Wer spricht was wo? - Michiel Scharpé über Flandern, Sprachgrenzen und Pintje

Von Peter Reichenbach

 

"Die zwei Hauptsprachen sind Niederländisch und Französisch. Meine Geschichte will es, dass ich kein Niederländisch spreche. Ich habe ein wenig das Gefühl, in einer Stadt oder einem Land zu sein, dessen Sprache ich nicht verstehe, und das trotzdem mein Land ist. Das ist sehr paradox. Aber für einen Schriftsteller ist es sehr interessant, von einer fremden Sprache umgeben zu sein." (Der Französisch sprechende belgische Autor Jean-Philippe Toussaint in der Fernsehdokumentation "Europa und seine Schriftsteller - Belgien.")

Gastland der Frankfurter Buchmesse 2016 sind die Niederlande – und Flandern. Flandern? Richtig, auch der nördliche Teil Belgiens, Flandern, ist Teil des Gastlandauftrittes, weil dort bekanntermaßen ebenfalls Niederländisch gesprochen wird. 60% der Belgier, also der überwiegende Teil der Bevölkerung, sprechen Niederländisch, während 40% Französisch sprechen (Quelle). Belgien ist also nicht im eigentlichen Sinne zweisprachig, es ist vielmehr so, dass es zwei Landesteile gibt, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden.

 

Weil es in unserem Blog in den nächsten Wochen ja um Literatur gehen soll, interessiert uns die Sprache natürlich umso mehr. Jemand, der wissen sollte, wie Literatur in einem Land mit zwei Sprachen funktioniert, ist Michiel Scharpé vom flämischen Literaturfonds. Ich habe Michiel und seine Mitarbeiter im letzten Jahr in Antwerpen kennengelernt, und war begeistert von ihrem Wissen und auch von ihrem Charme, mit dem sie über Literatur sprechen können. Immer sehr emotional und sehr begeisterungsfähig.

 

Michiel Scharpé (*1979) studierte Literatur und Philosophie an der Universität von Leuven. Die letzten 10 Jahre arbeitete er für den Flemish Literature Fund in verschiedenen Funktionen. Einer seiner aktuellen Aufgaben ist es, Literatur aus Flandern im Ausland zu promoten.

 

Michiel Scharpé (c) Barbara den Ouden
Michiel Scharpé (c) Barbara den Ouden

PETER: Michiel, mein Lieblingscafé in Antwerpen ist De Duifkens, in dem wir beide auch schon gemeinsam waren. Deshalb, um das mit den Sprachen nochmal etwas besser zu verstehen: Wenn ich im De Duifkens auf Niederländisch ein belgisches Bier bestelle, dann bekomme ich natürlich eines. Und auf Englisch auch, das habe ich selbst schon ausprobiert. Was passiert, wenn ich es auf Französisch bestelle?

 

MICHIEL: Ha, du wirst natürlich auch ein Bier bekommen, wenn du es auf Französisch bestellst. Die meisten Leute in Flandern können zumindest ein wenig Französisch. Und wenn sie merken, dass du eine andere Sprache sprichst, werden sie versuchen, dich zu verstehen und ihr werdet eine gemeinsame Sprache finden, um euch zu verständigen. Ganz abgesehen davon war Antwerpen schon immer eine sehr international ausgerichtete (Hafen-)Stadt, die auch heute noch von vielen Touristen besucht wird. Ich würde wetten, dass du dein Bier sogar auf Deutsch bestellen könntest.

Quelle: Ministerie van de Vlaamse Gemeenschap (via Uni Münster)
Quelle: Ministerie van de Vlaamse Gemeenschap (via Uni Münster)

PETER: Und wie ist das im französischen Teil, sagen wir, in Mons?

 

MICHIEL: Ich schätze, dass kaum jemand aus Flandern im Französisch sprechenden Teil Belgiens Bier auf Niederländisch bestellen würde, also etwa in Mons. Ich selbst würde automatisch versuchen, französisch zu sprechen. Ein paar Kellner würden dich wahrscheinlich trotzdem verstehen, aber sicherlich nicht jeder. Das scheint sich gerade aber zu ändern. In Liège (Lütich) zum Beispiel, der zweitgrößten Stadt im französischsprachigen Teil Belgiens, verstehen immer mehr Kellner Niederländisch. Das liegt natürlich auch an der Nähe zu den Niederlanden, Maastricht ist gerade mal 35km entfernt.

 

PETER: Und in Brüssel?

 

MICHIEL: Brüssel ist ein Sonderfall. Brüssel liegt bekanntlich in der Mitte des Landes und ist offiziell zweisprachig.Aber natürlich sind einige Brüsseler französischsprachig und andere sprechen Niederländisch. Aber selbst dort werden dich die französischsprachigen Kellner verstehen, wenn du ein „Pintje“ bestellst.

 

PETER: Gibt es denn Anreize, beide Sprachen zu lernen? Wie ist das zum Beispiel in der Schule, müssen flämische Schüler beide Sprachen lernen?

 

MICHIEL: Ja. In der der Schule mussten wir Französisch lernen, das begann schon in der Grundschule und ging bis zur letzten Stufe. Aber obwohl Französisch länger auf dem Stundenplan stand als Englisch, sprechen die meisten Flamen meiner Generation Englisch besser als Französisch. Das liegt vor allem daran, dass wir weitaus mehr englischsprachige Medien, Kultur, Filme (die in Flandern im Original mit Untertiteln laufen) und Musik konsumieren als französische. Im französischen Teil Belgiens können die Schüler wählen, ob sie Niederländisch lernen, da es kein Pflichtfach ist.

 

Niederländisch war nicht immer die Amtssprache von Flandern.Vielmehr ist das das Ergebnis eines langen emanzipatorischen Prozesses. Französisch war für lange Zeit die Sprache der Eliten und der Oberschicht, auch in Flandern. Der bislang einzige belgische Gewinner des Literaturnobelpreises (1911) ist Maurice Maeterlinck, der aus Gent in Flandern stammte, dort aber in einer Französisch sprechenden Umgebung aufwuchs und entsprechend auch sein literarisches Werk auf Französisch verfasste.

 

PETER: Gibt es eigentlich ein belgisches und ein niederländisches Niederländisch?

 

MICHIEL: Diese Frage wird uns oft gestellt und führt immer wieder zu Missverständnissen, auch unter ausländischen Verlegern. Das Niederländisch Belgiens und das Niederländisch der Niederlande sind ein und dieselbe Sprache. Es ist die gleiche Grammatik, es gibt sozusagen nur ein Wörterbuch. Die Ausgabe eines Buches ist die gleiche für beide Länder, es gibt also NIEMALS zwei Ausgaben, in denen die Sprache angepasst würde. Also nicht so wie das zum Beispiel bei Portugal und Brasilien oder selbst UK und USA der Fall sein mag. Ein professioneller Übersetzer kann sowohl Bücher aus den Niederlanden als auch aus Flandern übersetzen. Aber: Es gibt natürlich Wörter und Ausdrücke, die typisch sind für bestimmte Landesteile. Und so gut wie jeder Muttersprachler wird sofort erkennen können, ob jemand aus Flandern oder den Niederlanden kommt.

 

 PETER: Ich verstehe. Es ist also vergleichbar mit Österreich und Deutschland. Man hört den Unterschied, es ist aber die gleiche Sprache.

 

MICHIEL: Gerade ist ein interessanter Roman erschienen, der die flämisch-niederländischen Unterschiede (auch auf sprachlicher Ebene) zum Thema hat. The Belgian Marriage von Marc Reugebrink, ein ehemaliger niederländischer Autor, der „konvertiert“ ist und jetzt in Gent lebt. Leider wurde der Roman bislang nicht übersetzt.

 

PETER: Und noch einmal technisch gesprochen, Bücher belgischer Autoren werden von Verlagen aus den Niederlanden oder Belgien veröffentlicht? Und gibt es dann automatisch auch eine französische Übersetzung für Französisch sprechende Belgier?

 

MICHIEL: Flandern und Niederlande sind ein und derselbe Buchmarkt, vergleichbar mit dem Französisch sprechenden Teil von Belgien und Frankreich. Es gibt also flämische Autoren, die bei niederländischen Verlagen erscheinen und andersherum genauso (auch wenn das seltener der Fall ist). Das bedeutet auch, dass Bücher flämischer Autoren nicht automatisch von einem französischen Verlag für den Süden Belgiens veröffentlicht werden. Es gelten hier einfach die Regeln das Marktes: Es muss sich ein Verlag der jeweiligen Sprache finden, der Interesse daran hat, ein Buch übersetzen zu lassen und es zu veröffentlichen. Und da macht es keinen Unterschied, ob die Sprache, in die es übersetzt werden soll, Französisch oder, sagen wir, Japanisch ist. Dazu kommt, dass die meisten Entscheidungen bezüglich Veröffentlichungen in Frankreich getroffen werden und nicht in Belgien.

 

Ein Beispiel: Einer der beliebtesten Prosaautoren in Flandern und den Niederlanden ist Tom Lanoye. Hier veröffentlicht er seine Bücher seit den Achtzigern, aber in Frankreich erscheinen sie erst seit 2011, publiziert von einem Verlag in Paris. Das führte zu der skurrilen Situation, dass sein Bestseller aus dem Jahr 1991 Kartonnen dozen (in Deutschland unter dem Titel Pappschachteln erschienen) Platz eins der Bestsellerliste im Französisch sprechenden Teil Belgiens einnahm – allerdings im Jahr 2013! Der letzte Roman aus Flandern, der das geschafft hat, war Mitte der Achtziger Hugo Claus’ Der Kummer von Belgien.

PETER: Und Jean-Philippe Toussaint zum Beispiel erscheint auf Französisch und auf Niederländisch?

 

MICHIEL: Jean-Philippe Toussaint wird auf Niederländisch veröffentlicht, aber nicht unbedingt, weil er Belgier ist. In Frankreich wird er von einem Verlag in Paris veröffentlicht und auf Niederländisch von einem Verlag in Amsterdam, übrigens der gleiche wie der von Tom Lanoye.

 

Grundsätzlich würde ich sagen, dass es viele Französisch sprechende Autoren aus Belgien gibt, die in Flandern besonders bekannt sind. Zu nennen wären Jean-Philippe Toussaint, Amélie Nothomb und vielleicht ein paar weitere, aber es gibt auch eine Reihe niederländischer Autoren, die ebenfalls in der Schule besprochen werden.

 

PETER: Gibt es Elemente, die Literatur aus Flandern besonders auszeichnet, vor allem im Vergleich zur Literatur aus den Niederlanden?

 

MICHIEL: Auch diese Frage wird uns häufig gestellt. Wie du weißt, ist es immer schwer, verallgemeinernde Aussagen über die Literatur eines ganzen Landes zu treffen. Es handelt sich schließlich immer um ganz indiduelle Bücher, die in ihrer Gesamtheit eine große Vielfalt repräsentieren. Oft wird gesagt, dass Flandern in seiner Geschichte häufig von fremden Mächten beherrscht wurde und wir es deshalb gewohnt sind, über Grenzen hinauszusehen und wir offen für neue Einflüsse sind. Autoren aus Flandern kennen ihre Vorgänger, lassen sich aber nicht von ihnen dominieren.

 

In dem berüchtigten Artikel aus dem Jahr 2006 „Die Belgier sind besser“, schreibt der Niederländische Kritiker Arjen Fortuin, dass zu Beginn des Millenniums eine ganze Generation von neuen, talentierten und vielversprechenden Autoren aus Flandern emporgekommen ist. Er sah zwei charakteristische Merkmale, die diese Autoren verband: ein großes Gespür für Sprache und Stil und eine einzigartige, kompromisslose Art zu schreiben.

 

Es gibt aber auch kulturelle und historische Unterschiede zwischen den Regionen, die sich in der Themenwahl und dem Setting der Bücher wiederfinden. Zum Beispiel: Die Niederlande sind vor allem protestantisch geprägt, Flandern hingegen katholisch. In den Niederlanden sind weitaus mehr Romane über den zweiten Weltkrieg erschienen (hier wurde von Nazi-Deutschland eine Zivilverwaltung eingesetzt, in Belgien eine Militärverwaltung), während in Flandern der Erste Weltkrieg das größere Thema ist (die Niederlande verhielten sich neutral, während durch Flandern die Frontlinie verlief). Vergleiche dazu auch unsere Broschüre, in der zeitgenössischer Titel über den Ersten Weltkrieg vorgestellt werden. Eine ganze Reihe davon wurden auch bereits ins Deutsche übertragen.

 

PETER: Für den Schwerpunkt der Buchmesse werden viele Bücher aus Flandern in Deutschland erscheinen. Welche dieser Bücher sollten deutsche Leser auf gar keinen Fall verpassen?

 

MICHIEL: Peter, was für eine schreckliche Frage, natürlich darf keines davon verpasst werden! Und ich lüge wirklich nicht. Ich habe beinah mit allen deutschen Verlegern gesprochen, die Bücher aus Flandern veröffentlichen werden. Mein Eindruck war, dass alle sehr wählerisch waren, genau überlegt haben und wirklich nur Titel veröffentlichen, an die sie wirklich glauben.

 

Besonders interessant finde ich, dass wir, im Vergleich zu 1993, als wir das erste Mal das Schwerpunktland der Buchmesse waren, eine ganz neue Riege Autoren und deren Bücher präsentieren werden. Unser Programm für den Schwerpunkt startet auch schon im März, zur lit.Cologne und der Leipziger Buchmesse. Zwei vielfach ausgezeichnete Autoren aus Flandern, die hier sehr bekannt sind, werden dort ihre Bücher erstmals in der deutschen Übersetzung präsentieren. Saskia de Coster - Wir und ich (Tropen), ein ironischer Gesellschaftsroman über eine verkorkste Familie, und Yves Petry - In Paradisum (Luftschacht), ein Roman der mit einem bizarren Fall von Mord und Kannibalismus beginnt, aber eine tiefgründige literarische Geschichte erzählt. Aber natürlich konzentrieren wir uns nicht nur auf Prosa. Es wird großen Wert auf Lyrik, Sachbuch, Kinder- und Jugendliteratur gelegt und auch Graphic-Novels werden eine Rolle spielen. Olivier Schrauwen (der übrigens in Berlin lebt) ist ein weltklasse Graphic-Novel-Autor, hoch gelobt von Art Spiegelman. Seine Graphic Novel Arsène Schrauwen (Reprodukt) ist wirklich ein beeindruckendes Buch, das auch im März vorgestellt wird.

 

Dies können natürlich nur Beispiele sein, es ist so schwer, nur einige der vielen Titel zu nennen, die 2016 erscheinen werden. Was es noch schwerer macht, man könnte genau so viele Autoren aus den Niederlanden nennen! Das Ehrengast-Team kommuniziert jetzt schon Neuerscheinungen und Veranstaltungen auf unseren Facebook- und Twitter-Seiten und bald auch auf der Webseite, sie wird eine große, lebendige Quelle an Informationen sein.

 

 

PETER: Und magst du mir zum Abschluss noch ein paar Klassiker nennen?

 

MICHIEL: Wenn du nach Prosa aus Flandern fragst: Als Die großen Drei werden in der Regel Hugo Claus, Louis Paul Boon und Willem Elsschot bezeichnet. Und ich bin froh, dass es für alle drei Neuübersetzungen geben wird, die dieses Jahr in Deutschland erscheinen werden. Hugo Claus‘ Opus magnum "Der Kummer von Belgien" (Klett-Cotta) hatte ich bereits erwähnt. Das am häufigsten übersetzte Buch aus Flandern ist Willem Elsschot’s herrliche Novelle Käse von 1933, die im April von Aufbau neu aufgelegt werden wird. Der Alexander Verlag in Berlin hat bereits im letzten Jahr Bücher von Louis Paul Boon veröffentlicht. In diesem Jahr veröffentlichen sie Mieke Maaike’s obscene jeugd (1972), das bisher noch nicht in Übersetzung vorlag. Es ist eine Parodie auf pornographische Novellen und ich bin sehr gespannt darauf, wie deutsche Leser darauf reagieren werden!

 

Es gibt natürlich weitaus mehr Klassiker zu entdecken. Im letzten Jahr haben wir zwei Broschüren namens Bookshelf Essentials“ veröffentlicht, die eine über interessante Klassiker aus Flandern (Flemish classical novels), und die andere über zeitgenössische Klassiker (Contemporary classics). Aktuell arbeiten wir an einer zur Kinderliteratur.

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Martina Fischer (Freitag, 12 Februar 2016 11:07)

    Lieber Mairisch Verlag, danke für den interessanten Artikel, ABER: Herr Scharpé ist vom FLÄMISCHEN Literaturfonds, nicht vom belgischen ... es ging doch u.a. genau um die sprachliche Zweiteilung! Viele Grüße!

  • #2

    mairisch (Freitag, 12 Februar 2016 17:11)

    Liebe Martina, danke, sehr gut aufgepasst - haben wir gleich mal korrigiert! :-)

  • #3

    budjonny (Samstag, 13 Februar 2016 18:55)

    ...Fein, ich verfolge das Blog mit Freude... Allerdings fehlt oben die Erwähnung, dass es ausserdem auch den Deutschsprachigen Bereich um Eupen, im Osten Belgiens gibt.... Zur Verdeutlichung der Sprachverwirrung: Auffällig ist das dann auf den ersten Bahnhöfen in Belgien, Richtung Brüssel... Die Zugansagen finden, sage und schreibe, viersprachig statt. Ein Genuss: Next train to Liège, Luik, Lüttich, platform cinq, vijf, fünf, alst uw belieft...