Blog 2013

Was macht eigentlich ein Verlag? Teil 7: Finanzen

Von Daniel Beskos

In den bisherigen Teilen dieser Reihe haben wir viel davon gesprochen, was Verlage für ihre Bücher und Autoren tun können, welche Arbeiten sie im Lektorat und Korrektorat, bei der Gestaltung, Herstellung, Pressearbeit und den Veranstaltungen leisten und für die Autoren übernehmen.

Ein Thema kam bislang aber nur am Rande zur Sprache: Geld.

 

Im Zuge der Selfpublishing-Debatten taucht ja oft der Vorwurf auf, Autoren würden an ihren Büchern zu wenig verdienen und die „Verwerter“ (also z.B. die Verlage) zu viel. Das ist, offen gesagt, Quatsch. Denn natürlich gibt es einige wenige Autoren, die mit ihren Büchern, die sie z.B. über das Selfpublishing-Programm von Amazon veröffentlicht haben, sehr erfolgreich sind und eine Menge Geld verdienen (aber eben nur die wenigen an der Spitze). Die meisten Autoren verdienen daran aber nicht sehr viel, UND sie müssen auch noch die ganze Arbeit selbst erledigen.

 

Und auch im klassischen Print-Bereich verblüffen uns immer wieder Aussagen darüber, wie viel Verlage denn angeblich verdienen. Wenn wir etwa erzählen, dass „Räuberhände“ Schullektüre an allen Hamburger Schulen ist, bekommen wir immer wieder zu hören, dass wir uns ja jetzt um nichts mehr Sorgen machen müssten. Abgesehen davon, dass es in diesem Fall um eine Lizenzausgabe geht, an der wir nur sehr wenig verdienen, zeigen uns solche Aussagen, dass denjenigen offensichtlich nicht bekannt ist, wie sich ein Buch errechnet, wer wie viel daran verdient und was am Ende für Autor und Verlag tatsächlich übrig bleibt.

Update dazu: Sebastian Wolter hat im Verlagsblog von Voland & Quist letztes Jahr schon mal eine ganz ähnliche Rechnung aufgemacht: www.voland-quist.de/verlagsblog/buchkalkulation-was-verdienen-autor-und-verlag-an-buchern/

 

Kalkulieren wir's mal ...

Deswegen zu allererst einmal eine beispielhafte Buchkalkulation für einen Titel im mairisch Verlag, Hardcover, 224 Seiten, Startauflage 2.000 Stück, mit Lesebändchen, bedrucktem/farbigem Vorsatzpapier, Titelprägung, gutem Papier für innen und außen usw.:

 

18,90 Euro Bruttoladenpreis

abzgl. 7% Mwst.

= 17,66 Euro Nettoladenpreis

- 8,83 Euro Buchhandelsrabatt (Barsortiment, 50%)

- 0,80 Euro Kosten Auslieferung

- 0,35 Euro Honorar Gestaltung & Satz

- 0,12 Euro Korrektorat

- 3,00 Euro Herstellung/Druck

- 1,77 Euro Autorenhonorar

- 0,25 Euro Werbung

- 0,25 Euro Portokosten/Presseversand

----------------------

= 2,79 Euro Einnahmen Verlag

 

Dazu noch ein paar Anmerkungen:

  1. Buchhandelsrabatt: Die Buchhandelsrabatte liegen üblicherweise zwischen 30-50%. Die Barsortimente (also der Großhandel) bekommen 50%, zum Teil auch mehr. Nun haben wir einen Barsortimentsanteil von ca. 85%, das heißt, ca. 85% aller mairisch-Bücher, die über den Buchhandel verkauft werden (dazu gehört auch Amazon) gehen übers Barsortiment. Wir nähern uns also im Durchschnitt fast den 50% Rabatt an. Das ist für langjährige Verleger, die es aus den 70er und 80er Jahren noch anders kennen, vielleicht ein Schock, damals waren 20-35 Prozent im Handel keine Seltenheit. Für uns sind die 50% im Zwischenhandel und unser hoher Barsortimentsanteil allerdings einfach ein Fakt, wir kennen es kaum anders. Die Leute bestellen nun mal zunehmend über Amazon und gehen weniger in die Buchhandlungen.
  2. Herstellung/Druck: Wir könnten die Kosten hier sicher etwas senken, z.B. indem wir weniger aufwendig herstellen und im Ausland drucken würden. Aber wie ich im Teil 3 über Herstellung beschrieben habe, gibt es einige Gründe, warum wir das nicht tun möchten. Daher müssen wir hier eben so hohe Kosten einplanen (die wohlgemerkt von unserem Gewinn abgehen, nicht von dem des Autors). Und natürlich könnte man die Kosten ebenfalls senken, wenn man höhere Auflagen drucken würde, aber mehr dazu weiter unten.
  3. Autorenhonorar: Hier sind 10% gerechnet. Das ist für eine deutschsprachige Originalausgabe Belletristik im Hardcover üblich, wird aber nicht von allen Verlagen immer gleich so gezahlt, sondern oft erst ab einer bestimmten Verkaufszahl. Staffeln a la 8% ab 1. verkauftes Exemplar / 9% ab 20.000. / 10% ab 40.000. habe ich zumindest schon gesehen. Bei Taschenbüchern ist es übrigens fast nur die Hälfte, da erhält der Autor (vom eh schon niedrigeren Ladenpreis) oft nur ca. 6-7%.
  4. Eine reine E-Book-Kalkulation wäre übrigens gar nicht so anders, die Kosten sind im Grunde fast identisch. Das liegt vor allem daran, dass man ehrlicherweise fast alle Projektkosten (also z.B. Covergestaltung, Lektorat, Übersetzung, Korrektorat, Presse, Werbung, Auslieferung usw.) in die Rechnung einbeziehen muss, genau wie beim Print-Buch. Nur die Herstellungs-Kosten sind beim E-Book niedriger, und auch die Rabatte liegen etwas niedriger, eher bei 40% inkl. Auslieferung. Allerdings ist das ein viel kleinerer Markt, man verkauft derzeit nur etwa 10% der Stückzahlen, die man im gedruckten Buch verkauft, außerdem ist der Ladenpreis niedriger und die Tendenz geht zu weiter sinkenden E-Bookpreisen – und nicht zuletzt darf man auch nicht vergessen, dass die Mehrwertsteuer bei E-Books 19% beträgt, die gehen also auch noch ab. Eine reine E-Book-Kalkulation wäre daher derzeit fast immer noch ein dickes Minus.

Nun das Entscheidende: Von den 2,79 Euro, die in unserer Rechnung oben für den Verlag übrig bleiben, müssen alle weiteren Kosten bezahlt werden – also unsere Löhne und Gehälter, die Buchmessen, unsere Buchhandelsvertreter, die Büromiete, alle Fahrtkosten, Porto, Büromaterialien, Computer, Telefon- und Internetkosten, Webseite und so weiter.

 

Wenn man nun die gesamte Auflage aus der obigen Kalkulation verkaufen würde (2000 Stück abzüglich der ca. 200 Frei- und Presseexemplare, also 1800 Stück), dann hätte man einen Projekt-Gewinn von 5022 Euro, vor Steuern wohlgemerkt.

 

Jetzt kommt das große Verleger-Aber: Man verkauft ja nur in den seltensten Fälle alle gedruckten Bücher. Das Risiko, was man als Verlag eingeht, ist hier also noch gar nicht mit eingerechnet. Und wenn doch mal die ganze Auflage verkauft wird, muss man eine zweite Auflage nachdrucken, damit das Buch weiterhin lieferbar bleibt, und das ist mit erneuten Kosten verbunden. Trotzdem ist es natürlich das Ziel, mehr Auflagen zu verkaufen als nur die erste, denn erst dann rechnet sich der Buchverkauf für uns als Verlag. Glücklicherweise klappt das hin und wieder.

 

Tja, verkaufen wir halt mehr davon!


Ein Schluss könnte nun natürlich sein: Wir müssen einfach mehr Bücher verkaufen. Klingt logisch. Verfolgt man aber nun die Aussagen von Autoren und Verlegern in den letzten Jahren, oder auch das, was auf Podiumsdiskussionen und Messen so zu hören ist, dann kommt man zu dem Schluß, dass die Auflagenhöhen derzeit allgemein zurückgehen. Es mag daran liegen, dass es viel mehr Neuerscheinungen gibt als früher, dass andere Medien wichtiger werden oder dass die Leute weniger lesen – aber es scheint jedenfalls so zu sein, dass sich die meisten Bücher in der Sparte „Junge Belletristik“ inzwischen nur noch wenige Tausend Mal verkaufen, viele noch nicht mal das.

 

Dann machen wir die Bücher halt teurer?


Eine Maßnahme, mehr Geld für uns und die Autoren zu erwirtschaften, wäre auch, den Ladenpreis hochzusetzen. Und in der Tat kosten inzwischen fast alle neuen Belletristik-Hardcover über 20,- Euro. Wir haben da noch etwas Hemmungen, unser Publikum ist eher jung und nicht so zahlungskräftig, da sind 19,90 Euro schon das Äußerste und die 20 immer noch eine Art Schallgrenze.

 

Andere Einnahme-Quellen


Daneben gibt es noch einige weitere Einnahmequellen, und das muss es auch, sonst könnten wir als Verlag gar nicht überleben. Hin und wieder verkauft man mal eine Taschenbuch- oder Hörbuch-Lizenz, lizensiert eine Kurzgeschichte an den Hörfunk, bekommt Einnahmen von der VG Wort, Theater-Tantiemen, gewinnt einen Preis oder bekommt Förderungen (z.B. fördert die Film und Medien Stiftung NRW unsere Hörspielreihe „pressplay“; die Hamburgische Kulturstiftung und die Kulturbehörde Hamburg fördern unsere Lesereihe PILOTEN; Förderung für Bücher bekommt man normalerweise aber keine, schließlich werden Verlage, im Gegensatz etwa zu Theatern, als reine Wirtschaftsunternehmen gesehen).
Dazu kommen kleine Nebeneinnahmen, z.B. aus Online-Hörbuch-Portalen oder durch die E-Book-Verkäufe. Insgesamt soviel, dass es reicht, zumindest für uns Sparfüchse mit unseren bescheidenen Ansprüchen.

 

Warum wir trotzdem Bücher machen

Die entspannten Seiten des Verlegerlebens: Zu Gast beim LCB am Wannsee. (Foto: Blanka Stolz)
Die entspannten Seiten des Verlegerlebens: Zu Gast beim LCB am Wannsee. (Foto: Blanka Stolz)

Trotz dieser geringen Einkünfte für uns als Verlag sind wir sehr überzeugt davon, dass es nicht die Aufgabe von Autoren sein sollte, Dinge wie Gestaltung, Lektorat, Herstellung, Pressearbeit und Vertrieb zu übernehmen (und zu bezahlen!), sondern die der Verlage. Autoren sollten die Zeit und den Freiraum haben, sich um die Inhalte zu kümmern, alles andere sollte vom Verlag gemacht werden, und idealweise ergibt sich daraus eine gewinnbringende Teamarbeit.

Wir lieben die Bücher, die wir machen. Wir lieben es, mit so großartigen Autorinnen und Autoren, Musikern, Gestaltern, Fotografen zusammenarbeiten zu können. Wir denken nie über Arbeitszeiten und Überstunden nach. Wir arbeiten viel und immer und trotzdem fühlt es sich nur selten nach Arbeit an. Wir geben lieber für ein Buch alles als für drei Bücher ein bisschen. Manchmal haben wir Pech, dann läuft ein Buch nicht gut, bringt kaum seine Kosten rein. Manchmal haben wir Glück, kriegen eine Förderung, einen kleinen Preis, ein Buch verkauft sich gut, erlebt mehrere Auflagen, der Autor hat sehr viele Lesungen, kriegt viel Presse, überraschende Dinge passieren. Das sind die Momente, die unserer Arbeit ihre Qualität verleihen, die sie unbezahlbar machen, die sie auch unersetzbar machen. Von Jahr zu Jahr läuft es besser, man profitiert von der Backlist, von dem Namen, den man sich macht, von der Entwicklung der Autoren. Inzwischen können einige aus unserem Team schon komplett vom Verlag leben, das war lange Jahre nicht so, wir hatten alle Nebenjobs, aus denen wir uns hauptsächlich finanziert haben. Aber wenn es weiter so läuft wie in den vergangenen Jahren, geht es weiter aufwärts. Dann gibt es sowieso niemals einen Grund, sich zu beschweren. Wir können unserem Motto folgen und mit Menschen, die wir mögen, Dinge tun, die wir gut finden. Aber reich, liebe Freunde, reich werden wir nicht. Doch dafür können wir einen Job machen, den wir lieben.

 

 

Daniel Beskos ist Mitgründer des mairisch Verlags und bei mairisch vor allem fürs Programm und die Kommunikation verantwortlich.

 

Weiterlesen:
Teil 1 - Manuskripte und Lektorat
Teil 2 - Grafik-Design und Buchgestaltung

Teil 3 - Herstellung

Teil 4 - Korrektorat

Teil 5 - Pressearbeit

Teil 6 - Lesungen

 

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Was macht eigentlich ein Verlag? Teil 6: Lesungen


Von Judith von Ahn und Daniel Beskos


Es ist der 25. Oktober 1996. Es ist früh dunkel geworden an diesem Abend. In einem südhessischen Dorf haben sich ungefähr 60 Leute im kleinen, unbeheizten Kickerraum eines Jugendzentrums versammelt. Für Oktober ist es schon ziemlich kalt, man kann den eigenen Atem sehen, alle tragen dicke Pullover und Jacken, drängen sich auf den runtergekommenen Sofas und dem verstaubten Boden eng aneinander. Ganz vorne steht ein Sessel, daneben eine schummrige Tischlampe, ansonsten ist der ganze Raum nur durch Kerzen erleuchtet. Trotz der Kälte wird Bier getrunken. Endlich tritt ein junger Mann nach vorne, lächelt in die Runde und sagt: „Liebe Freunde, willkommen zur ersten Ausgabe des Clubs der lebenden Dichter. Wir eröffnen mit den Worten von W.C. Williams: Hold back the edges of your gowns, Ladies, we are going through hell.”


So fing die allererste Lesung an, die wir jemals veranstaltet haben. Als wir in unserem Jugendzentrum „Das Häuschen“ mit der Idee um die Ecke kamen, hier doch mal Literatur zu präsentieren, waren alle erstmal sehr befremdet. Man veranstaltete dort Parties, Konzerte, Trinkgelage, Lagerfeuer – aber Lesungen? Und doch konnten wir die Lesung letztlich machen. Konnten einige Freunde mit ihren Kurzgeschichten dafür gewinnen. Haben verschämt eigene Texte vorgelesen. Erst wollte kaum einer kommen. Dann war der Raum doch noch gestopft voll. Und blieb es auch, jeden Monat, bei jeder der folgenden Veranstaltungen. Und jedes Mal war es ein fast magischer Moment, wenn alle gebannt den Geschichten zuhörten, wenn immer noch mehr Texte aus den Taschen geholt und gelesen wurden, bis tief in die Nacht. So wie die Texte dieses einen Autors, den keiner von uns kannte, der aber spontan einen langen Weg auf sich genommen hatte, um bei uns mal vorzulesen. Und der dann eine endlos lange Faxreihe auf dem Boden ausrollte, auf der er seinen Text ausgedruckt hatte. Die Geschichte war traurig, dunkel, anklagend, aber auch mit ein bisschen Hoffnung versehen. Wir waren sehr bewegt, an diesem Abend. Wir haben den Autor danach nie wieder gesehen. Wir haben gehört, dass er irgendwann einige Jahre später von einem Lastwagen überfahren wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.


Der mairisch Verlag ist also im Grunde aus dieser Lesereihe entstanden. Seitdem haben wir immer wieder junge, unbekannte Autorinnen und Autoren zu Lesungen eingeladen, sind mit ihnen durchs Land gereist, haben in Jugendzentren und Literaturhäusern gelesen, auf Buchmessen und Bauwagenplätzen, an Flüssen und unter Brücken, in Kneipen, Hallen und Wohnzimmern. Und warum? Weil die Lesungen, auch wenn für unseren Verlag das Büchermachen irgendwann immer wichtiger wurde und auch, wenn sich unsere Lesungsformate inzwischen sehr verändert haben, für uns noch immer wesentlicher Bestandteil der Arbeit mit und an Literatur sind. Persönlichen Kontakt mit seinen Lesern bekommt man selbstverständlich auch auf Buchmessen oder im Internet. Aber nirgendwo geht es so sehr um die Texte selbst, nirgendwo kriegt man so direkte und ehrliche Reaktionen wie bei Lesungen – und nirgendwo macht es so viel Spaß. Das ist für uns bis heute so geblieben. Und es ist der Grund, warum Lesungen für uns noch immer so wichtig sind.


Vom Rechner auf die Bühne

Natürlich ist das ein ganz besonderer Moment: Wenn das Buch gedruckt ist, die ersten Exemplare aus der Druckerei kommen, man es endlich in den Händen halten kann. Nachdem es all die wichtigen Schritte durch das Lektorat, die Gestaltung und Herstellung gegangen ist, die Kollegen geschwitzt und geackert haben, darf man es endlich anfassen, aufklappen und darin blättern. Aber bisher haben es ja nur ganz wenige Personen je gesehen oder darin gelesen: Die Autoren, unser Team von Lektoren, Gestaltern, Presseleuten, und vielleicht auch schon die ersten Journalisten. Aber etwas fehlt da eben noch: Der erste Kontakt mit der Außenwelt, mit den Lesern. Und der versetzt uns alle immer noch regelmäßig in Spannung. Zum Glück findet er meistens bei einer Lesung oder Buchpremiere statt. Wenn der Text dort dann gut ankommt, die Zuschauer gebannt folgen und vielleicht an unerwarteten Stellen lachen oder erstarren, dann erst merkt man, woran man all die letzten Monate so intensiv gearbeitet hat, und wofür es gut war: Einem rundum guten Text in angemessener Form auf die Welt verholfen zu haben.

 

Von der Bühne in die Medien

Selbstverständlich sind Lesungen auch Werbung. Für den Verkauf eines Buches sind sie allerdings bei weitem nicht so entscheidend wie etwa die Pressearbeit. Dennoch können Sie ein gutes Stück zum Erfolg beitragen, vor allem dann, wenn sich die beiden Bereiche gegenseitig unterstützen: Eine umfangreiche Lesereise trägt sehr dazu bei, die Pressearbeit in den bereisten Städten zu erleichtern, vor allem Lokalzeitungen und Stadtmagazine sind für eine Rezension viel offener, wenn ein Termin des Autors/der Autorin in der Stadt ansteht. Unterstützt wird das Ganze durch klassische Veranstaltungspressearbeit, aber auch durch unsere Online-Kanäle (v.a. Newsletter, Facebook und Twitter). Außerdem ist eine Lesereise auch eine gute Gelegenheit für lokale Medien, vor Ort Interviews mit den Autoren zu führen, auch wenn das leider immer seltener vorkommt. Und umgekehrt trägt die daraus resultierende Medienpräsenz dann eben dazu bei, dass die Lesungen gut besucht sind.

Here we are now, entertain us

Lesungen (Poetry Slams mal ausgenommen) finden ja meistens in Buchhandlungen, im Rahmen von Festivals oder in Literaturhäusern statt. Es gibt allerdings zum Glück auch jede Menge kleinerer Veranstalter, die mit viel Engagement Lesereihen organisieren und oft ein besonders stimmungsvolles Ambiente bieten. Zwar zeichnet sich in den letzten Jahren gerade auf Festivals eine leicht anstrengende Tendenz ab, sich immer abgefahrenere, spektakulärere und ungewöhnliche Orte für Lesungen auszudenken (z.B. in einer Fussballkneipe, im Bordell, auf einer Fähre, in Tunnels und Bergwerken usw.). Aber dennoch sind es gerade die Orte abseits der Buchhandlungen und Literaturhäuser, die oft für ganz große Literaturmomente sorgen können – z.B. Lesungen in privaten Wohnzimmern und WGs, also in ganz besonders intimem Rahmen.

Oder aber: Die Veranstaltung an sich ist einfach etwas ganz Besonderes.

Benjamin Maack etwa absolvierte 2012 zur Buchpremiere seines Erzählbandes „Monster24 Lesungen in 24 Stunden – und hatte sich dazu eine Menge Freunde, Bekannte und Lieblingskünstler eingeladen, die Musik machten, kochten, seine Texte interpretierten, sich gegenseitig mit Elektroschocks traktierten, Tee reichten und Benjamin zum Schluß einfach stützten, wenn er vom Barhocker zu kippen drohte.

Bei Stevan Paul ("Schlaraffenland", "Monsieur, der Hummer und ich") dagegen werden die Veranstaltungen passend zu seinen Erzählungen vom Kochen zu echten Menü-Lesungen – zur Lesung gibt es dann ein mehrgängiges Menü mit den Gerichten aus den vorgelesenen Geschichten. Dann ist etwa in einem Text ein kleiner Junge erst dadurch zu trösten, dass seine Mutter ihm warmen Milchreis mit Kirschen kocht, und die Zuhörer bekommen dann danach genau diesen Milchreis. Ganz einfach, aber super, das Konzept.

Eine Lesereise und ein Bühnenprogramm, auf das wir ganz besonders stolz sind, ist „Du drehst den Kopf, ich dreh den Kopf“, das der Autor Finn-Ole Heinrich und der Musiker Spaceman Spiff (aka Hannes Wittmer) zusammen entwickelt haben. Es besteht aus einer ausgeglichenen Mischung von Finns Texten und Hannes’ Songs, dazu gibt es einige Texte, bei denen Hannes einen Soundtrack aus Loops und Sounds beisteuert. Die beiden stellten uns das Ganze vor und wollten unbedingt damit auf Tour gehen, schnell war auch die dazugehörige CD-Aufnahme beschlossen.

Wir haben es dann tatsächlich geschafft, eine Tour zu organisieren mit 27 Veranstaltungen innerhalb von 31 Tagen, die durch Polen, Deutschland, Tschechien und Österreich führte, mitten im schneereichen Dezember, durch Literaturhäuser, Kulturzentren, Schlösser, Clubs, Cafés, Schulen und Theater. Sicherlich eine der anstrengstenden Lesereisen ever, aber für uns sicherlich auch eine der schönsten. Und für dieses Bühnenprogramm wurden die beiden tollerweise 2012 auch mit dem Preis der Autoren ausgezeichnet.

Solche Momente zu ermöglichen, bedeutet für uns im Verlag natürlich eine Menge Arbeit. Wir handeln ja gewissermaßen als Booking-Agentur: Veranstalter müssen gesucht und überzeugt, die Termine und Honorare ausgehandelt, eine sinnvolle Reiseroute zusammengebastelt, Plakate gedruckt und verschickt, Unterkünfte und Büchertische organisiert, Verträge ausgehandelt und unterschrieben werden. Aber gerade diese Beispiele haben uns gezeigt, warum sich das Ganze doch so sehr lohnt.

Auch mit unseren eigenen Lesereihen in Hamburg, TRANSIT (2003-2008) und PILOTEN (2013-2014) versuchen wir, mehr als nur eine einfache Lesung zu bieten: Bei TRANSIT gab es nicht nur monatlich je 4 AutorInnen, sondern auch ein Rahmenprogramm aus Kurzfilmen, Songwritern, Bands, Foto-Projektionen. Und auch bei unserer Lesereihe PILOTEN gibt es noch Gespräche mit den Autoren rund um ihr Schreiben, aber auch über viel anderes.

 

Von der Hand in den Mund

Einen Punkt haben wir bis jetzt noch gar nicht erwähnt: Geld. Für nicht wenige Autoren sind Lesungen die Haupteinnahmequelle, noch weit vor den Einnahmen aus den Buchverkäufen oder aus Preisen und Stipendien. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind Lesungen auch für uns interessant: Wir können so aktiv zum Einkommen des Autors beitragen und auf diese Weise die in Indie-Verlagen üblicherweise doch eher niedrigen Vorschüsse etwas ausgleichen.

Das Reisen und Vorlesen wurde in den letzten Jahren immer wichtiger und gehört inzwischen zu einem guten Teil zum Beruf des Autors dazu. Die Bücher „einfach“ nur zu schreiben, reicht meist nicht mehr. Das Selbstverständnis als Autor unterliegt also offenbar einem Wandel – vielfach wird derzeit darüber diskutiert, wie sehr ein Autor sich selbst auch präsentieren können muss, um Erfolg zu haben, wie sehr er auch in der Öffentlichkeitsarbeit und Selbstvermarktung involviert sein muss. Wie weit das notwendig ist, darüber kann man streiten. Für uns ist aber klar, dass zumindest Lesungen selbstverständlich zur Arbeit als Autor dazugehören – nicht zuletzt auch aus finanziellen Gründen. Vom Buchverkauf allein kann fast kein Autor mehr leben. Die meisten Autorinnen und Autoren sind also – und zwar für ihre gesamte Berufslaufbahn – auf Lesungen angewiesen, wenn sie ihr Geld nicht durch andere Nebentätigkeiten verdienen wollen.

 

Man kann es aber vielleicht auch umgekehrt sehen: In seinem Beruf von Bühne zu Bühne zu reisen, seine Arbeit vor einem interessierten Publikum vorzutragen, sich dann noch beklatschen zu lassen – das ist vielleicht nicht das Schlechteste. Zumindest aber ist es der Ort, an dem die Literatur zum Leben erweckt werden kann.

 

Judith von Ahn ist bei mairisch die zentrale Ansprechpartnerin für alle Lesungen und Veranstaltungen.

 

Daniel Beskos ist Mitgründer des mairisch Verlags und bei mairisch vor allem fürs Programm und die Kommunikation verantwortlich.

 

Weiterlesen:
Teil 1 - Manuskripte und Lektorat
Teil 2 - Grafik-Design und Buchgestaltung

Teil 3 - Herstellung

Teil 4 - Korrektorat

Teil 5 - Pressearbeit

Teil 7 - Finanzen

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Ich will die Wahrheit sagen, unbedingt

Michael Weins über seinen Roman "Goldener Reiter"

Wir haben ein Buch wieder aufgelegt, das für uns die erste Berührung mit dem Autor Michael Weins war, lange bevor wir ihn dann später persönlich kennen gelernt haben. Das Buch heißt "Goldener Reiter", erschien 2002 bei einem großen Publikumsverlag als Taschenbuch und war dann recht schnell auch wieder von der Bildfläche verschwunden.

Seitdem haben wir mit Michael Weins drei schöne Bücher gemacht ("Lazyboy", "Delfinarium" und "Krill"). Nur seinen allerersten Roman, "Goldener Reiter", gibt es nicht mehr. Das kann ja eigentlich nicht sein, haben wir uns gedacht. Haben das Buch nochmal in die Hand genommen und gelesen. Wir waren etwas besorgt, ob es uns nach all der langen Zeit noch immer so gut gefallen würde. Aber das Gegenteil war der Fall: Die Geschichte von Jonas Fink, dessen Mutter langsam den Boden unter ihren Füßen verliert und schließlich in die Psychiatrie eingeliefert wird, hat uns mehr berührt denn je.

Wir konnten nicht anders, als dieses großartige Buch in einer wunderbar golden strahlenden Hardcover-Ausgabe neu aufzulegen. Weil es einen zweiten Blick verdient.


Neu war uns allerdings, dass die Geschichte nicht ganz so fiktional ist, wie man das bei einem Roman immer annimmt. Vielmehr verarbeitet Michael Weins darin auch eigene Kindheitserlebnisse. Warum er darüber jetzt spricht, dazu hat er im Buch ein Nachwort geschrieben, das wir hier in voller Länge wiedergeben.


Das Jahr der Zwiebel

Nachwort zu "Goldener Reiter" - Von Michael Weins

Michael Weins (Foto: Chris Zielecki)
Michael Weins (Foto: Chris Zielecki)

Jede Autorin, jeder Autor, jede Besucherin von Lesungen kennt das. Immer werden am Ende die drei obligatorischen Fragen gestellt: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration? Können Sie vom Schreiben leben? Ist das autobiografisch?

Und immer erleben Autoren die Frage nach dem autobiografischen Hintergrund als besonders lästig. Spielt es für die literarische Qualität eines Textes wirklich eine Rolle, ob ihn sich einer ausgedacht hat oder nicht? Lässt sich das überhaupt auseinander halten? Was heißt schon ausdenken? Speist sich nicht alles aus irgendwelchen Quellen? Fiktionalisieren wir nicht sowieso ohne Unterlass unser eigenes Leben? Erzählen wir uns nicht sowieso im konstanten Selbstgespräch von unserem Dasein, suchen den Reim auf Leuchtturm-Momente und Alltag?


Als vor über zehn Jahren mein Roman »Goldener Reiter« erschien und ich die ersten Male aus dem Buch vorlas, erlebte ich die Frage nach dem autobiografischen Hintergrund des Erzählten mit besonderer Anspannung. Und ich glaube, den Zuhörerinnen und Zuhörern ging es ebenso. Sie wollten wissen, wie viel Jonas Fink steckt in Michael Weins. Bin ich der Ochsenzoll-Sohn meiner Ochsenzoll-Mutter?

Ich habe mich damals gewunden. Ich habe versucht, nicht direkt zu lügen. Ich habe aus verschiedenen Gründen versucht, die Wahrheit mit verschiedenen Mitteln zu verschleiern. Mir war sogar dazu geraten worden. Ich habe auf meinen Beruf als Psychologe, der mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, und die damit verbundenen Erfahrungen verwiesen, die detaillierte Kenntnis von Psychiatrien und ähnlichen Orten. Ich habe über meine Kindheit in den 80er-Jahren gesprochen und die allgemeine Atmosphäre, die ich damals wahrgenommen habe. Ich habe einen spielerischen Umgang versucht, habe geantwortet: zu 26 %, was jede weiterführende Frage erstickte. Und ich kam mir dabei clever vor. Aber ich habe gelogen, denn in Wirklichkeit sind es 89,2 %.

Ich habe damals keine schlichte Antwort gegeben. Denn die schlichte Antwort lautet: Ja.


Für die Lüge oder das Verschweigen gab es verschiedene Gründe, und sie haben mit dem Thema zu tun. Der erste Grund lautet: Scham. Und der zweite Grund lautet: Scham (wie beim Fightclub). Und die anderen vermutlich auch. Scham. Ich schämte mich für dieses Buch. Und ich schämte mich für meine Kindheit. Ich schämte mich für meine Mutter, die ich liebe. Und ich hatte Angst, dass ich nachher nie wieder ein literarischer Autor sein dürfte, sondern nur noch der Sohn der Verrückten, der Geisteskranken, möglicherweise selber nicht ganz dicht. Aber es war nun einmal die Geschichte, die ich zu erzählen hatte. Ich hatte damals diese und keine andere. Und die Geschichte schien mir gut. Und ich hatte eine Sprache gefunden, sie zu erzählen.

Ich bin Schriftsteller. Damals war ich Psychologe, heute bin ich Psychotherapeut. Und jetzt gibt es das Buch noch einmal, nach über zehn Jahren. Und diesmal will ich die Chance nicht verpassen. Ich will die Wahrheit sagen, unbedingt. Obwohl ich mich immer noch schäme. Ich spreche diese persönliche Wahrheit aus, weil ich weiß, dass es viele gibt, die sich ebenso schämen wie ich. Für ihren Bargfeld-Steegen-Papa oder was weiß ich. Die glauben, dass sie schuld sind und dass sie etwas verbergen müssen. Den Alkoholismus, die Depression, das Messietum, die Zwangsstörung oder einfach nur normal verkorkste Eltern. Oder eben eine Mutter mit paranoider Schizophrenie, wie ich. Solche, die jeden Tag lächelnd über Leichen in die Schule gehen, und keiner weiß Bescheid. Denen die Fassade alles ist, weil sie Schutz verspricht und Sicherheit bietet.


Dieses Buch ist ein Roman. Es ist immer noch keine Autobiografie. Es ist kein Sachbuch. Es hat einen explizit literarischen Zugriff auf das Thema. Es wählt seine Form und seine Mittel, es abstrahiert, es reduziert Komplexität, es verdichtet, komprimiert das ehemals Wirkliche zu Kunst und es lässt Dinge weg.

Ich habe damals auch gelogen, um die zu schützen, die unmittelbar von der Geschichte, die ich erlebte, die sie erlebten, betroffen waren. Und sind. Um mich zu schützen. Um sie zu schützen. Ich bin ein literarischer Autor, ich habe andere Bücher geschrieben und ich werde wieder andere Bücher schreiben als dieses, das besonders nah an meinen persönlichen Gründen schürft. Ich werde wieder Figuren und Gegenstände wählen, die zwar ich sind, aber mehr in einem vorgestellten Sinne. Wie sich verkleiden auf dem Dachboden. Diese Verkleidung hier ist eigentlich keine. Ich hatte vor etwas über zehn Jahren den Koffer mit den alten Kleidern aufgemacht, die ich trug, als ich zehn, zwölf Jahre alt war. Ich habe meine wirkliche Welt beschrieben. Ich habe mich dabei erinnert und wieder erlebt und sicherlich etwas verarbeitet. Ein Verarbeitungsbuch, peinlich. Und meine Welt ist dabei zu einer virtuellen Welt, einer Nicht-Welt geworden. Zu Fiktion.


60 % aller Kinder psychisch kranker Eltern entwickeln im Laufe ihres Lebens ebenfalls eine psychische Störung, las ich kürzlich. Innerhalb der Allgemeinbevölkerung sind es etwa 20 %. Ich glaube, dass der Schlüssel zu psychischer Gesundheit vor dem Hintergrund solcher Erfahrungen in Transparenz und Bindung liegt. Liebe und Offenheit, eine Sprache für das, was geschieht. Trotz des Misstrauens, des Ärgers, der Scham und der Hilflosigkeit gibt es Liebe zwischen Frau Fink und ihrem Sohn. Und bei allem Gestotter findet diese Mutter innerhalb des sprachlosen Umfelds doch noch Worte für die Katastrophe und kann ihrem Sohn sagen, dass sie krank ist. Und deshalb braucht er es nicht zu werden. Am Ende können die beiden zu Silvester vom Tisch springen. Mit der Frage nach der Widerstandskraft, warum einige krank werden und andere nicht, beschäftigt sich die Resilienzforschung. Man kann durch einen Hundehaufen gehen und muss trotzdem nachher nicht die Schuhe in die Tonne werfen, um noch ein Bild des Romans zu benutzen. Allerdings muss man die Kacke mit dem Stöckchen aus den feinen Rillen der Turnschuhsohle kratzen, was auch nicht schön ist. Ich habe Glück gehabt.

 

Deshalb stelle ich dieses Buch noch einmal hinaus in die Welt. Und ich hoffe, dass es diesmal gezielter seinen Weg finden kann zu jenen, die noch keine Sprache und keine Offenheit erleben und denen dieses Buch deshalb vielleicht etwas nützen kann. Das würde mich freuen.


Ich möchte mich bei folgenden Personen bedanken, die mich auf dem Weg zu diesem Buch und zu dieser Haltung unterstützt haben: Sigrid Behrens, Arne Wendtland, Sven Amtsberg, Tina Uebel, Benjamin Maack, Sascha Bunz, Dr. Frank Wistuba und Evelin Gottwalz-Itten. Mein besonderer Dank gilt dem mairisch Verlag für sein Vertrauen, insbesondere Daniel Beskos, Peter Reichenbach und Stefanie Ericke-Keidtel. Und meiner Familie. Danke.

 

Michael Weins, April 2013


Michael Weins - "Goldener Reiter"

Was geschieht, wenn einer Mutter ernsthaft die Nerven durchgehen, wenn der Boden unter ihren Füßen brüchig wird und man sie in die Psychiatrie einweist, nach Ochsenzoll? Jonas Fink verliert jede schützende Hülle seiner Kindheit. Die Mutter ist nicht mehr, wie sie war, sie tut Dinge, die sie niemals tat, und Jonas ist vollauf damit beschäftigt, beobachtend und beschreibend der Erosion seines Lebens Einhalt zu gebieten. Er hält sich an die Tatsachen. Er wahrt den Anschein von Normalität. Denn letztlich ist normal, was passiert, zumindest für ihn: Seine Mutter ist eine Ochsenzoll -Mutter und er ist ihr Ochsenzoll -Sohn.

Man kann nicht anders: Man ist sofort auf Jonas Finks Seite, erlebt das Entgleiten der Mutter durch seine Augen und Ohren. Diese Perspektive ist bestechend – und das unzerreißbare Band zwischen einem Kind und seiner Mutter wurde selten so schön beschrieben. Michael Weins gelingt es eindrucksvoll, mit starken Bildern und stilistischer Entschiedenheit von einem Jahr der Veränderung zu erzählen.

Michael Weins
Goldener Reiter
Roman | Hardcover | 208 Seiten | 19,90 €

Inkl. E-Book-Download-Code
ISBN 978-3-938539-28-6
Auch als E-Book erhältlich
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Neu bei mairisch: Dorian Steinhoff im Interview

Von Peter Reichenbach

Wir haben einen neuen Autor mit an Bord: Dorian Steinhoff. Sein Erzählband "Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern" erscheint im Oktober 2013.

Dorian Steinhoff (Foto: Marco Piecuch)
Dorian Steinhoff (Foto: Marco Piecuch)

Die Idee, hier auf unserem Blog ein Interview mit Dorian zu führen, gefiel uns allen im Verlag sofort. Allerdings wollte er, weil er
so ein ehrlicher Typ ist, sofort Details ausplaudern, aus dem Lektorat und darüber, wie es hier allgemein im Verlag so läuft.

Ich hab mich also bequatschen lassen:

Peter Reichenbach: Die erste Ladung Bücher ist jetzt bei dir angekommen. Wie hat sich das angefühlt, bist du zufrieden damit, wie alles bis hierhin gelaufen ist?

Dorian Steinhoff:Wie eine ganz große und wunderbare Belohnung hat sich das angefühlt! Ich habe tatsächlich ein bisschen in meinem Zimmer getanzt und geklatscht und das Buch wie einen Pokal hochgehalten, es ins Bücherregal neben Homo Faber gestellt und mich selber dafür ausgelacht. Ich habe mich gefreut wie so ein kleiner Junge. Die Leute um mich herum hatten an dem Tag ganz schön was auszuhalten. Also, ja, ich bin sehr zufrieden bis jetzt.

Peter: Warum ausgerechnet neben Homo Faber?
Dorian: Wenn du so fragst muss ich das natürlich präzisieren. Es stand zwischen Gold von Blaise Cendrars und Homo Faber. Da war grad eine Lücke durch ein Buch, das ich verliehen habe. Alles rein pragmatisch also.

 

Peter: Worum geht‘s in deinem Buch, in deinen Geschichten, worum geht es dir in deinem Schreiben?
Dorian: Ich glaube ja, Autoren sollten nicht versuchen, ihre eigenen Texte zu interpretieren. Aber ich kann sagen, was so vorkommt im Buch: Wildschweine, Sex, Drogen, Gewalt, Tod, Liebe und Freundschaft. Also alles, was gute Geschichten brauchen. Darum geht es mir beim Schreiben auch vornehmlich erstmal, ich möchte gute Geschichten erzählen, auf einer inhaltlichen und formalen Ebene.


Peter: Wie fühlte sich das für dich an, deine Texte aus der Hand zu geben  
und andere Leute, also uns, mitreden zu lassen. Was war für dich am  
schwierigsten?
Dorian: Ich bin immer sehr dankbar, wenn ich gutes Feedback zu meinen Texten bekomme. Ich hatte während dem Lektorat immer das Gefühl, dass wir einander sehr gut zuhören, und verstehen wollen – und auch immer konnten – was an dem Manuskript gestrichen oder ergänzt werden oder welchen Drall es noch bekommen muss, um den bestmöglichen Text für das Buch zu erhalten. Ich habe während diesem Prozess noch mal sehr viel über mein eigenes Schreiben gelernt.

Aber wir wollten doch Details ausplaudern: Es gab in einem Text eine Satzkonstruktion mit einem Neologismus, den ich eigentlich sehr mochte, an die du drangeschrieben hast: "kann ich mir nichts drunter vorstellen." Daraus wurde so ein running gag zwischen Freunden von mir. Oft, wenn jemand etwas einigermaßen oder vermeidlich Unverständliches gesagt hat, kam der Satz: "Kann ich mir nichts drunter vorstellen". Und alle mussten lachen.  

Peter: Es spricht für dich, dass du blöde Kommentare mit Humor genommen hast. Vielleicht zu meiner Verteidigung: An dieser Stelle habe ich bestimmt 20 Minuten überlegt, was du meinen könntest und hatte wirklich keine Ahnung. Meine vermeintlich flapsige Anmerkung spiegelt das natürlich nicht wider.
Dorian: Ich fand die Anmerkung gar nicht blöd, du hattest ja Recht. Ich glaube, ich habe damals drunter geschrieben: "Kill your Darlings, wa!"


Peter: Bevor wir Texte von dir kannten, haben wir dich als Veranstalter von Lesungen kennengelernt. Früher hast du auch auf Slams gelesen. Welche Rolle spielt der Vortrag für dein Schreiben?
Dorian: Ich lese sogar jetzt noch ab und zu auf Slams, wenn mich ein Veranstalter einlädt, den ich mag zum Beispiel.
Gut vorzulesen ist mir wichtig, also gute Lesungen zu machen. Ich mag, dabei zu sein und zu merken, wie ein Publikum auf meine Texte reagiert. Durch das häufige Auftreten habe ich viel gelernt, nicht nur das Vorlesen selbst – das ist ein richtiges Livelektorat.
Inwiefern der Anspruch, gute Lesungen zu machen, Eingang in meine Sprache erhält, weiß ich gar nicht so genau. Wie hast du denn die Texte in Hinblick darauf gelesen? Ist da zum Beispiel irgendeine Tendenz zur Mündlichkeit für dich erkennbar?

Peter: Nicht so sehr eine Tendenz zur Mündlichkeit (obwohl ich z.B. deine Dialoge immer sehr mag, weil sie so sind, wie man spricht und dadurch sehr natürlich wirken), sondern eher in die Richtung, dass man beim Vortragen von Texten auf der Bühne so etwas wie Textökonomie lernen kann und muss. Also wenn man nicht genau auf den Punkt und sehr direkt schreibt, dann kriegt man das - vor allem von einem Slam-Publikum - sehr schnell zu spüren. Und ohne Texte aus deiner Slam-Zeit zu kennen, so war mein Verdacht, dass du eben jene Stringenz auf der Bühne gelernt und jetzt auch in deine Erzählungen übertragen hast. Gleiches gilt auch für deinen Witz und Humor, der trotz der ernsten Themen immer wieder durchscheint.
Dorian: Das klingt schön! Ich freue mich, wenn das, was ich schreibe, so wahrgenommen wird.


Peter: Wenn ich unser weiteres Kennenlernen verfolge: Zum ersten Mal  
gesehen haben wir beide uns auf der Leipziger Buchmesse, dort hat Nora  
Gomringer auf der Bühne einen Text gelesen, der dir gewidmet ist.  
Welche Rolle spielen andere Autoren, Bücher, Filme, Zeitungsartikel  
für dich?
Dorian: Mit der Frage spielst du natürlich darauf an, dass zwei Texte aus dem Buch auf Zeitungsartikeln basieren und es auch andere intertextuelle Elemente gibt. Bücher, Filme, vor allem auch Amerikanische Dramaseries und Zeitungsartikel sind Dinge, mit denen ich sehr viel Zeit verbringe, und wie jede Umgebung wirken sie auf mich, lösen Assoziationen in mir aus, inspirieren mich also und stiften mich auch zu meinen Texten an und erhalten Eingang in sie.  

Peter: Wie oft wird man mit "Wer wohnt schon in Düsseldorf?"  
konfrontiert? Braucht man da eine vorher zurechtgelegte  
Standardantwort? Welche Rolle spielen Orte in deinem Buch?
Dorian: Mir ist das bis jetzt gar nicht so oft passiert. Es sind eher die Düsseldorfer selbst, die mich immer fragen, warum ich in ihre Stadt gezogen bin. Wenn ich jemanden treffe, der mir so kommt, mit „wer wohnt schon in Düsseldorf“, und ich merke, dass da einer nur mit unreflektierten Klischees hantiert, ist meine Standartantwort auch schon mal, „mit dir will ich nicht darüber reden“.
Ansonsten spielen Orte in den meisten Texten keine so große Rolle. Die Geschichten spielen größtenteils in urbanen Milieus, wie es sie in jeder Deutschen Großstadt mit Universität gibt. Außer Wasser, der Text spielt in Kambodscha, und es ist auch der einzige Text, in dem der Ort an sich wichtig ist, als fast perfektes Urlaubsparadies, als Wirkungskraft auf den Menschen.


Peter: Jetzt hast du aber immer noch nicht gesagt, was du an Düsseldorf gut findest.
Dorian: Stimmt! Das Stadtbild Düsseldorfs ist auf eine Weise hässlich und dann auch wieder schön, die meiner Gesamtwahrnehmung der Realität sehr gut entspricht, das mag ich. Außerdem mag ich das Rheinland und NRW, in bin gebürtiger Bonner, viele gute Freunde von mir wohnen hier in der Nähe. Außerdem gibt es in Düsseldorf und im ganzen Bundesland eine gute kulturelle Infrastruktur, die für meine Projektarbeit als Literaturvermittler sehr wichtig ist.

Peter: Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern ist ein Erzählband.  Warum hast du keinen Roman geschrieben, was gefällt dir an der Form  der Erzählung?
Dorian: Ich interessiere mich für Form, also die Art, wie man einen Stoff, ein Thema, eine Geschichte erzählen kann, und die Erzählung ist die Form, an der ich mich abarbeiten wollte. Wahrscheinlich, weil ich selber gerne Erzählungen lese und, ganz ehrlich, mir überhaupt nicht zugetraut habe, einen guten Roman zu schreiben, als ich angefangen habe an diesem Buch zu arbeiten. Außerdem kann ein Erzählband, haben alle Geschichten ein durchgängiges Thema, einen roten Faden, ein bestimmtes Sujet mindestens genauso gut, wenn nicht sogar vielfältiger beleuchten, als das ein Roman vermag. Und ich finde, jedenfalls habe ich mich darum bemüht, Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern hat einen solchen roten Faden.


Peter: Meine persönliche Lieblingsgeschichte im Buch ist ja Wasser, aus
der auch der Titel des Buches stammt. Hast du auch eine  Lieblingsgeschichte im Buch?
Dorian: Ansgar Boos, aus purer Eitelkeit. In dem Text stecken die Sätze, an denen ich am längsten gefeilt habe. Und ich kann mich überhaupt nicht davon frei sprechen, in besonders schön geratene Sätze, die ich geschrieben habe, ein bisschen verliebt zu sein. Aber auch so, ich glaube, das ist eine ganz gute Geschichte geworden.

Peter: Wir hätten dieses Interview ja faken können. Welche Frage hättest du dir am liebsten selbst gestellt?
Dorian: Was glaubst du, wie endet Breaking Bad?  

Peter: Also was glaubst du, wie endet Breaking Bad?
Dorian: Puh, zum jetzigen Zeitpunkt sind ja von dem zweiten Teil der finalen Staffel erst drei Folgen gelaufen, es ist also noch sehr schwer abzusehen. Aber sicher ist, dass die ganze Sache nicht gut zu Ende gehen kann, denke ich. Ich sag mal so, wer mich auf Lesereise trifft und gerne anquatschen will, der soll doch dann noch mal fragen, wie mir das Ende gefallen hat. Darüber rede ich dann bestimmt gerne und gerne lang.

Mehr von Dorian: www.doriansteinhoff.de

 

Dorian Steinhoff - "Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern"

Moritz wäre gerne Jäger und glaubt, wenn er erst seine neuen Zähne hat, wird alles gut. Die Macheten-Bande entkommt dem Knast, während ein junger Fußballprofi büßen muss. Und ein Urlaubsparadies in Kambodscha wird durch zu hohe Wellen zur Hölle.

 

Dorian Steinhoff erzählt, wie der Zufall über viele Lebenssituationen entscheidet. Wie Menschen ungewollt in Zwangslagen geraten und ohne eigene Schuld in Schlamassel schlittern. Und wie es immer auch diesen einen Moment gibt, in dem sie hätten Einfluss nehmen, in dem alles hätte gut werden können.
In sieben Erzählungen geht Dorian Steinhoff der Frage nach, wie wir eigentlich unser Leben bestimmen. Er verleiht seinen Figuren einen rauen, direkten Ton und schafft es zugleich, sie in all ihren Niederlagen und Unzulänglichkeiten zärtlich und verletzlich wirken zu lassen. Und es gelingt ihm, sie auf eine ganz besondere Weise anzuleuchten.


Dorian Steinhoff
Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern
Erzählungen | Hardcover | 168 Seiten | 16,90 €
ISBN 978-3-938539-29-3
Auch als E-Book erhältlich

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Was macht eigentlich ein Verlag? Teil 5: Pressearbeit

Von Stefanie Ericke-Keidtel

Ein kleiner, feiner Verlag wie mairisch hat manches, Idealismus z.B., in Hülle und Fülle; anderes, etwa ein großes Budget für Marketing, Werbemittel und Vertrieb – well, not so much. Umso wichtiger ist es darum für uns und unsere Bücher, von der Presse wahrgenommen zu werden, denn einen Großteil unserer Titel verkaufen wir tatsächlich über Empfehlungen und Berichte seitens der Medien.


Natürlich gibt es einige gut sortierte Buchhandlungen in Deutschland, die unsere Bücher mögen, schätzen und regelmäßig promoten, worüber wir uns immer freuen – doch die Mehrheit hat eben (noch) keine mairisch-Stapel neben der Kasse liegen. Der Im Laden gesehen und einfach mal mitgenommen-Effekt bleibt also in der Regel trotz liebevoller Buchgestaltung aus, und auch Anzeigen oder gekauften Büchertisch-Platz können und wollen wir uns derzeit nicht leisten.


Wie aber werden unsere potentiellen Leser dann auf uns aufmerksam? Manchmal geschieht dies durch Tipps aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, denn viele unserer Bücher haben eine ähnliche Zielgruppe und die Chance ist groß, dass einem nicht nur ein Titel aus unserem Programm gefällt. Doch selbst treue Leser müssen uns irgendwie kennengelernt haben, und die Zeiten, als dies in erster Linie über unsere eigenen Lesereihen und die klassischen Freundeskreis-Schneeballsysteme geschehen ist, sind auch schon eine Weile her. So bleibt, neben den Möglichkeiten des Internets und besonderen Aktionen wie dem von uns initiierten Indiebookday, vor allem die klassische Pressearbeit, um unsere Bücher einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.


"Aber gute Presse verkauft ja noch keine Bücher!"

So lautet ein etwas verzwicktes Anti-Argument, dass man als Pressefrau häufig mal hört, und tatsächlich gibt es, und zwar in allen Verlagen, immer wieder Titel, die eine grandiose Presseresonanz hervorrufen, vom Feuilleton gefeiert werden – und sich trotzdem nicht besonders gut verkaufen. Denn die Mehrheit der Leser verlässt sich eben häufig doch auf persönliche Tipps oder greift in der Buchhandlung spontan zu dem Buch, dessen optische Gestaltung gerade zur Stimmung passt. Womöglich hat auch die Zielgruppe, die sich von einer bestimmten Art von Literatur, wie wir sie vertreten, ansprechen lässt, ihre naturgegebenen Grenzen – die sind aber, da sind wir sicher, noch längst nicht erreicht. Allen Unkenrufen zum Trotz halte ich die Pressearbeit darum für immens wichtig, und das in vielerlei Hinsicht: Denn sie dient nicht nur dem natürlich sehr wichtigen Verkauf des einzelnen Titels, sondern trägt auch zur Marken- und Imagepflege des gesamten Verlages bei – was dann z.B. dazu führen kann, dass sich "neue" Autoren oder deren Agenturen für mairisch entscheiden,  aber es gibt auch noch viele weitere Nebeneffekte, die eben nicht immer so eindeutig und in Zahlen messbar sind. Und nicht zu vergessen: Auch für die Autorenpflege und den damit zusammenhängenden "Wohlfühlfaktor", auf den wir immens großen Wert legen, kann eine gute Presseresonanz und überhaupt das Gefühl, dass sich intensiv gekümmert wird, ein durchaus wichtiger Punkt für eine langfristige und gute Zusammenarbeit sein.


"Under pressure (dadada)" – Zum Arbeitsablauf

Wie aber sieht nun die Pressearbeit eigentlich konkret aus? Wenn ich mit der Arbeit beginne, haben meine lieben Kollegen, lucky them, ihre zum Großteil schon geleistet: Ein Text wurde entdeckt und für so gut befunden, dass wir ihn gern veröffentlichen möchten, im Lektorat wurde gemeinsam mit dem Autor oder der Autorin an der besten Form für Inhalt und Ton gefeilt, und unsere Korrektorin hat bestimmt auch noch die letzten kleinen Fehler gefunden (einer sollte aber immer drin sein, denn das bringt Glück!). Auch das Cover, das Grafik-Design und die ganze Buchgestaltung sind bereits abgeschlossen und das Manuskript ist nun auf dem Weg in die Herstellung. Im Prinzip sind also alle erleichtert und zufrieden, doch nun lastet der Druck auf mir: Die Veröffentlichung des Buches steht kurz bevor, das so lang von allen ersehnte Bücherbaby erblickt endlich das Licht der Welt – es weiß nur noch niemand davon!

 

Naja, das stimmt natürlich nicht so ganz. Einen ersten Schritt, von der in der Regel beglückenden Lektüre des Manuskripts einmal abgesehen, habe auch ich schon dafür getan: Gemeinsam mit meinen Lektoratskollegen, die den jeweiligen Text am besten kennen, überlege ich im Vorfeld, wie der Ankündigungstext für die Vorschau aussehen könnte, welche Schwerpunkte wir legen, welche, sofern vorhanden, Stimmen zu Autor oder früheren Büchern wir auswählen möchten. Auch die Presseinformation und der Klappentext auf dem Buchrücken sollen natürlich schon im Vorfeld so richtig Lust aufs Buch machen – und das ist, wenn man sich auf wenige Sätze beschränken muss und es sich vielleicht auch noch um einen etwas komplizierten Romanstoff handelt, gar nicht immer so einfach.

 

Ein paar Monate vor dem Erscheinungstermin beginne ich dann mit dem Erstellen einer Medienliste: Für welche Medien und Journalisten könnte gerade dieses Buch, immerhin eines unter so endlos vielen, spannend sein, und warum? Wo setze ich im Gespräch mit den Journalisten an – haben wir es mit einem interessanten Debütanten zu tun, von dem wir zukünftig viel erwarten und der vielleicht auch noch andere spannende Dinge erlebt hat und davon lebhaft zu erzählen weiß? Ist das Thema, das im Buch behandelt wird, gerade aktuell und darum vielleicht von ganz besonderem Interesse, oder wird ein eigentlich altes Thema hier in einer einzigartigen, neuen Art und Weise beschrieben, die eine Besprechung aus unserer Sicht quasi zwingend notwendig macht? Gibt es schon andere Veröffentlichungen bei uns, mit denen sich der Autor auch unter den Kritikern bereits erklärte Fans gemacht hat, die in jedem Fall berücksichtigt werden sollten? Oder bestehen sogar seitens der Autoren schon persönliche Kontakte zu Medien, die wir nutzen können?

 

Vieles gibt es hier zu berücksichtigen, und natürlich könnte so eine Medienliste schier endlos werden – doch ist das nicht wirklich sinnvoll, denn auch wir haben ein beschränktes Zeit- und Bücherkontingent und können nicht einfach (und womöglich noch unaufgefordert) 300 Freiexemplare verschicken, in der Hoffnung, die breite Streuung möge auch zu möglichst viel Resonanz führen. So konzentrieren wir uns im ersten Schritt auf die Medien, von denen ich denke, dass unser Programm, dieses Buch, dieser Autor, sie wirklich interessieren könnte, es einfach "passt", und informiere sie, zumeist vorab in einer ersten E-Mail und eben über die Vorschau, über unsere aktuelle Neuerscheinung.

 

Trudeln dann nach und nach positive Rückmeldungen ein, ist das ein erster Grund zur Freude und manchmal auch ein kleiner Gradmesser dafür, wie der weitere Verlauf der Pressearbeit aussehen kann und wird – allerdings nicht immer. Immerhin lässt sich nun schon erahnen, ob wir grundsätzlich richtig liegen, ob die Medienliste eventuell doch noch ausgedehnt oder in ihrer Richtung verändert werden sollte. In der weiteren Arbeit wird darum kontinuierlich und flexibel reagiert, eine Presseinformation vielleicht auch noch einmal umgeschrieben, neue Informationen aus dem Leben des Autors, aktuelle Veranstaltungen oder auch Preise zum Anknüpfen für weitere Gespräche und Kontakte genutzt.

 

In den nächsten Wochen bis zum Erscheinen des Buches und bei uns in der Regel auch noch in den Wochen, oft Monaten danach, werden dann kontinuierlich Medien angesprochen, mit Büchern beschickt, von uns auf Lesetermine und ähnliches aufmerksam gemacht. Danach hilft dann leider erst einmal nur Abwarten – denn natürlich kann und soll jeder Journalist frei entscheiden, welches Buch er am Ende wie bespricht, und wenngleich wir bei jedem, der ein Buch erhalten hat, gezielt und auch hoffnungsvoll nachhaken, so ist es doch ein sehr feiner Grad zwischen der gerade richtigen und wichtigen Hartnäckigkeit und einem eher kontraproduktiven Nerven. Zudem gibt es Tage, an denen ich selbst nicht in der idealen Stimmung (etwa für Telefongespräche) bin, und natürlich auch Stoßzeiten, an denen es für die Journalisten ungünstig ist – alles Dinge, die man bei der täglichen Arbeit beachten sollte.


„What’s in a book?“ oder Der Ruf ins Ungewisse – Schwierigkeiten bei der PR

Dabei macht die Kommunikation mit den Journalisten natürlich einen großen Teil des Spaßes an der Arbeit aus – vor allem, wenn man auf wirklich begeisterte und nette "Büchermenschen" trifft, von denen es in unserer Branche naturgemäß viele gibt. Was sich allerdings leider in den mehr als zehn Jahren verändert hat, in denen ich Pressearbeit für Bücher mache, ist die Dauer und Intensität der Gespräche: Konnte ich früher noch oft in einem ersten Telefonat Buch und Autor in aller Ruhe vorstellen und so persönlich das Interesse wecken, haben heute die wenigsten Journalisten die Zeit und Muße dafür. Das ist schade, aber kein Wunder, denn gerade im Kulturbereich sind die Redaktionen eher kleiner geworden, der einzelne Journalist arbeitet unter ständigem Zeitdruck – und ich bin obendrein nicht die einzige Verlags- oder Agenturvertreterin, die anruft und ihr natürlich ganz besonders tolles Buch unterbringen möchte. Insofern läuft heute zum einen mehr via E-Mail, zum anderen fasse ich mich kürzer und spreche noch gezielter an. Vielfach helfen auch einfach Geduld und ein langer Atem – mittlerweile gibt es glücklicherweise auch unter den Medienvertretern einen festen Stamm von Menschen, der sich für unsere Bücher interessiert und sie regelmäßig bespricht, und das hat man sich oft durch langjährige Kontaktpflege erarbeitet.

 

Eine generelle Schwierigkeit bei der Buch-PR ist zudem die Tatsache, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Buch, die also über das reine Abschreiben des Klappentextes hinausgeht, einfach anstrengender ist und zumeist noch mehr Zeit erfordert als dies etwa bei einem Musikstück oder einem Film der Fall ist: Dort kann man vielleicht kurz reinhören oder reinsehen, um zumindest einen ersten Eindruck zu gewinnen, das Buch aber muss man in die Hand nehmen, mindestens anlesen – und schon da bleibt zwangsweise einiges auf den viel zu großen Stapeln der Redakteure liegen. "Ich habe es hier irgendwo, aber konnte leider noch nicht hineinsehen – ich melde mich dann selbst, wenn ich was brauche", ist darum ein Satz, mit dem man leider, aber verständlicherweise regelmäßig konfrontiert wird.

 

Als kleiner Verlag ist es außerdem mitunter doppelt schwer: Weder sind unsere Titel "Muss-Titel", die, womöglich noch flankiert von teuren Werbe- und Marketingmaßnahmen und begleitender Lese- und Pressereise des Autors, besprochen werden müssen, noch haben wir als Indie-Verlag mit recht kleinem Programm außer guten Büchern (aber sollte es nicht genau darum gehen?) viel zu bieten. Denn ich kann die Medien nicht mit dem Versprechen teurer Anzeigenschaltungen in gute Stimmung versetzen und habe auch ansonsten keinen weiteren Verhandlungsspielraum. Ach, wie schön wäre es, auch einmal sagen zu können: "Na gut, wie wäre es, wenn Sie zur nächsten Pressereise zu Siri Hustvedt in New York mitkommen, und dafür bringen Sie im Gegenzug ein Porträt unseres Debütanten unter, hm?" (Oder so.) So aber sind wir komplett auf "echtes inhaltliches Interesse" ohne jegliche Hintergedanken angewiesen – was jeden Erfolg, jede positive Besprechung, dann allerdings umso wertvoller und erfreulicher macht.


"Wenn ich’s mir leisten könnte, wäre ich bei mairisch" – Die Vorzüge eines kleinen Verlages in PR-Hinsicht

Keine Frage – natürlich wäre es ab und zu und in vielerlei Hinsicht schön, ein größeres finanzielles Polster im Rücken zu haben; andererseits ist unser Verlag eben organisch gewachsen, und bis heute gilt: In kleiner Runde machen wir nur die Bücher, die uns wirklich gefallen und versuchen dafür, uns umso intensiver um diese zu kümmern. Dies ist auch ein Vorteil, den meine Arbeit im Vergleich zu der von vielen ebenfalls sehr engagierten Kolleginnen und Kollegen in größeren Verlagshäusern hat – vor lauter Titeln kommen sie häufig gar nicht dazu, sich wirklich intensiv um mehr als die von Lektorat und Vertrieb als "Spitzentitel" auserkorenen Bücher zu kümmern, und das führt natürlich sowohl bei ihnen als auch bei den vielen Autoren, die sich dann zu Recht nicht gut behandelt fühlen, zu Frustrationen.

 

In einem interessanten Interview mit Kathrin Passig geht auch PR-Kollegin Gesine von Prittwitz offen auf dieses Thema ein:

 

"Fakt ist, dass du als Verlag A-, B- und C-Titel hast, und für den A-Titel fasst du Geld an, da machst du Pressearbeit, da schaltest du Werbung, da lässt du dich auf die Konditionen ein, die da eben diktiert werden von den Großen. Alles andere sind im Grunde genommen Platzhalter. Den Autoren gegenüber wird das bemäntelt, man spricht da nicht so gern drüber."

 

Diese berechtigte Angst müssen unsere Autoren zumindest nicht haben, denn wir bemühen uns natürlich um jedes Buch nachdrücklich – so werden die Autoren in der Regel von Anfang an schon in die Titelfindung sowie die Buch- und Covergestaltung (in größeren Verlagen auch so ein heikles Thema...) aktiv einbezogen, und auch um die Pressearbeit, die Organisation vieler Lesetermine, den Verkauf möglicher Nebenrechte und sogar um die Teilnahme an Wettbewerben und Stipendien kümmern wir uns intensiv – und zumeist auch recht erfolgreich. Schöne Nebeneffekte davon sind u.a., dass unsere Autoren, die zwar erst einmal einen nicht so hohen Vorschuss bekommen, mitunter am Ende durch gute Verkäufe und viele Lesungen sogar vergleichsweise mehr verdienen als dies bei größeren Verlagen der Fall gewesen wäre. Und es freut uns riesig, wenn sich die oft jahrelangen Bemühungen am Ende für alle Seiten auszahlen – so haben sich unsere langjährigen und sehr umtriebigen Autoren wie Finn-Ole Heinrich, Benjamin Maack, Stevan Paul oder Michael Weins längst etabliert und sind aus der jungen deutschen Literaturlandschaft nicht mehr wegzudenken.


"PR, darlin’. I PR things." (Eddy, Absolutely Fabulous)

Pressearbeit ist, auch in einer sich stetig wandelnden Medienwelt, kein ganz einfacher Job. Und das schlechte Gewissen, ob man wirklich genug getan hat, begleitet einen stets. Würde ich nur das machen wollen, jeden Tag, für alle möglichen Bücher? Nein. Es hat gute Gründe, dass ich neben meiner Arbeit als Pressefrau vor allem Veranstaltungen und Festivals kuratiere und organisiere, und ab und zu auch in "buchfremden" Branchen beratend oder textend tätig bin. In ganz dunklen Momenten, vor allem wenn sich um Bücher handelt (natürlich nicht von mairisch!), die einem selbst nicht gefallen, kann es wirklich frustrierend werden und endet selbst bei mir schon mal in eher bissigen poetisch-kathartischen Beschreibungen meiner Zunft:

 

Die Pressefrau

Als Erste da, als letzte weg,

Den ganzen Tag am Werben,

Sie kümmert sich um jeden Dreck,

Möcht manchmal gerne sterben:

 

Der Autor nervt, der Lektor schimpft,

und sei das Buch auch scheiße,

hat sie’s den Medien eingeimpft,

kriegt doch der Chef die Preise.

 

Mit Schreiberlingen stets auf Tour,

im Herbst dann noch die Messe,

und wird ein Buch mal wieder nix,

wer kriegt wohl auf die Fresse?

 

Sie ist oft hübsch, meist nett, und schlau,

tut viel, und immer schneller,

erträgt hier Tränen, da Radau,

und alles fürn Bestseller -

 

Sie lebt nur für das gute Buch.

Dort bussi, hier hallo und ciao…

Ihr Fleiß ist dabei auch ihr Fluch.

 

(Am End’ kennt wirklich keine Sau

Die stets bemühte Pressefrau.)

 

Und dennoch: Sind "meine" Autoren erfolgreich, freut mich das immer wieder von Herzen und sorgt dafür, dass mir meine Arbeit noch immer großen Spaß macht – und das liegt auch daran, dass ich eben, anders als die legendäre Eddy in Absolutely Fabulous, nicht "things pr-e", sondern mich um Menschen und ihre Gedanken, um Literatur kümmern darf. Das Sahnehäubchen dabei ist, dass ich unsere Bücher tatsächlich alle sehr gern und guten Gewissens anpreisen kann, und wir zudem (neben den nettesten Kollegen) die nettesten Autoren der deutschen Verlagslandschaft in unserem Programm vertreten. Was soll ich sagen?

Consider me a lucky girl.

 

 

Stefanie Ericke-Keidtel bekam 2004 von mairisch ein Manuskript in die Hände gedrückt und war davon so begeistert, dass sie sofort mitmachen wollte. Seitdem kümmert sie sich bei mairisch vor allem um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Daneben kuratiert und organisiert sie u.a. Literaturfestivals und Lesereihen und kümmert sich um die PR von Leseprojekten, v.a. im Kinder- und Jugendbereich.

 

Weiterlesen:
Teil 1 - Manuskripte und Lektorat
Teil 2 - Grafik-Design und Buchgestaltung

Teil 3 - Herstellung

Teil 4 - Korrektorat

Teil 6 - Lesungen

 Teil 7 - Finanzen

 

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Was macht eigentlich ein Verlag? Teil 4: Korrektorat

Von Annegret Schenkel

Meine Arbeit als Korrektorin beginnt oft im Copyshop. Dort drucke ich das PDF-Dokument aus, das mir der Verlag geschickt hat, damit ich es korrigiere. Im Idealfall sollte zu diesem Zeitpunkt inhaltlich alles stimmen, damit nur noch formale Korrekturen nötig sind, sodass sich der Satz, der dann schon fertig ist (siehe Teil 3: Herstellung), nicht allzu sehr verschiebt.

 

Jeder Verlag hat eigene Vorgaben, was die Rechtschreibung betrifft. Manche wünschen sich die neue Rechtschreibung mit alter Zeichensetzung, andere wollen in jedem Fall die Dudenempfehlung, einige Verlage haben sogar Listen, auf denen sie die für sie gültige Rechtschreibung einiger Wörter festlegen. Manche richten sich nicht nach dem Duden, sondern dem Wahrig, einem Konkurrenzprodukt aus dem Hause Bertelsmann.

 

Habe ich geklärt, was genau sich der Verlag vorstellt, kümmere ich mich einerseits um formale Gesichtspunkte, andererseits aber doch noch einmal um den Inhalt. Auch da weichen die Verlagsvorgaben stark voneinander ab. Manche halten nichts von inhaltlichen Eingriffen in den Text, bei anderen ist Mitdenken erwünscht.

Das macht doch mein Computer von allein!

 

Wichtig ist die Einheitlichkeit, deren Prüfung ein Computer eben nicht leisten kann (denn letzten Endes ist auch ein Buch nichts anderes als ein Produkt, das verkauft wird, für das Menschen Geld ausgeben und von dem sie zu Recht erwarten, dass es sozusagen fehlerlos „funktioniert“).

Für alles gibt es Regeln

Ich mache mir also Gedanken darüber, ob ich z. B. beim Infinitiv mit zu generell ein Komma setzen möchte oder nicht oder ob es davon abhängt, wie lang die sich anschließende Satzkonstruktion ist.

Ein häufig auftretendes Rätsel ist die Schreibweise von Zahlen. Die Regel besagt, dass man alle Zahlen bis einschließlich zwölf ausschreibt, größere Zahlen hingegen nicht. Aber was, wenn in einem Satz sowohl Zahlen vorkommen, die kleiner als zwölf sind, als auch solche, die größer sind? Denkt der Leser nicht, es handelt sich um einen Fehler oder zumindest eine Ungenauigkeit, wenn er so etwas liest: „Priscilla-Paris war zwölf, als sie Korbinian kennenlernte, der bereits 15 war.“? Heißt es dann im weiteren Verlauf: „Die 12-jährige (oder die zwölfjährige) Priscilla-Paris wurde sofort schwanger.“? Und sind die Eltern des „schwer erziehbaren“ oder des „schwererziehbaren“ Korbinian entsetzt? Wird Priscilla-Paris nach wenigen Wochen unweigerlich zur „allein erziehenden“ oder zur „alleinerziehenden“ Mutter?

Und werden dem Leser die Unterschiede überhaupt auffallen oder merkt er nur, wenn Priscilla-Paris plötzlich für zwei Seiten Priscilla-Patricia heißt?

 

So kann eine Seite nach dem Korrektorat schon mal aussehen...
So kann eine Seite nach dem Korrektorat schon mal aussehen...

 

Roter Stift, Bleistift, Zettelkasten, langer Atem

Viele dieser Dinge werden mir natürlich erst während des Lesens klar, da ich ja am Anfang eines Textes noch nicht weiß, welche Probleme überhaupt auftreten werden. Deshalb muss ich mir ab der ersten Seite alles notieren, was strittig sein könnte, und strittig kann erst mal so gut wie alles sein! Denn auch wenn die Arbeit oft im Copyshop beginnt, manchmal beginnt sie am Briefkasten. Nicht alle Verlage schicken mir ein PDF-Dokument, von manchen bekomme ich die ausgedruckte Version, sodass ich genau aufpassen und mitschreiben muss, da ich nachträglich nicht am Bildschirm nachprüfen kann. Auf meinem Zettel landet also so etwas:

S. 17, 48: infrage

S. 24, 29, 47, 178, 312 x 2, 345: in Frage

 

Hier bietet es sich an, nach ökonomischen Gesichtspunkten zu vereinheitlichen, was in diesem Fall nicht der Dudenempfehlung entspräche. Es folgt ein kurzes Nachdenken: Welche Regel wünscht sich der Verlag gleich noch mal? … Ach ja, er will die Dudenempfehlung, diese schlägt hier also die Ökonomie, denn die Empfehlung lautet: infrage.


Ist das ein Fehler oder soll das so sein?

Wichtig an der Arbeit eines guten Korrektors ist aber auch der neue, unverstellte Blick auf den Text, den er einbringt. Autor und Lektor haben oft schon unzählige Stunden mit dem Text verbracht, sodass ihnen bestimmte Dinge, die evtl. unlogisch sind oder nicht stimmen, nicht mehr auffallen. In dieser Hinsicht ist ein Buch durchaus mit einer Abschlussarbeit für Schule oder Uni vergleichbar.

 

Ich gebe mich also nicht damit zufrieden, die Rechtschreibung und Kommasetzung zu korrigieren und bestimmte Formulierungen zu vereinheitlichen, sondern achte auch auf den Inhalt. Auf S. 365 muss ich noch wissen, welches Kleid eine unwichtige Nebenfigur auf S. 12 getragen hat (auch da kommt wieder mein Zettel ins Spiel). Ist es immer noch rot? Hat sie sich inzwischen umgezogen, da es plötzlich blau ist? Oder ist das ganz einfach ein Fehler?

 

Auch etwas durchzurechnen schadet nicht, dann findet man mitunter so etwas: „Einmal 52 000 Dollar, einmal 30, einmal 75 und einmal 179, insgesamt also 354 000 Dollar ...“ Die vier Summen ergeben aber zusammen nur 336 000 Dollar (30 steht dabei für 30 000 usw.), es muss also etwas daran geändert werden. Aber was? Auch hier brauche ich wieder meinen Zettel, denn es kann ja sein, dass die Berechnung später noch einmal auftaucht oder auf ihrer Grundlage weitergerechnet wird. Welche Zahlen geändert werden müssen, kann ich also erst später in Absprache mit dem Lektor entscheiden. Mein Zettel bekommt also folgende Notiz:

S. 130: Berechnung checken

 

Kommen in einem Buch historische Ereignisse vor, überprüfe ich immer, ob es sich auch wirklich so zugetragen hat. Der am 17. Juni 1843 an den Folgen der Verletzungen, die er sich bei einer Auseinandersetzung mit Maori zugezogen hatte, verstorbene Gründer der Stadt Nelson in Neuseeland, Arthur Wakefield, kann nicht am 18. Juni 1843 gedankenverloren in der Glut seines Lagerfeuers stochern.

Spielt eine Geschichte in Australien, wird zwar ebenfalls im Dezember Weihnachten gefeiert, man trägt dabei aber keinen Mantel, sondern ein T-Shirt.

Die Anschläge auf Schneewittchen wurden nicht von ihrer Schwiegermutter, sondern von ihrer Stiefmutter verübt.

Wird ein einstöckiges Haus beschrieben, in dem die Protagonisten wenig später den Aufzug besteigen, um in den Keller zu fahren, sollte ich das zumindest für auffällig halten. Ich frage mich dann: Bezeichnet man ein Haus mit einer ebenerdigen Etage und Keller überhaupt als einstöckig? Ist es realistisch, dass ein solches Haus einen Aufzug hat?

 

Alle inhaltlichen Änderungen, die ich vornehme, schreibe ich als Vorschläge an den Rand, da ich damit rechnen muss, dass sich Autor und Lektor etwas dabei gedacht haben, wenn sie etwas vermeintlich Falsches stehen lassen haben. Z. B. könnte es sich beim gerade erwähnten Aufzug um einen Lastenaufzug handeln, oder das Ganze spielt sich in einem behindertengerecht ausgestatteten Haus ab. Wichtig ist, dass alles stimmig und nachvollziehbar bleibt.

 

„Der Blick“ und andere Hilfsmittel

Neben all dieser inhaltlichen Arbeit muss ich aber auch sehen, ob Leerzeichen fehlen oder zu viel sind, ob richtig zwischen Gedanken- und Bindestrichen unterschieden wird und ob durchgängig eine Anführungszeichenart (von vielen) benutzt wird.

 

Gern und oft blättere ich in meinen Lieblingsbüchern, „Richtiges und gutes Deutsch“ (Duden Band 9) und „Komma, Punkt und alle anderen Satzzeichen“, wenn ich einmal nicht weiterweiß. Manchmal hilft aber nur noch die Duden-Sprachberatung, die eine Hotline unterhält, die für € 1,86 pro Minute knifflige Fragen klärt.

 

Nicht immer gefallen mir die Texte, die ich als freie Korrektorin zu lesen bekomme. Wenn der hundertste Vampir-Roman oder die dreißigste Science-Fiction-Geschichte auf meinem Schreibtisch landet, rolle ich nicht nur innerlich mit den Augen.

Aber ich lese einfach so gern, dass mir nach ein wenig Geseufze und Geheule sogar die Beschäftigung mit den darin auftauchenden Wesen Spaß macht.

 

 

Annegret Schenkel hat von mairisch-Büchern bis zu Dan Brown, Ken Follett und sogar einem Pulitzer-Preisträger schon so ziemlich alles aufs Genauste überprüft und dabei immer wieder erstaunliche Dinge gefunden.
www.korrektorat-schenkel.de

 

Weiterlesen:
Teil 1 - Manuskripte und Lektorat
Teil 2 - Grafik-Design und Buchgestaltung

Teil 3 - Herstellung

Teil 5 - Pressearbeit

Teil 6 - Lesungen

Teil 7 - Finanzen

 

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"Die Philosophie des Radfahrens" - Director's Cut

Das erste Sachbuch im mairisch Verlag! Mit gleich einer ganzen Reihe von Fragen, die natürlich alle beantwortet werden: Warum macht Fahrradfahren glücklich – trotz Regen, Gegenwind und steiler Berge? Warum geht alles schief, wenn man sich zum ersten Mal auf eine lange Fahrradtour wagt? Wie sieht der ideale Radweg aus? Was bedeutet Critical Mass? Warum passieren die kuriosesten Ereignisse der Tour de France immer am Alpe d’Huez? Und sollte das schnellste Fahrrad der Welt weiterhin verboten bleiben?


In Die Philosophie des Radfahrens zeigen internationale Autoren aus verschiedenen Disziplinen - Philosophieprofessoren, Sportjournalisten, Radprofis - kenntnisreich und leicht verständlich, dass Philosophie und Radfahren ein perfektes Tandem bilden können. Sie nehmen Helden und Anti-Helden aus der Welt des Radsports ins Auge, schreiben über die Ethik von Wettbewerb und Erfolg, finden auf dem Rad Momente der Muße und zeigen, wie Radfahren unsere Sicht auf die Welt dauerhaft verändern kann. Und sie geben stichhaltige Argumente für das Radfahren in all seinen Ausformungen: Als tägliche Fahrt zur Arbeit, als Sport, als Reise, als Lebensart.

Ein Buch für alle, die es glücklich macht, sich tagtäglich auf den Sattel zu setzen.

Interview mit Peter Reichenbach, Herausgeber der deutschen Ausgabe


Warum Radfahren, warum Philosophie?

Daniel und ich fahren schon immer Fahrrad. Seit ein paar Jahren sind wir aber auch noch zu begeisterten Radsportlern geworden, sind zum ersten Mal bei einem Jedermannrennen mitgefahren und ich selbst habe mir im Frankreich-Urlaub ein Rennrad geliehen, um L’Alpe d’Huez hochzukraxeln. Als Verleger habe ich natürlich auch immer wieder nachgesehen, ob es Bücher oder Magazine gibt, die eine Perspektive aufs Radfahren haben, die meiner entgegenkommt. Leider bin da aber selten fündig geworden. Vor allem die kulturellen, philosophischen und politischen Aspekte, die das Radfahren neben den sportlichen auch haben kann und die mir wichtig sind, werden in der Literatur kaum abgedeckt. Als ich dann auf den englischsprachigen Titel gestoßen bin, war schnell klar, dass wir zumindest eine Auswahl der dort veröffentlichten Artikel ins Deutsche übertragen wollen, ergänzt mit Artikeln von deutschsprachigen Experten.


Worum geht’s im Buch?

Im Buch gibt es 15 Texte von unterschiedlichen Autoren. Sie alle sind Radfahrer und hatten unterschiedliche Schlüsselerlebnisse. In den meisten Fällen berichten sie von diesen Schlüsselerlebnissen: Bei dem einen ist es die erste längere Ausfahrt ohne vernünftige Verpflegung und Ausrüstung, bei dem anderen ist es eine Verletzung beim Laufen und der damit einhergehende vollständige Umstieg auf das Fahrrad. In einem Text wird über die Critical-Mass-Bewegung berichtet und welche Auswirkung diese auf die Wahrnehmung von Radfahrern im Straßenverkehr hat.

Ein weiterer Text befasst sich mit den Fahrradwegen in Kopenhagen und schildert deren Vorteile gegenüber den deutschen Radwegen – und benennt auch, wie diese Unterschiede beispielhaft für die unterschiedliche Stadt- und Verkehrsplanung sind. Schließlich gibt es auch im strengeren Sinne philosophische Herangehensweisen, wenn etwa gefragt wird, ob Eddy Merckx, der Radchampion aus den 60er und 70er Jahren, sich bei seinen Siegen moralisch verhalten hat. Ich denke, die Artikel schaffen es, die Lust am Radfahren und am Philosophieren gleichermaßen zu vermitteln.


Kein Radbuch ohne Doping?

Die englischsprachigen Originalbeiträge wurden vor dem bekannten Geständnis von Lance Armstrong bei Ophra Winfrey geschrieben. Darunter eine wahre Hymne auf Herrn Armstrong, die aus philosophischer Sicht eigentlich richtig spannend geschrieben ist und eine Menge interessante, moralphilosophische Themen diskutiert. Natürlich haben wir im Verlag überlegt, ob wir den Text trotzdem mit reinnehmen und diesen mit einer Fußnote kommentieren, doch der Text war zu eindeutig auf Lance Armstrong gemünzt, zitierte an vielen Stellen seine Autobiographie, und wir wollten ihm nicht noch eine weitere Plattform geben. Wir haben uns also gesagt: Glück gehabt, dass Armstrong sein Geständnis vor unserer Veröffentlichung abgegeben hat. Das Thema Doping fehlt aber natürlich trotzdem nicht und auch Lance Armstrong hat immer mal wieder seinen Auftritt (natürlich mit kommentierender Fußnote).

 

Was hast du für ein Fahrrad?

Für längere Touren und sportliche Ausfahrten habe ich ein altes Stahlrahmen-Rennrad. Es ist nicht sonderlich leicht, dafür aber bequem zu fahren, sehr robust und jede Schraube ist von mir selbst festgezogen. Für die Stadt habe ich ein altes Lastenfahrrad, für das ich auch noch einen kleinen Anhänger habe. Ein Auto vermisse ich also wirklich nur sehr selten.


Wieviel fährst du?

Ich bin über jeder Strecke froh, die ich mit dem Fahrrad fahren kann. Alle tagtäglichen Strecken lege ich also mit dem Fahrrad zurück. Ich habe eine Lieblingsstrecke von St. Pauli bis Neuengamme und zurück. Das sind rund 50 Kilometer, und jedes Wochenende versuche ich, zumindest diese Strecke einmal zu fahren. Meine Idealvorstellung: Eine lange Ausfahrt, in eine Gegend, in der man noch nie war, gemeinsam mit Freunden, am besten mit ein paar Bergen und Steigungen.


J. Ilundáin-Agurruza / M. W. Austin / P. Reichenbach (Hg.)
Die Philosophie des Radfahrens

Aus dem Englischen von Roberta Schneider, Blanka Stolz u.a.
Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung
208 Seiten | 18,90 Euro
ISBN 978-3-938539-26-2

 

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Was macht eigentlich ein Verlag? Teil 3: Herstellung

Von Daniel Beskos

In den Teilen 1 (Manuskripte und Lektorat) und 2 (Grafikdesign und Buchgestaltung) unserer Blogserie haben wir jetzt also gesehen, wie wir bei mairisch Manuskripte auswählen, wie ein Text bearbeitet wird und wie das Ganze dann gestaltet wird. Parallel dazu läuft ein weiterer Prozess: Die Vorbereitungen für den Druck und die Überlegungen, wie das Buch ausgestattet werden soll. Das ist ein ziemliche aufwändiger Bereich, der aber für die meisten Außenstehenden (und oft auch für die Autoren) immer sehr im Hintergrund bleibt. Daher versuche ich an dieser Stelle einmal, die wichtigsten Punkte kurz vorzustellen.

Warum schöne Ausstattung wichtig ist

Wie wir in den Ausführungen von Carolin Rauen gesehen haben, lohnt es sich sehr, der Buchgestaltung ein großes Gewicht beizumessen. So sorgfältig man den Innenteil (also den Text) lektoriert, so liebevoll, detailversessen und nicht zuletzt schön soll auch die Form sein, in der der Inhalt dann präsentiert wird.

Dazu kommt aber noch ein weiterer Punkt: Wir glauben, dass viele Inhalte eigentlich viel sinnvoller digital stattfinden können. Gebrauchstexte zum Einmallesen, Anleitungen, Wörterbücher, Lexika, Reiseführer - nichts davon muss eigentlich noch unbedingt auf Papier erscheinen, dafür gibts super Apps und Online-Funktionen, E-Books usw.

Wenn man also davon ausgeht, dass ein physisches Format (= Buch) dem Leser einen Mehrwert bieten muss, um gegen die digitale Konkurrenz auch langfristig bestehen zu können, dann ist eine Möglichkeiten (unter vielen), das Buch als solches aufzuwerten - durch tolle Gestaltung, wilde Sonderfarben, besonderes/ausgefallenes Papier, Lesebändchen, geprägte Titelschriftzüge, Benutzung von Farben im Innenteil usw.

All das macht aus dem Buch dann etwas, was man nicht herunterladen kann. Etwas, das man in der Hand haben, anschauen, besitzen, verschenken will.

Bei unserem letzten Buch hat das unserer Meinung nach sehr gut funktioniert:

Warum ein guter Satz dem Inhalt hilft

Dazu gehört auch ein sorgsamer Umgang mit dem Innenteil - also das, was im Verlagswesen Satz heißt. Hier wird der Text erst in eine drucktaugliche Form gebracht. Und das ist nicht nur technisch gemeint. Hier in die Tiefe zu gehen, würde zu weit führen - aber es gibt wirklich viel zu beachten, von der richtigen Papiersorte (die eine gute Lesbarkeit des spezifischen Inhalts gewährleistet), über gute Schriften (die ebenfalls gut lesbar sind, dabei aber auch zeitgemäß und dem Charakter des Textes entsprechen) und den richtigen Satzspiegel (also die Größe und Position des Textes auf dem Papier) bis hin zur konkreten Satzarbeit an sich.


Allein letzteres ist ein ganzer Wissenskosmos für sich - es gibt einige großartige Bücher zu den Feinheiten des Satzes, allen voran die Bücher aus dem Verlag Hermann Schmidt mit Klassikern wie der Lesetypographie und der Detailtypographie. Darin kann man sich wirklich stundenlang verlieren - etwa in Fragen nach der richtigen Laufweite von Überschriften oder dem korrekten Setzen von Anführungszeichen.


Oft hören wir, dass manche Detailfragen im Satz übertrieben oder pedantisch wirken - aber habt ihr mal ein wirklich gut gesetztes Buch in der Hand gehalten und daneben den gleichen Text als Word-Ausdruck? Dazwischen liegen Welten - und der gute Satz verleiht dem Text auch ein Gewicht, eine Bestimmtheit, eine Eindeutigkeit, die dem Inhalt sehr zur Seite steht.

Warum es sich lohnt, für Ausstattung Geld auszugeben

Wenn bei einem neuen Buchprojekt absehbar ist, wie es in etwa aussehen soll, holen wir die Angebote von unseren Druckereien ein. Natürlich muss man dann doch hin und wieder schlucken, wenn bestimmte Ausstattungs-Elemente Geld kosten. Und man überlegt dann immer hin und her: Lohnt sich das?

Zum Beispiel: Ein Buch, Auflage 2000. Seitenanzahl: 200.

Wenn man dafür nun noch ein paar Extras kalkulieren lässt, wächst der Kostenberg schnell an: Lesebändchen (+200,- Euro), Titelprägung (+300,- Euro), farbiges Vorsatzpapier (+200,- Euro), Sonderfarbe im Innenteil (+1000,- Euro). All das kommt auf die normalen Druckkosten oben drauf, die wegen der teuren Papiere eh schon eindrucksvoll sind.

Aber wir entscheiden uns - und zwar aus den oben beschriebenen Gründen - inzwischen eigentlich fast immer für diese Upgrades. Weil sie den Büchern eben doch das gewisse Extra verleihen. Und bei all diesen Prozessen versuchen wir natürlich, die Meinung der Autorinnen und Autoren immer zu berücksichtigen. Es macht aber auch einfach großen Spaß, gemeinsam die Farben auszuwählen.

 Eine kleine Auswahl der Muster, die bei der Herstellung beachtet werden müssen.Eine kleine Auswahl der Muster, die bei der Herstellung beachtet werden müssen.
Eine kleine Auswahl der Muster, die bei der Herstellung beachtet werden müssen.Eine kleine Auswahl der Muster, die bei der Herstellung beachtet werden müssen.

Warum wir in Deutschland drucken

Manchmal, wenn wir am Elbstrand sitzen und die großen Containerschiffe aus China in den Hamburger Hafen einfahren sehen, stellen wir uns vor, dass da unsere Bücher drin wären, gedruckt in China, angeliefert containerweise per Schiff, Lieferzeit mehrere Wochen. Erscheint uns völlig absurd, wo es doch jede Menge Druckereien in Deutschland gibt. Es ist aber im Buchhandel inzwischen relativ normal geworden, vor allem farbige Sachen und Kinderbücher in China herzustellen. Oder eben in Osteuropa - fast täglich erreichen uns Werbe-Mails von Druckereien in Polen, Tschechien, Litauen. Wir haben zwar schon mal Angebote in Tschechien kalkulieren lassen, sind dann aber letztendlich doch nicht drauf eingegangen. Warum?

 

Zunächst mal gibt es ganz pragmatische Gründe. Man kann natürlich z.B. in Litauen billiger drucken als hierzulande - aber dann muss man auch bereit sein, die dort angebotenen und vorrätigen Papiersorten und Verarbeitungen zu akzeptieren. Tut man das nicht und legt Wert auf eine bestimmte Ausstattung und Qualität (siehe oben), dann sind die Angebote der ausländischen Druckereien oft gar nicht mehr wirklich billiger als die der deutschen Druckereien. Das hängt z.B. auch damit zusammen, dass bestimmte Papiere im Ausland nicht immer vorrätig sind - z.B. klassisches Werkdruckpapier: Während es bei uns überall Standard ist, bekommt man in Osteuropa oft die Antwort: "Das müssen wir in Deutschland bestellen."

 

Daneben ist auch die sowieso schon aufwändige Kommunikation mit den deutschen Herstellern oft viel einfacher und zuverlässiger - wenn man erstmal versucht hat, einem Drucker im Ausland auf Englisch und per Handyverbindung zu erklären, warum der Buchrücken 1 mm weiter nach links ausgerichtet werden muss, ist man für eine einfache Kommunikation sehr dankbar.

 

Und zuletzt sind es auch politische Gründe: Man kann in der Druckbranche die Abwanderung ins Ausland ja plastisch vor sich sehen - da ist es uns wichtig, entgegenzuwirken und unseren - zugegeben kleinen - Teil dazu beizutragen, mittelständische Druckereien hierzulande zu unterstützen.


"Lazyboy" auf dem Kindle. (Foto von Martina Schröder)
"Lazyboy" auf dem Kindle. (Foto von Martina Schröder)

Warum E-Books zum Buch gehören

Bei der ganzen Begeisterung fürs gedruckte Buch darf man die aktuellen Entwicklungen natürlich nicht übersehen. Das E-Book wird definitiv eine Rolle spielen in den kommenden Jahren, allerdings hoffentlich in einem schöneren, leistungsfähigeren Format als zurzeit. Aber auch jetzt gibt es gar nicht so wenige Leser, die sich die E-Book-Version eines Buches kaufen.

 

Wir haben bisher 9 E-Books veröffentlicht, einige weitere sind in Arbeit. Durchschnittlich beträgt der Anteil der E-Books am Gesamtverkauf eines Buches bei uns zwischen 4 und 10 Prozent. Wir haben aber nicht das Gefühl, dass dies im Wesentlichen Käufer sind, die sich statt fürs gedruckte Buch fürs E-Book entschieden haben. Vielmehr sind das meistenteils Kunden (soweit wir das sagen können), die auf anderen Wegen, über andere Kanäle auf unser Programm aufmerksam wurden (z.B. durch den iBookstore). Die beiden Formate konkurrieren für uns also noch nicht so sehr miteinander, sondern ergänzen sich eher.

 

Wenn es nun aber Leser gibt, die beide Formate haben möchten, vielleicht, weil sie ein angefangenes Buch im Urlaub oder in der Bahn auf dem Reader weiterlesen möchten, dann möchten wir ihnen das gerne ermöglichen. Und hier haben wir von der Musikindustrie gelernt: So, wie man bei LPs inzwischen meistens den Download-Code für die MP3s dazubekommt, legen wir unseren Büchern meistens den Download-Code fürs E-Book bei. Denn wenn ein Leser uns ein Hardcover abkauft (was ja entscheidend ist, damit wir weiterhin Bücher drucken können), dann soll er auch über das Lese-Format frei entscheiden und es jederzeit wechseln können. Und wir finden, dass das dann insgesamt ein schönes, rundes Paket ist, das auch in Zukunft bestehen kann: Schöne, gebundene Bücher inklusive E-Book-Version.

 

Daniel Beskos ist Mitgründer des mairisch Verlags und bei mairisch vor allem fürs Programm und die Kommunikation verantwortlich.

 

Weiterlesen:
Teil 1 - Manuskripte und Lektorat
Teil 2 - Grafik-Design und Buchgestaltung

Teil 4 - Korrektorat

Teil 5 - Pressearbeit

Teil 6 - Lesungen

Teil 7 - Finanzen

 

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Was macht eigentlich ein Verlag? Teil 2: Grafikdesign und Buchgestaltung

Von Carolin Rauen


Von der Idee zum Konzept

Grafik-Design, Kommunikationsdesign, Visuelle Kommunikation – es gibt viele Begriffe für das, was ein Gestalter so macht. Dabei beschreibt Grafik nur die Technik, mit der wir es zu tun haben, Visuelle Kommunikation dagegen ist die eigentliche Aufgabe und das heißt, einen Inhalt so darzustellen, dass er beim Betrachter richtig ankommt, also kommuniziert.

 

Das klingt erstmal einleuchtend, doch im Alltag muss ich mich dafür geradezu rechtfertigen. Kommentare wie "mach das mal hübsch", "wir wollen einfach mal etwas ganz anderes", "mir gefällt Blau aber besser als Grün" oder "das ist doch eh alles Geschmacksache" gehören zum Alltag einer Gestalterin. Dabei hat jedes Projekt andere Anforderungen und die sollte man sich ganz genau anschauen, bevor es losgeht mit den Farben und Formen …

 

Also erstmal zurück zum Anfang: Um ein Projekt zu starten, muss ich mich mit dem Inhalt vertraut machen, den ich visuell kommunizieren möchte, und dafür sind zu allererst Gespräche mit dem Verlag nötig, und zwar wirkliche Gespräche, nicht nur anonyme Briefings auf einem A4-Ausdruck, sondern ein gegenseitiges Kennenlernen, damit man die Ziele, die Entstehung der Idee und den Umgang damit nachvollziehen kann. Die Auseinandersetzung passiert dabei zum einen auf der sachlichen Ebene: Was soll kommuniziert werden? Wer ist der Absender, wer der Empfänger? Genauso wichtig sind jedoch die Emotionen: Wie fühlt es sich an? Ist es laut oder leise, warm oder kalt? An welche Bilder muss ich spontan denken? Welche Farben und Formen, vielleicht sogar Schriften assoziiere ich mit dem Inhalt? Ein Projekt zu beginnen ist wie eine Person kennenzulernen – das geht oberflächlich, aber spannend sind doch die Details, die man später ausgräbt …

 

Diesen Input lasse ich dann möglichst über mehrere Tage im Kopf kreisen, arbeite an anderen Dingen, schaue mir Bilder an, lese mir Hintergrundwissen an oder bewege mich auf der Straße und bekomme häufig an ganz unverhoffter Stelle eine Idee. Wenn sie sich ein wenig gesetzt hat und ich sie immer noch gut finde, schaue ich sie mir noch genauer an und analysiere, warum und was daran zentral ist und wie die einzelnen Elemente genau aussehen müssen: Schriften, Farben, Formen und deren Komposition. Dabei ist auch wichtig, in welchem Kontext die Gestaltung zum Einsatz kommen soll: Was sind zum Beispiel in einem Corporate Design die Konstanten, wo kann variiert werden, ohne die Prägnanz und Wiedererkennbarkeit zu verlieren? Welche Farben fallen bei einem Buchcover im Regal einer Buchhandlung besonders ins Auge? Ist der Titelschriftzug auch aus einiger Entfernung lesbar? Gibt es vergleichbare Projekte, mit denen man nicht verwechselt werden möchte, ist die Gestaltung also eigenständig genug? Und ganz praktisch: Wie und wo wollen wir das Buch produzieren, wie müssen die Dateien aufbereitet werden, wie ist der Umfang und wie breit dementsprechend der Buchrücken? Steht das Logo an der gleichen Stelle wie beim letzten Mal? Machen wir dieses Mal alles anders?

 

Das Schöne am Gestalten ist: Es gibt kein richtig und falsch. Auch wenn alle auf die gleiche Art arbeiten würden, gäbe es unendlich viele Umsetzungen, die sich in ihrer Ausstrahlung höchstens ähneln. Doch jeder Gestalter hat einen Stil, eine Handschrift, die sich aus Charakter, Geschmack, Talent und Erfahrung zusammensetzt. Die Übertragung eines Inhalts in ein Bild ist immer ein Transfer und damit eine Interpretation, die die eigene Sicht des Gestalters einschließt und niemals völlig neutral ist.

 

Je nach Projekt ist diese Freiheit der persönlichen Interpretation mal größer und mal kleiner. Gerade der Entwurf eines Buchcovers ist zum Glück häufig sehr offen: Da die Handlung eines Romans schlecht in ein Bild gepresst werden kann, geht es auch hier eher um die Verbildlichung einer Atmosphäre, eines Gefühls. Dabei ist wichtig, sich immer wieder in den Käufer oder Betrachter hineinzuversetzen und zu überprüfen, ob die Gestaltung tatsächlich das Buch widerspiegelt. Der Autor bleibt in diesem Moment im Hintergrund – denn er hat durch seine Texte schon maximalen Input gegeben.


Vom Konzept zum Objekt

Wie man sieht, dürfen wir Gestaltung jedoch nicht isoliert betrachten, sondern müssen Orte und Zeitgeschehen in den Entwurf einbeziehen. Dazu zählt auch die Beachtung von Trends: entweder um auf einer Welle mitzuschwimmen oder – meist sinnvoller – sich davon abzugrenzen.

 

Betrachten wir dazu erst einmal Buchcover: Gab es vor einigen Jahren fast ausschließlich großformatige Fotografien (dabei gern offene und leicht melancholische Motive wie das Meer, leere Stühle oder kreisende Vögel) mit einem dezenten Schrifzug im ruhigen Teil des Bildes, können wir in der Buchgestaltung heute verschiedene Entwicklungen beobachten:

 

1. Typografisch inszenierte Schriftzüge zum Beispiel, die häufig durch starke Kontraste ins Auge fallen und den Titel gleich zum Motiv machen, also Bild- und Textebene nicht mehr trennen, sondern zusammenfügen. Dabei können Schriftgrößen variieren, Handschriften sind nicht selten gesehen, und in der Anordnung kann durch Anschnitte auch über die Fläche hinausgearbeitet werden. Eines der bekanntesten Beispiele ist hier sicher Extrem laut und unglaublich nah von Jonathan Safran Foer, das Bestsellerlisten anführte und damit auch neue Möglichkeiten für die Gestaltung etablierte.

 

2. Nicht nur mit der Schrift wird gespielt, auch die Bildebene ist in Bewegung geraten: fotografische Collagen und alle Arten von Illustrationen lösen die reine Fotografie ab. Das ist nicht zuletzt dem Mut kleiner Verlage zu verdanken, die häufig jungen Gestaltern und Zeichnern die Chance bieten, ihre Sicht auf eine Geschichte mit ihren Mitteln auszudrücken und nicht Marketingtests die Entscheidung treffen lassen. Voland & Quist sind hier seit Jahren ein gutes Beispiel, aber auch die von Künstler Neo Rauch gestalteten Cover der Frankfurter Verlagsanstalt (FVA) haben für Furore gesorgt.


3. Back to the Basics: Konservativ oder konsequent? Suhrkamp, Reclam, Penguin oder Verbrecher Verlag – schon wenn man diese Verlagsnamen hört, hat man ihre Layouts vor Augen: Schlicht, rein typografisch, feste Anordnung. Ein Redesign vollzieht sich höchstens subtil, wie vor kurzem bei Reclam durch den Wechsel zum rechtsbündigen Satz der Titel oder bei den Verbrechern, die jetzt auch Illustrationen ergänzen. Die Reihe und der Verlag stehen bei dieser Art der Gestaltung stärker im Vordergrund als der einzelne Titel. Es handelt sich somit um einen klassischen Markenaufbau – der in den genannten Beispielen auch für andere Branchen Vorbildcharakter genießt.


4. Buchkunst: Warum soll ich denn noch ein Buch kaufen, wenn ich es auch als E-Book viel leichter bei mir tragen kann? – Weil es ein so schönes Objekt ist, das ich gern anfasse und stolz ins Regal stelle! Denn was gibt es schöneres, als sich beim Blick ins Regal noch einmal an die Geschichten zu erinnern, die sich zwischen den Buchdeckeln befinden. Wie wunderbar, wenn noch etwas Sand herausrieselt, mitgebracht aus dem letzten Urlaub, oder sich ein Kaffeefleck auf dem Titel verewigt hat. – So erzählt das Buch gleich mehrere Geschichten, die sich unvergesslich machen.
Dass auch die Stiftung Buchkunst ähnlich denkt, beweist die Auszeichnung von Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe als schönstes deutsches Buch 2012: "Bei diesem Buch passt einfach alles zusammen: das mutig ausgewählte, sehr rauhe Bibliotheksleinen, die grobe, fast ruppig wirkende Schrift für die Deckenprägung und der historisch wirkende Druck der Illustrationen." (Jurymeinung Stiftung Buchkunst)


Ein Buch ist ein Objekt, es gibt einen Anfang und ein Ende, dazwischen verstreicht Zeit und dazwischen verändern uns die Texte, die wir lesen. Und so sollten alle Elemente in die Gestaltung eingebunden werden: Vom lauten, verkaufenden Titel über das Gewicht und die Anzahl der Seiten, das Format des Buches, das Verhältnis der Seiten zueinander, die Haptik des Materials, das Volumen des Papiers, die Papierfarbe, der Grad der Rauhheit oder Glätte der Oberfläche, der Weißraum um den Text herum, die Größe der Schrift, ihr Zeilenabstand, ihre Lesbarkeit, die Farben im Innenteil, evtl. Schmuckelemente, kleine Gimmicks, die Kapiteltitel, die Position und Größe der Seitenzahlen, ein Lesebändchen, zwei Lesebändchen, ein Papierwechsel?, das Vorsatz- und Nachsatzpapier, der Einstieg ins Buch und die letzte Seite …


Von der Theorie zur Praxis


All das hier vielleicht einmal an einem konkreten Beispiel: "Schlaraffenland – Ein Buch über die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen, und die Unwägbarkeiten der Liebe" von Stevan Paul, Hardcover in Feinleinen, 192 Seiten. Soweit die Fakten.


Wie der Untertitel schon andeutet, finden sich in diesem Buch 15 amüsante Kurzgeschichten rund ums Kochen und dazu jeweils ein Rezept. Das heißt für die Gestaltung: Eine Mischung aus Belletristik und Sachbuch, zwei Erzählebenen, die unterschieden werden möchten, denn entweder lese ich gemütlich auf dem Sofa oder hantiere hektisch in der Küche. Außerdem ist das Konzept so schön und gemeinsames Kochen gesellig, also ein prima Geschenk für gute Freunde. Dafür sollte es natürlich ein besonders schickes Objekt und der Genuss bis in die Details spürbar sein!

Begegnet man dem Buch in einer Buchhandlung, leuchten die drei Pantone-Farben auf dem Umschlag kräftig, Titel und Motiv ergänzen sich, getragen vom Resopal-Untergrund, der den Betrachter gedanklich gleich in die Küche versetzt. Durch die Prägung des Titelschriftzugs im Feinleinen lädt das Buch auch haptisch zum Entdecken ein. Schlägt man es auf, überrascht das strahlend blaue Vorsatzpapier. Beim Blättern wird schnell klar: Die Geschichten sind klassisch gesetzt, schwarze Serifenschrift (übrigens thematisch passend die Schriftart Vollkorn) auf gebrochen weißem Naturpapier mit großzügigem Weißraum – optimale Lesbarkeit. Die Kapiteleinleitungen greifen den Resopaluntergrund des Titels auf, ebenso die fette, prägnante Schrift. Am Ende der Geschichte leuchten weiße und rote Worte aus der dunkelblauen Fläche heraus – so sind die Rezepte sofort zu finden. Ein blaues Lesebändchen, passend zum Vorsatzpapier und Titel, hilft außerdem, die Seite nicht zu verlieren, ob beim Lesen oder Zubereiten. Der Druck mit drei Farben im Innenteil erlaubt uns Spielereien wie rote Seitenzahlen und Überschriften – so werden die zur Verfügung stehenden Produktionsmittel maximal genutzt, die Investition soll sich ja lohnen. Funktionalität und Spielerei formen dieses Buch, das mehr ist als nur Buchstaben auf Papier.


Ich könnte noch ewig mit diesen Erklärungen weitermachen und vom Groben bis ins kleinste Detail (wie etwa dem richtigen Abstand vor einem Doppelpunkt) ausholen, denn all das macht das Buch erst zu dem, was es am Ende als Gesamtes ist. Doch plötzlich muss auch schon die Vorschau in den Druck oder das gesamte Buch, dabei hätten wir doch noch so gern … Eine Deadline gibt es immer, doch dann wartet meist schon das nächste Projekt und es geht weiter, ein Kennenlernen mit dem nächsten Buch, der nächsten Person, das Aufnehmen, sacken und kreisen lassen, ausprobieren, verwerfen und sicher sein beginnt von Neuem. Ich freue mich schon!

 

Carolin Rauen hat Visuelle Kommunikation an der ArtEZ hogeschool voor de kunsten in Enschede (NL) und an der EASD in Valencia (E) sowie Editorial Design an der Burg Giebichenstein (Halle/Saale) studiert. Derzeit arbeitet sie als Senior Designerin bei Paperlux in Hamburg. Seit 2007 gestaltet sie die meisten mairisch-Veröffentlichungen.

www.carolinrauen.com

 

Weiterlesen:

Teil 1 - Manuskripte und Lektorat

Teil 3 - Herstellung 

Teil 4 - Korrektorat

Teil 5 - Pressearbeit

Teil 6 - Lesungen

Teil 7 - Finanzen

 

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mairisch goes Indiebookday!

Hurra! Was für eine überwältigende Resonanz unsere Indiebookday-Idee hervorgerufen hat! Wir freuen uns sehr. Danke Euch allen fürs Mitmachen.

 

Wir sind natürlich auch losgezogen und haben Bücher gekauft - so sieht's aus:


Judith von Ahn:

"Nachhinein" von Lisa Kränzler

(erschienen im Verbrecher Verlag), gekauft in der Buchhandlung Lüders in Hamburg-Eimsbüttel.

Marijke Schwarz:

"Wie keiner sonst" von Jonas Bengtsson
(erschienen bei Kein und Aber), gekauft in der Agnesbuchhandlung in Köln

Blanka Stolz:

"Black Vodka" von Deborah Levy

(erschienen bei and other stories), gekauft bei Dialogoue Books in der Schönleinstraße in Berlin Kreuzberg.

Stefanie Ericke-Keidtel:

"Ich hatte die Zeit meines Lebens" von Hannah Pilarczyk (Hrsg.), (erschienen im Verbrecher Verlag)

Annegret Schenkel:
"Der Reggeahase Booo und die rosa Monsterkrabbe" von Yellow Umbrella (erschienen bei Voland & Quist), gekauft bei Küs Buchhandlung, Leipzig-Südvorstadt

Peter Reichenbach:

"Testcard #22 - Fleisch" (erschienen im Ventil Verlag), gekauft in der Buchhandlung im Schanzenviertel, Hamburg.

Daniel Beskos:

"Pjöngjang" von Guy Delisle

(erschienen bei Reprodukt), gekauft bei Strips & Stories in Hamburg-St. Pauli.

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Was macht eigentlich ein Verlag? Teil 1: Manuskripte und Lektorat

 

Das Modell, wie Texte zu ihren Lesern finden, ist zur Zeit ja stark im Wandel. Alle reden von Selfpublishing, Books on Demand, E-Books, Blogs, Online-Communities, Smartphone-Apps, Crowdfunding. Immer wieder tauchen Erfolgsgeschichten von Autoren auf, die ihre Texte auf eigene Faust veröffentlichen und dabei "reich" werden. Viel wird dabei natürlich auch durcheinander gebracht, aber manche Entwicklungen stellen für Autorinnen und Autoren tatsächlich neue Wege der Öffentlichkeit und der direkten Kommunikation mit ihren Lesern dar.

 

Warum gibt es trotzdem noch Verlage? Und: Warum betreiben wir überhaupt mit mairisch schon seit so vielen Jahren einen Verlag, wenn das Fahrwasser immer schwieriger wird? Aus Wahnsinn, Geldgier, Langeweile, Leidenschaft?

 

Was machen Verlage eigentlich genau, was sind ihre Aufgabenbereiche, und welche Aufgaben können Verlage auch in Zukunft ihren Autorinnen und Autoren abnehmen - weil sie sie besser können, weil sie Spezialisierung und gewachsene Strukturen erfordern, oder ganz einfach, weil Autoren zu manchen Tätigkeiten keine Lust und Zeit haben?

 

Einen Verlag zu betreiben, hat natürlich auch damit zu tun, Bücher zu drucken, und wenn man Glück hat, etwas Geld zu verdienen. Aber es ist eben auch noch viel mehr. Was wir hier den ganzen Tag noch so tun, das möchten wir Euch in dieser Serie zeigen.

 

Teil 1: Manuskripte und Lektorat

von Peter Reichenbach

"Mich stört, dass auf eurer Website steht, dass ihr keine Manuskripteinsendungen annehmt", sagte mir neulich ein netter Kollege aus dem SuKultur-Verlag. Und ich weiß, was er damit meint. Die Formulierung „Bitte schicken Sie uns keine Manuskripte“ auf unserer Webseite klingt arrogant, sie widerspricht auch dem, wie ich und meine Kollegen mairisch als Verlag begreifen, also eher als einen netten familiären Haufen, bei dem jeder vorbeikommen und dann mit uns runter an die Elbe gehen kann, um bei Kaffee oder Bier alles zu besprechen. Aber der Satz hat natürlich seinen Grund. Bis vor etwa einem halben Jahr stand an gleicher Stelle nämlich das genaue Gegenteil, also eine Anleitung, wie man uns am besten Texte zukommen lassen kann. Die Konsequenz daraus war, dass wir pro Woche ungelogen nie weniger als fünf Manuskripteinsendungen erhielten. Manchmal waren es drei an jedem einzelnen Tag einer Woche. Und zwar oft dicke Romane. Und oft waren es Texte, die sich ganz gut lasen, ein vernünftiges Exposé hatten und auch in unser Programm zu passen schienen. Man musste sich ihnen also schon intensiver widmen, um herauszufinden, ob wir sie machen wollten oder nicht. Und das kostete Unmengen Zeit.

 

"Wenn jeder, der uns schon mal ein Manuskript geschickt hat, auch schon einmal ein Buch bei uns gekauft hätte, wären wir Millionäre", sagt Daniel, was jetzt wiederum gelogen ist. Fest steht aber: In den letzten Jahren haben wir Unmengen an unverlangten Manuskripten gelesen. Und jedes einzelne abgesagt. Kein Text war darunter, der uns letztendlich überzeugen konnte. Alle Einsendungen wurden von Marijke und mir gelesen, wenn wir beide einen Text besprechenswert fanden, dann haben ihn auch noch Daniel, Blanka und Steffi bekommen. Einmal im Monat haben wir uns getroffen und die Einsendungen diskutiert. Es ist dennoch nichts dabei herausgekommen. Und nichts hasse ich mehr, als Absagen zu schreiben, und so habe ich es mir damit nicht leicht gemacht, habe oft ausführliche Begründungen geschrieben. Ich bin zu nichts anderem mehr gekommen. Zu-nichts-anderem-mehr-kommen geht aber nicht bei einem Verlag, der so strukturiert ist wie mairisch.

Exkurs: Was man auch machen kann

Unverlangt eingesandte Manuskripte haben wir also nie veröffentlicht. Andere Verlage teilen diese Erfahrung, fast nie ist dies der Weg zum Buch. Aber wo finden wir (und auch andere Verlage) ihre Autoren dann?

Es gibt ein paar Wege, die unserer Ansicht nach besser funktionieren, als einfach ein Manuskript zu einem Verlag zu schicken:

  1. Lesungen
    Der mairisch Verlag ist ja aus verschiedenen Lesereihen heraus entstanden, und wir selbst versuchen, zu so vielen Lesungen wie möglich zu gehen. Bei einer Lesung merkt man (und übrigens auch der Autor selbst) sofort, ob einem ein Text gefällt, was funktioniert und was noch nicht, und man kann sich auch sofort danach persönlich kennen lernen. Und als Autor kann man übrigens auch selbst Lesungen veranstalten, wenn man nicht zu einer eingeladen wird oder keine Lust hat, z.B. an einem Poetry Slam teilzunehmen.
  2. Preise und Stipendien
    Es gibt zu wenige, aber immerhin doch einige Preise und Stipendien, die man gewinnen kann, ohne jemals irgendetwas veröffentlicht zu haben. Wenn man es schafft, hier etwas zu erreichen, dann wird man vielleicht auch in der Verlagswelt besser wahrgenommen. Das bekannteste Beispiel ist der Open Mike oder auch der MDR-Literaturwettbewerb. Eine gute allgemeine Übersicht gibt es beim Literaturport.
  3. Agenturen
    Der Vorteil von Literaturagenturen ist, dass sie im Idealfall mit den AutorInnen am Text arbeiten, gut einschätzen können, welcher Verlag Interesse an genau jenem Text haben könnte und dort auch noch den richtigen Ansprechpartner kennen. Und natürlich nehmen sie einem auch (wenn’s gut läuft) die ganzen Vertrags-Verhandlungen ab und (wenn’s schlecht läuft) die Enttäuschungen direkter Absageschreiben. Dafür bekommen sie in der Regel 15% von allen Einnahmen. Der Nachteil an Agenturen ist, dass man auch dort erstmal genommen werden muss. 
  4. Literaturmagazine
    Einige herausragende Literaturmagazine (wie „BELLA triste“, „Tippgemeinschaft“, „Edit“, „Poet“, „Landpartie“) versuchen wir immer zu lesen. Und nicht zufällig erscheinen alle diese Magazine in Leipzig und Hildesheim, wo sich durch die dortigen Schreibschulen literarische Zentren gebildet haben, an denen sich Autoren kennen lernen, in Austausch kommen, Kontakte bekommen – nicht zuletzt auch zu Verlagen und Agenturen. Sehr empfehlenswert.

Die Türsteher der Literaturdisco?

Manchmal wird Verlagen vorgeworfen, sie würden die literarischen Perlen vielleicht nur nicht erkennen, würden bestimmen, welche Texte als Buch zur Welt kommen würden und welche nicht – und das Ganze bestimmt von markt- und verkaufsorientierten Gründen. Ein Stück weit verstehen wir also natürlich die Frustration von Autoren, die für ihre Projekte keinen oder nicht den richtigen Verlagen gefunden haben. Kein Wunder also, dass Autoren die Möglichkeiten des Internets und des Selfpublishing nutzen – und für manche Projekte ist dies bstimmt der ideale Weg, besser, als jeder Verlag es umsetzen könnte.

 

Andererseits steht ein Verlag wie mairisch ja nicht für den Literaturbetrieb im Ganzen. Und auch wenn es schon viele Bücher gibt und man manchmal gar nicht weiß, wer das alles lesen soll: Es ist nicht unsere Aufgabe, das zu reduzieren. In dieser Position sind wir gar nicht. Kein Verlag ist das. Wir sind keine Literaturverhinderer. Jeder Autor kann schreiben, was und wie und worüber er möchte. Und wenn das Buch dann irgendwo erscheint – umso besser für den Autor.

Aber: Das Verlagsprogramm ist ja unser Programm. Da dürfen und müssen wir bestimmen, was wir veröffentlichen. Und das hat dann nichts mit Arroganz, Verkennung von Talent oder einer Türsteher-Mentalität zu tun. Es hat einfach damit zu tun, dass ein Buch unsere Leidenschaft braucht, um sich durchzusetzen. Wir müssen begeistert sein, um es angemessen vertreten zu können. Denn wir müssen ja auch bereit sein, mindestens ein halbes Jahr unserer Zeit, unserer Arbeitskraft, ja unseres Lebens für dieses Buch hinzugeben. Ganz zu schweigen von dem Geld, das wir hineinstecken, und das nur in manchen Fällen auch wieder zurückkommt. Die Leidenschaft, die alle den kleinen Verlagen immer zusprechen – sie kommt ja letztendlich auch aus dem Manuskript, aus dem, was der Autor geschaffen hat.

Vom Manuskript zum Buch und dann weiter

Warum uns ein Text begeistert, ist pauschal eigentlich nicht zu sagen. Ebensowenig lässt sich die Frage beantworten, nach welchen Kriterien wir auswählen oder was in unser Programm passt. Es ist vielmehr so, dass wir danach schauen, ob uns die Idee gefällt, die Sprache, die Umsetzung – und auch, ob der Text seinen selbst gesetzten Anspruch erfüllen kann und rund wird. Das können aber komplett unterschiedliche Herangehensweisen sein – klassischer Roman, Erzählung, Hörspiel, Songtext oder interaktiver Film – wenn es funktioniert, kann es uns begeistern und zu einer Herzensangelegenheit werden. Denn nichts anderes wollen wir veröffentlichen.

 

Wenn wir dann eine solche Herzensangelegenheit gefunden haben (fast immer über einen der oben genannten Wege) – wie geht’s dann weiter?

Das hängt sehr vom Autor ab. Manche liefern Texte ab, die zu 95% druckreif sind und ziehen es auch vor, erst dann über den Text zu sprechen und zu verhandeln. Andere wiederum suchen schon in einem viel früheren Arbeitsstadium den Austausch, schicken Fragmente, Ideen, Szenen. Und wir freuen uns natürlich über diese Einbeziehung. Denn auch wenn es manchmal sehr viel Aufwand bedeutet, haben wir doch das Gefühl, den Autoren mit unserem Blick als Leser und Lektoren helfen zu können. Dieser Prozess kann sich über längere Zeit hinziehen, manchmal über Jahre. Oberstes Ziel ist es dabei immer, den Text in die Form zu bringen, die der Autor sich vorgestellt hat und die dem Inhalt auch angemessen ist. Oft wird dem Autor allerdings erst in den Gesprächen über den Text klar, was genau er mit dem Text wollte, wo es hingehen sollte und welches der beste Weg ist, dort hinzukommen.

 

Wenn der Text dann in die Zielgerade einläuft und auch das Korrektorat durchlaufen hat, ist die Arbeit des Lektorats aber noch lange nicht beendet. Eigentlich hört sie nie so richtig auf. Lektoren sind immer die ersten Ansprechpartner für die Autoren, auch in einem so kleinen Team wie dem von mairisch. Manchmal geht es darum, den richtigen Text für einen Wettbewerb oder eine Stipendiumsbewerbung auszuwählen. Manchmal muss man nachts noch ein Komma ändern, kurz vor Druckschluß. Insgesamt ist es wichtig, den Überblick zu behalten: Sind der Autor und sein Text bei dieser Veranstaltung, jenem Stipendium, diesem Anthologieprojekt, jenem Taschenbuch- oder Hörbuch-Verlag gut aufgehoben? Und manchmal ruft ein Autor an und will einfach an der Elbe einen Kaffee oder ein Bier trinken. Wir sind dabei.

 

Peter Reichenbach ist Mitgründer des mairisch Verlags und bei mairisch vor allem für's Lektorat zuständig.

 

Weiterlesen:

Teil 2 - Grafikdesign und Buchgestaltung

Teil 3 - Herstellung 

Teil 4 - Korrektorat

Teil 5 - Pressearbeit

Teil 6 - Lesungen

Teil 7 - Finanzen

 

 

2 Kommentare

Lieblingsbuchhandlungen (4): Buchhandlung im Schanzenviertel

Foto: Jasmin R. / http://www.yelp.de/user_details?userid=uYxSOz7Qhb-c9LetkmM1xQ
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Buchhandlung im Schanzenviertel
Schulterblatt 55
20357 Hamburg
www.schanzenbuch.com


Was ist das Besondere an Eurer Buchhandlung? Was sind die Schwerpunkte im Sortiment? Seit wann gibt es die Buchhandlung & wie viele Leute arbeiten dort?

Die Buchhandlung im Schanzenviertel ist seit 1979 als Kollektiv organisiert. Das bedeutet: alle fest Angestellten sind auch Geschäftsführende Gesellschafter_innen mit gleichem Statuts innerhalb der GmbH. Bei uns gibt es also keinen Chef oder eine Chefin, sondern wir arbeiten mit einem egalitären Grundverständnis und versuchen Hierarchien flach zu halten. Hier im Schulterblatt, dem Laden für Literatur und Politik sind wir zu sechst, der Kinderbuchladen in der Schanzenstrasse ist mit vier Stellen besetzt.

Wir sind ein unabhängiger Laden, der also weder an einen Verlag oder an eine Buchhandelskette o.Ä. gebunden ist.

In unserem ebenso breiten wie tiefen Sortiment liegt unser Schwerpunkt auf der Politik und Literatur. In der Politikabteilung findet sich Ausgesuchtes zu Themen wie z.B. Soziale Bewegungen, Gesellschaftstheorie, Geschichte, Migration oder Neofaschismus/Neue Rechte etc. Aber auch in der Abteilung belletristische Literatur bemühen wir uns Bücher mit für uns relevanten gesellschaftlichen Themen zu präsentieren. Außerdem führen wir Reiseführer, Krimis, Kochbücher, Graphic Novels, Bücher zu Film, Fotografie und Theater und noch einiges mehr.

Wir unterstützen nach Möglichkeit kleine Verlage abseits der Konzerne, sowie unabhängige Verlagsauslieferungen wie die SOVA, Prolit, Alive oder die GVA.

Wir sind ein Stadtteilbuchladen mit Anbindung an verschiedenen Initiativen und politischen Gruppen, fungieren z.B. auch als Postfach oder Busfahrkartenverkaufsstelle zu Demonstrationen.


Wonach kaufen Kunden ein? - Spielt der Verlagsname bei der Kaufentscheidung eine Rolle? Oder der Autor? Das Cover?

Es gibt bei uns sehr verschiedene Kund_innen, mit sehr unterschiedlichem Lese- und Einkaufsverhalten. Die einen lassen sich gerne und intensiv beraten, andere finden stöbernd was sie brauchen und wieder andere haben bereits sehr genaue Vorstellungen, was sie haben möchten. Nicht selten bekommen wir positive Rückmeldungen zu der Besonderheit unserer Auswahl im Sortiment. Die Motivationen ein Buch bei uns zu kaufen, im Laden zu finden oder auch auf den nächsten Tag zu bestellen sind sicherlich vielfach und unterschiedlich. Glücklich sind wir, wenn Leute den Laden mit einem Buch verlassen, von dem sie vorher gar nicht wussten, dass sie es lesen wollen.

Das Cover spielt vor allem bei Neuerscheinungen eine Rolle: Es verbindet gehörte oder gesehene Informationen über ein Buch mit visuellen Eindrücken, ist somit bedeutender Bestandteil des Charakters eines Buches.

 

Wie viele Bücher aus dem Sortiment habt ihr selbst gelesen?

Von den über 5000 Titeln bei uns im Laden haben wir natürlich nur einen kleinen Teil selbst ganz gelesen. Jede_r von uns hat unterschiedliche Vorlieben und Spezialgebiete. Aber wir tauschen uns untereinander aus und ergänzen uns gegenseitig. Außerdem entscheiden wir bei fast allen Büchern kollektiv darüber, ob etwas eingekauft wird oder nicht. Grundlage dazu sind die Vorschauen der Verlage, Rezensionen, Leseexemplare und die Zusammenarbeit mit den Verlagsvertretungen.


Wie präsentiert ihr die Bücher? Habt ihr eine "Indie-Ecke", spezielle "Verlagstische", Themenschwerpunkte o.Ä.?

Die Neuerscheinungen der verschiedenen Abteilungen werden frontal oder auf dem Mitteltisch ausgestellt, so dass die Cover gut zur Geltung kommen. Aus aktuellen Anlässen richten wir im Laden aber auch themen- oder formatbezogene Büchertische oder Regale und gestalten regelmäßig unsere Schaufenster.

Eine „Indie-Ecke“ findet sich bei uns nicht. In Teilen bedienen wir den Independent-Begriff jedoch durch unsere oben bereits genannte Betriebsstruktur, durch unsere Auswahl und unser politisches Selbstverständnis. Wir sind ein unabhängiger Laden in dem Leser_innen Abseitiges, Subversives oder Seltenes genauso finden können wie Gutes aus dem Mainstream.

 

Gibt es bestimmte (Promo)-Aktionen, vielleicht in Kooperation mit Verlagen, die besonders gut funktioniert haben?

In unregelmäßigen Abständen veranstalten wir Lesungen oder organisieren Büchertische zu unterschiedlichen Veranstaltungen. Es gibt ein paar kleine Verlage, von denen wir fast das ganze Programm anbieten, oder als deren Depotbuchhandlung wir fungieren, wie z.B. für den mairisch Verlag.

Regelmäßig beteiligen wir uns auch an größeren Kampagnen, wie zum Beispiel an den „Lesetagen selbermachen – Vattenfall tschüss sagen“.

Auf eigentliche Promo- und Werbeaktionen, wie sie ja im Buchhandel oft vor allem von großen Verlagen durchgeführt werden, verzichten wir in der Regel. Eigentlich machen wir so gut wie keine Werbung.


Warum haltet ihr es für wichtig, dass Leser ihre Bücher in Buchhandlungen kaufen?

Wer in unabhängigen Buchhandlungen einkauft, unterstützt den lokalen Einzelhandel und hilft mit das Kulturgut Buch und den Buchmarkt mit seiner Vielfalt zu erhalten. Buchhandlungen wie die unsere haben ein ganz anderes Interesse und ganz andere Möglichkeiten auf die individuellen und regionalen Bedürfnisse der Kundschaft einzugehen, als das bei Buchhandelsketten der Fall ist oder beim Einkauf bei großen Internetanbietern. Buchhandlungen sind auch reale soziale Orte. Die Digitalisierung unserer Leben schreitet ohnehin mit unbehaglichem Tempo voran.

 

Wie geht ihr mit dem Thema E-Book um?

Erstaunlicherweise lassen sich die Anfragen aus den letzten zwei Jahren, ob wir denn auch E-Books verkaufen, an einer Hand abzählen. Bisher ist das auch nicht der Fall. Wir sind uns aber sicher, dass E-Books sich in irgendeiner Form durchsetzen werden und dass es da einen ständig wachsenden Markt geben wird. Die Vorteile des gedruckten Buches in unserer Alltagskultur sind zahlreich, die Vorteile von E-Books unterscheiden sich davon stark.

Wir haben erst angefangen, uns damit wirklich auseinanderzusetzen – werden aber möglicherweise in Zukunft auch E-Books anbieten. Interessiert beobachten wir die Entwicklung der Auswirkungen von E-Books auf den Buchmarkt und sind gespannt welche Rolle wir dabei spielen werden.


Habt ihr eine Empfehlung oder ein aktuelles Lieblingsbuch?

In der Flut der Neuerscheinungen und den Unmengen älterer Titel entdecken wir immer wieder neue Lieblingsbücher.

Gelesen haben wir in letzter Zeit folgende Bücher, die wir auch gerne empfehlen: Rainald Goetz - „Johann Holtrop“, John Lanchester - „Kapital“, Sarah Diehl - „Eskimo Lemon Neun“, Olga Grjasnowa - „Der Russe ist einer der Birken liebt“ und last but not least Michel Ragon - „Das Gedächtnis der Besiegten“.


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