Blog 2014

"Keiner weiß mehr": Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium an Dorian Steinhoff

In Düsseldorf den "Kölner Stadtanzeiger" lesen: Kann man mal machen.
In Düsseldorf den "Kölner Stadtanzeiger" lesen: Kann man mal machen.

Am 22.10.2014 wurde Dorian Steinhoff im Literaturhaus Köln das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium verliehen. Zur Preisverleihung musste Dorian eine Rede halten, und "eine Rede halten", das ist auch für einen Autor keine leichte Aufgabe. Vor allem dann nicht, wenn man noch nicht einmal ein Buch des namenstiftenden Autors gelesen hat. Dorian hat sich also den einzigen Roman von Rolf Dieter Brinkmann* vorgenommen, "Keiner weiß mehr", und ein Lesetagebuch geschrieben - als Dankeschön an die Verleiher und als Hommage an Rolf-Dieter Brinkmann. Dieses Lesetagebuch gibts jetzt hier nochmal in voller Länge:

Keiner weiß mehr

Lesetagebuch von Dorian Steinhoff

 

„Fantasie macht die Gegenwart verständlicher, offener, gegen den Schmand der gelebten Formulierung.“ Rolf-Dieter Brinkmann


Vielen Dank, liebe Stadt Köln, dass Du mir mit diesem Preis Zeit und Raum für Fantasie ermöglichst. Danke.

               

Mittwoch, 15.10., 9:34 Uhr

Eine Woche Brinkmann lesen, den einzigen Roman, „Keiner weiß mehr“ und dabei aufschreiben, wie es ist. Das erscheint mir angemessen, um an diesen als Genie der BRD-Nachkriegsliteratur geltenden Dichter bei der Preisverleihung im Literaturhaus zu erinnern und gleichzeitig eine persönliche Auseinandersetzung zu liefern, mich mit seinem Text in ein Verhältnis zu setzen.

Hoffentlich gefällt mir der Roman, sonst könnte das hier ziemlich in die Hose gehen.

 

Donnerstag, 16.10., 23:03 Uhr

Ich trage Jogginghose und weißes Unterhemd. Ich höre Tom Waits, Mule Variations, liege auf dem Bett und beginne für heute die Brinkmann-Lektüre. Der Single Malt bleibt in der Küche, etwas muss immer fehlen, um genießen zu können.

Auf dem Umschlag meiner Ausgabe von „Keiner weiß mehr“ steht: „Brinkmanns Schriften formulieren das Lebensgefühl einer Generation, die der Faszination von Beat, Film und Mode erlegen ist.“ Nach meinem Eindruck, nach 38 gelesenen Seiten, müsste es passender „das Lebensgefühl einer Männergeneration, die der Faszination für Frauen, Brüste und primäre Geschlechtsteile erlegen ist“ heißen: Allerdings, welche Männergeneration kann sich davon freisprechen und welcher Klappentext davon, nicht die Wahrheit zu sagen. Es klingt übrigens so:


„Zwei ältere Männer, schweigend dicht nebeneinandergestellt vor den wannenförmig abgeteilten Porzellanbecken, starr aufgerichtet und einander etwas in den offenen Hosenschlitz mit den aus der Hose herausgezogenen steifen Stummeln zugedreht, ohne sich zu bewegen bis auf die kaum sichtbare zupfende Bewegung der Finger unten auf und ab, mit der sie vorsichtig die Vorhaut weich über den angeschwollenen Kopf und kranzartige Absetzung in steter Gleichmäßigkeit vor- und zurückschoben, […]“


Mal sehen, wie es weitergeht, von mir aus kann es so bleiben, ich bin passend gekleidet.

 

Freitag, 17.10., 15:23 Uhr

Bin gestern noch bis Seite 78 gekommen. Ich lese langsam, die Sätze sind bandwurmartig lang, Brinkmann erzählt alle Rahmenschilderungen in Nebensätzen und Einschüben. Außerdem scheint er pedantisch genau darauf bedacht gewesen zu sein, dass keine Formulierung, keine Beschreibung, am besten gar nichts vom Leser missverstanden werden könnte. Auf Ergänzung folgt Ergänzung, folgt Erklärung, folgt verdeutlichende Metapher, folgt hinten angesetztes Adjektiv, folgt noch ein Komma, irgendwann ein Punkt.


„Die anderen waren schon deshalb reizvoller, weil sie nicht seine Frau waren, keines der Mädchen dort drüben oder das Mädchen bei ihnen am Tisch, aber nicht nur deswegen in dem Moment für ihn hübscher als sie neben ihm und dann doch nur wieder deswegen, dachte er, als er nachher wieder mit ihr in der Wohnung war, zusammen im Badezimmer, müde verschwitzt, und noch etwas von ihr wollte, das, was er vorher im Musikkeller an den meisten anderen Mädchen mehr zu sehen geglaubt hatte, etwas anderes, mehr als eben an ihr, seiner Frau, die jetzt vor ihm am Waschbecken stand und das Gesicht vorgestreckt hielt […]“


Und so weiter. Der Punkt folgt erst eine halbe Seite weiter unten. Er macht mir das etwas zu oft so. Weil: eigentlich die ganze Zeit. Ach ja, es geht übrigens um Gerald und Rainer, Rainer hat Frau und Kind, das Kind ist sehr klein, ein Säugling, neugeboren, es kann noch nicht sprechen und Rainer ärgert das.


„[…] das Kind musste jetzt endlich sprechen lernen, es war schon so groß und konnte immer noch nicht richtig sprechen, kein Wort, nur Laute, naß gelallt, lala, lalalala, verseibert.“


Ich schweife oft ab beim Lesen. Es ist ein wenig so, als ob einem jemand in der Küche gegenübersitzt, ein näherer Bekannter, kein richtiger Freund, und ununterbrochen redet, richtig schwallt, Frau, Kind, Penis, Sperma, Tanzen, Schuhe im Schaufenster gesehen, diese alten Leute, Bürger, alle widerlich, die jüngeren: Kuscher. Und genauso, wie man sich so jemandem gegenüber sitzend ans Zuhören erinnern muss und ab und zu, Aufmerksamkeit versichernd nickt, „hmhm“ und „ja, verstehe“ sagt, so muss ich beim Lesen auch immer wieder an mich appellieren: Aufpassen jetzt. Das ist nämlich alles andere als geschwätzig, diese Prosa, das ist richtig gut, das groovt, das hat Beat und ein wahnsinniges Tempo. Man merkt das, wenn man Passagen laut vorliest.

Wie Brinkmann es schafft, zu artikulieren, wie sich ein Erlebnis in dem Moment anfühlt, in dem man es erlebt, an den besten Stellen sogar nur mit sprachlichen Mitteln spiegelt, wie man erlebt, wie unbegreiflich die erlebte Gegenwart ist, wie er das hinkriegt, das ist schon ziemlich gut. Ich verstehe nur nicht, warum er im Präteritum schreibt. Präsens wäre passender.

 

Samstag, 18.10., 23:26 Uhr

Reaktionen vom Menschen, denen ich Passagen vorgelesen oder zum Lesen hingehalten habe:


A: „Boah ey, da hab ich nach drei Zeilen schon kein Bock mehr. Vielleicht bin ich aber auch schon zu müde.“

B: „Gefällt mir gut.“

C: „Also, zum Literarischen Sommer hätte ich den nicht eingeladen.“

 

Sonntag, 19.10., 13:13 Uhr

Im Feuilleton der Wochenend-SZ feiert Jens-Christian Rabe den inszenierten Dokumentarfilm „20.000 Days on Earth“ von und über Nick Cave. Er ist ganz aus dem Häuschen, ich werde diesen Film auf jeden Fall anschauen, wollte ich aber auch schon, bevor ich den Artikel gelesen hatte. Jedenfalls, er zitiert aus dem Film, Cave sagt wohl: „Wer kennt schon seine eigene Geschichte? Sie ergibt gewiss keinen Sinn, während wir sie erleben. Da ist nur Chaos und Geschrei. Es wird erst eine Geschichte, wenn wir sie uns wieder und wieder erzählen.“

Ungefähr nach diesem Prinzip funktioniert „Keiner weiß mehr“. Brinkmann wusste genau wie Cave, dass das Jetzt ein großer Matsch ist, zusammengesetzt aus Chaos und Geschrei, aus unzähligen Sinneseindrücken. Überblicken können wir nur, was wir von ihm erzählen, uns selbst und allen anderen. Die Eindrücke denkend und redend ordnen. Dieser Matsch ist dann trotzdem in allem, in unseren Wörtern und Gedanken, sie sind aus ihm gemacht; und wie wir damit umgehen, welche Geschichten wir erzählen und ob wir sie aufrichtig erzählen, davon hängt ab, welche Spuren sie auf unseren Gesichtern zurücklassen, davon hängt ab, wer wir sind. Gerald und Rainer kämpfen sehr um Spuren der Schönheit. Und scheitern natürlich ständig.

Letzte gelesene Szene: Ein Streit zwischen Rainer und seiner Frau. Die Dramaturgie einer Stellvertreter-Auseinandersetzung. Es geht um gar nichts, da ist kein akuter Konflikt und trotzdem geht es natürlich um alles, um all das, was nicht aussprechbar ist, weil es ausgesprochen das Ende bedeuten würde, und das Ende, das ist noch schlechter zu ertragen als der Streit. Es ist die pure Verzweiflung. Also schreit Rainer, er schreit: „Hau ab!“ und dann muss er lachen und weiß am Ende gar nicht mehr, warum sie gestritten haben, und so sitzen sie dann erschlafft und mutlos am Küchentisch. Brinkmann lässt sie da einfach sitzen, zu zweit, alleine und beschmutzt, vor und von der Unfassbarkeit der Welt. Groß!  

 

Sonntag, 19.10., 17:31 Uhr

Ich würde gerne mehr prägnante Zitate aus „Keiner weiß mehr“ in das Lesetagebuch einflechten, aber es geht nicht, die Sätze sind zu lang. Ich habe ein Platzproblem, würde ich dem Primärtext den Raum einräumen, den ich brauche, könnte ich alles andere gleich weglassen und einfach ein paar Gedichte rezitieren. Einfacher und zeitsparender wäre es allemal.

 

Montag, 20.10., 23:09 Uhr

Habe heute bisher nur zehn Seiten im Zug gelesen, auf dem Weg nach Köln. Ob Rainer jetzt getrennt von seiner Frau lebt oder es sich nur vorgestellt hat, weiß ich nicht, ich habe es nicht mitbekommen. Vermutlich habe ich die Stelle überlesen, als neben mir gleichzeitig drei Leute telefonierten.

Voller Tag heute. Interview- und Foto-Termin, danach die neue Kolumne für den SWR einlesen. Zurückfahren, Erledigungen, Mails abarbeiten, Buchhaltung 3. Quartal 2014. Morgen lobt mich mein Steuerberater. Ich habe fast vergessen zu essen. Brinkmann hätte an meiner Stelle jetzt wahrscheinlich schlechte Laune. Ich bekomme einen Schnupfen.

Ich werde versuchen noch ein bisschen weiterzulesen.

 

Dienstag, 21.10., 0:18 Uhr

Hat nicht geklappt. Ich musste telefonieren, einem wichtigen Freund geht es im Moment nicht so gut.

 

Dienstag, 21.10., 13:26 Uhr

Den Vormittag schon wieder mit Büroarbeit verbracht. Der Oktober ist immer ein fieser Monat. Jedes Jahr, es läuft immer gleich: Unglaublich viele Termine. Und gleichzeitig muss man schon die Konzepte, Verträge, Anträge und Bewerbungen für das erste Halbjahr des Folgejahres erdenken, schreiben und wegschicken. Jetzt muss ich zu einem Interview mit einer Redakteurin von WDR5 Scala. Heute Abend dann eine Lesung in Dortmund. Und bei all dem habe ich dieses miese Gefühl im Rachen, mit dem sich eine Erkältung ankündigt. Durchhalten. Im Zug weiterlesen.

 

Mittwoch, 22.10., 13:11 Uhr

Heute. Preisverleihung. Und es nimmt kein Ende, E-Mail, Anrufe, Stress. Und was ziehe ich nachher eigentlich an? Habe gestern im Zug kaum weitergelesen, bin zwei Mal eingeschlafen, und richtig hochgeschreckt, als der Zug in Bochum hielt. Ich hatte Kopfweh und vielleicht schon etwas Fieber. Dabei wird es grade richtig gut, die Auseinandersetzung zwischen Rainer und der Frau, die Schilderung einer großen Beziehungskrise nach der Geburt des ersten Kindes. Gefällt mir sehr gut. Obwohl ich immer noch nicht verstehe, warum Brinkmann der Sprache so misstraut. Alles ist durchzogen davon, das ganze Buch kann man als großen Kampf gegen die Ungenauigkeit der Sprache lesen, dagegen, nicht sagen zu können, was man sagen will und muss. Für den Leser ist das anstrengend, als ästhetisches Konzept für Prosa ist es sehr interessant. Den ganzen sprachskeptischen Lyrikern würde das sicher sehr gut gefallen. Ich werde Tristan morgen in München davon erzählen.

Von der lieben Veranstalterin in Dortmund bekam ich ein pflanzliches Mittel zur Aktivierung der Abwehrkräfte und Erkältungstee. Ich scheine durchzuhalten.

 

Mittwoch, 22.10., 16:42 Uhr

Ich habe es nicht geschafft. Ich habe nicht geschafft „Keiner weiß mehr“ in einer Woche zu lesen und darüber zu schreiben. Es war einfach zu wenig Zeit. Vielleicht bringt mich das Brinkmann aber auch so nah, wie es überhaupt geht. Hatte er doch wirklich viel zu wenig Zeit für alles. Viel zu wenig Zeit.


*Rolf Dieter Brinkmann (* 16. April 1940 in Vechta; † 23. April 1975 in London). Ab 1962 in Köln. Wir alle im mairisch Verlag sind große Brinkmann-Fans und empfehlen neben dem Roman "Keiner weiß mehr" unbedingt auch die Materialbände "Rom, Blicke" und "Schnitte" sowie seine Lyrik "Piloten" und "Westwärts 1 & 2". Alle Bücher sind im Rowohlt-Verlag erschienen.


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"Albuquerque" - Fotos zu den Geschichten

Gerade ist Florian Wackers Debüt "Albuquerque" erschienen - zu den einzelnen Geschichten haben er und die Fotografin Melina Mörsdorf Fotos gemacht, die die Stimmung der Texte perfekt einfangen.

 

Das Buch enthält 14 Geschichten, kostet 16,90 Euro und ist in richtig schönes Leinen gebunden, mit Lesebändchen.

-> Bestellbar hier im Webshop

Serpentinen
"Am nächsten Abend kamen wir wieder. Wir standen im Wasser eine Weile nebeneinander und beobachteten, wie sich unsere Schwänze zu kleinen Schnecken kringelten."


Transit

"Er wusste nicht, ob ihn ein besseres Leben erwartete, aber er wollte es glauben. Jetzt musste er daran glauben."


Muffe

"Ich denke, dass Muffe mein Freund gewesen ist. Vielleicht nicht der allerbeste, vielleicht nicht der, mit dem ich jeden Scheiß hätte durchziehen können, aber er war ein Freund, das steht für mich fest."


Spieltag

"Es würde wie ein Rausch sein, ein kurzer, heftiger Schock. Vielleicht wie in einem Traum, aus dem man verstört erwacht und glücklich darüber ist, es überstanden zu haben."


Terrakotta

"Schweigend saßen sie sich gegenüber in dem großen, unbewohnten Haus und lauschten dem regen und den Geräuschen des abfließenden Wassers in den Rinnen und Rohren. Alex knetete den Ball, dann ließ er ihn zu Kolb rollen, und Kolb rollte ihn zurück."


Die Geräusche der Nacht

"Er schnitt zuerst ins Fell an den Hinterläufen, und das Geräusch des schneidenden Messers erinnerte Keitel an etwas Zartes, an Luises Atmung, an Christines Herzschlag, wenn sie vor dem Fernseher eingeschlafen war."


Kluge Köpfe

"Georg schwieg. Er hatte in den Jahren gelernt, die Klappe zu halten und sie reden zu lassen. Er glaubte, das war das Einzige, was er für sie tun konnte."


Budde

"Er blieb vor dem Spiegel stehen, starrte in ein bleiches, fröstelndes Gesicht. Überall war Schnee. Seine Fäuste wurden blau. Seine Fäuste wurden zu Eis."


Albuquerque

"Ron hatte sich zurückgelehnt, und wie er so dasaß und mich ansah, war er nur irgendein müder Arbeiter in einem Diner, ein Mann, der die besten Jahre hinter sich hatte und nicht so recht wusste, was er mit den verbliebenen noch anfangen sollte."


Container

"Er hatte keine Angst mehr, er sah auch nicht mehr hinüber zu den Jungs, sondern ließ seinen Blick hinauf in den schmalen Streifen Himmel wandern, von wo die Stimmen zu ihm herunterkamen."


Andy

"Einige von uns wichen zurück, anderen blieben wie erstarrt am Beckenrand sitzen und ließen das Wasser auf sich herabregnen. Anmutiger und melodiöser hatten wir bis dahin niemanden eine Arschbombe ins Dahlenberger Becken springen sehen."


Weiß

"Sie dachte wieder an das schmale Gesicht des Toten, an das Summen der Lüftungsrohre, dachte daran, wie stolz sie gewesen war, als sie sich zum ersten Mal das Schild mit ihrem Namen und ihrem Bild an die Dienstkleidung geheftet hatte. Jetzt gehöre ich dazu, hatte sie gedacht, jetzt bin ich eine von ihnen."


Solar

"Sie schauen hinüber, die Kinder verstummen, jemand steht in den Wellen und kratzt sich am Hintern. Alle Nackten schauen jetzt hinüber, es ist ein besonderer Moment, das wissen sie. Doris legt einen Arm um ihn. So sitzen sie dicht nebeneinander und beginnen zu frieren. Es wird nicht dunkel, es wird alles schwarz."

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Alles eine Frage des Stils? - Eine kleine Reise in die 140-jährige Vergangenheit des Sportkletterns

von Eva Hammächer

»Deine Leistungen im Klettern sind weit weniger bedeutend als das, was du in diesem Entwicklungsprozess lernst – nicht was, sondern wie du etwas kletterst, zählt!«(Fussnote 1) - Lynn Hill

Klettern ist eine der archaischsten Bewegungsformen überhaupt. Seit Jahrtausenden steigen Menschen auf Berge, erklimmen Felswände und tun dies bis heute. Auch wenn die Faszination für die Berge über die Jahre nicht spurlos an diesen vorüberging, so stehen die hohen Wände heute noch weitestgehend unverändert da. Gewandelt haben sich jedoch über die Jahrzehnte Motive, Regeln, Stile und Spielformen, sich diesen Wänden zu nähern. Dieser philosophische Unterbau des Kletterns unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel und spiegelt somit immer auch den Geist der jeweiligen Zeit. Und da es im Wesen des Menschen liegt, sich ständig weiterzuentwickeln, wurden im Laufe der vergangenen Jahrzehnte an den Felswänden dieser Welt unzählige persönliche Berge versetzt – von denen einige zu Meilensteinen des Klettersports geworden ­sind. ­

Der Weg ist das Ziel!

Bergsport hat viele Facetten: Sie reichen vom einfachen Bergwandern bis hin zu Expeditionen auf die höchsten Gipfel dieser Erde. Im Fokus dieser kleinen Reise in die Vergangenheit steht jedoch eine eher junge Spielform des Bergsports: Die des Frei- bzw. Sportkletterns. Wird die Geburtsstunde des Alpinismus bereits im 14. Jahrhundert verortet, als der italienische Dichter Petrarca 1336 erstmals den Mont Ventoux aus reinem Selbstzweck bestieg, so führt die Suche nach der Wiege des Freikletterns auf direktem Wege ins Elbsandsteingebirge des 19. Jahrhunderts. Im klassischen Alpinismus war noch der Gipfel das Ziel und der Fels nur eines von vielen zu überwindenden Hindernissen. Für die sächsischen Freikletterer wurde erstmals der Weg zum Ziel und die Schlüsselstelle zum neuen Gipfelkreuz. Mit der Besteigung des Matterhorns 1865 endete das Goldene Zeitalter des Alpinismus. Wichtiger als die Frage, wo man hinaufgestiegen ist, wurde von nun an die Frage, wie man dort hinaufgekommen war.

Das Elbsandsteingebirge: Wiege der Freikletterkultur

Die imposanten Türme des sächsischen Elbsandsteingebirges zogen die Menschen schon früh auf ihre Gipfel. 1864 erklomm eine Turnergruppe aus Bad Schandau den Falkenstein – erstmals in der Geschichte des Kletterns aus rein sportlichen Motiven. Sie verwendeten jedoch noch künstliche Hilfsmittel wie Leitern. Aus diesem Grund gilt die Besteigung des Mönchsteins im Jahre 1874 durch Otto Ewald Ufer und seinen Begleiter H. Frick als die eigentliche Geburtsstunde des Freikletterns. Die beiden verzichteten bewusst auf Hilfen wie Steigbaum, Leiter oder Spitzhacke. Technische Hilfsmittel durften nur zur Sicherung und nicht zur Fortbewegung eingesetzt werden. Eine Route musste nach dieser neuen Ethik nur durch die eigene Körperkraft bewältigt werden. Auch der österreichische Alpinist Paul Preuß plädierte in seinen 1911 niedergeschriebenen Klettergrundsätzen für einen Verzicht auf künstliche Hilfsmittel bei der Besteigung eines Berges und war damit ein weiterer geistiger Vater des Freikletterns.


Der sportliche Ehrgeiz an den sächsischen Felsen wuchs, und um die Leistungen vergleichen zu können, entstanden erste Spielregeln und eine erste Schwierigkeitsskala: 1893 stellte der Sachse Oscar Schuster seine dreistufige Schwierigkeitsskala vor. Zwanzig Jahre später veröffentlichte der Jurist Rudolf Fehrmann mit der zweiten Auflage seines Kletterführers für die Sächsische Schweiz verbindliche Kletterregeln, die den Verzicht auf künstliche Hilfsmittel zur Fortbewegung am Fels festschreiben: Geklettert werden durfte demnach nur an natürlichen Haltepunkten; Veränderungen an der Felsoberfläche und das Schlagen von Sicherungsringen (außer bei Erstbegehungen) waren nicht erlaubt. Mit geringfügigen Veränderungen gelten diese Regeln im Elbsandstein bis heute. Mit einem sehr strengen Regelwerk (kein Magnesia, keine mobilen Sicherungsgeräte, Klettern nur an frei stehenden Türmen …) und einer eigenen Bewertungsskala nehmen die Sachsen bis heute eine Sonderstellung ein.

Die revolutionären Siebziger: Freies Klettern und freie Liebe im Yosemite

Eine zentrale Figur im Elbsandstein war der Dresdner Bergsteiger Fritz Wiessner. Ihn zog es im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 in die USA, wo er das sächsische Gedankengut in den amerikanischen Klettergebieten verbreitete. Damit legte er den Grundstein für die Entwicklung des Freikletterns im kalifornischen Yosemite Valley, in dem in den Siebzigern Klettergeschichte geschrieben wurde. Dominierten hier in den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch technische Klettereien an den majestätischen Big Walls von Half Dome oder El Capitan durch Protagonisten wie Royal Robbins oder Warren Harding, so entwickelte sich in den Siebzigerjahren auf dem legendären Zeltplatz Camp 4 eine eigene lebendige Hippie-Szene, die einen lockeren Lebensstil kultivierte und von der Hand in den Mund lebte. Das bürgerliche Establishment betrachtete die Aussteiger auf Zeit mit Skepsis: Kletterer galten »als Spinner und Psychopathen. Ihr Lebenswandel muss den meisten Uneingeweihten in der Tat seltsam vorgekommen sein. Immer wieder hängten sie Jobs und Karrie­ren an den Nagel, nur um ins Valley zu ziehen und dort zu klettern.« (FN2)


Einer der Camp-Protagonisten, John Long, erinnert sich: »Während der Siebzigerjahre stand das Camp 4 für alles, was illegal war – inklusive seiner Bewohner. Den ganzen Sommer über ließ sich nicht ein einziger Ranger blicken. Sie hatten etwas Besseres zu tun, als ein Lager voller Penner zu durchstöbern. Penner, die nichts anderes im Hirn hatten, als herumzulungern und zu klettern. Oft wurde es sogar als das Lager der Aussätzigen bezeichnet. Wer die Ausrüstung, das Nervenkostüm und keine Zukunft hatte, gehörte dazu.« (FN3) Mit langen Haaren, Stirnband, weißen Marinehosen oder abgeschnittenen Jeans und nacktem Oberkörper dis­tanzierten sie sich von den Kniebundhosen und roten Kniestrümpfen der traditionellen Bergsteiger. Mit ihrem Lebens- und mit ihrem neuen Kletterstil verkörperten sie die Werte der Achtundsechziger-Generation, Freiheit und Individualität, bis zur Perfektion.


So easy-going ihr Lebenswandel jenseits der Felswand war, so leistungsorientiert und konkurrenzbetont waren sie, wenn es um das Durchsteigen von Routen ging. Auch den deutschen Alpinisten Reinhard Karl zog es zusammen mit Helmut Kiene in den Siebzigern ins Tal. Er beschrieb Leben und Tagesablauf der Camp-Bewohner folgendermaßen: »Jeder hier nimmt irgendeinen Stoff, um high zu werden, mindestens Marihuana. Die meisten verbringen hier den ganzen Sommer. Faul sein ist hier eine wesentliche Voraussetzung, um ein guter Kletterer zu werden. Die fünf Lebensregeln, mit denen sie den Tag knacken, sind in der Reihenfolge der Wichtigkeit: 1. Klettern, 2. Sonnenbaden, 3. Essen, 4. Drogen, 5. Frauen. Das Wort Arbeit kommt nicht vor.« (FN4) Die beiden Alpinisten reimportierten den Freiklettergedanken nach Europa und kletterten 1977 mit den Pumprissen am Fleischbankpfeiler im Wilden Kaiser die erste frei gekletterte Route im siebten Grad in den Alpen. Damit sprengten sie die seit 1923 geltende sechsstufige Welzenbach-Skala, die bis dahin den oberen sechsten Grad als absolute Grenze des Menschenmöglichen vorsah. Ein Jahr später wurde die Skala den Realitäten angepasst und nach oben geöffnet. Die Amerikaner waren in dieser Hinsicht fortschrittlicher und hatten schon früher ein nach oben offenes Bewertungssystem.
Die neue Kletterer-Generation im Yosemite ließ einfach die Ethik des Technokletterns mit künstlichen Hilfsmitteln hinter sich und pushte dafür die Limits – bewaffnet mit Chalk, den neuen EB-Kletterschuhen mit Reibungssohle, Nylon- statt Hanfseilen, Hüftgurt statt Alpinisten-Kombigurt und den von Royal Robbins und Yvon Chouinard aus England importierten Nuts – speziellen Klemmkeilen für Risse. Galt zuvor die Devise »Auf keinen Fall stürzen!«, stieg mit der materiellen Aufrüstung die Sturzbereitschaft und damit auch das Kletterniveau. Die Freikletterrevolution hatte Einzug gehalten. Der Onsight war das höchste Gut, das Ausbouldern von Routen dagegen Betrug. Stürzte man, wurde man zum Boden abgelassen und musste wieder von vorne anfangen (Yo-yo-ing). Mitte der Siebziger kam es zu einer wahren Leistungsexplosion im Yosemite. Die herausragenden Leitfiguren im Valley waren zu diesem Zeitpunkt Ron Kauk und John Bachar. Kauk eröffnete und kletterte die schwierigsten Routen im Valley, darunter den weltberühmten Boulder Midnight Lightning (Fb 7b+, 1978) am Columbia Boulder mitten im Camp 4. Auf sein Konto geht auch die Route Separate Reality (8+, 1977), ein spektakuläres, sechs Meter ausladendes Rissdach, 200 Meter über dem Boden, das damals nicht nur eine der schwersten Routen der Welt war, sondern Ausdruck einer neuen Klettergeneration. Bachar machte vor allem mit spektakulären Free-Solo-Aktionen auf sich aufmerksam. Beide zusammen trieben das Schwierigkeitsniveau innerhalb kurzer Zeit bis in den neunten Grad (UIAA).


Die Siebziger in Deutschland: Ein roter Punkt erobert die Welt

Auch in Deutschland war der Klettersport mittlerweile aus dem Dornröschenschlaf erwacht: Kurt Albert reiste 1973 ins Elbsandstein, wo Bernd Arnold zu der Zeit die Szene unangefochten dominierte. Angesichts des dort vorherrschenden hohen Niveaus kam Albert zu dem Schluss, dass das technische Klettern langfristig in eine Sackgasse führen musste. Daraufhin versuchte er, bis dahin technisch gekletterte Routen in seiner Heimat im Nördlichen Frankenjura frei zu klettern. Ab 1975 markierte er jede Route, die er frei begangen hatte, mit einem roten Punkt: »Ein roter Punkt am Beginn eines Kletterweges oder einer Variante bedeutet, dass es möglich ist, den Anstieg ohne Benutzen der Haken als Griffe oder Tritte oder Benutzen sonstiger Hilfsmittel, die der Schwerkraft entgegenwirken, in freier Kletterei zu bewältigen.« (FN6) Anders als beim a.-f.-Stil (a. f. = alles frei) der Sachsen durfte jedoch nicht an den Sicherungspunkten geruht werden. Der rote Punkt revolutionierte die gesamte Freikletterszene und trieb das Kletterniveau weiter nach oben: Bereits 1977 hatte Kurt Albert mit den Routen Osterweg und Der Exorzist im Frankenjura das Tor zum unteren achten Grad aufgestoßen – auch wenn es diesen Schwierigkeitsgrad in der Bewertungsskala zu diesem Zeitpunkt offiziell noch gar nicht gab.

Die Achtziger: Generation X

Die Achtzigerjahre waren nicht nur in modischer Hinsicht herausragend: So reisten Kurt Albert und der Pfälzer Wolfgang Güllich Ende der Siebziger ins Elbsandstein und ins Yosemite, um dort in den damals üblichen hautengen Leggings die schwierigsten Routen zu bezwingen. Das im Tal vorherrschende Leistungsniveau beeindruckte die beiden nachhaltig und inspirierte sie zu systematischem Training: In ihrer Wohnung in Oberschöllenbach richteten sie sich eine kleine Folterkammer mit Hanteln, Reckstangen, Leisten und Griffbrettern ein. »Viel hilft viel!«, lautete die Devise. »Morgens um 9 Uhr zogen wir 200 Klimmzüge, danach gingen wir acht Stunden an die Felsen und zogen am Abend nochmal 200 Klimmzüge. Das führte ziemlich konsequent zum Übertraining« (FN7), erinnert sich Kurt Albert. Die Schwierigkeitsgrade fielen wie Dominosteine, die liberalere Kletterethik im Westen Deutschlands führte dazu, dass die Amerikaner und auch die Sachsen schnell ihre Vormachtstellung verloren: 1981 kletterte Kurt Albert mit Sautanz an den Oberen Gößweinsteiner Wänden die erste Route in Deutschland im unteren neunten Grad. Im gleichen Jahr reiste die internationale Kletterelite nach Deutschland zum Konsteiner Kletterfestival, dem »Woodstock des deutschen Kletterns« (FN8), um die härtesten Routen im Frankenjura zu knacken, darunter Chasin the Trane am Krottenseer Turm, mit glatt neun die damals schwerste Route im Frankenjura. Kurz darauf bekam Güllich Besuch von dem schillernden Briten Jerry Moffatt, der mit The Face im Altmühltal die erste Route im unteren zehnten Grad weltweit kletterte. Auch Frankreich entwickelte sich – auch aufgrund seiner liberaleren Kletterethik – in den Achtzigern zu einer der führenden Sportkletternationen. Protagonisten wie Patrick Edlinger, die Gebrüder Le Menestrel oder Catherine Destivelle hinterließen ihre Spuren in den historischen Gebieten Buoux, Céüse oder dem Verdon, wo damals die schwersten Routen Frankreichs entstanden.


In den kommenden Jahren sorgte jedoch vor allem einer dafür, dass die Grenze des Menschenmöglichen immer weiter nach oben verschoben wurden: Ausnahmetalent Wolfgang Güllich. 1984 kletterte er mit Kanal im Rücken im südlichen Frankenjura die erste Route im glatten zehnten Grad, getoppt von Punks in the Gym (10+) am Mount Arapiles in Australien ein Jahr später. Aufsehen erregte auch seine Free-Solo-Begehung von Ron Kauks Separate Reality im Jahre 1986. Mit Wallstreet eröffnete er 1987 am Krottenseer Turm erstmals den unteren elften Grad. Den Höhepunkt seiner Kletterkarriere bildete aber der Durchstieg der von Milan Sykora am Waldkopf im Krottenseer Forst eingebohrten Route Action Directe im Jahre 1991, dem ersten glatten Elfer weltweit – nach elf Tagen am Fels und monatelangem Fingerloch-Training am Campus-Brett. Ein Jahr später verstarb Güllich tragisch an den Folgen eines Autounfalls. Er war einer der besten und einflussreichsten Kletterer seiner Zeit und wurde zur Ikone einer ganzen Generation. Er war die Inkarnation des Sportkletterns der Achtzigerjahre und schaffte es quasi im Alleingang, das internationale Kletterniveau innerhalb eines Jahrzehnts um zwei Schwierigkeitsgrade anzuheben. Für ihn wie für viele seiner Sparringspartner waren jedoch Kletter-Philosophie, Ethik und Trainingslehre mindestens genauso wichtig wie das eigentliche Klettern. In zahlreichen Aufsätzen und Artikeln schrieben Güllich und seine Zeitgenossen ihre Auffassung vom High-End-Klettern nieder. Eine derartige theoretische Durchdringung des Klettersports durch die Haupt-Protagonisten sollte es danach so nicht mehr geben.

Die Neunziger: Generation Plastik

In den Neunzigern bereicherten Leggings in schrillen Farben die Klettergebiete – und nicht nur die, denn neben Tennishallen schossen nun auch Kletterhallen wie Pilze aus dem Boden. Der Bau künstlicher Kletteranlagen seit Mitte der Achtzigerjahre schuf völlig neue Trainingsmöglichkeiten und legte den Grundstein für eine neue Entwicklung im Klettersport: Klettern wurde zum Breitensport und hielt Einzug in die Gesellschaft. Aus einem Haufen Freaks bildete sich ein sportlicher Trend: Die Hallen zogen eine breitere Zielgruppe an, die sonst nicht unbedingt den Weg an den Fels gefunden hätte. Der Sport wurde immer populärer und professioneller und ließ auch die Bergsportindustrie auf den rasant fahrenden Zug aufspringen. Es entstanden neue Kletter-Marken, die Ausrüstung wurde immer leichter, bequemer und sicherer.

Durch gezielte Trainingsmöglichkeiten zu jeder Zeit und bei jedem Wetter konnte die Kletterelite ihr Niveau weiter steigern, was als logische Konsequenz die ersten Kletterwettkämpfe nach sich zog – anfangs noch am Fels, dann am Plastik: 1987 wurden Lynn Hill und Stefan Glowacz an den Felsen von Arco zu den ersten Rockmastern gekürt. 1991 fand in Frankfurt – mittlerweile an der Kunstwand – die erste Sportkletter-WM statt, aus der der Franzose François Legrand als erster Weltmeister im Leadklettern hervorging. Ab 1989 fanden erste Kletterweltcups im Leadklettern statt und ab 1998 auch in den Disziplinen Bouldern und Speed.


Vor allem das Bouldern, das seilfreie Klettern in Absprunghöhe, erfuhr in den Neunzigern eine explosionsartige Entwicklung und wurde von einer Trainingsform zu einer eigenständigen Kunstform. Seine Ursprünge reichen bis in die Zwanzigerjahre in die Wälder von Fontainebleau zurück, wo die sogenannten Bleausards die dort verstreuten Sandsteinblöcke bestiegen. Maßgeblich entwickelt wurde der Sport aber vor allem in den Fünfziger- und Sechzigerjahren durch den Amerikaner John Gill, den Vater des modernen Boulderns. Er übertrug Techniken und Trainingsmethoden des Turnens auf das Klettern und machte dynamische Züge salonfähig. In den Neunzigern entwickelte sich eine eigene Boulder-Szene, die man nicht nur an ihren Crashpads erkannte, sondern auch an den weiteren Hosen, Daunenjacken und der Tatsache, dass auch bei hochsommerlichen Temperaturen mit nacktem Oberkörper und Wollmütze gebouldert wurde. Bouldern bot den cooleren Lifestyle als das Klettern mit Seil: Man hing gemeinsam ab, pushte sich gegenseitig die Wände hoch und tüftelte gemeinsam an harten und schwer zu lösenden Bewegungsproblemen. Bouldern reduziert das Klettern auf das Wesentliche: auf kreative Bewegungen an gegebenen Griffen und Tritten. Die oft spektakulären Züge vor versammelter Mannschaft bieten eine bessere Bühne zur Selbstinszenierung als das klassische Seilklettern. Und das sowohl am Fels als auch in der Halle. Daran hat sich bis heute nichts geändert und der Boulder-Boom ist ungebremst.

Charakteristisch für die Neunzigerjahre war jedoch auch der postmoderne Stilpluralismus: Fels- und Hallenklettern, Bouldern und Sportklettern, alpines Sportklettern, frei gekletterte Bigwalls, Mixed- und Eisklettern oder Deep Water Soloing – die verschiedenen Stile existierten und entwickelten sich gleichberechtigt nebeneinander.

Klettern im 21. Jahrhundert: Generation XII

Über hundert Jahre Geschichte hat das Frei- bzw. Sportklettern mittlerweile auf dem Buckel. Doch wo steht der Sport heute? Aus anfänglich drei Schwierigkeitsgraden sind mittlerweile zwölf geworden: Das inzwischen erwachsene Wunderkind Adam Ondra eröffnete im Oktober 2012 in der Flatanger Cave in Norwegen mit Change erstmals den unteren zwölften Grad. Mit La Dura Dura im gleichen Schwierigkeitsgrad kletterte der Tscheche vom anderen Kletterstern 2013 im spanischen Oliana dem zweiten Wunderkind der Jahrtausendwende, dem Amerikaner Chris Sharma, dessen Langzeit-Projekt vor der Nase weg. Sharma wiederholte die Route wenige Wochen später als Zweiter. Der Franke Alexander Megos sorgte 2013 mit der ersten Onsight-Begehung im glatten elften Schwierigkeitsgrad (Estado Critico in Siurana) für Schlagzeilen und hakte im Frühjahr 2014 den Güllich-Meilenstein Action Directe (11) mal eben in zwei Stunden ab. Und auch der Nachwuchs schläft nicht: Brooke Raboutou kletterte mit gerade mal elf Jahren in Rodellar mit Welcome to Tijuana ihre erste 10+/11-. Ashima Shiraishi bereits mit zehn Jahren den Boulder Crown of Aragorn (Fb 8b) in Hueco Tanks und mit Southern ­Smoke und ­Lucifer in der Red River Gorge gleich zwei Routen im Grad 11-/11. Der Kletterstil der neuen Generation ist kraftvoller, schneller und dynamischer, zum einen durch den Einfluss des Boulderns und zum anderen durch besseres Material und die damit verbundene höhere Sturzbereitschaft.

Vor allem das Hallentraining ermöglicht das Experimentieren mit neuen Bewegungsformen und -stilen: Die alte Dreipunktregel hat ausgedient, in den Boulderhallen sind Parcours-Elemente wie Run-Up-Starts oder Sprünge von Griff zu Griff an der Tagesordnung. Das Gelände ist steiler und die Bewegungen finden verstärkt im dreidimensionalen Raum statt. Schnelles Umschalten zwischen verschiedenen Geländeformen und das Weiterleiten von Körperschwüngen sind hier gefragt. Die 9b-Kandidaten von heute übertragen diese am Plastik erworbenen Bewegungsfähigkeiten an den Fels, und genau darin liegt ihr Erfolgsrezept. Der neue Kletterstil beeinflusst aber nicht nur den Routenbau in Hallen und bei Wettkämpfen, sondern regelt auch die Bevölkerungsdichte an den echten Felsen: Lange und steile Ausdauerrouten sind eher angesagt als kratzige Platten oder senkrechte Wandkletterei und lassen die NewSchool-Kletterer lieber in die spanischen Klettergebiete Oliana, Siurana oder Santa Linya pilgern als in traditionelle Gebiete wie Buoux, Cimai, Verdon oder das Yosemite.


Doch auch an den hohen Wänden dieser Erde geht es immer schwerer, schneller und spektakulärer zu: Ob die Speed-Begehung der Nose durch die Huber Buam (2008), das Free Solo des Weg durch den Fisch durch Hansjörg Auer (2007) oder die erste freie Begehung der legendären Kompressorroute am Cerro Torre durch David Lama und Peter Ortner (2012) – die Grenze des Menschenmöglichen – ob psychisch oder physisch – ist noch lange nicht in Sicht. Die verschiedenen Disziplinen des Kletterns verschmelzen miteinander und bereichern einander.


Unverändert ist jedoch die Tatsache, dass Klettern eine zutiefst individuelle Angelegenheit ist. Für jeden, der sich dem Klettern zuwendet, bedeutet es etwas anderes: Für die einen geht es um Leistung, für andere um die Geselligkeit, ums Reisen oder ums Gipfelerlebnis. Manchen sind schöne Linien wichtig, manche legen mehr Wert auf Stilfragen. Für die einen ist es nur ein Sport, für andere eine Lebensform. »Hüte dich vor dem Sog des gegenwärtigen Klettertrends. Geh hinaus und probiere etwas Neues, sei ein Individuum und suche dir deinen eigenen Weg im Klettern« (FN9), so lautet die Empfehlung von Boulder-Mastermind John Gill. Und egal, welche Früchte der Klettersport in den kommenden Jahrzehnten hervorbringen wird, sie wird auch dann noch Gültigkeit besitzen.

Eva Hammächer

Als Spätberufene im Klettern sind Style-Highlights wie Stirnband und Neonleggings Gott sei Dank spurlos an ihr vorübergegangen. Dafür kam sie gleich zu Beginn in den Genuss viel zu enger Kletterschuhe, die ihr Freund von einer zwei Köpfe kleineren Freundin geliehen hatte. Krämpfe beim Anziehen und Kontaktschmerzen kommentierte er lapidar mit: »Die müssen eng sitzen.« Diese denkwürdige Premiere fand in Fontainebleau statt – in der Gesellschaft ambitionierter Hardmover, deren Interessen sich in einer völlig anderen Galaxie bewegten. Nach dieser traumatischen Erfahrung ist ihr bis heute schleierhaft, wie es danach zu weiteren Felsabenteuern kommen konnte. Irgendetwas muss also dran gewesen sein am Vertikalsport, der sie seitdem nicht mehr losgelassen hat. Wenn sie sich nicht an der Wand nach oben oder unten bewegt, dann schiebt sie als Texterin Buchstaben von rechts nach links.
Online findet man sie unter: www.movingtext.de

 

Aus:

Stephen E. Schmid / P. Reichenbach (Hg.)
"
Die Philosophie des Kletterns
"

Aus dem Englischen von Peter Reichenbach, Roberta Schneider, Blanka Stolz und Daniel Beskos

Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung
224 Seiten | 19,90 Euro
Buch: ISBN 978-3-938539-33-0

E-Book: ISBN 978-3-938539-84-2
Erscheint am 15. September 2014
-> Hier bestellen


Fussnoten

1 - Zitiert nach Heinz Zak, »Rock Stars – Die weltbesten Freikletterer«, Bergverlag Rother, München 1995, S. 11.
2 - »rotpunkt – Das Klettermagazin«, Ausgabe 4/94, S. 18.
3 - Alexander Huber und Heinz Zak, »Yosemite«, Bergverlag Rother, München 2002, S. 71.
4 - Reinhard Karl, »Erlebnis Berg – Zeit zum Atmen«, Limpert, Bad Homburg 1980, S. 76.
5 - »rotpunkt – Das Klettermagazin«, Ausgabe 4/94, S. 24.
6 - Heinz Zak, »Rock Stars – Die weltbesten Freikletterer«, Bergverlag Rother, München 1995, S. 209.
7 - Tilmann Hepp, »Wolfgang Güllich – Leben in der Senkrechten«, Rosenheimer Verlagshaus, Rosenheim 1993, S. 60.
8 - Ebd., S. 46.
9 - Zitiert nach Heinz Zak, »Rock Stars – Die weltbesten Freikletterer«, Bergverlag Rother, München 1995, S. 5.

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Ausschreibung: Hamburger Graphic-Novel-Förderpreis "Afkat" 2015

Zum dritten Mal wird der Hamburger Graphic-Novel-Förderpreises "Afkat" ausgeschrieben. Der oder die Gewinnerin werden wieder bei uns veröffentlicht. Der Preis richtet sich an Nachwuchskünstler aus dem Bereich Graphic Novel. Einsendeschluss ist der 12. Oktober 2014.

Der Hamburger Graphic-Novel-Förderpreis "Afkat" wurde im Jahr 2011 von der Kanzlei Dr. Bahr ins Leben gerufen. Dem Gewinner winkt ein Publikationsvertrag und somit die Buch-Veröffentlichung der eingereichten Graphic Novel beim mairisch Verlag. Die (Produktions-)Kosten übernimmt die Kanzlei Dr. Bahr


Teilnahmebedingungen

  • Keine thematische/altersmäßige/genrebezogene Beschränkung
  • Das eingereichte Werk sollte bisher unveröffentlicht sein.
  • Die Einsendung sollte abgeschlossen und vom Umfang für eine Buchveröffentlichung geeignet sein.
  • Einreichung kann per E-Mail (favorisiert) oder per Post erfolgen.
  • Per Mail an: info@dr-bahr.com, Betreff: "Afkat"
  • Per Post an: Kanzlei Dr. Bahr, Stichwort: "Afkat", Mittelweg 41a, 20148 Hamburg
  • Die Verkündung des Gewinners erfolgt im voraussichtlich im Januar 2015 auf der Homepage des Hamburger Graphic-Novel-Förderpreises – die Veröffentlichung der Graphic Novel ist zur Leipziger Buchmesse 2015 geplant.

 Alle weiteren Details gibt es unter www.afkat-foerderpreis.de


Die bisherigen Gewinner

Sieger des Graphic Novel-Preises AFKAT 2014.

 

Sohyun Jung
Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen

 

"Mein Kind, der Kimchi ist die Seele der koreanischen Kultur.
Alles, was du brauchst, um ihn zuzubereiten, ist ..."          

Kimchi ist das koreanische Nationalgericht, er besteht aus eingelegtem, gesalzenem, chilischarfem Weißkohl. Und Hana, eine junge Koreanerin, die in eine deutsche Großstadt zieht, bekommt nach ihren ersten Erfahrungen mit der fremden Küche schnell Heimweh - und einen großen Hunger auf Kimchi. Doch wie bekommt man in Deutschland guten Kimchi? Genau: Gar nicht. Also macht sich Hana auf den Weg und versucht, Kimchi selbst zuzubereiten.


 

Sieger des Graphic Novel-Preises AFKAT 2012.


Tilo Richter & Jan Kottisch
Flash Preußen

 

Flash Preußen, der Superheld in Badehose, ist in Aufruhr:
Eine letzte Aufgabe liegt noch vor ihm, bevor er abtreten kann. Zusammen mit seiner Nachbarin Simone begibt er sich in seine Vergangenheit — auf der Suche nach etwas, das er als Kind verloren hat, und das ihn seitdem nicht mehr loslässt.

Sonderpreis des Graphic Novel-Preises AFKAT 2012.

 

Karin Kraemer
Das Mädchen ohne Hände
Illustriert nach einem Märchen der Brüder Grimm

 

Ein armer Müller telefoniert mit dem Teufel, der ihn reich machen will im Tausch gegen das, was hinter seiner Mühle ist. Der Müller, der denkt, es ginge um den Apfelbaum, geht auf den Tausch ein – und weiß nicht, dass seine Tochter auch hinter der Mühle steht. Für sie beginnt nun eine lange Reise.

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Neue Verlage - Teil 5 (E-Books): Frohmann Verlag

Und weiter gehts in unserer Reihe, in der wir neue Verlage vorstellen. Diesmal geht es um den Frohmann Verlag, der ebenfalls voll auf E-Books setzt.

Christiane Frohmann (Bild via www.fuenfbuecher.de)
Christiane Frohmann (Bild via www.fuenfbuecher.de)

Christiane Frohmann, die den Verlag 2012 in Berlin gegründet hat, schreibt uns: "Der Frohmann Verlag existiert seit 2012, aber er hatte ein Vorgängerprojekt, das 2011 zusammen mit dem Digitalberater Sascha Lazimbat gegründete experimentelle Imprint eriginals berlin. Bei eriginals ging es eher startupig zu, das Programm war sehr breit und auf kommerzielles Funktionieren hin angelegt, was letztlich nicht ganz so mein Ding war, aber ich habe dabei unglaublich viel gelernt, einfach, indem ich es gemacht habe. Frohmann ist im Vergleich dazu eher ein Liebhaberprojekt, das sich aber trotzdem irgendwann wirtschaftlich rechnen soll. Der Verlag ist in Berlin ansässig, aber mindestens ebenso sehr im Internet."

Was sind Deine Programmschwerpunkte?
Mein verlegerisches Interesse gilt neuen ästhetischen Formen und deren kulturwissenschaftlicher Beschreibung. Ich habe mehrere E-Books mit Twitterbezug im Programm, Titel von Anousch Mueller, Ute Weber, Wondergirl, Anke Fitz, Roman Held und Jan-Uwe Fitz, dann die von Stephan Porombka herausgegebene Poetologie "Über 140 Zeichen" und schließlich den literaturwissenschaftlichen Text "Twitteratur. Digitale Kürzestschreibweisen" von Jan Drees und Sandra Annika Meyer. Es gibt einen Titel über 'Internetkatzen' und bald einen über Selfies. Styles sind ein weiteres Thema, etwa in "Mode und Identität" von Barbara Kurtz. Berlin ist kein ausdrücklicher Schwerpunkt, aber bei meiner mit der Stadt gehenden Arbeits- und Lebensweise zwangsläufig immer wieder ein Thema, so etwa beim alle sechs Monate in einer neuen Version erscheinenden "Berlin Unschick". Überhaupt werden zwischen Blog und E-Book schwebende Anthologien zukünftig formal im Zentrum stehen. Ganz wichtig ist mir auch das Ausloten einer Ästhetik des E-Books, schließlich bin ich Literaturwissenschaftlerin und beobachte meine Kollegen und mich ständig beim Tun. Die von Leander Wattig herausgegebene Reihe Frohmann Perspectives wird sich zusätzlich mit der Zukunft des Publizierens beschäftigen.

 

Wieviele Leute arbeiten im Team?
Der Frohmann Verlag, das bin ich, Christiane Frohmann, im Wechselspiel mit verschiedenen externen Mitspielern: der klassischen Buchgestalterin Ursula Steinhoff, die im englischen Bath lebt und von dort aus meine Cover designt, der Herstellerin Tina Giesler von Type:area in Bochum und den Vertriebsexpertinnen Ellen Vorac und Janni Froese, die meine Hauptansprechpartner im Berliner Büro von Zebralution sind. Auch das Verhältnis mit meinen Autoren und Herausgebern ist sehr eng, insgesamt ist alles ziemlich freundschaftlich. Wichtig ist auch der Input meines Mannes, der mir oft hilft, im Gespräch blinde Flecke in meinen Überlegungen zu bemerken. Als ausgesprochene Literaturperson neige ich dazu, ab und zu die Businessseite komplett zu vergessen ...

Wie findest Du Deine Autoren?
Ich sehe Leute im Netz, die mich interessieren, durch ihre Themen oder ihren Stil, oft durch beides, das sind dann die schönsten Projekte. Diese Menschen spreche ich dann an und bitte sie um einen ganz bestimmten Text, einen, der schon im Raum steht oder einen, den ich für sie sehe, das ist sehr unterschiedlich.

Was macht Ihr anders als andere Verlage?
Ich setze mich selbst wie einen ästhetischen Filter ein, der Vorhandenes sichtbar macht, verstärkt oder leicht modifiziert. Alles ist höchst subjektiv, vielleicht manchmal auch willkürlich, aber das Ergebnis scheint nicht nur auf mich, sondern auch auf andere Menschen interessant und plausibel zu wirken. Kommerziell ist der Frohmann Verlag bislang kein großer Erfolg, aber produktions- und wirkungsästhetisch könnte ich nicht zufriedener sein.

 

Warum nur E-Books? Was ist hier Deine Strategie?
Ich denke immer wieder an Print und immer verwerfe ich den Gedanken letztlich wieder. Versionierbare E-Books passen zu meinen offenen, mit dem Flow gehenden Projekten, außerdem geben mir die überschaubaren finanziellen Risiken größtmögliche ästhetische und ideologische Autonomie. Klar, es ist auch ein Differenzierungsmerkmal, die meisten anderen Digitalverlage sind nicht konsequent E-Book only. Was darüber hinaus wichtig ist: Meine Autoren und ich, wir lernen, indem wir auf die Kiste mit den haptischen, duftenden Büchern, auf denen vorne unser Name prangt, verzichten, von unserer singulären Bedeutung abzusehen und so an etwas mitzuwirken, das größer ist als wir. Der "Tod des Autors" nicht als Lippenbekenntnis, sondern als Befreiung. Das finde ich schön.

Aktuelle Neuerscheinungen:
Zuletzt sind die von Stephan Porombka herausgegebenen Twitter-Werkstattberichte in "Über 140 Zeichen", ein halb von Sylvia Lundschien kulturwissenschaftlich geschriebenes, halb von Thomas Götz von Aust zusammenphantasiertes E-Book über Winkekatzen und das von mir herausgegebene offene E-Book "Berlin Unschick" erschienen.


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Neue Verlage - Teil 4 (E-Books): CulturBooks und autorenedition sarabande

Es gibt derzeit ja eine ganze Reihe von Verlagsneugründungen - in den ersten drei Teilen (1, 2, 3) dieser Serie haben wir bereits einige davon vorgestellt. Und auch heute geht es wieder um reine E-Book-Verlage. Diesmal auch ausnahmsweise nicht in Berlin: CulturBooks aus Hamburg und die autorenedition sarabande aus München.

Jan Karsten
Jan Karsten

Der Digitalverlag "CulturBooks – Elektrische Bücher" wurde im Frühjahr 2013 gegründet, im Herbst letzten Jahres ist das erste Programm mit circa 20 Titeln erschienen. Seitdem geht es monatlich weiter. CulturBooks ist Hamburgs erster literarischer eBook-Verlag und wird von Zoë Beck und Jan Karsten betrieben, der uns auch die Fragen beantwortete:

Was sind Eure Programmschwerpunkte?
Wir möchten gute Texte präsentieren, die uns selber begeistern. Der Fokus liegt auf erzählender Literatur, von der Literatur-Literatur bis zum Kriminalroman, wobei uns Genregrenzen nicht wirklich interessieren. Und wir haben auch ein paar Sachbücher und Biografien im Programm.
CulturBooks fußt auf drei Säulen: Originalausgaben, Neuauflagen, Lizenzen. Wir finden Neues, machen Vergriffenes verfügbar und arbeiten mit ausgewählten Verlagen zusammen, für die wir bestimmte Texte als eBook-Lizenzausgaben herausgeben.

Wie viele Leute arbeiten im Team?
Momentan sind wir zu fünft.

Wie findet Ihr Eure Autoren?
Einige AutorInnen kannten wir schon aus der Zusammenarbeit in anderen Zusammenhängen, viele, die wir tollen finden, sprechen wir direkt an – und einige der AutorInnen sind natürlich auf uns zugekommen und haben uns mit ihren Texten überzeugt.


Was macht Ihr anders als andere Verlage?
Um "anders" geht es uns gar nicht unbedingt. Wir sind Fans des Verlagsprinzips, wir glauben an sorgfältige Auswahl, an Pflege und Aufbau eines Gesamtwerkes, an ein intellektuelles und freundschaftliches Kraftfeld; daran, gemeinsam zu arbeiten und gemeinsam zu feiern. Verlage sind auch und gerade in digitalen Zeiten wichtig, wenn Sie ein eigenes Profil entwickeln, sich mit klaren Haltungen in wichtige Branchenthemen einmischen, Autoren und Texte sorgfältig und mit Blick auf Qualität und Relevanz auswählen und sich treu bleiben. Da gibt es dann natürlich schon Unterschiede zu den Verlagen, die ihr Fähnchen in den Wind hängen und auf jede Menge Schrott und me-too-Produkte setzen, weil sich das gut verkauft.

Warum nur E-Books? Was ist hier Eure Strategie?
Uns gefällt, dass man als reiner eBook-Verlag so beweglich ist – und natürlich lassen sich auch die wirtschaftlichen Risiken besser kalkulieren. Wir machen nur Texte, die wir gut finden, und dann gehen wir los und versuchen, andere davon zu begeistern. Wenn ein Text aber trotzdem erst mal nicht so einschlägt, dann verstauben eben nicht auch noch Hunderte Exemplare davon unten im Keller.
Das digitale Publizieren erlaubt einen großen Grad an kreativer Freiheit. Genregrenzen und Seitenzahlen spielen keine so große Rolle mehr. So gibt es beispielsweise viele starke Erzählungen, auch Langerzählungen und Novellen, um die 100 Seiten, die sich als eBook wunderbar machen lassen, die aber als Printversion nur schwer oder gar nicht zu verlegen sind. Da heißt es dann oft: "Toller Text, aber nur 100 Seiten, machen Sie doch einen Roman daraus" – das finden wir absurd.
Und natürlich ist es spannend, die aufregenden digitalen Veränderungen schon sehr früh mitbegleiten und vielleicht auch ein ganz kleines bisschen mitgestalten zu können.


Aktuelle Neuerscheinungen:
Ganz neu sind die literarisch herausragenden Kurzgeschichten der englischen Autorin Pippa Goldschmidt, übersetzt von Zoe Beck: »Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen«. Außerdem freuen wir uns über ein spannendes Projekt des Hamburger Autors Frank Göhre, der in seiner Textcollage "Du fährst nach Hamburg, ich schwör's Dir", anhand von Filmen von Francesco Rosi (»Lucky Luciano«), Jürgen Roland (»Davidwache«) und Klaus Lemke (»Rocker«) ein Bild des Hamburger Stadtteils St. Pauli in den Fünfziger, Sechziger und Siebziger Jahren zeichnet. Und gerade ist bei uns die Neuauflage der einzigen Jörg Fauser-Biografie (»Rebell im Cola-Hinterland«) von Matthias Penzel und Ambros Waibel erschienen – pünktlich zum 70. Geburtstag des Kultautors im Juli.



Max Dorner
Max Dorner

Aus München kommt die autorenedition sarabande - wie der Name schon sagt ein Zusammenschluss mehrerer Autoren, die sei 2013 gemeinsam und selbstbestimmt E-Books veröffentlichen. Beteiligt sind u.a. Max Dorner, Katja Huber, Alex Rühle, Fridolin Schley, Katrin Schuster und Thomas von Steinaecker. Wir haben mit Max Dorner gesprochen:

Was sind Eure Programmschwerpunkte?
Wir verstehen uns weniger als Verlag, als ein Zusammenschluss freier Autoren. Dennoch veröffentlichen wir in Zusammenarbeit mit dem ebookVerlag hey publishing auch ebooks: Texte, die uns am Herzen liegen und die sich aus verschiedensten Gründen nicht für eine Buchpublikation eignen.

Wieviele Leute arbeiten im Team?
Ein harter Kern von ca. fünf Autorinnen und Autoren sowie ein knappes Dutzend weiterer Autoren.

Wie findet Ihr Eure Autoren?
Indem wir sie gezielt ansprechen ...

Was macht Ihr anders als andere Verlage?
Dass wir kein Verlag sind.

Warum ein Zusammenschluss der Autoren? Viele haben ja vorher auch in anderen Verlagen bereits Bücher veröffentlicht - warum jetzt selbst machen? Warum nur als E-Books? Was ist hier Eure Strategie?
Wir glauben, dass es wichtig ist, dass sich Autoren unabhängig von ihren Buch-Verlagen zusammenschließen, um im Netz Aufmerksamkeit zu bekommen. Sowohl mit unserem Blog als auch mit den ebooks wollen wir ein gewichtiges Forum für Autoren werden.

Sind kurze Formate die zeitgemäße Veröffentlichungsform?
Mit einem Wort: absolut.


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Neue Verlage - Teil 3 (E-Books): mikrotext und shelff

In den Teilen eins und zwei unserer Reihe gings ja um Verlagsneugründungen im Printbereich. Ab heute schauen wir uns dagegen einige reine E-Book-Verlage an. Los gehts mit mikrotext und shelff.

Nikola Richter (Foto: Carsten Meltendorf)
Nikola Richter (Foto: Carsten Meltendorf)

Nikola Richter gründete mikrotext Anfang 2013 in Berlin. Im März 2013 erschienen schon die ersten E-Books.

Was sind Eure Programmschwerpunkte?
mikrotext konzentriert sich auf alle Formen der kurzen Lektüren, also Essay, Kurzgeschichte, Reportage, aber auch Online-Literatur, die dann für ein E-Book aufbereitet wird, etwa Facebook-Statusmeldungen wie von Aboud Saeed - "Der klügste Mensch im Facebook. Statusmeldungen aus Syrien" oder Blogtexte wie von Jan Kuhlbrodt - "Das Elster-Experiment. Sieben Tage Genesis".

Wieviele Leute arbeiten im Team?
1-2 Leute: Nikola Richter (Gründung, Leitung, Programm, Lektorat, Marketing, Presse, Vertrieb, Veranstaltungen und alles, was sonst so anfällt), Andrea Nienhaus (Covergestaltung und Herstellung ePub/PDF).

Wie findest Du Eure Autoren?
Persönliches Netzwerk, Empfehlungen von Freunden und Bekannten, Besuche von Veranstaltungen, Magazinlektüre, social-media-Kontakte, Internetrecherche.

Was macht Ihr anders als andere Verlage?
mikrotext veröffentlicht alle drei Monate zwei Ebooks zu einem Thema und stellt somit die Texte in einen größeren, zeitgenössischen Zusammenhang. Wir wollen Debatten! Themen bisher waren: "Freiheit im Netz", etwa mit einem Essay von Alexander Kluge zum digitalen Kulturkonsum "Die Entsprechung einer Oase" oder "Überwachung" mit einer Liebesnovelle von Isabel Fargo Cole aus dem Aktivistenmilieu, die irgendwann im 21. Jahrhundert spielt, und einer persönlichen Reportage von Sebastian Christ, der als Journalist u.a. in den USA und in Afghanistan gearbeitet hat und nach der NSA-Affäre sechs Geheimdiensten Briefe geschrieben hat, um herauszufinden, ob Akten über ihn vorlegen: so anschaulich und verständlich habe ich nirgendwo über die NSA-Folgen gelesen.


Warum nur E-Books? Was ist hier Eure Strategie?
Das E-Book hat so viele Vorteile für einen kleinen neuen Verlag: Der finanzielle Aufwand ist erstmal geringer, die Reichweite größer (über die vielen E-Book-Shopplattformen, auch unabhängige wie minimore.de oder beam), die Lagerung platzsparender (ein Ordner reicht) und die digitale Literaturbranche ist erst dabei, sich zu finden, das heißt, es macht Spaß, sie mitzugestalten, eigene Strukturen zu finden, Strategien auszuprobieren, Neues zu lernen. Wir haben aber auch einen Titel gedruckt im Angebot, die Texte von Aboud Saeed, der jetzt schon in der zweiten kleinen Auflage vorliegt. Im Impressum steht aber "Zuerst erschienen als E-Book": Das E-Book kann also auch ein Testballon für ein gedrucktes Buch sein. Die Strategie ist: Qualität verlegen, Autoren sichtbar machen, den Verlag bekannt machen - und immer mehr Leser und Käufer gewinnen. Denn E-Books sind schön und leicht und praktisch und günstig und dauerhaft und - weil sie nach nichts riechen - unaufdringlich perfekt für jede Lebenslage ob Reise, Bett, Spielplatz oder Wartezimmer.

Aktuelle Neuerscheinungen:
Im Frühjahr 2014 beschäftigt sich mikrotext mit dem Literaturbetrieb, beziehungsweise mit denen, die außerhalb stehen: "Außer Betrieb" war das Thema. Dazu erschien die Anthologie "Irgendwas mit Schreiben. Diplomautoren im Beruf", herausgegeben von Jan Fischer, mit Texten von Autorinnen und Autoren, die auf deutschen Schreibschulen waren, aber nicht hauptberuflich als Autoren von im Feuilleton gefeierten Romanen leben. Darin auch der Essay von Florian Kessler, der nach einem Vorabdruck in der ZEIT im Frühjahr die so genannte Literaturdebatte heraufbeschwört hat, der aber ursprünglich für die mikrotext-Anthologie verfasst wurde.

Und die großartig-schrägen Facebookpostings der österreichischen Kultautorin Stefanie Sargnagel, die bei Daniel Richter in Wien Bildende Kunst studiert und nebenbei im Callcenter arbeitet: "In der Zukunft sind wir alle tot. Neue Callcenter-Monologe".


Fabian Thomas
Fabian Thomas

Ebenfalls frisch in Berlin gegründet ist der Digitalverlag shelff. Fabian Thomas, der bei shelff vorwiegend für Herstellung, Social Media und Vertrieb, aber auch fürs Programm zuständig ist, hat unsere Fragen beantwortet:

Was sind Eure Programmschwerpunkte?
shelf bedeutet ursprünglich: Bücherregal. Unser Verlag bildet nach diesem Prinzip ein Rahmung für ganz unterschiedliche Projekte: Wir hatten bereits einen journalistischen Bericht aus der Türkei von Mely Kiyak, sehr literarische Erzählungen der als Autorin bisher unbekannten Katharina Enzensberger, und gerade veröffentlichen wir einen fünfteiligen Verschwörungsroman von Johannes Thumfart unter dem Titel DER KATECHON.

Wieviele Leute arbeiten im Team?
Wir sind zu viert: Wolfgang Farkas und Andreas Hofbauer, Jörg Reichardt und Fabian Thomas.

Wie findet Ihr Eure Autoren?
Wir sind sehr offen, aber schauen auch, was wir gerade interessant finden und was zu shelff passen könnte. Jeder von uns bewegt sich außerdem natürlich durch seine Arbeit als Lektor, Übersetzer, Fotograf oder Redakteur ohnehin schon in Bereichen, wo viele Buchideen zu finden sind.

Was macht Ihr anders als andere Verlage?
Wir verlassen bekannte Wege und sind experimentierfreudig. Wir haben ein Editor-Modell eingeführt: Da jeder von uns ganz unterschiedlich arbeitet und verschiedene Anknüpfungspunkte zu Autoren hat, kann auch jeder zum Editor werden und sein Buchprojekt bei shelff einbringen. Wir probieren neue Veröffentlichungsmethoden aus, wie bei DER KATECHON, das gerade als fünfteiliger Fortsetzungsroman erscheint. Für diesen Roman arbeiten wir darüber hinaus auch mit einem Musiker zusammen, der für jede neue Lieferung einen eigenen Soundtrack komponiert.


Warum nur E-Books? Was ist hier Eure Strategie?
Wir können vieles ausprobieren, das wir als klassischer Printverlag nicht machen könnten, weil es viel zu riskant wäre. Wir nehmen das Format ernst und sehen es nicht als Zweitverwertungs-Möglichkeit für "richtige" Bücher (was immer das sein mag). Und wir glauben, dass die Entwicklung da gerade erst am Anfang steht.


Aktuelle Neuerscheinungen:
Gerade erscheint der dritte Teil von DER KATECHON, er spielt in Tallinn und setzt die Geschichte des erfolglosen Akademikers Tim Zühlke fort, der nach mehreren Misserfolgen, wieder zu Geld zu kommen, für die Baltische Allgemeine Zeitung eine Reportage über Seltene Erden schreiben soll. Gleichzeitig verstrickt er sich aber in einem Netz düsterer konservativ-revolutionärer Mächte, die nichts Gutes im Schilde führen. Zuvor war er als Live-Rollenspieler im Fränkischen unterwegs, im ersten Teil lernen wir ihn noch als frustrierten Callcenter-Mitarbeiter kennen, der in seiner Freizeit piratisierte E-Books recherchiert. Eine spannende, sehr politische und sehr aktuelle Geschichte!

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Neue Verlage - Teil 2 (Print): Guggolz Verlag und Verlag für Kurzes

Im ersten Teil dieser Reihe haben wir bereits zwei frisch gegründete Verlage kennen gelernt. Auch heute stellen wir kurz zwei Verlage vor, die sich v.a. dem gedruckten Buch widmen: Den Guggolz Verlag und den Verlag für Kurzes.

 

Der Verlagsgründer Sebastian Guggolz mit Maren Baier (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)
Der Verlagsgründer Sebastian Guggolz mit Maren Baier (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

Der Guggolz Verlag, 2014 in Berlin gegründet, widmet sich vor allem Neuausgaben und Wiederentdeckungen von vergessenen Autoren. Die Fragen beantwortete uns Verlagsgründer Sebastian Guggolz.

Was sind Eure Programmschwerpunkte?
Der Schwerpunkt liegt auf Neu- und Wiederentdeckungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie werden in Neuübersetzungen und mit Nachworten präsentiert. Geografisch gibt es auch einen Schwerpunkt, und zwar auf Ost- und Nordeuropa.

Wie viele Leute arbeiten im Team?
Im Büro arbeiten wir zu zweit, neben mir noch Maren Baier (die hauptsächlich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betreut). Bei der Gestaltung arbeiten wir frei mit einem Gestalter, Mirko Merkel, zusammen, außerdem gehört natürlich noch das Vertreterteam dazu, das sind Nicole Grabert, Christiane Krause und Regina Vogel von indiebook.

Wie findet Ihr Eure Autoren?
Autoren ergeben sich aus der eigenen Lektüre, was einem da immer schon mal aufgefallen ist, aber ich suche nun natürlich auch gezielt nach möglichen Titeln und Autoren, die neu aufgelegt werden könnten. Es gibt fast unerschöpflich viele Autoren, die zu ihrer Zeit nicht angemessen gewürdigt wurden und die heute praktisch nicht mehr bekannt sind. Die wurden dann beispielsweise in den Fünfzigerjahren mal übersetzt, mittlerweile aber kennt keiner mehr den Namen, geschweige denn die Bücher. Und dann schlagen auch noch Übersetzer Autoren vor, das ist natürlich gerade bei bisher noch gar nicht übersetzten Autoren wichtig.

 

Was macht Ihr anders als andere Verlage?
Wir erfinden natürlich nicht das Verlagsgeschäft neu. Aber wir konzentrieren uns auf ein sehr spezifisches Segment, eben Neuausgaben von vergessenen oder zu kurz gekommenen Autoren. Und dann legen wir noch Wert auf eine besondere, gute Ausstattung der Bücher, wir wollen ein wirklich lesendes Publikum bedienen. Das umfasst dabei sowohl die herstellerische (gutes Papier, schöne Gestaltung), als auch die editorische (Nachwort, Glossar, Neuübersetzungen) Ausstattung.

Veröffentlicht Ihr auch E-Books/Digitale Versionen der Bücher? Was ist hier Eure Strategie?
Das ist noch nicht so ganz entschieden. Wir wollen nicht aktiv auf den digitalen Markt setzen, dazu eignen sich die Titel und unsere ganze Herangehensweise an das Medium Buch auch nicht. Andererseits wollen wir jedoch dem Leser so weit wie möglich entgegenkommen. Deshalb suchen wir gerade noch nach einer guten Lösung, um unsere Bücher auch digital anbieten zu können, wenn das gewünscht ist.

Wann erscheint das erste Programm?
Die ersten beiden Bücher erscheinen im August, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse. Es ist zum einen Frans Eemil Sillanpää, der einzige finnische Literaturnobelpreisträger, mit seinem großen Epos über Finnland »Frommes Elend« (in Finnland erstmals erschienen 1919), in dem er die sozialen und politischen Umbrüche in Finnland bis zur Revolution 1918, also bis zur Unabhängigkeit des Landes, schildert. Bisher war das Buch nur indirekt über das Schwedische ins Deutsche übersetzt, es wird also die erste Übersetzung direkt aus dem Finnischen sein.
Das andere Buch ist »Zwei Seelen« (erschienen auch 1919) von Maxim Harezki, einem weißrussischen Autor, das die Ambivalenz und innere Zerrissenheit der Beteiligten im Russischen Bürgerkrieg aus weißrussischer Perspektive beschreibt. Dieser Roman war noch nie übersetzt, es ist also eine Neuentdeckung in deutscher Sprache.




Marion Lili Wagner
Marion Lili Wagner

Schon ein bisschen länger, nämlich seit 2011, betreibt Marion Lili Wagner in Potsdam den Verlag für Kurzes. Wie der Name schon sagt widmet sich das Programm eher den kürzeren Erzählformaten.

Was sind Eure Programmschwerpunkte?
Der Verlagsname ist Programm, also die Kürze: Kurze Geschichten, Erzählungen, Essays, auch Gespräche (kurze natürlich) und neuerdings auch Mikrogeschichten. Das sind Geschichten, die aus nur wenigen Sätzen bestehen. Ich habe auch den Blog mikrogeschichten.de gestartet, um dieses neue  literarische Genre bekannter zu machen.

Wieviele Leute arbeiten im Team?
Ich mache den Verlag alleine und arbeite mit freien Lektoren und Grafikern zusammen.

Wie findet Ihr Eure Autoren?
Die ersten Autoren und ihre Texte kannte ich bereits, andere wurden mir empfohlen, Susanne Henke, die Kurzkrimis schreibt, habe ich auf Twitter entdeckt. Und mittlerweile kommen viele Autoren auf mich zu.

Was macht Ihr anders als andere Verlage?
Auf Anhieb fallen mir zunächst eher die Gemeinsamkeiten mit den anderen Indie-Verlagen ein, z.B. die freundschaftlich-familiäre Atmosphäre mit den Autoren.
Typisch für den Verlag für Kurzes ist die Freiheit, immer wieder Neues auszuprobieren und der Entwicklung des Verlages viel Spielraum zu lassen. Als wir unsere Zettelbiografien-Aktion für die Leipziger Buchmesse 2013 planten, konnte ich im Vorfeld überhaupt nicht einschätzen, wie sie angenommen wird. Dass es dann ein großer Erfolg wurde, hat mich sehr gefreut, aber wenn Ideen scheitern oder sich nicht verwirklichen lassen, finde ich das auch nicht schlimm bzw. denke ich, dass das dazugehört.

 

Veröffentlicht Ihr auch E-Books/Digitale Versionen der Bücher? Was ist hier Eure Strategie?
Momentan gibt es im Verlag für Kurzes vorwiegend gedruckte Veröffentlichungen, unsere „großen“ Bücher gibt es auch als eBook. Wir werden in etwas weiterer Zukunft sicherlich auch mehr Digitales anbieten, möglicherweise einiges auch ausschließlich digital.

Aktuelle Neuerscheinungen
Ganz neu im Programm sind die Mini-Bücher (14,8 x 9,5 cm, 24-28 Seiten, 3,- Euro), die eine einzelne Geschichte oder viele Mikrogeschichten enthalten.


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Neue Verlage - Teil 1 (Print): kladdebuchverlag und Fuchs & Fuchs Verlag

Und schwupps, fast 15 Jahre rum und mairisch gehört quasi zu den alten Hasen. Aber noch immer werden wir gefragt, wie man heutzutage auf die Idee kommt, einen Verlag zu gründen. Dabei gibt es wirklich eine ganze Reihe brandneuer Verlage, an die wir diese und andere Fragen einfach mal weitergeben. Wir wollen gerne erfahren, was diese Verlage veröffentlichen, was sie anders machen als bestehende Verlage und wer dahinter steckt. In dieser Reihe geben wir einen ersten kurzen Überblick.

Los gehts mit zwei Verlagen, die sich vorwiegend klassisch dem Print widmen, allerdings mit einem sehr gegenwärtigen Zugang: Der kladdebuchverlag und der Fuchs & Fuchs Verlag.


Jonas Navid Al-Nemri
Jonas Navid Al-Nemri

Der kladdebuchverlag aus Freiburg, gegründet 2013, wartet mit einem recht ungewöhnlichen Konzept auf: Die Bücher sollen zu großen Teilen aus Crowdfunding finanziert werden.

Mitgründer Jonas Navid Al-Nemri gab uns einige Infos (mehr hier im Interview im literaturen-Blog):

Eure Besonderheiten sind Crowdpublishing, Fairpublishing und Lifestylepublishing. Erklär das mal kurz - was macht ihr hier anders als andere Verlage?
Crowdpublishing verbindet Crowdfunding und Publishing - d.h. wir finanzieren unsere Bücher konsequent mit der Unterstützung der Crowd. Im Grundzügen entspricht Crowdpublishing der Subskription und dem Mäzenatentum. Es entscheidet also nicht mehr nur ein Lektorat oder ein abstrakt kalkulierter Markt, welche Bücher publiziert werden, sondern die Crowd - die Leserschaft - selbst.
Crowdpublishing bietet uns dabei die Möglichkeit weitere ungewöhnliche Wege zu wagen: so fokussieren wir beispielsweise den Verkauf über den inhabergeführten, unabhängigen Buchhandel, produzieren umweltorientiert in der Region (fairpublishing) und setzen auf ein einheitliches, hochwertiges Design mit den besten Papieren bekannter Manufakturen. Unsere Bücher verstehen wir als Ausdruck eines literarischen Lebensstils, ein Buch, das man nicht nur gerne liest, sondern gerne als Accessoire bei sich trägt, anschaut und anfasst.

Wie findet Ihr Eure Autoren?
Hauptsächlich werden wir gefunden, da unser Konzept natürlich großes Interesse weckt. Teilweise bekommen wir jedoch auch Manuskripte über Agenturen zugespielt.


Wieviele Leute arbeiten im Team?
Wir setzen auf Co-Working. Unser Team setzt sich so aus einem Kernteam, sowie Freiberuflern und Partnern zusammen. Momentan arbeiten 14 Leute gemeinsam an den verschiedenen Buchprojekten.

 

Aktuelle Neuerscheinungen:
"Berlin - Geschichte in Geschichten“ hat gerade ein erfolgreiches Funding hinter sich. Es erscheint in Kürze.


Der Fuchs & Fuchs Verlag ist gerade mit seinen ersten beiden Veröffentlichungen aufgetreten. Gegründet wurde er Anfang 2014 in Berlin von Kristina Kienast.

Mehr zum Verlagskonzept auch auf ihrer Webseite.

Was sind Ihre Programmschwerpunkte?
Zeitgenössische Belletristik. Aber auch Geschenk- und Sachbücher sind für die Zukunft in Planung.

Wieviele Leute arbeiten im Team?
Das Team bin ich zunächst allein. Unterstützt werde ich durch freiberufliche Lektoren und selbstständige Handelsvertreter und eine Presseagentur.

Wie finden Sie Ihre Autoren?
Das Startprogramm rekrutierte sich aus Autoren aus dem weiteren Bekanntenkreis. Zunehmend melden sich Autorinnen und Autoren, die durch die Neugründung auf mich und Fuchs & Fuchs aufmerksam geworden sind.

Was machen Sie anders als andere Verlage?
Ich will es gar nicht unbedingt anders machen. Das nimmt sich vielleicht jeder vor, am Ende wirkt’s vielfach doch gleich. Ich mache es einfach – und vor allem aus persönlicher Überzeugung.

Veröffentlichen Sie auch E-Books/Digitale Versionen der Bücher? Was ist hier Ihre Strategie?
Alle Titel erscheinen auch als E-Books. Allerdings sollen das Markenzeichen von Fuchs & Fuchs schön gestaltete Bücher sein, bei denen Inhalt und Form sorgfältig aufeinander abgestimmt sind – und zwar in gedruckter Form. Was das E-Book betrifft, ist die technische Entwicklung noch längst nicht ausgereift, genauso die Handhabung. Das E-Book befindet sich noch in seiner Wiegenzeit, das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht. Ich beobachte die Entwicklung, bringe auch E-Books heraus, aber der Schwerpunkt meiner verlegerischen Tätigkeit liegt in inhaltlich ansprechenden und liebevoll gestalteten Büchern, die in einer digitalen Gesellschaft erst recht ihren Mehrwert zur Geltung bringen können.


Aktuelle Neuerscheinungen:

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mairisch goes Indiebookday 2014!

Mit dem Indiebookday haben wir ja echt was angerichtet. Wow. Danke Euch allen fürs Mitmachen.

 

Auch die mairisch-Gang hat sich natürlich Bücher besorgt - so sieht's aus:


Judith von Ahn:

"In Almas Augen"
von Daniel Woodrell

(Übersetzung: Peter Torberg)

 

erschienen bei Liebeskind

Stefanie Ericke-Keidtel:

"Eine Tonne für Frau Scholz"
von Sarah Schmidt

 

erschienen im Verbrecher Verlag

Blanka Stolz:

2 Serien, 8 wunderbare Bücher

alle erschienen bei Readux Books

Karen Köhler:

"Jane, der Fuchs & ich"
von Fanny Britt und Isabelle Arsenault (Übersetzung: Ina Pfitzner)


erschienen bei Reprodukt

Annegret Schenkel:

"Gegen Ende des Morgens"
von Michael Frayn

(Übersetzung: Miriam Mandelkow)

 

erschienen bei Dörlemann

Carolin Rauen:

"Was gewesen wäre"
von Gregor Sander


erschienen bei Wallstein

Peter Reichenbach:

"Mensch wie Gras wie"
von Dietmar Dath und Oliver Scheibler

 

erschienen im Verbrecher Verlag

Daniel Beskos:

"Die Revolution war im Fernsehen"
von Alan Sepinwall


erschienen bei Luxbooks

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Lyrik hinter Gittern - Dorian Steinhoff in der JVA Schwerte

Dorian Steinhoff (Foto: Christopher Braun)
Dorian Steinhoff (Foto: Christopher Braun)

Dorian Steinhoff gibt einen Poetry-Slam-Workshop in der Justizvollzugsanstalt. Hier erzählt er, wie es war.



Ich solle was Blaues anziehen, riet mir ein Kollege, der schon öfters in Haftanstalten gearbeitet hatte. Die Knastuniform ist meistens blau. Dunkelblaue Jeans, dunkelblauer Pulli. Das Branding besteht aus einer aufgenähten Nummer. Wenn du was Blaues trägst, wirkt das gleich kollegial, sagte er. Ich trug tatsächlich ein dunkelblaues Hemd, als ich für den ersten Workshoptermin nach Schwerte fuhr, an der Pforte der JVA meinen Ausweis und mein Telefon abgab und durch einen Metalldetektor ging, der bereits hinter einer abgeschlossenen Tür lag. Jede Tür, die ich mit einem Mitarbeiter der JVA durchschritt, war abgeschlossen und wurde direkt hinter uns wieder abgeschlossen. Ein Flur im Knast ist ein Ort zwischen zwei abgeschlossenen Türen. Hätte die Beklemmung, die ich beim ersten Durchlaufen empfand, eine Farbe, es wäre: Dunkelblau. Ein tiefes und kaltes Dunkelblau, das einen frösteln lässt, wenn man es zu lange anschaut.

Anfahrt auf die JVA Schwerte (Foto: Dorian Steinhoff)
Anfahrt auf die JVA Schwerte (Foto: Dorian Steinhoff)

Die Heinrich-Böll-Stiftung NRW hatte mich beauftragt, einen Poetry-Slam-Workshop in der Justizvollzugsanstalt Schwerte zu leiten. Drei Termine, immer am Dienstagnachmittag. Schreiben, performen, zuhören, über Texte reden. An einem vierten Termin, abends, ein von mir moderierter öffentlicher Poetry Slam in der Knastkapelle. Häftlinge als Poeten auf einer Bühne, vor hundert Zuschauern aus Schwerte. So weit der Plan. Ich hatte mir nur eine Sache vorgenommen: Unvoreingenommenheit. Alles, was ich über die Teilnehmer des Workshops wusste, war, dass sie Verbrechen begangen hatten und dafür verurteilt worden waren. Ein Mensch, der ein Verbrechen begeht, ist etwas anderes als ein Verbrecher. Er bleibt Mensch, er wird nicht zu seiner Tat.


Wenn man eine JVA betritt, spürt man, was es heißt, die komplette Autorität über sein Leben abgeben zu müssen. Wie es sich anfühlen muss, zu einem Ausscheidungsprodukt zu werden, das für immer eine Nummer nicht nur an den Pullover genäht, sondern auf die Stirn tätowiert hat. Diese Nummer unsichtbar werden zu lassen, für mich und für die Teilnehmer selbst, darum ging es, das war die erste Herausforderung, der Ausgangspunkt für die weitere Arbeit.


Und dann war es ganz einfach, ich musste gar nichts machen. Ich saß nur da, die Männer kamen in den für uns reservierten Raum in der Knastschule, schüttelten mir die Hand und stellten sich vor. Sie boten mir Kaffee und Kekse an. Man sah ihnen an, dass sie selten nach draußen gehen. Würde ich einen alten Freund wiedertreffen, dessen Gesicht so aussieht wie die Gesichter dieser Männer, würde ich fragen, ob es ihm grade nicht gut geht, ob etwas Schlimmes passiert ist. Aber aus diesen müden und blassen Gesichtern erfuhr ich nur Offenheit, Freundlichkeit und Neugier.


Fast alle Häftlinge brachten fertige Texte mit in den Workshop oder erzählten davon, dass sie während der Haftzeit viel schreiben. Tagebuch, Memoiren oder Raps. Einer der Männer gab sich als Ghostwriter von Kool Savas zu erkennen. Meine Arbeit bestand als nächstes daraus, die Workshopteilnehmer mit dem Format Poetry Slam vertraut zu machen, das die meisten von ihnen nicht kannten. Ich erzählte die Herkunfts- und Verbreitungsgeschichte von Poetry Slam in den USA und Deutschland, wir hörten uns viele Slam-Texte auf CD an und analysierten ihre Form, ihren Inhalt, die Vortragsweise. Wir erarbeiteten uns einen eigenen Begriff von Slam Poetry.


Die Teilnehmer wollten während der Workshopnachmittage keine Zeit zum Schreiben. Sie sagten, Zeit zum Schreiben hätten sie genug. Also konzentrierten wir uns auf die gemeinsame Arbeit an bestehenden Texten und ihren Vortrag. Als Performanceübung zum Aufwärmen lasse ich die Teilnehmer meiner Workshops Emotionen auf Zettel schreiben, diese Zettel sammle ich ein und lasse dann  jeden einen ziehen. Die Aufgabe lautet: Trage das ABC in der von dir gezogenen Emotion vor, zum Beispiel traurig oder aggressiv. Ein Teilnehmer zog „Freude“ und fragte: Was soll ich machen, wenn ich vergessen habe, wie sich anfühlt, was auf meinem Zettel steht?


Ansonsten verbrachten wir tolle Stunden, ich zumindest empfand es so. Wir schafften es, mit Vertrauen und produktiv zusammenzuarbeiten. Wir erprobten Techniken, die helfen können, Nervosität zu bekämpfen. In einer Übung stand jeweils ein Teilnehmer als Marionette vor der Gruppe und alle zogen so lange an ihm herum, bis er für sich eine sichere und gute Bühnenhaltung gefunden hatte. Diskussionen über einzelne Aspekte von vorgetragenen Texten drifteten immer wieder ab und wurden zu philosophischen Gesprächskreisen. Wir sprachen zum Beispiel lange über die Angst vor dem Tod, über Endgültigkeit. Ich hatte das Gefühl, die Häftlinge genossen es, Zeit und Raum dafür zu haben, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sie umtrieben, und dadurch einen Teil der Autorität über ihr Leben zurückzugewinnen. Am Ende dieses Prozesses hatte jeder mindestens einen fertigen Text und das Rüstzeug, um ihn wirkungsvoll vor einem Publikum vorzutragen.


Die Nervosität vor dem abschließenden Auftritt war bei allen zu spüren. Bei Teilnehmern, Zuschauern, Begrüßungsrednern. Und auch mein Herz schlug sehr heftig, als es losging. Niemand konnte einschätzen, was passieren würde. Es waren wirklich 100 Zuschauer gekommen, um sich die Texte der Häftlinge anzuhören und sie zu beklatschen. Die Anstaltsleitung hatte sogar erlaubt, dass von jedem Insassen zwei Angehörige kamen. Ein Teilnehmer saß nach seinem Auftritt neben seiner Frau in der ersten Reihe und hielt für den Rest der Veranstaltung ihre Hand.
Es funktionierte, die Stimmung war gut, die Texte waren gut, die Publikumsjury gab anständige Wertungen ab. Die Häftlinge erfuhren etwas, das in ihrem Leben in der JVA abwesend ist: Anerkennung. Ich glaube, nichts hilft diesen Männern mehr dabei, einen Weg zurück in die Mitte derer zu finden, die vor der Bühne saßen und ihnen Applaus spendeten, als Anerkennung. In der Pause gab die Knastküche für alle Essen aus. Häftlinge und Zuschauer standen gemeinsam in der Schlange und warteten darauf, dass man ihnen eine unglaublich große Portion Reis mit irgendeiner roten Soße auf den Teller klatschte. Anschließend aßen alle zusammen in der Kapelle. Landtagsabgeordnete neben verurteiltem Drogendealer neben Psychologiestudentin. Die Knastkapelle der JVA Schwerte war zu einer Schnittstelle geworden. Und über allem schwebte ein sehr großer Begriff, der in diesem Moment erfüllt war: Inklusion.


Am Ende gewann jemand den Poetry Slam, es gab eine Zugabe und Geschenke und viele Danksagungen. Und ganz am Ende gewannen alle, die teilgenommen und zugeschaut haben, gemeinsam mit denen, die „Lyrik hinter Gittern“ ermöglicht haben. Das Licht in der Knastkapelle war an diesem Abend hell und warm und gelb.

 

Video vom Siegertext:

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Spaceman Spiff - "Endlich Nichts"

Von Daniel Beskos

 

Sich nicht entscheiden zu müssen, schon gar nicht für ein vorgefertigtes Leben, wie es alle führen – das war schon von Anfang ein Thema bei Hannes Wittmer alias Spaceman Spiff.

"Egal kann so schön sein, und ich hoffe, wir sind bald wieder so schön egal", hieß es auf dem Debütalbum "Bodenangst" (2009). In einem Rutsch wurde diese Platte damals aufgenommen, an einem Tag im Studio hintereinander weg eingespielt, eigentlich eher aus Versehen, dieser allererste Alleingang des damals erst 23-jährigen Würzburgers. Und auch wenn die Instrumentierung mehr als spärlich war, eigentlich nur eine akustische Gitarre, dazu Gesang, so war jedem schon nach dem ersten Hören sofort klar, dass hier einige richtig große Songs versammelt waren. Dass hier einer singt, der nicht nur etwas zu erzählen hat, sondern dies auch noch auf ganz besondere Art und Weise kann. Das lag natürlich auch an dem untrüglichen Gespür für große Melodien, das sich bis heute durch die Musik von Spaceman Spiff zieht. Vor allem aber lag es an den wunderbaren Texten. Texten, die in ihrer Stärke und Ausdruckskraft unter den Songwriterkollegen eigentlich ihresgleichen suchen. Die perfekt die Gratwanderung zwischen Melancholie, Ernsthaftigkeit, Glück und ein klein wenig Pathos beherrschen. Und die so voller Lieblingssätze sind, dass man sie "sofort twittern und dafür alle Grimme-Online-Preise für die nächsten zwanzig Jahre gewinnen könnte", wie es in einer Rezension heißt.


Und das Mädchen macht die Augen zu und lauscht:
"Hey hör mal her,
merkst du nicht, das ist die Autobahn, die rauscht
und nicht das Meer"
und sie hat Recht
das Leben schlägt dir ins Gesicht
die Nase blutet
die Beine nicht
("Gedankenstricke II")



Auf dem zweiten Album "und im fenster immer noch wetter" (2011) holte sich Spaceman Spiff Verstärkung und wurde zur Band. Mit Felix Weigt (Die höchste Eisenbahn) und Jonny König ("Stoiber on drums") haben sich ihm dabei zwei Ausnahmemusiker angeschlossen, die mit ihrer Mischung aus Percussion, Streichern, Klavier, Bässen und Xylophon oftmals vergessen lassen, dass hier nur ein Trio am Werk ist. Und während alles auf Album Nummer 1 noch wie ein Versehen wirkte, wie eine tolle Sache, die man aus dem Handgelenk schüttelt, hinterher aber nicht mehr weiß, wie man das gemacht hat – auf Album 2 wurde klar, hier singt einer, der weiß, was er tut. Der es schafft, genau das in Worte zu fassen, was einem selbst als Gedanken oftmals durch die Lappen geht. Der mit einfachen Texten die ganze Kompliziertheit des Lebens aufzeigt, dessen Texte aber für jeden sehr individuell erlebbar sind, ganz einfach und direkt. Und der das Ganze dabei auch noch in große Melodien verpacken kann.

Du und ich und eine Schneeballschlacht
wir bewerfen uns mit Schnee von gestern
und du wirfst wie ein Mädchen
aber triffst, wo es weh tut
("Schnee")


Dann begann eine aufregende Zeit mit über 130 Konzerten, Touren mit Band und allein, gemeinsamen Auftritten mit Autoren in Deutschland, den Niederlanden, Island, Polen, Österreich, der Schweiz, einem Preis fürs beste Bühnenprogramm 2012 und begeisterten Kritiken in Musikpresse und Feuilleton:

"Die Songs klingen so aufrichtig, so nachdenklich, so nackt und direkt, dass es einem schier den Boden unter den Füßen wegreißt." (Szene Hamburg)

"Es sind diese Zeilen, die Spaceman Spiff in ein eigenes Sonnensystem katapultieren." (Rheinische Post)

"Spaceman Spiff singt Sätze, die man in Neonrot an alle Fassaden sprayen will." (U-MAG)

"Wie verheulte Augen am nächsten Morgen. Berührend ohne Kitsch." (INTRO)

"Da muss auch die härteste Baseballschläger-Type bestimmt mal ein Tränchen verdrücken.  ... und im fenster immer noch wetter lässt nämlich keinen einfach so entkommen." (OX (9 von 10 Punkte))


Spaceman Spiff - (c) Waldemar Salesski
Spaceman Spiff - (c) Waldemar Salesski

Im Anschluss entzog sich Hannes Wittmer dann erstmal dem Rummel und seiner Rolle als Spaceman Spiff und ging für einige Monate nach Neuseeland. Wo man Bergsteiger sein kann. Wo die Notizbücher weiß und leer sind. Und wo man viel über sich und seinen Blick auf die Welt lernen kann: "Dieser Nebel ist nur Milchglas, und selbst der Ozean ist nur ein großer See."
Dort, am Ende der Welt, sind auch die meisten der neuen Songs entstanden. Sie alle erzählen von dem Thema, dass sich schon immer als roter Faden durch die Arbeit von Spaceman Spiff zieht: Eigentlich haben wir hier alle ein traumhaftes Leben – und doch tun wir uns schwer, sind dem Stress nicht gewachsen, dem Erwartungsdruck oder haben schlicht keine Lust, den für uns vorgezeichneten Weg zu gehen. Und in den Momenten, in denen es die tägliche Mühle zulässt, wird uns auch immer klarer, wonach wir uns sehnen: Nach weniger. Nach einer einsamen Wanderung im Niemandsland. Nach der Ruhe selbst. Danach, dass die Zeitverfluggeschwindigkeit wieder langsamer wird. Dass wieder mehr Zeit und Raum wird, für gute Freunde, tiefe Gespräche, echte Gefühle.

Im Januar 2014 erscheint nun das dritte Album. Es enthält 12 sehr gute Freunde. Oft geht darin die Sonne auf. Manchmal geht sie auch unter. Ab und zu fällt etwas Regen, allerdings langsamer als sonst. Es wird gegen Wände gelaufen, in Löcher gefallen und wieder rausgeklettert. Manchmal ist man am Strand, dann ist es ganz besonders schön, auch mit Sand in den Schuhen. Hin und wieder knallen Schlagzeug und Streicher rein, dann wird es auch schnell mal hymnisch. Meistens bleibt es aber ganz nah bei uns, ganz nah am Ohr. Eins ist klar: Dieses Album wird uns gut durchs nächste Jahr bringen. Es heißt "Endlich Nichts".

 

Und egal, wie oft man diese Songs gehört, egal, wie oft man seine Konzerte besucht – eigentlich kann man, wenn man Hannes Wittmer trifft, nicht glauben, dass aus diesem freundlichen, bescheidenen, manchmal auch schwer witzigen jungen Mann diese ernsthafte, tiefe, welthaltige Musik eines Spaceman Spiff kommen soll. Und vielleicht ist es einfach so wie bei Calvin, dem 6-jährigen Titelhelden aus dem Comic Calvin und Hobbes: Er ist nur ein ganz normaler kleiner Junge. Aber manchmal malt er sich aus, ein Astronaut zu sein. Dann reist er zu fernen Planeten und nennt sich Spaceman Spiff.

 

Spaceman Spiff - "Endlich Nichts"
CD/LP/DL

12 Songs

Erscheint am 10.01.2014 bei Grand Hotel van Cleef in Kooperation mit dem mairisch Verlag.

CD/LP bestellen: http://shop.mairisch.de/mairisch-gesamtprogramm/endlich-nichts/

Reinhören via Spotify:

Gestaltung und Foto: Denise Henning
Gestaltung und Foto: Denise Henning

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