Blog 2010

Cut 'n' Paste - Minidoku über Fanzines

Schöne kurze Doku übers Fanzine-Machen. Erinnert uns an unsere ersten Hefte, die wir gemacht haben, "Flugbilder", "Der verreckte Sauhund" und andere  - niemals mehr als 100 Stück, viel direkt im Kopierladen geschnitten, dann nach Hause getragen, Freunde angerufen, einer holt Eis, die anderen sortieren, kleben und tackern. Abends ist alles fertig. Heute macht man das ja eher im Internet, klar. Trotzdem schön. "Like, like".

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"There is a place for tastemakers" - City Lights Booksellers & Publishers

"The air was soft, the stars so fine, the promise of every cobbled alley so great I thought I was in a dream" hat Jack Kerouac geschrieben, als er nach San Francisco kam. Dieser Satz ist jetzt eingraviert in der Mitte der winzigen Jack Kerouac Alley, die ChinaTown mit NorthBeach verbindet. Ein guter Start für meinen Besuch bei City Lights Books:

San Francisco ist seit Jahrzehnten einer der literarischsten Orte der Welt, und dass das so ist, ist nicht zuletzt City Lights Books zu verdanken. Gegründet 1953 von Lawrence Ferlinghetti und Peter Martin, wurde City Lights zu einem der wichtigsten Verlage & Buchläden der USA - viele große Werke der American poetry erschienen hier, so etwa Lunch Poems von Frank O'Hara oder Howl von Allen Ginsberg.

 

Berühmt wurden City Lights dann auch sogleich durch den gewonnenen Prozess, als 1957 Howl wegen Obszönität verboten werden sollte - das Ergebnis dieses Prozesses hat nicht zuletzt zu einer Neuformung der literarischen Freiheit in den USA geführt. Seitdem versuchen City Lights, diese Position des progressiven und aktivistischen Verlags weiterzuführen. Im Buchladen werden daher vor allem Bücher aus  unabhängigen Verlagen verkauft. Und der Verlag veröffentlicht neben Prosa und Lyrik auch viele Bücher zu sozialen und politischen Themen.

 

Drei Stockwerke hat der Laden, ich schlängele mich um viele Regale und Ecken herum und gehe dann hoch. Zwischen dem Poetry Room und dem Little Press Alcove geht's ins Büro des Verlags.

Meine Gesprächspartnerin ist Stacey Lewis, die Presse und Marketing leitet. Das Team des Verlags ist überraschend klein, nur etwa 6 Leute arbeiten hier, es werden auch nur 12-15 Bücher pro Jahr veröffentlicht, ein Teil davon übrigens Lyrik. Das Team übernimmt auch die Pressearbeit und organisiert viele Veranstaltungen im Haus, aber nicht so viele Lesereisen außerhalb der Bay Area, weil Veranstalter in den USA keine öffentlichen Fördermittel bekommen und also nicht gut Reisekosten und Honorare zahlen können.

 

Veröffentlicht werden meist Taschenbücher, aber es wird auch hier Wert auf gute Gestaltung gelegt, um die Bücher wertiger zu machen. Hier einige der Neuerscheinungen:

Stacey erzählt von den Schwierigkeiten, mit denen kleine Verlage hier zu kämpfen haben, und das sind, wie in Deutschland, vor allem die großen Buchketten: Allen voran haben Barnes & Noble, die seit den frühen 90er Jahren groß sind, viele kleine Buchläden verdrängt und setzen immer mehr auf Mainstream-Titel. Und wie in Deutschland sind auch hier die Positionen auf den Verkaufstischen teuer und daher nur für Großverlage überhaupt erreichbar. Die Buchladenkette Borders, die eigentlich sogar zunächst einen Schwerpunkt auf Programme von Kleinverlagen gesetzt hatte, ist nachgezogen.

 

City Lights-Bücher erscheinen in Startauflagen von 2.000 bis 10.000 Exemplaren, wobei viele Titel (Chomsky, Wise) auch teilweise mehrmals nachgedruckt werden. Allerdings kaufen die Leser Bücher wohl eher nach dem Autorennamen - "City Lights kennen die meisten eigentlich eher als Buchladen", sagt Stacey, "nur bei den Beat-Lesern ist das natürlich anders, die kaufen City Lights".


Und wie ists mit dem Internet, wie geht es da für den Verlag in den nächsten Jahren weiter?

"Für uns ist es eher ein Problem, dass viele kleine Buchläden verschwinden, nicht so sehr das Internet. Internet is not a threat, it's a reality", sagt Stacey. Auch in Zukunft sei es einfach nötig, dass jemand Inhalte findet, filtert, aufbereitet und vermittelt. "Theoretisch kann man ja im Internet alles kriegen, aber woher weiß man, was man überhaupt suchen soll, wie kommt man drauf? Es braucht auch weiterhin die Verlage, um die Leser auf die Inhalte aufmerksam zu machen."

Genauso ist es ihrer Ansicht nach auch mit den Feuilletons, und seien es auch nur Blogs: "There is a place for tastemakers", sagt sie, "wenn man etwas nicht gerade persönlich empfohlen bekommt, möchte man Rezensionen doch zumindest am liebsten von Experten lesen, von Journalisten, die das Buch wirklich vermitteln und beurteilen können."

 

Und wie nutzen sie selbst das Internet?
"Über unseren Webshop verkaufen wir alle Bücher mit 30% Rabatt (es gibt ja keine Buchpreisbindung), daneben verschicken wir natürlich Newsletter, bieten einen Podcast an und nutzen Facebook und Twitter."


Nur beim Thema Ebooks sind City Lights eher noch zurückhaltend, meint Stacey, das werde dann irgendwann schon noch rechtzeitig kommen, wenn klar ist, wie das ganze Modell im Handel überhaupt aussieht - "das sollen die großen Verlage erstmal austesten", lacht sie.
"Weißt Du, das ist wie bei der Panik, die damals alle bei Einführung der CD-ROM gemacht haben. Und jetzt kommen wieder alle diese Leute wegen der Ebooks - aber das sind meistens einfach keine Buchleute. Natürlich muss man auch als Verleger aufs Wirtschaftliche schauen, aber man kommt doch aus einem anderen Hintergrund und geht mit einer anderen Einstellung und anderen Erwartungen an die Sache ran. Wenn die Leute gerne Ebooks lesen wollen, ist das kein Problem, aber wie machen auch einfach sehr gerne weiter Bücher."

 

Für den Abend lädt mich Stacey dann noch einer Lesung von Michael McClure ein, einem der letzten "Beats". Der Mann schreibt und performt seit 55 Jahren Poetry. Und der Laden ist total voll.

Zuhause fällt mir dann auf, dass City Lights 2010 von Publishers Weekly zum "Bookseller of the Year 2010" gewählt wurden.

Und wer mal da ist: Um die Ecke gibt's das Caffe Trieste, auch ein so Hotspot der Beat Generation - und einen guten Espresso bekommt man da auch. North Beach Italian Style eben.



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"If it ain't cheap, it ain't punk" - Microcosm Publishing

Von Daniel Beskos

"Fidel Castro LIEBT Schokomilkshakes. Damit fing alles an. Die CIA versuchte in den 70ern (angeblich), ihn mit einem vergifteten Milkshake zu beseitigen, Castro trank den Shake auch. Es klappte aber nicht, weil derjenige, der das Gift einfüllen sollte, es sich dann doch nicht getraut hat. Fidels Version ist allerdings, dass er den Shake getrunken und aufgrund seiner überragenden Stärke einfach überlebt hat.

10 Jahre später saß Castro dann in den USA im Pentagon, es ging in wichtigen Gesprächen um einen Gefangenenaustausch. Er wollte zunächst gar nicht darauf eingehen, weil er sagte, er könne hier keinem vertrauen, da die USA versucht hätten, ihn mit dem Milkshake zu vergiften. Die verdutzen Beamten recherchierten, sagten dann: Wir wissen davon, aber wir haben damit nichts zu tun. Erst dann konnten die Gespräche losgehen."

 

Michael Hoerger erzählt diese Geschichte, er hat sie lange recherchiert. Sie ist nur eine von vielen Geheimakten, die irgendwie mit einem Essen oder Lebensmittel zu tun haben, und die jetzt erstmals versammelt sind in dem Buch Edible Secrets, das bei Microcosm Publishing erscheinen wird.

Microcosm Publishing, der Verlag, den ich heute besuche, sind 1996 aus einem Fanzine-Vertrieb entstanden und haben irgendwann angefangen, auch eigene Zines, Bücher, Platten und DVDs zu veröffentlichen.

Heute Abend haben sie zu einem Verlagsabend eingeladen, ins Needles & Pens, einem kleinen Laden, der sich "DIY Goods & Zine Shop & Art Gallery" nennt.

Der Laden ist klein, aber gut gefüllt, es sind einige hippe San Franciscians hier, alle ziemlich jung, die meisten tätowiert, einige mit Karohemden, großen Brillen und noch größeren Löchern in den Ohren. Microcosm Publishing ist ein Verlag aus der Do-It-Yourself-Szene, und das merkt man auch.

Joe Biel, der Gründer des Verlags, stellt das ganze Projekt auf der Webseite so vor:
"We like hand-done, unique, historical, educational, cooking, bicycling, and instructive zines. We like zines containing information you'd be hard pressed to find elsewhere. We like to learn about things we didn't know we were interested in. We like the occasional literary work. Screen printed or otherwise fancy covers are a huge plus. Creative layout never hurts either. As far as we are concerned, cut and paste = good, magazine formatting = bad.

Neben den eigenen Veröffentlichungen sind MP auch noch immer ein Vertrieb für Zines aller Art. Und so lerne ich an diesem Abend noch einiges kennen, z.B. Yetipublishing, die Literaturmagazine Birkensnake und Watchword Press, das Electric Ant Zine (Comics), das Projekt Memoir Journal sowie den Indie-Verlag Scraped Knee.
Alles schön im Punk-Schnipsellayout oder in Handschrift - und es gibt noch hunderte weitere. Der ganze Laden ist voll damit.

Hört sich also alles sehr idealistisch an, und sehr strikt dem D.I.Y.-Ethos verschrieben. Ich bin aber doch neugierig und will ein bisschen mehr wissen, gerade über die wirtschaftlichen Hintergründe.

Und die Zahlen finde ich dann auch in der Tat erstaunlich: Microcosm veröffentlichen im Jahr ca. 12 Bücher, wobei die meisten dieser Veröffentlichungen unter 10 Dollar kosten (mal kurz: Das sind nicht einmal 7,50 Euro!). Sie haben ein Team von 9 (!) Leuten, die alle mehr oder weniger Vollzeit in Verlag und Vertrieb beschäftigt sind. Und wenn man sich jetzt noch überlegt, dass der Verlag seinem Vertrieb in den USA ca. 60% Rabatt abgibt, fragt man sich schon, wie das alles funktionieren soll. 
Das Einzige, was da hilft, sind halbwegs hohe Auflagen, und die haben sie: Im Schnitt zwischen 3.000 und 10.000 Stück drucken sie pro Buch.


"Wir haben über die Jahre einfach eine große Anzahl an Stammlesern aufgebaut", sagt Joe Biel. "Daneben machen wir Pressearbeit und nicht zuletzt: Unsere Bücher sind einfach sehr billig, dadurch verkaufen wir sehr viele. Am besten gehen unsere Ratgeber wie Making Stuff, Make a zine oder Make your Place, aber auch In search of the lost taste geht gerade sehr gut, ein veganes Kochbuch von Joshua Ploeg, der auch der travelling chef genannt wird - er fährt durch die Gegend und kocht bei Veranstaltungen."

Als ich ihn auf das Thema Ebooks / Kindle / iPad anspreche, lacht er nur: "Naja, fürs Kindle etwa haben unsere Veröffentlichungen zu viele Grafiken und Bilder, außerdem kosten alle unsere Bücher weniger als 10 Dollar - und da der Ebook-Preis bei Amazon ja in der Regel 9,99  Euro ist, kaufen die Leute eben lieber unsere richtigen Bücher, die sind meistens ja sogar noch billiger." Tja, Thema abgehakt.

Zum Abschluss setzen sich alle auf den Boden, es wird noch ein Film gezeigt, der bei MP gerade auf DVD erschienen ist: Die Dokumentation "If it ain't cheap, it ain't punk" , eine Doku über Plan-it X Records, ein Label, das in den USA für die D.I.Y.-Bewegung eine zentrale Rolle spielt und mit dem der Verlag eng zusammenarbeitet.

Der titelgebende Spruch ist die Richtlinie des Labels, das seine CDs für maximal 5 Dollar verkauft (auch hier wieder: Keine Ahnung, wie sich das rechnet). Der Dokufilm zeigt die Geschichte des Labels von 1994 bis heute, featured Interviews und Livematerial vom Labelgründer, von Bands (Against me, This Bike is a Pipe Bomb) und vor allem zeigt es jede Menge treuer Fans, die für Veranstaltungen des Labels aus allen Teilen der USA und sogar aus dem Ausland anreisen.


Hier der Trailer zum Film:

Vieles darin ist sehr 90er-Jahre-mäßig, klar, viele Bilder sind ja auch aus den 90ern. Aber was mich an diesem Abend wirklich positiv überrascht hat, ist die Tatsache, dass es diese im Film vielbeschworene Szene hier tatsächlich bis heute noch gibt, und sie sehr aktiv und alive zu sein scheint. Beiden, Verlag und Label, scheint es dadurch möglich, ihre Projekte weiterhin so umzusetzen, wie das ursprünglich auch angestrebt war - von Musikkrise, Digitalisierung und Abwanderung ins Internet ist hier wirklich nicht viel zu spüren.

 

Ich esse noch schnell einen Happen von dem veganen Burrito und mache mich dann auf. "Thanks for visiting", sagt Joe. Danke ebenfalls.



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Celebrating print - McSweeney's in San Francisco

Von Daniel Beskos

Einer der Termine, auf die ich mich sehr gefreut habe, war der bei McSweeney's (hier auch die ziemlich puristische Webseite). Von Dave Eggers 1998 als Literaturmagazin gegründet, hat sich das Projekt McSweeney's inzwischen zu einem der spannendsten, innovativsten Verlage der USA (wenn nicht sogar der Welt, würde ich behaupten) entwickelt.

Das Büro von McSweeney's liegt im Hinterhaus eines Papierladens in San Franciscos Stadtteil The Mission. Ein geräumiges Gemeinschaftsbüro, alte Holzschreibtische stehen herum, ein paar Palmen, zwischendurch Bücherkisten und Rennräder. Einige Leute um die Ende 20, Anfang 30 sitzen verteilt im Raum, konzentriert auf Ihre Notebooks schauend. Ich bin mit Laura Howard und Chris Ying verabredet, die als Associate Publishers den Verlag leiten. Zum Gespräch gehen wir lustigerweise in den Keller, dort stehen mehr Bücherkisten, alte Sofas, eine Tischtennisplatte. "This is our conference room", sagte Laura.
Die beiden erzählen mir einiges über die verschiedenen Sektionen, in die McSweeney's aufgeteilt ist:

McSweeney's Quarterly Concern

Dave Eggers, selbst als Autor bekannt (Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität, zuletzt schrieb er das Drehbuch zum Kinofilm Where the wild things are) hat McSweeney's Quarterly von einem kleinen Zine zu einem der meistgelesenen und -diskutierten Literaturmagazine des Landes aufgebaut und konnte viele namhafte Autoren mit exklusiven Texten dafür gewinnen, z.B. Denis Johnson, Rick Moody, Joyce Carol Oates, Jonathan Lethem, Michael Chabon oder T.C. Boyle. Das Magazin erscheint vierteljährlich, und spart nicht an Ausstattung: Die gerade erschienene Nummer 34 enthält noch ein Buch über die USA-Politik im Irak, beides zusammen verpackt in einem ziemlich coolen Klarsichteinband. Hier einige Bilder der letzten Ausgaben - man erkennt, wie aufwändig die Magazine sind, und dass sie sich jedes Mal in Design und Form unterscheiden:

In dieser Reihe erschien auch einer der bisherigen Höhepunkte in der Geschichte des Verlages: McSweeney's  #33 - The San Francisco Panorama.

Eine einmalig herausgegebene Zeitung, in der die Macher zeigen wollten, was in einer Zeitung wirklich möglich ist und wie man in jeglicher Hinsicht Maßstäbe setzen kann: Aktuelle Themen, gründlich recherchiert, von brilliaten Gastautoren geschrieben, wunderbar gelayoutet und designt, ergänzt durch mehrere beigelegte Magazine (24 Seiten Kunst, 112 Seiten Buchreviews, 16 Seiten Comics, dazu Poster, im Kinderteil ein Bastelbogen für eine Rakete, ein Pocketplaner mit Terminen fürs Wochenende), insgesamt über 380 Seiten dick. Pure Awesomeness!

 

Schon vor Erscheinen im Dezember 2009 war der Rummel um diese Ausgabe groß: "Es war unglaublich", erzählt Laura, "am Veröffentlichungstag hatten wir an mehreren Stellen in der Stadt Verkaufsplätze eingerichtet, wir hatten Mitarbeiter in bunten, erkennbaren Shirts - aber die Nachfrage war so riesig, dass wir kaum hinterherkamen. Die Leute haben uns das aus der Hand gerissen - like warm bread, you know." Insgesamt 40.000 Stück wurden verkauft, am Release-Tag für 5 Dollar, danach für 16.

Eigentlich immer noch unglaublich, wie so etwas finanziert werden kann. Der Zeitung liegt allerdings auch ein Pamphlet bei, in dem die Kosten genau aufgelistet sind - und in dem nebenbei noch die Theorie aufgestellt wird, das man ein solches Projekt, würde es nur in den Auflagenhöhen regulärer Zeitungen erscheinen, locker finanziert werden könne.

Hier mal die PDF mit einigen Auszügen - lohnt sich wirklich:

Download
McSweeney's Issue 33 The San Francisco Panorama
Einige Beispielseiten
PanoramaPRP.pdf
Adobe Acrobat Dokument 1.1 MB

McSweeney's Books

Ein weiterer Schwerpunkt neben dem Magazin ist der Verlag, in dem vor allem jüngere Autoren entdeckt und veröffentlicht werden. Vom Verlag her werden auch die Pressearbeit und Veranstaltungen in den ganzen USA organisiert. Und auch die großen Ketten kaufen die Bücher ein, da sich McSweeney's inzwischen zu einer starken Marke entwickelt hat, die mit jeder Veröffentlichung gewohnte Qualität und schickes Design liefert, dennoch immer Überraschungen bereithält (von der Zigarrenbox bis zur Zeitung haben sie alles schon mal gemacht) und so für Leser und also auch für den Handel interessant bleibt. Dabei kann es sich der Verlag auch leisten, sich nicht an den Frühling-/Herbst-Turnus halten zu müssen, sondern die Bücher dann rauszuhauen, wenn sie fertig sind. "Wir machen hier alles ein bisschen anders", sagt Chris.

Die beiden zeigen mir einige der letzten Veröffentlichungen, u.a. das tolle 5-eckige Schatzsucherbuch und die in Fell eingewickelte Vorzugsausgabe von Dave Eggers' Where the wild things are. Sehr schick:

Bei soviel Liebe zum Print bin ich neugierig, wie Laura und Chris die Zukunft des Buchmarkts einschätzen, wie sie das Internet nutzen und was sie vom iPad halten.
"Hast Du ein iPhone?", fragt Laura? "Wir haben ja eine eigene iPhone-App, den small chair, da bekommt man wöchentlich das neueste aufs Handy - mal eine Kurzgeschichte, mal ein Kurzfilm, mal ein Interview."
Daneben nutzen sie Twitter, schicken einen monatlichen Newsletter und haben eine Facebook-Fanseite (übrigens mit mehr als 11.000 Fans, nur mal zum Vergleich: In Deutschland hat kaum ein Verlag über 1.000).
"Und iPad?", frage ich, "wird das alles umkrempeln?"
"Well", sagt Chris, "we've always been celebrating the physical print form. Natürlich kann man immer noch mehr fürs Internet machen, aber wie ich schon sagte, hier bei McSweeney's wollen wir alles immer so machen, dass es etwas ganz Besonderes wird. Einfach nur einen Buchtext digital zur Verfügung zu stellen, wäre uns zu wenig. Man muss sich einfach etwas mehr Zeit nehmen, um sich eine angemessene Form gründlich zu überlegen. Und es dann so machen, dass es eine cool experience für den Leser wird."

The Believer

The Believer ist ein monatliches Magazin zu den Themen Bücher, Musik, Politik und Kunst. Regelmäßige Autoren sind u.a. Nick Hornby und Michel Houellebecq.

Wholphin

Wolphin #11, (c) McSweeney's
Wolphin #11, (c) McSweeney's

Es hört nicht auf: Mit Wolphin bringen McSweeney's ein vierteljährlich erscheinendes Magazin auf DVD heraus, das neue Kurzfilme, Dokus, Animationen und unterschätzte Tutorial-Videos enthält.

826 Valencia

Nach dem Gespräch nimmt mich Chris noch mit auf die andere Straßenseite - unter dem Namen und der Anschrift 826 Valencia hat Dave Eggers 2002 ein Workshop-Programm für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen, bei dem es vor allem ums Schreiben und das Erlernen der Fähigkeit geht, mit Text zu arbeiten. Chris erklärt mir, dass das hier ein Gewerbegebiet sei und daher jeder Laden ein Verkaufsgeschäft sein müsse. Aus der Not haben McSweeney's dann eine Tugend gemacht und 826 Valencia in ein Geschäft verwandelt: Einen Piratenladen.
Es gibt hier alle möglichen Piratenutensilien, Kisten, Karten, Schaufeln zum Schätzeausbuddeln - das Ganze ist ein Paradies für Kinder, neben mir wühlen einige in einem Sandhaufen und fördern Perlen zutage, andere Kinder möchten etwas aus dem Laden haben, die Verkäuferin schlägt vor, dass sie zum Tausch ein Lied singen sollen.  Und hier werden natürlich auch die ebenfalls wundervoll gestalteten Bücher verkauft, die aus den Schreibprojekten der Jugendlichen entstanden sind.


Neben dem ursprünglichen Standort in SF gibt es inzwischen noch 826-Läden in New York, Los Angeles, Michigan, Seattle, Chicago and Boston. Und jeder hat ein anderes Thema als Ladengeschäft zur Straßenseite. Hier einige Eindrücke aus dem Laden in San Francisco:

Hier entdecke ich sogar noch eine der letzten Ausgaben der Panorama-SF-Sonderausgabe - sofort stellt sich das seltene Gefühl ein, dass man etwas Tolles geschenkt bekommen hat, obwohl man es bezahlt hat. Grinsend laufe ich aus dem Laden - und direkt an Dave Eggers vorbei. Der war dann heute also auch hier. Er hat sicher viel zu tun.



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"Eher geb ich meinen Job auf" - Chance Press in Oakland

Von Daniel Beskos

Die Sonne knallt, ich bin wieder zu Besuch in Oakland und bestell bei Fentons einen "kleinen Eisbecher". Es kommt: Ein Eimer. Das sollen zwei Kugeln sein? Ich lege mich ins Zeug.

Anschließend treffe ich Jordan und Justine Hurder, die vor 2 Jahren zusammen den Verlag Chance Press gegründet haben.

"Small press, big plans" lautet der Claim auf der Webseite.

Chance Press veröffentlicht ausschließlich handgemachte Bücher in Kleinstauflagen - zwischen 80 und 150 Exemplare sind es in der Regel. Ziel ist es, in der Herstellung moderne Druckmethoden mit traditionellen Techniken wie Handpresse und Fadenheftung zu kombinieren. Veröffentlicht wird dabei, was den beiden gefällt - mal sind es Gedichte, mal Essays, mal eher Comicartiges.

Sie haben mir einige der Bücher mitgebracht, teilweise wirklich aufwändige und arbeitsintensive Stücke, bei denen sie alles selbst machen - von Lektorat und Satz über Gestaltung, Papierwahl bis Druck und Bindung:

Meist gibt es von jedem dann Vorzugsausaben, als Hardcover z.B., oder in einem Schuber, fast immer signiert.

"In den USA ist Handgemachtes gerade wieder sehr im Kommen", erklärt mir Justine, "Schmuck, Einladungskarten, Schokolade, alles mögliche. Die Leute haben oft keine Lust mehr auf Massenware. Und wenn man etwas Handgemachtes kauft, kauft man ja nicht nur das Buch, sondern auch die Geschichte dahinter. Da hat jetzt wirklich jemand dran gesessen, das ne Stunde lang bearbeitet und geschwitzt. Daher ist uns auch der herstellerische Aspekt so wichtig, der macht für uns 50 Prozent des Buches aus."

 

Ich frage die beiden nach Ihrer Ansicht, wie es mit dem Buchmarkt wohl weitergeht. "Taschenbücher sind wie McDonalds Burger - ich hätte kein Problem damit, wenn es die eines Tages nicht mehr geben würde", sagt Jordan. Wir lachen.

Too Powerful a Thing to Reject: Charles Bukowski’s Transition Years, 1945-1957 by Abel Debritto. Hardcover-Deluxe Edition. (c) www.chancepress.com
Too Powerful a Thing to Reject: Charles Bukowski’s Transition Years, 1945-1957 by Abel Debritto. Hardcover-Deluxe Edition. (c) www.chancepress.com

Justine erzählt, dass die Texte, die sie veröffentlichen, "irgendwie so" reinkommen, Manuskripteinsendungen nehmen sie jedenfalls keine an. Viel kam anfangs z.B. über eine Bukowski-Webseite, auf der die beiden aktiv sind, das waren dann etwa Texte von alten Bukowski-Freunden oder auch Essays über den Schriftsteller. Die verwendeten Illustrationen kommen, wenn sie sie nicht selbst machen, von befreundeten Comic-Zeichnern.

 

Und wie seht ihr die Digitalisierung des Buchmarktes?

"Naja", sagt Justine, "zwei Drittel unserer Kunden haben wir über unsere Webseite - von daher ist das Internet eigentlich eine sehr gute Chance für kleine Verlage wie uns".

"Wobei", meint Jordan, "wir da wirklich mal mehr tun müssten, einen richtigen Shop aufsetzen zum Beispiel - wir sind bisher auch im Internet fast ausschließlich in einem kleinen Netzwerk von Leuten bekannt, die sich gegenseitig über verschiedene Projekte kennen. Da gibts noch jede Menge zu professionalisieren, aber ehrlich gesagt interessiert uns das nur zweitrangig. Wir wollen einfach Bücher machen". 

 

Einen anderen Aspekt, der gerade für Chance Press mit ihren handgefertigten Projekten wichtig ist, erwähnt Justine noch: "Man lernt im Internet einfach wahnsinnig viel. Es gibt Video-Workshops zum Büchermachen, zu Papiersorten, zur Verarbeitung usw. Ohne das Internet müssten wir alle diese Dinge langsam und mühsam selbst recherchieren."

 

Ich werfe ein, dass das Ganze mit so kleinen Auflagen, wie Chance Press sie machen,  eigentlich doch immer selbstausbeuterisch bleibt, oder?

"Ja, vielleicht drucken wir irgendwann auch mal richtig, in einer On-Demand-Druckerei zum Beispiel", überlegt Jordan.

"Was, On-Demand?", Justine wird etwas lauter, "das würden wir nie machen! Eher gebe ich irgendwann meinen Job auf, damit ich den ganzen Tag Bücher machen kann."

Ihre Augen blitzen, Jordan lacht. Da hat sie auch wieder Recht.


 

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"Magazines have a long way to go" - Der Issues-Shop in Oakland

Daniel Beskos

Meine Hausmitbewohner in Berkeley machen große Augen, als ich erzähle, dass ich nach Oakland will, um den Magazinladen Issues zu besuchen: "You know, Oakland can be quite a dangerous place", sagen sie. Nun ja, es ist mitten am Tag, ich will dort von der S-Bahn die Hauptstraße runterlaufen und dann in einen Magazinladen rein, das wird man doch überleben, oder? Zur Vorbereitung schaue ich mir schnell noch ein zwei Videos an.

 

In Oakland also die Straße runter, und schon bald bin ich da:

(c) Issues
(c) Issues

Issues ist eigentlich nur ein großer Kiosk, aber mit einer unglaublich reichhaltigen Magazinauswahl - von allen großen US-Magazinen wie Time Magazin oder The Economist über alle möglichen Punk-Fanzines reicht die Auswahl, sogar einige deutsche Zeitschriften wie ZEIT oder NEON haben sie da ("Neon kauft aber nie jemand..."). Dazu gibt es ausgewählte Bücher, Vinyl-Alben und anderes. 

Joe und Noella haben den Laden vor 3 Jahren gegründet, nachdem sie keine Magazine fanden, die sie gerne lesen wollten und daraufhin beschlossen, einfach selbst einen Magazin-Laden zu eröffnen.

 

Ich werde wahnsinnig herzlich begrüßt und gehe dann mit dem wahnsinnig sympathischen Joe in einen Mexican Diner gegenüber - ein Laden, der mit seinen braunen Hockern, der Jukebox und den alten Anzeigen als Tischdecken aussieht wie aus einem 70erJahre-Film rausgeschnitten.

 

Joe, der auch Musiker ist und schon ein paar Mal zu Konzerten bei der Transmediale oder der Ars Electronica in Europa war, erzählt, dass es ihm eigentlich darum geht, möglichst viel ungewöhnliches Zeug unter die Leute zu bringen: "Weißt Du, wir haben hier viele normale Leute in der Nachbarschaft, Fischer, Maurer, alte Leute, daher verkaufen wir alles mögliche, von der Fernsehzeitung bis zum Punk-Fanzine."

Und wie finden sie die Sachen, die sie anbieten?

"Bei den Fanzine-Machern ist es meistens so, dass die zu uns in den Laden kommen. Manche kommen auch nur einmal, danach gibts das Magazin schon nicht mehr. Das ganze offizielle Zeug bekommen wir meistens von unserem Vertrieb. Daneben gibt es dann auch noch Großhändler wie Last Gasp Distribution, da können wir als Ladenbetreiber mit 40% Rabatt einkaufen."

Last Gasp, so erklärt mir Joe, habe alles mögliche, man schiebe da seinen Einkaufswagen durch die Regalreihen und packe stapelweise Magazine und Bücher in den Wagen, Underground-Comics, Hippie-Zeug, Rock- und Tattoo-Magazine und all sowas. Hört sich für mich sehr nach Fegro oder Metro an, aber eben für Magazine. Skurrile Vorstellung.

 

"Aber naja", meint Joe, "nackte Mädchen auf Motorrädern, das verkauft man natürlich, aber das ist mir n bisschen zu einfach. Ich stelle in unser Schaufenster vor allem das außergewöhnliche Zeug, The Believer, Cometbus und sowas, und es ist schon lustig, die Passanten manchmal durch die Scheibe zu beobachten, wie sie verwundert die Stirn runzeln – aber darum geht’s ja auch: Dass auch die Kunden aus der Nachbarschaft all diese interessanten Magazine wahrnehmen."

Cometbus, das ist mir jetzt schon ein paar Mal begegnet, ich frage also genauer nach: Aaron Cometbus ist in der Bay Area omnipräsent, hat in einer endlosen Anzahl an Bands gespielt und, für diverse Punkfanzines geschrieben und mittlerweile über 50 Ausgaben seines handgeschriebenen Zines rausgegeben, in dem es fast durchweg um Punkrock, Liebe und die persönlichen Befindlichkeiten seines Herausgebers geht.

"Aaron Cometbus is a force of nature, man!", sagt Joe, ergänzt aber auch, dass der Erfolg nachvollziehbar sei, da das Magazin - im Gegensatz zu vielen anderen - auch wirklich gut gestaltet sei und mit 3 Dollar ausgesprochen günstig. "Wobei ich es inhaltlich nicht so besonders finde…", sagt er noch.

 

Auch, wenn es manchmal schon fast etwas kitschig Nostalgisches habe, die Idee, ein eigenes Fanzine zu machen, sei für viele hier in der Gegend einfach weiterhin sehr interessant. "Ich habe manchmal den Eindruck" sagt Joe, während er in seine Tacos beisst, "es gibt fast sowas wie eine Indie-Checklist: You know, ride a bike, have a tattoo, be in a band, make your zine – es gehört einfach dazu.“ Deshalb gebe es ja auch so viele Fanzines hier in den USA (und sei es auch nur sowas wie I hate my life #7) - das habe einfach mehr diesen mysteriösen Punk-Mythos als lediglich zu sagen: Ich schreibe einen Blog.

Obwohl andererseits, fällt ihm auf, jetzt mehr und mehr Blogger auch Buchverträge kriegten - Thereifixedit oder Stuffonmycat etwa.

Wie geht's also weiter in den nächsten Jahren?

"Der Zeitungsmarkt macht's jedenfalls nicht mehr lang, denke ich", meint Joe.
In den USA sei die Situation jetzt schon ziemlich katastrophal, erklärt er mir, das hänge aber nicht so sehr mit der Digitalisierung zusammen, sondern auch mit der wirtschaftlichen Situation. Einige Zeitungen werden sicher Bestand haben, so etwa die New York Times – diese hat z.B. eigene Druckereien auch an der Westküste der USA, da sonst der Transport von New York gar nicht bezahlbar wäre. Für kleinere Zeitung ist so etwas aber zu teuer, was dazu führt, dass z.B. die L.A. Times in San Francisco schon fast nicht mehr zu kriegen ist, weil es sich für keinen in der Vertriebskette lohnen würde.

Und auch bei den bestehenden Vertriebssystemen sägen viele Zeitungen und Zeitschriften am eigenen Ast: In den USA gibt es z.B. derzeit eine Diskussion über die großen Magazine, denen vorgeworfen wird, dass sie im Abo viel zu billig sind – eine Einzelausgabe des Time Magazine kostet zum Beispiel 4,95 Dollar, das Jahresabo (56 Ausgaben!) kostet nur 20 Dollar. Das bringt alle Leser dazu, nur noch im Abo zu bestellen, was wiederrum natürlich auch schlecht für die Kiosks und Buchläden ist.

Zum Thema iPad & E-Books meint Joe nur lapidar: „All I know is that you don’t see people break into cars to steal books“.


Dann läuft es seiner Meinung nach also drauf raus, dass qualitativ hochwertige Magazine und Fanzines eine Zukunft haben, auch in gedruckter Form? Joe nickt: "Magazine, die wird’s noch lange geben, das lieben die Leute einfach wegen der Beschaffenheit, wegen des Papiers, wegen des Moments, in dem man das Ding aus dem Laden trägt.“
Dann grinst er, und wir gehen zahlen.

Später komme am ich dann zufällig noch am "Bound Together" vorbei, einem anarchist collective bookstore - noch so ein Laden, den es bei uns vermutlich eher nicht mehr gibt. Typisch für Haight Ashbury, San Franciscos Hippieviertel, ist der Laden vollgestopft mit politischen und literarischen Magazinen und Büchern aus den Themenfeldern Punk, Anarchie, Sozialismus, Feminismus, Queer-Studies usw., die Farbe rot herrscht vor und die Decken und Wände sind gepflastert mit Postern und T-Shirts. Irgendwie hatte das natürlich etwas ziemlich Rückständiges, andererseits strotzt der ganze Laden so vor Vitalität, dass man wirklich zu dem Schluß kommen könnte, dass alle diese Themen hier auch wirklich aktiv gelebter Teil der Gesellschaft sind. Das wär ja was. "Die populäre Buchkultur wird immer monotoner, da wird überall die Nachfrage groß nach speziellen Sachen" erzählt mir einer der Betreiber. "Spezialisierung ist die Zukunft, es gibt jetzt schon viele Läden, die nur Zines & Magazines machen, und natürlich auch Comics & Graphic Novels.” Dann erzählt er aber noch, dass der Laden als kollektiv betriebenes Projekt nicht wirtschaftlich sein muss, daher hat man hier natürlich etwas mehr Freiheiten als anderswo.

Danach trinke ich meine erste Dr. Pepper Cherry Coke seit gefühlten 15 Jahren. Schmeckt super. Der Kapitalismus hat mich wieder.

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I saw the best minds of my generation say "like" - at Berkeley

Daniel Beskos

"Independent Publishing in den USA" - dazu will ich in den nächsten Wochen einen Einblick bekommen. Natürlich soll es vor allem um die Verlage und Magazine gehen und ihre Sicht auf die aktuelle Entwicklung des Buchmarktes: Ist es nicht gerade im technologiebegeisterten Kalifornien schwierig, sich gegen Kindle und iPad auf Dauer mit gedruckten Büchern bei den Lesern zu halten?

Los ging's heute in Berkeley, meiner ersten Station. Jetlagbedingt war ich natürlich viel zu früh auf den Beinen und hatte daher Gelegenheit, noch auf den Campanile auf dem Gelände der renommierten University of California zu steigen, von dem man eine großartige Aussicht auf die Bucht von San Francisco hat:

Bevor ich mit Verlegern spreche, war heute erstmal ein unabhängiger Buchladen dran:
Moe's Books
in Berkeley, seit 51 Jahren einer der wichtigsten Buchläden in der liberalen Universitätsstadt, der auch vor allem in den Sechziger Jahren einer der zentralen Punkte für alle aktuellen Themen der Studenten war, Vietnam, Hippietum, usw.

Moe's verkauft neue und gebrauchte Bücher und war der erste Laden, der für gebrauchte Bücher feste Preise zahlte und die bis dahin übliche Zahlung nach Gewicht ablöste. Und auch einige Mitarbeiter des Ladens haben literarische Karriere gemacht - so erschien etwa der erste Roman von Jonathan Lethem, als er noch hauptsächlich Bücher bei Moe's verkaufte.

 

Der Laden hat 4 Stockwerke und bietet eine endlose Auswahl, schon allein die Abteilung Poetry ist sehenswert - die Bedeutung von Lyrik ist eben gerade in der Heimat der Beats noch eine andere als in Deutschland.

Inhaberin Doris Moskowitz, die Tochter des Gründers, reagiert sehr entspannt, als ich sie nach Ihrer Sicht auf die Situation im Buchhandel frage. "In Berkeley, people love books" sagt sie, natürlich verfolge man die Entwicklung des Ebooks mit Interesse, aber sie glaube nicht, dass sich da so viel tun werde. Zumindest nicht im akademischen Umfeld Berkeleys, wo Bücher in ihrer gedruckten Form einfach viel zu essentiell seien. "Und man muss auch sagen, dass die Form Buch wirklich ziemlich perfekt ist - ohne Strom oder Internetzugang, immer verfügbar" ergänzt sie noch. Naja, bei einer Buchhändlerin hätte jede andere Aussage auch verwundert.

Interessanter ist dann doch eher die Tatsache, dass das moderne Antiquariat bei Moe's die Haupteinnahmequelle ist und sie sich deshalb leisten können, nur ausgewählte neue Bücher ins Sortiment aufzunehmen. "Die Bestseller der New York-Times-Liste gehen hier aber eben auch nicht immer gut", von manchen (z.B. der letzten Michael Jackson-Biographie) hätten sie nur 2 Stück verkauft, von außergewöhnlichen Indie-Produktionen wie etwa der wunderbaren San Francisco-Sonderausgabe der Panorama (herausgeben von Dave Eggers' Verlag McSweeney's) sind es dagegen schon mal 250 Stück (allein bei Moe's!), obwohl Panorama für eine Zeitung ziemlich teuer ist - 16 Dollar nämlich.

Im amerikanischen Buchsystem gebe es übrigens 3 Buchformen, erklärt mir Doris: Hardcover, Taschenbuch und Quality Paperback - letzteres sind in kleineren Auflagen und besserer Qualität gedruckte Taschenbücher, oft mit aufwändigerer Bindung und Klappen. Vor allem von diesen verkaufen sie bei Moe's viele, da sie einfach billiger sind als Hardcover (und Hardcover im englischen Buchmarkt sowieso längst nicht so eine Rolle spielen wie in Deutschland). Ebooks oder wenigstens eine Beratung zu Ebooks gibt es übrigens bei Moe's nicht (trotzdem macht der Laden kein Stück den Eindruck, hinterm Mond zu sein, sondern ist wirklich eine gut sortierte moderne Buchhandlung).

 

Bei Moe's also von der Digitalisierung noch nicht viel zu merken. Und auch sonst scheint in Berkeley ziemlich heile Welt - viele Einzelhändler, auch einige weitere unabhängige Buchhändler entdecke ich in der Telegraph Avenue und den umliegenden Straßen.

Zum Mittagessen gehe ich in einen der vielen um den Campus gelegenen Läden, es gibt das, was die Amerikaner Healthy Food nennen, was bei uns aber einfach frische Burger mit Pommes sind. Und auch, wenn es ein alter Hut ist, aber die Intensität, mit der die Studenten ihr beliebtestes Füllwort benutzen, ist wirklich umwerfend: "I was like so amazed, and she was, like, it's like really good."



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