Das große Spektakel

Gastbeitrag von Hannes Wittmer

Heute ist es endlich soweit: Ich möchte gerne mein neues Album „Das große Spektakel“ mit Euch teilen. Es steht ab jetzt zum freien Download und Streaming auf meiner Website. Ich hoffe, dass es Euch gefällt, und dass die Musik für sich sprechen kann …

Das Artwork ist von Denise Henning, das Gemälde stammt von meinem Opa.
Das Artwork ist von Denise Henning, das Gemälde stammt von meinem Opa.

Wie schon angekündigt gibt es die Platte weder auf Spotify, iTunes und co, noch auf CD oder sonst irgendwo im Handel.

 

Weil ich Vinyl als Medium zum Musik hören super finde, erscheint im Februar über meine Freunde vom mairisch Verlag eine limitierte Auflage des Albums auf Schallplatte. Diese kann ab jetzt über ihre Homepage vorbestellt werden. Sollte es Gewinne geben, werden sie diese an Ärzte ohne Grenzen spenden. Außerdem werde ich die Platte bei meinen Konzerten dabei haben.

 

Auch der Eintritt für alle Konzerte der Tour samt Band im Februar (siehe unten) läuft ausschließlich auf Pay-What-You-Want-Basis.

 

Ursprünglich hatte ich vor, zum Release einen ausgeklügelten Text mit wahnsinnig durchdachten Ausführungen zu meiner Entscheidung, meine Musik zu verschenken, parat zu haben. So etwas wie ein „Manifest“ gegen Marktlogik, Turbokapitalismus, Konsumgesellschaft und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, sowie die damit verbundene Entfremdung, Individualisierung und den gesellschaftlich sozialen Konsequenzen, die am Ende sicher auch ihren Teil zum immer lauter werdenden rechten Rand beitragen. In den letzten Monaten hab ich aber feststellen müssen, dass ich das, was ich da tue, selbst gar nicht so genau definieren kann. Bisher ist das alles eher ein Prozess als ein zu Ende gedachtes Konzept und irgendwo zwischen Experiment, Kunst-Projekt, Verzweiflungstat, Suche nach Alternativen und hoffnungsvollem Aktionismus anzusiedeln. Einige Gedanken zu meiner Haltung, kleinen Erfolgen, Widersprüchen, und den Hoffnungen, die ich in meine Vorgehensweise lege, habe ich begleitend zur Albumproduktion in meinem Blog aufgeschrieben:

UM KEINEN PREIS - WARUM ICH MEINE MUSIK VERSCHENKE
NUDELN MIT PESTO GEGEN DIE KRISE - WIE ES SICH ANFÜHLT

NIEMAND IST EINE INSEL - WORUM ES GEHT

 

Ich befinde mich auf einer Forschungsreise und freue mich, wenn Ihr Lust habt mich ein Stück zu begleiten. Sei es durchs Zuhören beim Konzertbesuch oder auf Kopfhörern bei Bahnfahrten, durchs Mitlesen im Blog, oder durch den gegenseitigen Austausch in Form von Gesprächen, Nachrichten, Kommentaren und Mails.

 

Um das alles hier weiter tun zu können, bin ich auf Unterstützung angewiesen, um die ich Euch hiermit auch bitten möchte. Ihr könnt mir helfen, indem Ihr spendet (meine Paypal- und Kontodaten findet Ihr HIER), meine Musik in Euren Kreisen weiter empfehlt und/oder die Haltung und Idee dahinter weiter verbreitet.

 

Statt einem Manifest bekommt Ihr von mir ein Zitat, über das ich neulich während einer langen Autofahrt zu einem Konzert gestolpert bin. Es hat mich direkt berührt, weil es so viel von dem, an was ich glaube, auf den Punkt bringt.

 

„Gewonnen wird die Humanität nie in der Einsamkeit und nie dadurch, daß einer sein Werk der Öffentlichkeit übergibt. Nur wer sein Leben und seine Person mit in das Wagnis der Öffentlichkeit nimmt, kann sie erreichen.“ (Hannah Arendt)

 

Ich freue mich und bin vor allem gespannt auf alles was kommt. Danke für’s Zuhören!

 

Hannes

 

 

P.S. Hier schonmal die Tourstationen für den Februar 2019:


01.02. Stuttgart - Club Cann
02.02. Freiburg - Artik
03.02. Wiesbaden - Schlachthof
05.02. Leipzig - Werk 2
06.02. Dresden - Scheune
07.02. Erlangen - E-Werk
08.02. München - Ampere
09.02. Würzburg - Cairo
12.02. Bremen - Tower
13.02. Münster - Sputnikhalle
14.02. Hannover - Lux
15.02. Berlin - Lido
16.02. Hamburg - Uebel & Gefährlich
19.02. Trier - Exhaus
20.02. Aachen - Musikbunker
21.02. Köln - Gloria
22.02. Essen - Zeche Carl
23.02. Heidelberg - Halle 02

 


Weitere Infos, sowie die Möglichkeit Tickets zu reservieren gibt es im Menüpunkt KONZERTE. Eintritt gezahlt wird aber grundsätzlich an der Abendkasse (Vorschlag: 1-2 Scheine deiner Wahl)

Die Weisheit der japanischen Küche - Interview mit Malte Härtig

Malte Härtig, Koch und Philosoph, steht vor einem Rätsel, als er zum ersten Mal Japans berühmte Hochküche "Kaiseki" probiert. Weder mit seinem westlichen Philosophieansatz noch mit seiner europäischen Kochausbildung kann er Kaiseki entschlüsseln. Doch dann findet er über den Zen-Buddhismus und die berühmte Teezeremonie einen Zugang. Und mit ihnen begegnet er grundlegenden Weisheiten und einer erfrischenden Haltung, nicht nur zum Essen, sondern auch zum Leben. Wir haben Malte Härtig ein paar Frage zum Buch gestellt .

 

Kaiseki, das wird den Wenigsten etwas sagen, was ist das überhaupt, um was geht es?
Das Kaiseki, das in den feinen Restaurants serviert wird, gilt heute als die Haute Cuisine Japans. Es geht dabei um die Dinge, die im Hier und Jetzt vorhanden sind. Oder ganz reduziert gesagt: Es geht um Ort und Zeit. Und das passiert auf eine im Ursprung ganz einfache Art. Denn der Ursprung des Kaiseki liegt gewissermaßen in der berühmten japanischen Teezeremonie, in der man sich darin übt, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, und sie eben möglichst einfach zu halten. Ein ursprüngliches Kaiseki-Essen sollte so schlicht sein, dass man nicht verhungert.  Es ist also eine große und beständige Herausforderung, diese Einfachheit der Dinge zu erreichen und beizubehalten. Und gerade das macht diese Küche so spannend. Sie steht ständig unter Spannung, weil sie einen Widerspruch kocht: hochentwickelte, feine und reflektierte Einfachheit.

 

Du bist Koch und gleichzeitig Philosoph, in welcher der beiden Rollen bist du auf Kaiseki gestoßen?

In beiden. Ich habe damals meine beiden Ausbildungen und Leidenschaften zusammenführen können. Gibt es so etwas wie die Krönung des Studiums? So ähnlich war das vielleicht. Ich kann ja nicht den Philosophen daheim lassen, wenn ich in einer Kaiseki-Küche stehe und die Köche bei der Arbeit beobachte.

 

In deinem Buch beschreibst du sehr ehrlich, wie du zunächst in Japan scheiterst, etwa beim Probieren der japanischen Süßigkeiten und überhaupt nicht verstehst, worin der Unterschied in den unzähligen Varianten liegt. Könnte man sagen, dass das „Sich-Einlassen“ auf das Scheitern eine Haltung ist, die du vermitteln willst?

Ganz sicher. Aber das ist auch das Schwierigste. Scheitern tut weh. Dennoch ist es wichtig. Sonst kann das Neue nicht in die Welt kommen. Wir müssen uns dazu selbst ein Stück von uns verrücken. Es ging bei den Süßigkeiten um eine neue Erfahrung. Erstmal sind die Dinge ja tatsächlich nicht nur befremdlich im Wortsinn, sondern fremd. Und das Vertraute hat viel mit dem Mögen und deshalb mit dem Geschmack zu tun. Ich hatte schon vorher ähnliche und vor allem positive Erfahrungen gemacht und wusste um die Macht der Gewohnheit. Wenn man also darum weiß und sich sagt: Das hat sicher einen kulinarischen oder kulturellen Sinn, sonst würden die das nicht machen - dann kommt man dem auf die Spur und entdeckt für sich Neuland.

 

In deinem Buch geht es natürlich ums Essen und gleichzeitig geht es aber auch um eine Haltung, eine Art Weg?
Ja, Essen ist ja ein Weg, ein Weisheitsweg. Essen ist für unser Leben, unser Wohlbefinden durchaus zentral.
Es gibt ein schönes Buch vom französischen Philosophen François Jullien über das Sich-Nähren. Er beschäftigt sich mit den alten chinesischen Denkern und zeigt, wie das geht und wozu man das macht: Wandlungsfähig bleiben und den Energiefluss aufrecht erhalten. Und Essen ist eine sehr wichtige Energiequelle. Da man sich für diese Erkenntnis schulen sollte, sie zur Praxis werden sollte, geht es um das Üben. Und schon ist man auf dem Weg. Durch den Zen-Buddhismus habe ich dann verstanden, dass ich immer auch ein Stückweit Möhre oder Lachs werde, wenn ich das jeweils esse. Und dann liegt der Gedanke nicht so weit weg, eine gute Qualität zu wählen. Damit wird man nicht nur sich selbst, sondern auch den Dingen wie der Möhre oder dem Lachs gerecht.

 

Du hältst auch Vorträge, bei denen auch von dir gekochte Speisen verkostet werden. Wie läuft so ein Abend ab, um was geht es dir dabei? 

Das können sehr einfache Kostproben sein, aber manchmal auch richtige Menüs. Ich mag die Verknüpfung von Essen und Gedanken, Philosophie und Kochen einfach gerne.

 

Neulich war ich bei Planet Wissen (ab ca. Minute 21:30) und habe die Moderatoren gebeten, intensiv eine Scheibe Brot zunächst pur, dann mit Butter und schließlich mit Butter und Salz zu verkosten. Sie haben wunderbar mitgemacht. Ich glaube, dabei vermittelt sich etwas sehr Einfaches und doch sehr Zentrales, das man allein mit Worten, oder allein mit einer Scheibe Brot nicht machen kann. Es braucht die Kombination aus sinnlichem Eindruck und gedanklichem Impuls. Vielleicht regt das neue Synapsenverbindungen an … ich weiß es nicht, aber es ist jedes Mal etwas sehr Besonderes. Und macht mich glücklich.

 

Am 13. Oktober gibt es ein besonderes Highlight. In der Freitagsküche in Frankfurt werde ich aus Kaiseki lesen und wir, das Team vor Ort und ich, werden passende Gerichte servieren. Gedanken kochen, Gedanken schmecken.


Dr. Malte Härtig ist forschender und schreibender Koch und Philosoph. Schon in seiner Doktorarbeit "Einfachheit – Eine kulturphilosophische Untersuchung der japanischen Kaiseki-Küche" hat er sich mit Kaiseki und der japanischen Esskultur befasst. Er hat eine Vorliebe für ungewöhnliche Gedanken und die Schönheit, die
in den Dingen und im Denken liegt. www.malte-haertig.de

 

 

 

 

 

-> Mehr zu KAISEKI hier.

»Und davon kann man leben?« - Carolin Löbbert, Stephanie Wunderlich und Larissa Bertonasco im Interview

In der 15. SPRING-Ausgabe mit dem Titel "Arbeit" geben 13 Zeichnerinnen in Comics, Illustrationen und Texten ganz persönliche Einblicke in das Verhältnis von Arbeitswelt und Identität. Sie erzählen vom Spagat zwischen Familie und Berufsleben, berichten von einer Tierfabrik und erforschen die Geschichte der Arbeit. Zuweilen lassen sie dieses eigentlich sehr reale Thema auch märchenhaft erscheinen, dann wieder geht es um Ausbeutung, Burnout und die Rechte von Arbeiterinnen. 

Die Zeichnerinnen Carolin Löbbert, Stephanie Wunderlich und Larissa Bertonasco erzählen uns im Interview von ihren Erfahrungen in der Arbeitswelt, vom gesellschaftlichen Druck und vom Kampf der Anerkennung. 

 

Erzählt mal: Was ist die früheste Erinnerung, die ihr mit Arbeit verbindet? 

Carolin: Ich erinnere mich an meinen ersten richtigen Ferienjob, den ich in meinen Sommerferien geplant hatte. Ich habe in einer Fabrik gearbeitet, in der Fast-Food-Sandwiches am Fließband hergestellt wurden. Da für die Sandwiches natürlich Lebensmittel verarbeitet wurden, war es in der ganzen Produktionshalle kalt wie in einem Kühlschrank. Ich stand dort bis zu sechs Stunden am Stück an einem Fließband und habe immer dasselbe gemacht, Käse, Eier oder Zwiebeln auf Brot gelegt. Trotzdem habe ich bis zum Schluss durchgehalten, ganze drei Wochen, glaube ich. Das Ganze hat sich absolut angefühlt wie harte, echte, schwere Arbeit. Das habe ich danach dann aber nie mehr gemacht.

 

Stephanie: Ich erinnere mich, gerne ein Vater gehabt zu haben, der etwas Konkretes zum Anfassen herstellt. Der mit lautem Getöse hantiert und Dreck zum Hinterherfegen hinterlässt. Wie der Vater meiner besten Freundin Claudia, der Schreiner war, mit eigener Werkstatt im Hinterhof. Mein Vater war Konkursrichter. Seine Arbeit war für mich völlig abstrakt. Er produzierte nichts außer Unterschriften, Wellenlinien am unteren Ende der Seiten in seinen Akten.

 

 

Larissa: Meine Mutter hatte einen Laden mit Kinderkleidung. Dort habe ich schon als Kind ab und zu mitgeholfen - zum Beispiel die Kleidung nach Größe sortiert oder mit Preisaufklebern ausgezeichnet. Es hat mir gefallen, eine Aufgabe und Verantwortung zugemutet zu bekommen. Als Belohnung durfte ich mir dann nach getaner Arbeit ein Eis kaufen. Als Jugendliche hatte ich dann erste richtige Ferienjobs, bei denen ich mein erstes eigenes Geld verdient habe und das fühlte sich ziemlich gut an. Ich fand es leicht, schnell Geld zusammenzusparen - allerdings musste ich dieses damals auch noch nicht für Miete, Krankenversicherung und Klopapier ausgeben …

 

Wenn man durch die Ausgabe blättert, ist zu merken, dass es leider noch viele Menschen gibt, die Illustration/Grafik/Zeichnen nicht als Arbeit ansehen. Habt ihr das auch so erfahren und wie geht ihr damit um?

 

Carolin: Na klar, das ist mir im Alltag auch schon öfters begegnet. Ich habe zum Beispiel die Einladungskarten für die Hochzeit von Freunden gestaltet und wurde darauf dann von einem Gast angesprochen. Als ich sagte, dass ich das professionell mache, schlug mir eine Mischung aus Verwunderung und Ungläubigkeit entgegen. Ich versuche dann immer Beispiele meiner Arbeit zu nennen, unter denen sich auch fachfremde Menschen etwas vorstellen können, zum Beispiel das Gestalten eines Buchcovers, eines Magazin-Covers oder das Anfertigen von Illustrationen für Zeitungen. Am besten nennt man dann noch Namen, die den Leuten etwas sagen, zu meinen Kunden gehören zum Beispiel »Die Zeit«  oder »Der Spiegel«, damit geben sich die meisten zufrieden.

 

Stephanie: Auf die Beantwortung der Frage, was man arbeitet, die Rückfrage zu bekommen »Und davon kann man leben?« ist der Klassiker.

Als ich vor über 20 Jahren anfing zu illustrieren, folgte auf die Beantwortung der Frage oft sehr vorschnell die Feststellung »Ah verstehe, Du machst Kinderbücher!«. Das fand ich ärgerlich klischeehaft, als Frau sofort bei den Kinderbüchern verortet zu werden. Das passiert inzwischen selten. Die Menschen scheinen mit den verschiedenen Bereichen der Illustration vertrauter zu sein.

 

Larissa: Dass Kunst schön ist, aber auch Arbeit macht, wusste ja schon der gute alte Valentin … Menschen, die mit kreativen Berufen wenig in Berührung kommen, haben oft gar keine Vorstellung wie unser Berufsalltag aussieht. Dass es auch anstrengend, frustrierend und schwierig sein kann, Bilder zu malen, können viele vielleicht nicht nachvollziehen.

 

Ein anderes Thema, das beim Lesen der Ausgabe auffällt, ist der gesellschaftliche Druck, der Arbeit oft sorgenreich macht. Wie steht ihr dem gegenüber und was würdet ihr nachfolgenden Generationen mitgeben wollen?

 

Carolin: Es stimmt, Arbeit kann oft verbunden sein mit Druck, Statuskämpfen, Stress und starker Konkurrenz. Eigentlich würde man ja denken, dass wir es schaffen, dank moderner Techniken weniger zu arbeiten und das Leben mehr genießen. Aber ich habe oft das Gefühl, das Gegenteil ist der Fall. All diese Techniken verlangen von uns, in immer kürzerer Zeit rund um die Uhr zu reagieren und erreichbar zu sein. Wenn ich in der Position bin, Tipps zu geben wäre es vielleicht der klassische Rat, sich einen Job zu suchen, der einen erfüllt und Spaß macht. Wenn man damit dann finanziell noch über die Runden kommt, super!

 

Stephanie: Die Arbeitswelt ändert sich rasant durch die Digitalisierung. Auch wir Illustratoren haben uns schon viel Sorgen gemacht, ob Zeitungen, Bücher, Magazine überhaupt irgendwann noch gelesen und gebraucht werden und damit ja unsere Arbeit für diesen Kundenkreis. Die Bedürfnisse, Strukturen und Zielgruppen verändern sich, aber die Nachfrage nach Illustration ist ungebrochen da und wir schwimmen im Strom noch mit.

Meine älteste Tochter steht an der Schwelle zum Studium und der großen Frage, wie sie ihr weiteres Leben beruflich gestalten möchte. Die Entscheidung erscheint ihr einschüchternd gewichtig. Ich versuche ihr zu vermitteln, dass nur erstmal die Weichen gestellt werden in eine Richtung, die aber nicht stur eingehalten werden muss. Dass sie ihren wirklichen Interessen folgen soll, etwas Zukunftsweisendes und gesellschaftlich Relevantes machen sollte und monetärer Erfolg zweitrangig ist.

 

Larissa: Ich finde das ist überhaupt das größte Problem der heutigen Zeit, dieser Druck, der sich durch unsere Gesellschaft zieht, dem man scheinbar nicht entkommen kann, den aber jeder eigentlich als ungesund und belastend empfindet. Der Druck und die Angst finden in erster Linie in unseren eigenen Köpfen statt. Gerade hier in Deutschland könnten wir uns echt mal zurücklehnen und ein viel entspannteres Leben führen, wenn wir bescheidener werden und überlegen, was wir eigentlich wirklich an materiellen Dingen brauchen, um glücklich zu sein.

Ich hoffe sehr, dass immer mehr Menschen aus dieser Spirale und dem sinnlosen Konsum aussteigen. Dass das schöne Leben wieder erstrebenswert wird und nicht der Besitz von Dingen. Dass wir immer mehr miteinander teilen, wie Autos, Werkzeuge, Bücher. Dass Solidarität und Gemeinschaft wieder mehr in Mode kommen und nicht jeder nur nach seinem individuellen Glück strebt. Das wünsche ich mir sehr.

Wie sehen gerade eure Arbeitspausen aus?

 

Carolin: Momentan genieße ich es, mir nach der Mittagspause noch einen schönen Eiskaffee zu machen und mich damit einen Moment zurückzulehnen.

 

Stephanie: Wenn meine Kollegin Katharina da ist mit einem ausgiebigen Mittagessen am Tisch. Wenn ich alleine bin, sitze ich selbst beim Essen am Rechner, lese »Spiegel Online« und mache ansonsten gar keine Pausen.

 

Larissa: Pausen sind sehr wichtig! Gerade wenn man kreativ arbeitet ist es oft gut mal wieder Abstand zu gewinnen und loszulassen. Unbewusst arbeitet es dann trotzdem in einem weiter… Oft habe ich während einer Pause oder auch auf dem Heimweg auf dem Fahrrad die besten Ideen und inspirierendsten Einfälle!

"Trecker kommt mit" ausgezeichnet als eines der "Schönsten deutschen Bücher 2018"

 

Wir freuen uns sehr! Das Kinderbuch "Trecker kommt mit" von Finn-Ole Heinrich, Dita Zipfel und Halina Kirschner wurde als eines der "Schönsten Deutschen Bücher 2018" ausgezeichnet!

 

Die vollständige Begründung der Jury hier: www.stiftung-buchkunst.de


Neuerscheinung: Die Philosophie des Kochens

Ein Rundgang durchs Buch. Von und mit Herausgeber Stevan Paul

Als der mairisch Verlag, in dem meine literarischen Bücher zu Hause sind, fragte, ob ich eine Philosophie des Kochens als Kurator und Herausgeber betreuen wollte, war ich sofort begeistert von der mir angetragenen Aufgabe. Gleichwohl war mir klar, wie breit, vielfältig und tief dieses Thema ist, und ich notierte auf einem Blatt Papier die Namen von klugen Menschen, von denen ich wusste, dass sie zu den unterschiedlichen Aspekten Erhellendes würden beitragen können: eine bunte Mischung aus Philosophen, Gastrosophen und Soziologen, aus forschenden Wissenschaftlern, aus praktizierenden Köchen und einem Sommelier, aus Künstlern, Journalisten und Trendforschern. Menschen, denen ich einen Antrag machte. Und alle haben sofort zugesagt. Ihnen allen gilt an dieser Stelle mein größter Dank, sie sind es, die dieses Buch zu einer wahrlich vielschichtigen Philosophie des Kochens machen, mit ihren Geschichten, Konzepten, Ideen und Forschungen, mit ihrer Kunst, ihrem Handwerk.

Weil das Heute nur versteht, wer auch die Vergangenheit kennt, eröffnet der Gastrosoph und Journalist Nikolai Wojtko den Band mit einer spannenden Geschichte zur Menschwerdung durch das Feuer und die Kulturtechnik des Kochens. Denn erst durch die regelmäßige Verwendung des Feuers entwickelte sich menschliche Kultur. Der Soziologe Daniel Kofal ergründet für uns, durchaus vergnüglich, das Feld der Gastroerotik: eine Geschichte zwischen Liebe und Libido, Foodporn, Trieb und Hunger, der Erotik des Kulinarischen und den Zusammenhängen zwischen Orgasmen und Pommes Frites.

Professor Dr. Thomas A. Vilgis forscht u.a. zur statistischen Physik weicher Materie, was mich kurz an meinen Lehrherren und das eingangs erwähnte Wechselspiel von Glück und Physik denken ließ. Thomas Vilgis ist dankenswerter Weise auch leidenschaftlicher Kulinariker und als (Koch-)Buchautor und Herausgeber der Zeitschrift Journal Culinaire – Kultur und Wissenschaft des Essens Mittler und Wanderer zwischen zwei untrennbaren Disziplinen. Er schreibt in diesem Band über die Evolution des Geschmacks, über Fermentation und den Geschmack umami, über die Entkulturisierung des Essens und Unsinnigkeiten wie vegane Paleosmoothies.

Der gelernte Koch und studierte Philosoph Malte Härtig nimmt uns mit nach Japan, jenes Land, in dem die Philosophie des Kochens, das Nachdenken über Kochen, auch den kulinarischen Alltag durchdringt. Es geht um die Wertschätzung der Produkte, und um die gute Idee, dass Kochen auf dem Feld beginnt. Malte Härtig stellt uns Gedanken und Konzepte vor, die dort jahrhundertealte, gelebte Tradition bedeuten und bei uns gerade erst aktuell werden: das Interesse an Herkunft und Qualität von Produkten und die damit verbundene Wertschätzung dieser Produkte, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit sowie die Ökonomie des Minimalismus.

Trends sind auch das Thema von Hanni Rützler und Wolfgang Reiter, die in Wien das futurefoodstudio betreiben, einem Thinktank zur Erforschung, Entwicklung und Bewertung von innovativen Konzepten und Strategien für die Lebensmittelwirtschaft. In ihrem Beitrag beleuchten sie, wie jene Generation mit dem Kochen umgeht, die keinen Hunger mehr hat, sondern Appetit und einen guten Geschmack, wie das Versorgungskochen von einst sich wandelte und Kochen zur kulinarischen Selbstdarstellungs-Bühne, zum Mittel zur Selbstoptimierung, zum öffentlich zur Schau getragenen Lebensentwurf, zur Ersatzreligion wurde.

So zukünftig wie zeitgeistig denkt man im positivsten Sinne auch im jungen Restaurant Sosein in Heroldsberg bei Nürnberg. Das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurant gehört zu den spannendsten Adressen in Deutschland. Hier denkt das junge Team um Küchenchef Felix Schneider weiter und tiefergehend über das Kochen nach als andere. Dabei entwickelte die Küchenmannschaft eine ganz eigene Philosophie einer regionalen Küche: Sie erproben neue Kochtechniken, verändern die klassischen Küchenabläufe und erneuern die Traditionen des Gastgebens. Angesehen und aufgeschrieben hat sich das Nikolai Wojtko, in Zusammenarbeit mit Felix Schneider.

Tanja Grandits gehört zu den besten Köchinnen der Welt, Gäste und Kritiker sind gleichermaßen begeistert von ihrer farbenfrohen Aromenküche, ihrer Philosophie der monochromen Gerichte in einem Menü. Gemeinsam mit Tanja Grandits habe ich mich auf die Spuren der kulinarischen Farbenlehre begeben – und die führt direkt zum Oxford-University-Professor und Neurogastronomie-Pionier Charles Spence und der Frage, wie äußere Reize und Einflüsse unser Erleben von Geschmack und Genuss steuern können.

Der kulinarische Polit-Aktivist Hendrik Haase erklärt uns, warum der politisch denkende Esser keineswegs genussfeindlich eingestellt ist und warum der Kampf für eine gerechtere und genussvollere Tafel eine neue politische Ernsthaftigkeit des Themas erfordert. Haase macht eine Rechnung auf für eine Welt, in der im Jahre 2050 über 10 Milliarden Menschen satt und glücklich sein wollen, nicht ohne zu erwähnen, dass es bis dahin nur noch genau 32 Ernten sind, in der wir, die Politik, die Landwirtschaft und die Lebensmittelwirtschaft entscheiden können, was in welcher Form angebaut wird. Haase hat Fragen. Und Antworten.

Um die Essthetik des Widerstandes geht auch dem Philosophen Harald Lemke, der über das Kochen selbst nachgedacht hat, über das Essenmachen als Weltrettungsaktion, über Kochen als Handwerk, als demokratisierte Alltagspraxis, als Kunstform. Lemke liefert mit seinem Beitrag ein Herzstück dieses Bandes, denn: „Wer über die kulinarische Praxis nachdenkt und Weisheit und die Wahrheit der Kunst auch in Küchen sucht, der philosophiert zugleich über das Selbstverständnis der Philosophie, einschließlich einer Philosophie der Kunst und des allgemeinen Kunst-Verständnisses. Denn was soll man von einem philosophischen Denken halten, dessen Relevanz sich nicht darin beweist, uns aufschlussreiche und intelligente Erkenntnisse über die alltäglichsten Dinge und Werke des menschlichen Lebens zu bieten?“

Eine Liebeserklärung an das Brot kommt von einem der besten Bäcker der Republik. Arnd Erbel erzählt von der Philosophie des Backens, vom Brot in der Küche und vom Wert handwerklich gebackenen Brotes in unserer Zeit. Ein Beitrag zwischen Philosophie, Politik, Begeisterung und Zuversicht, auf- und mitgeschrieben vom Publizisten, Theologen und Künstler Martin Wurzer-Berger.

Brot und Wein sind eine biblische Kombination – und nur den reinsten Wein schenkt uns anschließend der studierte Germanist, Journalist und Sommelier Sebastian Bordthäuser ein, der es meisterlich versteht, Weinwissen und -liebe unprätentiös und leidenschaftlich zu vermitteln. Seine ganz eigene Philosophie des Trinkens führt mit klugem Humor vom Recht auf Rausch zur Frage, was denn nun einen guten Wein und dessen Wert ausmacht. Holen Sie sich unbedingt vor dem Lesen des Beitrages ein Glas von ihrem Lieblingswein, sonst müssen Sie zwischendurch aufstehen.

Zurück in die Küche geht es mit dem Essayisten und ZEIT-Journalisten Maximilian Probst, der uns die Küche und das Kochen als Ort und Praxis der Vermittlung nahebringen will. Es geht um die Entfremdung des Menschen von der Natur und darum, wie wir vom Kochen lernen können, dass es eigentlich keine Grenzen gibt, keine Grenzen geben sollte. Genauso, wie sich in einer einfachen Tomatensauce auf unserem Herd mindestens die halbe Welt befindet. Rühren lautet das Programm!

 

Mit Beiträgen von:

 

Stevan Paul (Autor, Foodjournalist, Nikolai Wojtko (Gastrosoph, Journalist), Malte Härtig (Koch, Philosoph), Tanja Grandits (Sterne­köchin), Daniel Kofahl (Ernährungssoziologe), Sebastian Bordthäuser (Sommelier, Journalist), Felix Schneider (Sternekoch), Dieter Froelich (Künstler, Kochbuchau­tor), Thomas A. Vilgis (Physiker am Max-Planck-Institut)

Jörn Kabisch (Gastro-und Food-Journalist), Tobias Müller (Gastro-und Food-Journalist), Hendrik Haase (Aktivist, Künstler), Claudio Del Principe (Foodblogger, Kochbuchautor), Arnd Erbel (Freibäcker), Hanni Rützler (Trendforscherin, Autorin), Wolfgang Reiter (Kulturwissenschaftler), Maximilian Probst (Journalist, Clemens-Brentano-Preisträger), Harald Lemke (Philosoph), Martin Wurzer-Berger (Publizist und Künstler)

Dass es sich ohne Zeitdruck besser rührt und sowieso nur kochen sollte, wer sich auch Zeit dafür nimmt, erklärt uns Kochbuchautor Claudio Del Principe in einem leidenschaftlichen Plädoyer für die (Wieder-) Entdeckung der Langsamkeit in der Küche. Geschmack braucht Zeit, Zeit zum Reifen und Ruhen, zum Fermentieren, zum gehen, gären und garen. Principe lebt selbst das Prinzip des slow cooking und erläutert beispielhaft, wie das auch in hektischen Zeiten gelingen kann.

Der Journalist Tobias Müller bringt ein Tabu aufs Papier, denn er geht der Frage nach, wie Menschenfleisch schmeckt, und sprach dazu mit Kulturwissenschaftlern und Ethnologen über dieses heikle Thema. Führt uns doch der Kanibalismus unmittelbar zur Frage nach dem Wert moralischer Maßstäbe, in der eigenen und in anderen Kulturen, und zeigt beispielhaft auf, wie ethische und sittliche Haltungen entstehen.

Vom Wert und der Philosophie der Resteküche erzählt der Journalist Jörn Kabisch, kulinarischer Korrespondent der taz und Koch-Kolumnist der Wochenzeitung Der Freitag. Er hat sich mit dem philippinischen Koch und Tänzer Pepe Daywa getroffen, der ein Küchenmeister der Improvisation ist und das Kochen mit Resten für sich entdeckt hat.

Der Band schließt sinnigerweise mit dem Aufruf des Künstlers Dieter Froehlich, der sich immer schon für eine kulinarische Abrüstung stark machte und sich treu bleibt mit der Forderung: „Hört auf zu Kochen!“ – einer so erhellenden wie vergnüglichen Krittelei eines Passatisten an der avantgardistischen Kreativküche. Darin legt er nahe, dass das kulinarische Rad nur einmal wirklich neu erfunden wurde – und seitdem gerne auch mal durchdreht. Dass aber dieses Rad sehr viele Speichen hat und noch mehr hochinteressante Zwischenräume, davon erzählen dieses Buch und seine Beiträger aus den unterschiedlichsten Betrachtungswinkeln.

Ich wünsche viel Vergnügen bei dieser philosophisch-kulinarischen Reise zwischen Bauch und Weisheit.


Herausgeber Stevan Paul ist als Autor und Foodjournalist schon immer interessiert am Einfluss, den das Kochen auf unser Leben und unser Miteinander hat. In diesem Band lässt er Profis aus allen Berei­chen der Kochwelt zu Wort kommen. nutriculinary.com/

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Trecker kommt mit!

Interview mit Finn-Ole Heinrich, Dita Zipfel und Halina Kirschner

Wir veröffentlich bei mairisch erstmals ein Kinderbuch - aber natürlich nicht irgendeins: TRECKER KOMMT MIT ist der neueste Streich des wunderbaren Finn-Ole Heinrich, den er diesmal zusammen mit der bezaubernden Dita Zipfel ausbaldowert hat. Und wie immer ist es anarchisch, wild, unerschrocken und mutig geworden - dazu noch mit tollen dreifarbigen Illustrationen von Halina Kirschner! Wir haben die drei zu den Hintergründen des Buches befragt:

 

Finn, Dita ihr habt das Buch zusammen geschrieben, wie läuft das zwischen euch, wie entsteht ein Buch gemeinsam?

Finn: Dita macht die Arbeit, ich stehe im Lieblingsbademantel auf dem Balkon, rauche kubanische Zigarren. Wenn Dita endlich fertig ist, übe ich drei Tage lang meine Unterschrift, das ist schließlich, worauf es bei einem echten Schriftsteller ankommt und dann ist das Buch aus meiner Sicht eigentlich fertig und ein Knaller.

Dita: Naja, meiner Meinung nach teilen wir die Arbeit wirklich sehr gerecht auf. Ich durfte mir unter Finns großem Pantoffel, wo ich seit ein paar Jahren wohne, eine wirklich großzügige fensterlose Kammer einrichten. Da darf ich jetzt im Grunde 24 Stunden pro Tag mietfrei leben und arbeiten. Wobei, ich nenne es nicht Arbeit, es ist ein Genuss, die Ideen des großen Finn-Ole Heinrichs zu Papier bringen zu dürfen. Da muss ich auch nichts bei verdienen. Manchmal wirft er mir sogar ein Stück Brot in die Kammer.

 

Wie habt ihr euch dem Thema angenähert?

Finn: Jahrelange Recherche. Ich hab als Jugendlicher mit schwererziebaren Treckern gearbeitet Naja, und dann haben Dita und ich uns 1999 beim "Bundestreffen der Traktoristen" in Lohne/Dinklage kennengelernt und seitdem arbeiten wir, also Dita, an diesem Buch. 18 Jahre, normal, es war auch nicht immer leicht für mich, war manchmal kalt aufm Balkon. Aber interessanterweise hat Dita da ja einen ganz anderen Zugang:

Dita: Finn ist der Interlekzuelle von uns beiden. Ich hab eher so den körperlichen Zugang zum Thema. Ich beginne jeden Tag mit dem "Treckergruß", einer Abfolge von 47 Körper- und Atemübungen, die sich aus dem Yoga entwickelt haben. Das ganze verbinde ich mit den weitgehend unbekannten Lock- und Balzrufen wildlebender Trecker und jetzt, nach 18 Jahren, kann ich sagen, dass ich wirklich fühle, wie ein Trecker fühlt. 

 

Und für dich Dita, ist es ja sogar das erste Buch, richtig?

Dita: Ja, aber ich freue mich schon auf das zweite. Es soll etwas komplexer werden und um Mähdrescher gehen. Ich rechne mit einer Recherchezeit von 27 Jahren. Wenn Finn mir hilft.

 

Halina, wie ist das, wenn man einen Text von Autoren bekommt, die man eigentlich erst gar nicht kennt und dann sich etwas ausdenken muss? Auch für dich ist es ja das erste Buch, oder?
Halina: Ich wurde von der Trecker-Anfrage erst einmal sehr überrascht, kannte ich mich doch mit den Eigenheiten und Verhaltensweisen von Treckern nicht im Geringsten aus. Glücklicherweise hat ein Treckererfahrener Kollege  mir die Scheu genommen und mir wurde schnell klar: Trecker ist das absolute Top-Thema. Mähdrescher könnte ich mir auch sehr gut vorstellen.

 

Halina, du hast auch ein Foto geschickt, auf dem ein roter Trecker zu sehen ist. Ist das DER Trecker? Also die Vorlage für den Trecker im Buch?
Halina: Ja, genau. Den roten Trecker, übrigens ein Belarus, habe ich bei einem Casting im Leipziger Umland entdeckt. Wir verstanden uns auf Anhieb und es war sehr schnell klar, dass er die Hauptrolle übernehmen würde. Zurzeit überlegt er, nach Leipzig umzusiedeln, allerdings hat er noch keine geeignete Wohnung gefunden. Der Wohnungsmarkt ist ziemlich dicht geworden.

 

 

Und ihr, Dita und Finn, auch ihr steht vor einem Trecker, ist das eure Vorlage, für den Trecker, den ihr beim Schreiben im Kopf hattet?

Finn: Nee, der hat damit gar nichts zu tun, der ist uns zugelaufen, nachdem Dita das Buch fertig geschrieben hatte. Vielleicht hat er gedacht, nur weil wir über Trecker schreiben, kann jetzt jeder Trecker bei uns einziehen. Außerdem spricht der Trecker Spanisch, ich nicht. Ich hab einen ganzen Nachmittag lang versucht, ihm ein paar Brocken Norddeutsch beizubringen, aber der ist ziemlich rostig im Oberstübchen. Muss ich leider in der Deutlichkeit sagen.

Dita: Und dabei hat Finn mich meine Kammer extra mit Eierpappen auskleiden lassen, aber irgendwie scheint mein Lockruf doch nach außen gelangt zu sein.

"Trecker" sagt man ja eigentlich nur in Nord- und Mitteldeutschland. Sonst heißt das Traktor. Im Süden Deutschlands werden wir also wohl keine Leser finden?

Finn: Ja, das ist auch gut so. Mir ist auf meinen Lesereisen sowieso aufgefallen, dass die Süddeutschen insgesamt ziemlich begriffsstutzig sind und die Sprache wissentlich und willentlich verbiegen. Probier mal in Stuttgart ein Alster zu kriegen oder ein Brötchen zu kaufen!

Dita: Ich kenn mich mit Süddeutschland nicht aus. Um welches der 21 Stuttgarts geht es?

 

Im Buch geht es ja aber eigentlich gar nicht so wirklich um Trecker, sondern um das Verhältnis zwischen Stadt und Land, um Selbstbestimmung, Mut ...

Finn: Ihr meint auch, weil ihr drei Bücher zusammengetackert habt in eurem Copyshop-Verlag checkt ihr jetzt, worum es in unserem WERK geht, ja? Bitte. Ich interpretiere meine Bücher nicht, die stehen für sich. So ist das mit Kunst. Ich sag nur so viel: In diesem Buch kommt das Wort Trecker vielleicht relativ häufig vor, aber eigentlich geht es eher um das Verhältnis zwischen Stadt und Land, um Selbstbestimmung. Und auch Mut ist ein Thema.
Dita: Und Mut!
Halina: Und Mut!

Eine Familie zieht in den Wald. Interview mit Andrea Hejlskov

In ihrem Buch WIR HIER  DRAUSSEN berichtet Andrea Hejlskov vom Aussteigen. Aus der Gesellschaft, aus dem täglichen Druck, aus den Zwängen des Konsums, aber auch aus der kaum mehr vorhandenen Kommunikation mit ihrem Mann und ihren vier Kindern. Gemeinsam beschließen sie, alles zu verkaufen und zu verschenken und in eine Hütte im schwedischen Wald zu ziehen - ohne Heizung, ohne Wasseranschluß, ohne Strom. Wie es der Familie in ihrem ersten Jahr im Wald ergangen ist, erzählt sie in ihrem Buch. Wir haben mit ihr ein Gespräch über die Hintergründe geführt:

 

Andrea, ihr habt in Dänemark ein „normales“ Familienleben geführt, wart beide berufstätig. Warum wurde dieses Leben für Euch unlebbar?


Andrea: Da gab es vor allem zwei Dinge.
1. Ich arbeitete damals als Kinderpsychologin bei der Gemeinde. In meinem Versuch, Kindern zu helfen, wurde mir immer bewusster, dass viele ihrer vermeintlich individuellen Probleme eigentlich eher in unserer Kultur begründet waren. Ich hatte immer das Gefühl, ihnen nie wirklich helfen zu können – und das hat mir das Herz gebrochen. Es war auch ein sehr anstrengender Job: Ich war immer in Eile und hatte dennoch nie genug Zeit und auch nie genug Geld. Ich hatte immer das Gefühl, allem nur hinterherzurennen, nie war es genug. Doch im Grunde war nicht der Stress das Problem, es lag viel tiefer: Als ich jung war, wollte ich etwas verändern in der Welt, ich wollte, dass mein Leben Bedeutung haben sollte – doch irgendwie war ich unbemerkt und ungewollt ein Teil der allgemeinen Maschinerie geworden. Mein Leben war mir einfach passiert. Ich hatte mir das alles so nie bewusst ausgesucht.

 

Als mein Mann Jeppe dann eines Tages sagt: „Was wäre, wenn es gar nicht an uns liegt? Wenn mit uns gar nichts falsch ist? Wenn es in Wahrheit das ganze Umfeld ist, unsere Kultur, die Struktur? Vielleicht sind wir ja einfach gute Menschen? Vielleicht ist alles gar nicht unsere Schuld?“ Diese Frage hat bei uns alles auf den Kopf gestellt. Und auf eine bestimme Art und Weise hat sie uns auch befreit, hat uns erlaubt, ganz neu zu denken.


2. Familie war mir immer sehr wichtig. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass wir eine richtige „Kernfamilie“ sind, wir kamen uns eher vor wie Satelliten. Ich kannte meine Kinder nicht so gut, wie ich das gerne gehabt hätte. Mir wurde bewusst, dass meine größeren Kinder schon bald ausziehen würden und ich fragte mich, ob ich wirklich mein Bestes gegeben hatte, ob ich die Art von Mutter gewesen war, die ich sein wollte oder ob ich nur die Werte und Regeln der Gesellschaft befolgt hatte. Es war eine sehr problematische Zeit für mich, sie warf einige schwierige Fragen auf. Die Antwort war: Nein, ich war nicht die Mutter gewesen, die ich mir vorgestellt hatte. Und nein, ich hatte nichts bewegt in der Welt. Ich arbeitete so hart – und hatte dennoch das Gefühl, dass das alles nichts bedeutete. Es war also eine richtige Existenzkrise.

 

 

Ihr seid Teil einer Bewegung, die sich „Human Rewilding“ nennt. Worum geht es?


Andrea: Unsere Gesellschaft hat nicht nur den größten Teil des Planeten erobert, sondern auch den größten Teil unseres menschlichen Emotionslebens. In unserer Kultur gibt es nicht mehr viel „Wildes“, das noch toleriert wird. Wut, Ekstase, Tränen, unkontrollierbare Emotionen – wir versuchen immer alles zu kontrollieren, alles vorherzusagen, zu managen.

 

Aber die Natur ist doch wild, das Leben ist wild, und beim rewilding geht es darum, sich mit diesen grundlegend menschlichen Emotionen wieder zu verknüpfen. Es geht bei diesem Lebensstil also darum, einen Raum zu bieten für alles Nichtkonforme, es nicht zu kontrollieren, zu managen, auszubeuten, sondern seine Existenz einfach zuzulassen. In dieser Hinsicht kann man etwa Stress auch mit einer Monokultur in der Landwirtschaft vergleichen – dort werden die Felder auch unter Stress gesetzt, sie werden mit Chemikalien behandelt in dem Versuch, ihnen immer mehr und mehr und mehr abzuringen. Das gleiche machen wir mit unserem Verstand: Wir erwarten von uns Unmögliches (eine Frau muss etwa eine gute Mutter sein, Karriere machen, einen schönen Körper haben, produktiv sein, hübsch, gut organisiert und so weiter).

 

Und auch bei uns setzen wir Chemikalien ein, um unsere Produktivität zu steigern, immer mehr und mehr performen zu können. Beim rewilding geht es darum, wieder zu einer natürlicheren Sichtweise zurückzufinden. Den Kindern erlauben, im Dreck zu spielen und auf Bäume zu klettern, auch wenn es gefährlich ist. Es geht darum, nackt im Regen zu tanzen und sich nicht um Äußerlichkeiten zu kümmern. Und es geht darum, am Feuer zu sitzen und Zeit zu schaffen für die Art von Konversation, die sich nur entfalten kann, wenn man eben Zeit hat.

 

 

Ihr lebt inzwischen nicht mehr in dem ursprünglichen Holzhaus, um das es im Buch geht, aber noch immer im Wald. Wie sieht euer Leben da jetzt aus?

 

Andrea: Wir haben sechs Jahre in der Wildnis gelebt, haben zwei Holzhütten gebaut und dabei viel dazu gelernt. Wir haben unseren Traum quasi immer mehr verfeinert und wurden uns mehr und mehr bewusst, welche Bedürfnisse und Wünsche wir wirklich hatten (im Gegensatz zu dem, was wir uns vorher nur vorgestellt hatten). Aber nach sechs Jahren entschieden wir uns, in einen Wald weiter südlich zu ziehen, näher an unsere Heimat Dänemark heran, wo das Klima milder ist. Ein Grund für den Umzug war auch, dass dieser Selbstversorger-Lebensstil hier leichter umzusetzen ist, Essen zu sammeln und so weiter. Aber wir leben immer noch off the grid (also ohne Stromanschluss oder fließendes Wasser, allerdings haben wir Solarzellen). Wir haben kein Bad, keinen Kühlschrank oder andere moderne Geräte. Unser Wasser kommt aus einem Brunnen, es steht immer noch in einem Eimer auf dem Küchentisch, unser Essen kochen wir auf dem Holzofen, wir haben eine Komposttoilette und das Essen lagert im Lagerraum.

 

Der Lebensstil ist also derselbe geblieben – aber wir sind umgezogen. Weil wir, indem wir uns selbst und unsere Grenzen ausgetestet haben, gemerkt haben, dass wir 1. ein freundlicheres Klima brauchten, 2. für unsere älteren Kinder, die inzwischen ausgezogen sind, erreichbar sein wollten, wir wollten einfach, dass sie uns besuchen können und 3. weil wir am alten Ort unglaublich viel Besuch von Menschen bekommen haben, die unser Buch gelesen haben und so leben wollten wie wir. Manche von ihnen haben sich sogar in unserem Wald angesiedelt, aber wir hatten keine Lust, zu einer Art Anführer oder Gurus zu werden – wir wollen einfach in Ruhe dieses Leben führen und darüber dann sprechen, wenn wir es wollen.

 

Natürlich ist unser Leben jetzt etwas luxuriöser geworden, wir haben ein größeres Haus (das wir auch nicht selbst gebaut haben, sondern lediglich ein altes Haus wiederhergestellt), es liegt näher an der Zivilisation und dank des milderen Klimas fühlt sich hier vieles einfacher an. Immerhin leben wir nicht mehr in einem Tipi im Regen. Aber die Lebensweise ist genau wie zuvor. Und wir wollen daran auch nichts ändern. Das haben wir uns bewusst so ausgesucht. Wir haben keine normalen Jobs, kein normales Einkommen, wir haben kein Geld oder besonders viel Besitz (man könnte sagen, wir haben ihn auf das Notwendigste reduziert), aber wir haben jede Menge Zeit und unsere Freiheit. Das würden wir nie wieder eintauschen wollen.

 

 

Wie hat sich euer Verhältnis zu Familie, Natur, Zeit, Konsum durch das Leben im Wald verändert?

 

Andrea: Wir sind humorvoller und emotionaler geworden. Emotionen sind hier jederzeit erlaubt, denn wir müssen uns nicht an Arbeitspläne oder Produktivitätsvorgaben halten. Und lustiger ist es, weil wir fast alles auf eine langsame, anstrengende und dämliche Weise machten, als wir anfingen. Das ging nicht anders. Wir mussten herumexperimentieren und alles versuchen. Wir haben soooo viele Sachen so unglaublich falsch gemacht, und dabei so unendlich viel gelernt. Aber es war eben auch sehr anstrengend, wir mussten ja alles selbst ausprobieren, da uns niemand gesagt hat, was wir tun sollten und wie. Ich glaube, wir sind also auch viel besser im Lösen von Problemen geworden. Wenn was Blödes passiert, kriegen wir es wieder hin. Wir sind jetzt die, die die Dinge wieder hinkriegen. Wir denken darüber auch nicht lange nach – wenn was kaputt ist, reparieren wir es oder leben ohne es.

 

Wir sind sehr pragmatisch geworden. Ich glaube, am Anfang waren wir noch sehr romantisch, wir hatten all diese Träume und Vorstellungen, wie es wohl sein würde, in der Wildnis zu leben. Inzwischen sind wir da viel pragmatischer. Ich bin nicht hier, um irgendwelche Fantasien von einem authentischen Leben zu erfüllen. Ich bin hier, weil ich frei über meine Zeit bestimmen möchte und über meine Emotionen, über mein Leben. Ich will roh und wild sein, genau wie die Natur.

Ausschreibung: Hamburger Graphic-Novel-Förderpreis "Afkat" 2018

Zum fünften Mal wird der Hamburger Graphic-Novel-Förderpreises AFKAT ausgeschrieben. Der oder die Gewinnerin werden wieder bei uns veröffentlicht. Der Preis richtet sich an Nachwuchskünstler aus dem Bereich Graphic Novel. Einsendeschluss ist der 15. Septmeber 2017.

Der Hamburger Graphic-Novel-Förderpreis AFKAT wurde im Jahr 2011 von der Kanzlei Dr. Bahr ins Leben gerufen. Dem Gewinner winkt ein Publikationsvertrag und somit die Buch-Veröffentlichung der eingereichten Graphic Novel beim mairisch Verlag. Mehr Infos zu den Teilnahmebedingungen hier:

 

Teilnahmebedingungen

  • Keine thematische/altersmäßige/genrebezogene Beschränkung
  • Das eingereichte Werk sollte bisher unveröffentlicht sein.
  • Die Einsendung sollte abgeschlossen und vom Umfang für eine Buchveröffentlichung geeignet sein.
  • Einreichung kann per E-Mail (favorisiert) oder per Post erfolgen.
  • Per Mail an: info@dr-bahr.com, Betreff: "Afkat"
  • Per Post an: Kanzlei Dr. Bahr, Stichwort: "Afkat", Mittelweg 41a, 20148 Hamburg
  • Die Verkündung des Gewinners erfolgt im voraussichtlich im Januar 2016 auf der Homepage des Hamburger Graphic-Novel-Förderpreises – die Veröffentlichung der Graphic Novel ist zur Leipziger Buchmesse 2018 geplant.

 Alle weiteren Details gibt es unter www.afkat-foerderpreis.de

 

Die bisherigen Gewinner

Sieger des Graphic Novel-Preises AFKAT 2016.

 

Sebastian Jung
Albert

 

 Deutschland, Ende der 1930er Jahre: Albert ist ein lebensfroher junger Mann, obwohl er früh seine Eltern verlor und sich immer wieder anpassen musste, um ein Zuhause zu finden. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, wird Albert eingezogen und kämpft als Soldat in Norwegen und Russland. Er überlebt, wenn auch nur knapp und schwer verwundet. Endlich wieder in die Heimat zurückgekehrt, verstummt Albert allerdings nicht wie so viele andere seiner Generation, sondern wird zum vehementen Kriegsgegner, der immer wieder davon berichtet, was ihm widerfahren ist. Und er wird zum liebenden Familienvater, der in der jungen Bundesrepublik auch viel Wundervolles erlebt.

 

 

Sieger des Graphic Novel-Preises AFKAT 2015.

 

Raphaela Buder
Die Wurzeln der Lena Siebert

 

"Die sind böse. Die verfolgen uns. Aber wir haben keine Angst. Roar!"

 

Die kleine Lena wächst alleine bei ihrer Mutter auf. Zusammen backen sie Kuchen, gehen ins Einkaufszentrum und träumen davon, irgendwann nach Amerika auszuwandern. Doch Lenas Mutter wittert überall Verschwörungen, jeder scheint auf einmal bei den »Scientogen« zu sein. Irgendwann ist es dann zu viel: Als die Mutter sich auf der Straße mit einer Frau anlegt und handgreiflich wird, schalten sich Polizei und Jugendamt ein, Lenas Mutter muss in eine Klinik – und Lena kommt zu einer Pflegefamilie.

 

 

Sieger des Graphic Novel-Preises AFKAT 2014.

 

Sohyun Jung
Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen

 

"Mein Kind, der Kimchi ist die Seele der koreanischen Kultur.
Alles, was du brauchst, um ihn zuzubereiten, ist ..."          

Kimchi ist das koreanische Nationalgericht, er besteht aus eingelegtem, gesalzenem, chilischarfem Weißkohl. Und Hana, eine junge Koreanerin, die in eine deutsche Großstadt zieht, bekommt nach ihren ersten Erfahrungen mit der fremden Küche schnell Heimweh - und einen großen Hunger auf Kimchi. Doch wie bekommt man in Deutschland guten Kimchi? Genau: Gar nicht. Also macht sich Hana auf den Weg und versucht, Kimchi selbst zuzubereiten.

 

 

Sieger des Graphic Novel-Preises AFKAT 2012.


Tilo Richter & Jan Kottisch
Flash Preußen

 

Flash Preußen, der Superheld in Badehose, ist in Aufruhr:
Eine letzte Aufgabe liegt noch vor ihm, bevor er abtreten kann. Zusammen mit seiner Nachbarin Simone begibt er sich in seine Vergangenheit — auf der Suche nach etwas, das er als Kind verloren hat, und das ihn seitdem nicht mehr loslässt.

Sonderpreis des Graphic Novel-Preises AFKAT 2012.

 

Karin Kraemer
Das Mädchen ohne Hände
Illustriert nach einem Märchen der Brüder Grimm

 

Ein armer Müller telefoniert mit dem Teufel, der ihn reich machen will im Tausch gegen das, was hinter seiner Mühle ist. Der Müller, der denkt, es ginge um den Apfelbaum, geht auf den Tausch ein – und weiß nicht, dass seine Tochter auch hinter der Mühle steht. Für sie beginnt nun eine lange Reise.

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"Manchmal muss man es einfach riskieren" - Dana Burlac, Lektorin bei Éditions Denoël

Für unser letztes Interview in Paris sind wir in einem kleinen Eckcafé verabredet, wir sind jeden Tag etwa 20 Kilometer zu Fuß durch die Stadt gelaufen und etwas platt. Aber die Sonne scheint, wir bestellen Espresso, so langsam finden wir in den Rhythmus der Stadt rein. Verabredet sind wir heute mit Dana Burlac, Lektorin bei Éditions Denoël. Der Verlag besteht bereits seit 1930 und gehört schon länger zur Verlagsgruppe Gallimard. Von Dana wollten wir gerne wissen, wie sie Bücher für ihr Programm auswählt.

 

Dana, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für ein Treffen mit uns genommen hast!

Gerne! Ihr seid ja schon eine Woche hier, ihr habt bestimmt schon viele Verlage getroffen, oder? Falls die euch denn geantwortet haben?

 

Haha, ja, lustig, dass du das sagst – tatsächlich haben viele auch einfach nicht geantwortet auf unsere Mails.

Typisch Franzosen! Die antworten irgendwie nie. Das ist doch verrückt. Es ist wirklich eine Krankheit.

 

Ja, leider. Aber zu Dir: Kannst Du uns etwas über Deine Arbeit und Euren Verlag erzählen?

Ich habe früher bei Flammarion gearbeitet, sechs Jahre lang, ich war dort für die fremdsprachige Literatur zuständig. Dann bin ich vor fast fünf Jahren zu Denoel gewechselt, hier mache ich zusätzlich auch ein wenig französische Literatur. Wir gehören zu Gallimard, was gut ist, weil es einiges an Sicherheit mit sich bringt, außerdem übernehmen sie für uns den Vertrieb und die Honorarabrechnungen, zugleich sind wir aber ziemlich eigenständig und haben viele Freiräume. Wir sind ein Team von 9 Leuten und veröffentlichen etwa 60 Bücher pro Jahr, was sich viel anhört, aber darunter sind auch ganz verschiedene Bereiche wie Graphic Novel oder Science Fiction, Krimis und Thriller, auch Unterhaltungsliteratur, überhaupt ist die Literatur bei uns nicht allzu verkopft, die richtige Hochliteratur würde dann innerhalb der Gruppe eher direkt bei Gallimard erscheinen. In der Literatursparte von Denoel liegt der Schwerpunkt auf der fremdsprachigen Literatur, schon in den Anfängen war der Verlag dafür bekannt, zum Beispiel mit Jack Kerouac.

 

Und sag mal, Sachbücher werden eher selten übersetzt?

Das wurde früher mehr gemacht. Aber die Übersetzung ist teuer und es verkauft sich meist schlecht.

 

Viele Sachbuchthemen lassen sich auch schlecht in andere Länder übertragen, oder?

Genau. Das ist manchmal natürlich schade, wenn man mit Agenten oder ausländischen Verlagen spricht, dann erzählen sie einem von tollen Autoren etwa aus dem Irak, die über dies oder jenes Thema schreiben – aber zumeist ist es für uns viel einfacher, zum gleichen Thema einen französischen Autor zu finden. Sachbücher traveln also nur sehr selten erfolgreich – entweder ist es dieses schwedische Wohlfühl-Dings …

 

Hygge?

Voila!

 

Lustig, das ist ja wirklich überall. Ist das in Frankreich sehr angesagt?

Ja, ich glaube schon – es ist nicht so riesig wie bei euch, aber schon ein Thema. Aber wie gesagt, es muss halt schon ein sehr breites Thema sein – Bücher übers Ordnung halten, japanische Bücher darüber, wie man länger lebt, sowas in der Art. Aber auch französische Sachbücher machen wir inzwischen nicht mehr so viele, da gibt es einfach andere Verlage, die darauf spezialisierter sind.

 

Was sind für Dich die besten Momente Deiner Arbeit?

Ich muss einfach sagen: Ich liebe meinen Job. Es liegt aber auch an meiner Chefin, sie ist einfach großartig. Und mir gefällt auch, dass kein Tag wie der andere ist. Natürlich: Man bekommt in dieser Branche nicht viel Geld, hat viel Arbeit, muss verhandeln, Verträge machen und so, aber es ist einfach eine interessante, vielfältige Tätigkeit, ich kann viel Einfluss auf die Ergebnisse nehmen, ich arbeite eng mit dem Gestalter zusammen, und ich kann das Image des Verlags mitbestimmen. Vor allem auch in den sozialen Netzwerken, die mir Spaß machen, Twitter mag ich persönlich jetzt nicht so, aber ich mache viel auf Instagram, Facebook und Youtube, daher bin ich im Verlag auch für die Betreuung der sozialen Netzwerke zuständig. Die Booktuber werden auch hier immer wichtiger.

 

 

Habt ihr durch die anstehende Frankfurter Buchmesse mehr Lizenzen nach Deutschland verkaufen können als sonst?

Was mir auf jeden Fall aufgefallen ist: Wie aktiv die deutschen Verlage sind, wie viel da eingekauft wird, und wie viel Geld da im Spiel ist. Unsere deutschen Lizenzen werden über die Agentur Michael Gaeb vergeben, und ich glaube, wir haben dieses Mal ziemlich viel verkauft, ja. Vor allem, wenn die Bücher einen bestimmten französischen vibe haben, dann kaufen die deutschen Verlage das sofort. Aber das scheint mir irgendwie neu zu sein. Vielleicht liegt es tatsächlich an der Messe, stimmt. Lesen die Deutschen denn viel Literatur aus Frankreich?

 

Hm, keine Ahnung, aber es ist zumindest die zweitmeistübersetzte Sprache bei uns, nach dem Englischen. Und an welchen aktuellen Projekten arbeitest du gerade?

Wir bereiten gerade die nächste Rentrée littéraire vor, und dafür mussten die meisten Bücher jetzt schon fertig gedruckt sein, damit wir sie als Leseexemplare verschicken können. Das ist natürlich verrückt und wahnsinnig aufreibend, jetzt im Mai schon alles fertig zu haben. Ich bearbeite also gerade die aktuellen Herbsttitel und kaufe parallel schon neue Titel für 2018 ein. Bei der Titelrecherche kommt es mir sehr entgegen, dass mein Vater aus Südamerika kommt, daher spreche ich fließend Spanisch, und ich habe mein halbes Leben in den USA und in Brasilien gelebt, Englisch und Portugiesisch kommen also dazu, außerdem habe ich Hebräisch gelernt. Ich habe also viele Sprachräume, in denen ich nach Büchern suchen kann. Deutsch kann ich leider nicht, aber da habe ich einen Gutachter, dem ich vertraue.

 

Wie findet man eigentlich so einen Gutachter? Woher weiß man, dass dessen Literaturgeschmack dem eigenen entspricht?

Im Laufe der Jahre trifft man viele Leute, die in Frage kommen. Eine ehemalige Praktikantin etwa hat mir mal ein Buch beschrieben, und ich mochte nicht nur, was sie über das Buch sagte, sondern vor allem, wie sie es sagte. Und sie hat es dann auch übersetzt, die Übersetzung war großartig. Fürs Deutsche habe ich jetzt glaub ich auch jemand passenden gefunden. Aber wir sind natürlich ein kleiner Verlag, wir können uns nicht so wahnsinnig viele Gutachter leisten, daher finde ich diese fellowships (Austauschprogramme für Verlagsleute) so prima, da trifft man andere Lektoren und empfiehlt sich Titel. Aber es ist nicht so einfach, wenn man die Sprache selbst nicht spricht. Daher sind englische Leseproben immer sehr hilfreich, und seien es auch nur zehn Seiten.

 

Glaubst du denn, man kann Romane auf Basis einer kurzen Leseprobe kaufen?

Wenn ich politisch korrekt wäre, müsste ich sagen: Nein, auf keinen Fall. Aber hin und wieder muss man sich einfach auf sein Bauchgefühl verlassen, dann kriegt man noch eine Leseprobe vom Scout oder lernt die Autorin kennen oder so – und wenn alle Aspekte irgendwie gut zusammenpassen, muss man es manchmal auch einfach riskieren.

 

 

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"The Parisian Way" – Wandrille von WARUM über seinen Verlag und die französische Comic-Szene

 

Von Peter Reichenbach

 

Wir sind froh, Wandrille vom Comic-Verlag WARUM noch treffen zu können, er ist nämlich schon fast auf den Weg nach Berlin zum Comicfestival Invasion Berlin, welches er sogar gemeinsam mit Marc Seestadt ins Leben gerufen hat, als er eine Zeit lang in Berlin wohnte. Wandrille spricht hervorragend Deutsch. Überhaupt ist Wandrille jetzt schon der zweite unserer französischen Gesprächspartner, der Deutsch spricht. Von ihm wollten wir wissen, wie man in Frankreich Comics macht und welche Unterschiede es zu Deutschland gibt.

 

Wandrille, warum sprichst du eigentlich so gut Deutsch?

Das liegt eigentlich an meinem Vater, der ein viel besseres Deutsch spricht als ich. Aber Deutsch war meine erste Fremdsprache und auch die meiner beiden Brüder. So haben wir auch zu Hause viel Deutsch gesprochen, während des Essens z.B. Und vor sechs oder sieben Jahren hatte ich Lust auf etwas anderes als Paris, wollte Neues kennenlernen. Ich hatte einen deutschen Freund, der sagte: „Komm nach Berlin, du kannst Deutsch, deinen Verlag kannst du auch von hier aus führen und es ist so günstig!“ Und in Berlin habe ich dann noch mal in der Volkshochschule Deutschkurse belegt. Eigentlich wollte ich für ein Jahr bleiben, daraus sind dann vier  geworden. Jetzt nutze ich jede Gelegenheit, die ich kriege, um Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Außerdem habe ich in Berlin das Comic-Festival Invasion Berlin gegründet und fahre dort morgen auch wieder hin, das läuft echt super. Ich organisiere das Festival nicht mehr, von Zeit zu Zeit mache ich dort aber einen Comic-Clash usw. 

 

Und wie würdest du die Comic-Szene in Frankreich beschreiben?

In Frankreich gibt es sehr viele unterschiedliche Comic-Szenen, so gibt es zum Beispiel viele unterschiedliche Comic-Festivals, wo man dann auch nur die eine bestimmte Comic-Richtung finden wird. So gibt es etwa Festivals, die nur das Thema "Comic & Wein" haben. Ich hatte im Verlag Delcourt ein Comic über die Weinlese geschrieben, Premières vendanges, und ich war bei all diesen Comic & Wein-Festivals eingeladen. Und ich kann euch aus eigener Erfahrung sagen: Es gibt viele davon!

 

Als ich nach Berlin gekommen war, stand die Comic-Szene dort eigentlich noch recht am Anfang, inzwischen ist es sehr gewachsen. Und eigentlich ist sie genau jetzt am interessantesten, sie ist noch jung, nicht zu groß und man kann einen guten Überblick über alle Künstler bekommen. In Frankreich ist die Szene so groß, dass selbst ich viele Künstler nicht kenne.

Wie bist du dazu gekommen, einen Comic-Verlag zu gründen?

Ich habe ein Jahr als Freelancer gearbeitet und "Freelancer" bedeutet bei uns: Keine Aufträge haben und dabei sehr depressiv sein. Dann traf ich einen Bekannten meiner Eltern, der Verleger in einem katholischen Verlag war. Und auf mich machte er immer einen sehr glücklichen Eindruck. Also sagte ich ihm, dass ich auch Verleger werden wolle. Da sagte er: „Nein, mach das nicht, werde auf gar keinen Fall Verleger, der Beruf ist die Hölle, das willst du nicht machen.“ Und da dachte ich, okay "Beruf der Hölle", das aus dem Mund eines katholischen Verlegers, das klingt interessant. Und als ich dann wenig später einen alten Freund traf, der auch gerade "Freelance" arbeitete, erzählte dieser mir doch tatsächlich, dass er Verleger werden wolle. So wie ich! Und so redeten wir und ich sagte  the parisian way: "Lass es uns doch einfach zusammen machen." Ihr müsst allerdings wissen, dass the parisian way heißt, dass man etwas zwar sagt,  man würde im Leben aber nicht daran denken, es ernst zu meinen. Das Problem war aber, dass mein Freund nicht ursprünglich aus Paris kommt, er meinte es also ernst und rief mich immer wieder an und machte Vorschläge – und so gründeten wir WARUM. Unser eigentliches Ziel war dabei, dass wir vor allem unsere eigenen Comics veröffentlichen wollten und dadurch andere, größere Verlage auf uns aufmerksam werden sollten. Nun ja, das hat natürlich so nicht funktioniert.


Jetzt bist du mit WARUM aber Teil einer Gruppe?

Ja, ich bin mit WARUM Teil der Steinkis Groupe, und das ist eine totale Erleichterung für mich. Wirklich, das war das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe zwei, drei Mal meine Mitverleger gewechselt. Mein Freund, mit dem ich den Verlag ursprünglich gegründet hatte, konnte mich nach sechs Jahren einfach nicht mehr sehen. Wir sind trotzdem gute Freunde geblieben. Andere Freunde haben dann seinen Anteil gekauft, die hatten mit dem Tagesgeschäft aber nichts zu tun, ich konnte machen was ich will. Jetzt kann ich natürlich nicht immer machen, was ich will, mein Mitverleger Moïse muss einverstanden sein. Für mich ist das aber trotzdem gut, ich habe auch weiterhin einen Freischuss pro Jahr, einen Titel, bei dem ich sagen kann: Lass es uns trotzdem machen. Normalerweise mache ich also 15 Bücher pro Jahr. Und da mache ich wirklich alles, außer eben die Finanzen; und die Pressearbeit habe ich auch abgegeben.

 

 

Wie ist das mit den Buchhandlungen für Graphic-Novels und Comics. Gibt es in Frankreich viele Buchhandlungen, die sich darauf spezialisiert haben

Ja! Sehr viele! Ich würde sagen ca. 400 Buchhandlungen, die nur Comics machen. Und dann kommen noch die normalen Buchhandlungen mit einer Comic-Abteilung hinzu. In Frankreich ist die Comic-Szene echt groß. Das Problem das wir aber haben, ist, dass es auch extrem viele Neuerscheinungen gibt, etwa 5.000 neue Comics pro Jahr. Das bedeutet, dass dein Comic nur zwei Wochen in der Buchhandlung steht, in der Zeit musst du es schaffen, deinen Comic zu verkaufen, danach schicken sie ihn dir zurück. Es kommt also immer seltener vor, dass sich ein Buch auch über einen längeren Zeitraum verkauft. Es gibt natürlich Comics, die 200 000 Mal verkauft werden. Und ein neuer Asterix-Band verkauft sich sicherlich 2 Millionen Mal. Aber insgesamt ist es schwieriger geworden, auch für die größeren Verlage.

Du bist  auch selbst Autor verschiedener Comicbücher?

Das hier ist ein Buch, das ich geschrieben habe, Fernand the polar bear, es ist super schrecklich, es geht um einen Eisbär, der sich mit jedem anlegt, der ihm begegnet. Das ist meine Seele. Nimm es gerne mit, du wirst sehen, du kannst es auch mit Kindern lesen. Und dann mache ich auch Kartenspiele, dieses hier ist schon das dritte. Ich erkläre es euch: Es gibt vierzig Karten, auf denen ich vierzig unterschiedliche Frauen gezeichnet habe. Das Ziel des Spiels ist es, möglichst viele Frauen zu kriegen. Jede Karte hat eine Punktzahl, von 1 bis 10. Je besser die Frau aussieht, desto höher die Punktzahl. Na klar, what else. Und dann gibt es noch weitere Kategorien, Moral, Erfolg, Klasse usw. Naja, natürlich alles sehr selbstironisch und lustig. Man spielt es wie ein Quartett. Voilà.

 

Wie findest du die Comics, die du veröffentlichen willst?

Ich war zum Beispiel dieses Jahr auf der Buchmesse in Leipzig. Und das war wirklich ganz toll, es war mein erstes Mal. Besonders mochte ich das gleichzeitig stattfindende Comic-Festival The Millionaires Club in der Kolonnadenstrasse. Ich habe so viele coole Autoren gesehen und so viel Geld für Comics ausgegeben … Das hat sich jedenfalls sehr gelohnt, da hin zu gehen. Und ich habe dort sogar ein Projekt gefunden. Das heißt, ich kannte es zwar schon vorher, doch es war schwer, den richtigen Kontakt zu bekommen, also bin ich zu ihm hingegangen, habe ihm ein Comic abgekauft und gesagt: Hör zu, ich will dieses Buch unbedingt in Frankreich herausgeben!

 

Ich habe gesehen, dass du auch ein paar Comics aus Deutschland im Programm hast?

Ja, das stimmt, hier habe ich eines über den Ersten Weltkrieg: Des lignes du front oder Frontlinien von David Möhring und Philip Rieseberg. Es ist sogar zweisprachig, deutsch und französisch. Ich habe es 2013 veröffentlicht, das war ganz und gar ungeplant, ich wusste einfach nicht, dass in folgendem Jahr das Jubiläum war, ich bin ganz schlecht mit sowas. Aber das war natürlich im Nachhinein ein Glück. Die beiden Autoren sind zwei deutsche Freunde von mir, die dann überall eingeladen wurden, das war toll.

 

Ja, und für diesen Comic hier - Vater und Sohn von Erich Ohser - habe ich sogar einen Preis auf dem Internationalen Comicfestival von Angoulême erhalten. In Frankreich kannte das niemand, keiner hatte vorher von Vater und Sohn gehört. Und es war immer schon mein Traum, das zu veröffentlichen, und als es dann vor ein paar Jahren gemeinfrei wurde, habe ich das Material gekauft und wirklich viel Arbeit drauf verwendet, es neu zu layouten, denn das ursprüngliche war katastrophal. Und als es endlich erschienen ist, ist ein Traum wahr geworden. Danach hätte ich den Verlag eigentlich schließen können. Obwohl, ich will auch noch Comics von Mawil übersetzen, ich halte ihn für einen der interessantesten deutschen Autoren …

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"Ohne den Autor sind wir nichts, wir schulden ihm alles" - Heidi Warneke, Lizenzen bei Grasset

Von Daniel Beskos

 

Heute haben wir einen besonderen Termin – nämlich beim Traditionsverlag Grasset. Bernard Grasset gründete ihn 1907, und schon 1911 und 1912 machte der Verlag landesweit von sich reden, als er in zwei aufeinander folgenden Jahren den Prix Goncourt gewann. 1912 bezog man das Büro in der Rue des Saints Pères, in der der Verlag auch heute noch sitzt.

 

Mit Autoren wie Proust oder Cocteau und vielen weiteren großen französischen Schriftstellern machte der Verlag sich einen Namen, aber auch große ausländische Autoren wie Gabriel García Marquez, Umberto Eco oder T.C. Boyle veröffentlichten hier. Bernard Grasset war es auch, der gewissermaßen das moderne Buchmarketing und die Eventisierung der Literatur miterfunden hat, als er den ersten Roman Le Diable au corps des noch sehr jungen Romanciers Raymond Radiguet vor allem mit dem Hinweis bewarb, dass der Autor erst 17 Jahre alt sei – was damals für einen Verkaufserfolg, aber auch für einen kleinen Skandal und jede Menge Spott sorgte.

 

1983 erfand der damalige Grasset-Verleger Jean-Claude Fasquelle die Reihe Les Cahiers Rouges, eine Taschenbuchreihe, erkennbar an den roten Einbänden, in der seither vor allem moderne französische und internationale Klassiker erscheinen, aus der Backlist des Verlags (Jean Giono, Irène Némirovsky, François Mauriac, Thomas Mann, Vladimir Nabokov, F.S. Fitzgerald, Truman Capote u.a.), aber auch Briefwechsel von Künstlern (wie Cézanne, Degas, Van Gogh, Klee, Dali u.a.) und Gedichte (z.B. von Walt Whitman), rare Texte von Stefan Zweig und Tagebücher von Franz Kafka. Bis heute ist diese Reihe eins der Aushängeschilder des Verlags.

 

 

Für das Gespräch haben wir uns mit Heidi Warneke getroffen, die aus Deutschland stammt und seit 12 Jahren bei Grasset die Lizenzabteilung leitet.

 

Liebe Heidi Warneke, Grasset ist ein großes Traditionshaus, wie würden Sie den Verlag heute charakterisieren?

Vor allen Dingen ist es ein Verlag, der Autoren- und lektoratsbestimmt ist, es gibt also eine eindeutige inhaltsgebundene Prädominanz des Lektorats. Das ist anders als in den meisten grossen deutschen Verlagen, und das Lektorat hat es nicht so gerne, wenn von außen, etwa aus dem Marketing, reingeredet wird. Es passiert eher selten, dass Lektoren zu uns in die Lizenzabteilung kommen und fragen: “Meinst Du, das könnte was für eine Verfilmung oder fürs Ausland sein?” Das Lektorat pflegt ganz enge Verbindungen zu den Autoren und trifft alle Entscheidungen hinsichtlich des Programms. Die anderen Abteilungen (Presse, Lizenz usw.) führen diese Arbeit dann nur fort. “Ohne den Autor sind wir nichts, wir schulden ihm alles”, das ist die Philosophie des Hauses, und das ist auch das Besondere, würde ich sagen. Wir haben ein großes Gehör für die jeweiligen Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen, was natürlich nicht immer ganz einfach ist, wie man sich denken kann.

Derzeit veröffentlicht der Verlag pro Jahr ca. 180 Titel, ein Großteil davon v.a. französische Belletristik, aber auch Sachbuch (Geschichte, Philosophie, Essays, aktuelle Dokumente), wir veröffentlichen viele „Intellektuelle“, das ist typisch für Frankreich, davon gibt es hier einige, die sich auch gerne öffentlich zu all dem äußern, was in der Gesellschaft passiert, wie etwa Bernard-Henri Lévy oder Pascal Bruckner. Ein großer Unterschied zu Deutschland sind auch die autobiografischen Texte, die aber hier eher als Literatur erscheinen, etwa in unserer gelben Reihe, die bekannt ist für große Literatur. Da erscheinen dann aber auch Bücher wie etwa die Jahreschroniken von Patrick Rambaud, der in sehr literarischem Stil die Regierungsjahre Sarkozys begleitet hat – das ist toll geschrieben, aber keine eigentliche Fiktion.

 

Haben Sie das Gefühl, dass deren Bücher und Meinungen in einer hochpolitischen Zeit wie jetzt wieder stärker gefragt sind?

Generell sind Wahljahre für Buchverlage hier eine Katastrophe, und dieses ist wirklich besonders schlimm. Die allgemeinen Einbrüche auf dem Buchmarkt sind massiv und alle Verlage spüren das.

 

Warum lesen die Menschen in diesem Jahr weniger?

Der letzte Wahlkampf war absolut einzigartig, diese ganzen Skandale, die Polarisierung, die Leute verfolgen glaube ich eher das, in der Presse oder im Fernsehen. Und die Wirtschaft hierzulande ist derzeit auch nicht sehr stark, da wird natürlich auf allen Seiten an der Kultur gespart.

Aber auffällig ist in Frankreich auch: Jeder Politiker, der halbwegs etwas auf sich hält, muss irgendwann mal ein Buch veröffentlicht haben. Vieles davon setzt sich dann jedoch nicht durch. Aber die Themen, die im Wahlkampf eine große Rolle spielen, für die gibt es auch eine Nachfrage im Buchmarkt. So etwa Pascal Bruckner, der letztes Jahr ein Buch über Geld, dieses Jahr eines über Islamophobie geschrieben hat, der ist in den Medien wahnsinnig präsent, die Verkaufszahlen sind jedoch leider nicht mehr so wie früher (wir haben davon noch etwa 30.000 Stück verkauft, immerhin, aber das wären früher mehr gewesen). Und natürlich ist durch die französischsprachigen Autoren aus Nordafrika das Thema Islam allgemein sehr groß. Auch in der Literatur, eine Leïla Slimani etwa, die letztes Jahr den Goncourt gewonnen hat, die jetzt gerade ein Buch zum Thema weibliche Sexualität im Islam veröffentlicht hat. Auch wenn man das Gefühl hat, es wird vieles radikaler, gibt es auch parallel dazu Stimmen, die anders sind, eine andere Tendenz haben.

 

Was hat sich im Buchwesen verändert, seit Sie bei Grasset sind?

Der Markt hat sich sehr verändert, auch wenn man sagen muss, dass der französische Markt im Vergleich zu anderen noch immer sehr frei ist, besonders hier bei Grasset. Aber auch hier müssen die Verlage zunehmend überlegen, was sie veröffentlichen. Die Midlist ist eingebrochen, alle Verlage brauchen Bestseller im Programm, die den Rest tragen. Den Luxus, viel einfach aus Spaß und Interesse herauszubringen, das kann man sich immer weniger leisten. Dennoch ist das Verhältnis Verlag-Autor bei uns im Haus noch immer vielfach wie eine klassische Ehe – Treue, solange es geht. Patrick Rambaud etwa veröffentlicht seit Jahrzehnten bei uns. Aber auch die aus der eher jüngeren Generation mit damals wirklich radikal neuen Stimmen wie Frédéric Beigbeder oder Virginie Despentes sind schon sehr lange bei uns. Aber der Druck und die Erwartungen der Autoren sind gestiegen, wozu auch beigetragen hat, dass inzwischen immer mehr Autoren von Agenten repräsentiert werden, aber natürlich auch der generell schwierige Markt. Und so können Autoren versucht sein, dem Sirenengesang anderer Verlage zu folgen.

 

 

Welche aktuellen Titel aus Ihrem Programm finden Sie persönlich besonders spannend?

Eine wundervolle Entdeckung war der Erstlingsroman „Petit pays”, ein hinreissender und sehr bewegender Roman mit charismatischem Autor, der auch schon vor Erscheinen international auf großes Interesse und Begeisterung gestoßen ist und der dann auch hier in Frankreich ein Riesenerfolg wurde: Gaël Faye, geboren in Burundi als Sohn eines französischen Vaters und einer Mutter aus Ruanda. Er kommt aus der Musik, aus dem HipHop. Er erzählt in dem Roman (das titelgebende “kleine Land” ist natürlich Burundi) vom Ende der Kindheit: Wie schafft es die Geschichte manchmal durch ihren Horror, der Kindheit ein brutales Ende zu setzen und diese Zeit der Unschuld zu beenden. Es beginnt damit, dass ihm seine Eltern ankündigen, dass sie sich trennen wollen. Dann kommt der erste Staatsstreich, und dann beginnt langsam der Genozid, also zwischen Tutsi und Hutus. Er ist Tutsi (eigentlich weiß er das am Anfang aber noch gar nicht und es interessiert ihn auch nicht), er wohnt in einer Sackgasse voller Gärten, in denen er mit seinen Freunden spielt, und nach und nach werden durch den Horror, der außenherum passiert, alle gezwungen, Position zu beziehen, obwohl sie das eigentlich überhaupt nicht wollen. Und das erzählt er wirklich großartig, in einem ganz besonderen Ton. Wir haben davon in Frankreich über 400.000 Exemplare verkauft, dazu 30 Auslandslizenzen. Das ist absolut außergewöhnlich. In Deutschland erscheint das Buch übrigens bei Piper.

Eine weitere wunderschöne Entdeckung war der Erstlingsroman „La Tresse“ („Der Zopf) der Regisseurin und Drehbuchautorin Laetitia Colombani, die umwerfende Geschichte von drei Frauen in drei verschiedenen Kontinenten, die eigentlich nichts verbindet als grosser Mut, und deren aus ganz unterschiedlichen Gründen schwere Schicksale sich verflechten… Auch in diesem Fall ist es uns gelungen, international große Begeisterung für den Roman zu schaffen und vor Erscheinen in Frankreich 20 internationale Verlage für das Buch zu finden.

Das beflügelt natürlich…

 

Gibt es eine Sprache, in die sie am liebsten Lizenzen verkaufen, etwa ins Englische?

Der englische Markt ist oft schwierig, in den USA und in England wird weniger übersetzt als bei uns, das erschwert unsere Arbeit. Das sieht dann eher so aus, dass man den englischen Verlagen sagen muss: Schaut mal, wir haben es schon in 15 Sprachen verkauft, damit sie es sich ansehen.

Ich verkaufe natürlich schon gerne nach Deutschland. Ich bin da aufgewachsen, es ist meine Muttersprache, ich habe eine Idee von den Verlagen, ich komme auch oft hin und schaue mir in den Buchhandlungen an, was so passiert – diesen Zugang habe ich in dem Maße in den anderen Sprachen natürlich nicht. Und man kann es auch ganz offen sagen: Die deutschen Verlage sind unglaublich dynamisch. Wenn es da mal ein breites Interesse an einem Titel gibt, dann kann es in einer Auktion auch schon mal richtig interessant werden.

Aber auch China ist inzwischen ein Markt geworden, der sich wahnsinnig geöffnet hat. Das läuft allerdings über eine chinesische Agentin vor Ort. In meinem ersten Jahr bei Grasset war Frankreich damals Ehrengast auf der Buchmesse in Peking. Wir hatten einen Katalog auf Chinesisch vorbereitet, was witzig war, weil ich nur die Namen der Autoren lesen konnte und sonst keine Ahnung hatte, was da genau drin stand. Und da konnten wir vor Ort schon gleich acht Lizenzen verkaufen. Es gibt einfach sehr viel Nachholbedarf – aber natürlich geht nicht alles, vor allem nichts, was Schwierigkeiten mit der Zensur bekommen könnte, was politisch ist oder sonstwie vom Thema her brisant.

 

Und werden in China vor allem die Klassiker nachgefragt, zum Nachholen?

Ja, Klassiker, Gegenwart, Sachbuch, viel social science – und in den Unis dort gibt es ja auch den Anspruch, den Studenten eine top Ausbildung zu verschaffen, damit die hinterher in die großen Unis in USA und Europa kommen können. Das ist schon eine erstaunliche Entwicklung.

 

Und abgesehen von den großen Auktionen – was sind die schönsten Momente Ihrer Arbeit?

Das Treffen mit den anderen Literaturmenschen, das Sprechen über die Literatur, der Versuch der Vermittlung – das ist alles großartig. Am besten gefällt mir aber wahrscheinlich der Moment, wenn man ein Buch sehr liebt und es dann nach langen Bestrebungen endlich schafft, es an der richtigen Stelle unterzubringen. Wenn die eigene Leidenschaft auf Reisen geht – das ist schon etwas sehr sehr Schönes.

 

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„Kinder und Jugendliche nicht für dumm halten!“ – Gespräch mit Soazig Le Bail über Kinderbücher

Von Peter Reichenbach

 

Wir brauchen eine Weile, bis wir verstanden haben, wie französische Häuser funktionieren: Man drückt einen kleinen silbernen, kleinen Knopf an der Hauswand, wodurch sich ein großes, hölzernes Tor öffnen lässt. Danach steht man meistens in einem richtig schönen Innenhof. Und weil es den Beruf des Concierge anscheinend nicht mehr gibt, muss man sich anhand von nicht immer einfach zu verstehenden Schildern weiter navigieren. Daher brauchen wir auch bei Editions Thierry Magnier eine Weile, bis wir unseren Weg gefunden haben - gut, dass man in Frankreich auf gar keinen Fall pünktlich sein darf. Wir wollen mit Soazig Le Bail über Kinderbücher in Frankreich sprechen, nicht zuletzt deswegen, weil sie auch für die französische Übersetzung von Finn-Ole Heinrichs „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“ (im Französischen „La vie de Lara Schmitt“) verantwortlich ist.

 

Soazig, im Wikipediaeintrag über Editions Thierry Magnier hat sich jemand die Mühe gemacht, immerhin für zwei Jahre einmal all die erhaltenen Preise und Auszeichnungen zu dokumentieren; eine wahrlich beeindruckende Liste. Wie schafft man es, so viele Auszeichnungen zu bekommen?

 

Also, ich muss euch zuallererst sagen, dass ich in zwei Monaten in Rente gehen werde. Es ist wahr, eine große Entscheidung, aber ich war jetzt Verlegerin für, ich muss nachdenken, bestimmt 30 Jahre!? Und ja, es war ein Glück, Verlegerin für Kinder- und Jugendbücher zu sein. Aber warum dabei so viele Preise herausgekommen sind, das weiß ich wirklich nicht. Und das ist auch nicht meine Motivation, ich will einfach gute Bücher machen. Und dabei ist mir das Wichtigste, Kinder und Jugendliche nicht für dumm zu halten. Ich suche deshalb auch immer nach Autoren, die eine Geschichten zu erzählen haben. Und nicht nach „Geschichten für Kinder“. So einfach ist das. Ich weiß nie genau, was ich veröffentlichen will, aber ich weiß sehr genau, was ich NICHT veröffentlichen will.

 

Wir kennen natürlich die bei Editions Thierry Magnier übersetzte und veröffentlichte Trilogie „Maulina Schmitt“ von Finn-Ole Heinrich (deutsche Ausgabe bei Hanser, Hörbuch bei Hörcompany, gelesen von Sandra Hüller) und das sind zweifelsohne anspruchsvolle Bücher, die ohne weiteres auch von Erwachsenen gelesen werden können. Das passt also zu dem, was Du sagst. Könnte man sagen, dass das Dein Erfolgsrezept ist?

Nun, leider verkaufen wir sie nicht ganz so gut, wie wir das erwartet hatten. Aber ihr wisst ja, im Buch stirbt die Mutter von Maulina und es sind die Mütter, die ihren Kindern Bücher kaufen … Aber man darf nicht zu viel nachdenken, denn sonst veröffentlicht man nur noch leicht lesbare Bücher.

 

 

Wie kommst Du auf die Bücher aus anderen Ländern?
Da gibt es viele Wege: Übersetzer, Agenten, die ich in Frankfurt oder Bologna treffe und über Testleser. Es ist sehr wichtig, gute Testleser zu haben, die genau wissen, wonach ich suche.

 

Auf Eurer Website haben wir gesehen, dass man die Titel anhand von Themen suchen bzw. sortieren lassen kann. Das finden wir spannend, das haben wir in Deutschland so noch nicht so oft gesehen.
Nein? Das machen hier alle, nicht nur wir. Wir müssen das auch machen, weil die Schulen, die Lehrer, auf diese Weise nach Büchern auf unseren Seiten suchen, gar nicht mal so sehr die Leser. Natürlich tauchen dann bestimmte Bücher auf mehreren Listen auf.

 

Erzählst Du uns mehr über den Verlag, wie viele Leute arbeiten hier?
Nun, bei Editions Thierry Magnier sind wir zu fünft. Meine Kollegin ist für die Bildbücher verantwortlich, ich selbst für die Romane, eine Assistentin für uns beide, zwei Leute für Werbung und Presse. Vertrieblich sind wir schon seit zehn Jahren bei Actes Sud eingebunden, was gut ist, weil Actes Sud ein Verlag ist, der gute Literatur schätzt. Aber natürlich müssen wir auch auf die Zahlen achten. Pro Jahr veröffentlichen wir zwischen 60 und 70 Bücher.

 

So viele?
Ja, aber wir haben auch sehr viele Reihen. Hier, ich zeige euch eine Reihe, Petite Poche, die meine gesamte Arbeit ganz gut repräsentiert: Es ist eine Reihe, in der pro Buch ein kleiner Roman in großer Schrift veröffentlicht wird. Diese Romane können von jedem, egal welchen Alters, gelesen werden. Es sind Romane für Erstleser, die ruhig auch schon fünfzig Jahre alt sein können, der Roman funktioniert also auch für Erwachsene, etwa für Leute, deren Muttersprache nicht Französisch ist. Deshalb ist uns auch die Aufteilung der Wörter auf der Seite sehr wichtig, da geben wir uns sehr viel Mühe. Wir achten zum Beispiel darauf, dass keine Wörter getrennt werden. Einige Bücher sind sehr leicht zu lesen, andere sind aber auch komplizierter. Und ich glaube, diese Bücher sind leicht zu kaufen, weil das Format sehr klein ist, und sie mit knapp vier Euro auch vergleichsweise günstig sind.

 

 

Ich hatte eine Schule mit technischem Schwerpunkt besucht, für Kinder und Jugendliche von 7 bis 17 Jahren, es werden vor allem Jungs dort unterrichtet, und die hatten bis dahin noch nie einen vollständigen Roman gelesen. Sie kommen dann zu mir und sagen: „Madame, sehen Sie, das habe ich gelesen, ein ganzes Buch.“ Das ist sehr bewegend und befriedigend zu hören. Von diesen Büchern erscheinen sechs oder acht pro Jahr. Ich hatte die Idee zu diesen Büchern, weil ich als Kind keine Bilderbücher mochte, und heute gibt es immer mehr Bilderbücher mit immer weniger Text, aber was machen wir mit denjenigen, die gerne lesen möchten? Deshalb habe ich an meinem ersten Tag bei Editions Thierry Magnier angefangen, diese Reihe zu entwickeln.

 

In Deutschland kann man immer wieder hören, dass die besten Kinderbücher aus Frankreich kommen. Siehst Du das auch so und wenn ja, ist die Konkurrenz nicht auch besonders hoch?
Die hohe Anzahl an Kinderbüchern liegt sicherlich daran, dass es in Frankreich gute Zeichenschulen gibt. Und was die Konkurrenz betrifft, Editions Thierry Magnier hat einen guten Ruf, weshalb die Zeichner durchaus auf uns zukommen.

 

Hast Du ein Buch, das Du deutschen Lesern empfehlen möchtest?

Tout un monde (In Deutschland bei Gerstenberg erschienen unter dem Titel Die ganze Welt), ein Klassiker und tatsächlich ein Buch ohne Text, das aber dennoch anhand der vielen, sehr unterschiedlichen Motivarten, Fotos und Illustrationen, eine Geschichte erzählt. Und seit ich Großmutter bin weiß ich, dass es sogar mit ganz kleinen Babys funktioniert, sie lieben es, die Seiten umzublättern und sich die Bilder anzusehen.

 

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"Wir arbeiten an der Bibliodiversität" - Die International Alliance of Independent Publishers

Von Daniel Beskos

 

 

Von der Existenz einer International Alliance of Independent Publishers habe ich erst vor kurzem erfahren, als mir der liebe Kollege Jörg Sundermeier (oben im Bild dritter von links) im Rahmen des diesjährigen Indiebookdays eine Mail von Laurence Hugues weiterleitete, die die Alliance vertritt und der die Idee des Indiebookdays gefiel. Sie half uns dann dabei, ihn auch unter unabhängigen Verlagen in Frankreich, Lateinamerika und Kanada etwas zu verbreiten. Aber natürlich waren wir neugierig geworden: So eine Vereinigung gibt es? Und was macht die überhaupt?

 

Gegründet wurde die Alliance 2002, sie ist in 6 Sprachräumen organisiert (English, Französisch, Arabisch, Spanisch, Portugiesisch und Farsi) und vertritt über 400 Verlage in aller Welt, die Zentrale ist in Paris. Deutsche Verlage sind derzeit noch nicht dabei, aber es gibt Überlegungen, mit der Kurt-Wolff-Stiftung (D) und SWIPS (CH) zusammenzuarbeiten. Gefördert wird die Vereinigung durch verschiedene Institute und Stiftungen u.a. in Frankreich und der Schweiz. Organisiert werden u.a. der internationale Austausch zwischen den Verlagen über Konferenzen und sogenannte Co-Editions, also Buchprojekte, bei denen viele Verlage zugleich das gleiche Buch in ihrem jeweiligen Land veröffentlichen – ein Phänomen, das man bei uns am ehesten aus dem Bereich der Kinderbücher kennt, das aber für eine Sprache wie etwa Französisch, das in diversen Ländern der Welt (u.a. auch in Afrika) gesprochen wird und somit sehr vielfältige Buchmärkte abdeckt, aber natürlich nochmal eine ganz andere Relevanz hat. Grundgedanke dabei ist, dass Literatur vom Süden in den Norden gebracht werden soll – also etwa aus den französischsprachigen Ländern Afrikas in die Industrienationen, oder auch aus Lateinamerika nach Europa.

 

Das wollten wir uns gerne etwas genauer anhören - zum Glück für uns ist der Sitz der Alliance in Paris, also haben wir sie natürlich gleich besucht. Unsere Gesprächspartner sind Clémence Hedde und Matthieu Joulin vom Pariser Büro der Alliance.

 

Clémence, Matthieu, danke, dass ihr Zeit für uns habt – kann denn jeder mitmachen bei der Alliance?
Matthieu: Wir vertreten ja schon recht viele Verlage und Zusammenschlüsse in aller Welt, daher müssen wir etwas aufpassen, dass das Ganze nicht zu unüberschaubar wird.

Euer Ziel ist es also nicht, irgendwann alle unabhängigen Verlage der Welt zu vertreten?
Clémence: Nein, das geht auch nicht – wir versuchen eher, eine Dynamik innerhalb der Gruppe zu kreieren, die interessante Projekte ermöglicht. Wenn die Gruppe aber zu groß würde und wir sowas wie die United Nations of Independent Publishing wären, würde das irgendwann nicht mehr so gut funktionieren. Daher wachsen wir lieber langsam und sorgfältig.

Könnt ihr mal von konkreten Projekten eurer Arbeit erzählen?
Matthieu: Ja, los ging es alles mit sogenannten Co-Publishing-Projekten, wir nennen sie fair co-publishing projects. Die Idee dabei ist es, gleichwertige Beziehungen zwischen Nord und Süd herzustellen. Zum Beispiel werden viele afrikanische Autoren meist direkt von französischen Verlagen veröffentlicht, die die Bücher zwar auch nach Afrika exportieren (also in die Heimatländer der Autoren wie etwa Senegal oder Elfenbeinküste), sich dabei aber kein Stück um die dortigen Verhältnisse kümmern, etwa den Ladenpreis, den sie nach französischen Maßstäben ansetzen, der aber für dortige Kunden natürlich viel zu teuer ist, nicht zuletzt auch durch den aufwändigen Transport, und sie kennen in der Regel auch die Läden nicht, in denen im Land Bücher verkauft werden. Zudem haben sie oft keine Möglichkeit, vor Ort Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Ein Autor aus dem Senegal hat es also schwer, in seiner Heimat wahrgenommen zu werden. Daher ist der Export der Bücher nach Afrika für die französischen Verlage auch nicht sehr lukrativ. Also haben wir die Reihe terres solidaires gegründet, mit der wir versuchen, Autoren und Bücher quasi zu repatriieren. Was wir bei bisher 10 Büchern gemacht haben ist, die Auslandsrechte für diese Länder von den französischen Verlagen zu erwerben und dann in vielen Ländern in Afrika Verlage zu finden, die diese Rechte gemeinsam erwerben.

Clémence: Das hier ist etwa die französische Ausgabe, sie kostet 9 Euro, und das hier ist die panafrikanische Ausgabe, die in Algerien, Elfenbeinküste, Marokko, Mali und vielen anderen Ländern von unterschiedlichen Verlagen veröffentlicht wird und um die 3 Euro kostet. Die Gesamtauflage ist dennoch recht klein, alle zusammen vielleicht 2000 Exemplare. Entsprechend sind die Rechte dafür auch nicht so teuer.

 

Matthieu: Es gibt für diese Reihe ein Komitee aus afrikanischen Verlagen und Buchhändlern, das gemeinsam entscheidet, welche Bücher veröffentlicht werden.

Und die Alliance ist in diesem Fall sowas wie eine Agentur?
Clémence: Ja, genau. Und wir empfehlen den afrikanischen Autoren auch, ihre Rechte für die afrikanischen Länder zu behalten. Und ohne uns gäbe es das ganze Modell so auch nicht, zumal wir auch Fördergelder etwa für diese Reihe einholen können. Nach jetzt 10 Büchern können wir sehen, wie gut die gemeinsame Zusammenarbeit funktioniert.
Fürs Cover machen dann alle oder einige Vorschläge und geben sie in die Runde, und dann wird abgestimmt. Es geschieht also alles gemeinsam – manchmal auch ein bisschen zu gemeinsam, dann ist es etwas mühselig, so viele verschiedene Meinungen unter einen Hut zu kriegen.

Aber das afrikanische Cover ist eigentlich noch schöner geworden als das französische, oder?
Clémence: Ja, finden wir auch!

Könnte man das gleiche auch in anderen Sprachräumen machen?
Clémence: Ja, zum Beispiel im Englischen gibt es ähnliche Modelle für die unterschiedlichen Märkte in den USA, Großbritannien, Australien, Kanada, Südafrika, Indien, Neuseeland usw. Hier haben wir etwa ein Buch aus dem Französischen, aber da funktioniert es etwas anders, die Verlage arbeiten viel eigenständiger, aber sie haben sich die Kosten für die Übersetzung, das Lektorat und das Korrektorat geteilt. Und in diesem Fall auch die Rechtsberatung, die hier sehr kostspielig war – denn es ist ein Buch gegen Monsanto.

Matthieu: Inzwischen machen einige Verlage, die sich über uns kennengelernt haben, manchmal auch Co-Publishing-Projekte ohne uns.

Clémence: Es gibt auch einen sehr bekannten Fall, wo es umgekehrt gelaufen ist: Barzakh, ein algerischer Verlag, war bei einem dieser Projekte dabei und erwarb dabei Rechte von Actes Sud. Dann irgendwann hat er im Gegenzug einen seiner eigenen Autoren, Kamel Daoud, an Actes Sud verkauft. Das Buch wurde dann ein riesiger Erfolg, es ist in 15 Sprachen übersetzt und hat diverse Preise bekommen. Man sieht also, dass auch die französischen Verlage ein Interesse an dieser Art von Partnerschaften haben sollten.

Matthieu: Und in Lateinamerika ist es alles etwas anders, weil viele spanische oder portugiesische Verlage eigene Büros in Lateinamerika betreiben und ein viel besser ausgebautes Netzwerk haben; der Markt dort ist ja auch viel größer als in Afrika. Sie geben dann eher eigene Ausgaben für diese Länder heraus.
Ein anderes Projekt, an dem wir gerade arbeiten, ist der Versuch, die Regeln der verschiedenen Buchmärkte, etwa in Lateinamerika oder in den arabischen Ländern, zusammenzustellen und so auch transparent und vergleichbar zu machen.

Clémence: Da kommt dann unser Thema Bibliodiversität wieder ins Spiel. Zu dem Thema gibt es auch ein Buch, das auch ins Deutsche übersetzt wurde, es ist in Deutschland im Verbrecher Verlag erschienen.

Matthieu: Außerdem gibt es Workshops zu verschiedenen Themen wie digital publishing, wo es bei vielen Verlagen Beratungsbedarf gibt. Da achten wir darauf, dass es möglichst Vorträge und Austausch unter Kollegen sind, nicht so sehr externe Experten, die eine Präsentation machen.

Vor kurzem haben wir im Netz zwei junge schottische Verlegerinnen entdeckt, die gerade per Crowdfunding versuchen, eine Webseite zu bauen, die alle unabhängigen Verlage der Welt auflistet.
Clémence: Oh, ambitioniertes Projekt!

Ja, hört sich nach viel Arbeit an. Und ich bin nicht sicher, ob sie eure Institution kennen – das sollten sie aber natürlich, wir schicken ihnen mal euren Link.
Matthieu: Ja, unbedingt. Wir beauftragen ja auch wissenschaftliche Studien zum unabhängigen Publizieren, mit Schwerpunkten etwa auf der frankophonen Welt, im digitalen Bereich oder wie in unserer neuesten Studie auf der Frage, ob es überhaupt freies Publizieren gibt, und haben daher einen ganz guten Überblick.

Clémence: Und dabei geht es uns auch darum, zu definieren, was independent überhaupt bedeutet oder ausmacht. Dabei gibt es natürlich immer Diskussionen – geht es darum, nicht Teil einer Gruppe zu sein? Oder nicht zu groß zu sein und machen zu können, was man möchte? Die Antworten darauf sind in den verschiedenen Ländern zum Teil sehr unterschiedlich. Aber wir versuchen, dabei auf keinen Fall dogmatisch zu werden.

 

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"Ein Gastlandauftritt in Frankfurt kann die Geburt eines Buchmarktes sein" - Pierre Astier, Literaturagent

Von Daniel Beskos

 

Es ist ein ausgesprochen sonniger Morgen, der Himmel ist strahlend blau und wir warten vor einem Café direkt gegenüber des Louvre, der von hier aus wirklich beeindruckend riesig ist. Das Gespräch mit Pierre Astier hatten wir schon länger vereinbart - und sind sehr gespannt, denn er wurde uns von vielen Seiten empfohlen als der Agent in Frankreich, einem Land, in dem das Agenturswesen im Literaturbereich noch recht neu ist und erst noch einige Lanzen für diesen Beruf gebrochen werden müssen. Und auch wenn es inzwischen verbreitet ist, dass Verlage im In- und Ausland ihre Bücher über Agenturen lizensieren, so haben noch immer nur ganz wenige französische Autor*innen einen Agenten, eigentlich nur die sehr bekannten - und die erwähnen das in der Öffentlichkeit wohl kaum. Und auch der literarische Austausch zwischen Deutschland und Frankreich ist so ein Thema: In Deutschland, heißt es, gibt es eine große Aufmerksamkeit für französische Bücher, Französisch ist nach Englisch die zweitmeistübersetzte Sprache. In Frankreich ist das ganz anders: Deutsche Bücher haben es sehr schwer, hier veröffentlicht zu werden, Bücher aus anderen Sprachen (neben Englisch etwa Spanisch oder Japanisch) sind hier viel gefragter. Ein Zitat in diesem Zusammenhang ist bei uns zum running gag geworden, über den wir uns dauernd amüsieren: "Der einzige deutsche Autor, der in Frankreich etwas gilt, ist Stefan Zweig". Es gibt also auch hier viel zu tun für Agenturen und wir freuen uns auf das Gespräch mit Pierre Astier. Aber zuerst: Croissants, Chocolat und Espresso. Dann kanns losgehen.

 

Pierre Astier war 15 Jahre Verleger und hat vor 11 Jahren mit Laure Pécher die Agentur Astier-Pécher gegründet.
Pierre Astier war 15 Jahre Verleger und hat vor 11 Jahren mit Laure Pécher die Agentur Astier-Pécher gegründet.

Monsieur Astier, wie ist das, in Frankreich eine Agentur zu betreiben. Das ist nicht eigentlich nicht so verbreitet wie in England, den USA oder Deutschland, oder?

Nein, es ist nicht so einfach hier. Nicht zuletzt liegt das daran, dass es eine ziemlich festgefahrene Vorstellung einer chaîne du livre gibt, einer traditionellen Entstehungs- und Verwertungskette des Buches, die vom Autor und den Übersetzer über den Verlag, den Vertrieb, den Buchhändler oder Bibliothekar über den Veranstalter bis zum Leser reicht – und Agenturen kommen darin nicht vor. Da alle Elemente dieser Kette stark von der Regierung unterstützt werden, nur eben die Agenturen nicht, ist es für diese nicht einfach, in diesem System zu bestehen. Auch die verschiedenen Institutionen, die u.a. den Verkauf von Auslandsrechten unterstützen (wie etwa das BIEF, das CNL oder das Institut français), werden vom Staat gefördert. Es gibt also traditionelle Wege, auf denen Bücher veröffentlicht und auch ins Ausland lizenziert werden – doch sobald Agenturen involviert sind, wird es sehr kompliziert, Förderungen zu beantragen. Seit Jahren kämpfen wir also dafür, dass Agenturen hier involviert werden. Dass wir überhaupt so hart kämpfen müssen, liegt daran, dass die großen französischen Verlage (wie Gallimard, Grasset, Flammarion und Fayard) sich teilweise gegen die Arbeit mit Agenturen gestellt haben. Sie wollen natürlich auch weiterhin die Weltrechte an Manuskripten erwerben, während die Agenturen ihnen nur eingeschränkte Rechte verkaufen würden. Und natürlich haben diese Verlage auch bereits beste Kontakte zum CNL oder Institut français, um die Lizenzen nicht nur zu verkaufen, sondern auch die entsprechenden Förderungen für die Lizenzpartner zu generieren. Aber das bedeutet eben auch, dass die kleineren, unabhängigen Verlage es noch immer sehr schwer haben, ihre Bücher ins Ausland zu verkaufen. Doch wir leben ja nicht mehr in den 1980er Jahren. Zum Glück ist der neue Präsident Macron auch der Meinung, dass sich in Frankreich einiges ändern muss – auch in der Kultur.

 

In Deutschland ist die Arbeit mit Agenturen im In- und Ausland schon ziemlich normal geworden und viele Verlage schätzen sie als Filter und Empfehlungsinstitution.

Ich glaube auch, dass es in der Kultur Platz für alle gibt – auch wenn manche Verlage hier das anders sehen.

 

Wie kamen Sie denn überhaupt darauf, hier eine Agentur zu gründen?

Auf fünf Kontinenten wird in französischer Sprache geschrieben und auch veröffentlicht. Seit Jahrhunderten ist Paris das Zentrum dieser frankophonen Welt. Doch diese Zeiten sind meiner Meinung nach vorbei – es kann nicht sein, dass zwanzig oder dreißig Verleger in Paris alle Entscheidungen für diese weltweite Szene treffen. Ein Debütautor etwa, der in Antananarivo auf Madagaskar lebt und auf Französisch schreibt, kennt in Paris niemanden in den Verlagen, er wird keine Chance haben, hier einen guten Verlag zu finden. Er braucht jemand, der ihn vermittelt. Und warum sollte sein Buch auch unbedingt in Paris erscheinen – es gibt auch tolle Verlage in Bordeaux, in Marseille, in der Schweiz oder in Quebec in Kanada. Das war also damals mein Grundgedanke – den Autoren diese Möglichkeiten aufzuzeigen und sie zu vermitteln.

Inzwischen haben wir auch Subagenten, etwa einen in Asien (China, Malaysia, Thailand, Indonesien), der unsere Rechte dort verkauft, und im Gegenzug vertreten wir Autoren aus diesen Ländern in Europa. Das gleiche mit den arabischsprachigen Ländern. Als nächstes suchen wir jemanden für Lateinamerika. Und natürlich arbeiten wir mit französischsprachigen Autoren und Verlagen in verschiedenen Ländern (Frankreich, Schweiz, Belgien und in Afrika). Und aktuell haben wir im vergangenen Jahr auf mein Betreiben hin eine Vereinigung aller französischen Agenturen gegründet, in der jetzt über 20 Agenturen Mitglied sind, und in der man sich austauschen kann.

 

Aber herrscht da keine Konkurrenz zwischen den Agenturen?

Ja, aber nicht nur. Wir haben kürzlich damit begonnen, eine Art Vereinbarung aufzusetzen, die alle Agenturen unterzeichnen sollen und in der festgehalten ist, wie sich Agenturen verhalten sollen, gerade im Hinblick auf Autoren, die etwa den Verlag oder die Agentur wechseln wollen. Darin sollen ein paar klare Grundsätze aufgestellt werden, damit wir uns fair und eindeutig verhalten und nicht wie Gangster. Im Juni wollen wir das öffentlich bekanntgeben, und ich hoffe, es wird einiges an positiver Resonanz für uns geben. Etwas Vergleichbares gibt es unter Verlegern leider nicht – und daher kommt es leider allzu oft vor, dass die großen Verlage den kleinen Verlagen die Autoren wegnehmen. Die Indie-Verlage, etwa in Marseille oder Bordeaux, stecken so viel Arbeit in die Suche nach guten Autoren und dann kommen die großen und kaufen sie ihnen weg. Ich finde das furchtbar.

 

Woher weiß man eigentlich, welches Buch man in welches Land verkaufen kann?

Das ist auch nicht immer ganz einfach. Aber wir reisen viel, auch zu den verschiedenen Buchmessen, so langsam kriegt man ein Gespür. Zum Beispiel funktionieren historische Romane in Spanien, Portugal und Südamerika sehr gut, jedenfalls besser als etwa in den Niederlanden. Einen Erotikroman verkaufen wir auf keinen Fall nach China, aber vielleicht nach Deutschland. Auch für politische und religiöse Themen ist China sehr schwierig.

 

Hat der diesjährige Gastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse eine Bedeutung für Ihre Arbeit?

(Lacht) Ach ja, der Gastauftritt. Das ist ja so eine ganz besondere Geschichte. Er bedeutet sehr viel. Und zwar von Anfang an, seit dem Sommer 2014, als der Skandal so richtig abhob. Seitdem verfolge ich das sehr intensiv.

 

Der Skandal war, dass einige Verleger den Gastauftritt nicht wollten, weil sie sagten, man habe schon ausreichende Beziehungen nach Deutschland und der Auftritt koste zu viel Geld?

Ja, so in der Art. Hat Ihnen mal jemand die ganze Geschichte erzählt?

 

Nein.

Das wundert mich nicht. Es war ja auch eine echte Schande. Es gibt einen Buchhändler in Paris, Monsieur Poirier, der in Montparnasse einen ganz ausgezeichneten Buchladen hat (Tschann), der, warum auch immer, wusste, dass Frankreich seit Jahren von der Buchmesse als Gastland eingeladen war, aber nie geantwortet hat. Also ein Buchhändler wohlgemerkt, kein Verleger oder Agent! Er hat sich furchtbar darüber aufgeregt. Er schrieb also einen öffentlichen Brief an Livre Hebdo, in dem er sagte, falls Frankreich sich Deutschland gegenüber weiterhin so unhöflich und desinteressiert zeigen sollte, würde die Buchmesse sicher irgendwann ein anderes Land einladen, und das sei ein Skandal. Man verpasse dadurch eine großartige Gelegenheit, den französischen Buchmarkt der Welt zu zeigen. Das erzeugte großen öffentlichen Widerhall. Verschiedene Ministerien und Institute, darunter der Kultusminister, der Premierminister und sogar der Präsident, hatten eine Einladung vorliegen – und keiner hatte je geantwortet. Als ich das gelesen habe, bin ich fast durchgedreht, und ich war nicht der Einzige, die Verleger von Gallimard und Actes Sud etwa waren alle ebenfalls sehr verärgert. Wir telefonierten herum und besprachen uns – wie konnte man nur so dumm und unhöflich sein! Andere Länder warten Jahre auf eine solche Gelegenheit, und wir sagen nichts, noch nichtmal Nein, danke, einfach gar nichts. In verschiedenen Gesprächen und Interviews habe ich immer wieder gesagt, dass wir das so nicht akzeptieren können. Und ich habe damals dann verstanden, dass dafür eine ganz bestimmte Person verantwortlich war, (und Sie können mich hier gerne zitieren), nämlich der Leiter des BIEF. Er sagte: Wir brauchen den Gastauftritt nicht. Das zeigte einen solch unglaublichen Mangel an Vision, an Vorstellungskraft, ich kann das wirklich nicht verstehen. Es hat mich sehr aufgeregt. Im Französischen sagt man la moutarde monte au nez (quasi: Mir stieg der Senf hoch).

 

Dann endlich reiste der Premierminister nach Berlin und sagte: Natürlich nehmen wir die Einladung an, wir freuen uns sehr usw. Und man benannte Paul de Sinety zum Leiter des Organisationskomitee, ein Freund von mir, den ich immer sehr unterstützt habe. Ich finde, er ist sehr tüchtig und hat die Vorstellungskraft, die man für einen solchen Job braucht. Aber auch ihm war nicht ausreichend klar, dass das Wichtigste an einem solchen Gastauftritt der Rechtehandel ist. Ich habe ihm gesagt: Das muss man zuerst organisieren, wer wann wohin eingeladen wird fürs Kaufen und Verkaufen von Rechten, damit das Angebot möglichst breit gefächert ist. Natürlich sind das die großen Verlage in Paris, aber auch die kleinen, unabhängigen Verlage überall im Land, die eben auch viele Autoren entdecken und daher auch in Frankfurt sein sollten. Leider waren die letztendlich total unterrepräsentiert.

 

Und die andere Idee, die wir hatten, war, dass es nicht nur Frankreich wäre, sondern die französische Sprache insgesamt, die in Frankfurt repräsentiert werden sollte. Ich war eine Zeitlang auch Mitglied im Auswahlkomitee, wir sollten entscheiden, wer alles nach Deutschland eingeladen wird. Aber ich bin dann irgendwann ausgestiegen, ich konnte nicht weiter unterstützen, wie die Dinge dort gehandhabt wurden. Mein Hauptproblem war, das ausgerechnet jener Leiter des BIEF, der der Hauptgegner des Gastauftritts war, nun der Leiter der Organisation des Rechtehandels geworden ist. Das war glaube ich nicht richtig, ihn dafür auszuwählen. Man hat hier einfach nicht verstanden, worum es beim Gastauftritt im Wesentlichen geht. Das Institut francais und Paul de Sinety legen ihr Hauptaugenmerk auf eine Art französisches Festival, auf Veranstaltungen und Rahmenprogramm – und sie vergessen dabei, dass der Rechtehandel viel wichtiger ist. Daher liegt diese Aufgabe weiterhin beim Leiter des BIEF, was ich so einfach nicht richtig finde. Nun gut, ich will mich nicht zu viel beschweren. Mit deutschen Verlagen arbeiten wir traditionell sehr gut zusammen. Ich finde nur die Bürokratie hier nicht gut.

 

Und in Frankfurt präsentiert man sich ja nicht nur den deutschen Verlagen.

Ganz richtig, die Frankfurter Buchmesse ist ein Fenster zur ganzen Welt, nicht nur nach Deutschland. Aber das verstehen die Bürokraten hier eben nicht in vollem Maße. Ich reise seit fast 25 Jahren jedes Jahr nach Frankfurt, und ich weiß, dass ein Gastlandauftritt dort für ein Land Großes bewirken kann. Etwa für Indonesien vor zwei Jahren – ich würde sagen, dass der indonesische Buchmarkt vor diesem Auftritt praktisch nicht existiert hat, zumindest war er nicht strukturiert, jetzt ist er es. Das gleiche in Georgien, die 2018 Gastland sein werden. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass ein Gastlandauftritt quasi die Geburt eines Buchmarktes sein kann.

 

 

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