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Zwei Sprachen. Zwei Übersetzer.

Interview von Roberta Schneider

 

Vom Deutschen ins Niederländische und vom Niederländischen ins Deutsche. Wir haben Roberta Schneider, die für uns aus dem Englischen übersetzt, gebeten, Gerrit Bussink (Übersetzer vom Deutschen ins Niederländische) und Andrea Kluitmann (Übersetzerin vom Niederländischen ins Deutsche) zu befragen. Robertas Idee war es, beiden die gleichen Fragen zu stellen und die Antworten gegenüberzustellen. Gesagt, getan:

 

Gerrit Bussink

(Foto: Zara Pfeiffer)

Andrea Kluitmann

(Foto: Luc Nijenhuis)


 

Als Übersetzer hat man in der Regel einen anderen Blick auf die Sprache und ihr Inventar als die meisten anderen Leute. Hat die deutsche Sprache Ihrer Meinung nach Vorteile gegenüber dem Niederländischen? Wenn ja, welche?

Gerrit: Der grosse Vorteil der deutschen Sprache besteht in der durchstrukturierten Grammatik und der übersichtlichen Syntax. Damit kann man komplizierte Gedanken und Beobachtungen sehr differenziert zum Ausdruck bringen. Dies steht im Gegensatz zum Niederländischen, wo man kaum einen Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Substantiv macht. Wie soll man da in einem komplizierteren Satz noch sagen können, ob ein Relativpronomen sich auf das vorhergehende männliche oder weibliche Substantiv bezieht …
Auch die deutschen Substativkombinationen sind eine wunderbare Erfindung, machen dem Übersetzer aber manchmal zu schaffen. Wenn man ein Substantiv dauernd mit drei oder mehr Wörtern übersetzen muss, kann man sich vorstellen, dass es sich nach einer Weile auch auf den Stil eines Textes auswirkt. Das Nadelöhr ist het oog van de naald – fünf Wörter statt zwei! Und wenn Capus in seinem beeindruckenden Roman Eine Frage der Zeit seine drei Schiffbauer alle paar Absätze über einen Trampelpfad zum Hafen laufen lässt, soll der Übersetzer ihm dann folgen und sie immer wieder het platgetrapte pad runterlatschen lassen? Nach dem ersten Mal wird dann nicht mehr getrampelt, sondern sie gehen einfach den Pfad oder Weg runter, und weg ist die schöne Trampelei …

 

Andrea: Ich gebe auch Deutschunterricht für niederländische Autoren und Verlagsleute und weiß, wie schwer die deutsche Grammatik ist, besonders die Fälle. Aber für deutsche Muttersprachler empfinde ich sie als Segen, man kann dadurch im Deutschen so schön kompakt sein. Dank des Genitivs zum Beispiel lassen sich klobige Konstruktionen mit von vermeiden, was im Niederländischen nicht geht.
Der Schnurrbart des Vaters meiner Freundin wird tatsächlich De snor van de vader van mijn vriendin. Wobei snor natürlich wieder ein recht witziges und angenehm kurzes Wort ist.


Haben Sie ein Lieblingswort im Deutschen? Mögen Sie verraten, welches es ist und was Sie daran mögen? Und im Niederländischen, haben Sie da auch ein Lieblingswort?

Gerrit: Echte Lieblinge kenne ich nicht, aber ich freue mich auf jedes Neugeborene, so wie neulich, als wieder mal tote Wale anstrandeten oder als man man in den Niederlanden im Zusammenhang mit humanem Sterben die laatstewilpil (Letzterwillepille) diskutierte.

Haben Sie ein Lieblingswort im Niederländischen? Mögen Sie verraten, welches es ist und was Sie daran mögen? Und im Deutschen, haben Sie da auch ein Lieblingswort?

Andrea: Bakkeleien (sich kabbeln, zanken) ist eines meiner Lieblingswörter. Es stammt aus dem Indonesischen (die Niederlande waren ja jahrhundertelang Kolonialmacht), wo es kämpfen bedeutet. In dieser Bedeutung wurde es anfänglich auch im Niederländischen benutzt, hat sich dann aber gewandelt.

Weidenkätzchen (Salix spec.) – bestimmt auch, weil ich sie früher immer zum Geburtstag bekommen habe und sie das Zeichen waren, dass der Winter wirklich vorbei ist.

 


Hat die niederländische Sprache Ihrer Meinung nach Vorteile gegenüber dem Deutschen? Wenn ja, welche?

Gerrit: Der Vorteil des Niederländischen ist eben doch, dass man sich in der Sprache mittels relativ unkomplizierter Formulierungen über komplizierte Sachen auslassen kann. Man wird kaum jemals einen Satz dreimal lesen müssen, um ihn inhaltlich zu ergründen. Das mögen Deutsche recht simpel finden, aber sie müssen die sprachlichen Möglichkeiten berücksichtigen. Oft frage ich mich, ob in den Übersetzungen niederländischer und flämischer Literatur diese Simpelheit auffällt.

Andrea: Im Niederländischen lassen sich viele Dinge sehr plastisch und prägnant ausdrücken. So gibt es für herumhängende und oft lautstarke Jugendliche den Begriff hangjongeren, ein Tischstaubsauger heißt Krümeldieb (kruimeldief), übrigens auch eine Bezeichnung für Diebe, die im Kleinen stehlen. Ein französisches Bett (100-120 cm breit), dessen Besitzer sich wohl nicht zwischen Einzel- und Doppelbett entscheiden kann, wird twijfelaar, also Zweifler genannt. Auch mit Verben funktioniert das, nach dem Essen noch am Tisch sitzen bleiben heißt so schön natafelen, wenn man sein Studium beendet hat, ist man afgestudeerd und bijbenen (wörtlich: beibeinen) bedeutet Schritt halten.

 


Als Übersetzer stößt man ja immer mal wieder auf Wörter, die in der Muttersprache fehlen. Oft lassen sie sich durch ein bedeutungsähnliches Wort ersetzen, aber manchmal fehlt doch ein Stückchen Bedeutung, das man dann nur durch Umschreibung hereinbekommen kann – wenn man sich nicht entschließt, darauf zu verzichten.

Welche Wörter, die es im Deutschen gibt, vermissen Sie im Niederländischen?

Welche Wörter, die es im Niederländischen gibt, vermissen Sie im Deutschen?


Gerrit: Man müsste während eines Übersetzungsprojekts einmal eine Liste anlegen mit solchen Beispielen. Leider kann ich mit einer solchen (noch) nicht dienen, aber es gibt viele Beispiele. Wenn man darauf stößt, umschreibt man eben, oder manchmal tut ein unauffälliges ergänzendes Adjektiv (links, rechts, hell, dunkel, jung alt, was weiss ich…) es auch. Da ist dann wirklich das Talent des Übersetzers gefragt.

Andrea: Das Wort meevallen, das ich im Niederländischen oft benutze. Es bedeutet, dass etwas schon so geht, so lala ist, halb so schlimm ist, nicht so schlimm werden wird, schon schiefgehen wird oder auch gar nicht so übel ist.
Ferner fehlt mir die Abschlussformel liefs, die für mich einen anderen Gefühlswert hat als Liebe Grüße oder etwa Alles Liebe, das wird gleich wieder so viel.
Auch nach einem einfachen deutschen Wort für bak, das je nach Kontext Behälter, Kübel, Kasten, Dose, Gefäß, Kiste und bestimmt noch mehr sein kann, sehne ich mich mitunter.
Oh, und auch die Diminutiv-Endung –tje und ihre Häufigkeit fehlen mir, das hätte ich eigentlich nicht gedacht, weil sie auch schon mal lächerlich wirken kann, jedenfalls in meinen deutschen Ohren. Aber die Möglichkeit, sogar Nachnamen zu verkleinern, kann sehr liebevoll eingesetzt werden. Mir fallen de Cosseetjes ein, das sind die Amsterdamer Cossee-Verleger Eva Cossée und Christoph Buchwald, das klingt einfach sehr nett und geht im Deutschen ja überhaupt nicht. Und wenn mein Freund mich HSP-ertje nennt (von High Sensitive Person), wenn ich mich über Lärm beschwere, klingt das auch nicht schlimm.

 


 

Wenn man mehrere Stunden am Stück übersetzt, ist man sich manchmal seiner eigenen Sprache nicht mehr sicher. Mir geht das jedenfalls so – ich frage dann manchmal jemanden (oder etwas, also ein Buch oder das Internet): Kann man das und das auf Deutsch so sagen? Ich könnte mir vorstellen, dass der Umstand, dass das Deutsche und das Niederländische sich relativ ähnlich sind, die Arbeit eines Übersetzers zwischen den beiden Sprachen nicht unbedingt erleichtert. Da gibt es doch sicher viele falsche Freunde und Redewendungen, die dazu verführen, sie allzu wörtlich zu übersetzen (der Anglizismus Sinn machen für Sinn ergeben hat es immerhin schon in den Duden geschafft – und trotzdem sollte man weiterhin make friends nicht mit Freunde machen und make sure nicht mit sicher machen übersetzen.) Wie ist das? Gerät man da leicht auf’s Glatteis?

Gerrit: Die Nähe der beiden Sprachen drückt sich ja nicht nur in einzelnen Vokabeln und Ausdrücken aus, sondern viel mehr noch in den sich ähnelnden Satzstrukturen. Man kann sie mehr oder weniger buchstäblich übernehmen, ohne dass sich grammatikalische oder syntaktische Fehler feststellen lassen. Trotzdem entsteht in der Summierung so eventuell ein Text, der deutsch riecht, wie Übersetzer untereinander manchmal sagen. Einfaches Beispiel: im Deutschen mag man Sätze gerne mit einem Nebensatz anfangen. Dass er mich gestern gesehen hat, ist gelogen kann man buchstäblich übersetzen: Dat hij me gisteren heeft gezien, is gelogen. Nicht schön, aber ok. Normal wäre aber, zu sagen: Hij liegt dat hij me gisteren heeft gezien. Häufen sich aber solche Beispiele buchstäblicher Übernahmen, dann steigt langsam der deutsche Geruch auf …
Falsche Freunde gibt es natürlich auch. Kein großes Problem, man muss sich nur auskennen. Ratlos ist im deutschen eher hilflos, radeloos im Niederländischen eher verzweifelt. Irritiert im Deutschen eher verwirrt und geïrritieerd im Niederlandischen eher verärgert – usw usf.

Andrea: Ich fahre jeden Tag über einen riesigen zugefrorenen See! Die falschen Freunde/Interferenzen liegen immer auf der Lauer. Ich schlage viel nach und versuche grundsätzlich, Texte eine Weile liegen lassen zu können, am nächsten Tag oder gar in der nächsten Woche habe ich Abstand gewonnen und kann ganz anders formulieren. Übrigens geht das den Verfassern der Texte ja auch so, und das weiß auch jeder, der professionell Texte schreibt. Deshalb regt mich oft so auf, dass Kunden – also Auftraggeber von Sachtexten - nicht verstehen (oder ihre Planung nicht so hinbekommen), dass ein Übersetzer Zeit braucht. Da wird endlos an den Originalen herumgefeilt, und der Übersetzer bekommt den Text dann kurz vor knapp, und kann dadurch nur alles auf den letzten Drücker herunternudeln. Dabei ist der übersetzte Text in vielen Fällen doch der Einzige, der von der Zielgruppe gelesen wird, das ist der Text, um den es geht.
Meine Freundin und Kollegin Verena Kiefer und ich lesen und korrigieren unsere Buchübersetzungen gegenseitig, das ist eine ideale Form des Lernens und der Qualitätssicherung, die zudem auch noch Spaß macht.
Da ich in den Niederlanden wohne, bin ich natürlich besonders gefährdet und habe ein erstklassiges Alibi, mir jeden Tag deutsche Kultursendungen im Radio anzuhören, aber auch Lindenstraße und natürlich jeden Sonntag Tatort zu schauen.

 


Was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit als Übersetzer?

Gerrit: Die Freiheit, wann immer, wo immer arbeiten zu können und die Herausforderung, wie die Schauspieler und die Musiker eine kreative Vorgabe perfekt (und auch – aber anders -  kreativ!) zu übersetzen.

Andrea: Die stille Tätigkeit, bei der ich ganz in mich gekehrt bin. Ich sitze zu Hause (oder wo auch immer) bei einer Tasse Tee und lebe nur mit den Menschen in meinen Texten. Immer wieder tun sich ganz andere Welten vor mir auf, ich empfinde das als großen Genuss. Meine Arbeit ist mit Flow verbunden, meist kann ich ganz abtauchen und die Zeit vergeht ohne mich.

 


Gibt es auch etwas, das Sie an Ihrer Arbeit als Übersetzer nicht mögen? Was?

Gerrit: Mich irriteert oft, dass ich mich nach der ersten Fassung (von meistens vier oder fünf) einer Übersetzungsarbeit nurmehr mit meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten auseinandersetzen muss. Den Genuss gibt es dann beim Lesen der Fahnen. Man muss bei meiner Arbeitsmethode (eine erste Diktatfassung immer wieder überarbeiten) schon einen geringen masochistischen Zug haben, um diese Arbeit zu machen …

Andrea: Ich muss sehr viel übersetzen, um mich als Freiberuflerin über Wasser zu halten und sitze daher viel zu viel am Schreibtisch. Es wäre wunderbar, ins Niederländische übersetzen zu können, das Leben eines niederländischen Literaturübersetzers ist eine ganze Ecke leichter, konkret gesagt so ziemlich genau um die Hälfte leichter: Zwar zahlen niederländische Verlage nur 6,4 Cent pro Wort, aber der  Nederlands Letterenfonds gibt oft nochmal 10 Cent pro Wort hinzu (und für besonders schwierige Texte noch mal 30% extra). Meine deutschen Verlage zahlen umgerechnet einen Wortpreis zwischen 7 und 8 Cent und Übersetzungsstipendien sind im dt. Sprachraum viel seltener und auch bescheidener im Umfang. 
Meine Literaturübersetzungen muss ich mir gerade leisten können, sie also querfinanzieren. Und nun ist es überhaupt nicht so, dass ich keine anderen Texte übersetzen mag und meine Deutschlerner liebe ich, aber ich arbeite so ziemlich immer und vernachlässige Familie und alte Freunde. Besonders das Letzte finde ich oft richtig schlimm.

 


Welche Übersetzungsarbeit hat Ihnen bislang am meisten Spaß gemacht und warum?

Gerrit: Ha! Das verrate ich nicht.

Andrea: Ich merke, dass ich die Neigung habe, die Übersetzung zu nennen, an der ich gerade arbeite, nämlich ein großartiges Kinderbuch von Anna Woltz mit dem Titel Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte. Ihr Ton liegt mir sehr, es ist ganz leichtfüßige Arbeit, die wunderbar von der Hand geht. Aber auch meine vorletzte Übersetzung Das indonesische Geheimnis der klassischen Autorin Hella S. Haasse war toll. Ich habe gemeinsam mit Birgit Erdmann übersetzt und wir haben sehr gut zusammengearbeitet, mit Endspurt in einem Dorf in Österreich, zwischen glücklichen Kühen und jungen Katzen.
Zusammenarbeit bedeutet mir viel, ich genieße es auch sehr, mit guten Lektorinnen zu arbeiten, die noch mal völlig anders auf den Text gucken können als ich als Übersetzerin, die beider Sprachen mächtig ist und zudem monatelang in dem Buch gelebt und allein schon aus diesem Grund einen anderen Blick hat. Ich mag den Austausch, das nochmalige Feilen, die geteilte Freude (und manchmal auch das geteilte Leid).
Sehr gerne übersetze ich auch Drehbücher und Theaterstücke, das Besondere daran ist, dass man eben keinen fertigen Text liefert, sondern eine Art Grundlage, die dann in ein ganz anderes Kunstwerk einfließt.

 


Gibt es eine Frage, die Sie als Übersetzer schon immer gestellt bekommen wollten, aber noch nie zu hören bekommen haben? Mögen Sie sie verraten und vielleicht sogar beantworten?

Gerrit: Die gibt es eigentlich nicht. Ich weiss aber genau, welche Frage ich nie gestellt bekommen möchte: Wann hörst du endlich auf!

Andrea: Also, vielleicht: Übersetzer werden in der Öffentlichkeit nicht unbedingt als die wichtigen Spieler auf dem Literaturmarkt wahrgenommen, die sie sind, sie werden mies bezahlt und oft vergessen. Auch du klagst ja ein wenig in diesem Interview.
Würdest du diesen Beruf denn noch mal ergreifen, wenn du neu anfangen könntest?
Ja!


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Roberta Schneider

hat für mairisch u.a. Der Kanal von Lee Rourke sowie Texte für Die Philosophie des Radfahrens, Laufens und Kletterns übersetzt.

 

 

 


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