschäft mit Anspruch, wir haben etwa 40% internationale Titel und 60% niederländische Bücher. Unten hier am Spui-Platz betreiben wir das News-Center, in dem wir über 3.000 Magazine und Zeitungen anbieten, von denen wir viele extra importieren. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes haben wir ein akademisches Veranstaltungszentrum, dort machen wir etwa 250 Events pro Jahr, die viele Leute anziehen. Dann gibt es noch Filialen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, eine hier in der Stadt, eine in Haarlem und den Kunstbuchladen im Rijksmuseum. Das funktioniert alles ganz gut, aber natürlich ist eine Buchhandlung nicht unbedingt der einfachste Weg, Geld zu verdienen. Unser Geschäft bewegt sich immer näher am Idealismus als am Realismus. Geld von der Bank kriegt man dafür jedenfalls nicht. Deshalb ist es wichtig, unabhängig zu bleiben und nie die Kontrolle abzugeben. Nur so kann man sein Sortiment selbst aussuchen, seine Schwerpunkte selbst setzen und dabei auch noch Spaß haben.

 

Hat sich das Buchgeschäft in den letzten Jahren denn verändert?

Sehr. Die Tage der großen Buchhandelsketten und Medienkonglomerate wie etwa Selexyz und Polare sind definitiv vorbei. Die sind insolvent gegangen und die Buchhandlungen sind nun an neue, unabhängige Eigentümer übergegangen.

 

Woran lag das - kaufen die Leute weniger Bücher?
Diese Läden waren schlicht zu groß. Man braucht keine 3.000 oder 4.000 Quadratmeter Ladenfläche für einen Buchladen. Früher, bevor es das Internet gab, war das mal ein Vorteil, sehr viel Platz zu haben. Aber jetzt kauft man die abseitigeren Titel eh im Internet. Wir haben bei uns im Laden 35.000 Titel: Für einen normalen Leser, der auf der Suche nach einem guten Buch ist, reicht das locker aus. Und über unsere Webseite hat man eine Auswahl aus 12 Millionen Büchern, aber das geht eben nur in einem Webshop. 80.000 davon verschickt das niederländische Zentrallager Centraal boekhuis, aber alle anderen verschicken wir selbst.

Die ganz großen Läden sind also verschwunden und wir sind jetzt in einer Phase, die ich Medium is beautiful nennen würde. Zu klein funktioniert nicht so gut, man kann nicht investieren; zu groß ist auch problematisch, denn dann hat man viel zu viel Verwaltung mit Chief Executive Officers und Chief Financial Officers und Chief Operation Officers und so weiter, das ist auch völlig unnötig - mittelgroß ist also am besten und für uns funktioniert das sehr gut. Wir haben unter der Krise 2008  am wenigsten gelitten, eher noch von ihr profitiert, weil die Konkurrenz geschwächt wurde. Seitdem expandieren wir, aber nicht um größer zu werden, sondern stärker. Wir intensivieren unsere Position, aber wir dehnen uns nicht aus.

 

Der wunderschöne Laden von Athenaeum am Spui-Platz in der Amsterdamer Altstadt. (Foto von Google Street View)
Der wunderschöne Laden von Athenaeum am Spui-Platz in der Amsterdamer Altstadt. (Foto von Google Street View)
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Im Gespräch mit Aimée de Jongh über Graphic Novels in den Niederlanden

Von Daniel Beskos

 

Sind Graphic Novels in den Niederlanden verbreitet? Lesen Erwachsene Comics? Gibt es gar eine Comic-Scene?
Um das rauszufinden habe ich Aimée de Jongh in Rotterdam für ein Gespräch getroffen. Aimée wurde 1988 geboren, ist Comic-Zeichnerin und Illustratorin, außerdem hat sie Animation studiert. Schon mit 17 erschien ihr erster Comicband, inzwischen sind zahlreiche Bücher von ihr erschienen. Ihre jüngste Graphic Novel De terugkeer van de wespendief (Die Rückkehr des Wespenbussards) hat in den Niederlanden gute Resonanz erhalten und wurde auch in andere Sprachen übersetzt. Für eine Studentenzeitung zeichnet sie einen täglichen (!) Comicstrip (was nebenbei auch einen Großteil ihres Einkommens darstellt). Wir treffen uns am Rotterdamer Bahnhof in einem schicken Café und wandern dann zusammen durch die Stadt. Mehr über Aimée auf ihrer Webseite www.iamshotaro.com

 

Aimée, es gibt hier seit langem Comics, aber Erwachsene interessieren sich nicht so sehr dafür, oder? Hat sich das geändert, seit es für "seriösere" Comics die Bezeichnung Graphic Novels gibt?

Ja, ein bisschen, aber auch nur für einen kleinen Kreis von Lesern. Die Vorstellung, dass Comics etwas für Kinder sind, ist einfach noch sehr verbreitet und jeder denkt gleich an Mickey Maus und Donald Duck. Holland ist das einzige Land, in dem es ein eigenes regelmäßiges Magazin über Donald Duck gibt, herausgegeben von Disney. Das ist angeblich für Kinder, aber alle lesen das. Meine Tante ist über 50, und sie hat das im Abo. Wenn ich jemandem erzähle, ich mache Comics, sagen viele: Ah, arbeitest du für das Donald Duck-Magazin? Dabei gibt es so viel mehr, man kann es sogar in den Buchläden kaufen. Aber viele Leute sind dafür einfach nicht offen.

 

Gibt es denn sowas wie Szene von Graphic-Novel-ZeichnerInnen in den Niederlanden?

Ja. Aber das sind nicht so viele, vielleicht 200 Leute, die sich damit in irgendeiner Form professionell beschäftigen. Und die kaufen auch alle gegenseitig ihre Bücher.

 

Und wie bist du zu Graphic Novels gekommen?

Es hat mich schon immer interessiert. Meine Eltern hatten einen Haufen französische und belgische Comics wie Tintin (Tim und Struppi), Spirou und Lucky Luke. Und auch das Zeichnen und Malen hat mich schon immer interessiert, also hab ich angefangen, diese Magazine gelesen. Eigentlich hab ich davon viel mehr gelesen als von "normalen" Büchern. Diese Comics sind immer noch so etwas wie meine erste große Liebe. Als ich dann so 16, 17 war, kam Manga dazu - klar, in dem Alter. Darin ging ich eine ganze Weile sehr auf. Als ich dann etwas älter war, hab ich angefangen, mich für ernsthaftere japanische Underground-Comics wie die von Yoshihiro Tatsumi und Katsuhiro Otomo zu interessieren. Die waren realistisch, düster, handelten vom Krieg und persönlichen Geschichten. Dann hab ich amerikanische und deutsche Graphic Novels entdeckt, die in die gleiche Richtung gehen. Eine der bestverkauften Graphic Novels aus Deutschland ist hier übrigens Vandaag is de laatste dag van de rest van je leven von Ulli Lust.

 

Ach, echt!?
Ja, das ist aber auch großartig.

Wie bist du denn auf die Geschichte vom Wespenbussard gekommen?

Ursprünglich wollte ich eine Graphic Novel machen, die auf William Goldings Lord of the Flies basierte. Es ist eines meiner Lieblingsbücher und ich war immer überrascht, wie wenig Menschen das hier kennen. Alle verwechseln es immer mit Lord of the Rings. Letztlich haben wir aber dann die Rechte für die Adaption von Goldings Buch nicht bekommen. Meine Verlegerin Mara Joustra (vom Verlag Oog & Blik) sagte dann: Denk dir doch eine eigene Geschichte aus, die mit ähnlichen Themen verhandelt. Ich hab mich dann rangesetzt und alles mögliche reingepackt, bis Mara irgendwann sagte: Versuch doch lieber, es schlicht und einfach zu handeln, du musst nicht so viele Themen in einem Buch abarbeiten. Das war sehr hilfreich.

 

Und wie waren die Reaktionen, als das Buch rauskam?

Die waren super. Es kriegte einen ganzen Haufen toller Besprechungen. Aber es ist auch einfach nicht alltäglich, dass hier ein Comic für Erwachsene erscheint. Die Kritiken aus Frankreich dagegen waren gemischter - dort haben sie einfach ein sehr hohes Niveau und es ist keine Neuigkeit mehr, dass man einen Comic für Erwachsene publiziert. Die kritischen Stimmen waren aber sehr hilfreich - als Autor will man ja hören, was noch nicht stimmt, damit man das beim nächsten Mal besser machen kann.

 

Aus: Aimée de Jongh - "Land's End"
Aus: Aimée de Jongh - "Land's End"

 

Bei diesem Buch bist du sowohl für den Text wie auch für die Zeichnungen verantwortlich. Wie fühlt sich diese Doppelaufgabe für dich an?

Ich sehe mich eher als Zeichnerin. Schreiben hab ich ja nie professionell gelernt. Das ist also nicht mein Hauptaugenmerk. Aber natürlich geht es um die Kombination der beiden Aspekte. Man arbeitet ja mit Seiten, und die müssen auf beiden Ebenen funktionieren, textlich und visuell.
Ich habe auch schon mit Autoren gearbeitet, aber das fand ich immer recht schwierig, weil ich deren Texte in Bilder übersetzen musste, das passte nicht immer. Ich selbst fange auch normalerweise erst mit der Zeichnung an, der Text kommt dann hinterher dazu. Das ist für mich der beste Weg, um einen Flow reinzubekommen. Man muss ja auch immer so ein bisschen Regie betreiben: Was passiert, wenn der Leser die Seite umblättert - was sieht er als erstes, wie ist es aufgeteilt?

 

Und woran arbeitest du jetzt gerade?

Lustigerweise arbeite ich momentan doch wieder mit einem Autor zusammen - diesmal allerdings mit Zidrou, einem ziemlich bekannten Comicautor aus Belgien. Er schreibt nur den Text. Und er ist so gut, einige seiner Serien, wie z.B. Tamara, sind Bestseller, aber er macht auch ernsthaftere Sachen.

 

Und er schreibt immer nur die Texte?
Genau, und dann sucht er sich Zeichner, die das für ihn umsetzen. Er hat für mich jetzt ein Szenario von einem rührenden Paar geschrieben, das ich jetzt zeichne.

 

Ist das schwierig, weil es nicht deine eigene Geschichte ist?

Ja, ein bisschen. Aber er schreibt ins Skript genaue Regieanweisungen rein, so von wegen hier ändert sich die Kameraperspektive, die Kamera kommt von unten, man kann den Wind in den Gardinen sehen usw. Ich kann natürlich auch eigene Vorschläge machen, aber ich muss zumindest nicht die ganze Zeit darüber nachdenken, wie es inszeniert wird. Ich verlasse mich einfach auf ihn und konzentriere mich drauf, dass die Bilder gut werden. Nächstes Jahr im Sommer soll es rauskommen, aber ich fange gerade erst an.

Das Lustige ist: Ich kenne seine Sachen schon, seit ich sehr klein war, er ist echt bekannt da. Und trotzdem lief es ganz easy, ich hab den Verleger einfach gefragt: Meinst du, Zidrou hätte ein Szenario für mich? Und er so: Ja, klar, wir rufen ihn einfach mal an. Das wars. Es hat sich rausgestellt: Manchmal muss man einfach nur fragen.

 

 

Einige Tage später war ich dann auch bei Scratch Books zu Gast, einem kleinen neuen Graphic-Novel-Verlag in Amsterdam, die gerade ihre ersten Titel veröffentlicht haben und dafür sehr gute Resonanz bekommen. Vor allem der Band von Erik Kriek - In the Pines (5 Murder Ballads) hat es mir sehr angetan: Alte amerikanische Gruselgeschichten im Folksong-Format, die man zum Teil auch von Nick Cave (Where the wild roses grow) kennt, als Comic umgesetzt, mit einer CD mit den passenden Songs dazu.

 

 

Neben Scratch gibt es in den Niederlanden noch einige weitere Verlage, die sich zumindest teilweise dem Genre Graphic Novel widmen: Die schon erwähnten Oog & Blik, bei denen viele Klassiker von Art Spiegelman bis Guy Delisle erschienen sind, gehören inzwischen zum Publikumsverlag De Bezige Bij; bei Podium sind einige sehr erfolgreiche Graphic Novels von Peter Pontiac erschienen, u.a. Kraut; außerdem haben wir noch die Verlage Oogachtend, Parvenu und Xtra entdeckt.

 

Mara Joustra, die lange für Oog & Blik gearbeitet hat, erzählt uns übrigens eine ganz eigene Theorie, warum Graphic Novels und Comics für Erwachsene in Belgien so ein großes Thema sind, in den Niederlanden dagegen nicht: Belgien ist katholisch und habe eine reiche Bild-Kultur. Dort sei es etwas gutes, Bilder zu haben und zu benutzen. Die Niederlande dagegen sind protestantisch, hier seien Bilder entweder etwas für kleine Kinder oder es seien Symbole, für Menschen, die nicht lesen können oder die Sprache nicht verstehen. Daher täten sich die Niederländer schwer mit Bildergeschichten. Vielleicht was dran. But then again ...

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Spider in the web: Victor Schiferli über den Niederländischen Literaturfonds

Von Peter Reichenbach und Daniel Beskos

 

Victor Schiferli, (Foto: Keke Keukelaar)
Victor Schiferli, (Foto: Keke Keukelaar)

Bevor wir uns mit Victor zum Mittagessen treffen, zeigt er uns das Herzstück seiner Arbeit, wenn man so will, nämlich die Bibliothek im Gebäude des Niederländischen Literaturfonds: Ein Raum mit hohen Wänden, bis unter die Decke voller Bücherregale – alle niederländischen Bücher, die je übersetzt wurden. Rundum verläuft eine Empore, damit auch die obersten Bücher erreichbar sind. Die Strenge der modernen Regale und die Bedeutung der Bibliothek haben ein wenig etwas von einer evangelischen Kirche. Die Regale sind jedenfalls fast voll und wir können uns  vorstellen, dass sich Victor und seine Kollegen, wenn sie so weiterarbeiten, bald etwas einfallen lassen müssen.

 

Victor spricht hervorragend Deutsch, was dazu führt, dass wir alle beim Bestellen unseres Essens total durcheinanderkommen, Victor bestellt erst auf Deutsch, dann auf Niederländisch, und wir bestellen erst auch auf Deutsch und dann nochmal auf Englisch. Der Kellner lacht, er hat sowieso alle Sprachen verstanden.

 

Victor Schiferli wurde 1967 geboren, ist Schriftsteller und Dichter und bei der Niederländischen Stiftung für Literatur (Nederlands Letterenfonds) tätig, die sich für die Vermittlung niederländischer Literatur ins Ausland einsetzt. Er hat mehrere Gedichtsammlungen publiziert, bevor 2012 sein erster Roman erschien. Im kommenden Mai erscheint bei dtv die Anthologie Amsterdam, für die Victor Schiferli die Auswahl getroffen hat.

 

 

 

 

Victor, die Frankfurter Buchmesse rückt immer näher und du bist auch Teil des Organisationsteams?

Ich glaube, ich bin der einzige, der schon beim ersten Gastlandauftritt 1993 dabei war. An 1993 erinnere ich mich noch gut, ich war damals 25, der jüngste Mitarbeiter, ich hätte eigentlich meinen Armeedienst leisten müssen und hatte schon einen Einzugsbescheid. Ich habe dann verweigert und konnte stattdessen durch Zufall bei einer Stiftung mitarbeiten und dort bei der Herausgabe eines Literaturalmanachs helfen. Und ja, das war natürlich sehr beeindruckend für mich, das erste Mal auf der Buchmesse zu sein, mit Harry Mulisch, Cees Nooteboom, Hugo Claus, all diese großen Namen … Und jetzt gibt es eine neue Generation zu entdecken, und da bin ich sehr glücklich, dass wir viele junge Autoren haben, die einen Verlag in Deutschland gefunden haben, mit Thomas Heerma van Voss, Joost de Vries, Wytske Versteeg … und vielen anderen.

 

Der Letterenfonds organisiert ja nicht nur den Messeschwerpunkt, sondern fördert auch ansonsten Übersetzungen. Wie läuft so etwas ab, werden alle Übersetzungen gefördert?

Nein, es gibt unterschiedliche Prozentsätze. Mit bis zu 70% der Übersetzungskosten werden Belletristik, Sachbuch, Lyrik, Kinderbuch usw. gefördert. Und mit 50% fördern wir Bücher die wir gerne fördern wollen, die aber weniger literarisch sind, vielleicht eher kommerziell ausgerichtet sind. Das sind auch die Fälle, die wir am meisten diskutieren, also Bücher, die eher Unterhaltung sind. Da gab es vor kurzem etwa den Fall, dass ein großer Verlag aus den USA ein Buch fördern lassen wollte, für das sie eine sehr gute Übersetzerin engagiert hatten, das aber doch eindeutig eher Unterhaltung als Literatur war. Da konnten wir uns dann aber auch auf eine 50%-Förderung einigen.

Natürlich gibt es auch Bücher die wir gar nicht fördern, aber das sind meistens auch die Bücher, die eigentlich auch gar keine Förderung brauchen. Zweimal im Jahr geben wir auch die Broschüre Books from Holland heraus, einmal zur Londoner Messer und einmal für Frankfurt, aber wir würden natürlich nicht nur diese Bücher im Falle einer Übersetzung fördern, sondern eigentlich fast alles, auch in alle Sprachen. Was uns aber wichtig ist, ist dass die Übersetzung gelungen ist. Deshalb überprüfen wir auch Übersetzungen, ich denke das ist relativ einzigartig.

 

Interessant, wie genau können wir uns eine solche Prüfung vorstellen?

Also für Deutschland z.B. haben wir eine Liste mit Übersetzern, da sind etwa 20 oder 30 Namen drauf, von denen wir wissen, dass sie sehr gute Arbeit machen. Und diese Übersetzer werden in der Regel auch von den Verlagen beauftragt. Ab und zu gibt es einen Verleger, der sich einen bestimmten Übersetzer wünscht, der nicht auf unserer Liste steht. Bevor wir ein solches Buch fördern, prüfen wir die Übersetzung. Das machen wir natürlich nicht selber, sondern lassen das Buch dann von ein oder zwei sehr erfahrenen Übersetzern begutachten. Dann gibt es zwei Szenarien, das eine Szenario ist, dass die Übersetzung okay ist, dann fördern wir das Buch. Oder aber es gibt Mängel. Was z.B. oft passiert, ist, dass die Sprache zu nah am Original ist. Insofern ist unsere Prüfung nicht schlecht, weil man dann nachbessern kann. Es gibt aber auch den Fall, dass eine Übersetzung wirklich so schlecht ist, dass der Text komplett neu übersetzt werden muss, dann sagen wir dann auch. Aber ein Verlag will ja auch keine schlechten Bücher im Programm haben.

Aber die Übersetzung und die literarische Qualität des Buches sind nicht alleine entscheidend, wir gucken uns auch den Verlag an, in dem das Buch erscheinen wird. Es gibt ansonsten aber kein Komitee, wir kennen einfach die Verlage hier, die Verlage im Ausland und die Übersetzer sehr gut, um das beurteilen zu können. Wir sind ein wenig die Spider in the web. Aber das wir etwas ganz und gar ablehnen, das kommt nicht oft vor.

 

Und genau das ist jetzt auch dein Arbeitsbereich, richtig?

Ja, meine Haupttätigkeit ist es, niederländische Belletristik im Ausland zu empfehlen, zu fördern und die Übersetzungen zu betreuen. Das bedeutet, die Kontakte mit den Verlegern und den Übersetzern hier in den Niederlanden und im Ausland zu pflegen. Ich bin dabei verantwortlich für den deutschen, den englischen und den skandinavischen Sprachraum. Neben mir gibt es noch meine Kollegin Barbara den Ouden, die vor allem Graphic Novels macht, und auch die anderen Länder im Bereich Belletristik verantwortet, und wir haben noch einen Kollegen für Sachbücher, einen für Kinderbücher und noch eine für Lyrik.

 

Wie würdest du sagen hat sich die Literaturlandschaft, sagen wir seit 1993, in den Niederlanden verändert?

Mmh, also die 90er Jahre waren auch bei uns die Jahre der Überproduktion. Es gab einfach viel zu viele Bücher. Danach gab es dann eine Krise, die eigentlich bis heute andauert, obwohl es aktuell wieder ein bisschen besser zu werden beginnt. Und, nun, es gab kein Internet! Ich glaube ich hatte 1993/94 aber schon ein Modem, obwohl das natürlich noch so langsam war, damit konnte man eigentlich nichts machen. Die Zeiten waren auf jeden Fall andere. Jetzt geht alles sehr viel schneller, auch wegen des Internets, und es ist auch einfacher ein Buch zu schreiben, glaube ich.

 

Und wie schätzt du das ein, lesen die Leute mehr oder weniger?

Mmh, das weiß ich nicht. Was man immer wieder hört, ist, dass eigentlich nur noch Frauen ab 40 oder 50 Jahren lesen. Und dann gibt es nur noch ein paar intellektuelle Typen (lacht). Ohje, jetzt klinge ich wie ein grumpy old man, aber als ich in die Schule gegangen bin, da haben wir 25 Bücher der niederländischen Literaturgeschichte gelesen und ein Examen darüber ablegen müssen. Dazu noch deutsche, französische und englische Bücher, eine wirklich große Menge an Büchern. Jetzt ist das alles anders, jetzt werden höchstens ein paar Bücher aus den Niederlanden gelesen. Das ist schon schade.

Ich habe auch an der Universität einen Creative-Writing-Kurs gegeben. Und die Texte waren zum Teil wirklich voller Fehler. Und da habe ich mich schon gefragt: Diese Leute wollen Schriftsteller werden? Wenn jemand Maurer werden will, dann kann ich das verstehen, aber warum schreibt man so fehlerhaft, wenn man Schriftsteller werden will? Also das hat auch etwas mit dem Unterricht in der Schule zu tun.

 

Wir stellen uns das überhaupt recht schwierig vor, Literatur in andere Länder zu vermitteln. Wie machst du das, was sagst du den Verlegern wenn sie fragen, warum sie ausgerechnet Literatur aus den Niederlanden verlegen sollen?

Nun, es ist wie bei Musik, man kann vorher nicht sagen, was ein Hit werden wird und was nicht. Das können wir auch bei Büchern nicht, es lässt sich nicht sagen, dass das eine Buch besser ist als das andere. Man steckt einfach nicht drin. Joost de Vries etwa, habe ich wirklich mit viel Herzblut angepriesen, ein sehr gutes Buch. Aber es ist mir einfach nicht gelungen, einen Verlag im Ausland davon zu überzeugen. Später hat es eine Agentur versucht und plötzlich, ich glaube innerhalb von zwei Monaten, war das Buch in 12 oder 13 Länder verkauft. Ja, so kann es manchmal gehen, richtig erklären kann man das nicht. Aber natürlich bin ich sehr glücklich, dass das Buch übersetzt werden wird.

Was ich überhaupt spannend finde an meinem Beruf, ist, dass ich immer einen Überblick auch über die Literaturlandschaft der anderen Länder haben muss, wie ein Helikopter, also gibt es in einem bestimmten Land etwa schon vergleichbare Autoren wie denjenigen, den ich gerade vermitteln möchte? Und das gleiche gilt für die verschiedenen Genres, etwa bei einem Coming-Of-Age-Roman, von denen es sehr viele gibt. Da muss man sich fragen, ob die vorliegende den ganzen anderen schon existierenden  noch etwas hinzufügen kann. Man fängt an, sehr abstrakt über Bücher nachzudenken, wenn man ein Botschafter der Literatur ist. Und das mag ich.

 

 

 

 

 

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Digital First – Der Hörbuchmarkt in den Niederlanden. Ein Interview mit Robbert Hak von Storytel

Von Peter Reichenbach

 

Seit unseren Anfängen veröffentlichen wir bei mairisch Hörbücher und Hörspiele. Als feststand, dass wir nach Amsterdam gehen würden, habe ich sofort versucht, Hörbuchverlage ausfindig zu machen. Leider habe ich keinen einzigen finden können. Liegt es daran, dass ich kein Niederländisch kann und die Webseiten einfach nicht richtig lesen kann, oder gibt es vielleicht wirklich keine? Ich fragte rum, man sagte mir: Sprich mit Robbert Hak. Er arbeitet allerdings bei Storytel, einer Download-Plattform aus Schweden …?

 

Der überaus freundliche Robbert Hak entpuppt sich aber sofort als der richtige Ansprechpartner:

 

Ich verstehe das einfach nicht, wie ist das denn jetzt mit den Hörbüchern in den Niederlanden?

Der Hörbuchmarkt war noch nie sehr groß in den Niederlanden. Rubinstein, der Verlag, bei dem ich vorher gearbeitet habe, war der erste Verlag, der den kommerziellen Hörbuchmarkt überhaupt erst erschlossen hat. Das war 1985.

Der Verlagsgründer Maurits Rubinstein war ein Neffe von Renate Rubinstein, einer sehr bekannten niederländischen Autorin. Sie war jedenfalls in Autorenkreisen sehr gut vernetzt, und Maurits besuchte seine Tante sehr häufig. Später erkrankte Renate Rubinstein an MS, Maurits war da gerade mal 16 Jahre alt. Diese Erkrankung verschlechterte ihr Sehvermögen. Und so hatten sie gemeinsam die Idee, ihre Bücher vorzulesen, damit Leute mit gleichem Handicap oder auch Blinde sie zumindest hören konnten. So fing das also an. Und weil sie all die anderen berühmten Autoren kannte, kamen diese auch bald vorbei und Maurits Rubinstein nahm die Lesungen mit seinem Kassettenrekorder auf. Irgendwann hatte er, ich weiß es nicht genau, vielleicht 15 oder 20 Bücher aufgenommen, in relativ kurzer Zeit.

 

Und dann begann er, diese Aufnahmen in einer Buchhandlung hier in Amsterdam zu verkaufen, was ein großer Erfolg war. Und wenn man so will, war das der Startschuss für Rubinstein, für die nächsten 30 Jahre Hörbücher zu verlegen. Später kamen dann auch vor allem Hörbücher für Kinder dazu, die etwa 50% des Programms ausmachten. Insgesamt war es aber schwierig, die Hörbücher auch in die Buchhandlungen zu bringen, und so blieb der gesamte Hörbuchmarkt eher ein Nebenprojekt für Rubinstein.

 

In 2012 trat dann Storytel – die Firma für die ich jetzt arbeite – auf den Plan. Storytel ist ein schwedisches Unternehmen, was kein Wunder ist, da der Hörbuchmarkt in Schweden traditionell sehr stark ist, auch was die Erwachsenenhörbücher angeht. Storytel ist eine Streamingplattform, auf der man für 9,99 Euro im Monat so viele Hörbücher streamen kann wie man möchte. Im Prinzip sehr ähnlich zu Spotify.

 

Rubinstein verkaufte dann seine Hörbuchsparte an Storytel, auch weil der CD-Markt eingebrochen war. Und jetzt versuchen wir, vor allem Erwachsenenhörbücher zu produzieren. Unsere Devise ist digital first, also alle Hörbücher werden vorrangig für den digitalen Markt produziert. Letztes Jahr haben wir gerademal 18 Hörbücher zusätzlich als CD veröffentlicht, von insgesamt 120 produzierten. Das waren natürlich die populärsten Titel, die dann auch über die Buchhandlungen verkauft werden.

 

Aber die Hörbücher werden jetzt nicht mehr von den Autoren selbst gelesen, oder?
Früher war der Name, die Berühmtheit des Schauspielers/Autors, auch ein Argument für den Kauf eines Hörbuches. Es musste also entweder der Autor sein Buch selbst lesen, sofern er das konnte, oder es mussten berühmte Schauspieler sein. Für die große Anzahl von Hörbüchern, die wir produzieren, haben wir das Sprecher-Konzept ein wenig verändert und uns entschlossen, den Fokus auf den Inhalt des Buches zu legen, darum geht es schließlich, es geht um die Geschichte! Wir suchen also die Schauspieler nach ihrem Können aus und danach, ob ihre Fähigkeiten zum Inhalt passen, es muss einfach gut gelesen sein. Und in nur ganz seltenen Fällen liest der Autor noch selbst.

 

Das bedeutet, dass Storytel in einer guten Position ist, da es keine anderen Hörbuchverlage gibt, die sich auch um die Hörbuchrechte bemühen.
Ja, das stimmt, wir sind die einzigen, die an Hörbruchrechten interessiert sind. Aber weil wir die einzigen sind, ist auch das Angebot leider nicht besonders groß. Wir hoffen aber, dass der Markt wächst, wenn mehr Hörbücher verfügbar sind. Aktuell sind es allerdings lediglich wir, die die Anzahl von verfügbaren Hörbüchern erhöhen, was natürlich teuer ist. Wenn es mehr Hörbuchverlage gäbe, würde der Markt schneller wachsen. Wir versuchen also tatsächlich, die Buchverlage davon zu überzeugen, ihre eigenen Titel auch als Hörbücher zu produzieren und sie Storytel zur Verfügung zu stellen. Sie sollen einfach ihre Bestseller auch als Hörbücher produzieren, während wir uns um die Backlist kümmern.

 

Die Hoffnung ist also, dass mehr Leute ein Abonnement bei Storytel abschließen, wenn das Angebot an Hörbüchern größer ist?
Genau, wir sind ein Unternehmen, das das Beste für seine Kunden will. Und umso mehr Hörbücher es gibt, umso besser ist es für uns und den Kunden.

 

Gibt es für Kunden in den Niederlanden denn nur Storytel als Plattform, oder kann man Hörbücher auch woanders kaufen?
Die Hörbücher von Rubinstein Audio kann man auch noch auf anderen Plattformen kaufen. Es gibt ein paar lokale Plattformen, auch die Buchhandelskette libris bietet die Hörbücher auf ihrer Website als mp3-Download an. Das gleiche gilt für Bol.com, dort werden für jeden Titel alle Formate angezeigt, Paperback, Hardcover, Hörbuch-Download, das ist aber eine neue Entwicklung.


Wie siehst du die weitere Entwicklung, auf welchem Gerät wird man in Zukunft Hörbücher hören?
Handys, da sind wir uns sehr sicher. Es ist die beste Art und Weise, Hörbücher zu hören. Für Bücher, glaube ich, ist Papier, das Taschenbuch, eigentlich immer noch ein sehr gutes Format. Der E-Reader ist irgendwie eine Kutsche ohne Pferde, sagt man das so? Er versucht, ein Buch zu sein, ohne wirklich eines sein zu können. Anders ist das bei den Hörbüchern. Hier ist das digitale Format eigentlich das ideale Format. Du konsumierst es mit deinen Ohren, während du mit deinen Augen anderes betrachten kannst, es ist also perfekt für unterwegs, man kann Hörbücher hören, während man alltägliche Dinge erledigt. Da will man nicht mit 10 oder 20 CDs herumhantieren müssen, das nervt doch. Es ist also viel besser, wenn das Hörbuch einfach ein File in deinem Handy ist.


Eine Ausnahme sind vielleicht Kinderhörbücher? Wollen Kinder nicht vielleicht z.B. doch noch das Booklet sehen?
Ja, das mag sein. Für uns sind Kinder allerdings nicht die Hauptzielgruppe. Wir konzentrieren uns auf Frauen zwischen 30 und 40. Klar, viele dieser Frauen haben Kinder und lassen über ihren Account ihre Kinder Kinderhörbücher hören. Das wissen wir aber nicht genau. Aktuell ist es noch nicht möglich, einen Familienaccount anzulegen, wie es das z.B. bei Netflix gibt, aber da arbeiten wir dran. Dann wird es möglich sein, unterschiedliche Profile anzulegen, ein Profil für jedes Familienmitglied. Dann können wir z.B. die Kinderhörbücher auch für Kinder ansprechender präsentieren.

 

Verrätst du mir dein Lieblingshörbuch, vielleicht aus diesem oder dem letzten Jahr?
Uhhh, okay, lass mich nachdenken. Harem, von Ronald Giphart, das hier im Podium-Verlag erschienen ist. Der Autor hat das Hörbuch selbst gesprochen und er hat das wirklich sehr gut gemacht. Was mir besonders gut daran gefällt: Es gibt Passagen im Buch, die sehr literarisch sind, mit sehr langen Sätzen; Ronald Giphart liest diese aber mit etwas Selbstironie, als ob er sich selbst darüber lustig machen würde, wie übertrieben literarisch er an dieser Stelle formuliert hat. Und sowas kann sich natürlich nur der Autor selbst erlauben.

 

 

 

 

 

 

 

Robbert Hak studierte an der Universität Amsterdam (UvA) Sprach- und Kommunikationswissenschaften und hat einen Master in Literarischem Lektorat. Er ist Programmleiter bei Rubinstein Audio, ein Unternehmen von Storytel. Sein Hauptziel ist es, das Hörbuch in den Niederlanden bekannter zu machen, indem er so viele qualitativ hochwertige Hörbücher veröffentlicht wie möglich.

 

 

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