Blog 2016

"Schreiben Sie noch, Herr Maack?" - Benjamin Maacks Dankesrede zum Hermann-Hesse-Literaturförderpreis

Schreiben Sie eigentlich noch? Vor Kurzem hat Benjamin Maack in Karlsruhe den Hermann-Hesse-Literaturförderpreis bekommen und eine Dankesrede gehalten. Der Vorsitzende der literarischen Gesellschaft, Prof. Dr. Hansgeorg Schmidt-Bergmann, hatte ihn einige Wochen zuvor am Telefon gefragt, ob er eigentlich noch als Autor aktiv sei. Dies ist seine Antwort.

Daniel war dabei und hat die Rede per Mobiltelefon mitgeschnitten. Eigentlich nur für Benjamins Frau. Seine Erlebnisse der letzten Jahre sind dramatisch und sehr persönlich. Seine Rede fanden wir weit mehr als das. Denn manchmal werden die übelsten Erlebnisse zu lehrreichen Geschichten. Deshalb haben wir Benjamin gefragt, ob wir sie auf unserer Seite zeigen dürfen. Hier ist sie:

 

0 Kommentare

Tirana

Von Dorian Steinhoff

Dorian Steinhoff (Foto: Artan Begolli)
Dorian Steinhoff (Foto: Artan Begolli)

 

Dorian Steinhoff ist zur Zeit auf Einladung der Deutschen Botschaft als writer in residence in Tirana (Albanien). Letzte Woche schickte er von dort eine Mail, eigentlich nur an Familie und Freunde. Wir fanden sie aber so schön, dass wir ihn um Erlaubnis baten, sie hier zu veröffentlichen.

 

 

Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde,

vor meinem Haus stehen fünf Olivenbäume. Die Erntezeit rückt näher und jeden Tag liegen mehr Oliven auf dem Boden. Die Straßenhunde, von denen es ein paar gibt, scheinen sie nicht zu mögen. Vielleicht nagen sie lieber an den Ummantelungen der Stromkabel, die sich wie ein Aderastwerk an Holzmasten nach oben ranken und sich von dort über die Straße und gefühlt zu jeder Wohnung einzeln spannen. Das würde jedenfalls erklären, warum der Strom manchmal auch ausfällt, wenn es nicht gewittert. Heute zum Beispiel schon zwei Mal, immer nur kurz. Zack, alles aus. Meine Waschmaschine scheint es nicht zu stören, sie setzt ihr Programm einfach fort, sobald der Strom wieder da ist, und ich habe eine Kerze.

Meine Wohnung hat zwei Zimmer, einen sehr großen Balkon mit Blick auf die Berge und liegt in einem sechsstöckigen Haus auf einer ruhigen Einbahnstraße. Zu Fuß brauche ich ca. fünfzehn Minuten ins Stadtzentrum. Tirana ist laut und chaotisch. Lebendig und jung. Ein großes Durcheinander, das italienische, sozialistische und moderne Architektur, Minarette und byzantinische Kirchtürme seltsam ineinander keilt. Ich nehme an, was ich seltsam nenne, ist für einen Albaner einfacher Pragmatismus, der sich hier eben nicht an irgendwelche städtebaulichen Vorschriften zu halten hat.

Es fällt mir schwer, einen signifikanten Geruch oder ein bestimmtes optisches Merkmal herauszuheben, um deutlicher zu machen, wie es sich anfühlt, hier zu sein. Es ist alles auf einmal da. Der Geruch von Schmieröl aus einer offenen Motorradwerkstatt und der Duft von gegrillten Maiskolben, die ein Roma direkt vor dem Eingang verkauft. Marktstände, an denen zwei Tüten voll frischem Obst und Gemüse zwei Euro kosten, neben einem Vodafone-Store, neben einem Schuster. Dutzende protzige Autos, meistens von Mercedes oder BMW, mit viel zu jungen Typen am Steuer. Dazwischen alte deutsche Busse, von denen die Reklame nicht abgekratzt wurde. Sie kämpfen sich ständig hupend durch die meistens verstopften Straßen, die immer wieder Grünstreifen umspannen, in denen alte Männer auf Bänken vor uralten Popcorn-Maschinen sitzen und aussehen, als würden sie nur das leise Rauschen der Blätter über sich hören und nicht das Tosen der ganzen Stadt. Wer im Straßenverkehr zögert, hat verloren. Es fährt und geht immer der Stärkere, egal wo und egal wann. Und für den Stärkeren wird gebremst. Darauf ist Verlass.

Die Frauen sind sehr bedacht auf ihr Äußeres, gut gekleidet, ungefähr auf der gleichen Range wie bei uns, von Megahipster bis Plastik-Wimpern-Tussi ist alles dabei, aber immer erkennbar davon bestimmt, was Männern angeblich gefällt. Die Männer dagegen: unsichtbar. Ich glaube, mit schief auf dem Kopf sitzender Schiebermütze und bunten Socken bin ich für die Typen hier mindestens stockschwul, bzw. ein stockschwuler Clown. Im Fitnessstudio trainieren mehr Frauen als bei Holms Place in Köln. Aber sie machen nur Übungen für ihre Beine und ihre Pos. Die Männer trainieren nur ihre Oberkörper. Ich mache Ausfallschritte und mein Handtuch ist purpurpink: schwul!

Die Cafés sind immer voll. Ein Kaffee kostet 100 Lek (ca. 60 Cent), und die Albaner trinken sehr viel und sehr gerne Kaffee. Was bei uns das E-Mail-Schreiben ist, ist hier das Kaffeetrinken. Eine Absprache, ein Kaffee. "Let's have Coffee" ist vielleicht die treffendste Metapher für das Lebensgefühl in Tirana.

Eine andere Metapher dafür, wie die Dinge hier funktionieren, ist der Wasserhahn an meinem Küchenwaschbecken. Es ist eine herkömmliche Mischbatterie, die mit einem Hebel betätigt wird. Allerdings wurde der ganze Wasserhahn falschrum montiert. Der Hebel liegt hinter, nicht vor dem Hahn, und zeigt zur Wand, nicht zum Waschbecken. Daraus folgt, dass man den Hebel nur bewegen kann, wenn das Wasser voll aufgedreht ist. Drückt man den Hebel nämlich nicht bis zum Anschlag nach oben, bekommt man ihn nicht an der Wand vorbei. Und auch wenn das Wasser läuft, lässt er sich nur so bewegen, dass man an den Fliesen entlangschrammt. Aber hey, funktioniert, warmes Wasser, kaltes Wasser, alles da, ganz nach Bedarf. Und wer interessiert sich bitte für halbkreisrunde Kratzer auf Fliesen?

Und genauso laufen Dinge hier öfters. Mir gefällt das, es hält mich flexibel, spontan und confident, man hat gar keine andere Wahl, und in dieser Fluidität löst sich mein Deutschsein, meine Dinge-müssen-funktionieren-Perspektive ganz wunderbar auf. Keine besonders neue Reflexion über die Wirkungen des Reisens, ich weiß, aber come on, so geht es dem kleinen Pedanten in mir nun mal.

Ich werde oft gefragt, was mein Eindruck von Albanien ist, eigentlich fragt mich das jeder. Ich antworte dann, dass Albanien auf mich wirkt wie ein Teenager. Ein junges Land auf der Suche nach seiner Identität, bestätigungsbedürftig, darauf bedacht, nichts falsch zu machen, aber auch sehr stolz auf das bisher Erreichte, dabei unfähig nach außen, einem Fremden gegenüber, Schwäche oder Unwissen einzugestehen. Egal, wen man fragt, alle kennen den Weg. Als wir einmal den Abfahrtsort eines Busses suchten, standen drei Männer vor uns, die in drei unterschiedliche Richtungen zeigten.

 


Ich bin jetzt schon drei Wochen in der Stadt. Ich habe an einem Dada-Festival teilgenommen, auf dem ich Prosa las, und schlief in einem Hotel außerhalb der Stadt mit Blick auf ein Umspannwerk. Es gab eine Regendusche, und der Klodeckel war nicht festgeschraubt. Ich ernähre mich größtenteils von Salat, Schafskäse, Köfte, Börek, Joghurt, Mandarinen und Granatäpfeln. Ich trinke Amstel und Raki (einen klaren Tresterschnaps, nicht das türkische Aniszeug). Ich diskutierte mit einem griechischem Kulturwissenschaftler und einem kroatischen Dichter das Erstarken des Populismus in Europa. Ich besuchte meinen ersten Botschaftsempfang, sagte zu einem Kellner versehentlich zwei Mal Tschüß (mirupafshim) statt Danke (faleminderit), als er mir brachte, was ich bestellt hatte, und wurde vom Direktor der Nationalgalerie durch eine einzigartige Sammlung sozialistischer Kunst geführt. Ich fuhr ans Meer, spazierte am Strand entlang, vorbei an Dutzenden Hotels, die aussahen, als wären sie gebaut und dann nie in Betrieb genommen worden, nur um jetzt zu verfallen. Suchte ich nach einem Drehort für einen Horrorfilm, ich wüsste nun, wo ich ihn finden würde.

Ich gab einen Slam-Workshop an einem bilingualen Gymnasium und traf auf intelligente, ehrgeizige Kinder, die noch nie Musik- oder Kunstunterricht hatten und auf dem Niveau eines Deutsch-LKs literarische Texte in einer Fremdsprache schrieben, sich kritisierten, verbesserten und performten wie Hölle. Angetrieben von einem Aufstiegswillen und einer Zielstrebigkeit, die man an Gymnasien in Hamburger Elbvororten lange suchen kann. Zum Abschluss durfte ich den ersten Poetry Slam in der Deutschen Botschaft in Tirana moderieren. Es gab Standing Ovations und Häppchen. Die albanischen Lehrer tragen weiße Kittel.

Ich bekam den ersten Probedruck der Übersetzung meines Erzählbandes in die eine Hand gedrückt und in die andere einen Flachmann. Wenig später war ich mitten am Tag betrunken und überschwänglich stolz darauf, wie weit und wohin mich diese sieben Erzählungen bisher getragen haben. Ich schrieb Nächte durch, stand im sauberen Morgenlicht auf dem Balkon, rauchte, hörte der Stadt zufrieden beim Aufwachen zu, schlief zu wenig und hatte nach dem Aufwachen Bauschaum im Kopf. Ich wurde eingeladen und eingeladen und eingeladen und egal wie sehr ich es auch versuchte, ich durfte nicht einmal selbst bezahlen. Ich traf meinen Übersetzer und wurde nicht richtig schlau aus ihm. Ich wurde Zeuge davon, wie Pressearbeit auf Albanisch funktioniert. Zwei Telefonate beim Kaffeetrinken am Donnerstag ergeben ein zweiseitiges Interview in einer Tageszeitung am Samstag und einen Fernsehauftritt im Morgenmagazin am Montag. Ich wurde live als einer der „wichtigsten Schriftseller in Deutschland“ angekündigt, sollte dann die Nobelpreisvergabe an Bob Dylan kommentieren, und während ich redete, übertönte mich die Simultanübersetzerin im Studio über Lautsprecher und ich musste so tun, als hörte ich sie gar nicht.

Eine großartige Kollegin ist gerade zu Besuch und steckt mich mit ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihrer Ehrlichkeit, mit ihrem Enthusiasmus und ihrem energetischen Blick an. Ich durfte vor 60 Leuten Buchpremiere feiern und wurde gefragt, was ich mir wünschen würde, hätte ich einen Wunsch frei, und auf dem Tisch, vor dem ich saß, war ein Hakenkreuz eingeritzt. Ich hatte lange und viel zu signieren und musste mir dabei fast jeden Namen buchstabieren lassen. Ich bekam ungefähr 20 Facebook-Freundschaftsanfragen von Menschen, die ich noch nie gesehen habe, und frage mich, ob es als unhöflich gilt, sie nicht anzunehmen.

Morgen fahre ich für eine weitere Lesung nach Schkodra. Danach sind meine offiziellen Tätigkeiten vorbei. Am Wochenende will ich unbedingt ein  Fußballspiel im Stadion anschauen. Dann die ganze Woche schreiben und danach geht es auch schon wieder nach Hause. Am meisten freue ich mich auf Leitungswassertrinken und Roggenbrot.

Alle Liebe
euer Dorian

 

 

P.S.: Wer Dorian im albanischen Fernsehen sehen will - hier entlang.

 

0 Kommentare

Heute erscheint: SPACE - Eine Entdeckungsgeschichte des Weltalls

Heute ist es soweit: Unser SPACE-Buch erscheint.

Es gibt ja schon ein paar Bücher über den Weltraum: Kinderbücher, Bildbände, Bücher für Physiknerds. Aber so ein Buch wie dieses gibt es bislang auf Deutsch noch nicht: Spannend erzählt und mit zahlreichen Anekdoten aus den doch zum Teil sehr abenteuerlichen Ereignissen, aus denen sich die Entdeckungsgeschichte des Weltalls zusammenfügt.
Eine große Lese-Empfehlung für alle, die Sterne, Raketen und Geschichten mögen!

Heather Couper und Nigel Henbest, Weltraumexperten der BBC, nehmen uns mit auf eine spannende Reise durchs All. Sie schildern, wie die Sterne den Menschen seit jeher begleiten und beeinflussen, wie der Kalender entstand, wer das Teleskop erfand und es zum ersten Mal gen Himmel richtete – aber vor allem: Was er dort sah. Erstaunlicherweise waren es sehr oft Hobby-Forscher und Freizeitastronomen, die von ihren Hinterhöfen aus viele großartige Entdeckungen machten und damit die Wissenschaft entscheidend voranbrachten – so wie etwa jener deutsche Apotheker, der in seiner Freizeit mehr Sonnenflecken entdeckte als jeder andere vor ihm, oder der Priester, der den Urknall »erfand«.

In klugen, verständlichen Texten spannen die beiden Autoren einen Bogen von den ersten Sonnenkalendern bis hin zu den modernsten Weltraumteleskopen und reisen dabei von Stonehenge und dem antiken Griechenland bis in die tiefsten Regionen des Weltalls. Wir erfahren, wie Sterne geboren werden, was Supernovae, Pulsare und Schwarze Löcher sind und woher Kometen und Meteoriten kommen. Zuletzt widmen sich die Autoren auch der vielleicht wichtigsten Frage: Sind wir allein im Universum?

Eine Entdeckungsgeschichte des Weltalls, unterhaltsam und spannend erzählt – für Neueinsteiger und Weltraumfans.

Aus dem Englischen von Daniel Beskos.
296 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung, 18,90 Euro.

Mehr Infos, reinlesen und bestellen:
-> http://www.mairisch.de/programm/heather-couper-nigel-henbest-space/

 

0 Kommentare

"Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman" - Stevan Paul im Interview

Heute erscheint - nach den beiden Erzählbänden "Schlaraffenland" und "Monsieur, der Hummer und ich" - Stevans Pauls erster Roman: "Der große Glander". Darin wird der junge Künstler Gustav Glander im New York der 1990er-Jahre zum Star der Eat-Art-Bewegung. Seine kulinarisch geprägten Arbeiten und Aktionen sind spektakuläre Inszenierungen und treffen den Nerv der Zeit, Kritiker und Sammler stürzen sich auf die Werke des schweigsamen Deutschen. Doch der Erfolg bereitet Glander Unbehagen. Von einem Tag auf den anderen verschwindet er. Spurlos. Zwölf Jahre später: Ein Restaurant in Hamburg. Es herrscht Hochbetrieb in Küche und Service. Im Speiseraum sitzt auch der bekannte Kunstkritiker Gerd Möninghaus. Dem kommt einer der anderen Gäste seltsam bekannt vor. Zu spät fällt Möninghaus ein: War das etwa Glander? Als kurze Zeit später bislang unbekannte Skizzen des verschollenen Künstlers in der Redaktion auftauchen, beginnt der engagierte Journalist zu recherchieren. Seine Suche führt ihn von Hamburg nach New York, nach St. Moritz, an den Bodensee und ins Allgäu – und er macht dabei eine überraschende Entdeckung.

 

Wir haben Stevan ein paar Fragen zur Entstehung des Buches gestellt ... und ihn natürlich auch nach einem Rezept gefragt.

Stevan, Du bist Autor von vielen tollen Kochbüchern und zwei kulinarischen Erzählbänden. Warum hast Du nun einen Roman geschrieben?

 

Weil ich Lust dazu hatte! (lacht). Der Roman entstand tatsächlich parallel zu vielen anderen Projekten. Ich habe mir Zeit für die Entwicklung des Stoffes und der Figuren genommen und längere Auszeiten nur zum Schreiben.

 

Wie lange hast Du am Roman geschrieben und wie verlief der Schreibprozess?

 

Insgesamt waren es zweieinhalb Jahre in denen ich mir, jeweils im Winter, einige Wochen und Monate reine Schreibzeit erarbeitet habe. Begonnen hat es mit einem Stipendium der Kulturbehörde Hamburg, ich durfte damals im Januar 2014 vier Wochen im Laudinella Hotel in St. Moritz schreiben. Da habe ich auch gemerkt, dass ich ohne Ablenkung vom Alltagsrauschen am besten schreiben kann.

 

Erzählst Du uns ein bisschen, wie der Roman entstanden ist? Er spielt ja an verschiedenen Orten, hast Du die alle bereist? Woher kam die Idee für die Geschichte?

 

Die Geschichte hatte ich schon vor Jahren grob entwickelt, das Stipendium half, den Stoff anzugehen. Und tatsächlich habe ich alle Orte bereist, oder habe wahlweise eben auch dort gelebt. Ein bisschen ist „Der große Glander“ auch mein Heimat-Roman, denn ich bin am Bodensee aufgewachsen, habe in Ravensburg den Beruf des Kochs erlernt. Seit zwanzig Jahren schon ist mir Hamburg neue Heimat geworden und auch da spielt der Roman, in den Restaurants und Magazin-Redaktionen der Gegenwart. Das Buch ist darüber hinaus allerdings wenig biographisch. Mich hat vielmehr die alte Frage beschäftigt, wie viel Kunst eigentlich im Kochen steckt – darüber wollte ich schreiben und dafür habe ich die Kunst gleich mit ins Boot geholt.

 

Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz
Stevan Paul sinnend im Schneesturm während seiner Stipendiumszeit in St. Moritz

In dem Roman geht es ja auch um Kunst bzw. Eat-Art. Wie ist dazu Deine Beziehung? Und wie hast Du zum Thema Kunst recherchiert?

 

Essen und Genuss haben viel mit Kunst gemeinsam. Ein Tellergericht kann uns inspirieren, berühren, Gefühle auslösen – wie eine Gemälde, eine Fotografie, ein Musikstück. Der große Unterschied besteht darin, dass das Tellergericht nicht nur wesentlich vergänglicher ist, sondern dass wir uns das Tellergericht auch einverleiben können, es wird ein Teil von uns. Die Eat-Art erhebt das so lebensnotwendige, wie alltägliche Thema der Ernährung in allen Facetten zum Gegenstand der Kunst. Ich schätze die Eat-Art sehr, weil oft auch ein guter Humor mitschwingt, von Daniel Spoerris „Fallenbildern“ in den 60er-Jahren, über Dieter Roths „Literaturwürste“ bis hin zur wunderbaren, niederländischen Künstlerin Marije Vogelzang, die heute Food, Design und Philosophie in ihren künstlerischen Arbeiten und Aktionen vereint. Zur Eat-Art habe ich recherchiert, vor allem aber auch ein paar spannende Bücher über Kunstfälscher und Kunsthandel gelesen, und bei der Hamburger Polizei viel über die Fahndung nach Vermissten und Langzeitverschwundenen gelernt.

 

Gab es das Promi-Zählen-Spiel in New York wie es im Roman vorkommt eigentlich wirklich?

 

Das alberne „Star-Watch-Bingo“ habe ich erfunden (lacht) und es ist eng verwoben mit einem anderen Running Gag im Buch: Vor Jahren las ich mal irgendwo, dass es in New York unmöglich wäre, eine Straße zu überqueren, ohne nicht wenigstens Robert de Niro zu begegnen. Mit diesen „Star-Geschichten“ in den New-York-Teilen des Romans, versuche ich auch an die Zeiten der glamourösen Superstars aus Film, Kunst und Mode zu erinnern, die gab es damals noch, in den späten 80ern und beginnenden 90er-Jahren. Das war eine Zeit, in der eben auch ein deutscher Künstler wie Gustav Glander in New York zum gefeierten und hochgejazzten Liebling und Superstar werden konnte.

 

Gib's zu, da ist auch einiges aus Deinem Leben im Roman versteckt?

 

Die Realität ist ja gerne mal Stichwortgeber für den Autor und mein erstes Buch „Monsieur, der Hummer und ich“ war stark biographisch geprägt. Schon bei „Schlaraffenland“ war das anders und im Roman sind es jetzt eher Erfahrungen und Erkenntnisse gastrosophischer Art, weniger konkrete Begebenheiten, die den Text prägen. Mit Vergnügen habe ich aber ein paar meiner Lieblingsongs und Bands im Buch „versteckt“.

 

Was möchtest Du den Lesern von „Der große Glander“ vermitteln?

 

Im besten Fall die Freude am Genuss und ein Verständnis dafür, was Genuss bedingt: Handwerk, Hingabe und Leidenschaft.

 

Verrätst Du uns ein Rezept von einem Gericht, das im Roman vorkommt?

 

Das wäre dann ja wohl die berühmte Zunge mit polnischer Sauce die im Buch einen großen Auftritt hat:

 

Dazu für 4 Personen 1 gepökelte Kalbszunge (ca. 900 g, beim Metzger vorbestellen) kalt abspülen und in einem Topf mit Wasser einmal aufkochen. Derweil 1 Bund Suppengrün und 3 Gemüsezwiebeln waschen, grob würfeln und in einem zweiten Topf mit reichlich Wasser, 3 Lorbeerblättern, 1 EL weißen Pfefferkörnern und 1 TL Salz aufkochen. Die Zunge aus dem ersten Kochwasser jetzt in den Topf mit den Gemüsen und Gewürzen geben und bei mittlerer Hitze zweieinhalb Stunden leise köcheln lassen.

Inzwischen für die polnische Sauce 4 Eier hart kochen und kalt abschrecken. Eine Mayonnaise herstellen: für die Zubereitung der klassischen Mayonnaise sollten alle Zutaten die gleiche Temperatur haben (Kühlschrank oder Zimmertemperatur), das verhindert ein mögliches Gerinnen. Die Eier sollten wirklich frisch sein. Die Mayonnaise im Kühlschrank aufbewahren und am Tag der Herstellung verbrauchen. 1 Eigelb mit 1 TL scharfem Senf, 1 TL Weißweinessig und 1 Prise Salz mit dem Schneidstab im Mixbecher pürieren. 150-200 ml Pflanzenöl erst tröpfchenweise, dann in dünnem Strahl untermixen. Mit Salz würzen und kalt stellen. 2-3 Salzgurken (oder Gewürzgurken) fein würfeln. Die gekochten Eier pellen und grob hacken. 1 Bund krause Petersilie hacken, 1 Bund Dill fein schneiden. 1-2 TL Kapern mit 1 EL Kapernflüssigkeit und allen vorbereiteten Zutaten unter die Mayonnaise rühren. Mit Salz, einer Prise Zucker, etwas scharfem Paprikapulver und einem Spritzer Kräuteressig fein abschmecken.

Zunge aus dem Kochwasser nehmen, kurz unter kaltem Wasser leicht abkühlen und dann, noch heiß, die Haut abziehen. Zunge in Scheiben schneiden und mit der Sauce servieren. Dazu passen Pellkartoffeln mit Kümmel.

 

Lieber Stevan, vielen Dank für das Interview!

 

Stevan Paul

1969 geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in seiner Heimatstadt Ravensburg, am Bodensee und im Allgäu, seit über zwanzig Jahren lebt er nun schon in Hamburg. Der gelernte Koch ist Autor zahlreicher Kochbuchbestseller, schreibt als freier Journalist kulinarische Texte und Reisereportagen für Zeitschriften und Magazine, ist Radiokolumnist.

Stevan Paul betreibt eines der meistgelesenen Genuß-Blogs im deutschsprachigen Raum.

www.nutriculinary.com www.stevanpaul.de

 

0 Kommentare

"Inspirierend und schön, wie verschieden jede arbeitet" - Ludmilla Bartscht im Interview

Acht deutsche SPRING-Zeichnerinnen haben in einer Schriftstellerresidenz nahe Bangalore acht ihrer indischen Kolleginnen getroffen und mit ihnen gemeinsam die aktuelle Ausgabe des SPRING-Magazins erarbeitet. In den Comics und Zeichnungen erzählen sie vom Leben als Frau in unterschiedlichen Kulturen, von Vorbildern, offenen Fragen, Sexualität, Stolz, Gewalt und Konflikten. Die Geschichten sind unterhaltsam und dramatisch, persönlich und allgemeingültig. Viele von ihnen drehen sich um einen oft ignorierten Zustand, den kaum einer anzusprechen wagt – "The elephant in the room", wie es im Englischen so schön heißt.

Ludmilla Bartscht erzählt uns im Interview von ihren Eindrücken und Erfahrungen während des Aufenthalts und von der Entstehung des neues SPRING-Magazins.

Wie sah euer Arbeitsalltag in Indien aus?

Zu Beginn haben wir einen Zeitplan für alle 10 Tage gemacht und jede hatte die Möglichkeit, einen kleinen Workshop anzubieten. Die ersten Tage gab es nach dem Frühstück eine Art Zeichen-Warm-Up. Von reinen Zeichenübungen bis zu Kreativ- oder Textübungen gab es alles.

Nach diesem gemeinsamen Start in den Tag hat sich jede einen Arbeitsplatz gesucht und für sich überlegt, skizziert, gezeichnet. Da es nicht wirklich viele Zeichentische gab, hatten manche ihren Arbeitsplatz auf dem Bett, auf einer Decke auf der Wiese oder auf einer Steinbank. Abends haben wir uns gegenseitig vorgestellt, was wir machen.

Nach zwei Tagen hatten wir die erste große Besprechungsrunde, in der wir uns gegenseitig die ersten Ideen und Ansätze gezeigt und erzählt haben. Da wir 16 Zeichnerinnen waren, ging das sehr lang und wir mussten das aufteilen. Dann hat sich wieder jede an ihren Arbeitsplatz zurückgezogen. Wer wollte hat das Gespräch zu zweit oder in Kleingruppen gesucht. Wir waren ja auf kleinem Raum zusammen, so dass man immer irgendwo jemanden fand und im Vorbeigehen sehen konnte, was sie gerade macht.

Welche Erfahrungen habt ihr gesammelt?

Ich denke, jede hat für sich andere Erfahrungen gemacht. Für mich war es sehr inspirierend und schön zu sehen, wie unterschiedlich jede arbeitet. Gleichzeitig fand ich es manchmal schwer, mich auf das eigene Projekt zu konzentrieren, weil ich am liebsten allen über die Schulter geschaut hätte, um mitzubekommen, wie sich deren Projekte entwickeln. Ich hatte meinen Arbeitsplatz unter einem kleinen Baum, der mir Schatten spendete. Wenn ich sehr konzentriert arbeiten wollte, hörte ich Musik über meine Kopfhörer, wenn ich offen für Gespräche war, hatte ich sie nicht auf. Wenn jemand Lust hatte, war sie willkommen, sich zu mir auf meine Decke zu setzen. Entweder sprachen wir dann über ihr Projekt oder über meines oder über ganz anderes.

 

Gegen Ende haben wir die Warm-Ups durch Gruppen-Besprechungen ersetzt. Uns war es sehr wichtig, immer wieder einen Austausch herzustellen und die Geschichten gegenseitig zu begleiten und zu fördern. Ich fand es außerordentlich spannend, wie sich die Geschichten von der ersten Idee bis hin zum fertigen Beitrag entwickelt haben. Ich bin zum Beispiel ganz woanders gelandet, als ich erwartet habe. Ursprünglich wollte ich einen „klassischen" Comic machen, habe aber aus Ratlosigkeit zwischendurch Ananas-Strips gezeichnet … tja, und am Ende wurde das dann mein Beitrag. Ohne den Zuspruch der Gruppe hätte ich das nicht gewagt.

Habt ihr in der Zeit dort etwas gelernt?

Ich habe für mich gelernt, dass die Bedürfnisse nach Anerkennung, Unabhängigkeit oder Zuneigung überall gleich sind und eigentlich nur die Rahmenbedingungen anders und dementsprechend Einfluss auf jede Einzelne haben.

 

Was war das Highlight eures Aufenthalts?

Natürlich war das Essen ein Highlight. Vegetarisch, immer frisch und sehr vielseitig. Einfach köstlich!

Wovon habt ihr euch für eure eigene Geschichte inspirieren lassen?

Auch hier war der Zugang zu einer Geschichte sehr unterschiedlich. Viele haben ihre Inspiration in der eigenen Biografie oder Familiengeschichte gefunden, aber es gab auch Themen, bei denen wir gemerkt haben, da hat jede eine Story zu erzählen. So sind die kurzen Geschichten/Comic-Strips wie die Bra-Stories im neuen SPRING entstanden. Wir hatten viel Spaß dabei, uns gegenseitig die absurdesten Geschichten zu erzählen, aber auch tragische und erschreckende Erfahrungen haben wir ausgetauscht. Natürlich hat nicht alles den Weg in das neue Spring gefunden. Teilweise weil wir das nicht wollten und weil wir auch fanden, wie wichtig es ist, Mut zu machen. Gleichzeitig nichts zu verschweigen, ein Mittelmaß zu finden, das ist die Kunst. Ich hoffe, das ist uns mit dem neuen SPRING gelungen!

Fotos: Larissa Bertonasco

 

0 Kommentare

Neuerscheinung: SPRING #13 - The elephant in the room

Am 15. August erscheint offiziell die 13. Ausgabe des SPRING Magazins. Die diesjährige Ausgabe ist etwas ganz besonderes: Sie ist nämlich in Indien entstanden. Acht SPRING-Zeichnerinnen haben mit acht indischen Kolleginnen in einer Schriftstellerresidenz nahe Bangalore gemeinsam an der Ausgabe gearbeitet. In den dort entstandenen Comics und Zeichnungen erzählen sie vom Leben als Frau in unterschiedlichen Kulturen, von Vorbildern, offenen Fragen, Sexualität, Stolz, Gewalt und Konflikten. Die Geschichten sind unterhaltsam und dramatisch, persönlich und allgemeingültig. Viele von ihnen drehen sich um einen oft ignorierten Zustand, den kaum einer anzusprechen wagt – "The elephant in the room", wie es im Englischen so schön heißt.

 

Im Juli feierten wir den Release der neuen Ausgabe im Enfants Artspace in Hamburg. Hier eine schöne Bildergalerie von Fotograf Manfred Bogner:

 

0 Kommentare

"DAS MAG - The Best-Of"

Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden

Heute erscheint DAS MAG in einer einmaligen deutschen Sonderausgabe hier bei uns im mairisch Verlag– und zwar als ein Best-of der spannendsten jungen Autorinnen und Autoren. 

Mit Erzählungen, Gedichten und Essays von u.a. Lize Spit, Joost de Vries, Maartje Wortel, Daan Heerma van Voss, Bregje Hofstede, Wytske Versteeg, Jan Postma, Peter Terrin und Maud Vanhauwaert. Im Heft finden sich aber auch exklusive kürzere Texte von etablierten Autoren wie Herman Koch, Saskia de Coster, Dimitri Verhulst, Gerbrand Bakker, Charlotte Mutsaers und Tom Lanoye.

Wer sich passend zum Buchmesse-Schwerpunkt einen repräsentativen Überblick über aktuelle Literatur aus Flandern und den Niederlanden verschaffen will, liegt mit DAS MAG genau richtig.

 

Mehr Infos und Bestellung:
Das Mag - The Best-Of

 

Diese Ausgabe ist unter anderem während unseres Aufenthalts in Amsterdam im Februar entstanden. Im Zuge unserer Interviewreihe haben wir mit den Verlagsgründern Toine Donk und Daniël van der Meer über das Festival, ihren Verlag und natürlich schöne Bücher gesprochen. Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Interview:

 

Toine: Wir hatten schon immer hundert Ideen, wir konnten nur nicht immer alle auch umsetzen. Aber eine Idee, die wir schon immer machen wollten, waren die Buchclub-Festivals, die wir seit 2013 veranstalten. Das Magazin war eine Plattform, mit der man die eigene Marke (um ein schlimmes Wort zu benutzen) oder die eigene Community (um ein etwas besseres Wort zu benutzen) aufbauen konnte, von dort aus konnte man dann noch andere Sachen machen. Natürlich ging es auch darum, uns eine Einnahmequelle aufzubauen.


Daniël: Die Idee des Buchclubs entstand daraus, dass wir viele Leseexemplare von Verlagen erhielten, meist mehr als wir brauchten. Die Verlage wollten keine Anzeigen im Magazin schalten, aber sie schickten uns tonnenweise Leseexemplare ihrer Bücher, oft, bevor sie im Laden zu kaufen waren. Unsere Freunde fanden das sehr cool. Wir hörten also aus den USA von der Idee, Buchclubs zu veranstalten, und auch die Verlage und ihre Autoren fanden das sehr reizvoll. Sie konnten Bücher einem kleinen Kreis von Lesern vorstellen und sie mit ihnen besprechen, bevor sie veröffentlicht waren.

 

Toine: Es funktioniert also so: Alle Zuschauer kriegen vorher von uns die Leseexemplare, lesen sie zur Veranstaltung, treffen dann auf den Autor und sprechen mit ihm darüber, in einem ganz normalen Gespräch. Die erste Veranstaltung war großartig. Es war eine ganz neue Erfahrung. Und für den Autor waren es die allerersten Rückmeldungen seiner Leser. Wir waren alle sehr enthusiastisch. Ich bin dann direkt danach in den Urlaub nach Griechenland gefahren. Ich dachte: Wir sollten so eine Veranstaltung jede Woche machen! Ich konnte nicht schlafen, es war total heiß - und dann kam ich auf die Idee, das Ganze als Festival zu machen, mit 30 Events in einer Nacht an unterschiedlichen Orten! Und genauso haben wir es dann gemacht. 

 

Viele Autoren aus den Niederlanden und Flandern lernten über die Festivals die Arbeit von Das Mag kennen. Mit ihren Workshopwochenenden, ihrem Magazin, ihrer Aufmerksamkeit auch für kleinste Details und ihrer unkonventionellen Art schafften sie es in relativ kurzer Zeit, eine große Community aufzubauen, die ihnen und ihrer Arbeit vertraute. Das sollte auch bei ihrem nächsten Schritt entscheidend sein: Der Gründung eines Verlags.

 

Daniël: Wir hatten ja schon lange mit Verlagen gearbeitet, bei Buchpräsentationen, in der Pressearbeit, auch im Lektorat. Im Grunde haben wir oft Arbeiten gemacht, die zum Kerngeschäft eines Verlags gehören, und zwar für andere. Wir dachten also irgendwann: Wir könnten das auch vereinen und für unseren eigenen Verlag machen. Natürlich ist es ein langer Weg, das dann auch wirklich zu tun, aber viele Autoren waren sofort da und sagten: Wenn ihr einen Verlag startet, will ich mein nächstes Buch mit euch machen!


Toine: Wir haben dann etwa zwei Jahre an den Vorbereitungen gearbeitet. Wir haben mit vielen Autoren gesprochen, einige davon waren deutlich über unserer Liga, aber wir wollten einfach mal hören, wie die Ansichten und Bedürfnisse von Autoren in Bezug auf einen Verlag sind.

 

Das Mag starteten dann eine einmalige Crowdfunding-Aktion: Sie riefen dazu auf, einer von 3.000 Mitgründern des neuen Verlags zu werden. Für 50, 100 oder 200 Euro bekam man verschiedene Buchpakete, exlusive Vorabversionen, signierte Bücher und Einladungen zu Events. Zu Anfang schien die Zahl von 3.000 Menschen unerreichbar hoch, doch letztlich kamen innerhalb eines Monats wirklich fast 3.200 Interessierte zusammen, die ihr Geld investierten. Der Verlag Das Mag war geboren und das erste Programm mit den Autoren Maartje Wortel, Lize Spit und Walter van den Berg konnte produziert werden - und hatte auf diese Art natürlich auch sofort über 3.000 Leser.

 

Daniël: Unser Claim war von Anfang an: Less Books. Also mehr Aufmerksamkeit auf weniger Titel. Wir schauen auch gar nicht so sehr danach, was andere Verlage machen, wir orientieren uns eher an ganz anderen Branchen, wie etwa der Musikbranche.

 

Toine: Die Literaturbranche scheint uns in vielen Bereichen nicht auf der Höhe der Zeit. Und ohne große Erfahrung an etwas heranzugehen, erscheint uns sehr oft als Vorteil. Wir lassen uns gerne alle Konventionen erklären, aber wenn wir sie beim zweiten Mal noch immer nicht verstanden haben, machen wir es einfach anders.

0 Kommentare

Fotos "DAS MAG Leseclub Festival Berlin"

Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden

Am 24. Juni fand das Das Mag Leseclub Festival in Berlin statt. Trotz hochsommerlichen Temperaturen ein voller Erfolg: Die 12 Leseclubs waren komplett ausverkauft! Hier gibt es nun ein paar Eindrücke von der Veranstaltung in den schönen Locations, mit tollen Autoren und noch tolleren Lesern. Danke an alle, die dabei waren!

Alle Fotos: Jonna Rutanen/Lana Duiverman

 

Am 1. August 2016 erscheint DAS MAG in einer einmaligen deutschen Sonderausgabe hier bei uns im mairisch Verlag– und zwar als ein Best-of der spannendsten jungen Autorinnen und Autoren. 

Mit Erzählungen, Gedichten und Essays von u.a. Lize Spit, Joost de Vries, Maartje Wortel, Daan Heerma van Voss, Bregje Hofstede, Wytske Versteeg, Jan Postma, Peter Terrin und Maud Vanhauwaert. Im Heft finden sich aber auch exklusive kürzere Texte von etablierten Autoren wie Herman Koch, Saskia de Coster, Dimitri Verhulst, Gerbrand Bakker, Charlotte Mutsaers und Tom Lanoye.

Wer sich passend zum Buchmesse-Schwerpunkt einen repräsentativen Überblick über aktuelle Literatur aus Flandern und den Niederlanden verschaffen will, liegt mit DAS MAG genau richtig.

 

 

Infos und Bestellung:
Das Mag - The Best-of

 

 

 

0 Kommentare

DAS MAG-Festival in Berlin: 12 Autoren, 12 Leseclubs, 1 Party!

Nachdem wir unseren Verlagssitz im Februar in die Niederlande verlegt hatten, um das Buchmessen-Gastland 2016 aus nächster Nähe kennenzulernen, freuen wir uns nun umso mehr auf den Sommer: Denn am 24. Juni 2016 veranstalten unsere niederländischen Kollegen von „DAS MAG“, wohl der junge Verlag der Stunde, ihr legendäres DAS MAG-Festival nach Stationen in Amsterdam, Antwerpen, Gent und London erstmals auch in Berlin!

 

 

Die Idee hinter dem „Leseclub"-Festival ist so simpel wie überzeugend: Klassische Lesungen sind zwar schön und gut, aber viel öfter möchte man doch mit einem Autor oder mit anderen Lesern sprechen, nachdem man das Buch bereits gelesen hat. Und genauso funktioniert dieses Festival: Die Festivalbesucher suchen sich aus 12 Büchern ihren Liebling aus, bekommen das Buch zugeschickt und haben einen Monat Zeit, es zu lesen. Am Freitagabend, den 24.6., treffen sich dann alle Leseclubs mit ihren Autoren und sprechen über das Buch - in intimer Runde von max. 25 Gästen, coolen Locations und lockerer Atmosphäre. Professionelle Moderatoren führen durch die Lesungen (und verteilen Schnäpse, wenn nötig). Nach den Leseclubs treffen sich alle Gäste, Autoren und Moderatoren in der Bar Babette, um den Abend bei Drinks, Gesprächen und Tanz ausklingen zu lassen!

Tickets (inkl. Veranstaltung und Party) kosten 15,00 € und sind ab sofort hier erhältlich.
Die Leseexemplare werden mit freundlicher Unterstützung der Verlage kostenlos zur Verfügung gestellt. Einen Monat vor dem Festival bekommst du dein Leseexemplare zugeschickt.

 

Die Plätze zu jeder Veranstaltung sind auf maximal 25 limitiert - am besten also schnell ein Ticket sichern!

 

 

Die teilnehmenden Autoren sind natürlich mit „veel liefs“ ausgewählt: Aus den Niederlanden und Flandern sind die allesamt hochgelobten Gäste Saskia de Coster („Wir & ich“, Tropen), PB Gronda („Straus Park“, Luchterhand), Bregje Hofstede („Der Himmel über Paris“, C.H. Beck), Arjen Lubach („Der fünfte Brief“, btb), Yves Petry („In Paradisum“, Luftschacht) und Niña Weijers („Die Konsequenzen“, Suhrkamp) dabei. Aus Deutschland mit dabei sind Jenny Erpenbeck, Verena Güntner, Vea Kaiser, Karen Köhler, Nis-Momme Stockmann und Nell Zink.

 

 

Pünktlich zum Festival erscheint zudem im mairisch Verlag das Magazin DAS MAG in einer einmaligen Sonderausgabe: U.a. mit Beiträgen von Lize Spit, Joost de Vries, Maartje Wortel, Jan Postma, Maud Vanhauwaert u.v.a, sowie mit unveröffentlichten Texten von etablierten Autoren wie Herman Koch, Dimitri Verhulst, Connie Palmen, Gerbrand Bakker, Charlotte Mutsaers und Tom Lanoye.

 

Unterstützt wird das Festival von:

9 Kommentare

mairisch goes Indiebookday 2016!

Der Indiebookday geht in diesem Jahr in die vierte Runde.

Wir sind wieder begeistert, wie viele mitmachen und sagen: Danke!

 

Auch die mairisch-Gang hat sich natürlich Bücher besorgt - so sieht's aus:

 

Carolin Rauen:

 

„Gebilde“
von Erik van der Weijde
erschienen in der Edition Camera Austria

Peter Reichenbach:

 

"Tippgemeinschaft 2016"

Jahresanthologie der Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig

Annegret Schenkel:

 

"Die Middlesteins"

von Jami Attenberg

 

erschienen Schöffing & Co.

Blanka Stolz:

 

"Die Schweizer Kuh"

von Mark Valance

 

erschienen bei hier + jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, Baden

 

Hannah Zirkler:

 

"Die Haltlosen"

von Oğuz Atay

 

erschienen bei Binooki

Nefeli Kavouras:

 

"Musenküsse". Die täglichen Rituale berühmter Künstler

von Mason Currey

 

erschienen bei Kein und Aber

Karen Köhler:

 

"Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot"

von Marion Brasch & Matthias Friedrich Muecke

 

erschienen bei Voland & Quist

Daniel Beskos:

 
Zum Indiebookday empfehle ich die Graphic Novel "Zátopek", erschienen bei Voland & Quist: Ein toller Comic über das Leben eines großen Läufers, der nicht nur sportlich, sondern auch moralisch für viele ein Vorbild war. Stilistisch und dramaturgisch großartig umgesetzt von Autor Jan Novák und und Zeichner Jaromir 99.

1 Kommentare

Bildergalerie: mairisch in Amsterdam

So, das wars! Für uns war der Monat in Amsterdam eine großartige, spannende, lehrreiche, anstrengende und lustige Aktion.
Und wir hoffen, Ihr hattet beim Lesen der vielen Blog-Texte und Interviews Spaß.

Zum Abschluss noch eine kleine Bildergalerie von uns - Danke fürs Mitlesen und bis bald.

 

Fotos von: Blanka Stolz, Peter Reichenbach, Hannah Zirkler, Daniel Beskos, Dorian Steinhoff.

0 Kommentare

Indieverlage in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

 

Natürlich haben wir uns während unserer Zeit in Amsterdam auch auf die Suche nach tollen Indie-Verlagen begeben - und sind fündig geworden. Allerdings ist die Szene deutlich kleiner als in Deutschland. Neben den hier bereits vorgestellten Verlagen Podium, Bananafish und Das Mag haben uns diese Indies hier auch sehr begeistert:

 

Loopvis

Marije Sietsma gründete 2012 ihren eigenen kleinen Verlag Loopvis und managed ihn seitdem alleine, ab und an mit ehrenamtlicher Unterstützung oder unter Mithilfe von Flüchtlingen, und das neben einer Stelle als Journalistin für ein Gartenmagazin. Respekt!

 

Ihr Programm konzentriert sich auf besonders schöne und einzigartige Koch- und Kinderbücher, wie beispielsweise über das typisch niederländische Gericht Stamppot, aber auch ein Bildband über die Toilettenkultur der Niederländer ist in Planung. Die Gestaltung ist ihr dabei ganz besonders wichtig und ihre Bücher gewannen schon einige Designpreise.

 

Im letzten Jahr gründete Marije zusätzlich den Visclub. Jeder Mitglied bekommt sieben Mal im Jahr ein kleines Paket mit schönen Dingen und Büchern mit Fischthematik.

www.loopvis.nl

Neben den regulären Büchern erscheinen bei Loopvis seit einiger Zeit Okapi's – kleine, schön gestaltete Heftchen, die als Briefe verschickt werden können. Darunter gibt es ein Museumsbingo für Kinder, Gute-Besserungs-Geschichten oder Mobile zum Ausschneiden.

Einer unser Kinderbuch-Favoriten von Loopvis ist die modern abgewandelte Version von „Die sieben Geislein“: Großartige Illustrationen, ein wunderschönes Layout und vor allem echt knallige Farben.

Wintertuin

Wintertuin legt ebenfalls sehr viel Wert auf schöne Gestaltung und verlegt "eigensinnige" Bücher mit außergewöhnlichen Themen. Der Verlag bietet außerdem Schreibworkshops und Bootcamps für Autoren an, organisiert Lesefestivals und Podiumsdiskussionen und betreibt eine Bookingagentur für junge Autoren.

www.wintertuin.nl

 

Maven Publishing

Maven Publishing konzentriert sich auf das wissenschaftliche Zugänglichmachen von menschlichem Verhalten. Jedes Jahr veröffentlicht der Verlag die neuesten Erkenntnisse und Themen in diesem Bereich - und das sehr ansprechend gestaltet. Zudem organisiert das Verlagsteam regelmäßig Veranstaltungen.

www.mavenpublishing.nl

 

Uitgeverij Snor

Snor wurde 2006 gegründet und hat es sich zum Ziel gemacht, Alltägliches wie Hausarbeit, Handwerkliches und Kindererziehung etwas bunter und fröhlicher zu gestalten. Seitdem veröffentlicht der Verlag schön gestaltete Bücher, die Lust machen aufs Selbermachen. Ihren Blog füttert das Team regelmäßig mit tollen Interviews und Tipps zu diesen Themen. Im Webshop gibt es neben den Büchern schön verpackte Schokolade, Poster und Kalender. Einmal im Jahr veranstaltet der Verlag zudem ein Festival mit Workshops, Musik und leckerem Essen.

www.dewereldvansnor.nl

 

Uitgeverij Vrijdag

Der belgische Verlag Vrijdag veröffentlicht eigensinnige und besondere Belletristik, Sach- und Kinderbücher und das sehr erfolgreich. Viele der Bücher waren schon für große Preise nominiert und erhielten Auszeichnungen. Vrijdag kann also definitiv mit den großen Verlagen mithalten. Und das stilvoll, innovativ und überraschend, so ihr Motto. Nebenbei pflegt der Verlag seinen literarischen Blog und veranstaltet Lesungen.

www.uitgeverijvrijdag.be

 

Uitgeverij Karaat

Karaat wurde 2009 gegründet, seit 2010 erscheinen zwischen vier und sechs Bücher jährlich. Der Verlag legt großen Wert auf hohe Qualität der literarischen Titel und veröffentlicht längst vergessene Klassiker der Weltliteratur neben junger niederländischer Literatur. Besonderer Fokus liegt dabei auf Kurzgeschichten und Essays.
www.uitgeverijkaraat.nl

 

Uitgeverij Passage

Anton Scheepstra betreibt seinen Verlag Passage seit vielen Jahren in Groningen. Pro Jahr erscheinen etwa 20 Titel, darunter viele junge niederländische Autoren, aber auch Sachbücher, wissenschaftliche Texte und Bücher zur Region Groningen. Aktuell erschienen ist eine schön gestaltete Box mit 10 Lyrikbänden in einem Schuber. Außerdem ist Anton Scheepstra der Hauptmotor des niederländischen Indiebookday!
www.uitgeverijpassage.nl

 

0 Kommentare

Unsere Begleiter: Reiseführer Amsterdam

Von Hannah Zirkler

 

Um nichts Wichtiges in Amsterdam zu verpassen, haben wir uns mit ein paar Reiseführern ausgerüstet und mit ihnen die Stadt erkundet. Hier unsere Begleiter:

 

Gestalterisch hat es uns besonders der CITIx60 Amsterdam von Viction:ary angetan.

 

Inhaltlich unterteilt ist dieser englischsprachige Reiseführer in die Kategorien Landmarks & Architecture, Cultural & Art Spaces, Markets & Shops, Restaurants & Cafés und Nightlife. Für jedes Interesse also etwas dabei.

Außerdem gibt es im hinteren Teil übersichtliche Karten und Platz für eigene Notizen. Dank handlicher Größe passt dieses Büchlein perfekt in jede Tasche.

 

Lieblingstipp: Mana Mana, ein israelisches vegetarisches Restaurant.

 

 

99 x Amsterdam wie Sie es noch nicht kennen aus dem Bruckmann Verlag ist ein etwas anderer Reiseführer, der 99 besondere Orte, Cafés und andere Sehenswürdigkeiten präsentiert, abseits der normalen Touristenattraktionen.

 

Lieblingstipp: Cafè Trust in De Pijp. Ein sehr schönes Café, in dem die Gäste selbst entscheiden können, wieviel sie für ihre Speisen und Getränke bezahlen.

 

 

 

 

 

 

Einen ähnlichen Ansatz hat auch 111 Orte in Amsterdam, die man gesehen haben muss aus dem Emos Verlag. Tolle Tipps für besondere Orte, die nicht in jedem Reiseführer stehen.

 

Lieblingstipp: Café Brecht, deutsches Bier und Wein, Bilder von Brecht und Marlene Dietrich an der Wand. In diesem schönen Café, das abends zur Bar wird, lässt sich ganz gemütlich das ein oder andere Bier trinken.

 

 

 

 

 

 

 

100% Amsterdam cityguide führt anhand verschiedener Spaziergänge durch die Stadt, sodass man nichts verpassen kann. Zudem gibt es Stadtpläne der jeweiligen Viertel, eine kleine ausführliche Karte zum Herausnehmen und sogar eine App mit GPS-Funktion.

 

Lieblingstipp: Roopram Roti, leckere Roti aus Surinam. Auch wenn die Einrichtung nicht die gemütlichste ist: Hier gibt es mit die leckersten Roti, die uns in der Stadt begegnet sind.

 

 

 

 

 

 

Der Styleguide Amsterdam von National Geographic ist prall gefüllt mit den besten und stylischsten Adressen der Stadt. Hübsche Cafés, tolle Restaurants, kleine Lädchen und schöne Orte zum Entspannen bietet dieser Guide, sortiert nach den einzelnen Stadtvierteln und reich bebildert.

 

Alle Reiseführer wurden uns netterweise von den Verlagen zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

 

 

 

 

0 Kommentare

Hagelslag, Stamppot, Bitterballen und Co. - Futtern in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

Interviews führen, mit den Rädern durch die Stadt flitzen, Artikel schreiben und die ganz normale alltägliche Verlagsarbeit bewältigen: Alles macht hungrig. Neben den niederländischen und belgischen Bieren haben wir uns auch durch die landestypischen Leckereien gefuttert und möchten hier unsere Lieblinge präsentieren:

 

 

Frühstückszeit in Amsterdam, natürlich darf da ein Brot mit Hagelslag nicht fehlen. Diese Streusel, die wir Deutsche gerne zu Weihnachten auf unsere Plätzchen streuen, wandern hier in den verschiedensten Variationen zusammen mit Butter auf Brotscheiben, Croissants oder Brötchen. Zuckerschock am Morgen vorprogrammiert, aber wir lieben es!

 

 

Vor süßen Leckereien zu einer guten kopje koffee oder koffie verkeerd kann man sich hier kaum retten. Einer unserer persönlichen Favoriten ist der pink-glasierte Blätterteigkuchen gefüllt mit Vanillepudding, tom poes genannt. Die Glasur wird zu Festtagen auch gerne einmal in Oranje geändert. Nicht ganz einfach zu essen, aber hat definivit Suchtpotential.

 

Auch sehr lecker: Bossche Bollen aus dem Süden des Landes, ein mit Sahne gefüllter Teigball mit Schockoladenüberzug, oder Kersen Rastervlaai (Kirschkuchen). Natürlich haben wir auch diverse appeltaart met slagroom probiert. Wer keinen Kaffee mag, der trinkt hier gerne Chocomel, oben auf dem Bild in überdimensionierter Form am Strand von Zandvoort.

 

Weiterer Süßkram:

Am frühen Abend geht es hier gerne in eine Bar auf ein Bier und ein Gläschen Jenever (der Gin der Holländer).

 

 

Dazu gibt es meist eine Ladung Bitterballen mit Senf, das sind frittierte Fleischbällchen mit Ragout gefüllt, Kroket oder Frikandel. Oder auch Pommes mit diversen Soßen. Unser Favorit: Joppiesaus! (Besteht aus Öl, Zwiebeln und Curry).

 

 

Zum Abendessen gibt es hier auch richtig Deftiges, gerne auch mit Einschlag aus Indonesien oder Surinam (Roti!) - oder eben Stamppot, das niederländische Nationalgericht.

 

 

Und natürlich haben wir auch die berühmten FEBO-Automaten getestet. Favorit hier: Kaassoufflé!

 

0 Kommentare

„Craquelures“ im Text: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Daniël Rovers

 

Von Blanka Stolz

 

Kennengelernt habe ich Daniël in Berlin vor ein paar Jahren als Stipendiat des Goethe-Instituts. Heute treffen wir uns in Amsterdam, die Stadt, in der er momentan lebt und als Schriftsteller arbeitet. Wir drehen eine kleine Runde zu Lieblingsorten. Wir treffen uns an der Fähre am Hauptbahnhof und fahren über den IJ zum EYE Filmmuseum, gehen in der Nähe des Hauptbahnhofs in das Café Dwaze Zaken und essen später in der Brasserie Schiller das niederländische Nationalgericht Stamppot, ein Eintopf in diesem Fall aus gestampftem Boerenkool (Grünkohl) und Kartoffeln mit einer Rauchwurst. Wir unterhalten uns auf Deutsch.

Daniël Rovers (Foto: Koos Hageraats)
Daniël Rovers (Foto: Koos Hageraats)

Du sprichst sehr gut Deutsch. Warum lernst Du ausgerechnet Deutsch und was verbindet Dich mit der deutschen Sprache?

Ich habe in der Schule Deutsch gelernt. Aber halt so, wie man eine Sprache in der Schule lernt. Richtig befasst mit der deutschen Sprache und Kultur habe ich mich erst jetzt – und es hat mir großen Spaß gemacht. Endlich mal wieder eine Sprache lernen! Das ist wie wenn man Tanzen lernt: man ist froh über das, was man kann und dann sieht man, was man noch lernen muss. Das ist das utopische Moment des Fremdsprachenerwerbs. Ich habe einen tollen Sprachkurs in Berlin, in Neukölln, gemacht. Da saß ich zusammen mit Leuten aus Korea, der Schweiz, der Ukraine … und ich habe nicht nur deutsche Grammatik gelernt, sondern auch viel über das Leben der anderen Teilnehmer erfahren. Und man wird in seiner eigenen Sprache genauer und einfallsreicher. Ich liebe es Deutsch mit Deutschen zu reden – nur dann, wenn man in der Muttersprache mit ihnen redet, lernt man die Einwohner eines Landes kennen. Vielleicht liegt es an der protestantischen Herkunft des Deutschen, in Gesprächen scheinen mir die Leute immer bereit, sehr in die Tiefe zu gehen. Und es wird auch sehr viel gelesen, meiner Meinung nach. Wenn man in den Niederlanden im Zug sitzt, schauen alle auf ihre Handys; in Berlin liest man ein Buch oder E-Book in der U-Bahn. Oder sehe ich das alles jetzt zu „rosig“?

 

Leider kann ich nur die wenigen Texte von Dir lesen, die von Dir ins Deutsche übersetzt wurden, weil ich kein Niederländisch spreche. Dazu gehört die Reportage Eine Reise nach Someren-Eind. Die Reportage zoomt sich förmlich in den Ort, in den Garten, in das Leben der Hauptfigur Tiny hinein. Wie findest Du Deine Themen und literarischen Techniken?

Ich habe mich intensiv mit Tiny beschäftigt und habe eine Woche lang bei ihr gewohnt, weil ich wissen wollte, wer sie ist und um sie wirklich kennenzulernen. Und so wie Tiny sich auf Google in den Ort hineinzoomt, habe ich immer tiefer in ihr Leben geschaut und das aufgeschrieben. Auf Niederländisch ist der Text in der Literaturzeitschrift De Gids veröffentlicht. Vorbildlich in Sachen Reiseliteratur sind für mich David Foster Wallace (sein Supposedly Fun Thing I Never Do Again) und George Orwell – The Road to Wigan Pier war für mich halt die Straße nach Someren-Eind.

 

Einen anderen Text, den ich aus Deinen Erzählungen kenne, ist der über das Bild De Singelbrug bij de Paleisstraat in Amsterdam (Singelbrücke bei der Paleisstraat in Amsterdam) von George Hendrik Breitner, dem niederländischen Impressionisten und Maler Amsterdamer Stadtansichten. Das Bild zeigt eine Frau in einem Pelz auf einer Amsterdamer Brücke. Warum hast Du ausgerechnet über dieses Bild einen Text geschrieben?

Als ich 2008 von Brüssel nach Amsterdam zog, habe ich das Bild im Internet entdeckt und hatte es als Bildschirmschoner auf meinem Computer. Da ich vorher in Belgien lebte, suchte ich ein dezidiert niederländisches Bild. Dieses impressionistische Ölbild auf meinem Bildschirm hatte etwas sehr analoges, „zeithaftes“. Die „Craquelures“, die Furchen und Risse in der Oberfläche des Bildes, waren auf dem Bildschirm deutlicher zu sehen als auf dem Original, das im Rijksmuseum hängt. Ich wohnte damals im Witsenhuis, eine temporäre Wohnmöglichkeit für Schriftsteller. Dort lebte viele Jahre zuvor Breitner selbst. Irgendwann habe ich festgestellt, dass im Hausflur des Hauses ein Fotoporträt der Frau von der Singelbrücke hing. Dieser Frau – Lise Jordan, Breitners Schwägerin – bin ich also jeden Tag begegnet. In meinem Text gehe ich auf die Entstehung des Bildes ein. Breitner hatte die Frau auf dem Bild erst als Dienstmagd, als einfache Frau porträtiert. Das Bild ließ sich so jedoch nicht verkaufen und sein Galerist riet ihm, das Bild zu ändern. Breitner übermalte sein Bild, in dem er der Frau einen Pelzmantel malte. Er machte mit der weiteren Farbschicht eine Dame aus ihr. Es gibt ein Foto, das das Bild in der ersten Version zeigt. Für mich war die Auseinandersetzung mit dem Bild, mit seiner Entstehung und mit Lise Jordan ein Weg, in Amsterdam anzukommen und die Stadt kennenzulernen. Irgendwann will ich noch einen Amsterdam-Roman schreiben. Das habe ich mir fest vorgenommen!

 

 

Apropos Romane, Deine beiden Romane Walter und Elf kann ich leider nicht lesen. Erzähl doch kurz, um was es in den Büchern geht.

Walter ist ein Roman über einen Mann, der Pfarrer werden wollte, es aber nicht schaffte – weil er am Ende doch heiraten möchte. Der Roman fängt am Anfang der fünfziger Jahre an, und endet 1971. Eine Periode der Modernisierung und einer in den Niederländen sehr raschen Säkularisierung. Walter wird in eine Welt geboren, in der die katholische Kirche seine Heimat bildet. Am Ende steht er allerdings ganz alleine da. Mein Vater heißt Walter: er hat sich, zum meinem Glück, am Ende der Sechziger Jahre gegen das Pfarrersein entschieden. Aber Walter ist auch Walter Benjamin, der mal geschrieben hat das Erwachen eine exemplarische Form des Erinnerns ist – „der Fall, in welchem es uns glückt des Nächsten, Banalsten, und Naheliegendsten uns zu erinnern“. Elf hingegen ist ein zeitgenössischer Roman. Elf Personen, Freunden, alle wohnhaft in Brüssel, wird jeweils eine sehr kurze, persönliche Biografie gewidmet.

 

Nachdem Du den Roman Walter abgeschlossen hast, bist Du nach Sizilien und nach Lampedusa gefahren und hast Dich mit der Frage der Geflüchteten aus Kriegsgebieten auseinandergesetzt. Über Deine Erfahrungen hast Du eine lange Reportage geschrieben. Wie kam es dazu?

Nachdem ich den Roman Walter abgeschlossen hatte, fiel ich irgendwie in ein Loch. Das war im Jahr 2011. Der Krieg in Libyen und die Massenunruhen in Tunesien führten dazu, dass viele Menschen über das Mittelmeer flüchteten und in Lampedusa strandeten. Die rechte Rhetorik, die sich damals breitmachte, deprimierte mich. Sie zu widerlegen, erschien mir sinnlos. Das einzige was hilft, dachte ich, ist dorthin zu fahren. Den Geflüchteten quasi entgegenzufahren. Von den vielen Erlebnissen, die ich in meinem Text festgehalten habe, erinnere ich mich noch an eine Situation, die mich sehr getroffen hat, die Begegnung mit einem Sonnenbrillenverkäufer in Porto Empedocle, einer südsizilianischen Hafenstadt, der sagte: „Im Norden ist es noch härter.“ Er meinte damit die Situation derjenigen, die es in den Norden, in Städte wie Mailand, schafften. Die Geflüchteten kamen als junge, hoffungsvolle Menschen und lebten dann als Obdachlose.

 

Wie geht es Dir, wenn Du die Bilder der Menschen siehst, die heute u.a. aus Afghanistan, Iran und Syrien flüchten?

Das Thema der Geflüchteten dominiert die Politik und die mediale Berichterstattung in den Niederlanden genauso wie in Deutschland. Und wieder verschiebt sich die Politik und die Rhetorik in Richtung rechts. Ich würde mir eine Politik wünschen, die nicht so schnell in Panik gerät. Gerade wenn man sieht, wie schwierig es ist, die Ursachen der Flucht, den Krieg in Syrien, zu verhandeln.

 

Letzte Frage: wirst Du zur Buchmesse nach Frankfurt dieses Jahr fahren und wird Dein Verlag dort präsent sein?

Vielleicht. Das letzte Mal dass ich eine Messe besucht habe, war 2003 in Brüssel. Es war eine Landwirtschaftsmesse. Da waren richtige Kühe und Schweine und große Zugwagen. Ich arbeite damals für ein Landwirtschaftsmagazin. Es hat mir Kopfschmerzen bereit, sowohl die Arbeit als auch die Messe. Es gab nie genügend Sauerstoff, anscheinend wegen der vielen Kühe. Aber mein Verlag, Wereldbibliotheek, wird bestimmt auf der Buchmesse vertreten sein.

 

Von Daniël Rovers sind im Verlag Wereldbibliotheek die Romane Elf (2010) und Walter (2011), der Essayband De figuur in het tapijt (2012) sowie der Reisebericht De zon is het probleem niet (2014) erschienen. Im Moment arbeitet Daniël an seinem neuen Buch.

 

 

0 Kommentare

"Manchmal muss man einfach Vertrauen haben" - Mara Joustra, Verlegerin von Bananafish

Von Daniel Beskos

 

Es ist ein sonniger Donnerstagvormittag. Hannah und ich treffen uns in der Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofs, in einer etwas abseits liegenden Ecke der Stadt, voller kleiner alter Industriegebäude, die an einer wunderschönen Gracht liegen. Hier ist das Büro von Bananafish, einem neugegründeten jungen Literaturverlag - einem der wenigen in den Niederlanden, übrigens, denn das Phänomen Junge Verlage ist hier eher ungewöhnlich. Wir sind hier, um mit Mara Joustra, einer der Gründerinnen, über ihren Verlag zu sprechen, den sie zusammen mit Matthijs Ponte und Wiebe Mokken gestartet hat.
Drinnen bekommen wir erstmal eine Führung durch die doch eher speziellen Räume - der Eigentümer hatte hier früher einen Fecht-Übungsraum, und noch heute stehen hier überall die Florette und Degen an den Wänden, und dazwischen überall Bücherkisten voller Graphic Novels (die zum ebenfalls hier ansässigen Verlag Scratch Books gehören) und eben eine Reihe Romane und Erzählbände, alle mit ziemlich bunten Covern.

 

Mara Joustra und Matthijs Ponte
Mara Joustra und Matthijs Ponte

Mara, du hast viele Jahre lang für den Graphic-Novel-Verlag Oog & Blik gearbeitet - wie kam es jetzt zur Gründung eines Literaturverlags?

Ich habe den Graphic-Novel-Verlag ja zusammen mit meinem Vater betrieben. Jetzt wollte ich einfach mal etwas anderes machen. Und wenn ich mich mit Leuten aus dem Literaturbetrieb unterhalten habe, lief das außerdem oft so ab:

"Hi, und was machst du"?

Und ich so: "Ich bin Lektorin und Programmmacherin."

"Oh, cool, und was für Bücher macht ihr so?"

"Graphic Novels"

"Ah, äh, ich glaub ich muss mal zur Toilette."

Man wurde nicht so richtig ernst genommen, es war immer ein Kampf. Jetzt wollte ich mal was anderes machen. Mit der Literatur ist es jetzt schon ein Unterschied: Wir übersetzen Bücher von Autoren, die einige Leute vielleicht sogar schon mal gehört haben.
Ursprünglich hatte ich eigentlich vor, einen Kinderbuchverlag zu gründen, das war schon immer eine große Passion von mir. Aber das ist derzeit hier etwas schwierig, es gibt sehr viel Konkurrenz. Und unser Investor von Scratch Books, der das alles hier gestartet hat, schlug mir vor, doch übersetzte Literatur zu verlegen. Ich dachte kurz nach, weil ich wusste, dass ich da jemand mit Erfahrung brauchte. Ich fand einen guten Partner in Matthijs Ponte, der früher das Lyrikhaus Perdu geleitet hat und dessen Traum es schon immer war, einen Verlag zu gründen. Und so widmen wir uns jetzt den Stimmen, die vielleicht in der niederländischen Literatur sonst nicht so oft zu hören sind.

 

Und übersetzt ihr zumeist aus dem Englischen?

Nein, wir haben wirklich alle möglichen, teils auch etwas abseitigen Quellen. Wir haben einen Autor aus Uruguay, einen aus Kroatien, einen aus Frankreich, einen aus Irland (aber das ist Gälisch, nicht Englisch), und ja, einen aus den USA.

 

 

Aber wie entscheidet ihr dann, was euch gefällt, ihr sprecht ja nicht diese ganzen Sprachen?

Wir machen das so: Wenn wir zum Beispiel zur Frankfurter Buchmesse gehen und deutsche Agenten oder Verlage treffen, dann schauen wir uns zunächst ganz interessiert deren aktuelle Kataloge an. Dann legen wir den irgendwann zur Seite und stellen diese eine Frage: "Von allen deutschsprachigen Büchern: Welches sollten wir unbedingt mal lesen? Welches ist das absolute Lieblingsbuch?" Dann gibt es meistens eine kurze Pause - und dann geht das Gespräch über Literatur richtig los! Und da ist man dann wirklich bei den Inhalten, da geht es nicht um Aktualität, sondern um Qualität. Und manchmal macht es dann bei mir Klick und ich weiß: Dieser oder jener Titel interessiert mich brennend. Und hin und wieder sieht man den Leuten dann eine Art Glücksgefühl an, wenn sie sagen: "Ja, ich weiß auch nicht, warum dieses tolle Buch noch nicht übersetzt wurde, aber es ist wirklich ganz wunderbar."

 

Aber ob es dir dann auch gefällt, weisst du dann ja immer noch nicht.

Stimmt. Aber manchmal gibt es zumindest eine englische Übersetzung oder wenigstens eine Leseprobe. Man muss auch einfach sehr viel recherchieren. Und man muss sich halt jemanden suchen, der die Sprache spricht. Manchmal muss man einfach Vertrauen haben, in die Leute, die einen umgeben, und sich auf deren Urteil verlassen.

 

Eure Buchcover sind ziemlich ungewöhnlich für den niederländischen Markt, oder?

Ja, die meisten Bücher in den Läden haben eher Fotos vorne drauf - gerne schwer erkennbare Körperteile einer jungen Frau, am liebsten mit roten Locken. Es ist überall das gleiche. Man weiß immer nicht, was für ein Buch einen da erwartet - ist es ein Erotikroman? Oder auch gerne verwendet: Blumen. Wir versuchen, da etwas entgegen zu arbeiten.

 

Wie kommuniziert ihr das?

Das hier links ist unser Katalog - er ist aufgemacht wie ein Buch, weil wir die Liebe zum Lesen einfach wieder stärker zum Ausdruck bringen wollen. Wir haben ein ganzes Jahresprogramm reingepackt, also Texte zu allen acht Büchern aus 2016, mit Leseproben, dazu Interviews und Meta-Texte. Und diesen Katalog verteilen wir jetzt an Buchhändler und andere Interessierte.

 

Und ihr verwendet keine Autorenfotos, sondern Illustrationen?
Ja, genau, die sind toll. Erik Kriek hat sie gemacht.

 

 

Ernest J. Gaines

Alfred Jarry

Michael Muhammad Knight

Mario Levrero


0 Kommentare

"Medium is beautiful": Der niederländische Buchhandel - Interview mit Maarten Asscher

Von Daniel Beskos

 

Schlendert man durch Amsterdam, kann man schon staunen: In praktisch jeder Straße der Innenstadt findet sich eine Buchhandlung, meist gutsortiert und literarisch ausgerichtet. Aber geht es dem Buchhandel in den Niederlanden wirklich so gut? Ich habe mich mit Maarten Asscher getroffen, Geschäftsführer der sehr renommierten Buchhandlung Athenaeum.

 

Maarten Asscher, geboren 1957, arbeitet als Geschäftsführer von Athenaeum in Amsterdam. Früher war er selbst auch Verleger, außerdem ist er Autor, fünf seiner Bücher sind auch auf Deutsch erschienen.

 

Maarten, wie geht es dem Buchhandel in den Niederlanden?

Das Leben als literarisch anspruchsvoller Buchhändler ist hier in der Tat nicht übel, zumindest im kosmopolitischen Umfeld einer Großstadt wie Amsterdam. Wir haben hier zwei Universitäten und ein reiches Kulturleben. In der Provinz ist es aber eher schwierig, dort hat der Onlinehandel einen großen Teil des Marktes übernommen. In den kleinen Städten, in denen es an einem Publikum mangelt, das dem eigenen Leben durch Literatur einen Sinn gibt, ist es dagegen eigentlich zu teuer, einen stationären Buchladen zu betreiben.

 

Und wie sieht das Programm von Athenaeum aus?
Athenaeum ist ein Buchgeschäft mit Anspruch, wir haben etwa 40% internationale Titel und 60% niederländische Bücher. Unten hier am Spui-Platz betreiben wir das News-Center, in dem wir über 3.000 Magazine und Zeitungen anbieten, von denen wir viele extra importieren. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes haben wir ein akademisches Veranstaltungszentrum, dort machen wir etwa 250 Events pro Jahr, die viele Leute anziehen. Dann gibt es noch Filialen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, eine hier in der Stadt, eine in Haarlem und den Kunstbuchladen im Rijksmuseum. Das funktioniert alles ganz gut, aber natürlich ist eine Buchhandlung nicht unbedingt der einfachste Weg, Geld zu verdienen. Unser Geschäft bewegt sich immer näher am Idealismus als am Realismus. Geld von der Bank kriegt man dafür jedenfalls nicht. Deshalb ist es wichtig, unabhängig zu bleiben und nie die Kontrolle abzugeben. Nur so kann man sein Sortiment selbst aussuchen, seine Schwerpunkte selbst setzen und dabei auch noch Spaß haben.

 

Hat sich das Buchgeschäft in den letzten Jahren denn verändert?

Sehr. Die Tage der großen Buchhandelsketten und Medienkonglomerate wie etwa Selexyz und Polare sind definitiv vorbei. Die sind insolvent gegangen und die Buchhandlungen sind nun an neue, unabhängige Eigentümer übergegangen.

 

Woran lag das - kaufen die Leute weniger Bücher?
Diese Läden waren schlicht zu groß. Man braucht keine 3.000 oder 4.000 Quadratmeter Ladenfläche für einen Buchladen. Früher, bevor es das Internet gab, war das mal ein Vorteil, sehr viel Platz zu haben. Aber jetzt kauft man die abseitigeren Titel eh im Internet. Wir haben bei uns im Laden 35.000 Titel: Für einen normalen Leser, der auf der Suche nach einem guten Buch ist, reicht das locker aus. Und über unsere Webseite hat man eine Auswahl aus 12 Millionen Büchern, aber das geht eben nur in einem Webshop. 80.000 davon verschickt das niederländische Zentrallager Centraal boekhuis, aber alle anderen verschicken wir selbst.

Die ganz großen Läden sind also verschwunden und wir sind jetzt in einer Phase, die ich Medium is beautiful nennen würde. Zu klein funktioniert nicht so gut, man kann nicht investieren; zu groß ist auch problematisch, denn dann hat man viel zu viel Verwaltung mit Chief Executive Officers und Chief Financial Officers und Chief Operation Officers und so weiter, das ist auch völlig unnötig - mittelgroß ist also am besten und für uns funktioniert das sehr gut. Wir haben unter der Krise 2008  am wenigsten gelitten, eher noch von ihr profitiert, weil die Konkurrenz geschwächt wurde. Seitdem expandieren wir, aber nicht um größer zu werden, sondern stärker. Wir intensivieren unsere Position, aber wir dehnen uns nicht aus.

 

Der wunderschöne Laden von Athenaeum am Spui-Platz in der Amsterdamer Altstadt. (Foto von Google Street View)
Der wunderschöne Laden von Athenaeum am Spui-Platz in der Amsterdamer Altstadt. (Foto von Google Street View)
0 Kommentare

Im Gespräch mit Aimée de Jongh über Graphic Novels in den Niederlanden

Von Daniel Beskos

 

Sind Graphic Novels in den Niederlanden verbreitet? Lesen Erwachsene Comics? Gibt es gar eine Comic-Scene?
Um das rauszufinden habe ich Aimée de Jongh in Rotterdam für ein Gespräch getroffen. Aimée wurde 1988 geboren, ist Comic-Zeichnerin und Illustratorin, außerdem hat sie Animation studiert. Schon mit 17 erschien ihr erster Comicband, inzwischen sind zahlreiche Bücher von ihr erschienen. Ihre jüngste Graphic Novel De terugkeer van de wespendief (Die Rückkehr des Wespenbussards) hat in den Niederlanden gute Resonanz erhalten und wurde auch in andere Sprachen übersetzt. Für eine Studentenzeitung zeichnet sie einen täglichen (!) Comicstrip (was nebenbei auch einen Großteil ihres Einkommens darstellt). Wir treffen uns am Rotterdamer Bahnhof in einem schicken Café und wandern dann zusammen durch die Stadt. Mehr über Aimée auf ihrer Webseite www.iamshotaro.com

 

Aimée, es gibt hier seit langem Comics, aber Erwachsene interessieren sich nicht so sehr dafür, oder? Hat sich das geändert, seit es für "seriösere" Comics die Bezeichnung Graphic Novels gibt?

Ja, ein bisschen, aber auch nur für einen kleinen Kreis von Lesern. Die Vorstellung, dass Comics etwas für Kinder sind, ist einfach noch sehr verbreitet und jeder denkt gleich an Mickey Maus und Donald Duck. Holland ist das einzige Land, in dem es ein eigenes regelmäßiges Magazin über Donald Duck gibt, herausgegeben von Disney. Das ist angeblich für Kinder, aber alle lesen das. Meine Tante ist über 50, und sie hat das im Abo. Wenn ich jemandem erzähle, ich mache Comics, sagen viele: Ah, arbeitest du für das Donald Duck-Magazin? Dabei gibt es so viel mehr, man kann es sogar in den Buchläden kaufen. Aber viele Leute sind dafür einfach nicht offen.

 

Gibt es denn sowas wie Szene von Graphic-Novel-ZeichnerInnen in den Niederlanden?

Ja. Aber das sind nicht so viele, vielleicht 200 Leute, die sich damit in irgendeiner Form professionell beschäftigen. Und die kaufen auch alle gegenseitig ihre Bücher.

 

Und wie bist du zu Graphic Novels gekommen?

Es hat mich schon immer interessiert. Meine Eltern hatten einen Haufen französische und belgische Comics wie Tintin (Tim und Struppi), Spirou und Lucky Luke. Und auch das Zeichnen und Malen hat mich schon immer interessiert, also hab ich angefangen, diese Magazine gelesen. Eigentlich hab ich davon viel mehr gelesen als von "normalen" Büchern. Diese Comics sind immer noch so etwas wie meine erste große Liebe. Als ich dann so 16, 17 war, kam Manga dazu - klar, in dem Alter. Darin ging ich eine ganze Weile sehr auf. Als ich dann etwas älter war, hab ich angefangen, mich für ernsthaftere japanische Underground-Comics wie die von Yoshihiro Tatsumi und Katsuhiro Otomo zu interessieren. Die waren realistisch, düster, handelten vom Krieg und persönlichen Geschichten. Dann hab ich amerikanische und deutsche Graphic Novels entdeckt, die in die gleiche Richtung gehen. Eine der bestverkauften Graphic Novels aus Deutschland ist hier übrigens Vandaag is de laatste dag van de rest van je leven von Ulli Lust.

 

Ach, echt!?
Ja, das ist aber auch großartig.

Wie bist du denn auf die Geschichte vom Wespenbussard gekommen?

Ursprünglich wollte ich eine Graphic Novel machen, die auf William Goldings Lord of the Flies basierte. Es ist eines meiner Lieblingsbücher und ich war immer überrascht, wie wenig Menschen das hier kennen. Alle verwechseln es immer mit Lord of the Rings. Letztlich haben wir aber dann die Rechte für die Adaption von Goldings Buch nicht bekommen. Meine Verlegerin Mara Joustra (vom Verlag Oog & Blik) sagte dann: Denk dir doch eine eigene Geschichte aus, die mit ähnlichen Themen verhandelt. Ich hab mich dann rangesetzt und alles mögliche reingepackt, bis Mara irgendwann sagte: Versuch doch lieber, es schlicht und einfach zu handeln, du musst nicht so viele Themen in einem Buch abarbeiten. Das war sehr hilfreich.

 

Und wie waren die Reaktionen, als das Buch rauskam?

Die waren super. Es kriegte einen ganzen Haufen toller Besprechungen. Aber es ist auch einfach nicht alltäglich, dass hier ein Comic für Erwachsene erscheint. Die Kritiken aus Frankreich dagegen waren gemischter - dort haben sie einfach ein sehr hohes Niveau und es ist keine Neuigkeit mehr, dass man einen Comic für Erwachsene publiziert. Die kritischen Stimmen waren aber sehr hilfreich - als Autor will man ja hören, was noch nicht stimmt, damit man das beim nächsten Mal besser machen kann.

 

Aus: Aimée de Jongh - "Land's End"
Aus: Aimée de Jongh - "Land's End"

 

Bei diesem Buch bist du sowohl für den Text wie auch für die Zeichnungen verantwortlich. Wie fühlt sich diese Doppelaufgabe für dich an?

Ich sehe mich eher als Zeichnerin. Schreiben hab ich ja nie professionell gelernt. Das ist also nicht mein Hauptaugenmerk. Aber natürlich geht es um die Kombination der beiden Aspekte. Man arbeitet ja mit Seiten, und die müssen auf beiden Ebenen funktionieren, textlich und visuell.
Ich habe auch schon mit Autoren gearbeitet, aber das fand ich immer recht schwierig, weil ich deren Texte in Bilder übersetzen musste, das passte nicht immer. Ich selbst fange auch normalerweise erst mit der Zeichnung an, der Text kommt dann hinterher dazu. Das ist für mich der beste Weg, um einen Flow reinzubekommen. Man muss ja auch immer so ein bisschen Regie betreiben: Was passiert, wenn der Leser die Seite umblättert - was sieht er als erstes, wie ist es aufgeteilt?

 

Und woran arbeitest du jetzt gerade?

Lustigerweise arbeite ich momentan doch wieder mit einem Autor zusammen - diesmal allerdings mit Zidrou, einem ziemlich bekannten Comicautor aus Belgien. Er schreibt nur den Text. Und er ist so gut, einige seiner Serien, wie z.B. Tamara, sind Bestseller, aber er macht auch ernsthaftere Sachen.

 

Und er schreibt immer nur die Texte?
Genau, und dann sucht er sich Zeichner, die das für ihn umsetzen. Er hat für mich jetzt ein Szenario von einem rührenden Paar geschrieben, das ich jetzt zeichne.

 

Ist das schwierig, weil es nicht deine eigene Geschichte ist?

Ja, ein bisschen. Aber er schreibt ins Skript genaue Regieanweisungen rein, so von wegen hier ändert sich die Kameraperspektive, die Kamera kommt von unten, man kann den Wind in den Gardinen sehen usw. Ich kann natürlich auch eigene Vorschläge machen, aber ich muss zumindest nicht die ganze Zeit darüber nachdenken, wie es inszeniert wird. Ich verlasse mich einfach auf ihn und konzentriere mich drauf, dass die Bilder gut werden. Nächstes Jahr im Sommer soll es rauskommen, aber ich fange gerade erst an.

Das Lustige ist: Ich kenne seine Sachen schon, seit ich sehr klein war, er ist echt bekannt da. Und trotzdem lief es ganz easy, ich hab den Verleger einfach gefragt: Meinst du, Zidrou hätte ein Szenario für mich? Und er so: Ja, klar, wir rufen ihn einfach mal an. Das wars. Es hat sich rausgestellt: Manchmal muss man einfach nur fragen.

 

 

Einige Tage später war ich dann auch bei Scratch Books zu Gast, einem kleinen neuen Graphic-Novel-Verlag in Amsterdam, die gerade ihre ersten Titel veröffentlicht haben und dafür sehr gute Resonanz bekommen. Vor allem der Band von Erik Kriek - In the Pines (5 Murder Ballads) hat es mir sehr angetan: Alte amerikanische Gruselgeschichten im Folksong-Format, die man zum Teil auch von Nick Cave (Where the wild roses grow) kennt, als Comic umgesetzt, mit einer CD mit den passenden Songs dazu.

 

 

Neben Scratch gibt es in den Niederlanden noch einige weitere Verlage, die sich zumindest teilweise dem Genre Graphic Novel widmen: Die schon erwähnten Oog & Blik, bei denen viele Klassiker von Art Spiegelman bis Guy Delisle erschienen sind, gehören inzwischen zum Publikumsverlag De Bezige Bij; bei Podium sind einige sehr erfolgreiche Graphic Novels von Peter Pontiac erschienen, u.a. Kraut; außerdem haben wir noch die Verlage Oogachtend, Parvenu und Xtra entdeckt.

 

Mara Joustra, die lange für Oog & Blik gearbeitet hat, erzählt uns übrigens eine ganz eigene Theorie, warum Graphic Novels und Comics für Erwachsene in Belgien so ein großes Thema sind, in den Niederlanden dagegen nicht: Belgien ist katholisch und habe eine reiche Bild-Kultur. Dort sei es etwas gutes, Bilder zu haben und zu benutzen. Die Niederlande dagegen sind protestantisch, hier seien Bilder entweder etwas für kleine Kinder oder es seien Symbole, für Menschen, die nicht lesen können oder die Sprache nicht verstehen. Daher täten sich die Niederländer schwer mit Bildergeschichten. Vielleicht was dran. But then again ...

0 Kommentare

Spider in the web: Victor Schiferli über den Niederländischen Literaturfonds

Von Peter Reichenbach und Daniel Beskos

 

Victor Schiferli, (Foto: Keke Keukelaar)
Victor Schiferli, (Foto: Keke Keukelaar)

Bevor wir uns mit Victor zum Mittagessen treffen, zeigt er uns das Herzstück seiner Arbeit, wenn man so will, nämlich die Bibliothek im Gebäude des Niederländischen Literaturfonds: Ein Raum mit hohen Wänden, bis unter die Decke voller Bücherregale – alle niederländischen Bücher, die je übersetzt wurden. Rundum verläuft eine Empore, damit auch die obersten Bücher erreichbar sind. Die Strenge der modernen Regale und die Bedeutung der Bibliothek haben ein wenig etwas von einer evangelischen Kirche. Die Regale sind jedenfalls fast voll und wir können uns  vorstellen, dass sich Victor und seine Kollegen, wenn sie so weiterarbeiten, bald etwas einfallen lassen müssen.

 

Victor spricht hervorragend Deutsch, was dazu führt, dass wir alle beim Bestellen unseres Essens total durcheinanderkommen, Victor bestellt erst auf Deutsch, dann auf Niederländisch, und wir bestellen erst auch auf Deutsch und dann nochmal auf Englisch. Der Kellner lacht, er hat sowieso alle Sprachen verstanden.

 

Victor Schiferli wurde 1967 geboren, ist Schriftsteller und Dichter und bei der Niederländischen Stiftung für Literatur (Nederlands Letterenfonds) tätig, die sich für die Vermittlung niederländischer Literatur ins Ausland einsetzt. Er hat mehrere Gedichtsammlungen publiziert, bevor 2012 sein erster Roman erschien. Im kommenden Mai erscheint bei dtv die Anthologie Amsterdam, für die Victor Schiferli die Auswahl getroffen hat.

 

 

 

 

Victor, die Frankfurter Buchmesse rückt immer näher und du bist auch Teil des Organisationsteams?

Ich glaube, ich bin der einzige, der schon beim ersten Gastlandauftritt 1993 dabei war. An 1993 erinnere ich mich noch gut, ich war damals 25, der jüngste Mitarbeiter, ich hätte eigentlich meinen Armeedienst leisten müssen und hatte schon einen Einzugsbescheid. Ich habe dann verweigert und konnte stattdessen durch Zufall bei einer Stiftung mitarbeiten und dort bei der Herausgabe eines Literaturalmanachs helfen. Und ja, das war natürlich sehr beeindruckend für mich, das erste Mal auf der Buchmesse zu sein, mit Harry Mulisch, Cees Nooteboom, Hugo Claus, all diese großen Namen … Und jetzt gibt es eine neue Generation zu entdecken, und da bin ich sehr glücklich, dass wir viele junge Autoren haben, die einen Verlag in Deutschland gefunden haben, mit Thomas Heerma van Voss, Joost de Vries, Wytske Versteeg … und vielen anderen.

 

Der Letterenfonds organisiert ja nicht nur den Messeschwerpunkt, sondern fördert auch ansonsten Übersetzungen. Wie läuft so etwas ab, werden alle Übersetzungen gefördert?

Nein, es gibt unterschiedliche Prozentsätze. Mit bis zu 70% der Übersetzungskosten werden Belletristik, Sachbuch, Lyrik, Kinderbuch usw. gefördert. Und mit 50% fördern wir Bücher die wir gerne fördern wollen, die aber weniger literarisch sind, vielleicht eher kommerziell ausgerichtet sind. Das sind auch die Fälle, die wir am meisten diskutieren, also Bücher, die eher Unterhaltung sind. Da gab es vor kurzem etwa den Fall, dass ein großer Verlag aus den USA ein Buch fördern lassen wollte, für das sie eine sehr gute Übersetzerin engagiert hatten, das aber doch eindeutig eher Unterhaltung als Literatur war. Da konnten wir uns dann aber auch auf eine 50%-Förderung einigen.

Natürlich gibt es auch Bücher die wir gar nicht fördern, aber das sind meistens auch die Bücher, die eigentlich auch gar keine Förderung brauchen. Zweimal im Jahr geben wir auch die Broschüre Books from Holland heraus, einmal zur Londoner Messer und einmal für Frankfurt, aber wir würden natürlich nicht nur diese Bücher im Falle einer Übersetzung fördern, sondern eigentlich fast alles, auch in alle Sprachen. Was uns aber wichtig ist, ist dass die Übersetzung gelungen ist. Deshalb überprüfen wir auch Übersetzungen, ich denke das ist relativ einzigartig.

 

Interessant, wie genau können wir uns eine solche Prüfung vorstellen?

Also für Deutschland z.B. haben wir eine Liste mit Übersetzern, da sind etwa 20 oder 30 Namen drauf, von denen wir wissen, dass sie sehr gute Arbeit machen. Und diese Übersetzer werden in der Regel auch von den Verlagen beauftragt. Ab und zu gibt es einen Verleger, der sich einen bestimmten Übersetzer wünscht, der nicht auf unserer Liste steht. Bevor wir ein solches Buch fördern, prüfen wir die Übersetzung. Das machen wir natürlich nicht selber, sondern lassen das Buch dann von ein oder zwei sehr erfahrenen Übersetzern begutachten. Dann gibt es zwei Szenarien, das eine Szenario ist, dass die Übersetzung okay ist, dann fördern wir das Buch. Oder aber es gibt Mängel. Was z.B. oft passiert, ist, dass die Sprache zu nah am Original ist. Insofern ist unsere Prüfung nicht schlecht, weil man dann nachbessern kann. Es gibt aber auch den Fall, dass eine Übersetzung wirklich so schlecht ist, dass der Text komplett neu übersetzt werden muss, dann sagen wir dann auch. Aber ein Verlag will ja auch keine schlechten Bücher im Programm haben.

Aber die Übersetzung und die literarische Qualität des Buches sind nicht alleine entscheidend, wir gucken uns auch den Verlag an, in dem das Buch erscheinen wird. Es gibt ansonsten aber kein Komitee, wir kennen einfach die Verlage hier, die Verlage im Ausland und die Übersetzer sehr gut, um das beurteilen zu können. Wir sind ein wenig die Spider in the web. Aber das wir etwas ganz und gar ablehnen, das kommt nicht oft vor.

 

Und genau das ist jetzt auch dein Arbeitsbereich, richtig?

Ja, meine Haupttätigkeit ist es, niederländische Belletristik im Ausland zu empfehlen, zu fördern und die Übersetzungen zu betreuen. Das bedeutet, die Kontakte mit den Verlegern und den Übersetzern hier in den Niederlanden und im Ausland zu pflegen. Ich bin dabei verantwortlich für den deutschen, den englischen und den skandinavischen Sprachraum. Neben mir gibt es noch meine Kollegin Barbara den Ouden, die vor allem Graphic Novels macht, und auch die anderen Länder im Bereich Belletristik verantwortet, und wir haben noch einen Kollegen für Sachbücher, einen für Kinderbücher und noch eine für Lyrik.

 

Wie würdest du sagen hat sich die Literaturlandschaft, sagen wir seit 1993, in den Niederlanden verändert?

Mmh, also die 90er Jahre waren auch bei uns die Jahre der Überproduktion. Es gab einfach viel zu viele Bücher. Danach gab es dann eine Krise, die eigentlich bis heute andauert, obwohl es aktuell wieder ein bisschen besser zu werden beginnt. Und, nun, es gab kein Internet! Ich glaube ich hatte 1993/94 aber schon ein Modem, obwohl das natürlich noch so langsam war, damit konnte man eigentlich nichts machen. Die Zeiten waren auf jeden Fall andere. Jetzt geht alles sehr viel schneller, auch wegen des Internets, und es ist auch einfacher ein Buch zu schreiben, glaube ich.

 

Und wie schätzt du das ein, lesen die Leute mehr oder weniger?

Mmh, das weiß ich nicht. Was man immer wieder hört, ist, dass eigentlich nur noch Frauen ab 40 oder 50 Jahren lesen. Und dann gibt es nur noch ein paar intellektuelle Typen (lacht). Ohje, jetzt klinge ich wie ein grumpy old man, aber als ich in die Schule gegangen bin, da haben wir 25 Bücher der niederländischen Literaturgeschichte gelesen und ein Examen darüber ablegen müssen. Dazu noch deutsche, französische und englische Bücher, eine wirklich große Menge an Büchern. Jetzt ist das alles anders, jetzt werden höchstens ein paar Bücher aus den Niederlanden gelesen. Das ist schon schade.

Ich habe auch an der Universität einen Creative-Writing-Kurs gegeben. Und die Texte waren zum Teil wirklich voller Fehler. Und da habe ich mich schon gefragt: Diese Leute wollen Schriftsteller werden? Wenn jemand Maurer werden will, dann kann ich das verstehen, aber warum schreibt man so fehlerhaft, wenn man Schriftsteller werden will? Also das hat auch etwas mit dem Unterricht in der Schule zu tun.

 

Wir stellen uns das überhaupt recht schwierig vor, Literatur in andere Länder zu vermitteln. Wie machst du das, was sagst du den Verlegern wenn sie fragen, warum sie ausgerechnet Literatur aus den Niederlanden verlegen sollen?

Nun, es ist wie bei Musik, man kann vorher nicht sagen, was ein Hit werden wird und was nicht. Das können wir auch bei Büchern nicht, es lässt sich nicht sagen, dass das eine Buch besser ist als das andere. Man steckt einfach nicht drin. Joost de Vries etwa, habe ich wirklich mit viel Herzblut angepriesen, ein sehr gutes Buch. Aber es ist mir einfach nicht gelungen, einen Verlag im Ausland davon zu überzeugen. Später hat es eine Agentur versucht und plötzlich, ich glaube innerhalb von zwei Monaten, war das Buch in 12 oder 13 Länder verkauft. Ja, so kann es manchmal gehen, richtig erklären kann man das nicht. Aber natürlich bin ich sehr glücklich, dass das Buch übersetzt werden wird.

Was ich überhaupt spannend finde an meinem Beruf, ist, dass ich immer einen Überblick auch über die Literaturlandschaft der anderen Länder haben muss, wie ein Helikopter, also gibt es in einem bestimmten Land etwa schon vergleichbare Autoren wie denjenigen, den ich gerade vermitteln möchte? Und das gleiche gilt für die verschiedenen Genres, etwa bei einem Coming-Of-Age-Roman, von denen es sehr viele gibt. Da muss man sich fragen, ob die vorliegende den ganzen anderen schon existierenden  noch etwas hinzufügen kann. Man fängt an, sehr abstrakt über Bücher nachzudenken, wenn man ein Botschafter der Literatur ist. Und das mag ich.

 

 

 

 

 

0 Kommentare

Digital First – Der Hörbuchmarkt in den Niederlanden. Ein Interview mit Robbert Hak von Storytel

Von Peter Reichenbach

 

Seit unseren Anfängen veröffentlichen wir bei mairisch Hörbücher und Hörspiele. Als feststand, dass wir nach Amsterdam gehen würden, habe ich sofort versucht, Hörbuchverlage ausfindig zu machen. Leider habe ich keinen einzigen finden können. Liegt es daran, dass ich kein Niederländisch kann und die Webseiten einfach nicht richtig lesen kann, oder gibt es vielleicht wirklich keine? Ich fragte rum, man sagte mir: Sprich mit Robbert Hak. Er arbeitet allerdings bei Storytel, einer Download-Plattform aus Schweden …?

 

Der überaus freundliche Robbert Hak entpuppt sich aber sofort als der richtige Ansprechpartner:

 

Ich verstehe das einfach nicht, wie ist das denn jetzt mit den Hörbüchern in den Niederlanden?

Der Hörbuchmarkt war noch nie sehr groß in den Niederlanden. Rubinstein, der Verlag, bei dem ich vorher gearbeitet habe, war der erste Verlag, der den kommerziellen Hörbuchmarkt überhaupt erst erschlossen hat. Das war 1985.

Der Verlagsgründer Maurits Rubinstein war ein Neffe von Renate Rubinstein, einer sehr bekannten niederländischen Autorin. Sie war jedenfalls in Autorenkreisen sehr gut vernetzt, und Maurits besuchte seine Tante sehr häufig. Später erkrankte Renate Rubinstein an MS, Maurits war da gerade mal 16 Jahre alt. Diese Erkrankung verschlechterte ihr Sehvermögen. Und so hatten sie gemeinsam die Idee, ihre Bücher vorzulesen, damit Leute mit gleichem Handicap oder auch Blinde sie zumindest hören konnten. So fing das also an. Und weil sie all die anderen berühmten Autoren kannte, kamen diese auch bald vorbei und Maurits Rubinstein nahm die Lesungen mit seinem Kassettenrekorder auf. Irgendwann hatte er, ich weiß es nicht genau, vielleicht 15 oder 20 Bücher aufgenommen, in relativ kurzer Zeit.

 

Und dann begann er, diese Aufnahmen in einer Buchhandlung hier in Amsterdam zu verkaufen, was ein großer Erfolg war. Und wenn man so will, war das der Startschuss für Rubinstein, für die nächsten 30 Jahre Hörbücher zu verlegen. Später kamen dann auch vor allem Hörbücher für Kinder dazu, die etwa 50% des Programms ausmachten. Insgesamt war es aber schwierig, die Hörbücher auch in die Buchhandlungen zu bringen, und so blieb der gesamte Hörbuchmarkt eher ein Nebenprojekt für Rubinstein.

 

In 2012 trat dann Storytel – die Firma für die ich jetzt arbeite – auf den Plan. Storytel ist ein schwedisches Unternehmen, was kein Wunder ist, da der Hörbuchmarkt in Schweden traditionell sehr stark ist, auch was die Erwachsenenhörbücher angeht. Storytel ist eine Streamingplattform, auf der man für 9,99 Euro im Monat so viele Hörbücher streamen kann wie man möchte. Im Prinzip sehr ähnlich zu Spotify.

 

Rubinstein verkaufte dann seine Hörbuchsparte an Storytel, auch weil der CD-Markt eingebrochen war. Und jetzt versuchen wir, vor allem Erwachsenenhörbücher zu produzieren. Unsere Devise ist digital first, also alle Hörbücher werden vorrangig für den digitalen Markt produziert. Letztes Jahr haben wir gerademal 18 Hörbücher zusätzlich als CD veröffentlicht, von insgesamt 120 produzierten. Das waren natürlich die populärsten Titel, die dann auch über die Buchhandlungen verkauft werden.

 

Aber die Hörbücher werden jetzt nicht mehr von den Autoren selbst gelesen, oder?
Früher war der Name, die Berühmtheit des Schauspielers/Autors, auch ein Argument für den Kauf eines Hörbuches. Es musste also entweder der Autor sein Buch selbst lesen, sofern er das konnte, oder es mussten berühmte Schauspieler sein. Für die große Anzahl von Hörbüchern, die wir produzieren, haben wir das Sprecher-Konzept ein wenig verändert und uns entschlossen, den Fokus auf den Inhalt des Buches zu legen, darum geht es schließlich, es geht um die Geschichte! Wir suchen also die Schauspieler nach ihrem Können aus und danach, ob ihre Fähigkeiten zum Inhalt passen, es muss einfach gut gelesen sein. Und in nur ganz seltenen Fällen liest der Autor noch selbst.

 

Das bedeutet, dass Storytel in einer guten Position ist, da es keine anderen Hörbuchverlage gibt, die sich auch um die Hörbuchrechte bemühen.
Ja, das stimmt, wir sind die einzigen, die an Hörbruchrechten interessiert sind. Aber weil wir die einzigen sind, ist auch das Angebot leider nicht besonders groß. Wir hoffen aber, dass der Markt wächst, wenn mehr Hörbücher verfügbar sind. Aktuell sind es allerdings lediglich wir, die die Anzahl von verfügbaren Hörbüchern erhöhen, was natürlich teuer ist. Wenn es mehr Hörbuchverlage gäbe, würde der Markt schneller wachsen. Wir versuchen also tatsächlich, die Buchverlage davon zu überzeugen, ihre eigenen Titel auch als Hörbücher zu produzieren und sie Storytel zur Verfügung zu stellen. Sie sollen einfach ihre Bestseller auch als Hörbücher produzieren, während wir uns um die Backlist kümmern.

 

Die Hoffnung ist also, dass mehr Leute ein Abonnement bei Storytel abschließen, wenn das Angebot an Hörbüchern größer ist?
Genau, wir sind ein Unternehmen, das das Beste für seine Kunden will. Und umso mehr Hörbücher es gibt, umso besser ist es für uns und den Kunden.

 

Gibt es für Kunden in den Niederlanden denn nur Storytel als Plattform, oder kann man Hörbücher auch woanders kaufen?
Die Hörbücher von Rubinstein Audio kann man auch noch auf anderen Plattformen kaufen. Es gibt ein paar lokale Plattformen, auch die Buchhandelskette libris bietet die Hörbücher auf ihrer Website als mp3-Download an. Das gleiche gilt für Bol.com, dort werden für jeden Titel alle Formate angezeigt, Paperback, Hardcover, Hörbuch-Download, das ist aber eine neue Entwicklung.


Wie siehst du die weitere Entwicklung, auf welchem Gerät wird man in Zukunft Hörbücher hören?
Handys, da sind wir uns sehr sicher. Es ist die beste Art und Weise, Hörbücher zu hören. Für Bücher, glaube ich, ist Papier, das Taschenbuch, eigentlich immer noch ein sehr gutes Format. Der E-Reader ist irgendwie eine Kutsche ohne Pferde, sagt man das so? Er versucht, ein Buch zu sein, ohne wirklich eines sein zu können. Anders ist das bei den Hörbüchern. Hier ist das digitale Format eigentlich das ideale Format. Du konsumierst es mit deinen Ohren, während du mit deinen Augen anderes betrachten kannst, es ist also perfekt für unterwegs, man kann Hörbücher hören, während man alltägliche Dinge erledigt. Da will man nicht mit 10 oder 20 CDs herumhantieren müssen, das nervt doch. Es ist also viel besser, wenn das Hörbuch einfach ein File in deinem Handy ist.


Eine Ausnahme sind vielleicht Kinderhörbücher? Wollen Kinder nicht vielleicht z.B. doch noch das Booklet sehen?
Ja, das mag sein. Für uns sind Kinder allerdings nicht die Hauptzielgruppe. Wir konzentrieren uns auf Frauen zwischen 30 und 40. Klar, viele dieser Frauen haben Kinder und lassen über ihren Account ihre Kinder Kinderhörbücher hören. Das wissen wir aber nicht genau. Aktuell ist es noch nicht möglich, einen Familienaccount anzulegen, wie es das z.B. bei Netflix gibt, aber da arbeiten wir dran. Dann wird es möglich sein, unterschiedliche Profile anzulegen, ein Profil für jedes Familienmitglied. Dann können wir z.B. die Kinderhörbücher auch für Kinder ansprechender präsentieren.

 

Verrätst du mir dein Lieblingshörbuch, vielleicht aus diesem oder dem letzten Jahr?
Uhhh, okay, lass mich nachdenken. Harem, von Ronald Giphart, das hier im Podium-Verlag erschienen ist. Der Autor hat das Hörbuch selbst gesprochen und er hat das wirklich sehr gut gemacht. Was mir besonders gut daran gefällt: Es gibt Passagen im Buch, die sehr literarisch sind, mit sehr langen Sätzen; Ronald Giphart liest diese aber mit etwas Selbstironie, als ob er sich selbst darüber lustig machen würde, wie übertrieben literarisch er an dieser Stelle formuliert hat. Und sowas kann sich natürlich nur der Autor selbst erlauben.

 

 

 

 

 

 

 

Robbert Hak studierte an der Universität Amsterdam (UvA) Sprach- und Kommunikationswissenschaften und hat einen Master in Literarischem Lektorat. Er ist Programmleiter bei Rubinstein Audio, ein Unternehmen von Storytel. Sein Hauptziel ist es, das Hörbuch in den Niederlanden bekannter zu machen, indem er so viele qualitativ hochwertige Hörbücher veröffentlicht wie möglich.

 

 

0 Kommentare

"Ein Magazin zu machen ist immer eine Mischung aus Planung und Improvisation" - Literaturmagazine in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

 

Wie es das Zitat schon andeutet: Ein Magazin zu machen ist nicht immer einfach, fordert viel Leidenschaft und Zeit und erwirtschaftet oft kaum die Honorare und Druckkosten einer Ausgabe. Und dennoch finden sich immer wieder tolle Magazine, die es wert sind, gelesen zu werden. So auch in den Niederlanden. Hier entstehen mit viel Leidenschaft und Herzblut Literaturmagazine mit kleinen Redaktionsteams, in Hinterzimmern und in den dunklen Abendstunden.

Das Magazin haben wir schon in einem gesonderten Artikel vorgestellt - hier ein Überblick über die anderen schönen Literaturmagazine in den Niederlanden:

 

De Gids

De Gids existiert bereits seit 1837 und ist somit das älteste Literaturmagazin der Niederlande. Zu Beginn lag der Fokus des Hefts noch stark auf einer Kombination aus Naturwissenschaften und Literatur und hatte den Anspruch, dem Leser beide Bereiche im Dialog näher zu bringen. Nachdem vor einigen Jahren staatliche Subventionen für Literaturmagazine stark gekürzt wurden, arbeitet das Magazin mit der Zeitung De Groene Amsterdammer zusammen. Da die Themen von Zeitung und Magazin zu stark überlappten, beschloss die Redaktion De Gids noch literarischer zu machen.

Edzard Mik ist seit Oktober 2015 Editor in Chief von De Gids und war vorher lange Jahre als Autor für das Magazin tätig. Er will nun die Qualität des Magazins noch weiter heben.

Für jede der sechs Ausgaben im Jahr wird ein Thema gewählt, für das passende Beiträge in Form von Kurzgeschichten, literarischen Essays und Gedichten gesucht werden; sie füllen dann etwas mehr als die Hälfte des Heftes. Thema der aktuellen Ausgabe ist „Grenzland Deutschland“, Thema der folgenden Ausgabe wird „Führerschaft“ sein. Der restliche Teil des Magazins besteht aus ausgewählten Beiträgen, die die Redaktion für besonders lesenswert und hochwertig hält. Dies können unaufgeforderte eingesendete Beiträge unbekannter Autoren sein, oder auch mit der Redaktion und ausgewählten Autoren gemeinsam konzipierte Texte.

Edzard arbeitet nur zwei Tage in der Woche für das Magazin, nebenbei arbeitet er noch als Dozent an einer Universität und schreibt Romane. Er macht deutlich, dass ein Literaturmagazin zeitaufwendig ist, es sei auch immer eine Mischung aus Planung und Improvisation. Edzard vergleicht die Leitung eines Magazins mit Leistungssport, „man muss sich jedes noch so kleinen Details und jeder Entscheidung bewusst sein, die die Qualität heben oder auch mindern kann.“

Durch die Zusammenarbeit mit De Groene Amsterdammer liegt die Auflage des Magazins derzeit bei 20.000, da jede neue Ausgabe der Zeitung beiliegt. Darin sieht nicht nur die Zeitung einen Mehrwert, auch De Gids konnte seine Reichweite und Leserschaft noch weiter vergrößern.

Neben dem Magazin steckt die Redaktion viel Pflege in ihre Webseite und veranstaltet Lesungen von Romanen, Gedichten und Kurzgeschichten und ein Event zum Erscheinen fast jeder neuen Ausgabe. So will sie ihren Lesern einen weiteren Raum geben, sich auszutauschen und zu informieren.

 

Tirade

Tirade wurde 1957 von einer Gruppe Autoren des Verlags Van Oorschot gegründet und erschien damals monatlich. Eine Ausgabe besteht bis heute aus Essays, Kurzgeschichten und Gedichten und Illustrationen. Den starken politischen Bezug hat das Heft allerdings verloren, inzwischen konzentrieren sich die Herausgeber hauptsächlich auf Literatur. Fünf Ausgaben erscheinen seit einigen Jahren jährlich, wobei sich ein Heft pro Jahr einem bestimmten Thema widmet. Dies wird von den Herausgebern frei gewählt, mal bietet sich ein aktuelles Thema an, mal werden Autoren gebeten, zu einem großen Autor etwas Persönliches zu schreiben. Die Autorenschaft ist international, worauf großen Wert gelegt wird, denn das Heft soll ein qualitativer Mix aus Textsorten und Menschen darstellen. Herausgeber ist eine Gruppe von freien Autoren und Marko van der Wal, Lektor von Van Oorschot. Sie entscheiden gemeinsam, was in das Heft kommt. Marko koordiniert die Ausgaben, während die anderen sich auf die Suche nach passenden Autoren machen. „Wir sind wie ein Oktopus mit vielen Armen, der in den unterschiedlichsten Bereichen nach neuen Beiträgen sucht“, so Marko. Einige der Beiträge sind auch von noch unbekannten Autoren, die ihre Texte an die Redaktion gesendet haben. Das Magazin soll auch ihnen eine Möglichkeit geben, gelesen zu werden.

Unterstützt wird das Heft vom Verleger Van Oorschots, was dem Team viele Freiheiten und zugleich Sicherheit gibt. Für den Verleger ist Tirade die perfekte Möglichkeit, neue Talente zu entdecken und zu zeigen, was sich gerade in der Literatur bewegt.

Auch medial ist das Magazin sehr aktiv. Auf Facebook und der Webseite bekommen die Leser regelmäßig hochwertige neue Texte und Informationen zu den aktuellen Ausgaben.

Die Auflage einer Ausgabe bewegt sich zwischen 500 und 600 Heften und kann im Webshop des Magazins, im Abo und in ausgewählten Buchhandlungen in den Niederlanden gekauft werden. Ein Heft kostet 12,50 Euro. Marko ist besonders die Kombination aus schönen Illustrationen und Texten wichtig, sie mache Tirade zu etwas Besonderem.

 

Awater

Awater ist das einzige Literaturmagazin in den Niederlanden, das sich ausschließlich auf Gedichte konzentriert, besser gesagt, auf die Besprechung von Gedichten. Das Magazin versucht, ein breiteres Publikum anzusprechen und sich nicht nur auf den eher kleinen Kreis aus Experten und Lyrikliebhabern zu beschränken.

„Awater will diejenigen ansprechen und informieren, die jeden Tag einen Gedichtband lesen, aber auch die, die nur einen pro Jahr in die Hand nehmen“, so Merijn Schipper, der Chefredakteur des Magazins. Neben dem Magazin arbeitet er in einer Buchhandlung in Utrecht und schreibt selbst. Drei Ausgaben erscheinen jährlich und die rund 800 Abonnenten erhalten zu jeder Ausgabe einen von der Redaktion ausgewählten aktuellen und hochwertigen Gedichtband. Eine Ausgabe des Magazins kostet 7,95 Euro und kann im Abo oder im Buchhandel erworben werden.

Awater wurde vor 15 Jahren vom niederländischen Dichter Gerrit Komrij gegründet.“Er sah, dass es eine Gruppe von Leuten gab, die gerne Gedichte lesen und die auch über Gedichte und die Menschen, die sie schreiben, lesen wollen. Und auch, dass diese Gruppe erweiterbar war und ein solches Magazin braucht.“ Mittlerweile besteht die Redaktion aus fünf festen Mitgliedern, die gemeinsam mit rund 20 Literaturkritikern, Essayisten, Kolumnisten, Fotographen und einigen anderen versuchen, Gedichte wieder mehr in den Fokus der Gesellschaft zu rücken.

Gerade versucht das Team außerdem, ihre Webseite bekannter und hochwertiger zu gestalten und „andere digitale Wege zu möglichen Lesern zu finden“.

Das Magazin ist Teil des Poëzieclubs, ein Club für Gedichtliebhaber, der auch in den „Turing Gedichtenwedstrijd“, dem größten Dichtwettbewerb der Niederlande und Flanderns involviert ist. Das Magazin vergibt bei diesem Wettbewerb auch einen eigenen Preis, den Awater Poëzieprijs, für den besten Gedichtband des Jahres.

Das Magazin ist unabhängig, denn, so Merijn, „Literaturkritik soll informieren und den Lesern Rat geben, und sie kann nur ernstgenommen werden, wenn sie unabhängig ist.“

 

Terras

Terras ist ein Magazin für experimentelle Literatur und erscheint seit 2008 zweimal jährlich in einer Auflage von 800 Heften. Der Name des Magazins ist ein Anagramm von Raster, dem Namen eines literarischen Magazins aus den 70er Jahren mit über 100 Ausgaben, wovon Terras inspiriert wurde.

Die Gründer, eine Gruppe aus Dichtern, die schon an den letzten Ausgaben von Raster beteiligt waren, wollten an die Idee des Magazins anknüpfen und, nachdem Raster eingestellt worden war, eine neue Zeitschrift auf der Basis von experimentellen Texten herausbringen. Jedes Heft widmet sich einem bestimmten Thema, welches aus Essays, Kurzgeschichten und Gedichten verschiedener Autoren aus den Niederlanden und der ganzen Welt besteht. Themen waren unter anderem Berlin, Brüssel, Neuland und Geräte, zu denen dann passende Beiträge gesammelt wurden. Viele Mitglieder der Redaktion sind Übersetzer, die in ihrem jeweiligen Land mit jungen Autoren zusammenarbeiten und ihre Texte für die Hefte übersetzen.

Finanziell unterstützt wird Terras durch staatliche Subventionen. Die Webseite des Magazins wird besonders gepflegt. Dort gibt es viele Audiobeiträge und Terras TV, bei dem die Übersetzer persönlich ihre Texte vorlesen.

Für jede Ausgabe gibt es eine Releaseparty, bei der die jeweiligen Übersetzer Beiträge vortragen. Bald will das Team um Miek Zwamborn auch eine Lesereihe ins Leben rufen. Die rund 200 Abonnenten, die meisten aus Amsterdam, beliefert die Redaktion mit dem Fahrrad; sie bekommen zu jedem Heft ein kleines Extraheft, wie beispielsweise ein aufwendig gestaltetes Kunstheftchen oder einen kleinen Gedichtband.

0 Kommentare

"Dem Uneindeutigen gehört die Zukunft" - Niña Weijers, Autorin

Von Daniel Beskos

 

Niña Weijers, geboren 1987 und aufgewachsen in Nijmegen, hat mit ihrem Debüt De consequenties in den Niederlanden für Aufsehen gesorgt. Es wurde etwa 15.000 Mal verkauft und mit diversen Preisen ausgezeichnet, außerdem stand sie auf der Shortlist für den Libris Literatuur Prijs (den wichtigsten niederländischen Literaturpreis) und für den Gouden Boekenuil (einen wichtigen Preis in Belgien). Im Herbst 2016 erscheint es in der Übersetzung von Helga von Beuningen im Suhrkamp Verlag. Ich habe die Autorin in Amsterdam zum Gespräch getroffen.

 

Niña Weijers (Foto: Annaleen Louwes)
Niña Weijers (Foto: Annaleen Louwes)

Niña, dein Buch gibt es ja noch nicht auf Deutsch, bitte sag uns doch mal, worum es darin geht.

Mein Buch erzählt von einer jungen Künstlerin, Minnie Panis. In ihrer Kunst geht es immer um den Zusammenhang zwischen Kunst und Leben, sie baut ihr Leben in ihre Kunst ein. Für ihr neues Projekt beauftragt sie einen Fotografen, der ihr für einige Wochen unbemerkt folgen und ihr Leben fotografieren soll. Parallel wird die Geschichte ihrer Kindheit erzählt - sie wurde als extremes Frühchen geboren, es war lange nicht klar, ob sie es schaffen würde, sie wurde lange Zeit überwacht, ihre Lebensfunktionen wurden kontrolliert. Und ich habe mich gefragt: Was für eine Person könnte aus diesem Baby werden? Offenbar ist das für sie etwas, das sie noch immer mit sich herumträgt, auch in ihrer Kunst: Dieses ständige Beobachtet- und Überwachtwerden. Das Experiment mit dem Fotografen wird dann allerdings noch ziemlich gefährlich. Es geht also viel darum, wie wir die Unterscheidungen zwischen "authentisch" und "künstlich" treffen.

Wie lange hast du am Buch gearbeitet?
Insgesamt vielleicht drei Jahre. Aber ich habe nebenbei noch in einem Kulturzentrum gejobbt. Es war auch nicht leicht, tagsüber zu arbeiten und nachts dann zu schreiben. Den größten Teil des Buches habe ich in Berlin geschrieben. Ich kenne da jemanden, bei dem ich immer für einige Wochen unterkommen konnte.

Und wusstest du vorher, dass ein Verlag Interesse haben würde?
Ja, da hatte ich Glück. 2010 hatte ich den Write Now!-Preis gewonnen, mit einer Kurzgeschichte. Die Verlage kucken sehr auf diesen Preis. Ich war 21, ich hatte Literatur studiert, aber ansonsten keine Ahnung von der Branche, ich wollte einfach schreiben. Aber ich habe mich einfach mit einigen Lektoren getroffen, und hatte das Glück, in Tilly Hermans eine sehr tolle Lektorin gefunden zu haben. Mit ihr konnte ich großartig über mein Projekt sprechen. Sie sagte: Mach langsam. Wir veröffentlichen dein Buch, aber nimm dir Zeit. Ich musste aber erst lernen, wie man überhaupt schreibt.

Du hast keine Schreibkurse oder so gemacht?
Nein, ich mochte es aber sehr, einfach rumzuprobieren. Das hat das Ganze natürlich auch sehr langsam gemacht, ich hab viel Müll produziert. Aber als es dann wirklich konkret wurde, habe ich für das Buch vielleicht sechs Monate gebraucht. Die Zeit davor musste ich erst rausfinden, was ich da überhaupt machte. Es hat mir schon Druck gemacht, bereits einen Vertrag im Nacken zu haben. Aber Tilly war auch sehr geduldig und verständnisvoll.

Und das Buch ist ja auch sehr gut angenommen worden, nicht?
Ja, im Rückblick kann man ja immer sagen, dass alles gut geklappt hat. Aber währenddessen war es wirklich furchtbar. Ich habe immer rumerzählt: Ja, ich schreibe ein Buch und so weiter. Und dann sitze ich zu Hause am Tisch und denke: Meine Güte, ich hab keine Ahnung, wie das geht. Und das Thema ist ja auch etwas speziell, mit der Kunsttheorie und allem, ich hätte nicht gedacht, dass sich so viele Leute dafür interessieren würden.

Mit welchen Reaktionen aufs Buch hattest du denn gerechnet?
Ich hatte keine Vorstellungen. Ich hatte gehofft, dass es ein paar Besprechungen geben würde. Aber ansonsten: Nee. Ich wusste nur: Ich habe das beste Buch geschrieben, das mir zu der Zeit möglich war. Was immer damit dann passieren würde, ich hätte damit gut leben können. Aber das liegt dann eben nicht mehr in meiner Macht, was da passiert.
Was dann seltsam war, war, dass sich schnell eine bestimmte Haltung in den Kritiken einstellte, so nach dem Motto Sie eroberte die Literaturszene im Sturm oder so. Was natürlich Quatsch ist, ich war ja nicht auf einmal da und habe gerufen: Hier bin ich! Ich habe ja vorher schon jahrelang geschrieben. Und dieses Bild passte auch nicht zu meiner echten Lebenssituation. Es kam dann vor, dass ich ein Interview zu meinem überwältigenden Erfolg gab und danach kein Geld hatte, um den Zug für die Heimfahrt zu bezahlen.

Dein Buch wird jetzt auch ins Deutsche übersetzt?
Ja, und ins Französische, Englische und Tschechische.

Wahnsinn. Englisch ist besonders gut, dann können alle anderen Länder dein Buch auch in voller Länge lesen.
Ja, das stimmt. Das ist super. Aber es dauert noch, bis das rauskommt.

Bist Du eigentlich in Amsterdam aufgewachsen?
Nein, in Nijmegen. Aber dort musste ich irgenwann weg. Ich wollte einfach, dass in meinem Leben etwas passiert, und ich wusste, dazu musste ich hier nach Amsterdam kommen - wie so viele Menschen, die hier hergezogen sind, um etwas zu finden, und um sich gegenseitig zu finden. Es gibt also logischerweise eine große Literaturszene hier. Es gibt andererseits auch Autoren, die sich bewusst davon fern halten wollen und irgendwo in der Provinz leben. Die beschweren sich dann aber auch oft, dass so viel Augenmerk auf den Amsterdamer Autoren liegt.

Würdest Du sagen, es gibt eine gute Förderstruktur für Autoren in den Niederlanden?
Ja, aber auch hier gibt es  massive Kürzungen und es gibt viele Autoren, mit denen man um die Stipendien konkurriert. Es gibt zum Beispiel eine Fördermöglichkeit fürs erste Buch, die bekommen vielleicht 10% der Autoren, die sich dort bewerben.

Wie wäre es, wenn es eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler gäbe?
Es gab sowas tatsächlich für bildende Künstler, aber das wurde vor zwei Jahren gestrichen. Das hat vor allem diese Künstler jetzt in eine schwierige Lage gebracht. Es gibt einfach jede Menge Kunsthochschulen und damit also auch viel zu viele ausgebildete Künstler. Autoren gibt es vielleicht gar nicht soo viele, und außerdem können sie immer noch nebenbei als Lektoren, Journalisten, Texter und so weiter arbeiten.

Sind Autorinnen denn ausreichend repräsentiert?
Es ist komisch - das Publikum besteht ja meistens vor allem aus Frauen. Und ich glaube, auch meine Leserinnen sind mehrheitlich weiblich und älter als 50. Vielleicht lesen Frauen einfach auch sehr übergreifend. Für Männer dagegen ist es viel ungewöhnlicher, weibliche Autoren zu lesen. Die männliche Perspektive wird eben immer noch als die universale angesehen, ebenso die weiße, mitteleuropäische. In der Kritik ist das ja genauso. Ziemlich altmodisch.
Die Kritiker sind aber auch sehr engstirnig hier. Sobald etwas nicht eindeutig als Erzählband oder Roman zu erkennen ist oder nicht genau einem bestimmten Genre zugeordnet werden kann, vielleicht formal ungewöhnlicher ist, wenn sie also verwirrt sind, heißt es gleich: Es ist kein gutes Buch, weil es sich nicht entscheiden kann. Aber wir leben doch nicht im 19. Jahrhundert - gerade den Büchern, die nicht so eindeutig sind, gehört doch die Zukunft.

Lesen die Leute denn allgemein weniger, fehlt ihnen der Zugang?
Sobald etwas nur den Hauch von Hochkultur hat, drehen sich alle weg. Die Leute wollen einfach unterhalten werden mit einer guten Geschichte, es soll am besten auch ein bisschen emotional werden, man sollte eine Träne verdrücken können. Sie wollen im Wesentlichen zur Entspannung lesen, und nicht, um zu denken oder etwas zu lernen. Sie haben aber auch immer weniger Zeit, es gibt so viel anderes zu tun, Serien kucken usw. Es ist wahrscheinlich kein neues Problem, aber besser wird es jedenfalls nicht. Mein Buch ist jetzt auch nicht unbedingt Hochkultur, aber trotzdem umso erstaunlicher eigentlich, dass es so viel gelesen wurde. Wir sollten unsere Leser vielleicht doch nicht unterschätzen.

 

Wenn Dein Buch in Deutschland rauskommt, kannst du dich schon mal drauf freuen, lange Lesungen zu geben. Die Deutschen finden sowas ja gut, im Gegensatz zu den Niederländern, die nach 5 Minuten ihre Smartphones rausholen.
Ja, das hab ich schon gehört. Der Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger hat gesagt, dass sie dann einen Schauspieler anheuern, der die deutschen Parts liest. Absurd.

Ja, das ist in Deutschland so üblich.
Witzig. Bist du eigentlich zur Buchwoche im März noch hier?

Nein, leider nicht.
Ah, schade. Die beginnt mit dem berühmten Boekenbal.

Davon erzählen alle. Aber will man da hin? Das hört sich für mich nach einer Hollywood-Gala an, mit rotem Teppich?
Ja, und nein. Natürlich ist es da total übertrieben. Und alle tun so, als fänden sie es schlimm, aber dann will doch jeder hin. Es ist dann auch immer viel zu schnell vorbei. Und man muss seine Getränke selbst bezahlen, was ich sehr fragwürdig finde.

 

 

 

0 Kommentare

Zwei Sprachen. Zwei Übersetzer.

Interview von Roberta Schneider

 

Vom Deutschen ins Niederländische und vom Niederländischen ins Deutsche. Wir haben Roberta Schneider, die für uns aus dem Englischen übersetzt, gebeten, Gerrit Bussink (Übersetzer vom Deutschen ins Niederländische) und Andrea Kluitmann (Übersetzerin vom Niederländischen ins Deutsche) zu befragen. Robertas Idee war es, beiden die gleichen Fragen zu stellen und die Antworten gegenüberzustellen. Gesagt, getan:

 

Gerrit Bussink

(Foto: Zara Pfeiffer)

Andrea Kluitmann

(Foto: Luc Nijenhuis)


 

Als Übersetzer hat man in der Regel einen anderen Blick auf die Sprache und ihr Inventar als die meisten anderen Leute. Hat die deutsche Sprache Ihrer Meinung nach Vorteile gegenüber dem Niederländischen? Wenn ja, welche?

Gerrit: Der grosse Vorteil der deutschen Sprache besteht in der durchstrukturierten Grammatik und der übersichtlichen Syntax. Damit kann man komplizierte Gedanken und Beobachtungen sehr differenziert zum Ausdruck bringen. Dies steht im Gegensatz zum Niederländischen, wo man kaum einen Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Substantiv macht. Wie soll man da in einem komplizierteren Satz noch sagen können, ob ein Relativpronomen sich auf das vorhergehende männliche oder weibliche Substantiv bezieht …
Auch die deutschen Substativkombinationen sind eine wunderbare Erfindung, machen dem Übersetzer aber manchmal zu schaffen. Wenn man ein Substantiv dauernd mit drei oder mehr Wörtern übersetzen muss, kann man sich vorstellen, dass es sich nach einer Weile auch auf den Stil eines Textes auswirkt. Das Nadelöhr ist het oog van de naald – fünf Wörter statt zwei! Und wenn Capus in seinem beeindruckenden Roman Eine Frage der Zeit seine drei Schiffbauer alle paar Absätze über einen Trampelpfad zum Hafen laufen lässt, soll der Übersetzer ihm dann folgen und sie immer wieder het platgetrapte pad runterlatschen lassen? Nach dem ersten Mal wird dann nicht mehr getrampelt, sondern sie gehen einfach den Pfad oder Weg runter, und weg ist die schöne Trampelei …

 

Andrea: Ich gebe auch Deutschunterricht für niederländische Autoren und Verlagsleute und weiß, wie schwer die deutsche Grammatik ist, besonders die Fälle. Aber für deutsche Muttersprachler empfinde ich sie als Segen, man kann dadurch im Deutschen so schön kompakt sein. Dank des Genitivs zum Beispiel lassen sich klobige Konstruktionen mit von vermeiden, was im Niederländischen nicht geht.
Der Schnurrbart des Vaters meiner Freundin wird tatsächlich De snor van de vader van mijn vriendin. Wobei snor natürlich wieder ein recht witziges und angenehm kurzes Wort ist.


Haben Sie ein Lieblingswort im Deutschen? Mögen Sie verraten, welches es ist und was Sie daran mögen? Und im Niederländischen, haben Sie da auch ein Lieblingswort?

Gerrit: Echte Lieblinge kenne ich nicht, aber ich freue mich auf jedes Neugeborene, so wie neulich, als wieder mal tote Wale anstrandeten oder als man man in den Niederlanden im Zusammenhang mit humanem Sterben die laatstewilpil (Letzterwillepille) diskutierte.

Haben Sie ein Lieblingswort im Niederländischen? Mögen Sie verraten, welches es ist und was Sie daran mögen? Und im Deutschen, haben Sie da auch ein Lieblingswort?

Andrea: Bakkeleien (sich kabbeln, zanken) ist eines meiner Lieblingswörter. Es stammt aus dem Indonesischen (die Niederlande waren ja jahrhundertelang Kolonialmacht), wo es kämpfen bedeutet. In dieser Bedeutung wurde es anfänglich auch im Niederländischen benutzt, hat sich dann aber gewandelt.

Weidenkätzchen (Salix spec.) – bestimmt auch, weil ich sie früher immer zum Geburtstag bekommen habe und sie das Zeichen waren, dass der Winter wirklich vorbei ist.

 


Hat die niederländische Sprache Ihrer Meinung nach Vorteile gegenüber dem Deutschen? Wenn ja, welche?

Gerrit: Der Vorteil des Niederländischen ist eben doch, dass man sich in der Sprache mittels relativ unkomplizierter Formulierungen über komplizierte Sachen auslassen kann. Man wird kaum jemals einen Satz dreimal lesen müssen, um ihn inhaltlich zu ergründen. Das mögen Deutsche recht simpel finden, aber sie müssen die sprachlichen Möglichkeiten berücksichtigen. Oft frage ich mich, ob in den Übersetzungen niederländischer und flämischer Literatur diese Simpelheit auffällt.

Andrea: Im Niederländischen lassen sich viele Dinge sehr plastisch und prägnant ausdrücken. So gibt es für herumhängende und oft lautstarke Jugendliche den Begriff hangjongeren, ein Tischstaubsauger heißt Krümeldieb (kruimeldief), übrigens auch eine Bezeichnung für Diebe, die im Kleinen stehlen. Ein französisches Bett (100-120 cm breit), dessen Besitzer sich wohl nicht zwischen Einzel- und Doppelbett entscheiden kann, wird twijfelaar, also Zweifler genannt. Auch mit Verben funktioniert das, nach dem Essen noch am Tisch sitzen bleiben heißt so schön natafelen, wenn man sein Studium beendet hat, ist man afgestudeerd und bijbenen (wörtlich: beibeinen) bedeutet Schritt halten.

 


Als Übersetzer stößt man ja immer mal wieder auf Wörter, die in der Muttersprache fehlen. Oft lassen sie sich durch ein bedeutungsähnliches Wort ersetzen, aber manchmal fehlt doch ein Stückchen Bedeutung, das man dann nur durch Umschreibung hereinbekommen kann – wenn man sich nicht entschließt, darauf zu verzichten.

Welche Wörter, die es im Deutschen gibt, vermissen Sie im Niederländischen?

Welche Wörter, die es im Niederländischen gibt, vermissen Sie im Deutschen?


Gerrit: Man müsste während eines Übersetzungsprojekts einmal eine Liste anlegen mit solchen Beispielen. Leider kann ich mit einer solchen (noch) nicht dienen, aber es gibt viele Beispiele. Wenn man darauf stößt, umschreibt man eben, oder manchmal tut ein unauffälliges ergänzendes Adjektiv (links, rechts, hell, dunkel, jung alt, was weiss ich…) es auch. Da ist dann wirklich das Talent des Übersetzers gefragt.

Andrea: Das Wort meevallen, das ich im Niederländischen oft benutze. Es bedeutet, dass etwas schon so geht, so lala ist, halb so schlimm ist, nicht so schlimm werden wird, schon schiefgehen wird oder auch gar nicht so übel ist.
Ferner fehlt mir die Abschlussformel liefs, die für mich einen anderen Gefühlswert hat als Liebe Grüße oder etwa Alles Liebe, das wird gleich wieder so viel.
Auch nach einem einfachen deutschen Wort für bak, das je nach Kontext Behälter, Kübel, Kasten, Dose, Gefäß, Kiste und bestimmt noch mehr sein kann, sehne ich mich mitunter.
Oh, und auch die Diminutiv-Endung –tje und ihre Häufigkeit fehlen mir, das hätte ich eigentlich nicht gedacht, weil sie auch schon mal lächerlich wirken kann, jedenfalls in meinen deutschen Ohren. Aber die Möglichkeit, sogar Nachnamen zu verkleinern, kann sehr liebevoll eingesetzt werden. Mir fallen de Cosseetjes ein, das sind die Amsterdamer Cossee-Verleger Eva Cossée und Christoph Buchwald, das klingt einfach sehr nett und geht im Deutschen ja überhaupt nicht. Und wenn mein Freund mich HSP-ertje nennt (von High Sensitive Person), wenn ich mich über Lärm beschwere, klingt das auch nicht schlimm.

 


 

Wenn man mehrere Stunden am Stück übersetzt, ist man sich manchmal seiner eigenen Sprache nicht mehr sicher. Mir geht das jedenfalls so – ich frage dann manchmal jemanden (oder etwas, also ein Buch oder das Internet): Kann man das und das auf Deutsch so sagen? Ich könnte mir vorstellen, dass der Umstand, dass das Deutsche und das Niederländische sich relativ ähnlich sind, die Arbeit eines Übersetzers zwischen den beiden Sprachen nicht unbedingt erleichtert. Da gibt es doch sicher viele falsche Freunde und Redewendungen, die dazu verführen, sie allzu wörtlich zu übersetzen (der Anglizismus Sinn machen für Sinn ergeben hat es immerhin schon in den Duden geschafft – und trotzdem sollte man weiterhin make friends nicht mit Freunde machen und make sure nicht mit sicher machen übersetzen.) Wie ist das? Gerät man da leicht auf’s Glatteis?

Gerrit: Die Nähe der beiden Sprachen drückt sich ja nicht nur in einzelnen Vokabeln und Ausdrücken aus, sondern viel mehr noch in den sich ähnelnden Satzstrukturen. Man kann sie mehr oder weniger buchstäblich übernehmen, ohne dass sich grammatikalische oder syntaktische Fehler feststellen lassen. Trotzdem entsteht in der Summierung so eventuell ein Text, der deutsch riecht, wie Übersetzer untereinander manchmal sagen. Einfaches Beispiel: im Deutschen mag man Sätze gerne mit einem Nebensatz anfangen. Dass er mich gestern gesehen hat, ist gelogen kann man buchstäblich übersetzen: Dat hij me gisteren heeft gezien, is gelogen. Nicht schön, aber ok. Normal wäre aber, zu sagen: Hij liegt dat hij me gisteren heeft gezien. Häufen sich aber solche Beispiele buchstäblicher Übernahmen, dann steigt langsam der deutsche Geruch auf …
Falsche Freunde gibt es natürlich auch. Kein großes Problem, man muss sich nur auskennen. Ratlos ist im deutschen eher hilflos, radeloos im Niederländischen eher verzweifelt. Irritiert im Deutschen eher verwirrt und geïrritieerd im Niederlandischen eher verärgert – usw usf.

Andrea: Ich fahre jeden Tag über einen riesigen zugefrorenen See! Die falschen Freunde/Interferenzen liegen immer auf der Lauer. Ich schlage viel nach und versuche grundsätzlich, Texte eine Weile liegen lassen zu können, am nächsten Tag oder gar in der nächsten Woche habe ich Abstand gewonnen und kann ganz anders formulieren. Übrigens geht das den Verfassern der Texte ja auch so, und das weiß auch jeder, der professionell Texte schreibt. Deshalb regt mich oft so auf, dass Kunden – also Auftraggeber von Sachtexten - nicht verstehen (oder ihre Planung nicht so hinbekommen), dass ein Übersetzer Zeit braucht. Da wird endlos an den Originalen herumgefeilt, und der Übersetzer bekommt den Text dann kurz vor knapp, und kann dadurch nur alles auf den letzten Drücker herunternudeln. Dabei ist der übersetzte Text in vielen Fällen doch der Einzige, der von der Zielgruppe gelesen wird, das ist der Text, um den es geht.
Meine Freundin und Kollegin Verena Kiefer und ich lesen und korrigieren unsere Buchübersetzungen gegenseitig, das ist eine ideale Form des Lernens und der Qualitätssicherung, die zudem auch noch Spaß macht.
Da ich in den Niederlanden wohne, bin ich natürlich besonders gefährdet und habe ein erstklassiges Alibi, mir jeden Tag deutsche Kultursendungen im Radio anzuhören, aber auch Lindenstraße und natürlich jeden Sonntag Tatort zu schauen.

 


Was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit als Übersetzer?

Gerrit: Die Freiheit, wann immer, wo immer arbeiten zu können und die Herausforderung, wie die Schauspieler und die Musiker eine kreative Vorgabe perfekt (und auch – aber anders -  kreativ!) zu übersetzen.

Andrea: Die stille Tätigkeit, bei der ich ganz in mich gekehrt bin. Ich sitze zu Hause (oder wo auch immer) bei einer Tasse Tee und lebe nur mit den Menschen in meinen Texten. Immer wieder tun sich ganz andere Welten vor mir auf, ich empfinde das als großen Genuss. Meine Arbeit ist mit Flow verbunden, meist kann ich ganz abtauchen und die Zeit vergeht ohne mich.

 


Gibt es auch etwas, das Sie an Ihrer Arbeit als Übersetzer nicht mögen? Was?

Gerrit: Mich irriteert oft, dass ich mich nach der ersten Fassung (von meistens vier oder fünf) einer Übersetzungsarbeit nurmehr mit meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten auseinandersetzen muss. Den Genuss gibt es dann beim Lesen der Fahnen. Man muss bei meiner Arbeitsmethode (eine erste Diktatfassung immer wieder überarbeiten) schon einen geringen masochistischen Zug haben, um diese Arbeit zu machen …

Andrea: Ich muss sehr viel übersetzen, um mich als Freiberuflerin über Wasser zu halten und sitze daher viel zu viel am Schreibtisch. Es wäre wunderbar, ins Niederländische übersetzen zu können, das Leben eines niederländischen Literaturübersetzers ist eine ganze Ecke leichter, konkret gesagt so ziemlich genau um die Hälfte leichter: Zwar zahlen niederländische Verlage nur 6,4 Cent pro Wort, aber der  Nederlands Letterenfonds gibt oft nochmal 10 Cent pro Wort hinzu (und für besonders schwierige Texte noch mal 30% extra). Meine deutschen Verlage zahlen umgerechnet einen Wortpreis zwischen 7 und 8 Cent und Übersetzungsstipendien sind im dt. Sprachraum viel seltener und auch bescheidener im Umfang. 
Meine Literaturübersetzungen muss ich mir gerade leisten können, sie also querfinanzieren. Und nun ist es überhaupt nicht so, dass ich keine anderen Texte übersetzen mag und meine Deutschlerner liebe ich, aber ich arbeite so ziemlich immer und vernachlässige Familie und alte Freunde. Besonders das Letzte finde ich oft richtig schlimm.

 


Welche Übersetzungsarbeit hat Ihnen bislang am meisten Spaß gemacht und warum?

Gerrit: Ha! Das verrate ich nicht.

Andrea: Ich merke, dass ich die Neigung habe, die Übersetzung zu nennen, an der ich gerade arbeite, nämlich ein großartiges Kinderbuch von Anna Woltz mit dem Titel Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte. Ihr Ton liegt mir sehr, es ist ganz leichtfüßige Arbeit, die wunderbar von der Hand geht. Aber auch meine vorletzte Übersetzung Das indonesische Geheimnis der klassischen Autorin Hella S. Haasse war toll. Ich habe gemeinsam mit Birgit Erdmann übersetzt und wir haben sehr gut zusammengearbeitet, mit Endspurt in einem Dorf in Österreich, zwischen glücklichen Kühen und jungen Katzen.
Zusammenarbeit bedeutet mir viel, ich genieße es auch sehr, mit guten Lektorinnen zu arbeiten, die noch mal völlig anders auf den Text gucken können als ich als Übersetzerin, die beider Sprachen mächtig ist und zudem monatelang in dem Buch gelebt und allein schon aus diesem Grund einen anderen Blick hat. Ich mag den Austausch, das nochmalige Feilen, die geteilte Freude (und manchmal auch das geteilte Leid).
Sehr gerne übersetze ich auch Drehbücher und Theaterstücke, das Besondere daran ist, dass man eben keinen fertigen Text liefert, sondern eine Art Grundlage, die dann in ein ganz anderes Kunstwerk einfließt.

 


Gibt es eine Frage, die Sie als Übersetzer schon immer gestellt bekommen wollten, aber noch nie zu hören bekommen haben? Mögen Sie sie verraten und vielleicht sogar beantworten?

Gerrit: Die gibt es eigentlich nicht. Ich weiss aber genau, welche Frage ich nie gestellt bekommen möchte: Wann hörst du endlich auf!

Andrea: Also, vielleicht: Übersetzer werden in der Öffentlichkeit nicht unbedingt als die wichtigen Spieler auf dem Literaturmarkt wahrgenommen, die sie sind, sie werden mies bezahlt und oft vergessen. Auch du klagst ja ein wenig in diesem Interview.
Würdest du diesen Beruf denn noch mal ergreifen, wenn du neu anfangen könntest?
Ja!


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Roberta Schneider

hat für mairisch u.a. Der Kanal von Lee Rourke sowie Texte für Die Philosophie des Radfahrens, Laufens und Kletterns übersetzt.

 

 

 

0 Kommentare

„Es geht um was!“ – Kinder- und Jugendliteratur aus den Niederlanden und Flandern. Ein Gespräch mit dem Übersetzer Rolf Erdorf

Von Stefanie Ericke-Keidtel

 

Seit mehr als sechzig Jahren findet in den Niederlanden jedes Jahr im Oktober die Kinderboekenweek statt, die Kinderbuchwoche, an der sich Buchhandlungen, Schulen und zahlreiche Institutionen beteiligen. Und nicht nur das: Wer in diesem Zeitraum für eine gewisse Summe Bücher kauft, bekommt obendrein das „Bücherwochengeschenk“ dazu – das Auflagen von bis zu 500.000 erreichen kann. In diesem Jahr ist das begehrte Geschenk ein Kinderbuch des bekannten Autors Dolf Verroen, das in Deutschland zeitgleich unter dem Titel Krieg und Freundschaft im Verlag Freies Geistesleben erscheinen wird. Übersetzt hat dieses Buch, wie so viele bekannte niederländische Kinder- und Jugendbücher, der Übersetzer Rolf Erdorf, den ich in Amsterdam zum Gespräch bei Frikandel und Koffie verkeerd getroffen habe.

 

Als Sohn eines Zöllners 1956 in der Eifel, also nah an Belgien und Luxemburg, geboren, scheint Rolf Erdorf das Thema der Grenzen, der Grenzüberwindungen und des kulturellen Austauschs quasi in die Wiege gelegt worden zu sein. Doch wieso ausgerechnet Niederländisch?

„Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen“, erzählt er, „dort war nicht viel los, aber im Sommer kamen immer sehr viele Touristen, vor allem aus Holland und Belgien, und mit 17, 18 Jahren hatte ich im Sommer einen Ferienjob in einer Frittenbude. Und was mir dort damals auffiel, war, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern so ganz anders war als zu der Zeit bei uns in Deutschland: freundschaftlicher, weniger hierarchisch irgendwie, und das hat mich beeindruckt. Studiert habe ich dann zwar offiziell Germanistik und Romanistik, aber nebenbei habe ich bei einer bezaubernden älteren Dame, dem Fräulein (so sagte man damals noch) Gerda van der Burgt, Niederländisch gelernt, und zwar in Riesenschritten.“

 

Ob denn die gefühlte Nähe zum Deutschen eine große Hilfe sei, oder eher das Gegenteil...?

„Durch die scheinbar vielen Gemeinsamkeiten mit dem Deutschen lernt man die Grundlagen recht schnell. Aber die Feinheiten der Sprache, die viel ausdifferenzierteren Klänge, die Diphthonge, die Intonation, die kleinen Füllwörter, die einem Satz eine ganz andere Anmutung geben können – das ist dann doch schwer. Für die Aussprache muss man das, was man aus dem Deutschen kennt, quasi erst einmal verlernen, und das ist immer schwierig.“

 

Die Tatsache, dass in den siebziger und frühen achtziger Jahren noch recht wenig Literatur nach Deutschland übersetzt war, war für ihn eine zusätzliche Motivation, weiterzumachen:

„Man konnte beim Lesen so vieles entdecken! Und es war auch eine Zeit des Aufbruchs, auch eines neuen Selbstbewusstseins in der niederländischen Literatur. Der Durchbruch war dann die Buchmesse 1993, auf der die Niederlande und Flandern zum ersten Mal Buchmessegastland waren. Auf einmal wurde man stolzer auf die eigene Sprache und Kultur.“

 

Und heute?

„Heute sogar noch mehr. Jeder Niederländer und Flame hat heute ein anderes, selbstbewussteres Verhältnis zu seiner Sprache als noch vor zwanzig Jahren.“

Rolf Erdorf lebte zu der Zeit Anfang der Neunziger, nach längeren Aufenthalten in Berlin und immer wieder auch Amsterdam, als freier Übersetzer in Hamburg und übersetzte neben Kunstbüchern immer mehr Kinder- und Jugendbücher für deutsche Verlage. Als Übersetzer so wichtiger Autoren wie Edvard van de Vendel, Dolf Verroen (für dessen von Rolf Erdorf übersetztes Buch Wie schön weiß ich bin beide 2006 den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Gustav-Heinemann-Friedenspreis erhielten), Gideon Samson, Floortje Zwigtman, Martha Heesen und vieler mehr erlebt er auch seit vielen Jahren die kulturpolitischen Entwicklungen in den Niederlanden und Flandern hautnah mit.Obwohl es in den letzten Jahren große Kürzungen im niederländischen Kulturetat gab, blieb die Übersetzungsförderung weitgehend davon ausgenommen, berichtet er: „Die Erfolge waren einfach so deutlich, und das eben nicht nur durch Autoren wie Cees Nooteboom oder Harry Mulisch, dass klar war: Hier darf nicht gespart werden, hier lohnt es sich einfach.“

Tatsächlich werden deutsche Verlage nicht nur professionell und gut über die Literatur des Nachbarlandes informiert, sondern erhalten zumeist auch eine Übersetzungsförderung für die ersten zwei Bücher eines Autors: „Danach sollte es dann von allein funktionieren“, lacht Rolf Erdorf, „und natürlich soll es auch nicht so sein, dass Bücher eingekauft werden, nur weil man die Übersetzung bezahlt bekommt. Aber dieses System, das übrigens auch die Übersetzungen im Vorfeld auf ihre Qualität prüft, funktioniert ganz gut.“

 

„Ich hatte Angst, ich verliere meine Muttersprache.“

Doch lässt sich so einfach auch der so große Erfolg der niederländischen Kinder- und Jugendbuchautoren in Deutschland erklären? Immerhin gab es allein beim Deutschen Jugendliteraturpreis, dem einzigen staatlichen Literaturpreis Deutschlands, mit Dolf Verroen, Bart Moeyaert, Ted van Lieshout, Els Pelgrom, Joke van Leeuwen, Guus Kuijer, Do va Ranst und Maritgen Matter bereits zahlreiche Niederländer und Flamen unter den Gewinnern, und seit 1993 wurden fast in jedem Jahr niederländischsprachige Bücher nominiert, im letzten Jahr allein zwei in einer Übersetzung von Rolf Erdorf. Auch die vielfach ausgezeichnete Mirjam Pressler, Andrea Kluitmann, Meike Blatnik oder Sylke Hachmeister sind neben Rolf Erdorf als wichtige Übersetzer zu nennen, Verlage wie der in dieser Hinsicht besonders engagierte Gerstenberg Verlag veröffentlichen regelmäßig Literatur aus dem Nachbarland.

Was zeichnet also die niederländischsprachige Literatur für Kinder aus, Herr Erdorf?

„Der Erfolg hat viele Väter, heißt es so schön. Sicher waren die Niederlande im Bereich Kinder und Jugend früher viel progressiver als Deutschland. Das hatte auch seinen Niederschlag in der Literatur. Ich denke, was die Fortschrittlichkeit angeht, haben wir Deutschen aufgeholt. Was aber weiter zählt, ist die nach wie vor hohe Qualität und Vielfalt niederländischsprachiger Kinder- und Jugendliteratur.

Generell lässt sich wohl sagen, dass sich in den Niederlanden bereits Ende der Fünfziger Jahre ein ganz neuer Ton durchsetzte, der nicht nur fröhlicher und ungezwungener, sondern auch subversiver war, als alles, was es vorher gab. Viele Geschichten wurden aus Sicht der Kinder und Jugendlichen selbst erzählt, und auch Tabus und gesellschaftskritische Themen wurden bereits früh aufgegriffen und auf literarische, oft auch sehr poetische Weise beschrieben. Auch die Grenze zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur scheint hier in der Literatur eher zu verschwimmen.

Stimmt dieser Eindruck?

„Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern scheint mir mittlerweile in Deutschland und Holland ziemlich gleich zu sein“, so Rolf Erdorf, „aber trotzdem, ja: Kinder werden hier ernster genommen. In Deutschland wird zwar immer viel darüber geredet, was man alles tun müsste, aber ... Man darf nicht vergessen: Es geht um was. Kinder lassen sich von dem, was sie lesen, noch viel stärker beeinflussen, und es ärgert mich, wenn die Bücher für sie nicht so ernst genommen werden.“

 

Gilt das auch für die Arbeit der Übersetzer selbst, gerade wegen der vermeintlichen Sprachnähe, und dann „auch noch“ im Kinderbuchsektor? Der Übersetzer schmunzelt, aber man merkt deutlich, wie sehr ihm das Thema am Herzen liegt:

„Naja, wenn man etwa ein Bilderbuch mit sehr wenig Text übersetzt, denken schon viele: Na, das kann meine Tochter auch ... Aber was sich auf einer vollbedruckten Romanseite auch eher mal verliest, das geht im Bilderbuch eben nicht: Da steht jedes Wort quasi mitten auf dem Platz, gut sichtbar von allen Seiten! Und wird vielleicht auch noch zwanzig Mal hintereinander laut vorgelesen. Das ist schon ein Belastungstest.“ (lacht) „Das Spannende ist aber auch, was Verlage dann für einen Text tun, die Herstellung, das Cover, die Kommunikation – ich bin heute an dem Beruf mehr interessiert als vor zwanzig Jahren, und damit haben auch die Aufenthalte hier zu tun, die es mir erlaubt haben, ein Teil auch der hiesigen Kinder- und Jugendbuchszene zu sein. Amsterdam ist eine Konstante in meinem Leben, und auch wenn mir die Stadt inzwischen etwas zu touristisch ist, so fühle ich mich hier doch auch auf eine Weise sehr wohl und zuhause.“

Kam es denn jemals in Frage, hier, wie andere Übersetzerkollegen, dauerhaft zu leben?

„Ich war mehrere Jahre unentschlossen, aber dann war mir klar: Ich brauche auch die Distanz – ich hatte Angst, ich verliere sonst meine Muttersprache.“  

Und bekommen wir zum Abschluss noch Tipps, welche Kinder- und Jugendbücher aus dem Niederländischen wir unbedingt lesen sollten?
„Natürlich alle von mir übersetzten! 2016 erscheint eine Menge von mir, oder sonst meinen meinen Namen googeln. Gern nenne ich einige weitere Autorinnen und Autoren: Sjoerd Kuyper, Joke van Leeuwen, Benny Lindelauf, Toon Tellegen, Anna Woltz. Und im Bilderbuch besonders die flämischen Illustratorinnen und Illustratoren: Klassiker wie Carll Cneut und Ingrid Godon, aber auch jüngere Künstlerinnen und Künstler wie Anton van Hertbruggen und Kaatje Vermeire.“

Vielen Dank für das Gespräch!
„Graag gedaan.“


Von Rolf Erdorf übersetzte Bücher, die 2016 erschienen sind und erscheinen:
Annemarie van Haeringen: „Schneewittchen strickt ein Monster“. (Arbeitstitel). Verlag Freies Geistesleben
Jan de Leeuw, „Eisvogelsommer“. Gerstenberg Verlag
Marco Kunst, „Kroonsz“ (Arbeitstitel). Gerstenberg Verlag
Ted van Lieshout, „Papageifisch“ (Arbeitstitel). Rieder Verlag (Gedichte)
Gideon Samson: „Flutwelle“ (Arbeitstitel). Gerstenberg Verlag
Erna Sassen: „Komm mir nicht zu nah“ (Arbeitstitel). Verlag Freies Geistesleben
Simon Spruyt, „Junker. Ein preußischer Blues“. Carlsen (Comic)
Edward van de Vendel: „Krebsmeisterschaft für Anfänger“. Carlsen
Dolf Verroen, „Krieg und Freundschaft“. Verlag Freies Geistesleben
Emiel de Wild, „Brudergeheimnis“. Verlag Freies Geistesleben

Einige Empfehlungen aus 2015:
Annemarie van Haeringen, „Monsieur Matisse und seine fliegende Schere“, Verlag Freies Geistesleben
Marco Kunst: „Flieg!“. Gerstenberg Verlag
Jean-Paul Mulders/ Jacques & Lise, „Das Müffelmonster Brüllala“. Bohem Press
Gideon Samson, „Doppeltot“. Gerstenberg Verlag
Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch. Verlag Freies Geistesleben

 

 

0 Kommentare

Alles bunt? - Niederländische Buchgestaltung

Von Carolin Rauen

 

Ich bin in der Nähe der niederländischen Grenze aufgewachsen, also hieß es an zahlreichen Samstagen für mich: Familienausflug ins benachbarte Enschede. Das bedeutete zum einen dank des großen Wochenmarkts einen Kofferraum voller Pflanzen, Lakritz und Käsespezialitäten sowie ein prall gefüllter Magen voller Backfisch und Calamari. Zum anderen war es ein großer Spaß, wenn sich nach dem Überfahren der Grenze innerhalb von Sekunden deutliche Unterschiede offenbarten: Große Fenster boten Einblicke bis in die Gärten hinter den Häusern, Regenjacken leuchteten in Neon-Farben jeglicher Art von den breiten Radwegen, Ampeln schmückten sich in schwarz-weißem Zebra-Muster und Haargel wurde in 500 ml-Plastikeimerchen wahlweise in Pink, Grün oder Gelb angeboten. Kurzum: Es war bunter, eigensinniger, irgendwie mutiger – und ich gefühlt der Zukunft um Jahre näher als in der westfälischen Provinz.

 

Dieser Eindruck entspricht bis heute meiner Wahrnehmung der niederländischen Grafik: Große, verspielte Typografie, wilde Muster in leuchtenden Farben, ein Übereinander statt einem Nebeneinander, der Fokus eher auf einer allumfassenden Idee als auf feinsinnigen Details. Auch in den Buchhandlungen strahlen Farben und Schrift selbstbewusst von den Umschlägen und vor allem innerhalb eines Buches lassen mich die Stringenz und Totalität der Gestaltungskonzepte in Bewunderung verfallen. Sind die mutigen, lauteren Niederländer im Vergleich zu uns konservativen, ängstlichen Deutschen einfach die besseren Gestalter? Woher kommt dieser Mut? Oder wird die Gestaltung zum Selbstzweck, zum Mittel der Selbstdarstellung und drängt den Inhalt in den Hintergrund?

 

 


Piet Zwart, Willem Sandberg und Wim Crouwel stachen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Buchgestalter in den Niederlanden heraus und wurden zu Vorbildern.

 

Heute ist Irma Boom (*1960) weltweit tonangebend. Ihre Bücher wurden sogar in die Sammlung des MoMA in New York aufgenommen.

 

Eine ihrer Arbeiten, eine Hommage an den legendären Duft Chanel No. 5, verzichtet vollständig auf Tinte, alle Motive und Texte sind blindgeprägt, ein Meisterwerk ganz in Weiß, anmutig wie ein Brautkleid: 

 

 


 

Als Retrospektive der Werke der Textil-Künstlerin Sheila Hicks lässt Irma Boom die textilen Arbeiten als Struktur auf dem Titel spürbar werden, und – als vielleicht größtes Geheimnis der Produktion – zudem als unebenen Buchschnitt. Irma Boom kreiert Gesamtkunstwerke, in denen der Inhalt durch seine Form zum Leben erwacht.

 

 

Um diese Verwandlung möglich zu machen, ist sie von Beginn an in den Entstehungsprozess eines Buches eingebunden und versteht sich nicht nur als Buchgestalterin, sondern immer auch als Herausgeberin bzw. Autorin. Dabei ist ihre Arbeitsweise eher mit der einer Architektin vergleichbar: Durch die Anfertigung zahlloser handgefertigter kleiner Modelle begibt sie sich auf die Suche nach der perfekten Form, der Materialität, den Proportionen, der Abfolge der Abbildungen, ihrer Größe. Die grafische Gestaltung erfolgt erst danach.

 

 

Schon in den 1980er Jahren löste sie mit einem ihrer ersten Projekte einen Skandal aus: In einem Briefmarken-Jahrbuch stellte sie Skizzen und Beispiele ihrer Inspiration neben die Briefmarken, setzte Texte ohne Trennstriche in Blöcken und versah das ganze Buch mit einer japanischen Bindung. Hass und negative Kritik schlugen ihr entgegen – gleichzeitig wurden ihr Mut und Eigensinn mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen belohnt.


Irma Boom hat keine Angst, etwas Neues oder Andersartiges zu schaffen, und so gelingt es ihr seitdem immer wieder, das Buch quasi neu zu erfinden. Ihre Handschrift ist in den letzten Jahren leiser geworden, anstelle von Skandalen erzeugt sie heute vielmehr sinnliche Erlebnisse. In jedem Projekt entwickelt sie jedoch eine eigene Vision und verteidigt diese mit allen Mitteln. 
Sie versteht sich nicht als Künstlerin, möchte sich nicht in ihren Büchern verwirklichen, sondern arbeitet stets im Dienste des Inhalts, indem sie all ihre Leidenschaft und Zeit in ein ganzheitliches Konzept steckt, das alle Aspekte des Inhalts in eine angemessene visuelle Form übersetzt. – So habe ich das Optimum der niederländischen Buchgestaltung zu Beginn des Jahrtausends kennengelernt, verstanden und bewundert. Doch ist diese Haltung und Herangehensweise noch aktuell?

Wigger Bierma (*1958), Buchgestalter, Gründer des Werkplaats Typografie in Arnhem und Professor für Typografie an der HFBK Hamburg, sieht in der Welt der Bücher inzwischen ein Ungleichgewicht zwischen Form und Inhalt

"Als Antwort auf die Frage, ob für das Dutch Design bezeichnend sei, dass es stark auf Konzepten basiere und sich damit ggfs. rücksichtslos zum Inhalt verhalte, würde ich zustimmen und sagen, dass dieser Werdegang in den 80er Jahren mit einem Rückgang der Qualität in der Arbeit der Auftraggeber begonnen hat. Das bezieht sich vor allem auf Ausgaben öffentlicher Gelder durch Mitglieder unterschiedlicher Kommissionen, die verantwortlich waren für die Jahresberichte und die öffentliche Berichterstattung. Sie haben damals Gestaltungsaufträge auf Kosten der Behörde vergeben – gegen besonders gute Honorare – wobei den GestalterInnen in vielerlei Hinsicht freie Hand gelassen wurde. Dies geschah zum einen als Erweiterung der von ihnen genehmigten Subventionen, aber zum anderen auch aus Langeweile und Faulheit. So wurde die Verantwortung für das redaktionelle Konzept von den Auftraggebern auf die Gestalter übertragen. Dieses Manöver war sehr erfolgreich.

Die Taktik der Ablenkung von der eigenen redaktionellen Inkompetenz und Faulheit mittels eines gestalterischen Feuerwerks hat sich in den letzten dreißig Jahren stark verbreitet, aber vor allem haben gewiefte Geister erkannt, dass die 'freie' und konzeptgetriebene Gestaltung eingesetzt werden kann, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, ohne dass man etwas Bemerkenswertes zu sagen hat. Gestalter werden nicht mehr gebeten, einen ausformulierten Inhalt zu übersetzen und durch ihr Können aufzuwerten, sondern mit ihrer Gestaltung einen Inhalt zu ersetzen. Somit ist die Gestaltung ein Wert an sich geworden, wie die Kunst.

 

Der Sieg von Form über Inhalt (Werbung über Gestaltung) ist nicht spezifisch niederländisch und hat mehr mit der generell zugenommenen Macht der Aktionäre zu tun, die eben nicht an Produkten und Inhalten interessiert sind, sondern an Gewinn. Was man als typisch niederländisch bezeichnen könnte, ist die Lässigkeit, mit der dieser Wandel von der Buchkultur zur Werbung aufgenommen wurde; als wäre es eine Chance, sich von der Angewandtheit ihrer Kunst zu lösen.

 

Der Gestalter wird also eingeladen, den Inhalt zu liefern (wir nennen es jetzt redaktionelle Gestaltung), ohne dass er dabei inhaltlich Verantwortung trägt (er agiert ja noch immer im Auftrag). Es ist eine Art kaufmännischer deal, von dem sowohl die Auftraggeber als auch die Gestalter profitieren: Beiden dient die eigene Sichtbarkeit als Hauptmotiv, um den Status einer Marke (brand) zu erlangen. So kann man alles aufwerten und verkaufen, analog am künstlerischen Paradigma, dass alles Kunst sein kann.

 

Dutch Design hat leidenschaftlich zur 'Entbuchung' des Buches, der Transformation von Büchern als Teil eines intellektuellen Diskurses zu Büchern als müßige und eitle Skulpturen, die nicht zum Lesen, sondern nur noch zum Durchblättern einladen, beigetragen. Anderseits kann dieser Vorgang als Avantgarde einer Verschiebung im Kommunikationsbereich von intellektuell zu emotional, von linguistischer zu visueller Intelligenz gesehen werden. Fortschrittlichkeit kann Dutch Design jedenfalls nicht entsagt werden, man kann sich nur fragen, ob der Fortschritt auch eine Verbesserung gewesen ist."

 

Wie gehen andere Gestalter mit den aktuellen Anforderungen um? Welche Rolle spielt der Inhalt für sie?

75B, ein Zusammenschluss der Grafik-Designer und Künstler Rens Muis und Pieter Vos, agiert vor allem mit Leichtigkeit, Ironie und freien Projekten.

 

“We don’t think designing is a very serious or important profession. Design is overrated.”

 

Diese Aussage mag auf den ersten Blick respektlos gegenüber Inhalten und Auftraggebern erscheinen, oder eine Bestätigung von Wigger Biermas These. Doch die Gestaltung von 75B ist professionell, sie beherrschen ihr Handwerk, doch sie geben sich mit Auftragsarbeiten allein nicht zufrieden, sie suchen nach Möglichkeiten, ihre Haltung, ihre Persönlichkeit zu zeigen, Fragen zu stellen, ihre Rolle als Gestalter immer wieder neu zu interpretieren. Dafür verlassen sie wenn nötig auch mal die heimischen vier Wände und errichten auf der Frankfurter Buchmesse 2015 die „Book Cover Clinic“, ein temporäres Designstudio, in dem innerhalb kürzester Zeit neue Buchcover zu bestehenden Büchern gestalten, auf Wunsch des Publikums. Auf diese Weise betonen sie die Rolle des Gestalters als Autor und stellen sie gleichzeitig zur Diskussion.


 

In welcher Form auch immer: Niederländische Buchgestalter verstehen sich offenbar nicht als reine Dienstleister, sondern auch als Autoren oder Mitherausgeber. Sie mischen sich ein, denken mit, fordern und fragen. Nicht aus Arroganz, sondern um zu verhindern, dass sich die Form eines Buches standardisierten Marketingstrategien beugt und stattdessen jedes Buch gemäß seinem Inhalt das Potenzial entfaltet, anders, neu und etwas ganz Besonderes zu werden. Bunt und laut muss es nicht zwingend sein, darf es aber. Die Resultate bringen Spaß und sinnliche Erlebnisse. Ob sich die Inhalte in der Krise befinden, steht auf einem anderen Blatt. Was in Holland schon selbstverständlich ist, erfordert in Deutschland vielleicht noch eine Schippe mehr Durchsetzungskraft, aber mein Gefühl aus der Kindheit zeigt sich erneut: Sie sind uns ein paar Jahre voraus.

 


Links:
www.irmaboom.nl
www.wiggerbierma.net
www.werkplaatstypografie.org
www.75b.nl
www.bookcoverclinic.com
www.bestverzorgdeboeken.nl

 

 

Carolin Rauen arbeitet als Grafik-Designerin und Art-Directorin in Hamburg. Ihre Schwerpunkte sind Typographie, Corporate Design und vor allem Editorial Design.

Sie gestaltet auch viele der Buchcover im mairisch Verlag.

www.carolinrauen.com

2 Kommentare

"Wenn ich auf dem Weg stolpere und falle, dann habe ich es wenigstens versucht." Interview mit Alex Boogers, Autor

Von Hannah Zirkler

 

Alex Boogers (Foto: Krijn van Noordwijk)
Alex Boogers (Foto: Krijn van Noordwijk)

 

Ein Aufzug bringt mich in den siebten Stock der Amsterdamer Stadtbibliothek. Dort an einem Tisch nahe dem Fester warte ich auf den Autor Alex Boogers und blicke aus dem Fenster über die Stadt. Bei meiner Recherche über ihn habe ich schon einige Pressefotos gesehen, trotzdem war ich von seiner Erscheinung ziemlich beeindruckt. Er tritt aus dem Aufzug, streng nach hinten gekämmte graue Haare, schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze schlanke Krawatte. Seine eisblauen Augen blicken sich suchend um und ich, unweigerlich an James Bond erinnert, winke ihm zu. Er setzt sich und wir bestellen Kaffee. Wir reden über das Wetter, Paris und unser Vorhaben hier in Amsterdam, dann beginnen wir das Interview.

 

Alex Boogers (Foto: Friso Keuris)
Alex Boogers (Foto: Friso Keuris)

Wie bist du Autor geworden?

(lacht) Allein mit dieser Geschichte könnten wir hier jetzt eine ganze Weile sitzen. Aber ich mache es kurz. Ich bin kein typischer Autor, der schon als Kind davon geträumt hat zu schreiben. Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und Literatur spielte bei uns keine große Rolle. Auch mir waren Bücher damals total egal. Ich wollte draußen mit meinen Freunden abhängen, Fußball spielen, einfach Spass haben. Unsere Gegend war alles andere als behütet, dort konnte man nur überleben indem man zeigte wer man ist und was man kann. Das bedeute auch schon mal, dass man die Fäuste einsetzten musste. Aber ich hatte immer diese seltsamen Bilder im Kopf kurz vorm Schlafengehen. Wie wenn man nach einem Kinobesuch vom Film erzählen will. Man erzählt nur die Highlights und beschreibt die Szenen, die sich als Bilder im Kopf festgesetzt haben. Und solche Bilder waren das bei mir, nur dass ich vorher keinen Film gesehen hatte. Ich konnte nie wirklich beschreiben, was das war, aber ich musste es aufschreiben, um die Bilder aus meinem Kopf zu bekommen. Und so schrieb ich auf, was ich in meinem Kopf sah. Ergebnis waren aber keine richtigen Geschichten, eher wirre Gedichte, die ich manisch aufschrieb, nie weiter beachtete und unter meinem Bett versteckte.

 

Du hast also nie jemandem davon erzählt?

Nein. Dort wo ich aufgewachsen bin, erzählt man nicht mal eben so, dass man letzte Nacht ein Gedicht geschrieben hat. Die hätten mich alle für verrückt gehalten. Um ein Autor zu werden, sollte man eigentlich in einem Umfeld leben, dass einem sagt „Hey du kannst das. Du bist gut, mach was draus.“ Aber Menschen wie ich, wir schreiben eigentlich nicht. Was auch nicht wirklich hilfreich war: Mit 15 habe ich erfahren, dass der Vater, mit dem ich mein ganzes Leben verbracht habe, nicht mein richtiger Vater ist. Ich habe also in meiner eigenen Truman-Show gelebt. Meine Eltern ließen sich dann scheiden und ich verbrachte viel Zeit mit meinen Freuden. Ich war ein sehr wildes Kind.

Wenn ich mich jetzt mit anderen Autoren unterhalte, fühle ich mich immer noch wie damals. Wie der kleine verwirrte Junge aus dieser kaputten Gegend, der es einfach nicht verstehen kann. Schreiben fühlt sich für mich nicht wie eine Errungenschaft an, eher wie eine Verstümmelung meines Verstands. Ich fühle mich immer etwas anders, danebenstehend. Und alle können mir noch so oft sagen „Du bist ein guter Autor, deine Bücher sind toll“, das reicht nie aus.

 

Und wie kam es dann dazu, dass du richtig mit dem Schreiben begonnen hast?

Mit 16 hatte ich zusammen mit einem Freund einen Moped-Unfall. Wir fuhren mit einer Zündapp auf einer dunklen Straße, mein Freund übersah, dass vor uns die Straße aufgerissen war und wir rasten in einen Berg aus Pflastersteinen. Dabei brach ich mir den Rücken. Seche Wochen verbrachte ich im Krankenhaus und musste dort mühsam lernen, wieder zu gehen, zu stehen und zu sitzen. Mein gesamter Oberkörper war eingegipst und ich konnte zuerst nur auf dem Bauch liegen. Nach einer Weile drehte ich ziemlich durch und eine Krankenschwester brachte mir eine alte Schreibmaschine. So konnte ich auf dem Bauch liegend meine ersten Sätze auf einer Schreibmaschine schreiben. Es dauerte insgesamt ein Jahr, bis der Rücken vollständig geheilt war, aber ich habe bis heute Schmerzen.

 

Das muss eine sehr harte Zeit gewesen sein.

Ja, das war es. Seitdem ich acht Jahre alt war, träumte ich von einer Karriere als Kickboxer, die war nun erst einmal vorbei, ich konnte ja nicht mal für eine längere Zeit stehen. Für mich gab es schon immer zwei Wege. Der eine zum Boxen und der andere zum Schreiben. Obwohl ich davon und den Bildern in meinem Kopf eigentlich am liebsten nichts wissen wollte. Eines Tages fiel mir dann eine Literaturzeitschrift in die Hände, und da wurde mir bewusst, dass man da tatsächlich veröffentlicht werden kann, wenn man etwas einreicht. Ich fing also an, meine Gedichte an Literaturmagazine zu schicken, und als das erste veröffentlicht wurde, fühlte ich mich wie ein richtiger Schriftsteller. Natürlich bekam ich dafür kein Geld, aber einen Büchergutschein und da dachte ich, wow, jetzt bin ich ein Autor (lacht). Damals war ich 19. Ich habe irgendwann akzeptiert, dass ich schreiben will, dass das etwas ist, das mich ausmacht und das ich weiter verfolgen möchte.

 

Hast du von da an dann nur geschrieben?

Nein, ich habe mein Abi nachgeholt und Philosophie und Recht studiert, aber nie abgeschlossen. Ich bin auch jetzt kein hauptberuflicher Autor. Das könnte ich mir nicht leisten. Nebenbei arbeite ich als Kickboxing-Lehrer. Das ist ein toller Ausgleich für mich. Aber um ehrlich zu sein, als ich damals mein erstes Buch veröffentlichte, dachte ich, nun bin ich Autor und verdiene mein Geld damit. So kenne ich es aus meiner Kindheit. Wenn du Arbeit hast, verdienst du damit auch Geld. Das habe ich dann auch auf den Beruf eines Autors übertragen. Aber das reicht natürlich nicht aus, um eine Familie zu ernähren. Das war ein wirklicher Eye-opener für mich.

 

Wie kam es dann dazu, dass dein erstes Buch veröffentlicht wurde?

Mein erstes Romanmanuskript schickte ich an Podium. Damals war ich 27 Jahre alt. Veröffentlicht wurde der Roman dann zwei Jahre später. Das hat sich etwas hinausgezögert, denn ich wollte anonym bleiben. Auch dem Verleger Joost Nijsen gegenüber. Ich schrieb ihm einen Brief unter dem Namen M.L. Lee, in dem stand, dass ich ein Mädchen von der Straße bin und ich ihm meine Geschichte nicht schicken werde. Daraufhin begann ein Briefwechsel zwischen Joost und mir. Er meinte damals, der Brief klinge vielversprechend und er würde gerne die Geschichte hören. Ich antwortete ihm, dass ich nicht an diese falsche Verlags- und Autorenwelt glaube und dass ich intellektuelle Menschen nicht mag. Ich war damals sehr jung und hatte diese starken Rückenschmerzen, also erfand ich einfach einen Charakter. Sie sah aus wie ich, nur war sie ein junges Mädchen. Und Joost war einverstanden, ich sollte ihm den Text nicht schicken, aber er glaubte, ich habe eine Geschichte zu erzählen. Daraufhin schickte ich ihm dann das Manuskript. Das las er dann und wollte es sofort veröffentlichen. Ich stimmte zu, nur wollte ich immer noch anonym bleiben. Er stimmte zu, auch wenn er meinte, wenn wir es so machen, kann ich keine Aufmerksamkeit erwarten. Doch in seinen Augen war die Geschichte so wichtig und in sich fertig, dass er sie dennoch veröffentlichen wollte. Mir war diese ganze Publicity auch nie wichtig. Ich will für mich schreiben und nicht für andere. Kunst sollte nie für jemanden anderen entstehen, nur für einen selbst. Und wenn das Endergebnis dann jemand mag, dann ist das gut, aber es sollte nicht die Intention sein, das eigene Ego zu stärken. Als das Buch dann auf dem Weg in die Druckerei war, meinte Joost, dass es doch nun nicht Zeit wäre, sich persönlich zu treffen. Ich war ziemlich nervös, weil Joost ja ein junges Mädchen erwartete. Als wir uns dann das erste Mal gegenüberstanden standen, war das erste was Joost sagte: „Ich bin froh, dass du kein alter, verbitterte Journalist um die 50 bist, der nun versucht mit einem Roman bekannt zu werden.“ Wir lachten und ich erzählte ihm meine Geschichte, die fand er idealistisch, romantisch und immer noch sehr vielversprechend.

 

Hast du dann tatsächlich nur wenig Aufmerksamkeit für dein Debüt bekommen?

Ja, es wurde nicht groß besprochen von den gängigen Medien. Und das war in Ordnung so. Aber die wenigen Besprechungen waren sehr gut.

 

Wann und warum hast du dann beschlossen, doch unter deinem richtigen Namen zu veröffentlichen?

Irgendwann überzeugte mich Joost dann, dass es gut wäre, unter meinen Namen zu veröffentlichen. Er erklärte mir einiges über den Literaturbetrieb und war der Meinung, dass ich ein zu großes Talent wäre, um nicht unter meinem richten Namen zu veröffentlichen. Und so verwendete ich ab meinem zweiten Buch meinen Namen und bekam tatsächlich auch mehr mediale Aufmerksamkeit.

 

Vor einigen Wochen hast du ein Pamphlet veröffentlicht mit dem Titel „Der Leser ist nicht tot“. Worum geht es darin und was war deine Intention dafür?

Verlage, Autoren und Buchhändler beschweren sich immer darüber, dass zu wenig Bücher gekauft werden, dass immer weniger Menschen lesen. Und das stimmt, aber was ich nicht verstehe ist, warum keine Leser mehr „gemacht“ werden. Es gibt doch immer noch die gleiche Gruppe Leser, die ist doch nicht von einer neuen Generation Leser ersetzt worden. Unsere digitale Umwelt kann nicht der Grund dafür sein, dass Menschen weniger lesen.

Meiner Meinung nach beginnt es in der Schule. In der Grundschule wird noch viel Zeit dafür verwendet, Geschichten vorzulesen, Kinder zu ermuntern, eigene Geschichten zu erzählen. Aber ab der weiterführenden Schule bleibt dafür keine Zeit mehr. Die Kinder stehen unter Leistungsdruck, da bleibt keine Zeit für eine Geschichte, für Literatur. Es gibt zwar eine Leseliste, aber selbst für das Lesen dieser Bücher wird sich kaum Zeit genommen. Die Schüler werden nicht ermutigt, die Bücher zu lesen. Viele informieren sich nur im Internet darüber oder schauen sich den Film dazu an, liefern ihren Leistungsnachweis und damit hat es sich. Auf diesen Leselisten findet sich auch keinerlei aktuelle Literatur. Klar, zu älteren Büchern haben die Lehrer bereits ihr Material, das spart Zeit. Aber das ermuntert doch die Schüler nicht, über die Liste hinaus Bücher zu lesen, ihren eigenen Geschmack zu entwickeln und kreativ zu sein. Alles wird ihnen vorgefertigt präsentiert, sie müssen sich nichts mehr ausdenken, nichts selbständig kreieren. Kinder sollen einfach ihre Noten und Leistungen abliefern, mehr nicht.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Lehrer diesen Zustand nicht wirklich ändern können, die stehen ebenfalls unter großem Druck. Hier muss auf politischer Ebene gehandelt werden. Denn nur, wenn Kindern Bücher näher gebracht werden und Bücher für sie zu einem wichtigen Teil ihres Leben werden, haben wir auch wieder mehr Leser. Und natürlich auch mehr Schriftsteller. Denn ich bin überzeugt, dass es nicht weniger junge Menschen gibt, die schreiben können, sondern sie werden nur weniger dazu ermutigt und darin unterstützt, es zu tun. Wenn es einem Menschen an Inspiration fehlt, an Kreativität, dann ist er auch nicht fähig, Sympathie für andere zu entwickeln und kann keine fremden Kulturen verstehen. Das führt dazu, dass jeder nur noch für sich existiert. Wir leben alle alleine in unserer eigenen Welt. Dies alles wird sich erst in ein paar Generationen bemerkbar machen, aber dann wird sich wieder Kulturellem zugewendet, da bin ich mir sicher, um die Fantasie zu fördern. Gerade glauben wir, alles was wir brauchen, liegt in der technischen Revolution. Ich bin der Meinung, dass wir aber auch Literatur und Geschichten brauchen und immer brauchen werden. Geschichten halten uns zusammen, aber das sehen viele einfach nicht.

 

Geht es in dem Pamphlet auch um Autoren?

Ja. Autoren heutzutage wollen Erfolg haben mit ihren Geschichten und deshalb schreiben sie. Sie wollen ein großer Schriftsteller sein. Sie sind so damit beschäftigt, ein Autor zu sein, dass sie gar nicht darüber nachdenken, was es bedeutet, eine Geschichte zu haben, sie zu erzählen und sich Sorgen darüber zu machen, ob es überhaupt noch Leser da draußen gibt. Das ist schade. Das ist, was ich versuche zu machen, auch wenn ich damit nicht sagen will, dass ich es genau richtig mache oder ein großer Erfolg darin bin, es anders zu machen. Aber ja, wenn ich auf dem Weg stolpere und falle, ich habe es wenigstens versucht.

 

Das Pamphlet soll also eine Kritik an diesem aktuellen Zustand sein?

Nicht unbedingt. Für mich ist es eher ein Aufschrei. Zuerst erkläre ich, dass der Leser nicht tot ist. Es liegt nicht daran, dass weniger Bücher verkauft werden, dass es weniger Bücher gibt, oder dass ein Interesse an Literatur fehlt. Es stimmt auch nicht, dass moderne technische Errungenschaften das Buch getötet haben. Das Buch wurde nicht vom Leser durch etwas anderes ersetzt. Es gibt auch nicht weniger Geschichten, die erzählt werden müssen, oder die es wert sind gehört zu werden. Dann erkläre ich, warum wir glauben, dass der Leser tot ist. Ich gehe auf die Entwicklung an den Schulen ein und versuche, die Autoren wachzurütteln. Ich glaube wirklich, wenn du Kunst machen willst, dann musst du rücksichtslos sein. Kunst nimmt alles in Anspruch. Sie kümmert sich nicht um die alltäglichen Probleme. Sie nimmt keine Rücksicht darauf, wie spät es ist. Sie will einfach „gemacht“ werden. Du musst mit ihr arbeiten. Im Moment sehe ich viele Zirkusclowns, die aussehen wie Autoren, die wie Autoren reden, die Bücher verkaufen, aber sie sind keine Autoren mehr. Sie sind Verkäufer. Das Buch ist ihre Ware. Das ist nicht mein Ansatz. Ich finde es schlimm, dass das das einzige ist, was da noch draußen ist. Ich kann nicht verstehen, warum Autoren nicht einfach ihr verdammtes Buch schreiben und sich nicht darum kümmern, was andere sagen, oder ob das Thema gerade gefragt ist. Aber so ist es nicht. Sie müssen sich überall zeigen, jeden kennen. Das Pamphlet soll also vielmehr eine Warnung sein. Es soll nicht heißen, dass ich alles weiß und sagen will, wie es richtig geht. Ich möchte damit eher Anregung geben, sich über den aktuellen Zustand Gedanken zu machen. Ich gebe einfach meine kritische Sicht auf den Stand der Dinge wider, beschreibe Entwicklungen und Tendenzen und verurteile niemanden. Ich hoffe, wenn man das Buch in zehn Jahren wieder liest, haben sich die Dinge geändert.

 

 

Nachdem wir unseren Kaffee ausgetrunken haben, werfen wir noch einen letzten Blick nach draußen und machen uns auf den Weg nach unten. Als wir aus dem Aufzug im Eingangsbereich der Bibliothek steigen, läuft in einem kleinen Fernseher gerade Werbung. Darin die James-Bond-Melodie. Ich muss schmunzeln.

 

***

 

Quelle: www.amsterdamfm.nl
Quelle: www.amsterdamfm.nl

Die OBA (Openbare Bibliotheek Amsterdam)

Auf 30.000 Quadratmeter stehen hier 1,7 Millionen Bücher. Rund 3,5 Millionen Besucher zählt die Bibliothek jährlich.

Im Foyer steht (wie an vielen Bahnhöfen hier) ein Klavier, auf dem jederzeit gespielt werden kann. Im 7. Stock befindet sich ein Café mit Dachterrasse, von der aus man einen wunderbaren Blick über die Stadt hat.

Quelle: 111 Orte in Amsterdam, die man gesehen haben muss von Thomas Fuchs (emos Verlag) Dieser besondere Reiseführer wurde uns netterweise vom Verlag für unsere Zeit hier in Amsterdam zur Verfügung gestellt.

 

 

0 Kommentare

Less books, more attention - DAS MAG

Von Daniel Beskos und Stefanie Ericke

 

"Die große Leistung von Das Mag ist es, Literatur in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise und des allgemeinen Niedergangs der Branche wieder cool und spannend gemacht zu haben." (Eva Cossée, Verlegerin Cossee Verlag).

 

Toine Donk, Daniël van der Meer
Toine Donk, Daniël van der Meer

 

Über keinen anderen Verlag wird derzeit in den Niederlanden so viel gesprochen wie über Das Mag. Sie sind Hoffnungsträger und Anstoß kontroverser Diskussionen zugleich, ihr Enthusiasmus ist gerade für viele junge Autoren und deren Leser mitreißend. Wir haben mit den beiden Gründern Toine Donk und Daniël van der Meer über Badewannen, Investoren und natürlich schöne Bücher gesprochen.

 

Vor ziemlich genau 5 Jahren fing alles an. Jährlich im März findet der berühmte Boekenbal statt, die Eröffnungsgala der niederländischen Buchwoche, zu der jeder, der in der Branche arbeitet, unbedingt eingeladen werden möchte. Toine Donk hatte ein Ticket bei einer Verlosung gewonnen, Daniël van der Meer wurde von seiner Mutter mitgenommen, die selbst Autorin ist. Toine machte damals einen kleinen Literaturpodcast namens Literaturfest, bei dem sehr unverkrampft und ohne großes Hintergrundwissen über Leseeindrücke und Bücher gesprochen wurde. Der Podcast hatte vielleicht 80 Zuhörer, Daniël war einer davon, er war damals auf der Suche nach einer geeigneten Veranstaltung für ein Kulturzentrum. Gegen 3 Uhr morgens sprachen die beiden zum ersten Mal miteinander, Daniël schlug vor, die Literaturfest-Show einmal live auf eine Bühne zu bringen.

 

Toine: Da waren so viele wichtige Leute, und dann kommt auf einmal jemand zu mir, der ausgerechnet mich und meinen Minipodcast kannte. Das war seltsam. Wir sprachen dann darüber, dass wir beide manchmal das Gefühl haben, dass vieles, was im Buchbereich gemacht wird, so uninteressant ist, dass es einen im Grunde praktisch davon abhält, ein Buch in die Hand zu nehmen. Und das war doch komisch, denn alle unsere Freunde lieben es eigentlich, zu lesen. Also beschlossen wir, eine Liveshow zu organisieren, die Spaß machte, und auch gleich ein Literaturmagazin herauszubringen. Normalerweise wacht man dann am nächsten Morgen mit einem dicken Kopf auf und denkt sich: Haha, super Abend, bescheuerter Plan. Aber nein, diesmal war es anders, ich schrieb Daniël eine Mail und wir machten die erste Show. Den Podcast habe ich danach nie wieder gemacht, nur noch die Show.

 

Beide hatten Politik studiert und wenig mit der Literaturbranche zu tun. Sie hatten daher auch keine konkreten Vorstellungen, was bei Literaturveranstaltungen üblich war und konnten ihre eigenen Regeln aufstellen. Eine davon war: Es darf uns nicht langweilen.

 

Toine Donk in der Wanne beim "Literaturfest", 2012
Toine Donk in der Wanne beim "Literaturfest", 2012

Ihr habt also für die Show je ein Buch gelesen und dann mit wechselnden Gästen vor Publikum darüber gesprochen?
Daniël: Genau, mal hatten wir einen bekannten Literaturkritiker dabei, mal auch einen Rapper, ganz unterschiedlich. Um mal eine Vorstellung von so einem Abend zu bekommen: Während die Zuschauer reinkamen, saß Toine auf der Bühne in einer vollen Badewanne. Nackt, versteht sich.

Toine: Leider hatten wir damals noch keine guten Praktikanten. Der Schaum war nicht immer da, und das Wasser war entweder viel zu kalt oder viel zu heiß.

Daniël: Aber es hat großen Spaß gemacht.

Zur Literaturshow kam dann irgendwann noch die Zeitschrift Das Magazin dazu, mit der die beiden ein regelmäßig erscheinendes Medium für junge Autoren schufen. Inzwischen gibt es vier Ausgaben pro Jahr, mit einer Auflage von 4.500 Exemplaren ist es die größte Literaturzeitschrift der Niederlande. Die Autoren fanden sie über ihr immer größer werdendes Netzwerk und die Gestaltung besorgte das Designbüro Vruchtvlees, das sie im Internet entdeckt hatten. Fehlte nur noch die Finanzierung. Dazu starteten sie ein Crowdfunding, eines der ersten in den Niederlanden. Sie sammelten 5.000 Euro ein und konnten die erste Ausgabe produzieren.

 

Toine: Wir hätten nie gedacht, dass wir das Geld zusammenkriegen würden. Aber kurz zuvor hatte das Kulturministerium angekündigt, sämtliche Förderungen für Literaturmagazine zu streichen, und genau da kamen wir mit der Crowdfunding-Aktion um die Ecke und sagten unseren Lesern: Wir brauchen keine Förderung, wir wollen Eure Unterstützung! Wir hatten Glück mit dem Timing.

 

Toine: Wir hatten schon immer hundert Ideen, wir konnten nur nicht immer alle auch umsetzen. Aber eine Idee, die wir schon immer machen wollten, waren die Buchclub-Festivals, die wir seit 2013 veranstalten. Das Magazin war eine Plattform, mit der man die eigene Marke (um ein schlimmes Wort zu benutzen) oder die eigene Community (um ein etwas besseres Wort zu benutzen) aufbauen konnte, von dort aus konnte man dann noch andere Sachen machen. Natürlich ging es auch darum, uns eine Einnahmequelle aufzubauen.
Daniël: Die Idee des Buchclubs entstand daraus, dass wir viele Leseexemplare von Verlagen erhielten, meist mehr als wir brauchten. Die Verlage wollten keine Anzeigen im Magazin schalten, aber sie schickten uns tonnenweise Leseexemplare ihrer Bücher, oft, bevor sie im Laden zu kaufen waren. Unsere Freunde fanden das sehr cool. Wir hörten also aus den USA von der Idee, Buchclubs zu veranstalten, und auch die Verlage und ihre Autoren fanden das sehr reizvoll. Sie konnten Bücher einem kleinen Kreis von Lesern vorstellen und sie mit ihnen besprechen, bevor sie veröffentlicht waren.

Toine: Es funktioniert also so: Alle Zuschauer kriegen vorher von uns die Leseexemplare, lesen sie zur Veranstaltung, treffen dann auf den Autor und sprechen mit ihm darüber, in einem ganz normalen Gespräch. Die erste Veranstaltung war großartig. Es war eine ganz neue Erfahrung. Und für den Autor waren es die allerersten Rückmeldungen seiner Leser. Wir waren alle sehr enthusiastisch. Ich bin dann direkt danach in den Urlaub nach Griechenland gefahren. Ich dachte: Wir sollten so eine Veranstaltung jede Woche machen! Ich konnte nicht schlafen, es war total heiß - und dann kam ich auf die Idee, das Ganze als Festival zu machen, mit 30 Events in einer Nacht an unterschiedlichen Orten! Und genauso haben wir es dann gemacht. 

 

Nach drei erfolgreichen Festivals in Amsterdam veranstaltete Das Mag auch Festivals in Gent, Antwerpen und London.
Am 24. Juni 2016 wird es auch erstmals eine Ausgabe in Berlin geben, mit deutschen und niederländischen Autoren.

 

 

Viele Autoren aus den Niederlanden und Flandern lernten über die Festivals die Arbeit von Das Mag kennen. Mit ihren Workshopwochenenden, ihrem Magazin, ihrer Aufmerksamkeit auch für kleinste Details und ihrer unkonventionellen Art schafften sie es in relativ kurzer Zeit, eine große Community aufzubauen, die ihnen und ihrer Arbeit vertraute. Das sollte auch bei ihrem nächsten Schritt entscheidend sein: Der Gründung eines Verlags.

 

Daniël: Wir hatten ja schon lange mit Verlagen gearbeitet, bei Buchpräsentationen, in der Pressearbeit, auch im Lektorat. Im Grunde haben wir oft Arbeiten gemacht, die zum Kerngeschäft eines Verlags gehören, und zwar für andere. Wir dachten also irgendwann: Wir könnten das auch vereinen und für unseren eigenen Verlag machen. Natürlich ist es ein langer Weg, das dann auch wirklich zu tun, aber viele Autoren waren sofort da und sagten: Wenn ihr einen Verlag startet, will ich mein nächstes Buch mit euch machen!
Toine: Wir haben dann etwa zwei Jahre an den Vorbereitungen gearbeitet. Wir haben mit vielen Autoren gesprochen, einige davon waren deutlich über unserer Liga, aber wir wollten einfach mal hören, wie die Ansichten und Bedürfnisse von Autoren in Bezug auf einen Verlag sind.

 

In Deutschland ist die Gründung neuer Verlage ja kaum noch eine Nachricht wert, fast jeden Monat, so scheint es, gibt es einen neuen. Anders in den Niederlanden: In den letzten 10 Jahren wurden dort nur sehr wenige Verlage gegründet, die meisten als Imprints größerer Konzerne oder als sehr kleine Unternehmen, die nicht weiter in Erscheinung treten. Das mag einer der Gründe für die große Aufmerksamkeit sein, die Das Mag derzeit entgegengebracht wird.

 

Toine: Der entscheidende Punkt war dann der, als wir den Hinweis auf einen Investor kriegten, der möglicherweise interessiert sein könnte: Leon, der ehemaligen Chef von Mojo, der größten Konzertagentur des Landes. Es hat etwas gedauert, dann hatte ich seine Mailadresse rausgefunden und schrieb ihm. Er antwortete sofort und wollte uns treffen. Das war schon mal das Erste, was ungewöhnlich war. In der Verlagsbranche dauert ja immer alles ewig. Er hörte sich unsere Pläne an und sagte dann: Ich kenne jemand, der sich mit dem Verlegen auskennt, und ich finde, er sollte mal dazukommen. Er hat aber nicht gesagt, wer das war.
Daniël: Wir wollten das natürlich unbedingt wissen. Bei unserem Treffen hatte Leon uns eine großartige Geschichte erzählt: Es gibt in Amsterdam einen reichen Mann, der eine Katze hatte, mit dem schönen Namen J.P. Morgan. Nach ihrem Tod hat er ihr zu Ehren ein Museum gebaut, in der alle mögliche Kunst rund um Katzen ausgestellt ist. Und wie das bei Millionären eben so ist, kennen sich Leon und Bob Meijer, der Gründer des Katzenmuseums. Sie hatten zusammen mit anderen reichen Männern einmal eine Oldtimer-Tour Richtung Asien unternommen, bei der sie immer ein Stück fuhren, ihre Oldtimer dann irgendwo parkten und nach Hause flogen; ein paar Monate später nahmen sie ihre Reise dann wieder auf.

Toine: Sie kamen schließlich bis nach Bhutan, wo sie sogar der Königin vorgestellt wurden (was aber "nicht so eine große Sache war, weil der König drei Ehefrauen hatte, die außerdem auch noch Schwestern waren", wie sie uns erzählten). Man muss sich das nur mal vorstellen: Wir zwei Jungs sitzen da und hören uns diese Geschichten an.
Daniël: Was wir ja eigentlich rausfinden wollten, war, wie der reiche Mann hieß, der sich in der Verlagsbranche auskannte. Ich hab also gegoogelt und einen Artikel in einer türkischen Zeitschrift gefunden, wo es um die Oldtimer-Tour ging. Und einer der Männer auf dem Foto war es dann: Oswald Schwirtz.
Toine: Wir trafen also die beiden. Es war ein nettes Gespräch. Es ging um alles Mögliche, und dann ungefähr in der allerletzten Minute schauten sie sich an und sagten, so nebenbei wie man das nur sagen kann, zueinander: "Du bist dabei?", "Ja, du auch?" Und dann waren sie weg. Und wir so: "Was zur Hölle war das denn?"
Sie gaben uns dann das Geld, mit dem wir starten konnten, für die ersten Angestellten, die ersten Vorschüsse und das erste kleine Büro. Dann kamen noch einige weitere Investoren dazu, unter anderem Arnon Grünberg, und dann konnte es losgehen.

 

Das Mag starteten dann eine einmalige Crowdfunding-Aktion: Sie riefen dazu auf, einer von 3.000 Mitgründern des neuen Verlags zu werden. Für 50, 100 oder 200 Euro bekam man verschiedene Buchpakete, exlusive Vorabversionen, signierte Bücher und Einladungen zu Events. Zu Anfang schien die Zahl von 3.000 Menschen unerreichbar hoch, doch letztlich kamen innerhalb eines Monats wirklich fast 3.200 Interessierte zusammen, die ihr Geld investierten. Der Verlag Das Mag war geboren und das erste Programm mit den Autoren Maartje Wortel, Lize Spit und Walter van den Berg konnte produziert werden - und hatte auf diese Art natürlich auch sofort über 3.000 Leser.

Daniël: Unser Claim war von Anfang an: Less Books. Also mehr Aufmerksamkeit auf weniger Titel. Wir schauen auch gar nicht so sehr danach, was andere Verlage machen, wir orientieren uns eher an ganz anderen Branchen, wie etwa der Musikbranche.

Toine: Die Literaturbranche scheint uns in vielen Bereichen nicht auf der Höhe der Zeit. Und ohne große Erfahrung an etwas heranzugehen, erscheint uns sehr oft als Vorteil. Wir lassen uns gerne alle Konventionen erklären, aber wenn wir sie beim zweiten Mal noch immer nicht verstanden haben, machen wir es einfach anders.

 

In den ersten Ankündigungen haben die beiden mit ihrem Team dann auch ziemlich große Töne angeschlagen und versprachen, alles besser zu machen als andere Verlage, etwa in ihrem Blog auch oder in einem Artikel im Volkskrant, was von Seiten der etablierten Verlage recht heftige Reaktionen hervorrief. Aber Trommeln gehört eben zum Geschäft, der Dialog war eröffnet und Das Mag mittendrin. Doch sie mussten auch lernen, wie schwierig der Einstieg in dem doch recht langsamen Geschäft ist.

 

Toine: Die Reaktionen der Buchhändler waren am Anfang praktisch gleich null. Der klassische Satz, der wirklich aus jeder Buchhandlung zu hören war: Wir warten mal ab, was passiert. Was natürlich blöd ist, denn wenn das jeder so macht, passiert ja auch nichts. Wir merkten also: Das würde nicht einfach werden. Aber wir wussten auch, dass die meiste Aufmerksamkeit über die Presse kommen würde. Trotzdem war es nicht leicht, unseren neuen Autoren, die zum Teil von größeren Verlagen zu uns gewechselt waren, zu sagen: Es kann gut sein, dass deine Bücher nicht in jedem Buchladen liegen werden.

Daniël: Aber wir haben auch wahnsinnig viele tolle Reaktionen bekommen, vor allem in den sozialen Netzwerken, aber auch von anderen Verlagen. Uns ist bewusst, dass wir rüpelhaft und aggressiv waren, aber es war notwendig für die erste Aufmerksamkeit, und viele Verlage haben das auch verstanden.

 

 

 

Mit dem großen Erfolg von Lize Spits Debütroman Het smelt (erschienen Mitte Januar 2016, bereits jetzt, Ende Februar, sind mehr als 30.000 Exemplare verkauft) stellte sich dann aber auch im Buchhandel so langsam die gewünschte Aufmerksamkeit ein. Ein vielversprechender Start, der im Frühjahr mit den neuen Büchern von Jelle Brandt Corstius, Catherine Lacey und Marek Sindelka hoffentlich fortgesetzt wird.

 

Im Sommer 2016 wird im mairisch Verlag eine deutschsprachige Ausgabe von Das Magazin erscheinen mit einem Best-Of der jungen Gegenwartsautoren aus den Niederlanden und Flandern.

 

Das Mag Festival Berlin findet am 24. Juni 2016 statt.

 

 

 

0 Kommentare

Wir da draußen. Im Gespräch mit dem Autor Fikry El Azzouzi

Von Peter Reichenbach

 

Fikry El Azzouzi
Fikry El Azzouzi

 

Auf meiner Fahrt nach Amsterdam lese ich im Zug das Manuskript Wir da draußen (Drarrie in de nacht) von Fikry El Azzouzi, das als Roman im Herbst bei DuMont erscheinen wird. Fikry El Azzouzi ist Flame und sein Buch bereits vor zwei Jahren in Belgien erschienen. Im Mittelpunkt stehen Ayoub und Fouad, beide in Belgien geboren, aber mit marokkanischen Eltern, der Halbafrikaner Maurice sowie Kevin alias Karim, ein überdrehter junger Konvertit.  Alle vier wurden von zu Hause rausgeschmissen und verbringen jetzt ihre Zeit mit Rumhängen, dabei immer auf der Suche nach etwas zu Essen, nach Mädchen, Drogen. Schrittweise radikalisieren sich die vier, bis eines Tages die Frage konkret wird, ob sie als Kämpfer nach Syrien gehen sollen.

 

Der Zufall will es, dass ich auf der gleichen Zugfahrt den Artikel von Dirk Knipphals Ungemütliche Selbstbeschreibungen – Erzählen „nach Köln“: ein Überblick über die kommenden Romane dieses Frühjahrs in der taz lese. Seine Beobachtung ist, dass sich im letzten Jahr offensichtlich die Art und Weise, wie wir auf die Welt blicken, verändert hat, und dass einige Bücher nun fahl und unrealistisch erscheinen. Bei Wir da draußen, geht es mir genau andersherum; obwohl das Buch schon vor zwei Jahren erschienen ist, scheint es seine tatsächliche Aktualität erst jetzt - vor allem nach den Anschlägen in Paris, deren Attentäter ja aus Belgien kamen - zu entfalten. Wir da draußen ist ein aufschlussreiches, politisches und, das ist das überraschende, auch ungemein lustiges Buch.

 

Cover der Originalausgae
Cover der Originalausgae

Fikry, noch kennt dich niemand in Deutschland, magst du kurz etwas über dich selbst erzählen? Ich weiß nur, dass du 1978 geboren wurdest, für alles andere ist mein Niederländisch leider zu schlecht.
Aktuell lebe ich in Antwerpen. Geboren wurde ich in Temse, einer kleinen, strukturschwachen Stadt mit einer hohen Population von Marokkanern und Türken. Auch meine Eltern kommen aus Marokko. Früher wurden in Temse große Schiffe gebaut. Doch seit das nicht mehr so ist, sind Tausende arbeitslos.  Mich interessierte als Kind vor allem das Fußballspielen, mein Traum war es, Profifußballer zu werden. In der Schule erzielte ich allerdings sehr gute Noten. In Belgien muss man sich in der sechsten Klasse für einen Fächerschwerpunkt entscheiden. Meinen Eltern sagte man, dass ich mich besser für den technischen Zweig entscheiden solle, da ich dort leichter Freunde und später auch einen Job finden würde. Für mich war das aber eine schwere Entscheidung, ich habe nämlich zwei linke Hände, das Technische liegt mir eigentlich gar nicht. Nachdem ich mehrfach von der Schule geflogen bin und ein Jahr wiederholen musste, hatte ich schließlich meinen Abschluss. Ich habe dann angefangen, Politikwissenschaften zu studieren. Dass ich gerne schreiben wollte, hatte ich da schon im Hinterkopf. Bei einem der Jobs, mit denen ich mein Studium finanziert habe,  sah ich einen Wachmann, der immer an seinem Platz saß und las. Den gesamten Tag über las er Bücher, Zeitungen … Ich wollte auch lesen. Und schreiben! Ich war schließlich so eifersüchtig, dass ich ihn fragte: „Hey, ich will das gleiche wie du arbeiten. Wie geht das?“ Ich wurde dann innerhalb kürzester Zeit Wachmann und fing dort an, meinen ersten Roman zu schreiben.

 

Wie viele Bücher hast du denn inzwischen veröffentlicht?
Mehrere Theaterstücke, das erfolgreichste davon ist sicherlich Rumble in the Jungle:

 

 

Und vor Wir da draußen noch die beiden Romane Het Schapenfeest (2010) und De handen van Fatma (2013). Was vielleicht interessant ist: In allen drei Romanen steht der Protagonist Ayoub im Mittelpunkt, der jetzt auch der Erzähler des aktuellen Buches ist. Es ist aber nicht so, dass man eines der anderen Bücher kennen muss, um sie zu verstehen.

 

Und war es dann einfach, einen Verlag zu finden?
Nachdem ich die ersten dreißig Seiten geschrieben hatte, habe ich sie an einen Verlag geschickt und eine Absage bekommen. Jetzt erst recht, habe ich mir gedacht, habe weitergeschrieben und die nächsten hundert Seiten wieder verschickt. Das war an einem Sonntag. Am folgenden Montag hatte ich schon eine Zusage. Weil ich so unerfahren war, habe ich am gleichen Tag unterschrieben, ohne groß nachzudenken. Ein paar Wochen später habe ich dann noch weitere Zusagen bekommen. Das war für den Roman Het Schapenfeest.


Dein Buch ist in Belgien ja schon vor zwei Jahren erschienen. Mein Eindruck ist, dass dein Buch – im Gegensatz zu vielen anderen – eigentlich immer aktueller wird.
Das hoffe ich. In Belgien und auch in den Niederlanden haben die Kritiker gesagt, wenn du die Jugend verstehen willst, und warum so viele junge Leute nach Syrien gehen, um dort zu kämpfen, dann lies Wir da draußen. Man darf nicht vergessen, dass auch die Attentäter von Paris aus Belgien kamen. Ich habe mit vielen gesprochen, die in Syrien waren, auch mit den Müttern, die ihre Söhne verloren haben. Und als ich jung war, 16 oder 17 Jahre alt, habe ich das selbst erlebt, dass man mich angesprochen hat; das funktioniert wie eine Sekte. Das war auch meine ursprüngliche Inspiration für Wir da draußen.

 

Ja, so habe ich dein Buch auch gelesen. Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, mitzubekommen, wie und vor allem warum diese Rekrutierung funktioniert. Du zeigst in deinem Buch sehr gut, dass wirklich niemand diese vier Jungs aufnimmt oder versteht, stattdessen werden sie immer nur abgewiesen. Alle Protagonisten wurden von ihren Eltern rausgeworfen, im Teehaus sitzen nur alte Leute … und auf einmal ist da jemand, der sagt: Ich verstehe dich, ich habe eine Antwort.
Genau, sie sprechen ihre Sprache, sie sagen: Ich bin dein Freund, du wirst ein starker und berühmter Mann werden. Und plötzlich erkennen sie, dass sie jemand sein können. Und das geht sehr schnell.  Sogar mit den Mädchen. Ich erinnere mich an ein attraktives Mädchen, das sich innerhalb weniger Monate veränderte. Sie trug plötzlich einen Nikab, isolierte sich und ging wenig später nach Syrien.


Jetzt erscheint dein Buch auf Deutsch, was hoffst du, was passieren wird?
Nun, ich hoffe, dass auch in Deutschland eine Debatte darüber geführt werden wird, wie und warum junge Menschen nach Syrien gehen. Ich bin mir nicht sicher, wie das in Deutschland ist, ob es noch mehr Schriftsteller gibt, die diese Welt so hautnah erlebt haben wie ich. 


Wirst du auch auf der Buchmesse sein, wird man dich dort lesen hören können?
Ja, ich werde da sein, aber ich weiß noch nicht, wie das laufen wird. Hier in Belgien versuche ich meine Lesungen immer mit einem Slam zu verbinden, oder auch mit Musik. Aber ich habe gehört, dass man in Deutschland auch bis zu eine Stunde lang vorlesen kann und die Leute tatsächlich zuhören! Hier in Belgien kann man höchstens fünf bis zehn Minuten lang vorlesen, danach hört dir wirklich keiner mehr zu. Nach fünf Minuten musst du dir also irgendwas einfallen lassen. Klar, wenn ich die Stelle über die Drogen oder die Prostituierten lese, dann hören sie zu, aber sonst … Ich bin also sehr gespannt auf Deutschland.


Und zum Abschluss, weil wir das fast alle bisher gefragt haben, welche Autoren aus Belgien oder den Niederlanden magst du, kannst du empfehlen?
Aus Belgien kann ich auf jeden Fall Tom Lanoye empfehlen. Und aus den Niederlanden Arnon Grünberg. Und kennst du den deutschen Schriftsteller Edgar Hilsenrath? Der Nazi & der Friseur, das mag ich sehr gerne, vor allem die Art des Humors! Wirklich verrückt.

 

 

0 Kommentare

Literaturagenturen in den Niederlanden

Von Hannah Zirkler

 

In Deutschland kann man inzwischen schon mal das Gefühl kriegen: Ohne Literatur-Agenturen läuft gar nichts mehr. Sehr viele Autoren haben inzwischen einen der fast schon zahllosen Agenten, und die Verlage schätzen meistens auch die Vorsortierungsfunktion der Agenturen. Doch in den Niederlanden sieht das ganz anders aus. Das Agenturmodel steht hier noch eher am Anfang und ist bei weitem nicht so verbreitet wie bei uns in Deutschland, wird aber auch zunehmend normaler.

Wir haben uns mit Willem Bisseling von Sebes&Bisseling Literary Agency, Marianne Schönbach von Schönbach Literary Agency und Christel Meijer von Shared Stories Author Agency getroffen, um uns das genauer erklären zu lassen und um auch ganz allgemein über Literaturvermittlung in den Niederlanden zu sprechen.

 

Team Sebes&Bisseling Literary Agency
Team Sebes&Bisseling Literary Agency

Die Agentur Sebes&Bisseling existiert bereits seit 1988. Der Gründer Paul Sebes (hinten, 2. v. rechts) begann zuerst mit einem PR-Büro für Autoren und konnte 1994 den ersten niederländischen Autor an einen Verlag vermitteln. Sebes&Bisseling ist die älteste Agentur in den Niederlanden und ebnete hier den Weg für nachfolgende Agenturen. Obwohl viele zu Paul damals sagten, dass dieses Modell hier nicht funktioniere und der niederländische Buchmarkt keine Agenten brauche, existiert die Agentur bis heute und ist sehr erfolgreich. Mittlerweile konnte sie 250 Autoren an Verlage vermitteln. Neben der Vermittlung niederländischer Autoren sind sie als Subagentur für amerikanische Verlage tätig.

Sie werben Autoren nicht selbst an, sondern die Autoren bewerben sich, dann wird entschieden, wen man vertritt. Zuweilen hilft die Agentur auch Autoren, den Verlag zu wechseln, wenn sie mit ihrem aktuellen nicht glücklich sind. Dabei machen sie sich natürlich nicht nur Freunde.

Willem Bisseling (hinten, 2. v. links) sagt: „Die Verlage sind nicht auf den Autor wütend, sondern auf uns Agenten.“ Oft entstehen also Spannungen, der Verlag hat Angst, dass sich nun jemand zwischen sie und den Autor stellt. Allerdings ist er auch der Meinung, dass Autoren ihren Verlagen gegenüber weit loyaler sind als umgekehrt: „Wenn ein Buch nicht läuft, dann bekommt der Autor keine Möglichkeit auf ein zweites im Verlag. So ist das leider.“ Meist schließt man Verträge über ein Buch ab, manchmal aber auch über zwei oder mehr. So können sich Autor und Verlag gegenseitig ihr Vertrauen zeigen. Vertrauen, so Bisseling, sei besonders wichtig in der Buchbranche und vor allem auch für die Verleger. Als er 2006 bei Sebes Agency einstieg und Agent werden wollte, musste ihn Paul Sebes erst einmal zur Geduld ermahnen: „All das braucht Zeit, du kennst noch niemanden persönlich und auch das wäre noch nicht genug. Du musst nicht nur alle kennen, du musst auch alle mögen, ihren Geschmack kennen und sie deinen. Das braucht Jahre.“

 

Team Schönbach Literary Agency
Team Schönbach Literary Agency

Marianne Schönbach (Mitte) kam vor 16 Jahren von Deutschland in die Niederlande und gründete ein Jahr später ihre Agentur. „Ich bin eigentlich dazu gekommen, wie die Jungfrau zum Kind. Ich wollte nie Agentin werden.“ Der Piper Verlag fragte die damalige Lektorin an, ob sie deren Programm in den Niederlanden vertreten wollte, sie sagte zu. Eine befreundete Verlegerin konnte ihr mit den nötigen Kontakten helfen und die Agentur war geboren.

Mittlerweile ruht ihr Arbeit auf drei Säulen. Die wichtigste ist die Funktion als Subagentur für ausländische Verlage aus beispielsweise Deutschland, USA, Kanada, China, Russland, Italien, Frankreich und vielen weiteren, deren Programm die Agentur im niederländischen Sprachgebiet vertritt. „Ich glaube, wir sind die internationalste Agentur in den Niederlanden", sagt Schönbach. Die zweite Säule besteht aus der Vertretung niederländischer Autoren als Primäragentur. Damit begannen sie vor drei Jahren und haben mittlerweile eine exklusiv dafür zuständige Mitarbeiterin. „Wir wollen die Autoren erst einmal inhaltlich begleiten, bevor wir die Bücher oder Manuskripte rausschicken.“ Die dritte Säule ist die Vertretung niederländischer Verlage im Ausland. Oft wird die Agentur von Verlagen, die keine eigene Auslandsrechteabteilung haben, gezielt für einzelne Titel angefragt, aber sie vertritt auch ganze Verlagsprogramme weltweit. Dabei decken sie viele Bereiche ab, von Kinderbuch, Young Adult, Thriller, Romane bis hin zum Sachbuch. „Die Agentur ist sehr breit gefächert und ich glaube, das müssen Agenturen auch sein.“ Etwa 200 Manuskripte schickt die Agentur monatlich raus, ca. 10-20 Prozent davon werden verkauft.

 

Christel Meijer
Christel Meijer

Christel Meijer ist Foreign Rights Managerin für Ambo/Anthos, einer der größten Verlage in den Niederlanden. Der Verlag gehört zur Verlagsgruppe VBK und hat eine eigene Agentur mit dem Namen Shared Stories. In dieser Agentur ist jeder Agent für einem bestimmten Verlag zuständig. Ambo/Anthos veröffentlicht ca. 100 Titel pro Jahr und verkauft Lizenzen weltweit. Christel hat nach ihrem Studium in niederländischer Literatur verschiedene Praktika absolviert und ist nach einiger Zeit im Lektorat des Verlags ins Rights Department gewechselt. Auch wenn sie nicht mehr am direkten Entstehungsprozess der Bücher beteiligt ist, genießt sie dennoch den sehr nahen Bezug zu den Büchern und setzt sich gerne mit jedem einzelnen auseinander. Der erfolgreichste Autor des Verlags ist Herman Koch. Seine Bücher wurden in 40 Ländern verkauft und in 38 Sprachen übersetzt. Der 2009 erschienene Romane Het diner wird zur Zeit verfilmt.

 

 

Wir wollten von den Agenten wissen, ob es denn zwischen deutscher und niederländischer Literatur Unterschiede gibt?

Marianne Schönbach ist der Meinung, dass diese früher stärker waren. Die deutsche Literatur galt hier in den Niederlanden lange als sehr schwer zugänglich, als zu metaphorisch und gedankenbeladen. Die Niederländer mögen es gerne erzählerisch und konzentrieren sich deshalb sehr auf den amerikanischen und britischen Buchmarkt. „Gestimmt hat das nie für die volle Breite der deutschen Literatur, aber das war das Image des deutschen Buches in Holland.“ Das hat sich in den letzten Jahren geändert und die Niederländer wissen nun auch, dass es in Deutschland tolle Erzähler gibt. Gerade ist hier in den Niederlanden eine Bewegung in der Literatur zu spüren. Viele junge Autoren, besonders aus Flandern, erobern den Buchmarkt und besetzen die Bestsellerplätze. Vieles davon ist autobiographisch angehaucht, aber meist nur bei den Debüts, danach widmen sich auch junge niederländische Autoren gerne fiktiven Themen. Christel Meijer bemerkt auch, dass die Leser wieder mehr Wert auf schöne Bücher legen, auf gute Qualität in Herstellung und Inhalt, und bezahlen dafür auch gerne wieder etwas mehr. „Das ist eine schöne Entwicklung", sagt sie.

 

Die Unterschiede zwischen den Niederlanden und Flandern interessieren uns auch. Willem Bisseling erzählt uns, dass ein Buch ein großer Erfolg in den Niederlanden sein kann, aber in Flandern überhaupt nicht funktioniert, oder auch umgekehrt. Das liegt besonders daran, dass die Flandern stärker an der französischen Kultur orientiert sind als an der niederländischen, so haben auch die Leser sehr unterschiedliche Interessen. „Die Sprache der Flamen ist poetischer, sehr lyrisch. Bei den Niederländern ist es eher so: What you read is what you get. Ihre Art zu schreiben ist sehr viel realistischer“, so Bessling. Auch die Sprachbilder und die Kultur sind sehr verschieden, weshalb Bücher nicht immer überall gleich funktionieren.

 

Und spiegelt sich der Buchmesseschwerpunkt in den Verkäufen nach Deutschland wider?
Bei Ambo/Anthos wurden definitiv mehr Titel als sonst nach Deutschland verkauft und die niederländische Literatur bekommt allgemein viel mehr Aufmerksamkeit, findet Christel Meijer.

„Wir merken das seltsamerweise umgekehrt“, sagt dagegen Marianne Schönbach. Sie verkauft mehr deutsche Literatur in die Niederlande. Das liegt allerdings besonders daran, dass die Buchmesse in Frankfurt einen eher literarischen Schwerpunkt hat, die Agentur aber viele Sachbücher anbietet und diese in den Niederlanden gerade sehr beliebt sind.

Sebes&Bisseling haben fast 70% ihrer niederländischen Titel nach Deutschland verkauft. Das allerdings schon im letzten Jahr im Rahmen einer Deutschlandtour. Generell sieht Willem Bisseling auch, dass die Deutschen stärker an niederländischer Literatur interessiert sind als umgekehrt: „Die Deutschen sind viel offener gegenüber dem europäischen Buchmarkt als die Niederländer.“ Die Agentur begleitet in diesem Jahr viele ihrer Autoren auf die Buchmesse, dennoch ist es für sie nicht leicht, diesmal auch noch Schwerpunktland zu sein, findet Bisseling. „Wir sind vor allem auf der Messe, um unsere amerikanischen Kunden zu treffen, da ist auch sonst schon die Zeit sehr knapp.“ Auf der Messe wollen sie die neuen Programme der amerikanischen Verlage genau kennenlernen, um herauszufinden, was in den Niederlanden funktionieren kann.

Auch für Marianne Schönbach sind die Messen vor allem ein Ort, um Verlage zu treffen und ihre Programme durchzusprechen: „Als Agent muss man kommunikativ sein, Feedback geben und viel Leidenschaft zeigen.“

 

 

0 Kommentare

"Ich bin voll reingegangen": Lize Spit, Autorin

Von Daniel Beskos

 

Lize Spit ist die Autorin der Stunde. Ihr Buch Het smelt (Es schmilzt) ist im neugegründeten Verlag Das Mag erschienen, über den zur Zeit in den Niederlanden sowieso alle sprechen, und hat gleich in sämtlichen Medien Lobeshymnen erhalten. Die Rezensenten überschlagen sich mit Superlativen, vergleichen Lize Spit mit Ian McEwan und Dimitri Verhulst, das Buch bekommt - selten für Debütanten - 4- und 5-Sterne-Kritiken (in den Niederlanden ist das Sternesystem sehr wichtig und in fast allen Zeitungen standardisiert). Überall erscheinen große Portraits über die junge Belgierin, sie wird zu Talkshows eingeladen, bereits nach wenigen Wochen sind über 20.000 Exemplare verkauft. Lize Spit sagt dazu: "Ich bin doch kein Hype". Ich habe die Autorin zum Gespräch in Amsterdam getroffen.

 

Lize, wie fing es bei dir an mit dem Schreiben?

Eigentlich wollte ich mein erstes Buch veröffentlicht haben, bevor ich 20 war. Ich wusste aber nicht, wie das geht. Ich habe Drehbuch studiert, nebenbei habe ich Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben, aber noch nicht das Buch. Ich musste warten, bis ich soweit war.
Hier bei uns funktioniert es so: Dein erstes Buch legt fest, als was du wahrgenommen wirst. Und ich wollte immer als Romancier gesehen werden. Es war mir also immer klar, dass das erste Buch ein Roman werden sollte. Aber es hat sehr lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte, ich bin soweit, ich kann das, und es wird auch gut.

 

Het smelt hat 480 Seiten - wie lange hast Du jetzt an dem Buch geschrieben?

Ein Jahr.

 

Nur ein Jahr?

Ja, ich wusste, dass ich ein Jahr Zeit hatte, bis der Verlag Das Mag sein erstes Programm rausbringen würde. Und deren Gründungs-Crowdfunding-Aktion würde mir ja schon 3000 Leser sichern, ich wusste also, dass es viel Aufmerksamkeit für das erste Verlagsprogramm geben würde, daher beeilte ich mich, fertig zu werden. Ich habe fast 16 Stunden jeden Tag daran gearbeitet. Es war ein bisschen verrückt. Am Ende dieses Jahres brauchte ich eine Brille.

Lize Spit

*1988, ist in einem kleinen Dorf in Belgien aufgewachsen und lebt jetzt in Brüssel. Sie schreibt Theaterstücke, Gedichte und Prosa. 2013 gewann sie den Literaturnach-wuchswettbewerb Write Now!
Der Roman Het smelt ist ihr erstes Buch.


Ich habe so lange gewartet, bis ich mit dem Schreiben anfing, ich hatte die Geschichte im Grunde schon komplett im Kopf, ich habe mir auch eine Timeline gemacht und alles, aber ich hatte eben noch nicht mit dem Schreiben begonnen. Irgendwann ging es dann los. Es war sehr intensiv, und ich habe alles reingelegt, ich musste glaube ich auch einiges loswerden.
Aber natürlich hatte ich auch viele Zweifel - ist es klug, jetzt schon alles, was ich solange im Kopf gesammelt hatte, auf einmal wegzugeben? Was wäre, wenn niemand das Buch beachten würde, dann hätte ich alles verschenkt, was ich zu geben hatte. Es war ein bisschen wie beim Poker - geht man voll rein? Ich bin dann voll reingegangen.

 

Zum Glück hat es funktioniert, die Aufmerksamkeit ist da.

Ja, es ist verrückt. Die spinnen alle. Zuerst gibt es eine Besprechung, und eine Woche später macht die gleiche Zeitung dann ein großes Portrait a la Was ist das Geheimnis von Lize Spits Erfolg? und noch eine Woche später machen sie nochmal was. Und auf einmal muss ich da ständig als Gesprächspartner zur Verfügung stehen, das ist nicht ganz leicht. Wenn ich mein Buch in die Talkshow schicken könnte, um mich dort zu vertreten, wäre mir das viel lieber, aber natürlich geht das nicht. Also muss ich da hin.
Und dann hört man dauernd was vom Hype Lize Spit, aber ich finde das blöd, ich bin kein Hype, ich hab mir den Arsch abgearbeitet für dieses Buch, und was jetzt passiert, damit habe ich nichts zu tun. Ich hoffe aber, dass das Buch besser ist als der Hype.

 

Es ist sicher auch nicht leicht, plötzlich als öffentliche Person behandelt zu werden, oder?

Ich versuche, gut auszuwählen, was ich mache. Ich kriege zum Beispiel eine Einladung in die Quizshow "Die klügsten Belgier" oder sowas, und die ganzen prominenten Belgier machen da mit, aber ich kenne mich weder mit Politik noch mit Wirtschaft aus oder so, also warum soll ich dahin gehen? Es hat nichts mit meiner Literatur zu tun. Ich würde mich glaub ich ausgenutzt fühlen. Ich will auch nicht, dass mich jemand toll findet, weil er mich im Fernsehen gesehen hat, aber mein Buch gar nicht kennt. Beim nächsten Buch würde ich auf jeden Fall einiges anders machen.

 

Was glaubst du, woher die heftigen Reaktionen auf das Buch kommen? Eine Besonderheit war ja, dass dein Buch sehr schnell nach Erscheinen in durchweg allen großen Zeitungen besprochen wurde.

In Belgien ist das etwas speziell - die Zeitung De Morgen hat ein gutes Verhältnis zu Das Mag, sie verfolgen deren Aktivitäten (auch die Festivals und so) sehr wohlwollend. De Morgen erscheint immer mittwochs. Ihr größter Konkurrent, die Zeitung De Standaard, erscheint samstags. Mein Buch kam an einem Freitag raus, De Standaard wusste, dass De Morgen in der kommenden Woche etwas machen würden, also hatten sie genau eine Ausgabe, in der mein Buch drin sein musste, wenn sie die ersten sein wollten. Ich hatte ein bisschen Angst, mein Buch würde zum Opfer dieses Wettlaufs werden und sie würden es verreißen. Aber so war es dann ja zum Glück nicht, sogar De Standaard hat dem Buch 5 Sterne gegeben.

 

Und Deine Leser sind vor allem aus Belgien?

Ich habe schon gehört, dass man in Belgien seit längerem darauf wartet, wieder eine junge literarische Stimme zu haben, auf die sich viele einigen können. Es ist natürlich komisch, sowas von sich selbst zu sagen, aber ich glaube, sie sind ein bisschen stolz, mal wieder ein Talent vorweisen zu können. Für die Niederländer sind die Belgier ja immer sowas wie die kleinen Geschwister. Die Leser beider Länder schauen auch nicht so sehr über die Grenze, vor allem nicht, was Debüts angeht. Aber in Belgien gibt es sowieso keine richtige Literaturszene, alles ist sehr verstreut und vereinzelt, nicht wie hier in Amsterdam, wo praktisch alle niederländischen Autoren sind und sich gegenseitig kennen und beeinflussen.

Und wie ist das im französischen Teil Belgiens?
Flandern und Wallonien sind wie zwei getrennte Länder. Wir schauen wirklich kaum auf einander. Ich habe auch ehrlich gesagt keine Ahnung, wie die Literaturszene dort ist.

 

Lize Spit

Het smelt

Die Geschichte einer Frau, die in den Ort ihrer Kindheit zurückkommt. 13 Jahre zuvor hatte sie zwei Männern dabei geholfen, einige Mädchen zu verführen, indem sie Rätsel erfand - bis die Dinge eskalierten. Bei ihrer Rückkehr nun hat sie im Kofferraum ihres Autos einen großen Eisblock dabei - und ein Rätsel, das alles ändern wird.

480 Seiten, 22,95 Euro

http://shop.dasmag.nl/


Und wie ist es als flämische Autorin in den Niederlanden?

So gut wie alle flämischen Autoren haben ja einen Verlag in den Niederlanden. Die Menschen hier mögen glaube ich zwar die flämischen Autoren nicht so sehr, ihr Stil ist ihnen zu französisch, aber sie mögen den flämischen Dialekt sehr, er klingt für sie sehr exotisch. Die Aussprache ist aber auch wirklich anders, wir sprechen das Niederländisch sehr weich. Viele Vokabeln sind anders, auch die Reihenfolge der Worte in den Sätzen weicht oft ab, man erkennt also sofort, wenn es Flämisch ist. Ein Beispiel: In Belgien sagen wir: Hier ist ja keine Katze. Und in den Niederlanden sagt man: Hier ist ja kein Huhn.

Haha, in Deutschland sagt man: Hier ist ja kein Schwein.

Haha! Wirklich? Sagt ihr auch Es regnet Pfeifenstile?

 

Nein, bei uns regnet es Bindfäden.
Ah, wie in Frankreich!

Liest du denn viele aktuelle Autoren?
Es ist mir immer ein bisschen peinlich, aber ich lese sehr wenig. Ich habe auch nicht Literatur studiert. Ich kucke lieber Filme. Ich hab vielleicht 50 Bücher gelesen. Das darf man eigentlich gar nicht sagen. Es heißt aber auch, dass ich eigentlich gar keine literarischen Vorbilder habe.

 

Ein von Das Mag (@dasmag) gepostetes Foto am

Dein Verlag Das Mag hat Dich bei der Arbeit am Buch sehr unterstützt?
Ja. Was toll war: Ich hatte die Lektorin Marscha Holman ganz für mich allein. Sie hatte kein anderes Buch, an dem sie zu arbeiten hatte. Also war sie immer für mich da, sie hat mich motiviert, weiter zu machen. Und Daniel van der Meer, der Verleger, hatte nur die ersten Seiten gelesen und das Manuskript eingekauft. Dann hat er mir vertraut, hat sich rausgehalten, bis die erste Version fertig war, und sie dann erst gelesen, er war dann also noch frisch und konnte nochmal das große Ganze betrachten.

 

Jetzt bist Du mit dem Buch unterwegs, machst Lesungen und Interviews - was sind deine Pläne für danach?

Ich glaube, dieses Jahr passiert erst mal nicht viel anderes. Gerade ist es ein Vollzeitjob, meine E-Mails zu beantworten. Alle wollen was. Aber ich finde es auch richtig so, dass ich jetzt erst mal Zeit brauche, mir was neues auszudenken. Und da es jetzt so gut läuft, werde ich sicher die Möglichkeit haben, irgendwann noch ein zweites Buch zu schreiben. Also: Autorin zu sein. Ich will aber auch nicht alle zwei Jahre ein neues Buch schreiben müssen. Sowas kann ja nicht gut werden.

 


3 Kommentare

"Es liegen Schätze am Strand" - Oder: Wie organisiert man einen Gastlandauftritt?

Interview mit Bart Moeyaert, dem künstlerischen Leiter des Gastlandauftritts der Niederlande und Flandern auf der Frankfurter Buchmesse 2016

 

 Von Peter Reichenbach

 

Bart Moeyaert (Fotograf: Dries Luyten)
Bart Moeyaert (Fotograf: Dries Luyten)

 

Es ist nicht leicht, sich auf den Straßen Amsterdams zurechtzufinden. Auf dem Weg zum Niederländischen Literaturfonds, wo Daniel und ich uns mit Bart Moeyaert verabredet haben, verfahre ich mich gleich drei Mal. Ich fahre eine halbe Stunde durch den Regen und bin nass bis auf die Knochen, meine Brille ist beschlagen und meine Hände so feucht, dass das Display meines Smartphones nicht mehr reagiert und sich Google Maps partout nicht aufrufen lässt. Ich ärgere mich darüber, dass ich zu spät ankomme und es versäumt habe, ordentliche Regenkleidung mitzubringen. Wie anstrengend muss es da erst sein, eine ganze Buchmesse zu organisieren, frage ich mich, als Daniel und ich endlich unsere Räder abgeschlossen haben. Bart Moeyaert begrüßt uns auf Deutsch, beantwortet alle Interviewfragen ebenfalls in perfektem Deutsch und sieht dabei eigentlich genau so entspannt aus wie auf dem Pressefoto oben.

 

Bart, du bist deutschen Lesern als erfolgreicher Kinder- und Jugendbuchautor bekannt, hast bereits den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen, den LUCHS … Jetzt trittst du auf einmal als künstlerischer Leiter des Buchmesseschwerpunkts in Erscheinung. Wie kam es dazu, muss man sich bewerben oder wird man angerufen?

(Lacht) Man wird angerufen. Der Nederlands Letterenfonds und der Vlaams Fonds voor de Letteren, die beiden Dachorganisationen, haben sich an ihre Erfahrungen erinnert, die sie im Jahr 1993 gesammelt hatten, als die Niederlande und Flandern schon einmal Gastland waren. Damals hatte man zur Organisation ein Team, was zwar auch gut funktionierte, aber nicht ganz ohne Spannungen war. Und deshalb wollten sie es in diesem Jahr so machen wie Island 2011, nämlich einen Autor als künstlerischen Intendanten. Sie hatten also eine Liste mit Autoren erstellt, die in Frage kommen, und anscheinend stand ich bei beiden Organisationen an erster Stelle. Als ich gefragt wurde, wollte ich eigentlich gerade ein Buch anfangen, ganz gewissenhaft, ich wollte weg von der Welt, mich zurückziehen. … Ich habe also nachgedacht, doch eigentlich wusste ich sofort, dass ich das machen musste.
Seit 25 Jahren fahre ich zur Buchmesse, seit 25 Jahren sehe ich mir die Auftritte der Gastländer an. Ich bin immer aus freien Stücken gefahren, weil ich frei sein wollte von Dingen, die ich tun musste. Ich wollte einfach vier freie Tage haben, denn die Buchmesse war mein Ruhepunkt - aber auch mein Depressionspunkt. An Tag drei war es immer so, dass ich am Morgen dachte: Was mache ich hier? So viele Bücher! Am Abend von Tag drei dachte ich aber auch: Es gibt so viele ekelhafte Dinge hier! Ich muss das anders machen, ich muss es einfach sehr gut machen. Und das war also immer sehr gesund, diese Reise zu machen. Zur Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna bin ich ebenfalls immer gefahren.
Ich bin selbstständiger Autor, das bedeutet, ich lebe vom Schreiben und bin immer mit Schreiben beschäftigt. Schreiben ist mein Leben. Bücher sind mein Leben. Als die Entscheidung gefallen war, dachte ich: Mensch, das wird immens groß werden. Im Rückblick aber war das lächerlich, so zu denken. Denn was ich vor zwei Jahren nicht geahnt habe: Es ist eigentlich noch viel viel größer. Aber die Entscheidung ist da.

 

Ich durfte bei einer Präsentation von dir, bei der du das Konzept vorgestellt hast, in Antwerpen dabei sein. Für mich klang das alles sehr beeindruckend, modern und wenig folkloristisch, wie man es von vielen Schwerpunkten aus früheren Jahren kannte. Besonders interessant fand ich, dass du gesagt hast, dass du nicht nach den Unterschieden, sondern nach den Gemeinsamkeiten Ausschau gehalten hast für dein Konzept.

Das stimmt. Es kommt daher, dass ich oft im Ausland bin. Und als Flame muss ich im Ausland  immer erklären, wie ich schreibe, warum ich schreibe usw. und immer wenn es um meine Sprache ging, ging es jedes Mal schief: „Flämisch, das ist eine Sprache in Belgien? Ist Flämisch ähnlich wie Niederländisch? Wird es denn ins Niederländische übersetzt? Und wo ist dein Verlag? Warum ist es ein niederländischer Verlag?“ Nie konnte man das so richtig verständlich machen. Wir sprechen jetzt Deutsch miteinander, da kann das recht verständlich erklärt werden. Aber auf Englisch sage ich natürlich, dass ich „Dutch“ spreche, ich würde nie sagen, dass ich „Flämisch“ spräche. Genauso wie ein Österreicher wahrscheinlich auch nicht sagen wird, dass er „Österreichisch“ spricht. (Vgl. Hierzu auch den Blogeintrag "Wer spricht was wo?")
Das war mein Ausgangspunkt, ich wollte also über das sprechen, was wir teilen. Danach können wir über die Unterschiede reden, denn jetzt haben wir eine Basis. Und dann habe ich überlegt, welches Thema könnte das sein: Tulpen? Nein. Käse? Nein. Bier? Nein, auch nicht. Aber das Meer, die Nordsee, teilen wir, sowohl Belgien, als auch die Niederlande und Deutschland. Einfach nur die Nordsee als Thema zu haben wäre natürlich blöd, weil es ein touristisches Bild ist. Aber das Meer als literarisches Bild finde ich wunderbar, denn das Meer ist poetisch und auch politisch, denken wir an die Flüchtlinge, und es ist eben nicht immer sanft und schön.

Was außerdem dazu kommt: Wir waren 1993 das erste Mal Gastland und sind es jetzt 2016 zum zweiten Mal. Mich ärgert es immer, wenn Leute zu mir als Autor sagen, wir kennen dich, wir wissen wie du schreibst, nämlich filmisch, poetisch … Ich hasse es, wenn Menschen nicht zweimal hinschauen wollen. Das gleiche ist es nun mit dem Gastlandauftritt, die Leute sagen „Klar, kennen wir, Nooteboom, Claus, Mulisch …“ Dabei sind 25 Jahre vergangen, es gibt neue Namen, neue Menschen, eine neue Dynamik! Es ist wie das Meer, es ist alles in Bewegung, es liegen Schätze am Strand.

 

Was haben die Besucher auf der Buchmesse zu erwarten?

Ich würde hier gerne mit Erwartungen spielen und eine Erfahrung kreieren. Viele der bisherigen Gastländer haben sich gesagt, gut, wir versuchen das gesamte Land zu zeigen. Jede kleinste Ecke, alle Genres usw. Am Ende habe ich aber gar nichts gesehen, weil ich keine Geschichte gehört habe, weil ich nichts gefühlt habe. Anders war das bei den Auftritten von etwa Neuseeland oder Island, die mich sofort emotional berührt haben. Danach habe ich zu mir selbst gesagt, wie blöd, dass ich noch nie ein Buch eines Neuseeländers gelesen habe. Wie blöd, dass ich noch nie in Island war, ich muss da unbedingt einmal hin! Und das hatte mit Eindrücken zu tun, mit Erfahrungen, die ich dort machen durfte. Vielleicht hinkt der Vergleich, aber wenn ich in einem Hotel übernachtet habe und es weiterempfehle, dann lag das nicht an der besonders großen Lobby, sondern daran, dass ich mich dort wohl gefühlt habe. Und das, so meine Beobachtung, liegt immer an den Details, und um diese Details kümmere ich mich jetzt seit zwei Jahren.

 

Ich habe gelesen, dass ein Teil des Konzeptes für den Gastlandauftritt auch die Ausweitung des Programms auf weitere sieben Städte in Deutschland beinhaltet?

Die Geschichte mit den sieben Städten ist sehr leicht zu erklären. Wenn wir das gesamte Budget nur für die fünf Tage in Frankfurt verwenden würden, dann fände ich das blöd. Ich wollte nicht einfach ankommen und dann schnell wieder weg sein. Ich wollte, dass es danach weitergeht und auch, dass es eine Vorgeschichte gibt. So viel Geld haben wir aber nun auch wieder nicht, weshalb ich mich gefragt habe, wie man das trotzdem bewerkstelligen könnte. Ich habe also nachgesehen, welche Events in Deutschland bereits stattfinden werden und wo man kooperieren könnte. Es sind am Ende sieben Städte geworden, Köln, Münster, Karlsruhe, Hamburg, München, Leipzig und Berlin. In Hamburg etwa kooperieren wir sehr eng mit dem Harbourfront-Festival. Schön ist, dass wir in Hamburg ein Schiff haben werden, die Cap San Diego, was sehr gut zum Meer-Thema passt.  Um das noch abzuschließen, für jede Stadt haben wir intern ein Motto, so ist Köln etwa die Pforte nach Deutschland für die Niederlande und Flandern und das stimmt auch chronologisch, denn wir starten mit der LitCologne im März, gleich danach Leipzig, Hamburg als Hafenstadt und Karlsruhe wird die letzte Stadt sein, wo es eine Ausstellung über die Dadaisten nach dem Krieg geben wird, wo wir eine Museumslesung machen werden.
Eine andere Idee, die wir umsetzen: Wir wollen nicht einfach nur Autoren nach Frankfurt schicken, die dann dort auf einer Bühne lesen und danach wieder heimfahren. Wir wollen auch kreieren. Deshalb haben wir zum Beispiel einen deutschen Dichter (Daniel Falb) in die Niederlande geschickt, wo er zwei Wochen leben soll, in einer Stadt am Meer. Und ein Niederländer geht nach Flandern, nach Ostende, und schreibt dort Gedichte und der Flame (Els Moors) lebt in Deutschland am Meer. Die Gedichte werden dann in Frankfurt vorgetragen.
Es wird außerdem ein Theaterprojekt geben, auf das ich sehr stolz bin und bei dem acht Autoren mitwirken werden, vier aus den Niederlanden und vier aus Flandern. Sie werden gebeten, jeweils ein 20-minütiges Stück für Kinder und Jugendliche zu schreiben. In Mainz sollen diese Stücke dann vorgelesen werden. Und ein Jahr später werden Jugendliche diese dann aufführen.

 

Du hast dafür eine gute Formel, wie ich finde: Kreieren, präsentieren und kooperieren.

Genau. Das hat natürlich auch mit Geld zu tun. Aber ein Gastland muss sich fragen, wo ist das Herz, wo ist die Begeisterung? Und das Theaterprojekt ist so ein Beispiel. Es gibt wenige Theaterstücke für Jugendliche und deshalb ist das so wertvoll, denn wer dort mitmacht, erhält keine großen Gagen, hat aber Lust, dabei zu sein, und das finde ich stark.

 

War es denn schwierig auszuwählen, welche Autoren mitkommen und welche nicht?

Ja, sehr schwierig. Hier auf diesem Tisch lagen hundert, was sage ich, tausend Post-It-Notes. Darauf standen alle Städte, alle Festivals für das ganze Jahr. Und dann haben Judith Uytterlinde, verantwortliche für das Literarische Programm, und ich zusammen geschaut, wer bereits von einem Festival eingeladen war. Und dann wurde es schwierig. Man darf ja nicht vergessen, es sind zwei Gebiete, Niederlande und Flandern, und ich kann nur 70 Autoren mitnehmen. Aber unsere Geschichte ist ja auch nicht „70 Autoren nach Frankfurt“ sondern wir wollen 120 Namen, sogar mehr, im ganzen deutschsprachigen Raum vermitteln. Aber ja, es war schwierig!

 

Hast du abschließend einen Tipp für deinen französischen Kollegen, der den Gastlandauftritt Frankreichs im nächsten Jahr organisieren wird. Irgendetwas, was komplett schiefgelaufen ist und das du lieber anders gemacht hättest?

Ich würde ihm raten, ein großes Team mit ganz klaren Verantwortlichkeiten zu haben. Wir werden es sicherlich schaffen, aber wenn ein Team größer ist, wird man die Details besser im Blick behalten können. Jetzt muss ich alle Details im Kopf behalten. Finnland hatte 14 Teammitglieder, das sind doppelt so viele, wie wir haben. Und selbst Finnland hat gestöhnt. Und man sollte auch nicht versuchen, alles zu tun. Jeder, mit dem man spricht, hat eine schöne Idee, aber man kann nicht alles umsetzen.

 

Glaubst du, dass dir deine gesammelten Erfahrungen als Organisator auch etwas für dein literarisches Schreiben bringen werden?

Ja, ich denke schon. Und tief in mir vermisse ich das Schreiben sehr. Vor allem, weil ich gerade nichts schreibe, außer einer Kolumne für unsere Website. Aber ich denke mir: nächstes Jahr! Dann schreibe ich einen großen Roman, und wahrscheinlich werde ich danach den Nobelpreis erhalten … (Lacht)

 

Guter Plan!
Ja, finde ich auch. Eine gute Drohung!

 

Alle Details zum Gastlandauftritt unter: www.frankfurt2016.com

 

(Fotograf: Diego Franssens)
(Fotograf: Diego Franssens)

Bart Moeyaert, 1964 in Brügge geboren, zählt zu den großen europäischen Kinder- und Jugendbuchautoren der Gegenwart. Sein Debüt veröffentlichte er 1983, mit nur 19 Jahren. In seinem Heimatland Belgien vielfach ausgezeichnet, erhielt er für seinen Roman Bloße Hände 1998 auch den Deutschen Jugendliteraturpreis. Weitere internationale und nationale Preise folgten, u. a. 2006 für sein Kinderbuch Brüder (LUCHS von der ZEIT und Radio Bremen) und 2009 für seine Geschichtensammlung Mut für drei (nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis). 2012 war Moeyaert bereits zum fünften Mal für den Hans-Christian-Andersen-Preis nominiert, den »kleinen Nobelpreis«, der alle zwei Jahre auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur vergeben wird. Für den Astrid-Lindgren-Memorial-Award war er bereits dreizehn Mal nominiert. Bart Moeyaerts Werk wurde in 20 Sprachen übersetzt.

Der Autor lebt seit 2006 in Antwerpen und unterrichtet Creative Writing an der dortigen Royal Art School. Er schreibt außerdem Drehbücher und Theaterstücke und übersetzt aus dem Deutschen, Englischen und Französischen. Bei Hanser sind zuletzt Brüder (2006), Mut für drei (2008), Du bist da, du bist fort (2010) und Wer ist hier der Chef? (2012) erschienen. 2013 folgte Hinter der Milchstraße, dessen Originalausgabe im Jahr zuvor mit dem Boekenleeuw für das beste niederländische Kinderbuch 2012 ausgezeichnet wurde.

 

 

0 Kommentare

Wie, kein Amazon? Bücher online kaufen in den Niederlanden

 

Wer sein Buch in Deutschland nicht in der örtlichen Buchhandlung kaufen mag, bestellt es mit großer Wahrscheinlichkeit beim Versandhändler Amazon. Doch was bei uns schon seit Jahren gang und gäbe ist, ist in den Niederlanden vollkommen anders: Bücher kauft man dort online nicht über Amazon. Im Grunde gibt es nämlich Amazon in den Niederlanden gar nicht. Lange wurde man von www.amazon.nl auf die britische Amazon-Seite umgeleitet, inzwischen findet sich unter dieser Adresse "immerhin" die niederländische Version des Amazon-Kindle-Shops. Das bedeutet aber auch: Es gibt dort nicht wie bei uns Waschmaschinen, Gemüse, Computerzubehör, Musik oder gar Bücher zu kaufen, sondern lediglich E-Books.

 

Aber wo bestellen die Niederländer denn dann Bücher online? Oder machen sie das überhaupt nicht? Doch, schon - nur ist es längst nicht so normal wie bei uns.

 

Die beherrschende Online-Plattform für Bücher ist bol.com - vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch daran, da gab es unter www.bol.de auch mal bei uns den Versuch, das zu etablieren, es ist sogar eine deutsche Erfindung (und bedeutete ursprünglich Bertelsmann Online), nur benutzt das eben bei uns kaum jemand. Anders in den Niederlanden: Die Seite, die wie eine schlichtere, abgespeckte und offenbar weniger aggressive Alternative zu Amazon wirkt, ist dort Marktführer, wenn nicht sogar Monopolist. Neben bol.com gibt es natürlich noch einige kleinere Plattformen, wie etwa www.vanstockum.nl oder den Onlineshop der belgischen Buchhandelskette www.standaardboekhandel.be und die Webshops einiger Verlage - aber sie dürften keine wesentliche Rolle spielen.

Interessant ist auch: Die niederländische Bol.com ist seit 2012 im Besitz der Albert Heijn Holding, der auch die gleichnamige Supermarktkette gehört. Das bedeutet, das man online gekaufte Bücher nun auch bequem in jeder Albert Heijn-Filiale abholen kann - und die sind wirklich fast überall.

 

Trotzdem scheint es, als sei das Onlineshoppen von Büchern in den Niederlanden eher noch die Ausnahme. Bol kommt auf etwa 10% Marktanteil, so erzählen es uns zumindest einige Verleger. Zum Vergleich: Nach einigen Berechnungen - die allerdings nicht leicht anzustellen sind, weil Amazon traditionell keine Zahlen rausgibt - könnte der Anteil von Amazon am deutschen Buchmarkt bei 40% liegen.

Der stationäre Buchhandel ist in den Niederlanden wirklich noch sehr präsent - zumindest in Amsterdam findet sich an fast jeder Ecke eine Buchhandlung. Übrigens sind die Preise hier ziemlich gesalzen: Taschenbücher, die bei uns 9 bis 12 Euro kosten würden, kosten hier locker 19,90. Hardcover liegen eigentlich immer deutlich über 20 Euro. Interessante Unterschiede also - zumindest erscheint uns das so: Mehr Geld für Verlage und Autoren und ein florierender stationärer Buchhandel.

 

 

4 Kommentare

„Eat Pussy, it’s organic“ - Dorian Steinhoff zu Besuch in Amsterdam

Von Dorian Steinhoff

Das Flugzeug schlingert auf der Startbahn. Wir haben keine Flugangst. Wir denken an die abgesagten Rosenmontagszüge und die Sturmwarnung. Die Stewardess sagt „bumpy flight“, außerdem sind die Toiletten defekt und die Gesichter der easyJet-Wochenendtouristen sind müde. Wir meinen aus den Sitzen gehoben zu werden, als das Flugzeug beim Landeanflug plötzlich stark absackt. Einige Mitreisende schreien auf, andere vergraben ihre Gesichter im Schoß des Liebsten oder verkeilen sich in ihrem Sitz. Wir müssen uns eingestehen, feuchte Hände zu haben. Das Flugzeug schaukelt noch weiter, nachdem es zum Stehen gekommen ist. Später stehen wir unter der Einflugschneise, sehen, wie selbst die großen Interkontinentalmaschinen durchgerüttelt werden, und sagen: Wäre das mein erster Flug gewesen, jetzt hätte ich Flugangst.


Als erstes kaufen wir uns einen frischen Saft bei Albert Heijn to go. Wir finden, es sollte mehr Albert Heijn in Deutschland geben. Wir freuen uns über die Schilder, die Sprache, von der wir gerade so viel verstehen, um zu wissen, was gemeint ist, und sie so wenig beherrschen, dass wir kein Wort aussprechen können, ohne uns dabei zu schämen. Wir glauben, so entsteht Komik. Der Kassierer heißt Bart, hat Wetgel in den Haaren und winterblasse Haut. Wir haben das Gefühl, die Menschen hier sind größer.


Wir fahren mit dem Zug in die Stadt und kaufen uns kein Ticket, weil wir die Automaten in Amsterdam schon beim letzten Mal nicht verstanden haben. Wir sehen Menschen in Schräglage auf die Bahnhofshalle zulaufen und beschließen drinnen zu warten. Wir freuen uns über das Wiedersehen. Wir machen uns Komplimente. Wir tragen Regenhose und Kapuze und fahren landestypische Fahrräder.


Unser Sattel ist zu niedrig. Wir machen Chopper-Witze. Wir fotografieren uns vor einem Easy Rider-Plakat und versuchen dabei hart zu gucken. Wir essen Avocado-Sandwich und trinken heiße Schokolade. Wir erzählen uns, wie wir für die nächsten Wochen wohnen, wie die Ham.Lit war und der Bal Littéraire. Wir reden über einen Umzug, über Spülschränke und Linoleumtischplatten. Wir tauschen Pläne für die nächsten Wochen aus. Wir sind ambitioniert und haben plattgedrücktes Haar.


Wir ziehen weiter. Wir suchen ein Restaurant. Wir kennen den Weg nicht. Es ist dunkel und der Regen peitscht durch die Grachten. Wir halten unsere Mützen fest. Wir ärgern uns darüber, keine Winterschuhe eingepackt zu haben. Wir schließen unsere Fahrräder sehr sorgfältig ab und haben Angst, dass uns der Schlüssel dabei von der Brücke ins Wasser fällt. Wir werden vollzählig. Der Wind presst immer wieder die Tür auf. Wir essen uns an den Vorspeisen satt, trinken kleine Biere und fragen uns, ob am Nebentisch Zwillinge sitzen. Der Restaurantmanager trägt einen beigen Anzug mit Weste und helle Fullbrogues aus Wildleder. Er hält den Gästen die Tür auf und grinst aasig. Wir bestellen Salat und Nachtisch als Hauptgang. Rucola heißt Rocket.


Wir laufen ins Café Brecht. Auf dem Bürgersteig liegen umgewehte Roller. Wir sind nass und gutgelaunt. Wir schließen unsere Fahrräder neben einem Schaufenster ab, das Jutebeutel ausstellt. Auf ihnen steht: eat pussy, it’s organic.
Wir lesen die Getränkekarte sehr genau. Wir schicken die Kellnerin nochmal weg. Wir bestellen deutschen Wein, holländisches Bier und Genever. Wir nippen an allen Gläsern. Wir haben immer noch unser Gepäck dabei. Wir reden über Ideen und die nächste Veröffentlichung. Wir zweifeln, wir sind skeptisch. Wir wissen, was wir können. Wir sagen Relevanz, Erzähllogik, Prozess und scheiße und geil. Zu Hause teilen wir uns ein Stück Kuchen und trinken Tee. Wir gehen einmal im Kreis, Ringelreihe um das Badezimmer. Der Fußboden ist Türkis und ausgebleicht. Wir ziehen die Couch aus. Wir verwechseln Bettbezug und -laken. Wir teilen die Kopfkissen auf. Wir schlafen gut.

 

Wir schneiden uns beim Abwaschen. Wir hören nicht auf zu bluten. Wir sagen: Massaker. Wir suchen Pflaster und finden keine. Wir kaufen Vanille-Vla, Obst und Croissants. Und Pflaster. Unsere Liebste sagt, wir hätten Double-Vla kaufen sollen. Wir sagen, sie habe ja keine Ahnung. Wir entwerfen Schlagzeilen: Deutscher Lektor nach Haushaltsunfall in Amsterdam verblutet. Wir finden das nur wenig glamourös. Wir fabulieren: Deutscher Lektor gerät bei dem Versuch, einen ertrinkenden Babyelefanten aus der Prinzengracht zu retten in eine Schiffsschraube, als er gerade dabei ist, mit kräftigen Kraulbewegungen das schwimmende Mausoleum von Harry Mulisch zu überholen, und verliert beide Hände. Die Anwohner sind geschockt, die Prinzengracht noch immer blutrot gefärbt und ganz Amsterdam fragt sich, wer ist dieser Babyelefant? Wir sind zufrieden.


Wir besuchen den Verlag Das Mag. Dort sind alle groß und schön und gut angezogen und sehr hip. Wir sehen schöne Haare, ein Einstecktuch und hören Namen, die für uns sehr fancy klingen. Wir erfahren: Sie haben gecrowdfundet, sie haben ein neues Büro, sie haben einen Preis gewonnen, sie organisieren ein Festival in Berlin, sie haben elf MitarbeiterInnen, sie haben einen Shop im Erdgeschoss und ein Café im ersten Stock, das aussieht wie der Showroom einer dänischen Möbeldesignmarke. Ihr erster Titel steht in Belgien auf Platz eins. Wir fühlen uns international unter Druck gesetzt. Immerhin funktioniert ihre Heizung noch nicht.


Wir haben Geschäftliches zu besprechen. Wir lesen das Manuskript eines Freundes. Wir fotografieren uns gegenseitig dabei. Lesen sieht besser aus. Wir bekommen Kaffee in einem zerbeulten Plastikbecher serviert. Der Plastikbecher ist aus Porzellan.
Wir werden durch das Viertel geführt. Wir wollen unbedingt eine Käseglocke und Champagnerschalen aus Bleikristallglas kaufen. Wir sagen, die Liebste darf diesen Laden nicht betreten. Wir gehen in einen Buchladen. Die meisten Erstausgaben liegen als Taschenbücher aus und sind so teuer wie ein Hardcover in Deutschland. Wir merken, dass wir die ersten fünf Sätze von „Der Tod in Rom“ auswendig können, als wir die flämische Ausgabe aufschlagen. 

 

Wir essen alle gemeinsam zu Mittag. Jemand hat Tische im Büro zusammengeschoben und Salat gemacht. Wir sagen unsere Namen. Wir erzählen vom Indiebookday und erfahren, dass es kein holländisches Amazon gibt. Nur die nationale Buchhandelsplattform bol.om mit einem marginalen Marktanteil von zehn Prozent. Wir stellen viele Fragen. Wir erzählen, was wir machen. Wir hören zu. Wir haben Angst, jemandem aufzuhalten und verschränken die Arme. Wir fragen, wer den Salat gemacht hat. Wir sagen: danke.

 

Wir teilen uns auf. Wir gehen nach Hause. Wir gehen in ein Café. Wir gehen arbeiten. Wir bestellen einen Herd. Wir schreiben E-Mails. Wir schreiben Sehr geehrte, wir schreiben Lieber, wir schreiben Dear. Wir sprechen Englisch, wir haben Internet, mindestens zwei Endgeräte und einen deutschen Pass. Wir telefonieren und versuchen, das Beste rauszuholen. Wir machen Termine. Wir googeln nach Verkaufszahlen. Wir sprechen über die Liebste. Wir sind privilegiert, buisy und fühlen uns kosmopolitisch. Wir bestellen Schokokuchen.

 

Wir gehen ins nächste Restaurant. Auf der zusammenfaltbaren Karte steht Play Dough für Kinder. Am Nebentisch wirft ein Junge einen Teigklumpen auf einen Teller. Wir denken an den letzten Noah Baumbach Film und wie Greta Gerwig sagt: I wasn’t raised like that. Die Kellnerin sieht schön aus, wenn sie grinst, und hat große Schneidezähne. Wir reden über Geschäftsmodelle, über Autorentypen, über Geldverdienen. Es regnet immer noch. Wir reden sehr schnell. Wir wollen so sein wie dieser geile japanische Tellermacher. Wir wollen mehr. Wir greifen nach der nächsten Sprosse. Wir sind Teil von etwas, das wir ablehnen. Es geht uns so gut wie nie zuvor. Wir stoßen an.


Die Erkältung kriecht uns die Nebenhöhlen hoch. Wir kaufen Wein und Chips, Ingwer und Zitronen. Wir schauen DFB-Pokal. Der Moderator sagt Krimi. Wir sehen das Verbrechen nicht. Wir ärgern uns. Wir freuen uns. Wir fistbumben. Wir bereiten ein Interview vor. Wir telefonieren mit der Liebsten. Wir gehen früh ins Bett. In der Nacht gewittert es und unsere Nase läuft. Der Regen prasselt sehr laut gegen die großen Fensterscheiben.

 

Wir finden, Ingwer-Zitronen-Tee und Vanille-Vla zum Frühstück sollte jede Erkältung bezwingen. Wir überlegen, was wir anziehen sollen. Wir ziehen uns drei Mal um. Wir tragen viel dunkelblau. Wir sind uns einig darüber, dass die Nachrufe auf Roger Willemsen fast alle anheimelnd sind. Wir glauben, dass das die größte Qualität von Herrn Willemsen war: Den Menschen so zugewandt und so einnehmend zu sein, dass sie nur anheimelnd über ihn schreiben können. Wir finden die Nachrufe dann doch nicht nur unangenehm. Wir nennen ihn den deutschen Casanova des 21. Jahrhunderts. Wir müssen los. Wir haben viel vor. Wir dürfen interessante Menschen treffen. Wir müssen auftreten. Wir sehen uns bald wieder. Wir sitzen im Zug, klauen eine Zeitung aus der ersten Klasse, hören Musik und jemand singt: Start a fire on the top floor.

 

(Foto: Hannah Zirkler)
(Foto: Hannah Zirkler)

 

 

Dorian Steinhoff
*1985 in Bonn, ist Autor und Literaturvermittler. Seit 2007 hat er Auftritte im gesamten deutschsprachigen Raum. Er arbeitet mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in kulturellen Bildungsprojekten, außerdem schreibt er für jetzt.de, das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, und moderiert Literaturveranstaltungen. Er ist Autor des Erzählbandes "Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern" (2014). Dorian hat uns für drei Tage in Amsterdam besucht. Das Foto entstand während seines Aufenthaltes.
www.doriansteinhoff.de

 

 

3 Kommentare

"Angst ist ein schlechter Ratgeber" - Joost Nijsen, Verleger Podium Verlag

Interview und Übersetzung: Daniel Beskos

 

Nach drei Tagen Dauerregen und Sturm kam heute Morgen zum ersten Mal die Sonne raus. Mit guter Laune und Sonnenbrillen radeln wir los, in ein Industriegebiet am Rande der Stadt, wo man eigentlich keinen Verlag erwarten würde. Denn fast alle größeren Verlage in den Niederlanden sind sehr zentral im Amsterdamer Grachtenviertel angesiedelt. Einer der Verlage, die diesen literarischen Quadratkilometer nun verlassen haben, ist Podium, sie sind mit einigen anderen Verlagen jetzt in einem Industriegebiet im südlichen Stadtgebiet verortet. Einer der Vorteile, in einem Industriegebiet zu sein, ist: Man hat viel Platz. In dem schönen, hellen Büro von Podium arbeiten 8 Leute, Glaswände teilen den großen Raum in einzelne Büros, und wir nehmen im Zimmer des Verlegers Joost Nijsen Platz auf einem klassischen ledernen Verlegersofa.

 

Joost, wie würdest du das Programm von Podium beschreiben?
Es ist sehr eklektisch. Es gibt keine Strategie, es geht eher von meinem persönlichen Geschmack aus, und der ist sehr breit gefächert. Hauptsächlich besteht unser Programm aus niederländischer Literatur, vor allem aktuellen Romanen, das ist meine Leidenschaft, aber auch Lyrik. Daneben gibt es ausgewählte Übersetzungen. Das meiste Geld allerdings verdienen wir mit Sachbüchern. Das ist so ein Standardwitz von mir: "Ich verdiene Geld mit Sachbüchern und verliere es wieder mit Literatur". Aber auch mit den Übersetzungen ist es schwer, die Konkurrenz in den Niederlanden ist da einfach sehr groß. Es ist natürlich weniger Arbeit, sich gute Manuskripte im Ausland einzukaufen, anstatt einheimische Autoren aufzubauen, aber es ist eben dann auch viel schwerer, die übersetzten Bücher hier durchzusetzen.

 

Dann gibt es da noch die Nische der südafrikanischen Lyrik, zweisprachig Afrikaans-Niederländisch sogar, da sind wir sozusagen Marktführer, zum Beispiel mit den Büchern von Antjie Krog, sie ist Anwärterin auf den Nobelpreis, ihre Texte kreisen viel um das Thema Schuld, das für die Niederländer im Hinblick auf unsere ehemaligen Kolonien sehr präsent ist. Damit verdienen wir sogar Geld, wir verkaufen jeweils so ca. 5000 Exemplare ihrer Bücher.
Und mit deutscher Lyrik haben wir jetzt auch angefangen, und zwar mit dem Gewinner des Leipziger Buchmessepreises, Jan Wagners Regentonnenvariationen.

 

Joost Nijsen, *1958, gründete 1980 als Uniprojekt einen kleinen Verlag und gab die Literaturzeitschrift Optima heraus. Danach arbeitete er fürs niederländische Boekblad sowie für verschiedene Verlage. 1997 gründete er mit Podium dann seinen eigenen Verlag, der inzwischen zu einem der wichtigsten unabhängigen Verlage in den Niederlanden geworden ist.

https://twitter.com/joostpodium


Dann haben wir eine Serie mit internationalen Erzählbänden, unter anderem von George Saunders, Karen Köhler, Dorthe Nors und jetzt im Herbst auch die gesammelten Kurzgeschichten von Truman Capote.

 

Im Sachbuchbereich haben wir eine ganze Reihe von Essays, allen voran Joris Luyendijk, dessen Bücher ja auch in Deutschland beim Tropen Verlag erscheinen. Daneben gibt es Handbücher und Ratgeber zu populären Themen.
Was ich noch nie gemacht habe, sind Biographien, keine Ahnung warum. Krimis machen wir auch nie, mit Kinderbüchern fangen wir jetzt gerade erst an, u.a. mit einem von George Saunders.
Was ich auch nie mache: Ich schaue nicht, was der Markt macht oder braucht. Zum Beispiel kriegt man öfter zu hören: Wenn das Geschäft in den Sommermonaten abflaut, veröffentliche doch Thriller, das kaufen sich die Leute für den Urlaub. Aber so funktioniere ich nicht. Man muss für alles eine Leidenschaft haben.

 

Wie sagte mal jemand? "Buchleute packen Bücher irgendwie anders aus als andere Kinder". Das Podium-Team beim Unboxing.
Wie sagte mal jemand? "Buchleute packen Bücher irgendwie anders aus als andere Kinder". Das Podium-Team beim Unboxing.

Wie findest du die internationalen Titel?

Ich bin ja schon länger dabei und kenne viele Leute, die mir Tipps geben. Inzwischen reise ich nicht mehr so viel, wie ich das gerne würde, aber natürlich fahre ich nach Frankfurt und London zu den Messen, manchmal nach New York, selten auch nach Barcelona und Turin. Und wir haben jetzt mit Virgina Marx auch einen Scout in London - sie beobachtet für uns den englischsprachigen Markt, kennt sich aber auch in Spanien gut aus. Wir probieren das jetzt mal, und meine Ansage an sie war: "Schick mir so bitte so wenige Vorschläge wie möglich!". Unser Lektor Merijn Hollestelle filtert ihre Tipps dann nochmal und schickt mir die besten davon.

 

Gibt es bestimmte Tendenzen in der aktuellen niederländischen Literatur?

Ich glaube, es ist mit der Entwicklung in Deutschland gut vergleichbar. Nach dem Krieg war sie sehr akademisch, sehr elitär, sehr auf den literarischen Stil bedacht. Seit den 90er Jahren ändert sich das, seitdem ist die Nachfrage nach Literatur gestiegen, die sich mehr mit aktuellen Entwicklungen befasst und zugänglicher ist. Dass führte dann irgendwann dazu, dass es nur noch um den Plot ging und gar nicht mehr um die literarische Qualität. Als ich anfing, war "Plot" etwas für Hollywoodfilme, nicht für Bücher.

 

Was hat sich für dich in den Jahren seit deinen Anfängen noch geändert?

Ich glaube, die Autoren haben sich immer mehr von ihren Verlegern abhängig gemacht. Es wurde irgendwann selbstverständlich, dass Autoren hohe Vorschüsse bekamen und vom Schreiben leben konnten; und dass die Verlage dafür verantwortlich waren. Und die Verlage haben die Autoren auch zu sehr verwöhnt. Es gibt die Geschichte, dass der Lektor eines sehr populären Autors jeden Morgen zu dessen Haus radelte, um ihm Croissants zu bringen. Aber die goldenen Jahre des Verlegens sind vorbei, nur sind die Autoren eben immer noch in diesen Vorstellungen verhaftet.

Ich finde, heute müssen die Verlage den Autoren klarmachen, wer welche Aufgaben hat, und es ist die Aufgabe des Autors, zu schreiben - aber wenn man ein gesichertes Einkommen haben will, muss man vielleicht auch über einen anderen Beruf nachdenken. Und die Aufgabe der Verlage ist es, zu lektorieren, zu gestalten, zu kommunizieren, den Namen des Autors zu verbreiten. Aber sie müssen den Autoren auch die Grenzen klarmachen, und das erfordert einigen Mut. Wie im Deutschen gibt es auch bei uns das Sprichwort: Angst ist ein schlechter Ratgeber.

 

Self-Publishing ist in den Niederlanden ja noch kaum vorhanden - was können die Verlage also für die Autoren bieten?

Wir betreuen die Autoren natürlich auf allen möglichen Gebieten, wenn auch nicht immer alle und dauernd, das ginge bei ca. 80 Autoren auch gar nicht. Lesungen sind ja kein so großes Thema in den Niederlanden, aber wir beraten die Autoren zum Beispiel in strategischen Fragen und regeln ihre Vertragsangelegenheiten. Manchmal fragen auch große Firmen an wie etwa KLM und wollen Texte bei einem unserer Autoren in Auftrag geben, dann verhandeln wir das für ihn. Was wir auch machen, sind Film- und TV-Lizenzen - einige unserer Bücher wurden bereits verfilmt. Schön war etwa der Film Black Butterflies - die Biographie der südafrikanischen Dichterin Ingrid Jonker, die sich in den 60er Jahren im Alter von 31 Jahren umbrachte. Das war zwar keine direkte Literaturverfilmung, hatte aber großen Einfluss auf den Verkauf ihrer Gedichtbände.



Was würdest Du sagen, sind derzeit die größten Herausforderungen für eure Arbeit?

Der Markt ist kleiner geworden, daran müssen wir uns immer noch erst gewöhnen, gedanklich und auch praktisch. Da arbeitet man lange und intensiv an einem Buch, das ganze Team, es hat ein schönes Cover, die Arbeit macht Spaß, die Zusammenarbeit mit dem Autor ist prima, wir haben eine tolle Releaseparty, die Besprechungen sind super - und dann verkauft man nur 3000 oder gar 1000 Exemplare. Die Menschen lesen einfach weniger, selbst die älteren haben die ganze Zeit ihre Smartphones und Tablets in der Hand. Das geht mir ja selbst so. Und das ist schade. Es gibt so viele gute Bücher, aber so wenig Leute, die sie lesen. Man müsste einen Weg finden, den Leuten wieder zu vermitteln, was für eine erholsame Erfahrung es ist, dem eigenen Geist zu erlauben - nicht etwa ihn zu zwingen -, sich mit einem Buch aus dem dauernden Stakkato der Welt zurückzuziehen.

 

 

3 Kommentare

Auf ein Bier! (oder zwei) - unterwegs in Belgien und den Niederlanden

Gastbeitrag von Stevan Paul

 

Ungerne nur störe ich meine Verleger bei der Arbeit, weil ein Betriebsausflug aber ja auch Spaß machen soll und jede Fröhlichkeit ohne Alkohol ohnehin gekünstelt ist, möchte ich den Amsterdam-Reisenden und den mairisch-Bloglesern dringlichst einen kurzen Blick auf die Bierkultur der Niederlande und im Nachbarland Belgien empfehlen. Hier wie dort gab es immer schon Craftbeer, also handwerklich gebrautes Bier aus freien Mikro- und Minibrauereien.

 

Im Unterschied zu traditionellen deutschen Bier-Regionen wie Franken und Bayern ist der Wagemut und die Kreativität unserer Nachbarn beim Brauen von Bier schon immer bemerkenswert. Das liegt auch daran, dass kein störendes Reinheitsgebot die Geschmackskreationen bremste (warum sich das Deutsche Reinheitsgebot zum diesjährigen 500sten Geburtstag eigentlich überdauert hat und abgeschafft gehört, erklärt Kollege Jörn Kabisch in seinem lesenswerten Artikel „Kritik der reinen Lehre“ für die TAZ.)

 

Die Bar "Moeder Lambic" in Brüssel
Die Bar "Moeder Lambic" in Brüssel

 In Belgien und den Niederlanden durfte es immer schon ein bisschen mehr sein als nur Wasser, Hopfen und Malz und auch bei der Herstellung nahm man gerne nicht unbedingt den gängigsten Weg. Ein guter Einstieg in die Bierkultur Belgiens, die auch die niederländische Bierkultur stark beeinflusst hat, sind die mit wilden Hefen aus der Luft spontan vergorenen und kräftig gehopften Lambic-Biere, die nur in den Wintermonaten hergestellt werden, Brauzeit ist von November bis März. Ein bis drei Jahre gären die Biere anschließend in gebrauchten Holzfässern von 200-500 Litern. Eine „trockene“ Angelegenheit, kohlensäurearm, herrlich säuerlich und sehr erfrischend.

 

Manche Lambic Sauerbiere machen dabei ihrem Namen alle Ehre und schmecken auf den ersten Schluck wie die staubtrockenen Schoppenpetzer aus der hessischen Heimat der Mairischs. Nicht erschrecken, weiter trinken, Schluck für Schluck wird das Bier mit der Zeit breiter und komplexer, aus eindimensionaler Säure wird ein köstlich frisches Bier. Ein bisschen Party-Wissen noch dazu: Coca Cola bringt es leicht auf die hundertfache Säuredichte eines Lambic Sauerbiers
- freilich unter dem Deckmäntelchen von 3,5 Zuckerwürfeln
in 100 ml Cola.

Grandios auch die feinsäuerlichen Gueuze-Biere, Basis ist ein Lambic-Verschnitt, der anschließend wie Champagner in der Flasche reift und feinperlig frisch ins Glas kommt. Beim Kauf ist auf die EU geschützte Bezeichnung Oude Gueuze zu achten, Zeichen für traditionelle Handarbeit. Gueuze aus industrieller Herstellung ist gesüßt und wird im Tank mit Kohlensäure versetzt. Auch beim Oude Gueuze dominieren jene zwei Grundgeschmäcker, die immer wieder in belgischem und niederländischem Bier zu finden sind: starke Säure- und Bitternoten. Für Freunde schwerer, süßer und malziger Biere aus dem Süden Deutschlands oder Fans der herben norddeutschen Biere stellen diese Biere anfangs eventuell eine Herausforderung dar – und führen bestenfalls zur Entdeckung ganz neuer Geschmackswelten.

Kirschbiere
Kirschbiere

Dazu darf auch das Kriek-Bier zählen, ein Sauerkirsch-Bier, das ich während der Arbeit an unserem Buch „Craft Beer Kochbuch“ (Christian Brandstätter Verlag 2015) in unterschiedlichen Qualitäten genießen durfte und lieben lernte. Ich hab im vergangenen Sommer kaum etwas anderes getrunken, an heißen Tagen auf dem Balkon – einmal als herb-säuerliches Lambic-basiertes Bier mit frischen Kirschnoten, ein anderes Mal als etwas süßere Angelegenheit, die schon an Berliner Weiße mit Schuss erinnerte. 200-300g frische Kirschen pro Liter Lambic wandern dafür gemeinsam und für 3-18 Monate ins Fass. Die Auswahl an Frucht-Lambic ist riesig und insbesondere die wirklich trockenen, frisch-spritzigen Kirschbiere wie das belgische Kriek Boon oder das perlende Liefmans Kirek Brut aus den Niederlanden sind genial erfrischend.

 

Keine 50 Autominuten vom mairisch-PopUp in Amsterdam entfernt, findet sich die Brouwerij De Molen, eine der erfolgreichsten niederländischen Craft-Beer-Brauereien, die mit einem breiten Angebot zu begeistern wissen, vom IPA Vur & Vlam (Feuer und Flamme) über ein leichtes Pale Ale bis hin zum Stout Hel & Verdoemenis (Hölle und Verdamnis), Sour und Porter. Alle sechs Wochen wird ein experimenteller Sud gebraut und in Kleinstmenge ausgeschenkt. Ein Ausflug lohnt sich, denn die Windmühle in Sichtweite der Brauerei beherbergt ein Restaurant, in dem es immer zehn verschiedene de Molen-Biere vom Fass und etliche weitere aus der Flasche zu probieren gibt.

Die ganze belgisch-niederländische Biervielfalt entdeckt man gehäuft in Amsterdam und Brüssel, für beide Städte habe ich am Ende des Beitrages ein paar spannende Bier-Orte und Listen verlinkt. Für die Daheimgebliebenen in der Mairisch-Stadt Hamburg findet sich eine gute Auswahl an belgischen und niederländischen Bieren bei Beyond Beer und im Craft Beer Store mit Onlineversand. Aber egal ob in Amsterdam oder Brüssel, ob in Hamburg, Berlin oder Nürnberg - die Craftbeer-Bewegung bereichert überall das Angebot des guten Geschmacks - es lohnt offen und neugierig zu bleiben!

 

In diesem Sinne: Gezondheit, Prost, Santé und Cheers!

 

Brouwerij De Molen in Bodegraven (NL)
Brouwerij De Molen in Bodegraven (NL)
Brauerei A La Becasse in Brüssel
Brauerei A La Becasse in Brüssel

2 Kommentare

„Wir Niederländer sind Kaufleute, wir mögen keine Eliten“ - Persis Bekkering, Literaturkritikerin für De Volkskrant

Interview und Übersetzung: Daniel Beskos

 

Persis, wir führen in Deutschland eine Debatte über die zurückgehende Bedeutung und Qualität der Literaturkritik. Wie würdest Du die Situation in den Niederlanden einschätzen?

Hier ist es ähnlich. Seit vielen Jahren wird die Literaturkritik weniger elitär. Ich weiß noch, wie ich schon als Teenager Rezensionen geliebt habe und immer den Freitag herbeisehnte, wenn die neue Ausgabe der Zeitschrift mit den Buchbesprechungen vor der Haustüre lag – aus diesem Grund wollte ich selbst auch Literaturkritikerin werden. Ich mochte die Rezensionen oft lieber als die Bücher selbst. Auch damals schon war es weniger elitär als noch einige Jahre oder Jahrzehnte zuvor. Ich habe auch festgestellt, dass die Anzahl der Buchbesprechungen seitdem zurückgegangen ist und damit auch ihre Bedeutung schwindet. Andererseits haben wir eine andere Einstellung zu so etwas wie „Hochkultur“ als in Deutschland. Deutschland hat sowas schon immer geschätzt, wir Niederländer sind eher Kaufleute und mögen keine Eliten. Unsere Einstellung zu Kunst allgemein ist also ganz anders.

Aber auch hier verändert sich einiges – die Besprechungen werden immer kürzer, die meisten sind vielleicht noch 600 Wörter lang, und die Redakteure möchten sie möglichst leicht zugänglich und für jedermann lesbar haben. Vor einigen Jahren wurde ja das Sternesystem zur Bewertung eingeführt (alle Zeitungen bewerten Bücher mit 1 bis 5 Sternen, so sind die Bewertungen für die Leser vergleichbarer). Die Kritiker hassen es, aber die Leser lieben es. Ich persönlich finde, man kann ein Buch nicht auf eine Zahl von Sternen reduzieren.

Persis Bekkering, *1987, fing als freie Literatur-kritikerin an und kam später zur Tageszeitung De Volkskrant. Neben Literaturkritiken schreibt sie auch über klassische Musik, spielt Violine und arbeitet derzeit an ihrem ersten Roman.

https://twitter.com/persisbekkering

 

 


Wie wählst Du aus, was du besprichst?

Normalerweise schickt mir mein Redakteur jede Woche einige Bücher. Manche suche ich dann selbst aus, andere müssen unbedingt besprochen werden. Bei unbekannten Autoren ist natürlich klar, wenn das Buch nicht gut ist, muss man auch nicht drüber schreiben. Nur wenn der Autor berühmt ist und das Buch schlecht – dann schreibt man das natürlich. Aber es gibt auch jede Menge Literaturblogs in den Niederlanden, die schreiben sehr viel und gerne.

 

Was macht für Dich ein gutes Buch aus?

Ich glaube, ich mag vor allem Bücher, die sich etwas vornehmen, was so noch nicht gemacht wurde. Am Anfang denkt man dann: Das funktioniert niemals. Und dann tut es das manchmal eben doch, dann sage ich: Hurra. Zum Beispiel Knausgård: Eigentlich denkt man, das wäre superlangweilig. Er schreibt auf, was er im Supermarkt kauft und so weiter. Aber es funktioniert trotzdem, man ist fasziniert. Oder Ben Lerner, einer meiner Favoriten. Sein zweiter Roman hat praktisch keine Handlung, aber man liest immer weiter. Oder auch Valeria Luiselli aus Mexiko. Es funktioniert, vielleicht gerade weil es so verrückt ist.

Und natürlich geht es in der Literatur auch darum, Fragen zu stellen. Auch für mich als Autorin ist das so: Ich schreibe nicht, weil ich so gerne schreibe, sondern weil es meine Art ist, Fragen an die Welt zu stellen, Fragen, die gestellt werden müssen, die die Realität nicht nur bestätigen, sondern auch anzweifeln. Das finde ich in guten Büchern immer wieder.

 

Spielt die Literaturkritik für die Leser in den Niederlanden eine große Rolle?

Der Einfluss der Kritik ist eher indirekt. Die Leser interessieren sich nicht mehr so brennend für Besprechungen. Aber andere Literaturmacher eben schon: Buchhändler, andere Kritiker, TV-Redakteure. Die greifen unsere Tipps dann auf. Manchmal ist es auch andersherum: Wir sagen, ein Buch ist furchtbar, und die Leute kaufen es trotzdem alle. Aber für junge, unbekannte Talente kann das Feuilleton wirklich eine Startrampe auf die literarische Bühne sein – so wie jetzt etwa bei Lize Spit, von deren Buch Het Smelt (Die Schmelze) alle schreiben: Das ist das beste Debüt des Jahres, und innerhalb weniger Wochen sind 20.000 Exemplare verkauft. Aber sowas kann man nie vorhersagen.

 

Sind Autoren in den Niederlanden politisch engagiert, können sie so etwas wie Meinungsmacher sein?

Für manche trifft das zu, vor allem solche mit einem Migrationshintergrund; sie sind zur Zeit sehr gefragt als Gesprächspartner. Aber das Bild des klassischen Intellektuellen hat sich natürlich gewandelt, sie sind nicht mehr das moralische Gewissen à la Susan Sonntag. Autoren werden eher für gute Unterhaltung herangezogen, für ein nettes Gespräch.

 

Gibt es bestimmte Themen oder Stil-Tendenzen in der jungen Gegenwartsliteratur?

Viele der jungen Autoren kennen sich natürlich, sie gehen zu den selben Partys, es ist also kein Wunder, wenn sie sich gegenseitig beeinflussen. Was sie ansonsten eint, ist vielleicht das Paradox, Aufmerksamkeit haben zu wollen, aber zugleich auch nicht. Das führt oft zu einem riesigen Selbstbewusstsein, das einen von der echten Welt abschirmt. Das ist aber nicht nur hier so, die New-Sincerity-Bewegung geht ja in eine ähnliche Richtung, sie hatte auch einen großen Einfluss auf die jungen Autoren hier. Die meisten hier halten sich sehr nah an der Realität.
Es ist zwar ein bisschen pauschalisierend, aber man kann schon folgendes feststellen: Die niederländischen Autoren bevorzugen kurze Sätze, klare Aussagen, eine reduzierte Sprache, ganz nach dem Prinzip Show, don't tell. Die flämischen Autoren dagegen sind poetischer, blumiger, wilder. Vielleicht erklärt das auch den aktuellen Erfolg von Lize Spit, sie ist sehr experimentell, erfindet eigene Worte.

 

Welche aktuellen Titel würdest du deutschen Lesern empfehlen?

Auf jeden Fall Niña Weijers, De consequenties (erscheint im Herbst 2016 auf Deutsch bei Suhrkamp), das ist sehr interessant. Gut finde ich auch Marieke Rijneveld, eine noch sehr junge Lyrikerin, sie ist erst 21 oder so, ihre Gedichte sind sehr heftig und sehr gut. Und ich mag Kira Wuck, sie ist Halb-Finnin, schreibt aber auf Niederländisch, sie ist originell und hat ein Gespür fürs Absurde, ein bisschen in der Art des schwedischen Filmregisseurs Roy Andersson. Das gefällt mir.

 

 


0 Kommentare

SLAA: Wir machen unser eigenes Ding

Interview und Übersetzung: Hannah Zirkler

 

An diesem regnerischen Mittwoch bringt uns die Fähre hinter dem Amsterdamer Hauptbahnhof auf die andere Seite des IJs, nach Noord. Noch vor einigen Jahren war dieser Teil der Stadt eher trostloses Niemandsland, nun aber wird er besonders für junge Familien auf der Suche nach bezahlbarem, stadtnahen Wohnraum oder für kreative Köpfe immer attraktiver. Zu diesen Kreativen zählt auch das Literaturinstitut SLAA (Stiching Literaire Activiteiten Amsterdam). Bis vor 3 Jahren befand sich ihr Büro noch im Stadtzentrum, nun arbeitet das Team in einem schönen hellen Raum in einer der Häuser des Tolhuistuin in Noord.

 

Da wir vor dem Termin noch etwas Zeit haben, streunen wir ein bisschen durch die Gegend. Dieser Teil der Stadt erinnert uns stark an Hamburg-Wilhelmsburg, allerdings mit einigen hafencity-liken Neubauten am Ufer. Alles wirkt aber urban sympathisch und ist eine gute Abwechslung zur doch sehr verspielten Innenstadt.

 

Im Büro von SLAA treffen wir Daphne de Heer und Maya Shamir, die uns auf eine Kaffee ins gegenüberliegende Café einladen, das laut der beiden „very Berlin like“ ist. Kaffee in Omas Blumentässchen, selbstgebackener Kuchen und auch sonst herrscht eine sehr heimelige Atmosphäre. Ein perfekter Ort, um SLAA ein bisschen besser kennenzulernen:

 

Daphne, Maya, was ist SLAA?

Maya: SLAA ist ein Literaturinstitut, das literarische Programme in Amsterdam organisiert. Wir werden von der Stadt Amsterdam subventioniert und wollen die Literatur in der Stadt fördern. Besonders wollen wir Literatur für diejenigen zugänglich machen, die sich außerhalb der häufig doch recht elitären literarischen Kreise Amsterdams bewegen. Wir wollen ganz normale Menschen mit unseren Veranstaltungen erreichen, die sich normalerweise nicht für klassische Lesungen interessieren.

Daphne: Unser Hauptziel ist es, Literatur für jeden in Amsterdam zugänglich zu machen. Dies ist auch der Grund für unseren Umzug aus der Innenstadt vor zwei Jahren. Wir wollten weiter raus aus der Stadt, weil wir nicht nur für die Bewohner des Zentrums Veranstaltungen machen wollen. Die Elite, die sowieso schon viel liest und für die Literatur ein Bestandteil des Alltags ist. Viel interessanter ist es doch zu sehen, in welchen Vierteln der Stadt Literatur sonst noch Bedeutung haben kann. In Noord leben viele Alteingesessene und auch junge Leute, deren Bildungsniveau nicht dem der Elite Amsterdams entspricht, und genau denen wollen wir Literatur näherbringen. Deshalb laden wir Autoren, Musiker und auch Comedians hierher ein, um auch für sie Literatur greifbar zu machen.

 

Wie ist SLAA entstanden?

Maya: Das Institut existiert schon seit 35 Jahren und wurde im De Balie, einem ehemaligen Gefängnis in der Innenstadt, gegründet. 1982 suchte die Stadt nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für das Gebäude, und Politiker der Stadt wollten dort ein politisches und literarisches Zentrum gründen. Das politische Zentrum duften sie gründen, aber für das literarische Pendant wurde eine Organisation mit etwas mehr Expertise auf diesem Gebiet gesucht - und so entstand SLAA.

Daphne: SLAA war die erste Literaturorganisation dieser Zeit, die ein professionelles literarisches Programm in Amsterdam organisierte. Dieses Format inspirierte auch andere Städte, es ihnen nachzutun.

 

Und wer ist SLAA?

Maya: Wir sind zu viert und haben immer noch einen Praktikanten. Daphne ist seit 7 Jahren hier der Boss (lacht) und ich kümmere mich seit 3 Jahren um das Programm. Die anderen beiden kümmern sich um die Produktion und die Pressearbeit. Aber bei Veranstaltungen helfen wir alle zusammen.

 

Wie viele Veranstaltungen organisiert SLAA im Jahr?

Daphne: 40-45 Veranstaltungen machen wir in etwa pro Jahr. Wir bekommen von der Stadt ein für vier Jahre festgesetztes Budget von 180.000 Euro im Jahr und können damit unsere Veranstaltungen finanzieren. Alle vier Jahre müssen wir also einen Plan bei der Stadt einreichen, aber es ist nicht immer leicht, soweit im Voraus zu planen. Die Kulturförderung ist in den letzten Jahren etwas zurückgegangen, aber mittlerweile können wir wieder mit einem stabilen Budget rechnen.

Maya: Unsere Programme sind auch immer eine Koproduktion mit einem Veranstalter, so können wir uns die Kosten teilen. Da wir keine eigenen Veranstaltungsort haben, müssten wir ansonsten die Räume extra anmieten. Und auch für die Veranstalter ist das interessant, denn so haben sie einen weiteren Programmpunkt in ihrem Kalender, ohne sich darum kümmern zu müssen. Wir helfen uns also gegenseitig.

 

Und wie sieht euer Programm so aus?

Maya: Wir versuchen immer etwas Neues, natürlich haben wir auch einige Programmreihen, aber wir wollen weg von den klassischen Lesungen. So verbinden wir zum Beispiel Literatur mit Musik oder Theater oder veranstalten Lesungen mit einem ungewöhnliche Aufhänger. Vor kurzem war Karl Ove Knausgård bei uns und wir haben ihn einen Abend lang zur Musik in seinen Büchern befragt. Das Ganze wurde von einem DJ moderiert und am Ende der Veranstaltung meinte sein Agent zu uns, dass er Knausgård noch nie so viel hat lachen sehen bei einer Lesung. Wir bringen also immer einen spannenden Aspekt in eine Veranstaltung, wollen kein Standardformat und wissen so selbst oft im Voraus nicht genau, was passieren wird. Da kommt es natürlich immer auf das Publikum an und darauf, wie es reagiert.

Daphne: Für unsere Serien haben wir natürlich schon ein gewisses Format, aber sonst versuchen wir immer wieder Neues. Anders als in Deutschland funktionieren hier lange Lesungen nicht. Die Niederländer finden das langweilig. So wollen wir ihnen nicht mehr als 10-15 Minuten Lesezeit zumuten. Wir versuchen also, verschiedene abwechslungsreiche Elemente in eine Veranstaltung einzubauen, sie dynamisch und interaktiv zu gestalten. Sonst werden die Zuhörer einfach zu schnell abgelenkt und spielen mit ihren Smartphones herum. Früher war das auch hier noch etwas anders, aber das hat sich im Laufe der Generationen geändert und die Aufmerksamkeitsspanne ist nun deutlich kleiner als noch vor 10 Jahren. Das klassische Lesungsformat ist eher für ein älteres Publikum geeignet. Da wir aber alle Generationen ansprechen wollen, denken wir uns immer wieder etwas Neues aus.

 

Gibt es für SLAA eine besonders wichtige, große Veranstaltung im Jahr?

Maya: Eines der wichtigsten Events des Jahres ist für uns das internationale Literaturfestival Read my world. Drei Tage im Oktober stehen problematische Länder oder Regionen im Fokus. Im letzten Jahr waren es beispielsweise die Ukraine, Russland und Polen. Wir fragen gezielt literarische Organisationen in den Ländern an, diese schlagen geeignete Autoren vor und wir laden sie dann zu uns ein.

Daphne: Genau, die Ländern kuratieren so das Festival quasi selbst, denn sie kennen die interessanten Autoren, Sprecher und Personen ihres Landes einfach am besten. Oft gibt es auch ein bestimmtes Thema, das die Länder selbst mitbringen. So soll ein internationaler Dialog für das Publikum und zwischen den Ländern geschaffen werden.

 

Welche Veranstaltungsformen organisiert SLAA sonst noch?

Maya: Für noch unveröffentlichte Autoren gibt es jährlich den Debutantenbal. Dieser bietet Möglichkeit zum Austausch und soll wichtige Fragen beantworten. Außerdem wird ein Preis an das beste Debüt verliehen. Ganz allgemein wollen wir besonders frisch veröffentlichten Autoren immer Platz in unseren Veranstaltungen geben.

Daphne: Ja genau, das ist uns sehr wichtig. Ein besonders Format dafür ist die  Reihe vijf quarts (der Name bezieht sich auf die Dauer der Veranstaltung, also 75 Minuten). Junge Autoren können das Programm selbst gestalten, über sich selbst nachdenken und auch darüber, welche Fragen ihnen gestellt werden sollen. Wir wollen ihnen damit ein Gesicht und einen Name geben, umgeben von all den bekannten Autoren. So stellen wir sie auf das gleiche Level, wir machen keinen Unterschied zwischen jungen und alten Autoren. Wenn man junge Autoren immer anders behandelt als alte zieht man auch nur eine bestimmte Gruppe an Interessenten an, in diesem Fall wäre das ein eher junges Publikum. Gerade ist es besonders hip, neue, junge und frische Autoren zu präsentieren, was toll ist, aber ich finde es so viel spannender, ein bunt gemischtes Publikum zu haben. Und junge Autoren sind keine eigene Spezies im Zoo, sie sind nur Autoren, die zufällig noch jung sind.

 

Hat sich etwas verändert in der Zeit in der ihr für SLAA arbeitet?

Daphne: Seit Maya hier ist, essen wir viel mehr (lacht). Ich bin seit 7 Jahren bei SLAA und zu Beginn war das Lesungsformat noch sehr klassisch. Als ich für die Leitung angefragt wurde, wollte SLAA neue Programmformen einführen, was eine harte Aufgabe für mich war. Es dauerte eine Weile, so etwas kann man nicht über Nacht ändern, so etwas muss wachsen. Aber mit ein bisschen Geduld und Zeit und den richtigen Leuten im Team kann ich nun das Programm mache, dass ich immer wollte.

 

Was habt ihr vor SLAA gemacht?

Daphe: Ich war schon immer in der Buchbranche. Nach meinem Studium in niederländischer Literatur habe ich in Buchhandlungen und Verlagen gearbeitet und auch eine Weile als Freie. Das mag ich persönlich am liebsten, weil man so viele Freiheiten hat. Aber hier bei SLAA ist auch alles sehr frei. Seit meinem Studium hieß es also schon immer: Bücher, Bücher, Bücher. Und ich glaube, so sterbe ich auch mal (lacht).

Maya: Ich fing auch mit Büchern an. Daher kennen Daphne und ich uns auch. Eine Weile arbeitete ich auch für De Balie. Danach schlug ich eine ganz andere Richtung ein im Projektmanagement für das niederländische Institut für Design und Mode. Dann hieß es wieder: zurück zu den Büchern, und das wollte ich auch immer.

 

Hat der Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse irgendeinen Einfluss auf eure Arbeit?

Maya: Nein, nicht wirklich. Wir wurden für eine Projektzusammenarbeit angefragt aber da ging es eher um die Mitfinanzierung und so etwas machen wir nicht. Ganz allgemein versuchen wir uns, nicht zu sehr darauf zu konzentrieren, welche Themen-Woche gerade ist. In den Niederlanden gibt es fast jeden Monat ein bestimmtes Thema, wie zum Beispiel Philosophie, Kurzgeschichten, Kinderbücher, Thriller usw. Diese Themen sollen den Buchverkauf stimulieren. Verlage und Buchhändler konzentrieren sich immer sehr stark darauf und es gibt viele Veranstaltungen. Manchmal erwähnen wir natürlich das Thema auch, oder wir platzieren einen passenden Autor in unserem Programm, aber wir konzentrieren uns nicht wirklich darauf. Wir machen unser eigenes Ding.

***

 

Auf unserem kleinen Streifzug durch die Umgebung haben wir dieses nette „Leeshuis“ entdeckt. In diesem gemütlichen Häuschen kann jeder kostenlos in den Büchern schmökern, sich dazu einen Tee kochen und entspannen.

 

Da würden wir auch gerne mal ein paar gemütliche Lesestunden verbringen.

 

0 Kommentare

Wer spricht was wo? - Michiel Scharpé über Flandern, Sprachgrenzen und Pintje

Von Peter Reichenbach

 

"Die zwei Hauptsprachen sind Niederländisch und Französisch. Meine Geschichte will es, dass ich kein Niederländisch spreche. Ich habe ein wenig das Gefühl, in einer Stadt oder einem Land zu sein, dessen Sprache ich nicht verstehe, und das trotzdem mein Land ist. Das ist sehr paradox. Aber für einen Schriftsteller ist es sehr interessant, von einer fremden Sprache umgeben zu sein." (Der Französisch sprechende belgische Autor Jean-Philippe Toussaint in der Fernsehdokumentation "Europa und seine Schriftsteller - Belgien.")

Gastland der Frankfurter Buchmesse 2016 sind die Niederlande – und Flandern. Flandern? Richtig, auch der nördliche Teil Belgiens, Flandern, ist Teil des Gastlandauftrittes, weil dort bekanntermaßen ebenfalls Niederländisch gesprochen wird. 60% der Belgier, also der überwiegende Teil der Bevölkerung, sprechen Niederländisch, während 40% Französisch sprechen (Quelle). Belgien ist also nicht im eigentlichen Sinne zweisprachig, es ist vielmehr so, dass es zwei Landesteile gibt, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden.

 

Weil es in unserem Blog in den nächsten Wochen ja um Literatur gehen soll, interessiert uns die Sprache natürlich umso mehr. Jemand, der wissen sollte, wie Literatur in einem Land mit zwei Sprachen funktioniert, ist Michiel Scharpé vom flämischen Literaturfonds. Ich habe Michiel und seine Mitarbeiter im letzten Jahr in Antwerpen kennengelernt, und war begeistert von ihrem Wissen und auch von ihrem Charme, mit dem sie über Literatur sprechen können. Immer sehr emotional und sehr begeisterungsfähig.

 

Michiel Scharpé (*1979) studierte Literatur und Philosophie an der Universität von Leuven. Die letzten 10 Jahre arbeitete er für den Flemish Literature Fund in verschiedenen Funktionen. Einer seiner aktuellen Aufgaben ist es, Literatur aus Flandern im Ausland zu promoten.

 

Michiel Scharpé (c) Barbara den Ouden
Michiel Scharpé (c) Barbara den Ouden

PETER: Michiel, mein Lieblingscafé in Antwerpen ist De Duifkens, in dem wir beide auch schon gemeinsam waren. Deshalb, um das mit den Sprachen nochmal etwas besser zu verstehen: Wenn ich im De Duifkens auf Niederländisch ein belgisches Bier bestelle, dann bekomme ich natürlich eines. Und auf Englisch auch, das habe ich selbst schon ausprobiert. Was passiert, wenn ich es auf Französisch bestelle?

 

MICHIEL: Ha, du wirst natürlich auch ein Bier bekommen, wenn du es auf Französisch bestellst. Die meisten Leute in Flandern können zumindest ein wenig Französisch. Und wenn sie merken, dass du eine andere Sprache sprichst, werden sie versuchen, dich zu verstehen und ihr werdet eine gemeinsame Sprache finden, um euch zu verständigen. Ganz abgesehen davon war Antwerpen schon immer eine sehr international ausgerichtete (Hafen-)Stadt, die auch heute noch von vielen Touristen besucht wird. Ich würde wetten, dass du dein Bier sogar auf Deutsch bestellen könntest.

Quelle: Ministerie van de Vlaamse Gemeenschap (via Uni Münster)
Quelle: Ministerie van de Vlaamse Gemeenschap (via Uni Münster)

PETER: Und wie ist das im französischen Teil, sagen wir, in Mons?

 

MICHIEL: Ich schätze, dass kaum jemand aus Flandern im Französisch sprechenden Teil Belgiens Bier auf Niederländisch bestellen würde, also etwa in Mons. Ich selbst würde automatisch versuchen, französisch zu sprechen. Ein paar Kellner würden dich wahrscheinlich trotzdem verstehen, aber sicherlich nicht jeder. Das scheint sich gerade aber zu ändern. In Liège (Lütich) zum Beispiel, der zweitgrößten Stadt im französischsprachigen Teil Belgiens, verstehen immer mehr Kellner Niederländisch. Das liegt natürlich auch an der Nähe zu den Niederlanden, Maastricht ist gerade mal 35km entfernt.

 

PETER: Und in Brüssel?

 

MICHIEL: Brüssel ist ein Sonderfall. Brüssel liegt bekanntlich in der Mitte des Landes und ist offiziell zweisprachig.Aber natürlich sind einige Brüsseler französischsprachig und andere sprechen Niederländisch. Aber selbst dort werden dich die französischsprachigen Kellner verstehen, wenn du ein „Pintje“ bestellst.

 

PETER: Gibt es denn Anreize, beide Sprachen zu lernen? Wie ist das zum Beispiel in der Schule, müssen flämische Schüler beide Sprachen lernen?

 

MICHIEL: Ja. In der der Schule mussten wir Französisch lernen, das begann schon in der Grundschule und ging bis zur letzten Stufe. Aber obwohl Französisch länger auf dem Stundenplan stand als Englisch, sprechen die meisten Flamen meiner Generation Englisch besser als Französisch. Das liegt vor allem daran, dass wir weitaus mehr englischsprachige Medien, Kultur, Filme (die in Flandern im Original mit Untertiteln laufen) und Musik konsumieren als französische. Im französischen Teil Belgiens können die Schüler wählen, ob sie Niederländisch lernen, da es kein Pflichtfach ist.

 

Niederländisch war nicht immer die Amtssprache von Flandern.Vielmehr ist das das Ergebnis eines langen emanzipatorischen Prozesses. Französisch war für lange Zeit die Sprache der Eliten und der Oberschicht, auch in Flandern. Der bislang einzige belgische Gewinner des Literaturnobelpreises (1911) ist Maurice Maeterlinck, der aus Gent in Flandern stammte, dort aber in einer Französisch sprechenden Umgebung aufwuchs und entsprechend auch sein literarisches Werk auf Französisch verfasste.

 

PETER: Gibt es eigentlich ein belgisches und ein niederländisches Niederländisch?

 

MICHIEL: Diese Frage wird uns oft gestellt und führt immer wieder zu Missverständnissen, auch unter ausländischen Verlegern. Das Niederländisch Belgiens und das Niederländisch der Niederlande sind ein und dieselbe Sprache. Es ist die gleiche Grammatik, es gibt sozusagen nur ein Wörterbuch. Die Ausgabe eines Buches ist die gleiche für beide Länder, es gibt also NIEMALS zwei Ausgaben, in denen die Sprache angepasst würde. Also nicht so wie das zum Beispiel bei Portugal und Brasilien oder selbst UK und USA der Fall sein mag. Ein professioneller Übersetzer kann sowohl Bücher aus den Niederlanden als auch aus Flandern übersetzen. Aber: Es gibt natürlich Wörter und Ausdrücke, die typisch sind für bestimmte Landesteile. Und so gut wie jeder Muttersprachler wird sofort erkennen können, ob jemand aus Flandern oder den Niederlanden kommt.

 

 PETER: Ich verstehe. Es ist also vergleichbar mit Österreich und Deutschland. Man hört den Unterschied, es ist aber die gleiche Sprache.

 

MICHIEL: Gerade ist ein interessanter Roman erschienen, der die flämisch-niederländischen Unterschiede (auch auf sprachlicher Ebene) zum Thema hat. The Belgian Marriage von Marc Reugebrink, ein ehemaliger niederländischer Autor, der „konvertiert“ ist und jetzt in Gent lebt. Leider wurde der Roman bislang nicht übersetzt.

 

PETER: Und noch einmal technisch gesprochen, Bücher belgischer Autoren werden von Verlagen aus den Niederlanden oder Belgien veröffentlicht? Und gibt es dann automatisch auch eine französische Übersetzung für Französisch sprechende Belgier?

 

MICHIEL: Flandern und Niederlande sind ein und derselbe Buchmarkt, vergleichbar mit dem Französisch sprechenden Teil von Belgien und Frankreich. Es gibt also flämische Autoren, die bei niederländischen Verlagen erscheinen und andersherum genauso (auch wenn das seltener der Fall ist). Das bedeutet auch, dass Bücher flämischer Autoren nicht automatisch von einem französischen Verlag für den Süden Belgiens veröffentlicht werden. Es gelten hier einfach die Regeln das Marktes: Es muss sich ein Verlag der jeweiligen Sprache finden, der Interesse daran hat, ein Buch übersetzen zu lassen und es zu veröffentlichen. Und da macht es keinen Unterschied, ob die Sprache, in die es übersetzt werden soll, Französisch oder, sagen wir, Japanisch ist. Dazu kommt, dass die meisten Entscheidungen bezüglich Veröffentlichungen in Frankreich getroffen werden und nicht in Belgien.

 

Ein Beispiel: Einer der beliebtesten Prosaautoren in Flandern und den Niederlanden ist Tom Lanoye. Hier veröffentlicht er seine Bücher seit den Achtzigern, aber in Frankreich erscheinen sie erst seit 2011, publiziert von einem Verlag in Paris. Das führte zu der skurrilen Situation, dass sein Bestseller aus dem Jahr 1991 Kartonnen dozen (in Deutschland unter dem Titel Pappschachteln erschienen) Platz eins der Bestsellerliste im Französisch sprechenden Teil Belgiens einnahm – allerdings im Jahr 2013! Der letzte Roman aus Flandern, der das geschafft hat, war Mitte der Achtziger Hugo Claus’ Der Kummer von Belgien.

PETER: Und Jean-Philippe Toussaint zum Beispiel erscheint auf Französisch und auf Niederländisch?

 

MICHIEL: Jean-Philippe Toussaint wird auf Niederländisch veröffentlicht, aber nicht unbedingt, weil er Belgier ist. In Frankreich wird er von einem Verlag in Paris veröffentlicht und auf Niederländisch von einem Verlag in Amsterdam, übrigens der gleiche wie der von Tom Lanoye.

 

Grundsätzlich würde ich sagen, dass es viele Französisch sprechende Autoren aus Belgien gibt, die in Flandern besonders bekannt sind. Zu nennen wären Jean-Philippe Toussaint, Amélie Nothomb und vielleicht ein paar weitere, aber es gibt auch eine Reihe niederländischer Autoren, die ebenfalls in der Schule besprochen werden.

 

PETER: Gibt es Elemente, die Literatur aus Flandern besonders auszeichnet, vor allem im Vergleich zur Literatur aus den Niederlanden?

 

MICHIEL: Auch diese Frage wird uns häufig gestellt. Wie du weißt, ist es immer schwer, verallgemeinernde Aussagen über die Literatur eines ganzen Landes zu treffen. Es handelt sich schließlich immer um ganz indiduelle Bücher, die in ihrer Gesamtheit eine große Vielfalt repräsentieren. Oft wird gesagt, dass Flandern in seiner Geschichte häufig von fremden Mächten beherrscht wurde und wir es deshalb gewohnt sind, über Grenzen hinauszusehen und wir offen für neue Einflüsse sind. Autoren aus Flandern kennen ihre Vorgänger, lassen sich aber nicht von ihnen dominieren.

 

In dem berüchtigten Artikel aus dem Jahr 2006 „Die Belgier sind besser“, schreibt der Niederländische Kritiker Arjen Fortuin, dass zu Beginn des Millenniums eine ganze Generation von neuen, talentierten und vielversprechenden Autoren aus Flandern emporgekommen ist. Er sah zwei charakteristische Merkmale, die diese Autoren verband: ein großes Gespür für Sprache und Stil und eine einzigartige, kompromisslose Art zu schreiben.

 

Es gibt aber auch kulturelle und historische Unterschiede zwischen den Regionen, die sich in der Themenwahl und dem Setting der Bücher wiederfinden. Zum Beispiel: Die Niederlande sind vor allem protestantisch geprägt, Flandern hingegen katholisch. In den Niederlanden sind weitaus mehr Romane über den zweiten Weltkrieg erschienen (hier wurde von Nazi-Deutschland eine Zivilverwaltung eingesetzt, in Belgien eine Militärverwaltung), während in Flandern der Erste Weltkrieg das größere Thema ist (die Niederlande verhielten sich neutral, während durch Flandern die Frontlinie verlief). Vergleiche dazu auch unsere Broschüre, in der zeitgenössischer Titel über den Ersten Weltkrieg vorgestellt werden. Eine ganze Reihe davon wurden auch bereits ins Deutsche übertragen.

 

PETER: Für den Schwerpunkt der Buchmesse werden viele Bücher aus Flandern in Deutschland erscheinen. Welche dieser Bücher sollten deutsche Leser auf gar keinen Fall verpassen?

 

MICHIEL: Peter, was für eine schreckliche Frage, natürlich darf keines davon verpasst werden! Und ich lüge wirklich nicht. Ich habe beinah mit allen deutschen Verlegern gesprochen, die Bücher aus Flandern veröffentlichen werden. Mein Eindruck war, dass alle sehr wählerisch waren, genau überlegt haben und wirklich nur Titel veröffentlichen, an die sie wirklich glauben.

 

Besonders interessant finde ich, dass wir, im Vergleich zu 1993, als wir das erste Mal das Schwerpunktland der Buchmesse waren, eine ganz neue Riege Autoren und deren Bücher präsentieren werden. Unser Programm für den Schwerpunkt startet auch schon im März, zur lit.Cologne und der Leipziger Buchmesse. Zwei vielfach ausgezeichnete Autoren aus Flandern, die hier sehr bekannt sind, werden dort ihre Bücher erstmals in der deutschen Übersetzung präsentieren. Saskia de Coster - Wir und ich (Tropen), ein ironischer Gesellschaftsroman über eine verkorkste Familie, und Yves Petry - In Paradisum (Luftschacht), ein Roman der mit einem bizarren Fall von Mord und Kannibalismus beginnt, aber eine tiefgründige literarische Geschichte erzählt. Aber natürlich konzentrieren wir uns nicht nur auf Prosa. Es wird großen Wert auf Lyrik, Sachbuch, Kinder- und Jugendliteratur gelegt und auch Graphic-Novels werden eine Rolle spielen. Olivier Schrauwen (der übrigens in Berlin lebt) ist ein weltklasse Graphic-Novel-Autor, hoch gelobt von Art Spiegelman. Seine Graphic Novel Arsène Schrauwen (Reprodukt) ist wirklich ein beeindruckendes Buch, das auch im März vorgestellt wird.

 

Dies können natürlich nur Beispiele sein, es ist so schwer, nur einige der vielen Titel zu nennen, die 2016 erscheinen werden. Was es noch schwerer macht, man könnte genau so viele Autoren aus den Niederlanden nennen! Das Ehrengast-Team kommuniziert jetzt schon Neuerscheinungen und Veranstaltungen auf unseren Facebook- und Twitter-Seiten und bald auch auf der Webseite, sie wird eine große, lebendige Quelle an Informationen sein.

 

 

PETER: Und magst du mir zum Abschluss noch ein paar Klassiker nennen?

 

MICHIEL: Wenn du nach Prosa aus Flandern fragst: Als Die großen Drei werden in der Regel Hugo Claus, Louis Paul Boon und Willem Elsschot bezeichnet. Und ich bin froh, dass es für alle drei Neuübersetzungen geben wird, die dieses Jahr in Deutschland erscheinen werden. Hugo Claus‘ Opus magnum "Der Kummer von Belgien" (Klett-Cotta) hatte ich bereits erwähnt. Das am häufigsten übersetzte Buch aus Flandern ist Willem Elsschot’s herrliche Novelle Käse von 1933, die im April von Aufbau neu aufgelegt werden wird. Der Alexander Verlag in Berlin hat bereits im letzten Jahr Bücher von Louis Paul Boon veröffentlicht. In diesem Jahr veröffentlichen sie Mieke Maaike’s obscene jeugd (1972), das bisher noch nicht in Übersetzung vorlag. Es ist eine Parodie auf pornographische Novellen und ich bin sehr gespannt darauf, wie deutsche Leser darauf reagieren werden!

 

Es gibt natürlich weitaus mehr Klassiker zu entdecken. Im letzten Jahr haben wir zwei Broschüren namens Bookshelf Essentials“ veröffentlicht, die eine über interessante Klassiker aus Flandern (Flemish classical novels), und die andere über zeitgenössische Klassiker (Contemporary classics). Aktuell arbeiten wir an einer zur Kinderliteratur.

 

 

3 Kommentare

Amsterdam - Tag 1

Schon im Zug dran erinnert worden, was das für ein Wochenende ist: Alles voller Karnevalisten, auf dem Weg ins Rheinland. In Amsterdam vom Sturm fast weggeweht. Und die niederländischen Züge sehen alle aus wie traurige Hunde. Die Arbeitswohnungen bezogen (oh, was für eine Terrasse, wäre doch Sommer!). Osterglocken gesehen (alles voll!). Nochmal in eine Karnevalsveranstaltung geraten. Das neue Fahrrad bewundert und die Amsterdamer Radwege kennengelernt (und das Tempo, mit dem hier gefahren wird). Im Café Brecht und im Café Langereis gewesen, diverse Kuchen probiert, hervorragendes Roti in einer Plastikumgebung gegessen, beim Debutantenbal 2016 im De Balie nichts verstanden, aber jede Menge Gossip gehört - und auch schon das erste Fahrrad geklaut gekriegt. Na, das ging ja fix. Hello Amsterdam, wir mögen Dich auch, aber sei lieb, ja?

 

Heute nachmittag kommt schon der erste Besuch: Unser Autor Dorian Steinhoff, der uns hier für zwei Tage besuchen wird.

 

0 Kommentare